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Full text of "Morphologische Untersuchungen auf dem Gebiete der indogermanischen Sprachen"

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Morphologische  üiitersiichmigen 


auf  dem  Gebiete 


der 


indogerinaiiischeii  Sprachen 


Von 


Dr.  Hermann  Ostboff 

ord.  Professor  der  vergleichenden  Sprachwissenschaft  und  des  Sanskrit 
an  der  Universität  Heidelberg 

und 


Dr.  Karl  Brugman 


Docenten  der  vergleichenden  Sprachwissenschaft  und  des  Sanskrit  an  der 
Universität  Leipzig 


Vierter  Theil 


Leipzig- 
Verlag  von  S.  Hirzel 
1881. 


^,oV.>'Mr,., 


Vorwort. 

Der  leser  empfängt  meine  nachstehende  arbeit  über  „die 
tiefstufe  im  indogermanischen  vocalismus "  als  ersatz  für  die 
im  Vorwort  zum  ersten  teile  angekündigte  abhandlung  „  über 
den  bau  des  indogermanischen  Wortes  in  beziehung  auf  den 
vocalablaut ".  Seit  dem  sommersemester  1877  in  meinen  Vor- 
lesungen auf  dem  boden  der  neuen  von  XeiTt-^  ald^-  zu  luc-^ 
i&-  herabsteigenden  vocallehre  stehend,  beabsichtigte  ich, 
alsbald  den  fachgenossen  meine  theorie  vorzulegen,  wurde 
aber  an  der  ausarbeitung  dadurch  gehindert,  dass  ich  lange 
zeit  nicht  über  die  Stellung  der  monophthongischen  längen 
indog.  <,  ü  zu  tj  ü  einerseits  und  zu  e/,  eu  (aij  au),  ander- 
seits ins  klare  kommen  konnte.  Ohne  eine  sichere  einreihung 
der  7,  ü  in  das  vocalsystem  war,  wie  ich  mir  sagte,  auch 
kein  endgiltiges  urteil  über  das  gegenseitige  Verhältnis  der 
stufen  t'/,  eil  und  i,  ü  möglich.  Mittlerweile  erschienen  die 
bekannten  arbeiten  von  Fick,  Kluge,  Paul  und  de  Saussure, 
welche  im  wesentlichen  das  auch  von '  mir  gefundene  ent- 
hielten. Aber  jene  lücke  betreffs  der  «,  n  füllten  auch  diese 
grundlegenden  Untersuchungen  nicht  oder  nur  ungenügend 
aus.  So  richtete  ich  hinfort  mein  augenmerk  auf  umfassende 
materialsam mluugen  über  das  vorkommen  von  indog.  <,  m, 
um  auf  grund  derselben  die  Stellung  dieser  längen  im  voca- 
lismus bestimmen  zu  können.    Das  resultat  meiner  beobach- 


—    .IV     — 

tuDgen  wird,  wenn  es  richtig  ist,  geeignet  sein,  überhaupt 
die  neue  vocallehre  auf  eine  veränderte  grundlage  zu  stellen. 

Wie  sich  die  zwiefache  form  der  „tiefstufe"  bei 
anderen  wurzeln  als  solchen,  die  /,  w  enthalten,  grundsprach- 
lich und  einzelsprächlich  darstellt,  wird  in  der  fortsetzung 
meiner  abhandlung  im  fünften  teile  der  „morphologischen 
Untersuchungen"  zu  zeigen  sein.    Also 

1)  das  Verhältnis  von  /*,  /,  m,  n  vor  consonanten  zu  f,  /, 
^,  n  und  das  ihm  parallele  von  rr,  //,  mm^  nn  vor  sonanten 
zu  r,  /,  m,  n.  Unter  berücksichtigung  dessen,  was  bereits 
de  Saussure  syst,  primit.  §  14.  s.  239—275.  über  die  langen 
liquidae  und  nasales  sonantes  ermittelt  hat,  kann  sich  der 
leser  nun  schon  selbst  sagen,  dass  ich  als  indogermanische 
satzdoubletten  hinstelle :  wie  die  s.  7^  ff.  aufgeführten  -^ö-par- 
ticipia  mit  t,  ü  und  /,  m,  so  indog.  stf-tö-s  =  griech.  gtqio- 
-To-gj  lat.  strU-tu-s  und  sir-tö-s  =  sanskr.  str-td-s^  griech. 
GTQa-To-g ;  wie  die  s.  1 1 5  ff.  besprochenen  -??o-bildungen  mit 
?,  ü  und  ^,  üj  so  indog.  g^f-nö-m  =  sanskr.  jir-nd-m^  lat. 
grU-nu-m  und  g^r-nö-m  =  abulg.  zin-no :,  lit.  '^ zir-na-  in 
iw-n^i-s  m.  'erbse^*,  got.  kaur-n^  so  ferner  indog.  pl-nö-s 
=  sanskr.  für-nd-s^  altir.  Id-n  und  pl-nö-s  ==  avest.  pere-nö^ 
abul^.  pU-niiy  lit.  pil-na-Sy  got.  ful-l-s.  Wie  griech.  /Iv-d^i 
TAX  sanskr.  ved.  cru-dhi  (s.  54.),  so  steht  griech.  ßä-S^i  "^geh"* 
{ßrj-d^i)  aus  indog.  g^ifi-dhi  zu  ved.  ga-dhi  {ga-lii)^  avest. 
ja-idhi  aus  g-77i-dhi.  Überhaupt  wird  durch  die  lange  na- 
salis  sonans  die  form  gä-^  ßä-  in  sanskr.  d-gä-m,  griech. 
£-ßri-v  als  besondere  wurzel  beseitigt  und  kommt  mit  indog. 
g^eni'  zusammen:  d-gä-m,  e-ßiq-v  ist  aorist  von  g'^em-^  wie 
sanskr.  d-hhü-s^  d-bhü-t^  griech.  e-cfv-v  von  bheu-  (vergl. 
s.  54 f.  388  ff.);  in  den  wurzelschwachen  formen  des  duals  und 
plurals  act.  war  sanskr.  a,  griech.  ä  =  indog.  m  anfänglich 
zu  hause,  und  homer.  ßr^-rriv  und  ßa-T)]Vj  sanskr.  ved.  gä-td 


R 


und  (ja-td  stehen  in  dem  Verhältnis  uralter  doppelformen. 
Dass  in  den  deutschen  partieipien  ge-hor-en^  ge-stohl-e?i,  ije- 
-nomm-en  (vergl.  s.  373  ff.)  trotz  des  durch  die  äussere  laut- 
ähnlichkeit  bewirkten  gleichen  arrangements  im  Systeme  doch 
eine  andere,  stärkere  wurzelstufe  verallgemeinert  vorliegt, 
als  in  (je-worf-en^  ge-holf-en,  ge-hroch-en^  wird  man  gut  tun, 
sich  jetzt  ebenso  gegenwärtig  zu  halten,  wie  die  gleiche  tat- 
sache  bei  got.  kij-an-s  gegenüber  stig-ans  (s.  368.  373.). 

2)  In  wurzeln  (oder  allgemeiner  silben)  ohne  Sonorlaut 
und  mit  kurzem  vocal  auf  der  „ mittelstufe ",  z.  b.  e^-'^sein', 
pet-  'fallen,  fliegen"*,  ped-  'fuss',  aber  auch  ag^-  ^'agere'  fällt 
die  stärkere  („nebentonige")  tiefstufenform  mit  der  mittel- 
oder  normalstufe  äusserlich  zusammen.  Z.  b.  got.  gib-  in 
gib-an-s  partic.  mit  gib-  in  gib-a  praes.,  abulg.  pek-  in  pec-enü 
partic.  mit  pek-  in  pek-a^  praes.;  griech.  «/-  in  «x-to-^\ 
hc-a-A-^TJo-Q  partic,  anord.  ak-  in  ek-in-n  aus  *ak-in-n  partic. 
ipit  griech.  «/-  in  ay-to  praes.,  anord.  ak-  in  ak-a  infin. 
praes.  Der  kurze  «-vocal  («,  e,  o\  der  sich  an  sonore  laute 
in  derselben  silbe  assimiliert,  wodurc*h  7,  ?7,  f,  {^  m^  n  ent- 
stehen, hat  bei  der  abwesenheit  von  sonoren  dazu  keine  ge- 
legenheit  und  fällt  nur  auf  der  stufe  der  nebentonigkeit  noch 
nicht  aus.  Griech.  (pO^-ovo-g  ist  nach  s.  374  f.  ein  Vertreter 
des  im  germanischen  neben  gib-an-s ,  ek-in-n  weggefallenen 
Seitentypus.  In  den  -<</- partieipien  wie  sanskr.  spash-tä-s, 
griech.  OY.e7t-T6-g,  lat.  spec-tii-s  und  sanskr.  sat-tä-s  ^  avest. 
pasu-shas-to  m.,  ni-shas-ta  f.,  lat.  ob-sessu-s,  anord.  sess  m., 
in  -^e/-bildungen  wie  sanskr.  pak-ti-Sj  griech.  7cixpi-g^  wo 
nach  vulgatem  raisonnement  über  „  sprechbarkeit "  und  „  nicht- 
sprechbarkeit "  der  Wörter  das  wurzelhafte  e  nicht  ausfallen 
konnte  (Kluge  german.  conjug.  16  f.,  de  Saussure  syst,  pri- 
mit.  48.),  ist  nur  die  eine  von  indogermanischen  zwillings- 
formen  spck^to-  und  spk^tö-^  seilt 6-  und  sdtö-j  pek^- 


—     VI     — 

tei-  und  pk'^tei^-  normalisiert  worden,  und  zwar  mit  gutem 
bedacht  die  etymologisch  durchsichtiger  gebliebene,  wie  wir 
es  so  häufig  sahen,  zugleich  die  mit  der  wurzelbetonten  para- 
digmenstammform  (nom.  sing,  spek^ -to-s^  sed-to-s^  pek-- 
-ti-s,  vergl.  s.  93  ff.  106  ff.  284.)  zusammengefallene.  Die 
vermeintlich  unsprechbaren  sdlö-^  pk^tel-  würde  sich  die 
spräche,  wenn  sie  sonst  keine  rettung  vor  ihnen  gehabt  hätte, 
schon  irgendwie,  etwa  durch  consonantausstossungen  und 
assimilationen  zu  s{d)tö-j  p{k^)tGi^-,  sprechbar  zu  machen 
gewusst  haben.  Eine  -we/.-bildung  wie  sanskr.  lü-ni-s  f. 
(s.  121.)  ist  got.  sm-n-s  f.  aus  indog.  sek'^-ni-s  (Sievers 
Paul-Braunes  beitr.  V  149.).  Es  sind  gen.-abl.  sing.  ped-6s 
=  sanskr.  pad-dsj  lat.  ped-is^  gen.  ]A\x\\  ped-öm  =  sanskr. 
pad-tim^  lat.  ped-iim  in  dieser  form  neben  pd-ös,  pd-oiii 
grundsprachlich  vorhanden  gewesen,  sowie  müs-ös,  iiik^-ös 
neben  müs-ös^  uik^-ös  (s.  284.).  Das  Verhältnis  von  ved. 
dj-maji-^  lat.  agme?i  :  ved.  j-mdn-  bestimmte  ich  s.  341  f.  als 
gleich  mit"  demjenigen  von  ^v\q,q\i.  y^ev-f^ia :  xv-^ict'',  durch  ein 
sanskr.  '^aj-män-^  lat.  ag-men  wird  die  dem  griech.  xv-iia 
(s.  135  f.)  parallel  gehende  themaform  vertreten. 

In  diesem  betracht  unterliegt  nun  auch  einer  neuen  be- 
urteilung  die  conjugation  des  verbum  substantivum.  Die  von 
mir  in  Kuhns  zeitschr.  XXIII  579  ff.  begründete  theorie,  nach 
welcher  aus  dem  Singular  act.  des  praesens  indic.  das  e-  von 
indog.  es-mij  es-ti  in  den  einzelsprachen»  öfters  auf  die  ur- 
sprünglich nicht  wurzelbetonten  formen  übertragen  worden 
sei,  hat  vielfach  zustimniung  gefunden ;  dennoch  gebe  ich  sie 
jetzt  auf.  Es  ist  jedesfalls  einfacher,  apers.  a-mahtj^  griech. 
ea-Tov^ei-fieVy  ea-rs,  e-äoi^  e-lr^-Vj  ea-Tco^  lat.  es-tis^  es-tc, 
es-tö^  abulg.  y^^-i'e,  jes-ta^  jes-mu,  jes-te^  lit.  es-va,  es-tUy 
h-mCy  es-tej  germ.  ^is-um,  *iz-tt^j  '^iz-wi  (—  anord.  er-iim^ 
er-ii^^  er-Uj  ags.  kent.  ear-im)  auf  der  aus  wähl  zwischen  zwei 


I 


—     VII     — 

altüberlieferten  doppelformen  mit  e**-  und  s-  beruhen  zu 
lassen,  wenn  anders  diese  möglichkeit  sich  darbietet,  als  in 
so  vielen  sprachen  genau  die  gleiche  neubildung  unabhängig 
von  einander  sich  vollziehen  zu  lassen.  German.  */z-w7w, 
*/r'-?/9,  auch  in  ahd.  b-irimiy  h-irut  nach  Kögel  bei  Sievers 
Paul-Braunes  beitr.  VJI  571  f,.  machen  überdies  wegen  ihres 
'Z-  aus  -s-  wenigstens  den  eindruck  hohen  alters  in  der 
einzelsprache ,  so  dass  sie,  falls  es  neuschöpfungen  wären, 
das  e-  mindestens  schon  vor  dem  wirken  des  Vernerschen 
gesetzes  vorgeschoben  haben  müssten,  wie  es  die  ansieht 
Joh.  Schmidts  Kuhns  zeitschr.  XXV  598.  ist^.  Und  von  dem 
griechischen  optativ  eXriv  dürfte  ähnliches  gelten;  die  ana- 
logische Umbildung  von  "^g-ltj-v  zu  "^lo-crj-v  müsste  doch 
auch  wol  sehr  alt  sein ,  vor  die  verhauchung  des  intervoca- 
lischen  oder  anlautenden  a- -im  griechischen  fallen,  denn  in 
wiefern  ein  einmal  vorhandenes  *lrjv  aus  ^Gärjv  (oder  *^v 
aus  "^Ghjv)  durch  die  Umformung  in  €llr]v  den  mustern  *la-|tu', 
€G-Tt  äugen-  odei'  vielmehr  ohrenfälliger  angenähert  worden 
wäre,  sieht  man  kaum.  Dazu  kommt  endlich  der  sanskri- 
tische imperativ  edhi\  anerkannter  massen  •  aus  einem  *  as-dhi 
=  indog.  es- (Uli  (Windisch  Kuhns  zeitschr.  XXIII  248., 
verf.  ebend.  XXIII  586.,  Joh.  Schmidi;  ebend.  XXIV  319. 
XXV  61.,  Brugman  moi-phol.  unters.  III  144.).  Wenn',  wie 
Joh.  Schmidt  ausgeführt  hat,  die  vocalfärbung  des  „ersatz- 
dehnungsproductes "  sanskr.  e-  in  edhi  auf  der  ursprünglichen 
geltung  der  ersten  silbe  mit  indogermanischem  e  -  laute  (ga-) 


1)  Es  spricht  auch  nichts  dagegen,  *izum,  *izu^f  selbst  bei  der 
älteren  ansieht  von  analogisch  wieder  vorgefügtem  ^-,  für  die  allei- 
nigen formen  im  letzten  Stadium  der  germanischen  Spracheinheit  zu 
halten.  Seltsamer  weise  glaubt  Joh.  Schmidt  a.  a.  o.  gezeigt  zu  haben, 
dass  nicht  *izi(7n,  ^izuf),  sondern  nur  *swn,  *snj)  im  gotischen  durch 
die  neubildungen  sijnm,  sijitp  verdrängt  sein  könnten. 


—     VIII     — 

beruht,  hat  es  auch  hier  sein  misliches,  die  grundform  "^as-dhi 
ihr  a-  durch  jüngeren  einzelsprachlichen  wiedervorschub  em- 
pfangen zu  lassen,  wie  ich  und  andere  nach  meinem  vor- 
gange es  bisher  getan.  Erkennen  wir  dahingegen  sanskr. 
edhi  als  alte  erbform  an,  so  verschwindet  die  berührte  Schwie- 
rigkeit und  wir  gewinnen  in  dem  sanskr.  edhi  und  dazu  viel- 
leicht dem  griech.  %o-d^i  bei  Hecataeus  (verf.  Kuhns  zeitschr. 
XXIII  586.)  neben  avest.  z-di,  griech.  %-o-d^i  das  doppel- 
formenverhältnis  von  griech.  vIv-^l  :  sanskr.  ved.  (^ru-dhi^ 
griech.  ßfj-S^L  :  sanskr.  ved.  ga-dhij  ga-hi^  avest.  ja-idhi 
(s.  oben  s.  IV.). 

Auf  das  bleiben  oder  abfallen  der  perfectreduplication 
fällt  ebenfalls  von  unserem  Standpunkte  aus  licht,  indem  wir 
indogermanische  satzdoppelformen  s es 6  de  =  ssLUskr.  sasäda 
und  {s)s6de  =  got.  sat^  g^eifome  =  sanskr.  y«</ö?/m  und 
(g^)g^öme  =  got.  qanij  bhebhöldhe  =  griech.  uircoid^e 
und  {bh)bh6idhe  =  got.  baidj  ahd.  beit  anzunehmen  die 
berechtigung  erhalten.  Vergl.  s.  333.  anm.  374.  Dass  gerade 
in  den  wurzelschwachen  perfectformen  die  reduplication  laut- 
gesetzlich geschwunden  sei,  ist  eine  ganz  unerwiesene  be- 
hauptung;  ihr  Urheber  in  Kuhns  zeitschr.  XXV  30  ff.  weiss 
sein  accentgesetz  („dass  eine  silbe  stärkere  Verkürzung  er- 
leidet, wenn  der  hochton  auf  die  zweitfolgende  silbe  fällt, 
als  wenn  ihn  die  unmittelbar  folgende  trägt"),  damit  es  rich- 
tig erscheine,  so  lange  hin  und  her  zu  wenden,  bis"  der  typus 
von  sanskr.  ja-gm-ürj  den  für  grundsprachlich  zu  halten  doch 
auch  er  nicht  umhin  kann,  durch  das  bequeme  mittel  eines 
v7t€Q(-WQov  jenem  „gesetze  indogermanischer  betonung"  ein- 
fach entzogen  wird.  Wem  *ta-taksh-ür  notwendig  zu  taksh-ur 
wird,  dem  sollte  doch  consequenter  weise  aus  ^ja-gam-ür 
auch  nichts  anderes  werden  können  als  ^gam-ür.  Im  gegen- 
teil  sind  ^oi.  bit-un^  bug-un  für  lautgesetzliche  ^'bai-bU-uUy 


—      IX      — 

hüi-hug-un  von  dem  gleichen  accentschema  am  wie  jenes 
sanskr.  ja-gin-ür^  reduplicationslos  geworden  durch  die  ana- 
logie  der  nach  einem  anfänglichen  längeren  kämpfe  zwischen 
*bai-baitj  *bai-4aug  und  baüj  baug  im  Singular  zum  durch- 
bruch  gekommenen  kürzeren  formen.  Umgekehrt  sind  sanskr. 
ved.  ba-bhü-ya-t  (s.  68.)  und  griech.  Tte-cpqiv-äGi  (s.  70.), 
jti-7tvv-oo  (s.  65.),  statt  .lautgesetzlich  entwickelter  *{bh-)bhü' 
-1/a-ty  ^((p-)cpqiy.-ccOij  *  (7r-)7rj^i;-(fy)o  (accentschema  aaa),  hin- 
sichtlich der  reduplication  als  neubildungen  nach  den  Sin- 
gular-activischen  sanskr.  '^ba-bhäv-a  (vergl.  s.  389  ff.),  griech. 
"^Tte-cpQoiyi-Sj  *TC€-7tvoß-e  oder  auch  nach  ihren  eigenen  ge- 
schwisterformen  mit  kurzem  «,  n,  '^ba-bhu-yä-t^  '^jte-cpQiA-äoij 
7ie-7tvv-{o)o  zu  erklären.  So  ist,  dass  sanskr.  ved.  ta-taksh-ürj 
ta-titksh-ätusj  ta-taksli-e  ihre  reduplication  vom  Singular  act. 
ta-tdksh-a  wieder  bezogen  haben,  allerdings  auch  meine  mei- 
nung,  mögen  nun  die  älteren  formen  ved.  taksh-ür^  taksh- 
-ulhus  von  indogermanischer  zeit  her  reduplicationsverlustig 
gewesen  {taksh-ür  aus  *t-taksh-ür)  oder  es  durch  eine  spe- 
ciell  sanskritische  lautumwandlung  Yon'^ta-tksh-ürin  taksh-ür 
geworden  sein.  Und  ferner  ist,  wie  griech.  7t€-cpv-{ß)c6g  die 
reduplication  lautgesetzlich  hat  und  sie  an  7te-cpv{F)-vla  und 
7ce-(pv{f)-äoi  u.  dergl.  vermittelt  haben  muss,  so  anderseits 
in  abulg.  by-vU  partic,  dazu  in  j)ek-u  (aus  "^pek-vU^  pek-usi 
u.  ähnl.,  dieselbe  ebenso  lautgesetzlich  latent ;  latent  auf  laut- 
gesetzlichem wege  auch  in  lit.  bhv-iisi  fem.,  aber  durch  ana- 
logie  hinwiederum  in  lit.  bu-ves  masc.  (vergl.  s.  375—380,). 
Auf  solche  weise  durchweg  reduplicationslos  geworden,  konn- 
ten sich  im  slavo-baltischen  diese  bildungen  als  allgemeine 
praeteritalparticipia  an  das  System  des  von  hause  aus  nicht 
reduplicierten  aorists  anschliessen  und  also  auch  nach  dem 
aussterben  der  verbum-finitum- formen  des  alten  indogerma- 
nischen perfects  fortexistieren.     Von  den   medialen   -ono- 


—     X     — 

participien  möchte  ich  aber  glauben,  dass  ihnen  von  Ursprung 
an  nicht  die  reduplication  zugekommen  sei  und  dass  speciell 
nur  im  indo  -  iranischen  sich  sanskr.  '^bhid-ana-s  (=  got. 
hü-a?i-s)y  avest.  "^han-anö  in  folge  von  anglÜderung  an  das 
perfectsystem  zu  hi-bhid-dna-s^  ha-nhan-ano  erweitert  haben. 
Da  der  abstufung  von  (tiefstüfigem)  eo)  und  ''a^  diejenige 
von  indog.  /z,  un  und  /,  n  vor  sonanten  gleich  ist  (vergl. 
s.  353  ff.),  so  sind  sanskr.  iydja^  umca^  aus  "^yiyaja,  *vuvaca 
nach  speciell  indischem  lautgesetze  ^) ,  genau  so  wie  sanskr. 

1)  Sanskr.  u-,  ü-  entstehen  regulär  aus  anlautendem  *y?<-,  "^vii-. 
So  in  lir-nä  f.  'wolle'  aus  *vür  nä^  das  mit  avest.  vare-na  f.  'bedeckung*, 
lat.  la-na  aus  *vlä-?ia  ein  indog.  nf-wi  (oder  vT-nfi)  vertritt  gegenüber 
dem  tonlos -tiefstufigen  nl-nft  {vl-nä)  =  abulg.  vll-na,  lit.  vil-na,  got. 
vul-la  (vergl.  sanskr.  pür-nä-s  =  indog.  pJ-nö-s,  s.  IV.);  in  dem 
gleich  wurzeligen  nasalpraesens  sanskr.  ür-no-ti  'bedeckt,  verhüllt,  schliesst 
ein',  aus  *vür-no-ti,  der  zwillingsform  zu  sanskr.  vr-no-ti  so,  wie  es 
dhü-nö-ü  zu  dhu-nö-ti  (s.  49.)  ist.  Ferner  in  dem  wegen  r  im  europäi- 
schen und  armenischen  von  ii'r-nä  'wolle'  etymologisch  zu  trennenden 
sanskr.  ür-an-a-s  m.  'widder',  aus  *vur-an-a-s  mit  *z;wr-  =  indog.  nrr- 
{.vrr-)  nach  griech.  ßaq-r^v,  armen,  gar-n  (de  Saussure  syst,  primit.  196 f.). 
JDann  wol  auch  in  sanskr.  urü-s  adj.  'breit'  aus  *vurü-s  =  indog. 
urr-ü-s  (vrr-ü-s)  von  wurzel  sanskr.  var-  in  vär-iy-as-  compar.,  vär- 
-ishtha-  superl.,  var-imän-  m.  'weite,  weite  ausdehnung'  u.  a.;  griech. 
evQv-s  entscheidet  nichts  dagegen,  ich  fasse  es  als  eine  erstarrte  alte  Zu- 
sammensetzung mit  ev-,  als  entsprossen  also  aus  ^iav-ßqv-s  'recht  breit', 
wie  Bvd-v-s  aus  *sav-vd'v-s  (s.  191.),  die  zu  postulierende  nebenform  *elov-i 
ist  verloren,  zu  svqv-s  aber  bereits  rb  ev^os  hinzu  gebildet  nach  den  mustern 
ßad'v-S  .-■ßäd'oe,  Tta^v-S  :  Ttaxos^  ra^v-s  :  tä^oi^  nQaxv-S  :  xQajoi  u.  dergl. 
Es  gibt  im  sanskrit  anlautendes  vu-,  vü-  nur  in  einigen  formen  der 
Wurzel  var-  'wählen':  ved.  vur-ita  opt.  aor.  med. ,  hotr-vü'r-ya-  n.  'hotar- 
wahl'  (vergl.  de  Saussure  syst,  primit.  260.);  hier  ist  das  v  von  anderen 
formen  der  wurzel  wieder  vorgefügt,  aber  ohne  den  Vorschub  blieb  das 
partic.  aor.  med.  ved.  ur-änä-s,  lautgesetzlich  für  *vu?'-änä-s.  Für  den 
analogen  lautwandel  von  *yi-  in  i-  haben  wir  als  zeugen,  abgesehen 
von  dem  perfect  iyäja,  die  desiderativbildungen  derselben  wurzel,  ved. 
iyakshati  'er  will  opfern,  verehren',  iyakshü-s  adj.  'gern  opfernd,  sich 
sehnend';  das  intensive  nachved.  iyasyate  'erschlafft,  schwindet  hin, 
languescit'  von  wurzel  yas-,  praes.  yäs-ya-ti  und  yäs-a-ü  'lässt  sichs 


I 


jagtüna^  papata  reduplicierte  perfecta,  sowie  griech.  'i-äoc 
aus  indog.  ii-nti  genau  dem  'i-ccoi  aus  es-iiti  gleichkommt 
(s.  363.).  Der  modus  von  sanskr.  ved.  va-vdc-a  (rgv.  I  67,  8.), 
avest.  va-vac-üj  griech.  ߀-ßor/-e,  Fi-FaXu-e^  Fe-Foqy-Sj  got. 
vai-vahl  muss  also  für  den  jüngeren  und  der  reduplications- 
weise  der  mit  ge'räuschlaut  anfangenden  wurzeln  nachgeahm- 
ten gehalten  werden.  Die  durch  sanskr.  vec/a^  avest.  vaedha, 
griech.  olde^  got.  vait  repraesentierte  grundform  uulde^  aus 
.  (?j)?iöide,  beruht  auf  einem  hier  wahrscheinlich  schon  grund- 
sprachlichen ausgleiche  zwischen  yuuöiUle{==82Lnski\'*uveda) 
und  seiner  kürzeren  nebenform.  Joh.  Schmidt  wusste  Kuhns 
zeitschr.  XXV  3t.  noch*  auf  keine  einzige  form  des  paradigmas 
dieses  alten  „  praeteritopraesens "  lautgesetzlich  zu  kommen. 
Nach  unserer  theorie  verloren  auch  die  avestischen  formen 
des  schwachen  Stammes  mit  ij  vtd-yd-t^  vid-väo  u.  a,.  (s.  62)., 
lautgesetzlich  ihre  reduplication,  aber  sanskr.  vid-md^  griech. 
'lö-uevy  got.  vit-iim  durch  analogiebildung  wie  got.  hit-nm^ 
lnt(]'7im.  Im  griechischen  ist  noch  ein  solches  perfect  mit 
lautgesetzlichem  reduplicationsschwunde  bei  wurzelanlauten- 
dem u-  das  s.  61.  besprochene  mediale  ly-juaLj  h-rai  aus 
*/7x-/<«f,  *ßTy-Tai.  Von  hier  aus  bietet  sich  endlich  auch 
die  s.  376.  anm.  angedeutete  möglichkeit,  die  sanskritischen 
perfectbildungen  des  typus  Ij'-e  rj-we^  iic-imä  iic-ür  zu  ver- 


heiss  werden,  müht  sich  ab'.  Es  wird  in  anbetracht  von  ved.  hjakshati^ 
iyjukshü-s  niemand  bezweifeln  können,  dass  das  auch  erst  aus  der  spä- 
teren spräche  zu  belegende  yiyaksku-s  adj.  'zu  opfern  im  begriff  stehend', 
sowie  die  ähnlichen  ebenfalls  erst  späten  yiyavishu-s  „vom  desid.  von 
2.  ?/?/-",  yiyäsu-s  „vom  desid.  von  1.  yä-''  (Petersb.  wörterb.  VI  137.) 
jüngere  der  gewöhnlichen  reduplications weise  der  desiderativa  anders  an- 
lautender wurzeln  (z.  b.  inpaksh-  von  pac-  'kochen')  nachgemachte  bil- 
dungen  sind.  Auf  den  bei  Böhtlingk  -  Roth  a.  a.  o.  mit  einer  stelle  aus 
der  räjatarangini  belegten  eigennamen  yilha-s  kommt  nichts  an,  da  nie- 
mand weiss,  welches  seine  herkunft  ist. 


—      XII      — 

stehen.  Es  sind  dies  entweder  in  der  wurzel  nebentonig- 
tiefstufige  formen  mit  indog.  7,  li,  also  |/'-<?,  üc-ür  aus  vor- 
histor.  sanskr.  *y-y-e,  '^v-üc-ür  herzuleiten;  oder  die  Wurzel- 
silbe war  tonlos-tiefstufig,  die  reduplicationssilbe  dann  neben- 
tonig-tiefstufig, die  grundformen  also  '^yH/J-^y  "^vu-vc-iir.  Auf 
jeden  fall  käme  das  in  der  anmerkung  zu  vorvoriger  seite 
dargelegte  lautgesetz  in  anwendung. 

3)  Bei  den  wurzeln  mit  langem  a-vocale  ohne  sonor- 
laut,  wie  stha-j  dhe-j  se-,  dö-j  wird  sich  an  erscheinungen 
wie  den  hier  folgenden,  auch  von  Brugman  morphol.  unters. 
III  97—102.  besprochenen,  der  gradunterschied  der  beiden 
tiefstufenformen  zeigen.  Sanskr.  sthi-td-s,  sthi-ti-Sy  griech. 
OTa-TO-g,  GTa-Gi-Qj  ora-Tr^q^  lat.  stä-fu-s  partic,  sta-ti-m^  sta- 
-tu-s  m.  (-^e?^;- stamm),  sta-tu-Ö  denom.,  sta-ior^  got.  sta-p-s  m. 
(-^e 2 -stamm)  neben  sanskr.  -sthdr-  aus  '^sth-tär-  in  savija- 
-shthdr-,  savt/e-sfithar-j  avest.  -star-.aviB  ^st-ta?--  in  rathae- 
-star-em  acc.  sing.,  7Hithae-stür-d  nom.  plur.,  griech.  otv-io  aus 
*ot-Tv-icü  denom.;  also  lat.  sta-tu-ö  :  griech.  o{t;)-tv-iü  = 
griech.  cpl-rv-io  :  Isit  fü-tu-öj  vergl.  s.  HO.  Griech.  e-ro-Qy 
e-GL-Sj  lat.  sä'tu-Sj  sa-tor  neben  sanskr.  s-t?^-i  (Joh.  Schmidt 
Kuhns  zeitschr.  XXV  29.).  Sanskr.  -di-td-s  'gegeben'  in  vi/-ä- 
-dita-s  ''aus  einander  getan,  geöffnet'  (Petersb.  wörterb.  IIL 
566.  574.),  ved.  di-ti-s  f.  'besitz',  eigentlich  'das  geben,  zu- 
erteilen', griech.  do-To-g^  öo-gl-Qj  lat.  da-tu-s  neben  sanskr. 
-t-ta-  in  a-tta-s^  vij-ä-tta-s  ^  ni-tia-s^  paiHi-lta-s,  pari-tta-s, 
pra-tta-Sj  prati-tta-s^  vi-tta-s  ^  sü-tta-Sj  -t-ti-  f.  in  ved.  bhd- 
(ja-tti-s  'glücksgabe',  maghd-tti-s  'das  geben  und  empfangen 
von  geschenken',  vdsii-tti-s  'empfangen  von  gütern,  bereiche- 
rung'  (Petersb.  wörterb.  V  171.  423.  VI  848.,  Grassmann 
wörterb.  z.  rgv.  923.  971.  1236.,  Lindner  altind.  nominalbild. 
77.  anm.).  Sanskr. /^zVß',  avest. /?zVö,  griech.  rrai:^'^,  l^X.pater^ 
got.  fadar  neben  avest.  fedhrö  acc.  plur.  aus  '^'ptr-as.    Die 


I 


H 


—     XIII      — 

sanskr.  nl-^  pa?n-j  prafi-j  vi-j  sü-tta-s  sind  um  so  beweisen- 
der für  UDsere  theorie,  als  sich  ganz  den  s.  281  ff.  entwickel- 
ten accentabstufungsgesetzen  gemäss  hier  noch  nebentonig- 
tiefstufige  gestalt  des  praefixauslautes ,  -z-,  -ü-  (vergl.  auch 
s.  380  ff.),  mit  tonlos  -  tiefstufiger  der  nachfolgenden  Wurzel- 
silbe verbindet  (ebenso  bei  griech.  Ttl-Ttr-e  imper.).  Bei 
Joh.  Schmidt  wurden  dieser  art  erscheinungen  etwas  rich- 
tiger Kuhns  zeitschr.  XXV  56  f.  als  in  dem  abschnitt  ebend. 
s.  26—43.  aufgefasst.  Die  incongruenz  der  wurzelstufe  zwi- 
schen griech.  Tt-d^e-rov^  Ti-d-e-Te  und  sanskr.  dha-t-thäs, 
dha-i-täs^  dka-t-thäj  griech.  öl-öo-toVj  öL-do-re  und  sanskr. 
da-t-thäs,  da-t-tdsj  da-t-tkä\  die  noch  neuerdings  Delbrück 
liter.  centralbl.  18.  juni  1881.  sp.  871.  zu  unwahrscheinlichen 
constructionen  veranlassung  gab,  wird  sich  als  dieselbe  her- 
ausstellen wie  diejenige  zwischen  sanskr.  bi-bhi-tas  und  bi- 
-bhi-tas  in  der  gleichen  dritten  praesensstammclasse  (vergl. 
s.  59.).  Genauer  genommen  bilden  ein  altes,  paar  sanskr. 
da-t-thd  (accentschema  add)  und  lat.  da-tis  aus  ^d-da-tis 
(accentschema  aud) ;  griech.  *  öo-ts  empfing  diß  .  reduplica- 
tionssilbe  wieder  vom  singular  act.,  welcher  seit  grundsprach- 
licher zeit  den  Wechsel  zwischen  dedomi  =  sanskr.  dadami^ 
avest.  dadhämij  griech.  ölöcoi^u  {dt-  statt  *(5f-  jung,  nach 
'i-GTä-fiiL  und  yl-yv-0-f.iai,  (.iL-f.iv-co  u.  dergl.)  und  anderseits 
{d)d6mi  ==  abulg.  darriij  lit.  dümi,  lat.  dö  (für  einstiges 
*r/ö7;z  nach  ?w2-conjugation)  hatte,  nach  gleichem  princip  wie 
im  perfect  der  singular  act.  indogermanisch  redupliciert  und 
reduplicationsverlustig  war  (s.  VIJI  ff.).  Den  irrationalen  vocal 
indo-iran.  z,  europäisch  meist  ä  (Ficksches  „schwa"),  zu 
dem  die  längen  S,  e,  ö  auf  der  accentstufe  der  nebentonig- 
keit zunächst  reduciert  wurden,  nach  seiner  grundsprachlichen 
qualität  und  einzelsprach  liehen  gestaltung  näher  zu  unter- 
suchen, kann  hier  noch  nicht  unternommen  werden. 


—     XIV     — 

4)  Es  wird  endlicli  in  einem  späteren  abschnitte  auch 
die  zwiefache  abstufung  der  tiefstufe  in  den  flexi ons-  und 
bildungs Silben  zusammenhängend  zu  betrachten  sein.  Auf 
diesen  abschnitt  hier  näher  einzugehen,  ist  nicht  tunlich. 
Nur  wegen  der  s.  33.  für  att.  iöfco  in  aussieht  gestellten  er- 
klärung  sei  schon  hier  bemerkt,  dass  die  von  nominalen  -e/'- 
und  -PT^- stammen  herkommenden  denominativen  verba  nach 
unserer  theorie  normal  von  alters  her  zwischen  -^-«'^,  -'^'i^ 
und  -i-i5 j  -u-ip  schwanken,  so  dass  also  nach  dem  muster 
von  (.irivito  (II.  B  769.)  neben  f.iTivuo  das  anfänglich  allein 
berechtigte  nicht  denominative  iduo  (=  indog.  ämi^/uö  aus 
*s?ridf^d)  die  nebenform  löua  bekommen  konnte.  Für  das 
s.  285.  erwähnte  -Jiü-  im  schwachen  praesensstamme  der 
fünften  verbalclasse  berufe  ich  mich  hier  auf  die  avestischen 
beispiele  kere-nü-idhi  (wornach  auch  kere-nü-ishi  in  der  indi- 
cativform  2.  sing,  act.),  vere-nü-idJu\  vere-nü-ÜQ^  hu-nü-la^ 
welche,  sowie  das  nominale  hu-nü-iwyd  abl.  plur.  (accent- 
schema  aaä)  als  zwillingsform  zu  sanskr.  sü-nü-bhijas  (accent- 
schema  (iaa\  noch  die  alte  aufeinanderfolge  von  tonlos-  und 
nebentonig-tiefstufiger  silbe  haben;  ferner  auf  das  von  Jak. 
Wackernagel  Kuhns  zeitschr.  XXV  273.  und  Curtius  verb.  d. 
griech.  spr.  IP  11 5  f.  unbefriedigend  erklärte  homer.  tevy-vv- 
-^i€v  (IL  n  145.). 

Zerstreute  andeutungen  über  mehrere  dieser  in  morphok 
unters.  V  zu  behandelnden  aufgaben,  die  auch  hier  schon  zu 
skizzieren  ich  nicht  unterlassen  mochte,  findet  der  leser  auch 
schon  in  der  unten  folgenden  abhandlung,  z.  b.  s.  139.  199. 
anm.  280.  322  f.  333.  anm.  363.  367.  373  f  383  f.  395.  anm. 

Was  die  terminologie  anbetrifft,  so  habe  ich  mich 
nach  beratung  mit  befreundeten  fachgenossen  dafür  entschie- 
den, die  bezeichnungen  „tiefstufe",  „mittelstufe"  und 
„hochstufe"  für  die  drei  wurzelformen  Ütv-,  leLTt-,  lout- 


—      XY      —  

in  anwendung  zu  bringen.  Solche  termini  verdienen  immer 
den  Vorzug,  mit  welchen  die  geringste  oder  gar  keine  petitio 
principii  verbunden  ist.  In  unserem  fall  bezeichnungen  zu 
finden,  die  in  jedem  betracht  von  mangeln  frei  wären,  ist 
mir  nicht  gelungen.  Da,  wie  ich  weiss,  manche  früher  zwei- 
felnde oder  anders  denkende  fachgenossen  durch  die  neuesten 
ausführungen  von  Brugman  in  morphol.  unters.  III  102  ff, 
überzeugt  worden  sind,  dass  Brugman  Curtius'  stud.  IX  367  ff. 
3 SO  ff.  Kuhns  zeitschr.  XXIV  2  f.  recht  hatte,  indo-iranisches 
langes  ä  in  offenen  silben  normal  ursprüngliches  o  {a^)  vertre- 
ten zu  lassen  (vergl.  auch  unten  s.  226.  anm.  303.  anm.)*),  so 
werden  wenigstens  diese  gelehrten  jetzt  in  den  perfectformen 
3.  sing.  act.  sanskr.  ß-gä'fj-a^  {;u-rrav-a  ebenso  die  stärkste 
wurzelform  (stärker  als  diejenige  von  jäij-ati  praes.,  (;räG-(is 
neutr.)  anzuerkennen  bereit  sein,  wie  die  Inder  hier  ihre 
„vrddhi"  sahen,  und  an  dem  ausdruck  „hochstufe"  keinen 
anstoss  nehmen.  Den  bemühungen  einiger  neuerer  gelehrten, 
wie  Gust.  Meyers  in  Kuhns  zeitschr.  XXIV  226  ff.,  Ficks  in 
den  Götting.  gel.  anzeig,  vom  7.  april  1880.,  Möllers  in  Paul- 
Braunes  beitr.  VIl  492  ff*.,  die  „ö -stufe"  {Ioltv-)  zu  derjenigen 
zu  machen,  welche  durch  den  „  tiefton "  („  svarita "  oder  „  gra- 
vis ")  entstehe,  ist  schon  durch  die  nachfolgenden  erörterungen 
über  die  genesis  der  stufe  mit  7,  i7,  wie  ich  glaube,  der  boden 
entzogen ;  ich  behalte  mir  aber  noch  für  eine  spätere  gelegen- 
heit  eine  ausführliche  Widerlegung  jener  theorie  vor.  Dass 
ich  nicht  vier  co ordinierte  ablautsstufen  aufstellte,  son- 


1)  Brugman  selbst  sagt  am  schluss  seines  aufsatzes  morphol.  unters. 
III  129.:  „Es  kam  mir  nicht  darauf  an,  mein  lautgesetz  als  richtig  zu 
erweisen,  sondern  nur  darauf,  zu  zeigen,  dass  das,  was  Schmidt  dagegen 
vorbringt,  nicht  als  eine  Widerlegung  gelten  kann.  Wer  von  uns  beiden 
recht  hat,  wird  fernere  eingehendere  durchforschung  des  idg.  «-vocalis- 
mus  lehren  müssen." 


—     XVI     — 

dern  ITjt-  und  U7t-  als  zwei  abarten  („nebentonige"  und 
„tonlose"  tiefstufe)  unter  einer  der  drei  hauptstufen  subsu- 
mierte, wird  sich  hoffentlich  auch  anderen  nach  prüfung  der 
folgenden  erörterungen  als  zweckmässig  erweisen. 

Zu  der  materialsammlung  s.  1 — 276.  stellte  sich  während 
des  drucke^  eine  reihe  von  nachtragen  als  wünschenswert 
heraus.  Einen  teil  derselben  gebe  ich  s.  401  ff.,  das  übrige 
empfiehlt  sich  am  schluss  der  ganzen  abhandlung  über  „  die 
tiefstufe "  in  bd.  V  mitzuteilen.  Ausserdem  erlaube  ich  mir, 
wegen  einiger  näheren  ausführungen,  die  specieller  die  indo- 
germanischen „  aoristpraesentia "  mit  7,  n  betreffen  (7ergl. 
s.  1  —  12.),  den  leser  auf  zwei  demnächst  in  den  Paul- Braune- 
schen „beitragen"  (bd.  VIII)  von  mir  erscheinende  artikel 
„zum  grammatischen  Wechsel  der  velaren  A-- reihe"  und  „über 
aoristpraesens  und  imperfectpraesens "  zu  verweisen. 

Heidelberg  8.  juli  1881. 

H.  Osthoff. 


Inhalt. 


Hermann    Oslhoff    Die    tiefstufe   im    indogermanischen 
vocalismus 


Seite 


1. 

Nebeneinander  von  indog.  i,  ü  und  ^,  «  in  denselben  alten  erb- 
wörtern  und  wortbildungskategorien : 

A.  Praesens  mit  suff.  -^-,  -c-  (sechster  indischer  classe,  „aorist- 
praesens")  und  einfacher  „thematischer"  aorist 1 

B.  Praesens  mit  suff.  -^'ö-,  -ie-,  ursprünglich  -«o-,  -^e-      .     .  12 

C.  Praesens  mit  suff.  -sk^ö-,  sk^e- 34 

D.  a)  Praesens  mit  suff".  -neu-  und  b)  praesens  mit  suff'.  -uä-  35 

E.  Schwacher  stamm  des  praesens  zweiter  indischer  classe  oder 

des  „unthematischen"  aorists 52 

F.  Schwacher  praesensstamm  dritter  indischer  classe    ....  59 

G.  Schwacher  perfectstamm GO 

H.  Nomen  mit  suff.  -k^ö- 72 

I.  Nomen  mit  suff.  -tö-  (partic.) 72 

J.  Nomen  mit  suff".  -lei- 96 

K.  Nomen  mit  suff".  -teu- 108 

L.  Nomen  mit  suff.  -nii-^  fem.  -nä- 115 

M.  Nomen  mit  suff.  -neU 120 

N.  Nomen  mit  suff*.  -neu- ; 122 

0.  Nomen  mit  suff'.  -mo- 123 

P.  Nomen  mit  suff.  -mev- 130 

Q.  Nomen  mit  suff.  -men- 130 

R.  Nomen  mit  suff'.  -i^ö- 147 

S.  Nomen  mit  suff.  -ro-,  -16- 149 

T.  Nomen  mit  suff".  {-rel-)  -le^- 104 

U.  Nomen  mit  suff*.  -reu-  (-leu-?) 165 

V.  Nomen  mit  suff.  -uö- 166 


—       XVIII       — 

Seite 

W.  Nomen  mit  suff.  -uen- .     .  170 

X.  Nomen  mit  suff,  -ö-,  fem.  -ä- .  172 

Y.  Nomen  mit  suff.  -ei- 180 

Z.  Nomen  mit  suff.   -eu- 185 

AA.  Nomen  mit  suff.  -en- 194 

BB.  Nomen  mit  suff.  -ono-,  -eno-,  -no-\  partic.  mediopass.  .     .     .  205 

CG.  Wurzelnomina 208 

DD.   Pronomina,   adverbia,  praepositionen ,  partikelartige  Wörter, 

indeclinabilia  überhaupt 222 

2. 

Rückblick.    Bisherige  beurteilungen  des  nebeneinanders  von  z,  n 

und  1,,  n 277 

Pauls  accentabstufungstheorie  als  allgemeine   basis   der  richtigen 

erklärung 280 

3. 

Gesetze  über  den  Wechsel  von  indog.  %  ü  und  Y,  ü :  7,  ü  vor  con- 
sonanten  form  der  nebentonigen,  1,  u  vor  consonanten  form 

der  tonlosen  tiefstufe 281 

Gestaltung  der  tiefstufe  bei  zwei  den   «-vocal  in  der  wurzel  be- 
gleitenden sonoren,   i  und  u 285 

Constitutives  lautgesetz  der  grundsprache  über  zwei  Sonorlaute  als 

bestandteile  derselben  siibe 285 

Hochbetonte  nasalis  sonans  im  griechischen     ........    290 

Weitere  Verfolgung  des  constitutiven  lautgesetzes  über  Sonorlaut 

neben  Sonorlaut  in  einer  jsilbe 295 

Anteconsonantische  und  antesonantische  form  der  tiefstufe  bei  wur- 
zeln mit  zwei  sonoren,  besonders  wurzeln  mit  ia^u-  (indog. 

spiü-  und  spfu-  'speien') 315 

Mittelstufige  ai,  au  und  ihre  tiefstufengestaltung 323 

Existenz  einer  ä- reihe  überhaupt 340 

Mittelstufige  oi,  o  u  und  existenz  einer  o  -  reihe 343 

Die  neuere  „absteigende"  vocaltheorie  im  lichte  unserer  tiefstufen- 

regeln 348 

Spuren  der  geltung  unserer  accentabstufungsgesetze  bei  f ,  ti  in  den 

einzelsprachen 351 

4. 

Abstufung  von  n,  uu  und  ^',  u  vor  sönanten  parallel  der  von  z,  ü 

und  1  n  vor  consonanten 353 


—      XIX      — 

?V,  HU  und  i,  u  in  einzelnen  Wörtern:  Seite 

indog.  g'^iiä-  und  (ßjä-  'gewalt' 354 

griech.  diä  und  ^« 354 

indog.  dunö  ViW^  rfwö 'zwei' 355 

indog.  k^uuön-  und  k^uön-  'hund' 356 

indog.  suu-  und  su-  'sau' 356 

aV,  uu  und  |,  m  bei  ai-  und  «w -wurzeln 360 

?V,  ww  und  «,  «  in  wortbildungskategorien : 

aoristpraesens  und  „thematischer"  aorist 361 

praesens  zweiter  indischer  classe  und   „unthematischer" 

aorist 363 

schwacher  perfectstamm 363 

intransitivum  mit  -<?-suffix  (griechischer  passivaorist)      .  364 

medialparticip  mit  suff.  -ono-  {-eno-) 368 

Anteconsonantische  und  antesonantische  tiefstufe  im  particip  perf. 
act. :  ^,  ü  und  T,  u  vor  sutf.  -ii^ös-  neben  n,  uu  und  /,  u  vor 

suff.  -US- 375 

Die  abstufung  zi,  uu  und  -e,  u  im  wort-  oder  wortstammauslaute, 

besonders  der  proklitiken  und  ersten  compositionsglieder  .    .  380 
Die  lautverbindungen  ?/,  Tiu ,  ihre  ursprünglichkeit  und  unursprüng- 

lichkeit     .     .     .     .    ? 385 

Einzelsprachliche  neubildungen ,  besonders  associative,  mit  72,  Ttu 

(sowie  ?,  u  vor'sonanten) 386 

Berichtigung  früherer  beobachtungen  über  das  Verhältnis  von  /«,  uu 

und  i,  u   . * 397 

Nachträge     .    .    .     .* 401 

Karl  Brugman  Miscellen 407 

1.  Griech.  t/s  für  *k'uis 407 

2.  Uridg.  ede  'edit,  ass'  und  ese  'fuit' 411 

3.  Diegotische  Imperativform  hii'i  und  die  denominativa  von 
consonantischen  stammen 414 

Hermann  Osthoff  Suum  cuique .*  418 


Berichtigungen. 

Seite    4  zeile  11  von  oben    lies:  alts.  hili^-u. 
„       8      „       7  von  oben    lies:  siüg-e-t. 
„      18     „       6  von  oben    lies:  dzüv-au. 
„      24     „       4  von  oben    lies:  dental. 
„      45     „       5  von  unten  lies:  ly-na,  zemait.  ly-n. 
„      46     „       5  von  unten  lies :  jü-juv-us. 
„      59     „       5  von  oben    lies:  ci-ki-hi. 
„61      „     18  von  oben    lies:  'tx-6-fir}v. 
„      64     „     20  von  oben    lies :  blätt.  I. 
„      64     „       5  von  unten  lies:  So-ßev-ai. 
„      73     „     10  von  oben    lies:  ßl-vt-co. 
„    125     „       1  von  unten  lies:  i-licö. 
„136     „      15  von  oben    lies:  dv-fisv-ai. 
„    174     „       1  von  unten  lies:  quid?').  • 
„    178     „     19  von  oben    lies:  bukkun  aus  "^hukn-on. 
„    180      „       7^ von  oben    lies:  -ei-. 
„    184     „      11  von  oben    lies:  Über. 
„187     „     10  von  unten  lies:  -^w-stämme. 
„    192-   „       4  von  oben    lies:  sude'u-. 
„211     „       5  von  oben    lies:  heft  2. 
„    268      „     13  von  oben    lies:  xctQa. 
„    285      „     12  f.  von  oben  lies :  eine  -sichere  spur. 

Berichtigungen  zu  theil  III. 

S.   33  z.  12  V.  u.  lies  deik^  statt  deik\ 

„     85   „   H    „  „       „     sSovfiai    „      iSovfxai. 

„  136  „     2  V.  0.  streich  die  werte:  inf.  V7^esti  zu  vfichq  „dresche' 


Die  tiefstufe  im  indogermanischen  vocalismus. 


Von  Hermann  Osthoff. 


1. 

Wir  treffen  promiscue  indog.  /,  n  und  ij  ü  an  in  den 
nemlichen  alten  erbwörtern.    Das  zeige  folgende  liste. 

A.  Praesens  mit  suff.  -ö-,  -e-  (sechster  indischer 
classe,  „ aoristpraesens ")  und  einfacher  „thematischer" 
aorist. 

Sanskr.  ved.  ish-a-nt-  'feindlich  anfallend'  partic,  ish-dt 
adv.  Venig,  leicht,  etwas'  neutr.  partic.  mit  ursprüngliche- 
rem accente,  eigentlich  "^ entschlüpfend,  entwischend',  ishüt- 
-kdra-  adj.  ""leicht  zu  vollbringen',  eigentlich  4m  entschlüpfen, 
schnell  zu  machen',  ved.  i'sh-a-te  ""enteilt,  flieht'  med.,  ved. 
fsh-a-mäna-  partic.  med.  =  sanskr.  ved.  ish-e  *^ich  entsende, 
treibe  an',  ish-a-nta  *^sie  eilten'  aor.  med.  rgv.  I  134,  5., 
üh^e-ma  opt. 

Griech.  rgiß-co  *^reibe,  reibe  ab'  =  lat.  terg-ö  Vische 
ab'  aus  ^trig-ö.  Jedesfalls  verhält  sich  rgiß-co:  te?'g-d= 
y.Ql-vto:  cer-nöj  und  TQlrc-To-g:  ter-tu-s  (altlat.  aus  *terC'tos 
statt  des  späteren  ter-su-s)  =  iCQ^-To-g:  cer-tu-s.  Nun  sind 
lat.  tergöj  ter-tu-s  und  cerno  nicht  aus  *trtgdj  *tric-tu-s  und 
*crT?id  durch  lateinischen  lautwandel  hervorgegangen ;  c?^l-?nen 
=  griech.  v,Ql-f.ia  und  cri-bru-m  können  das  für  cer-nd  dar- 
tun. Aber  auch  aus  *^rii^5,  *l?'w-to-Sy  *cnndj  *  cri-^ö-*  leiten 
sich  die  historischen  formen  mit  er  nicht  direct  her;  denn 

Osthoff  u.  Brugman  untersuch.  IV.  j 


fricHrej  tri-  ^'drei-^  in  compositen,  tri-hus  *^ dreien',  trXhu-s  f., 
trihuo  u.  a.  lassen  in  vor  consonant  ungewandelt.  Jedoch 
nebentonig  wurde  rim'^trigö^  *crino  normal  zu  er;  also  in 
den  compositis  äbs-^  de-j  ex-tergö^  cö?i-^  dis-,  ex-^  st-cerno\ 
vergl.  acerbiis  2iU^'^äcn-bo-Sy  superl.  äcerrimus  aus  '^ücri-ssi- 
-mos  (nach  älterer,  vorhistorischer  betonung  des  lateini- 
schen, die  auch  per-fec-tu-s  aus  * pei^-ßic-tu-s  u.  dergl.  be- 
wirkte) 0.  Auch  ter  ^dreimar  ist  vielleicht  so  aus  ^tris^  "^ters 
zu  deuten,  da  es  häufiger,  wie  in  bis  mit  terj  im  satzzu- 
sammenhange nebentonig  gewesen  sein  wird.  Darnach  rich- 
teten sich  dann  wol  ter-?ii  statt  tri-ni  und  tef-tius^  obgleich  die 
bekannten  Unregelmässigkeiten  auch  der  übrigen  sprachen 
in  dieser  Ordinalzahl  das  sichere  urteil  erschweren-).  So 
entstand  auch  cer-tu-s  aus  "^cri-to-s  =  griech.  x^t'-Td-g  laut- 
gesetzlich in  in-certu-s  =  a-y.Q^To-gj  aber  auch  in  noti  cer- 
tu-s ,  wenn  dieses  unter  einem  haupttone  zusammengefasst 
gesprochen  ward.  Erinnert  sei  auch  an  lat.  teslis  ''zeuge^ 
testäri^  testämentum  für  "^tersti-s  u.  s.  w.  gegenüber  osk.  tri- 
staamentud,  wo  also  auch  wol  die  lateinischen  composita 
cön-^  de-,  6b-testor  das  ihrige  getan  haben  werden^). 


1)  Im  dat.-abl.  plur.  sind  lat.  äcri-hus,  alacri-bus  producte  des 
„Systemzwanges";  äcri-täs,  alacri-täs  scheinen  mir  ebenso  die  jüngeren 
bildungen  für  "^äcer-täs,  *alacer-täs  zu  sein,  als  facili-täs  für  jünger 
denn  facul-täs  zu  halten  ist. 

2)  An  analogiebildung  des  ter  nach  quater  ist  schwerlich  zu  denken, 
eher  an  das  umgekehrte,  da  *quatur  dem  quater  historisch  vorausliegen 
wird.  Denn  dass  aus  einer  indogermanischen  grundform  ketr  lat.  quater 
entstehen  konnte,  hält  J.  Wackernagel  Kuhns  zeitschr.  XXV  286.  irr- 
tümlich für  „bekannt". 

3)  Die  fälle  solcher  ausgleichung,  wobei  die  lautgestalt  der  mit  prae- 
fixen  zusammengesetzten  verba  massgebend  wird  für  das  verbum  Sim- 
plex, sind  im  lateinischen  und  romanischen  häufig.  Für  spargere  hat 
Columella  XII  39,  3.  spergere  nach  ad-,  con-,  in-spergei'e.  Nur  ein  lat. 
*plecö  würde  genau  =  griech.  nXixio  sein;  der  «-laut  von  pUcö  ent- 


—     3 


Lit.  dyg-au  'ich  keimte,  ging  auf'  (von  der  saat),  eigent- 
lich "^ich  stach  hervor'  aor.^)  (praes.  dyk-siu^  infin.   dyh-ti) 


sprang  in  den  häufiger  gebrauchten  compositis  ex-plicö,  hn-plicö,  ap- 
plicö\  zu  schwachen  verben  der  «-conjugation  wurden  die  letzteren  erst 
durch  die  analogie  der  zu  du-plex,  multt-plex  gehörigen  denominativa 
du-pUcüre,  multi-}yUcärey  bei  denen  denn  auch  solche  reste  der  starken 
bildung  wie  ex-,  im-,  ap-j^Ucui,  -pUcitus  nicht  vorliegen.  Neben  claudö 
kannte  die  altlateinische  Volkssprache  ein  in  nachaugusteischer  zeit 
auch  in  die  Schriftsprache  übergehendes  simplex  cliidö\  das  italienische 
setzt  dieses  fort  in  seinem  chiüdere,  lat.  claudere  wäre  Italien,  "^chiö- 
dere.  Ebenso  gilt  für  *cosäre  ==  lat.  causäri  ital.  cusäre  wegen  ac-y 
in-,  7i-,  es-  oder  s-ciisäre.  Italien,  gettäre,  proveng.  getar,  fr&nz.  Jete)- 
braucht  man  des  e  wegen  nicht  mit  Diez  etymol.  wörterb.'*  161.  aus 
ejectare  herzuleiten :  das  Vulgärlatein  wird  für  jactüre  ein  nach  ad-, 
con-y  de-,  dis-,  e-,  in-,  re-,  suh-jectüre  umgestaltetes  "Ejectare  besessen 
haben.  Desgleichen  ist  franz.  gesir  nur  auf  ein  lat.  *jicT?^e  reducierbar; 
mithin  hat  sich  in  der  alten  vulgärsprache  die  ausgleichung  zwischen 
jacere  und  seinen  compositis  umgekehrt  vollzogen  wie  im  classischen 
latein,  wo  ad-,  oh-,  siib-Jaceo  ihr  a  statt  des  i  (vergl.  die  composita  von 
Jacio,  ad-jicio  u.  s.  w.)  von  dem  simplex  wiederempfingen.  Schon  die  alten 
grammatiker  kennen  als  das  perfectum  zu  sisto  ausser  stell  auch  stiti, 
und  Gellius  führt  letztere  form  aus  Cato  an  (vergl.  Neue  formenl.  II  ^ 
460  ff.);  dieselbe  liegt  auch  dem  Italien,  stetti  zu  gründe,  da  aus  lat.  stell 
Italien.  *stieti  hervorgehen  musste  wie  diedi  (wornach  auch  stiedi)  aus 
lat.  d^di,  piede  aus  pedem  (Diez  gramm.  d.  roman.  spr.  I'*  151.  155),  Es 
ist  lat.  still  für  stell  die  aus  den  compositen  von  stä7'e  und  sistere  (lat. 
con-,  de-,  per-,  re-slili  u.  s.  w.)  verselbständigte  perfectform.  Die  macht 
der  composita  in  allen  diesen  und  ähnlichen  fällen  wird  noch  begreiflicher, 
wenn  man  berücksichtigt,  dass  auch  die  simplicia  selbst  an  nnd  für 
sich  mehrfach  im  zusammenhange  der  rede  dieselbe  lautschwächung  der 
Wurzelsilbe  zu  erfahren  hatten,  nemlich  überall  dann,  wenn  ein  für  sich 
den  hochton  in  ansprach  nehmendes  proklitikon  ihnen  vorhergieng:  hne 
Jectö,  hlc  stitJ,  non  plicö,  non  jiciö  hiess  es  im  lateinischen  ebenso 
lautgesetzlich  wie  cön-Jectö  (nach  älterer  betonung,  worüber  näheres 
ein  anderes  mal),  de-stiti,  ex-plicöy  äh-jiciö,  und  hüc  jactö,  hie  stell, 
nö7i  jaciö  beruhen  nicht  weniger  auf  ausgleichender  neubildung  als 
äd-jaceü  und  als  dp-peiö,  e'x-petö  für  *äp-pitö,  *ex-pitö  u.  a. 

l)  Ich  behalte  einer  späteren  stelle  die  nähere  darlegung  vor,  wie 
ich  mir  den  Ursprung  der  eigentümlichen  baltischen  aoristbildung  und 

1* 


—     4     — 

==  griech.  s-d^ty-o-Vf  &^y-€lv  '^berühren,  betasten',  eigentlich 
'an  etwas  heranstechen,  stich  weise  rühren  an'  aor.  Vergl. 
Fick  Kuhns  zeitschr.  XXII  104.  wörterb.  P  636.  IP  116.  In 
anbetracht  aller  nachfolgenden  fälle  wird  man  auch  dem  lat. 
fig-ö  ^'steche,  stecke  fest'  indog.  t  zuzusprechen  geneigt  sein. 
Denn  erstens  ist  ein  praesens  indog.  dheiß^ö  nirgends  nach- 
weisbar. Andererseits  liegt  häufig  neben  einer  nasalierten 
praesensbildung,  wie  hier  griech.  d-iyydvw,  \B.tß?igö  'berühre', 
eine  solche  nach  sechster  indischer  classe,  wie  das  nach- 
folgende material  zeigen  kann. 

Ags.  be-lif-ßy  afris.  bi-liv-ej  (alts.  bi-lib-Uj)  ahd.  bi-lib-u 
'bleibe',  ahd,  bi-liban  infin.  ==  sanskr.  a-lip-a-t'^GV  beschmierte, 
bestrich,  klebte'  aor.,  a-lip-a-ta  med.;  abulg.  pri-lip-ü  'ad- 
haesi'  aor.;  lit  lip-u  'ich  steige,  klettere',  lip-aü  'ich  klebte 
an,  haftete'  (intrans.)  und  'ich  stieg,  kletterte'  aor.  (infin. 
lip-ti  'steigen,  klettern'  und  'kleben').  Verwantschaft  der 
begriffe  'steigen,  klettern'  und  'ankleben'  wie  bei  nhd.  klim- 
men^ geklommen  und  klemmen ,  klammer ^  beklommen^  ver- 
klommeiiy  ahd;  käban  'adhaerere'  =  anord.  klifa  'scandere'; 
vergl.  Hildebrand  deutsch,  wörterb.  unt.  klimmen^  Joh.  Schmidt 
indog.  vocal.  I  59.  und  Bechtel  üb.  d.  bezeichn.  d.  sinnl.  wahr- 
nehm, in  d.  indog.  spr.  9.  Nasaliert  ist  das  praesens  sanskr. 
limp-ä-tiy  lit.  limp-ü  'ich  klebe',  abulg.  pri-ti(p)-na  (das  -p- 
vor  w  fehlt  lautgesetzlich  in  -li-na^  wird  aber  nach  der  ana- 
logie  ausserpraesentischer  formen  hergestellt).  Bei  dem  ger- 
manischen verb  haben  wir  ausser  den  für  lat.  ffgö  geltend 
gemachten  allgemeinen  gründen  einen  directeren  anhaltspunkt 
an  dem  in  allen  formen  des  praesensstammes  vollzogenen 
„grammatischen  Wechsel":   urgerm.  -lito  =  indog.  lipo. 


-üexion  aus  dem  „thematischen"  einfachen  aorist  der  indogermanischen 
grundsprache  denke. 


—     5     — 

Das  t  durch  formübertragung  vom  perf.  plur.  und  partic. 
praet.  herzuleiten,  hat  seine  bedenken.  Erstens  pflegte  bei 
solcher  radicaleren  ausgleichung  d,es  grammatischen  wechseis 
in  der  regel  das  praesens  nebst  dem  perf.  sing,  den  ausschlag 
zu  geben;  ja  das  praesens  widersteht  noch  oft,  wenn  selbst 
der  Singular  perf.  schon  von  der  analogie  seines  plurals  und 
particips  ergriffen  ist;  man  vergleiche  die  beispiele  bei  Verner 
Kuhns  zeitschr.  XXIII  104  ff.  Doch  legen  wir  auch  hierauf 
noch  kein  besonderes  gewicht,  so  wiegt  schon  schwerer,  dass 
man  um  so  mehr  irgendwo  in  einem  der  altgermanischen 
dialekte  einen  sicheren  rest  von  germ.  /  im  praesensstamme 
unseres  verbs  erwarten  dürfte,  als  selbst  unter  den  wenigen 
(im  westgermanischen  nur  zwei)  formen  des  perf.  sing,  ein 
solcher  in  Isidors  bi-leiph  ""remansit'  (Graff  althochd.  sprachsch. 
II  48.)  sich  darbietet  (in  got.  bi-laif  des  kalendariums  ist  aus 
bekanntem  gründe  das  /  zweideutig).  Freilich  ist  zur  not 
noch  eine  andere  auffassung  des  bi4iban  möglich,  die  zwar 
den  consonantismus  ebenso  gut  erklären  würde:  ahd.  bi-Ubu 
könnte  speciell  germanischer  ersatz  für  ein  *bi-limbu  =>  ur- 
germ.  "^bi-limbü^  sanskr.  limpami\  lit.  limpu  sein,  indem  der 
ausserpraesentische  ablaut  zu  i  statt  im  im  praesens  hinge- 
drängt hätte.  Doch  hätte  '^bi-limbu,  nach  manchen  ander- 
weitigen analogien  zu  schliessen,  wol  eher  zu  dem  neuen 
ablaut  *bi-limb2ij  "^bi-lamb  geführt. 

Avest.  vis-a-iti  ''kommt  herzu,  hinein',  vis-a-ite  med., 
vis-äi  conj.  med.;  grich.  eVw  =  sanskr.  viQ-d-tiy  vic-ä-te] 
griech.  «x-w-^m^,  ^x-rj-rat  conj.  med.,  rK-ol-i,irjv  opt.  med. 
Nasale  bildung  zeigen  hier  griech.  U-vi-ojiiaiy  aus  ^Ix-vef-o- 
fiaL  und  auf  der  fünften  sanskritclasse  beruhend  (de  Saussure 
syst,  primit.  187.  anm.),  griech.  homer.  tjc-avw. 

Avest.  vidh'ß'nti'siQ  finden',  vid-a-t^er  erlange'  unechter 
conj.,  vid-a-nt'  partic.  in  vidat-gav-äo  adj.  gen.  dual,  "^rinder 


—     6     — 

erlangend,  erteilend V üt.  isz-vyd-au  ""ich  bekam  zu  sehen, 
erblickte,  wurde  gewahr"*  aor.  (praes.  isS'vys-iu,  infin.  isz- 
-vys-ti)'^  got  fra-veü-i-p  ""er  rächt',  in-veit-i-p  *^er  betet  an',, 
ahd.  wiz'i-t  ''er  rechnet  als  schuld  an,  straft,  verweist,  d.  i. 
urgerm.  wit-e-pi  ""animadvertit',  got.  in-veit-ai-s ,  ahd.  ^r 
wiz-e  opt.  aor.  aus  urgerm.  wit-öi-s,  wit-öi-p  =  sanskr. 
ved.  vid-ä-nti  'sie  finden'  rgv.  I  67,  4.^),  ved.  d-vid-a-t^  vid-ä-t 
*^ er  fand',  vid-ä-nta  med.,  ved.  vid-a-si^  vid-u-Sj  vid-a-t 
conj.,  ved.  vid-e-t  opt.,  vid-a-nt-  Vissend'  partic.  act.  bei 
grammatikem  und  lexikographen,  Pänini,  Vopadeva,  Amara- 
kosha  (vergl.  Böhtlingk-Roth  VI  1041.  unt.  1.  vid-)  und  als 
'^findend,  erwerbend'  in  ved.  vid-äd-vasu-  adj.  ""guter  gewin- 
nend'; griech.  homer.  poet.  %d-o-v  ""ich  sah,  ersah,  fand',  'lö-e 
aor.,  homer.  Xö-o-vro  med.,  *(5-w,  iS-r]-gj  Xö-j]  conj.,  id-0L-f.iiy 
lö-oi-g^  Xd-oi  opt.,  XÖ-6-VT-  partic.  act.  Wegen  der  nasa- 
lierten bildung  von  sanskr.  vind-ä-ti,  avest.  vind-e-htij  viiid-a-t 
lässt  in  avest.  vidherti^  vidat  Bartholomae  altiran.  verb.  45. 
95.  110.  das  i  den  nasal vocal  bezeichnen,  „für  den  ein  be- 
sonderer buchstabe  nicht  vorhanden  war".  Aber  in  vindent?) 
vindat  wäre  dann  der  vermeintliche  „nasalvocal"  (vermeint- 
lich, Wenn  Hübschmann  Kuhns  zeitschr.  XXIV  359.  über  den 
lautwert  des  n  das  richtige  trifft)  doch  durch  „einen  beson- 
deren buchstaben"  bezeichnet,  da  ja  Bartholomae  nicht  an- 
nehmen wird,  dass  dieselbe  sprachform  6ines  dialekts  gleich- 
zeitig bald  mit  dem  vollen  nasal,  bald  mit  nasalvocal  ge- 
sprochen worden  sei.  Bei  got.  fra-^  in-veitaiij  ags.  vUan,  alts. 
imtany  ahd.  wiza?i  rechtfertigt  freilich  nur  der  gesichtspunkt 
der  comparativen  rücksicht  unsere  auffassung  der  foi^  als 
eines  aoristpraesens  mit  indog.  i.    Ein  praesens  nach  erster 


1)  Bei  Aufrecht  in  der  ersten  aufläge  (die  zweite  ist  mir  nicht  zur 
band)  falsch  vindänti,  vergl.  Grassmann  wörterb.  z.  rgv.  1272. 


—     7     — 

indischer  classe  u  e^d  ö  war  der  grundsprache  wahrscheinlich 
fremd:  denn  homer.  eld-E-rai  Vird  sichtbar,  erscheint'  ist, 
wofern  man  nicht  geradezu  lö-e-rai  dafür  einzusetzen  hat, 
doch  wol  nur  eine  specifisch  griechische  Umbildung  des  letz- 
teren nach  dem  muster  des  sigmaaorists  homer.  elo-a-To^ 
augmentiert  e-eiö-a-ro  (mit  verschlepptem  augment  particip 
l-eio-a-^ievog).  Auch  an  ein  ursprachliches  praesens  ueid-mi 
nach  zweiter  classe,  aus  dem  das  germanische  untan  durch 
Übergang  in  die  ö  -  conjugatign  hervorgegangen  sein  könnte, 
ist,  wie  mir  scheint,  trotz  des  sanskr.  i^e^-W,  abulg.  ve-m( 
nicht  mit  F.  Masing  d.  Verhältnis  d.  griech.  vocalabstufung 
zur  Sanskrit.  81.  anm.  1.  101.  und  Brugman  morphol.  unters. 
III  18.  zu  denken.  Singulares  sanskr.  vet-ii  erscheint  statt 
und  neben  ved-a  erst  bei  den  grammatikern ;  vergl.  Böhtlingk- 
Roth  VI  1041.  Die  von  den  brähmanas  an  zu  belegenden 
pluralformen  vid-masi^  vü-tha  (Böthlingk  -  Roth  a.  a.  o.)  sind 
wol  nur  der  praesentischen  bedeutung  des  praeterito-praesens 
zu  liebe  geschehene  Umformungen  von  vid-mäy  vid-ä,  zu  denen 
auch  der  mit  dvish-yä-m  gleichartig  gebildete  optativ  vid- 
-yä'-vi,  und  das  wie  dvish-änt-  verstandene  aoristparticip 
vid-ä-fit-  wol  einladen  konnten;  vid-masij  vit-tha  hatten  dann 
ihrerseits  den  noch  jüngeren  singular  ved-im\  vSt-ti  im  ge- 
folge.  Dass  auch  abulg.  ve-vü  nur  auf  dem  alten  perfec- 
tischen  uoid-m  basieren  kann,  wie  schon  Mahlows  auf- 
fassung  ist  d.  lang,  vocale  A  E  0  144.,  folgt  aus  dem 
Wurzel vocale  t',  denn  slav.  e  ist  nie  Vertreter  eines  indog.  e-/, 
jedoch  im  wortinnern  normaler  von  indog.  oi\  vergl.  abulg. 
cina  =  Ttoivy'iy  snegü  =  got.  snaiv-s  u.  a.^)    Andere   wege 


1)  Sonach  bliebe  auch  de  Saussure  syst,  primit.  127.  gegen  F.  Masing 
und  Brugman  aa.  aa.  oo.  im  rechte,  wenn  jener,  die  homerischen  con- 
junctivformen  eid-o-jusv,  eiS-e-re  als  perfecteonjunctive  betrachtend, 
darauf  sowie  auf  das  kurze  wurzelhafte  ä  von  \eä.  Ja-bhä7^-a-tf  ta-tän-a-t 


—     8     — 

also  als  der  unsrige,  das  germ.  ivit-o  bei  praesensbilduDgen 
der  verwanten  sprachen  unterzubringen,  zeigen  sich  abge- 
schnitten. 

Griech.  vicp-et  ^es  schneit',  homer.  v~icp-e-{.iev  infin.  (IL  M 
280.);  anord,  snyr  (für  **wy9  aus  *smv^)y  ags.  sniv-e-St^  mhd. 
snitü-e-t  (smget)y  mhd.  snigen  {sniweri)  infin.  ■=  lit.  snig-o^ 
lett.  snigg-a  ''es  schneite'  aor. ;  neuniederd.  et  snigg-e-t  ""es 
schneit',  snigg-en  infin.  (westfäl.  grafsch.  Mark).  Von  ahd. 
sniimit  bei  Graff  VI  852.  ist  die  länge  des  i  nicht  bezeugt, 
jedoch  wol  nicht  anzuzweifeln.  Lat.  nivit  bei  Pacuv.  praet. 
V.  4.  Ribb.  ist  zwar  wahrscheinlich  derselben  bildung  mit 
vicpet^  mhd.  sntwet^  neuniederd.  snigg-et^  doch  ergibt  sich  aus 
dem  verse  nichts  über  die  quantität  der  ersten  silbe.  „IL  M 
280.,  der  einzigen  homerischen  stelle,  an  der  das  verbum 
[viq)eL\  vorkommt,  ist  vlcp^iev  durch  Ven.  A.  und  palimps. 
syr.  allerdings  gut  beglaubigt",  muss  Job.  Schmidt  vocal. 
I  134.  trotz  allem  anerkennen,  was  er,  unter  beistimmung 
von  Curtius  grundz.^  318.,  zu  gunsten  von  veUpeu  als  der  an- 
geblich „  allein  berechtigten ",  weil  „  von  Herodian  anerkann- 
ten Schreibung"  vorbringt.  Vergl.  auch  G.  Meyer  Bezzen- 
bergers  beitr.  182,,  0.  Schade  altdeutsch,  wörterb.^  840.  a. 
vicpet  und  deutsches  snhvit  stützen  sich  gegenseitig.  Denn 
bei  letzterem  spricht  der  urgermanische  Schwund  des  ^  vor  iv 
nach  dem  Sieversschen  gesetze  Paul -Braunes  beitr.  V  149. 
(vergl.  dazu  Paul  ebend.  VI  538.)  für  betonung  des  verbal- 
ßuffixes  und  also  gegen  indog.  ei.  Mit  Noreen  Paul-Braunes 
beitr.  VII  437.  „den  grammatischen  Wechsel  durch  den  all- 
gemeinen Schwund  des  z  aufgehoben"  sein  lassen,  ginge 
an,  wenn  wir  es  hier  nicht  mit  einem  defectiven  imper- 


u.  a.  seine  ansieht  gründet,  dass  dem  conj.  perf.  ursprünglich  mittel- 
Btufenvocalismus  (^-atufe)  zukam. 


—     9     — 

sonale  zu  tun  hätten.  Durch  analogiebildung  könnte  das  w 
hier  nur  von  dem  opt.  perf.  (ahd.  '^sniwi)  und  allenfalls  dem 
particip.  praet.  (anord.  sniv-inn)  ausgegangen  sein.  Diese 
einwirkung  aber  auf  die  doch  ungleich  häufiger  gebrauchte 
3.  sing,  praes.  anzunehmen,  ist  um  so  bedenklicher,  als  das 
starke  perfect  und  particip  dieses  verbums  selbst  im  altger- 
manischen frühzeitig  neubildungen  nach  schwacher  conjuga- 
tion  (ags.  snivde^  mhd.  snite  praet.,  mhd.  ge-sniet  partic.) 
wichen.  In  mhd.  snujet  und  neuniederd.  snigget  stammt  das 
g  von  dem  Infinitiv,  dem,  wie  ich  in  einem  nachfolgenden 
aufsatze  zeige,  urgerm.  ;?,  nicht  w,  trotz  der  suffixbetonung 
und  trotz  Sievers'  gesetz  regelrecht  zukommt.  Man  wird 
also  vifpUy  ungeachtet  der  autorität  Herodians,  unangefochten 
lassen  müssen  und  es  weder  mit  G.  Meyer  nach  einem  nicht 
existierenden  altgriechischen  lautgesetze  aus  veicpsi  ableiten, 
noch  auch  beide  formen  mit  Job.  Schmidt  auf  die  nasalierte 
bildung  von  lat.  nijiguü,  lit.  sninga  reducieren  dürfen. 

Sanskr.  üh-a-ti  ''schafft  weiter,  schiebt,  rtickt^  ==  sanskr. 
uh-a-ti  dass.  nach  praepositionen  (vergl.  Petersb.  wörterb. 
1 1032.  und  das  nomen  agentis  ved.  uhän-  'kehrwisch,  besen'). 
Die  ungeschwächte  wurzelform  ist  vah-  in  väk-a-ti  ''vehit^ 
wie  Grassmann  wörterb.  z.  rgv.  276.  richtig  annimmt;  „bis- 
weilen spielen  die  bedeutungen  von  vah-  und  üh-  so  in  ein- 
ander über,  dass  es  schwer  wird,  einige  formen,  die  gram- 
matisch zusammenfallen,  mit  Sicherheit  an  die  rechte  stelle 
zu  setzen"  (Böhtlingk-Roth  a.  a.  o.). 

Sanskr.  guh-a-ti  *" verbirgt',  giih-e  med.  ==  sanskr.  guh- 
-d-ti,  giih-e  med.,  ved.  guh-a-s  aor.,  giih-d-mana-s  partic. 
med.,  guhdd-avadya-  adj.  '^fehler  verdeckend';  avest.  ä-guz-e 
med.  Wie  lautet  im  litauischen  das  praesens  und  der  aorist 
zu  gu'z-ti  'beschützen',  gu'sietojis  'beschützer',  welche  Geitler 
lit.  stud.  85.  aus  einer  handschrift  Dowkonts  verzeichnet? 


—     10     — 

Vergl.  Job.  Schmidt  Kuhns  zeitschr.  XXV  165.  Das  sanskr.  ü 
ia  guh-a-ti  erfordert  nicht  notwendig  lit.  ü  als  entsprechung. 

Lat.  glüb-ö  ""schäle';  ags.  cluf-e  ""kliebe,  spalte^  clüf-an 
infin.  =  griech.  ylvcp-to.  An  und  für  sich  würde  lat.  glüb-ö 
natürlich  ebenso  wenig  für  indog.  ü  zeugen  wie  düc-d. 

Ags.  püt-e  *^stosse  einen  ton  aus,  heule'',  püt-an  infin. 
==  sanskr.  iud-ä-ti  'stösst'.  Vergl.  sanskr.  anu-tunna'  partic. 
*^abgestossen ,  staccato'  vom  ton  (Graff  althochd.  sprachsch. 

V  235. ,  Bechtel  üb.  d.  bezeichn.  d.  sinnl.  wahrnehm,  in  d. 
indog.  spr.  81  f.).  Daneben  erscheint  die  nasale  bildung 
sanskr.  ved.  ni  tund-a-te  med.,  lat.  tiind-i-t. 

Avest.  büj-a-t  *^tat  weg,  legte  ab,  reinigte';  lit.  büg-au 
'ich  wurde  scheu,  erschrak'  aor.  (praes.  bük-stu,  infin.  bük-ti) ; 
ags.  büg-e  ""flecto  me,  submitto  me',  büg-an  infin.,  ä-bügan 
■^flectere,  incurvare,  se  incurvare,  discedere,  vitare',  be-bügan 
*^fugere,  evitare,  circumire',  for-bügan  ""declinare,  praeterire', 
ge-bügan  ""flectere  se,  submittere  se',  on-bügan  'se  submit- 
tere,  oboedire',  under-büzan  'se  submittere',  ymb-bügan  'cir- 
cumflectere'  =  sanskr.  bhuj-ä-ti  'biegt',  nir-bhujaii  'biegt 
bei  Seite,  schiebt  bei  seite,  rückt  aus  der  stelle',  ved.  nir 
bhnjdntä  'herausrückend,  rettend  aus'  partic.  act.  dual.  (rgv. 

VI  62,  6.) ,  ved.  pari  bhuj-ä-tl  'möge  umspannen ,  umfangen, 
umfassen',  unechter  conj.;  griech.  s-cpvy-o-Vy  cpvy-elv  'fliehen' 
aor.  Avest.  büjat  wird  von  Bartholomae  altiran.  verb.  45. 
95.  HO.  auch  auf  die  nebenliegende  nasalierte  bildung  von 
avest.  bunj-a-intiy  zu  der  sich  lesb.  Tte-rpvyycov  stellt  (Brug- 
man  morphol.  unters.  III  150.),  zurückgeführt;  ebenso  laut- 
gesetzlich unmöglich,  wie  bei  vidhenti,  vidat  (s.  6.').     Die 


1)  Das  dritte  und  letzte  Bartholomaesche  beispiel  derselben  art  ist 
yüjen,  das  =  *yunjen  sein  soll,  wie  auch  schon  Joh.  Schmidt  indog. 
vocal.  I  131.  lehrte  und  Brugman  neuerdings  morphol.  unters.  III  151. 
geglaubt  hat.   Nach  meinem  dafürhalten  hat  auch  yüjen  indog.  ü  und  ist 


—    11   — 

Wurzel  von  biegen  war  indog.  bheuk^-.  Daraus  erklärt  sich 
unmittelbar  das  germ.  g^  von  ags.  bü^an  nach  Verners  ge- 
setze:  urgerm.  bü^o  ==  indog.  bkük^ö.  Der  Singular  perf. 
hat  denn  auch  im  angelsächsischen  noch  sein  normales  -h: 
bedhj  neben  neugebildetem  becig]  vergl.  Ettmüller  lexic. 
Anglosax.  301.  Mit  welchem  rechte  wir  damit  nun  die  auf 
indog.  </^  basierenden  formen  der  aussergermanischen  spra- 
chen zusammenstellen,  erfährt  man  bald  weiter  unten. 

Lit.  lüz-au  *^ brach "*  (intrans.)  aor.  (praes.  lüsz-tu^  infin. 
lüsz'ti)]  anord.  Ij/k  1.  sing,  indic.  praes.,  lük-an  infin.  ""ver- 
schliessen',  ags.  lüc-e,  lüc-aii^  ahd.  ant-lühh-u  ""schliesse  auf, 
öffne"*,  ant-lühhun  infin.  ==  sanskr.  ruj-ä-ti  *^ bricht,  erbricht\ 
Ursprüngliche  bedeutung  war  in  utramque  partem:  *^einen 
verschluss  auf  oder  zu  brechen'.  Das  sanskr.  g  in  rug-nä-s 
partic,  rug-a-s  m.  'gebrechen,  krankheit'  beruht  auf  über- 
tritt in  die  analogie  der  bildungen  wie  bhug-nd-s  ''gebogen^, 
bhog-ä-s  m.  'windung'  von  bhij-  mit  indogermanischem  velar. 

Ags.  scüf-e  "^schiebe',  ^cüf-an  infin.,  anord.  skiif-a  schwa- 
ches verb  (praet.  sküf-a^a)  =  sanskr.  chup-ä~ti  '^berührt''  bei 
grammatikern  belegt  (Petersb.  wörterb.  II  1097.).  Ags.  scüf-e 
=  germ.  sküd-öj  indog.  sküp-ö. 

Ags.  smü^-e  'schmiege  mich,  krieche  hinein',  smü^-an 
infin.,  purh-srnüztm  'hindurchkriechen'  =  lit.  smuk-aü  'glitt 
zwischen  oder  in  etwas  herab'  aor.  (infin.  smuk-ti).  Urgerm. 
smügo  =  indog.  smük^o.  Auch  hier  zeigt  der  angelsäch- 
sische ablaut  noch  den  grammatischen  .Wechsel  in  alter  Ord- 
nung: smiige^  smedh  (freilich  auch  schon  smed^j  vergl.  Ettmüller 
lex.  Anglosax.  707),  smu^on.    Nasaliert  lit.  smunk-ii  praes. 


==  gruudsprachl.^'w^^/^^^  vedischem  unthematisch-aoristischem  "^yuj-än 
vergl.  ved.  yuf-ata  3.  plur.  aor.  med.,  ä-juk-ia  3.  sing.  aor.  med.  u.  a. 
bei  Grassmann  wörterb.  1116  f.)  ebenso  regulär  entsprechend,  wie  so 
häufig  zendformen  mit  ?,  ti  sanskritischen  mit  i,  u  gegenüber  stehen. 


—     12     — 

Ich  stelle  endlich  hierher  den  griechischen  aoristinfinitiv 
o-iüx-elv  bei  Hesiod.  op.  et  di.  727.,  den  man  in  ermange- 
lung  eines  '^o-i.Ci%-elv  mit  Im-elv  das  doppelspiel  von  indog. 
i  und  i  spielen  lassen  muss.  Das  nur  aus  o^il%u  in  einem 
fragment  des  Eupolis  bei  Athen.  XIV  p.  646.  F.  und  aus 
oi^iiX^üj  ofir/rjoco  bei  Eustathius  comm.  zur  IL  p.  580,  3.  be- 
kannte praesens  ofiir/eco  halte  ich  für  eine  spätere  nachbil- 
dung  zu  dem  misverstandenen  6}.ü%elv ;  das  alte  starke  prae- 
sens wird  ein  *  of^ielxco  =  sanskr.  meh-ä-m?\  avest.  maez-ä-miy 
anord.  mig  ^  ags.  mi^e,  niederd.  mige  oder  eine  nasalierte 
bildung  wie  lat.  ming-ö,  etwa  ''^of.nyy-avtOy  gewesen  sein.  Auf 
die  starke  bildung  weist  auch  zurück  der  bei  Hipponax 
fragm.  55.  Bergk^  überlieferte  sigmaaorist  w^u^ev,  dem  Eusta- 
thius a.  a.  0.  oder,  wen  er  ausschreibt,  auch  durch  aufstellung 
eines  barytonierten  praesens  o/uly^iü  besser  gerecht  zu  werden 
sucht.  Oder  wäre  ein  solches  aoristpraesens  eine  reale  grosse 
und  bei  Eupolis  a.  a.  o.  die  Überlieferung  in  ofulxei  zu  emen- 
dieren,  so  dass  dann  auch  das  germanische  verb  indog.  ?, 
nicht  et,  haben  könnte? 

B.  Praesens  mit  suff.  -/ö-,  -ze-,  ursprünglich 
-iö-y  -iß-: 

Sanskr.  ci-ya-te  'wird  geschichtet,  gesammelt,  geprüft, 
beachtet'  pass.*);  griech.  homer.  tjUbl^  ri-ovai  praes.,  rl-o-v, 
rl-e  imperf.,  ri-e-tca^  ri-e-To  mediopass.,  Ti-e-f-iev  infin.  = 
griech.  homer.  nachhomer.  t^-w,  rt-ei^  tl-ovol  praes.,  rZ-o-v, 
Ti-e-Qy  tI-€  imperf. 

Sanskr.  ved.  nachved.  kshi-ija-te  ''wird  verdorben,  kommt 
um"*  mediopass.;  griech.  homer.  cpd-i-rjQ  ''du  kommest  um' 


1)  Ebenso  wenig  wie  Delbrück  syntakt.  forsch.  IV  73.  habe  ich  mir 
die  ansieht  Brugmans  morphol.  unters.  1 187  ff.,  dass  das  indo-iranische 
passiv  seinem  Ursprünge  nach  etwas  anderes  als  die  praesensbildung  der 
jod-classe  sei,  anzueignen  vermocht. 


—     13     — 

conj.  (Od.  ß  368)  ==  griech.  homer.  e-cpS^i-e-v  ""verzehrte,  ver- 
darb^ imperf.  (11:^446.). 

Sanskr.  ved.  dt-ya-ti  ""schwebt,  fliegt'  (intens,  "^enteilen, 
davonfliegen')  =  griech.  homer.  ep.  (und  bei  Aeschylus) 
öt-co  ""lasse  mich  scheuchen,  lasse  mich  jagen,  fliehe,  flüchte', 
ÖL-o-fiai  trans.  "^scheuche,  jage'.  Die  nebenform  des  mediums 
öief-icii  ""eile,  laufe',  nach  Fick  wörterb.  P  109.  „vielleicht 
durch  assimilierende  Wirkung  des  j  im  einstigen  dij€/LiaL 
[lies  *dfjof.iaL]  entstanden",  ist  vielmehr  das  resultat  der 
association  der  formen  wie  öl-e-Tatj  öl-e-vraij  dl-e-od-ac 
mit  den  synonymen  "c-e-Taij  Y-e-vraiy  l-e-G&ac  (weniger  mit 
TiS^evrai  nach  G.  Meyer  griech.  gramm.  §  494.  s.  380).  So 
erklärt  sich  auch,  dass  vorzugsweise  das  ötefxai  der  träger 
der  intransitiven  bedeutung  des  mediopassivs  bleibt,  wäh- 
rend öL-o-(.iai  fast  nur  als  transitiv  fungiert. 

Sanskr.  ved.  pi-ya-ti  ""schmäht,  begegnet  geringschätzig, 
verhöhnt',  frätijn-ya-nti^  nach  ved.  ni  pi-ya-ti^  \Qdi.  pi-ya-nt- 
partic.  subst.  "^schmäher,  frevler';  akd.  fi-ent  m.  circumflec- 
tiert  bei  Notker  (Graff  III  381  f.),  mhd.  vi-ent  m.  'feind' 
partic.  ^=  got.  ß-ja-nd-s  m. ,  anord.  fjand-i  (für  *ß-ja-nd-?) 
m.  "^feind'.  Das  verbum  got.  /{/'öw,  ahd.  ße?i  'hassen'  nach 
dritter  schwacher  conjugation  ist  denominativ  des  in  got. 
ßja-pva  f.  "^feindschaft'  enthaltenen  adjectivstammes  *Ji/a-'j 
dieser  aber  kann  nominale  -/o-bildung  sein  =  indog.  pi-iö-j 
jedoch  auch  -ö-bildung  =  indog.  pü-ö-.  Dieselbe  unent- 
schiedenheit  schwebt  über  indog.  priio-  *^lieb'  ==  sanskr. 
priyä-^  got.  "^frija-  in  frija-pva  f.  ""liebe',  frijon  "^lieben' 
=  abulg.  prijati, 

Sanskr.  pi-ya-tc  "^trinkt',  a-pi-ya-ta  imperf.  mahäbhär. 
III  13611.  (Böhtlingk-Roth  IV  735.);  griech.  homer.  nach- 
homer.  m-o-^ai  'trinke,  werde  trinken'  bei  Pindar  Olymp. 
VI  86.  „  entschieden  praesentisch ",  sonst  als  perfectives  prae- 


—     14     — 

sens  futurisch  geworden  (Curtius  verb.  d.  griech.  spr.  IP  315  f., 
Brugman  Bezzenbergers  beitr.  II  251.  f.  anm.,  dagegen  Del- 
brück syntakt.  forsch.  IV.  113.),  homer.  m-ö-f-ievo-g,  tü-o- 
-f.ieva  partic.  (Od.  x  160.  IL  iY493.),  homer.  m-e-fiev  infin. 
(IL  JI 825.  Od.  7t  143.  g  3.),  e-m-o-v  praeter.  (Julian  in  an- 
thol.  Graec.  II 195.  ed.  Jacobs  (JbtvTvov  coni.  Brunck)  =  griech. 
7ct-o-^ai  bei  späteren  komikern,  bei  Theokrit,  Theognis 
u.  a.  (Passow  unt.  TtLvto  am  schluss),  e-Tt^-o-v,  homer.  7tl-£Vj 
7tL-o-v  praeter.,  homer.  yrt-w,  /ct^-/;,  Ttt-iß-od-a  conj.,  homer. 
nachhomer.  7VL-oif,Uj  Ttt-otj  7tt-oiev  opt.,  homer.  nachhomer. 
7tl-€  imper.  (Od.  l  347. ,  ex-7tie  Euripid.  Kykl.  560.),  homer. 
nachhomer.  Tti-tovy  7ti-ö-vr-egj  m-ovoa  partic,  homer.  Tt^-e-sv, 
Tt^i-elv  infin.,  homer.  cnci-e-{.iev  infin.  (Od.  o  378.);  abulg. /?^y« 
'trinke'  nach  etymologischer  Schreibung  in  mehreren  alten 
handschriften  (vergl.  Miklosich  lex.  Palaeoslov.  566.  a.).  Da- 
gegen ist  das  gewöhnliche  abulg.  pi-ja^  für  indogermanische 
länge  des  i  bekanntlich  nicht  beweisend.  Mit  der  wurzel 
pö- m  7te-7to)-yM^  Tto-xog  haben  diese  /-formen  etymologisch 
nichts  zu  schaffen ;  vergl.  weiter  unten  über  TtLvto.  Die  bis- 
her offene  frage  (vergl.  Delbrück  syntakt.  forsch.  IV  112  f), 
ob  e-7tLov  formal  imperfect  oder  aorist  sei,  entscheidet  sich 
zu  gunsten  des  imperfects  durch  zwei  beweismomente.  Erstens 
durch  die  existenz  von  /tl-&c  imper.  und  7tl-v  sowie  ttI-v 
infin.:  diese  formen  gehören  dem  aorist  an,  der  nach  ihrem 
ausweis  also  grundsprachlich  nach  mz  -  conjugation ,  „unthe- 
matisöh"  gebildet  war;  Ttl-v^  ttL-v  ist  Infinitiv bildung  wie 
(pv'V  (Curtius  verb.  UM 20  f.),  neben  dessen  indicativform 
(e-)cpvj  sanskr.  {ä-)bhü-t  wol  niemand  einen  grundsprachlichen 
„thematischen"  aorist   *{e-)bhuii-e-i   zulässig   finden  wird'). 


1)  Was  Grassmann  wörterb.  z.  rgv.  949.  als  formen  des  „aor.  oder 
Impf."  zusammenstellt,  a-bhuvam,  hhüvas,  hküvat,  bhüvan^  muss  wol  als 


—     15     — 

Sodann  spricht  auch  das  vorkommen  der  7 -formen  7zl-e-f.iev, 
e-m-o-v  für  imperfectcharakter.  Dem  Wechsel  zwischen 
pi-Jo-  und  pi-io'  im  praesensstamm  musste  im  thema- 
tischen aorist,  wie  wir  weiter  unten  zeigen,  ein  solcher  von 
pii^O'  und  pi-o-  parallel  gehen,  also  war  hier  ein  ^  ur- 
sprünglich unerhört.  Der  aoristgebrauch  aber  von  e-Ttiov 
hat  allerdings  die  accentuation  der  formen  des  verbum  infini- 
tum,  Ttuüv ,  7t LUV  j  entweder  seit  der  grundsprache  her  ge- 
schützt, oder  (wenn  die  jod-praesentia  schon  indogermanisch 
Wurzelbetonung  einführten)  im  griechischen  neu  hergestellt. 

Sanskr.  pri-ya-ii  ""ist  befriedigt,  ist  vergnügt,  ist  froh, 
lässt  sich  behagen',  pri-ya-te  intrans.  dass.,  trans.  "^liebt,  ist 
geneigt^  med.  =  sanskr.  pin-ya-te  med.  rämäy.  II  56,  13  f, 
sarn  pri-ye-ta  opt.  rämäy.  II 48,  18.  ed.  Schlegel  (vergl.  Petersb. 
wörterb.  IV  1167.  11G8.);  avest.  fryänmahi  ys.  XXXVIII  12., 
d.  i.  ^fri-yä-mahi  1.  plur. 

Lat.  con-gru-ö  'ich  falle  zusammen  mit',  in-gru-ö  ""ich 
stürze  herein,  breche  herein',  eigentlich  'ich  wuchte  zusam- 
men', 'wuchte  herein'  aus  *-grü-iö^)  =  griech.  ßQv-co  'bin 
schwer  und  voll,  strotze,  spriesse  üppig  hervor'. 

Sanskr.  crü-ya-te  'wird  gehört,  wird  vernommen,  heisst' 
pass.;  altlat.  clu-ö  'ich  werde  genannt,  heisse',  aus  '^clü-iö^) 

neu  gebildetes  indisches  paradigma  gelten.  Ved.  bhüv-an,  die  3.  plur., 
ist,  wie  wir  weiterhin  zeigen,  älter  als  ä-hhäv-an  und  reguläre  form  des 
„unthematischen"  aorists  d-hhü-s,  ä-bhü-t^  ä-hhü-ma,  ä-hkü-ta.  Ebenso 
ist  ved.  ä-hhuv-am  (ob  eine  indogermanische  erbform,  darüber  später) 
so  als  normale  1.  sing,  zu  ä-bhü-s,  ä-bhü-t  zu  stellen,  wie  ved.  d-grav-am 
aor.  zu  dcro-t.  Auf  der  grundlage  von  bhüv-an  und  d-bhuv-am  ent- 
wickelte sich  die  thematische  flexion  mit  bhüv-a-s  2.  sing.,  bhüv-a-t 
3.  sing. 

1)  E.  R.  Thurneysen  stellt  in  seiner  doctordissertation  „über  die  her- 
kunft  und  bildung  der  lateinischen  verba  auf  -io  der  dritten  und  vierten 
conjugation  und  ihr  gegenseitiges  Verhältnis"  Leipzig  1879.  s.  22  f.  das 
lautgesetz  auf,  „dass  im  lateinischen  das  resultat  des  auslauts  der  r^-wur- 


—     16    — 

(vergl.  unverkürztes  altlat.  clüeat  bei  Plautus  Menaechm.  575.), 
clu'is  2.  siüg.,  clu-arriy  clu-äs,  clu-aty  clu-ant  conj.,  clu-et  fut., 
clu-^-rent  conj.  imperf.  (Neue  formenl.  d.  lat.  spr.  11''  426., 


zeln  und  eines  J-suffixes  ein  t  ist".  Brugman  morphol.  unters.  III  45  f.  48. 
stimmt  dem  bei.  Aber  Thurneysens  beispiele  selbst  lassen  ihn  im  stich. 
Lat.  suf-ßö  'räuchere'  hat  nicht  nur  griech.  d'v-co,  sanskr.  dhü-7nä-s, 
abulg.  dy-mü,  lit.  dü-mai,  sondern  auch  griech.  d'i-co,  S'v-ro-s  u.  s.  w. 
zur  Seite.  Warum  soll  fw  'ich  werde'  auf  bhü-  in  griech.  yv-co,  e-fv-v, 
sanskr.  bhü'-U-s,  abulg.  by-ti,  lit.  bü-ti  bezogen  werden  und  nicht  auf 
bhü-  in  ^v-co ,  fv-ro-r,  ffv-ai-s^  lat.  fu-tuö^  fü-türusl  Neben  lat.  in- 
-ciens  'schwanger'  stehen  zwar  sanskr.  gü-nä-s,  ^u-ra-s,  avest.  sü-i^y, 
lat.  cü-lu-s,  altir.  cü-l,  aber  gerade  die  auf  derselben  praesensbildung 
beruhenden  griech.  iyxv-covj  avest.  su-ya-nmd  'zunehmend,  wachsend' 
zeigen  kürze  des  u.  Thurneysen  meint,  gegen  die  griechischen  lautgesetze, 
entstehung  des  iy-xvcov  aus  *ey-xv-cov  annehmen  zu  dürfen.  Dem  lat. 
piu-s,  osk.  piihiüi  sind  lat.  ;?m-^w-.s 'rein',  sanskr. ^;w-««-?rreinigt,  läu- 
tert' ebenso  nahe  als  sdt.nskT.pü-td-s,  Isit.  pü-7'ii-s.  Ferner  wozu  umbr.  sim, 
sif  gerade  aus  dem  fi  von  lat.  sü-s,  griech.  v-s,  umbr.  ^;«V  aus  dem  von 
griech.  tiv-q  deuten,  da  doch  die  ü  von  griech.  v-ai,  ov-ai,  altlat.  sü-bus 
(Neue  formenl.  d.  lat.  spr.  I^  288  f.,  Bücheier -Windekilde  grundriss  d. 
lat.  declin.  §  320.  s.  123.),  sii-cula  und  von  griech.  tv'v-q-os,  nv-^ä  sich 
nicht  minder  darbieten?  Kurzum,  da  unsere  ganze  obige  darstellung  den 
generellen  unterschied  zwischen  ü-  und  ??- wurzeln  als  nichtig  erweist, 
so  kann  nur  die  lautphysiologische  ratio  entscheiden,  ob  in  den 
genannten  und  anderen  lateinischen  fällen  J  aus  Tn  oder  aus  iii  entstan- 
den sei.  Und  da  dünkt  es  mich  ungleich  wahrscheinlicher,  dass  fn  in  f 
zusammenfliesst,  ü  aber  der  Vermischung  mit  f,  welches  nachher  inter- 
vocalisch  ausfällt,  widersteht,  als  das  gegenteil.  So  ist  mir  auch  lat. 
dü-biu-s  ==  *dü-bti-io-s,  gleichsam  griech.  Si-^vio-s,  8i-yvT]s,  obwol  das 
sanskrit  -bhii-ya-m  'werden'  im  schlussgliede  von  compositen  hat.  Da 
nach  Windisch  Curtius'  grundz.^  305.  auch  altir.  bin  'fio,  sum'  „über 
*bi-iu  aus  *bu-iä  [*bu-iö]  entstanden"  ist  und  im  italischen  das  oskische 
piihiüi,  d&s  umhv'ische peio-, piho-, peihaner, pihcme?'  und pir  =  griech. 
Ttv'iQ  hat,  war  es  da  vielleicht  schon  ein  gemeinsames  „italo-keltisches" 
lautgesetz,  tll  in  J  zu  verwandeln?  Freilich  wird,  „da  flö,  ßam,  fiebam 
stets  und  formen  wie  fierein  und  fiere  und  fien  wenigstens  in  der  älteren 
poesie  noch  öfters  gedehntes  inneres  ?  haben"  (Leo  Meyer  Bezzenbergers 
beitr.  V  177.),  noch  das  gesetz  zu  ermitteln  sein,  wonach  im  lateinischen 
aus  üi  entstandenes  f  bald  verkürzt  wurde  (ausser  in  fiere,  fteri,  fterem 


—     17     — 

Corssen  ausspr.  voc.  II  ^  680.  740.)  =  avest.  sru-ye  'ich  finde 
erhörung^  pass.,  vi  sru-i/a-ta  ''er  ward  bekannt  als^  imperf.; 
griech.  ylv-co  '^höre'*,  e-x?,v-o-v  imperf.;  lat.  clie?is  m.  "^höriger, 
Client'  aus  '^  clu-ie-?is  (?)  partic.  (Corssen  ausspr.  vocal.  IP740. 
krit.  beitr.  554.  krit.  nachtr.  38.).  Wie.  dem  e-Ttiov  durch 
7tl-&ij  so  wird  dem  e-yilvov  durch  vlv-d^i^  tcAv-tSj  ved.  cru-dhi 
und  d-cro-i  sein  formaler  nicht-aoristcharakter  bei  aoristischer 
bedeutung  (vergl.  Delbrück  syntakt.  forsch.  IV  112  f.)  ver- 
sichert. Lat.  cUens  aus  "^cluiens  bleibt  begrifflich  und  laut- 
lich (vergl.  die  anmerkung  s.  1 5  ff.)  möglich ,  was  auch  Leo 
Meyer  Bezzenbergers  beitr.  VI 76 ff.  dagegen  sagt;  nur  tritt 
Meyers  erklärung  als  'der  sich  anlehnende"  von  würz.  kHei- 
der  alten  jetzt  gleichberechtigt  an  die  seite.  Ich  würde 
den  *^ hörigen',  ^clü-iensj  übrigens  auch  weniger  als  ''den  ge- 
horchenden' verstehen,  vielmehr  als  denjenigen,  'der  nach 
jemand  genannt  wird,  heisst,  auf  seines  patronus  namen  hört', 
in  einklang  mit  der  mediopassiven  bedeutung  des  chb'e  und 
sanskr.  crfiyate^  avest.  vi  srut/atOj  und  „gewis  auch  mit  alt- 
römischen socialpolitischen  anschauungen ",  wie  mir  auf  be- 
fragen mein  freund  dr,  Soltau  mitteilt. 

Griech.  Sv-co  intrans.  'tauche  unter,  fahre  hinein',  trans. 
'versenke,  tauche  ein',  mit  v  stets  bei  den  Attikern,  zuweilen 
bei  späteren  epikern  ==  griech.  homer.  ep.  öv-w.  Was  die 
etymologie  anbetrifft,  so  führen  uns  die  gleichungen  xaG-ovco 
==  sanskr.  sivyämi  und  txtvo)  ===  sanskr.  shthivyCwü  (unbe- 
legte nebenform  zu  shthivämi  nach  Böhtlingk-Roth  VII  449.) 
auf  dvco  =  sanskr.  divyämi  intrans.  'schiesse  hervor',  trans. 
'lasse  hervorschiessen  (strahlen,  Würfel),  strahle,  werfe,  schleu- 


in  suf-fiö,  in-ciens,  cHens,  pius),  bald  lang  blieb  (in  /'/ö,  fläm,  fuham 
und  'piius  inschriftlich).  Es  hieng  das  wol  mit  dem  Wechsel  von  hoch- 
tonigkeit  und  nebentonigkeit  der  das  i.  enthaltenden  ßilbe  zusammen; 
vergl.  oben  s.  2. 

Osthoff  u.  Brugiuau  untersuch.  IV.  2 


—     18     - 

dere,  spielet  Die  grundbedeutung  war  ^schnellen\  sowol 
'hinab,  hinunter,  hinein,  hinweg"*  als  'empor,  hervor  schnellen'. 
Als  die  wurzeln  aller  drei  verba  betrachte  ich  indog.  dien- 
(yergl.  Zev  vocativ  des  wurzelnomens) ,  sia^^iij  spia^'u-. 
Und  mit  unserem  övcoj  sanskr.  dwyäini  möchte  ich  noch  zu- 
sammenbringen lit.  dzü-s-tu  praes.,  diüw-au  aor.,  dsü-ti  infin. 
'eintrocknen,  trocken  werden,  verdorren,  mager  werden', 
eigentlich  'hinwegschnellen,  hinschwinden';  vergl.  griechi- 
sches wie  vrjoog  xara  Trjg  -d^akazrrjg  dvöa  (Plato),  TtoXeig 
xara  yrig  eövoav  (Aristides),  ßiov  övvrog  (Aeschylus),  eöv 
TtQOTcag  d6(.iog  (Aeschylus),  rilLog  överai  oder  dvveij  övoig 
rjUovy  x^ova  övvao  vom  sterben  (Homer)  u.  a.  bei  Passow 
handwörterb.  unt.  övco.  Auf  der  tiefstufe  wurden  die  wur- 
zeln regulär  zu  rf 2 « -,  siu-^  spiu-  vor  consonanten.  Vergl. 
sanskr.  du-dyü-vams-  (unbelegt)  partic.  perf.  act.,  du-dyü-shati 
desid.,  dyü-td-  m.  n.  'Würfelspiel,  glücksspier,  ved.  a-dyn-lija- 
n.  'unglückliches  spiel',  dyü-  adj.  am  ende  von  compp.  'spie- 
lend', lit.  f/iw-^2  infin.,  dzu-ti-s  f.  'schwindsucht'  (bei  Nessel- 
mann wörterb.  168.  a.  aus  Szyrwid),  dzü-sna  f.  dass.  (Nessel- 
mann ebend.)  und  sanskr.  dyu-ii-s  f.  'glänz,  würde',  ved. 
dyn-mnä-  [n.  'glänz,  herrlichkeit ,  heiterkeit,  begeisterung, 
frische,  kraftvolles  wesen,  tüchtigkeit',  dyu-  m.  f.  'himmel, 
tag,  helle'.  Ferner  sanskr.  ^/yw-^a-  partic. 'genäht',  syü-ti-  f. 
'das  nähen,  sack',  syü-nd-  m.  sack',  syü-mmi'  n.  'band,  rie- 
men,  ztigel,  streifen,  naht',  stjü-  f.  'schnür,  dünnes  band, 
nadel',  ahd.  siü-i  m.  'naht'  partic.  (==  sanskr.  syti-td-s),  siu-la 
f.  'seuel,  pfrieme,  subula'  d.  i.  wol  siüla  (Graff  VI  61.),  lit. 
siu-ta-s  partic,  siü-ti  infin.,  siü-la-s  m.  'zwirnsfaden',  abulg. 
si-tu  partic,  H-^/infin.,  si-lo  n.  'subula'  aus  "^'sjy-tUj  *sjy-ti, 
"^sj'y-lo.  Ferner  sanskr.  shtkyü-ta-  n.  'das  spucken',  abhi- 
-shthyüta-  'bespieen',  ava-shthyüta-  dass.,  ni-shthyüta-  'aus- 
gespuckt'  partic  lautgesetzlich  aus  indog.  spiü-tö-  neben 


—     19     -^ 

griech.  TtTv-ac-g  f.  *^das  spucken"*  aus  indog.  spiu-ii-s^  tvjv- 
-G-fia  n.j  e-7tTv-ö'(.iai  perf.  pass.  Nun  müssen  wir,  glaube 
ich,  das  indog^rmanisclie  dissimilationsgesetz  aufstellen,  dass 
einen  consonanten  beliaftendes  i  wegfiel,  wenn  die  nächst- 
folgende Silbe  mit  /  anlautete.  So  wurden  die  formen  der 
jod-praesentia  diu-iö,  siu-iö,  spiu-i^ö  bereits  grund- 
sprachlich zu  dü-iö  =  griech.  dv-iOy  su-iö  =  griech. 
(Kaö-)ovWj  lat.  suöj  spu-iö  =  lat.  spuö.  Dann  breiteten 
sich  vom  praesens  aus  </-,  s-,  sp~  frühzeitig  durch  analogie- 
bildung  an  stelle  von  di-j  si-^  spi-  aus.  Im  griechischen 
hat  nur  Zevg  das  C-  =  di-  noch;  e-öv-v  aor.  und  öv-vu) 
praes.,  a-öv-io-g^  öv-rrj-gj  öv-Oi-g  u.  a.  sind  neuschöpfungen 
statt  *£-^-v,  *Ct;-rw,  '^a-tv-To-g  u.  s.  w.  nach  ö^-o)  praes. 
Ebenso  im  sanskrit  sü-ci-y  sü-ci  f.  *^nader  sü-ti-  f.  ''das  nähen^ 
(unbelegt),  su-tra-  n.  'gam,  faden,  schnür^  nach  verlorenem 
^su-yä-mi.  Im  lateinischen  sü-tu-Sj  sü-tor^  sü-türay  sü-telüy 
sü-tüi-Sy  sU-btda  nach  suö  praes.,  wie  spü-tu-m  n.,  spü-t-ärej 
spü-tU'S  m.,  spü-ma  f.  nach  spuÖ  praes.  Mhd.  sü-t  m.,  ahd. 
sü'la  kamen  auf  neben  siü-t,  siü-la  (Graff  a.  a.  o.);  auch 
ahd.  su-ten  praet.  plur.  bei  Graff  ebend.  aus  D.  III  51.;  end- 
lich anord.  saii-m-ry  ags.  sea-m^  ahd.  sou-m  m.  ^genähter  rand, 
saum\  Die  verselbständigung  der  wurzelform  su-  ist  uralt, 
die  Schöpfung  eines  nomens  wie  germ.  säu-mo-z  braucht 
nicht  ins  historische  leben  der  einzelsprache  gelegt  zu  wer- 
den. Im  griechischen  können  '/.e-/.aa-ov-(.iivo-gj  Kao-ov-ro-g 
und  -/.ao-ov-ixa  n.  oi-  bergen,  gegenüber  a-  in  -/.aa-avoj.  Um- 
gekehrt drängen  sich  aber  auch  si-y  spi-  wieder  ins  jod- 
praesens  in  den  einzelsprachen.  So  bei  dem  litauischen 
transitiv  dsäu-ju  ^ich  lasse  trocknen,  setze  zum  trocknen  hin, 
hänge  zum  trocknen  auf',  das  (für  altes  ^-du-ju)  sein  dz- 
sowol  wie  das  au  aus  dem  futur  dzdu-siu  bezogen  bat;  aus 
dem  alten  ablaut  *dü-jUj  dzdu-siUj  dzü-ti  entwickelte  sich 


-r-      20      — 

durch  zwiefache  ausgleichung  *dzü-ju  (dafür  später  dzü-stu\ 
dzü'SiUj  dzü-ti  intrans.  und  dzäu-jUj  dsäu-siUj  dzdu-ti  trans/) 
Ferner  bei  abulg.  si-ja  aus  *sjy-ja  oder  *sjü-ja  nach  si-ti 
infin.,  si-tü  partic,  lett.  schü-ju  ^ich  nähe'  statt  *su-ju  nach 
schü't  infin.,  got.  siu-ja^  siu-jan  nach  ^siu-p-s  partic.  u.  dergl. 
Auch  bei  griech.  tctv-co  statt  *  orcv-co,  abulg.  pliu-ja^  nach  j^liu- 
-chu  aor.,  plju-ti  infin.  und  plju-na^  praes.^),  sowie  lit.  spiäu-ju 
nach  dem  futur  spiäu-siu  (auch  in  beziehung  auf  die  ablauts- 
stufe  au)  und  nach  spiau-ti  (statt  "^spiü-ti)  infin.  Das  anord. 
spy-ja  *^speien'  kann  ^=  got.  ^spiu-jan  (vergl.  got.  siu-jan 
'^nähen'*)  sein,  es  hindert  aber  auch  nichts,  es  als  die  alte 
lautgesetzliche  form  ==  *spü-ja?i  aufzufassen.  —  Vielleicht 
kommen  als  vierte  und  fünfte  gleichartige  wurzel  noch  hinzu : 

1)  Solche  bereicherung ,  dass  aus  einem  alten  verb  zwei  formal  ge- 
schiedene, ein  transitivum  und  ein  intransitivura,  hervortreten,  verschaifte 
sich  die  litauische  spräche  häufiger.  Ich  erwähne  nur:  *griü-jii,  griäu- 
-siu,  griü-ti  'wuchten'  =  lat.  -gruö,  griech.  ß^vco  (s.  15.)  ergab  griän-ju, 
griäu-siu,  griäu-ti  'zertrümmern'  und  *grm-ju  (dafür  später  grinwü, 
sieh  unten),  griü-siu,  griü-ti  'einstürzen'.  Die  Übertragung  des  futur- 
vocalismus  auf  das  jod- praesens  und  den  Infinitiv  ist  dem  litauischMi 
ganz  geläufig.  Man  vergleiche  noch:  lit.  krdu-Ju,  kräu-ti  'auf  einander 
legen,  häufen'  nach  kräu-siu  statt  *k?Ti-Ju,  *krn-ti  =  abulg.  kry-ja, 
kry-ti  'decken';  indog.  lu-iö  'schneide  ab,  löse',  fut.  läu-siö  (vergl. 
griech.  Xäß-io-v  'saatfeld,  sichel',  dor.  Aw-t« 'beute'),  lu-te'i-  f.  'lösung' 
=  lit.  *liü-Ju,  lidu-siu,  *liü-ii,  woraus  liäu-ju,  Udu-siu,  liäu-ti  'auf- 
hören', =  griech.  /^-ty,  *Xav-aco,  Xv-ais,  wofür  Xv-co,  Xv-<tco,  Xv-ai-i. 

2)  Eigentlich  waren  die  altslavischen  formenverhältnisse  hier  an- 
fänglich so:  ^py-ja^  praes..-  *pli-ti  (aus  *pljy-ti)  infin.,  *pli-na^  (aus 
*pljy-na^)  praes.;  plju-tu  (=  indog.  spld^ti-tu-m)  supin. ,  pJju-ch-n 
(=  indog.  spla^u-s-m)  ;9-aorist.  Nach  dem  supinum  und  .9-aoriste 
richtete  sich  zuerst  der  Infinitiv:  plju-ti]  darnach  ergab  sich  das  übrige. 
Ähnlich  die  Infinitive  plu-ti  'schiffen',  slu-ti  'heissen',  snu-ti  'gewebe 
aufziehen',  tru-ti  'verderben,  verbrauchen'  u.  a.  nach  ihren  supinen  mit 
alter  mittelstufiger  (normalstufiger)  wurzel,  sowie  nach  den  sigmaaoristen 
abulg.  plu-ch-U  =  griech.  e-nXev-a-a  u.  s.  w.  Andere  Infinitive  haben 
dagegen  ihre  supina  und  ^-aoriste  nachgezogen,  wie  by-ti,  kry-ti  die 
hy-tü  by-ch-ü,  kry-tü  kry-ch-ü,  lit.  bü-ti  das  supinum  bü'tu{m). 


—     21     — 

g^ia'^u-  'kauen'  und  rla^'u-  'brüllen'*,  deren  verbale  flexion 
im  slaviscben  schon  Job.  Schmidt  Kuhns  zeitschr.  XXIII  348  f. 
in  parallele,  wenn  auch  noch  nicht  in  vollständige,  zu  der- 
jenigen von  siti  'nähen"*,  pljiiti  'speien'  stellte.  Abulg.  zuja 
'kaue'  steht  dann  für  "^  zuja^  (ursprünglich  *zi/ja^  nach  zu-chu 
aor.,  "^zi-tü  partic,  *zi'ti  infin.,  während  lit.  iau-nos  'fisch- 
kiemen'  wie  deutsches  sau-m  zu  beurteilen  ist.  Nhd.  kieme  f., 
mitteldeutschen  Ursprunges  (vergl.  Hildebrand  im  deutsch, 
wörterb.),  kann  zunächst  altes  schwaches  masculin  gewesen 
sein  wie  nhd.  hlume  ^  schlänge  u.  a.  (Ö.  Behaghel  German. 
XXIII  269  f.).  Dann  dürfte  wol  kie-me  normal  =  ursprüng- 
lich gHü-men-  oder  giu-men-^  d.  i.  eine  bildung  wie 
sanskr.  syuman-  n.,  griech.  '^-«?yV  m.  sein  und  wie  griech. 
yh-^ia  oder  yv-^-ta  (sieh  weiter  unten),  trotz  der  scheinbar 
grösseren  ähnlichkeit  mit  griech.  tcvsv-i^uovj  ^ev-f-ia^  got. 
hliu-ma  m.,  alts.  ahd.  rio-mo  m.  Von  ri^au-  'brüllen'  ist 
abulg.  rcva^  d.  i.  '^rjeva^  aus  *rjova^  (selbst  wenn  die  Wurzel 
CM -Wurzel  wäre,  bliebe  ja  ov  vorauszusetzen,  vergl.  plova^ 
=  griech.  TtXio))  eine  praesensbildung  erster  indischer  classe ; 
aber  das  particip.  praes.  act.  rov?/y  bei  Miklosich  lex.  Pa- 
laeoslov.  813.  a.  aus  dem  Suprasler  codex  (vergl.  auch  Joh. 
Schmidt  Kuhns  zeitschr.  XXIII  351.),  deutet,  sowie  auch  die 
ebendaselbst  mehrfach  belegte  infinitivform  ?mti  statt  rjut?\ 
auf  das  alte  jod- praesens  *ri/-ja  (eventuell  durch  neubil- 
dung  *ri/ja^  =  griech.  cu-gv-coy  ags.  /'^/-ö  'rugit'  aus  germ. 
rw-/e-9 2  zurück.  Die  anderen  sprachen  müssten  ebendaher 
den  anlaut  r-  statt  ri-  frühzeitig  ganz  verallgemeinert  haben 
in  sanskr.  7'aü-ti  'brüllt,  heult',  ru-td-  partic.  'durchtönt', 
n.  'gebrüll,  geschrei,  gesang',  rava-s  m.  'gebrüll,  gedröhn, 
gesang,  laut,  ton',  lat.  i'ü-mor  m. ,  rävi-s  f.,  rau-cu-s  adj., 
got.  rü-na  f.  'das  raunen,  geheimnis,  rune'  u.  a.  bei  Fick 
wörterb.  P  196.  742  f.    Ferner  die  wurzel  mleu-  'schieben. 


—     22     — 

zuschieben,  wegschieben,  fortdrängen'  in  ajuev-oaod-ät  bei 
Pindar  Pyth.  I  86.  bildete  das  jod- praesens  indog.  rnu-iö 
=  griech.  f.iv-w  trans.  'schliesse,  verschliesse,  tue  zu  (äugen 
und  mund)',  intrans.  'schliesse  mich  (von  äugen,  lippen, 
muscheln,  wunden),  höre  auf  (von  schmerzen,  winden)'  und 
==  lit.  *  mu'juy  wofür  durch  ausgleichung  (mit  dem  futur  mau- 
-siu  =  griech.  afxev'Oco  nach  s.  19  f.)  indu-ju  ""schiebe,  streife, 
ziehe  etwas  ring-,  cylinder-  oder  sackartiges  auf  einen  langen 
festen  körper,  z.  b.  einen  ring  auf  den  finger,  einen  sack  auf 
einen  pfähl  etc.'  (Kurschat  litt,  gramm.  §  1225.  s.  316).  Vor- 
her aber  war  das  futur  mau- siu  selbst  für  ursprüngliches 
"^miau-siu  nach  dem  praesens  *mu-ju  im  anlaute  umgeformt 
worden.  Auf  der  gleichen  alten  neubildung  beruht  m-  für 
ml'  in  sanskr.  ved.  kama-mü-ta-s  partic.  S^on  liebe  ge- 
drungen', mü-rä-s  adj.  *" drängend,  stürmisch',  mü-ni-s  m. 
"^ drang,  andrang',  concr.  *^der  von  innerem  drang  getriebene, 
ein  begeisterter,  verzückter,  asket'  (sich  dem  ^d-G-rrj-g  so 
annähernd),  sowie  in  lat.  mü-t-äre^  mov-ed  *).  Ferner  in  diesen 
Wörtern,  denen  wie  griech.  i^ivw  die  aus  'zudrängen,  zuschie- 
ben' modificirte  bedeutung  'schliessen,  fest  machen,  binden' 
zu  gründe  liegt:  sanskr.  mü-ta-  partic.  *^gebunden',  n.  ""korb', 
mu-ka-s  adj.  *^stumm',  mäv-a-ti  und  mäv-ya-ti  "^bindet'  (letz- 
teres contaminationsbildung  aus  ersterem  und  altem  *7wm'- 
-ya-ti\  griech.  juv-xo-gy  juv-rt-g '  aq^wvog  Hesych.,  lat.  mü-tu-s 
'stumm'.  Davon  wird  sich  eine  andere  wurzel,  mia^'u-  *" an- 
fetten, anfeuchten,  besudeln,  netzen'  wahrscheinlich  durch 
den  a-vocal  der  mittelstufenform  unterschieden  haben.  Diese 
bildete  auch  ein  jod -praesens  indog.  mu-iöi  abulg.  rny-ja^ 

1)  Curtius  grundz.5  324.  und  Fick  wörterb.  IP  192.  (wesentlich  an- 
ders als  P  179 f.  726.)  haben  recht,  wenn  sie  zu  obiger  wurzel  auch 
a-fiv-vco  'wehre  ab"  stellen.  Aber  a-fitiß-co  ist  formal  unvereinbar  da- 
mit; es  ist  wol  mit  K.  Walter  und  Brugman  zu  lat.  mig-räre  zu  stellen. 


I 

I 


—     23     — 

^ich  wasche  ,  avest.  "^mu-ya-iti  in  a-mu-yamna-  *^nicht  beschä- 
digt, nicht  zu  Schanden  werdend'  partic.  mediopass.  (wegen 
des  bedeutungsüberganges  vgl.  griech.  Iv-f^iaLvead^at  ""schimpf- 
lich  behandeln,  beschädigen'  aus  'besudeln,  beflecken',  li-f^iri 
""spülicht,  schmutz,  unrat,  besudelung'  und  *" beschimpf ung, 
mishandluDg').  Dem  mu-io  ist  dann  der  jod- Verlust  in 
sanskr.  mu-tra-  n.  'harn',  avest.  mü-thra-  n.  'unreinigkeit, 
schmutz',  altir.  mü-n  'harn',  abulg.  my-ti  infin.  'waschen', 
7mj-lo  'n.  'waschkraut',  russ.  my-tva  f.  ' Waschung',  lit.  mau- 
'dyti 'haideii  trans.  zu  verdanken.  Griech.  ^i^-d-og  n.  'nässe', 
fAv-ö-a?Jo-g  'feucht'  und  /.w-qo-v  n.  'salbe'  können  allenfalls 
für  * jLuv-d-og^  *f.iiv-ö-al€o-gy  * ßtv-Q-ov  stehen.  —  Mit  an- 
deren punkten,  wie  vornemlich  der  entstehung  der  wurzel- 
formen c??2/-,  siu-y  sptu-  und  g^t^i'j  ^^^J:~i  ^niTi-  'schie- 
ben', mtu'  'anfeuchten',  können  wir  uns  erst  unten  abfinden. 
Sanskr.  dhü-ya-te  'wird  heftig  erregt,  wird  geschüttelt, 
wird  gewirbelt,  stürmt'  mediopass.;  griech.  homer.  nach- 
homer.  d^v-o)  'stürme,  brause,  opfere';  anord.  dy  'schüttele' 
aus  germ.  dü-iö^  dy-ja  infin.  =  griech.  homer.  nachhomer. 
d-v-to  'opfere';  lat.  suf-ßö  'räuchere'  aus  *ßi-ip  (s.  15  ff.  anm.). 
Neuestens  sucht  Leo  Meyer  Bezzenbergers  beitr.  VI  125  ff. 
d-ietv  'sich  heftig  bewegen'  und  d-vsLv  'opfern'  aus  einander 
zu  reissen;  in  einer  für  mich  sehr  wenig  überzeugenden 
weise.  Für  „ihrer  bildung  nach  deutlich  von  einander  ver- 
schieden "  wird  hoffentlich  nach  lectüre  dieser  arbeit  niemand 
mehr  die  beiden  S^vsiv  des  v  und  t;  wegen  halten;  doch 
hätte  sich  auch  Leo  Meyer  selbst  schon  an  homer.  Ivto 
und  kvo)^  homer.  tüo  und  tuo^  (pd-lco  und  g)0-tcüj  7xUf.iev 
und  mefiev  erinnern  sollen.  Ferner  wird  eingestandener 
massen  Leo  Meyer  an  der  stelle  Od.  o  222.  die  bedeutung 
'opferte'  von  -d-ve  nicht  los.  Seine  eigene  anknüpfung  des 
S-vco  'opfere'   an  sanskr.  hu-  'opfertrank  giessen'   ist  noch 


—     24     — 

weniger  einleuchtend.  Denn  erstens  werden  andere  nicht 
mehr  so  leicht  wie  Leo  Meyer  den  indogermanischen  guttural 
(diesen  leugnet  er  in  sanskr.  hu-  nicht)  durch  den  griechi- 
schen dental  vertreten  sein  lassen,  nicht  z.  b.  vor  v  (vergl. 
Joh.  Schmidt  Kuhns  zeitschr.  XXV  135—179.),  gar  nicht 
aber  den  indogermanischen  palatal,  den  sanskr.  hu-  nach 
ausweis  von  avest.  zao-thra  f.  ' Weihwasser'  hatte.  Sodann 
ist  sanskr.  hu-  ^opfertrank  giessen^  nach  allgemeiner  und 
wol  begründeter  annähme  bereits  durch  griech.  xho  prae- 
occupiert,  während  andererseits  in  griech.  d-vio  ''opfere'  und 
seiner  ganzen  sippe  die  vorwiegende  beziehung  auf  rauch- 
und  brandopfer  unverkennbar  ist.  Wer  an  der  bedeutungs- 
entwickelung  von  Curtius  grundz.^  259.  anstoss  nimmt  und 
ein  d-vu)  tavQov  d-ev)  als  'ich  stürme  dem  gott  einen  stier' 
nicht  begreifen  kann,  der  lasse  sich  belehren  durch  nhd.  der 
himmel  regnet  steine^  lat.  pluit  carnem,  sanguinem^  oder  noch 
besser  durch  ved.  tan  no  vato  mayobhü  vätu  hheshajäm  *^dies 
erquickende  heilmittel  soll  uns  der  wind  (herbei)  wehen' 
rgv.  I  89,  4.  und  manches  andere  der  art  bei  C.  Gaedicke 
d.  accus,  im  veda.  Breslau  1880.  s.  87  ff.  Die  erscheinung, 
dass  eine  einzelsprache ,  wie  das  griechische  bei  d^o}  und 
^iTw,  eine  altererbte  indogermanische  formendoublette  zur 
bedeutungsdifferenzierung  benutzt,  kann  Leo  Meyer  an  meh- 
reren punkten  dieser  Untersuchung  bestätigt  finden. 

Sanskr.  pu-ya-ti  Vird  faul,  stinkt',  pu-ya-te  dass.  med. 
=  avest.  pu-ye-itij  a-pu-ya-nt-  ""nicht  faulend'  partic.  Griech. 
öia-Ttvo),  das  die  Wörterbücher  angeben,  finde  ich  nirgends 
belegt,  sondern  nur  dia-jtvhoj  dia-TCvoiOj  öiaTcvloy.io. 

Sanskr.  ab kibhü-ya-ti' wird  übertroffen,  überwältigt,  heim- 
gesucht', bei  Böhtlingk  -  Roth  V  321.  aus  der  maiträyany- 
upanishad  belegt,  abki  bhü-ya-te  dass.  mediopass. ,  anubhü- 
-ya-te  Vird  empfunden,  gefühlt,  genossen,  erfahren,  erlitten 


—     25     — 

wird  wahrgenommen,  vernommen,  kennen  gelernt',  jiain  bhü- 
-ya-te  Vird  tibertroffen,  bemeistert,  besiegt,  wird  umgangen, 
nicht  beachtet,  gering  geschätzt',  sani  pari  bhü-ya-te  Vird 
gering  geachtet';  griech.  nachhomer.  (pv-to  intrans.  '^entstehe, 
wachse',  trans.  ^bringe  hervor,  schaffe,  lasse  entstehen,  lasse 
wachsen',  cfv-o-fnat  intrans.  "^entstehe,  wachse'  med.;  altlat. 
fuam  intrans.  ^ich  werde,  sei',  trans.  ''ich  schaffe,  mache'  aus 
*fü-lä-m  (s.  15  ff.  anm.),  fuüSj  Juatj  fiiant  conj.  praes.,  fuet 
trans.  'wird  schaffen,  machen',  futurum  aus  altem  optativ 
*fü-io-i-i  (==  griech.  cpv-oi),  umbr.  fu-^ia  ^^sit'  conj.  praes., 
fu-ie-s-t  'erit',  futur  aus  dem  praesensstamme  entwickelt 
wie  umbr.  her^-ie-s-i" Yol^t*  u.  a.  (anders  Brugman  morphol. 
unters.  III  44  ff.);  anord.  by  ''ich  wohne,  baue'  aus  germ. 
bn-iöj  ags.  b^-an  (bei  Ettmüller  lex.  Anglosax.  307.  aus 
Bosworth  angeführt),  mhd.  biu{w)en  infin.  und  ohne  umlaut 
anord.  bü-Uj  ags.  alts.  ahd.  bü-an  infin.  ==  avest.  bu-ye  ''ich 
will  sein'  med.,  bu-ye-nte  3.  plur. ;  griech.  homer.  nachhomer. 
ipv-io^  (pv-o-f-iar^  lat./«"Ö  Hch  werde'  aus  *fu'iö  (s.  15 ff.  anm), 
fiamj  ftäSj  f't(it)  f'iaiit  conj.,  fiet  intrans.  ''wird  werden', 
futur  aus  altem  optativ  ^fn-io-i-t  (=  griech.  (pv-ot)^  lat. 
i7i-ßt  "^ fängt  an',  in-fiunt  3.  plur.;  altir.  biu  "fio,  sum'  aus 
* bü-w  (s.  16.  anm.);  anord.  byggja^  f^J/yß^a  "wohnen,  bewoh- 
nen' infin.,  schwaches  verb  aus  früherem  starken,  1.  sing, 
praes.  indic.  urgerm.  bu-iö  (vergl.  Kluge  german.  conjug. 
127  ff.).  Es  sind  wieder  mehrere  einzelfragen  zu  erledigen. 
Die  wertvollen  von  Loewe  prodrom.  corp.  glossar.  lat.  363. 
ans  licht  gezogenen  flössen  fual:  faciatj  fuet:  f acte t  zeigen 
uns  an  dem  lateinischen  jod-praesens  dieselbe  transitive  be- 
deutung,  welche  dem  griechischen  (pvtü  sogar  geläufiger  ist 
als  die  intransitive.  Letztere  ist  natürlich  die  ursprünglichere, 
und  im  griechischen  sind  rQlxctg,  ^rccoywvaj  fcregd,  xigaroy 
sQiaj  zaQ/tov,  vovvj  (pqevag  (pvecv  u.  dergl.  '^haare  u.  s.  w. 


—     26     — 

wachsen  lassen'  constructionen  des  intransitivums  mit  dem 
„  inhaltsaccusative ",  derart,  wie  sie  für  das  vedische  C.  Gae- 
dicke  d.  accus,  im  veda  156  ff.  erörtert.  Darnach  sind  neu- 
gebildet im  griechischen  ^w«,  avÖQag  cpÜEiv  'tiere,  männer 
hervorbringen'  (Plato,  Herodot),  d^eol  (pvovoiv  avd-QioTtoig 
q)qevag  (Sophokles),  Tcdvovgy  eTtid-v/ilag  q)V€iv  (Sophokles), 
6  xQovog  q)v€i  aörjla  (Sophokles)  u.  a.  bei  Passow  hand- 
wörterb.  unt.  cpvw,  mit  nunmehr  wirklichen  objectsaccusativen. 
Man  kann  selbst  an  das  sanskr.  coi^ayäm  babhüva  nachvedi- 
schen  Ursprunges  erinnern  (Gaedicke  a.  a.  o.  165  f.).  Näher 
liegt  aber  noch  unser  deutsches  bauen:  dasselbe  verb  mit 
(ptuv ,  lat.  fuam  entwickelte  auch  auf  germanischem  boden 
die  transitive  bedeutung  in  das  haus,  den  ackere  sein  nest, 
wein  oder  körn,  getreide  bauen  neben  der  bleibenden  alten 
intransitiven  in  irgendwo  bauen,  die  bienen  bauen^  meta- 
phorisch auf  jemand  oder  auf  etwas  bauen.  Die  griechischen 
beiden  aoriste  eq)vv  und  ecplöa  konnten  sich  hiernach  in  ihren 
bedeutungen  sondern.  So  werden  auch  die  lat.  fuat  'faciat', 
fuet  "faciet'  ihren  transitiven  sinn  entwickelt  haben,  und  die 
schwierige  vermittelung  mit  würz,  dhe-^  Tl-d^rj-f.itj  fa-c-iö 
(Loewe  a.  a.  o.,  Curtius  grundz.^  254.,  Brugman  morphol. 
unters.  III  49.)  ist  unnötig.  Bei  Curtius'  auffassung  der  fuantj 
funsj  fuatj  fuant  als  aoristconjunctivformen  (de  aor.  lat.  reliqu. 
VI  ff.  ==  Curtius'  stud.  V  436  ff.)  würde  sich,  abgesehen  da- 
von, dass  umbr.  fu-ia  mit  erhaltenem  jod  immerhin  dem 
praesens  verbleiben  müsste,  auch  die  weitere  annähme  nötig 
machen,  dass  jene  dann  neuere  analogieschöpf ungen  des  la- 
teinischen seien,  denn  der  indogermanische  aorist  war  „un- 
thematisch" (s.  14.),  hatte  also  nicht  den  conjunctivcharakter 
-ä-.  Dem  aorist  würde  ich  meinerseits  nur  osk.  fuit  ""sit'  tab. 
Baut.  28.  29.  als  optativform  (aus  *bhmij-J't  mit  der  gewohn- 
ten Übertragung  des  -i-  aus  dem  plural)  und  umbr.  fu-tu  als 


—     27     — 

imperativ  (=  indog.  bhü-tod)  zuweisen.  Warum  ferner 
Curtius  sich  dadurch,  dass  ihm  Windisch  grundz.^  305.  altir. 
biu  unter  cpvco  stellte,  nicht  bewegen  Hess,  endlich  die  Zu- 
sammenstellung von  lat.  fiö  mit  Tl^r]f.u  s.  254.  aufzugeben, 
verstehe  ich  nicht  ganz.  Das  umbrische  participierte  an  der 
schwächeren  praesensform  *füiö  fiö  auch,  nach  ausweis  der 
neubildung  des  particips  ßto  =  altlat.  fitum  (Breal  les  tabl. 
Eugub.  124.  f.,  Thurneysen  üb.  herk.  u.  bild.  d.  lat.  verba 
auf  -w  24.,  Brugman  morphol.  unters.  III  48.) ,  das  mit  den 
sprösslingen  von  lat.  suf-fiö,  nemlich  suf-fUu-s  partic,  suf- 
-fitor^  sitf-fUu-s  m.,  snf-fitiö^  suf-flmeii^  suf-flmcntu-m^  glei- 
cher entstehungSart  ist.  Um  zu  germ.  hüan  überzugehen,  so 
scheint  mir  Mahlow  d.  lang.  voc.  A  E  0  in  d.  europ.  spr.  43  f. 
das  richtigere  zu  treffen,  wenn  er  den  ausfall  des  i  vor  i 
und  e  für  urgermauisch  hält,  während  Sievers  und  Paul  (Paul- 
Braunes  beitr.  V  126  f.  VII  112.  160  f.)  ihn  bloss  für  das 
westgermanische  annehmen^).  Dann  war  die  urgermanische 
praesensfiexion  unseres  verbs  ^?7 2* ö,  büizi^  hnvSi^  hüipme^ 
hüe^e^  bMlon'^ij  infin.  büiono.  Zu  nicht  umgelauteten 
formen  kamen  gesetzmässig  die  2.  und  3.  sing,  und  2.  plur., 


1)  Einige  analogiebildungen  mehr,  als  bereits  Mahlow  statuiert,  wer- 
den dabei  noch  angenommen  werden  müssen,  so  z.  b.  für  das  gotische 
die  Wiedereinführung  des  -j-  in  den  gen.  sing,  harjis  nach  harja,  har- 
jam  u.  s.  w.  Sonst  wüsste  ich  aber  nichts  der  Mahlowschen  regel  sich 
direct  widersetzendes.  Dagegen  gut  würde  sich  wiederum  mittels  der- 
selben das  altnordische  schwanken  zwischen  v  und  j  im  stamme  solcher 
starker  verba  wie  hnyggja  und  hn0ggva  'stossen'  und  solcher  ursprüng- 
lich starker  wie  byggja  und  hyggva  'wohnen'  erklären,  hnyggjum^ 
hn0ggvi^,  hnyggja  hätte  bei  ersterem  der  alte  plural  praes.  gelautet, 
woraus  leicht,  wie  man  sieht,  das  doppelparadigma  entspringen  konnte, 
Bei  hyggjum,  *bjgggvi^,  byggja  =  yvofier,  (fvsre,  (pvovai  war  ein  schritt 
mehr  geschehen,  indem  zunächst  byggvi^  sich  durch  ausgleichung  neu- 
gebildet hatte,  darnach  erst  die  j-  und  die  f -formen  zu  zwei  paradigmen 
auseinander  traten. 


—    28    — 

da  nach  Scherers  und  Sievers'  erklärung  des  z-umlauts  mouil- 
lierte consonanten  denselben  zu  vermitteln  haben.  Der 
infinitiv  ags.  byan^  mhd.  biuwen  ist  als  solcher  lautg^setz- 
licher  denn  anord.  büa^  westgerm.  bümi]  übrigens  mag  ahd. 
büe7i  und  sein  praesens  recht  wol  hie  und  da  latenten  umlaut 
enthalten.  Die  altnordischen  praesentia  by^  "^bür^  *byjum^ 
büi^j  ^byjüj  infin.  *byja  und  */z/Ä-,  lykr^  lukum^  luki^^  lüka^ 
infin.  lüka  werden  sich  nach  gegenseitigem  muster  zurecht 
gefunden  haben.  Ebenso  gewannen  andere  j  od -praesentia 
ihren  umlautslosen  plural  praes.  und  infinitiv  neben  umgelau- 
tetem  sing,  praes.:  yny  gnü{u)m  gnüa  '^schaben'',  sny  snü{iim) 
snüa  *" wenden^,  grce  grö(u)m  gröa  *^wachsen\  rce  r6{u)7n  riki 
'^rudern'*,  sie  sd{u)m  sä  '^säen\  Aber  die  ausgleichung  musste 
nicht  gerade  so  erfolgen,  denn  spyj'a  ""speien'  und  später 
schwach  conjugierende  wie  dyja  ""schütteln'  (=  griech.  i^rw), 
gnyja  *^tosen',  lyja  ^zerquetschen'  (=  griech.  Ivcü)j  ryja  ^den 
Schafen  die  wolle  abscheren'  (=  lat.  rwö  ^umstürzen')  waren 
ursprünglich  von  derselben  art  wie  büaj  gnüa,  snüa.  Anord. 
gnyja  *" tosen'  und  gniia  ""schaben,  kratzen'  sind  aus  einem 
paradigma  differenziert,  da  ihre  bedeutungen  sich  fast  ebenso 
nahe  liegen  wie  diejenigen  von  griech.  y.v6ri  f.,  y.v6o-g  m. 
""knarren,  knarrendes  geräusch'  und  yivvto  ""kratzen,  reiben'. 
Was  für  eine  neubildung  got.  bauan  statt  *büan  sei,  zeigt  Paul 
in  seinen  beitr.  VII  155.  f;  zu  der  analogiebildung  nach  dem 
perfect  *  bai-bau  kam  es  aber  auch  leichter,  wenn  vorher  das 
praesens  *büja,  *  bTds,  *büipj  *büja?nj  *büipj  *büjand,  infin. 
*büjan  mit  ausmerzung  der  j-formen  zu  *^?7a,  *brdsu.8.  w. 
geworden  war. 

Abulg.  my-ja^  Vasche'  =  avest.  a-mu-ya-mna-  ""nicht  be- 
schädigt, nicht  zu  Schanden  werdend'.   Vergl.  s.  22  f. 

Lat.  rw5  ""reisse,  raffe  fort,  raffe  auf,  raffe  zusammen, 
scharre,  reisse  auf,  wühle  auf,  stürze  um,  stürze  nieder', 


—     29     — 

intrans.  'stürze,  renne,  stürme,  eile,  stürze  nieder,  stürze  ein', 
aus  vorhist.  ini-iö  (s.  15 ff.  anm.),  compp.  cör-,  c?g-,  c??-,  e-, 
ir-j  ob-j  p?'d-j  sub-j  super-rud]  abulg.  r?/-/«  *^grabe';  anord.  n/ 
'schere  den  schafen  die  wolle  ab'  aus  urgerm.  r?7-?'5,  ry-y« 
infin.  =  griech.  homer.  nacbhomer.  Iqv-co  'reisse,  zerre, 
schleppe,  ziehe,  reisse  herab,  reisse  ab,  reisse  um,  reisse 
heraus',  eqv-o-fiai  'reisse  an  mich,  reisse  für  mich,  reisse 
von  mir'  med.,  av  egv-io  'reisse  zurück'.  Es  ist  zunächst 
wol  kein  zweifei,  dass  die  bedeutung  von  eqvco,  eQvo(.iai^ 
immer  das  gewaltsame  ziehen  ausdrückend,  diese  Zusammen- 
stellung duldet.  Homers  y^qocöag  (.ihv  TtvQycov  eqvov  IL  M258., 
^ncQOKQOOOag  eqvotxv  S  35.,  ^iTCJtov  eg  axQOTtoXiv  iQveo&ai,  doQv 
67r'  av.qrig  Igvetv  Od.  ^  504.  508.  (vom  ziehen  des  trojani- 
schen pferdes  auf  die  bürg)  könnte  auch  der  Lateiner  durch 
sein  ruere  wiedergeben;  ebenso  homer.  vr^a  dg  ala  oder 
aXade,  vrja  rJTteiQOvös  oder  etc  iqTveiQOv  eqveiv,  dict  öcoi^iaTa 
Iqveiv  t]  Ttoöog  iq  ymI  xeiQog  (Od.  q  479  f.),  Tiva  aarv  tcÖti 
Iqvoai  (IL  P419.),  "jExro^«  tqlg  Tteql  aijjiia  SQvetv  (IL  ß  16.), 
vev.Qov  oder  vexgovg  sQueiv  (von  den  den  leichnam  zerren- 
den feinden,  hunden  und  raubvögeln).  Mit  öoqv  e§  cüTeiXrjg 
eqveiv  oder  eqveödai,  nvl  oCötov  e^  (hf^ioio,  /tieXlrjv  xeiql  Ix 
y,qri(.ivolo,  cpaqfiiaKOv  ex  yalrjg  eqvsiv  (Homer)  und  ^Upog,  jud- 
XaiqaVy  aoq ,  cpaayavov  Iqveod-ai  (Homer),  eyxog  eiqvaov 
Sophokl.  Trachin.  1033.),  qtCav  yalrjg  eqveod-ai  (Nikand. 
ther.  548.)  vergleicht  sich  lat.  ocvlös  iruerc  (Seneca),  segetern 
iruere  (Vergil) ;  tqiya  eqvetv  vom  haarausreissen  anthol.  Pal. 
V  230,  1.  nähert  sich  dem  anord.  ryja  'wolle  abscheren'. 
Formal  ist  in  dem  praesens  l-qv-co  das  £-  prothese  wie  in 
l-qvd-qo-g  'rot',  in  dem  impeifect  e-qv-o-Vj  dem  aorist 
f-qv-Ga  aber  kann  es  auch  augment  sein*).    Nun  ging  aber 

1)  Ich  bemerke,  dass  in  rjQsvd'ov  'ich  rötete',  ij^vyov  'spie  aus' 
u.  dergl  das  „temporale"  augment  auf  griechischer  neubildung  beruhen 


—     30     — 

nebenher  eine  andere  doppelformige  basis  (nicht  wurzel) 
ßegv-j  ßQv-  'decken,  schirmen,  schützen,  retten^  =  sanskr. 
varü-  in  ved.  varü^tdr-  'abwehrer,  beschirmer',  värü-tha-  n. 
Vehr,  schirm,  schild,  obdach',  über  deren  Ursprung  wir  spä- 
ter eine  Vermutung  wagen.  Letztere  bildete  regulär  im  prae- 
sens 6Qvof.iai  oder  Qvoi^iai,  im  imperfect  augmentiert  eigvof^rjv 
(aus  * s-߀Qv-i6-f.irjv)  und  Iqqvo^tiv  (aus  ^l-ßqv-ip-^ir^v), 
ohne  augment  egvoi^irjv  und  QvoinrjVj  im  sigmatischen  aorist 
augmentiert  elQvGainrjv  und  iQQVGajurjVj  ohne  augment  eqvoä- 
(.nqv  und  QvadfirjVj  im  einfachen  unthematischen  aorist  (nach 
analogie  von  wurzelverben)  augmentiert  elQvf.iriv  und  eqQv- 
jLiTjVy  ohne  augment  eQV!.tr^v  und  Qv/^irjv  (infin.  homer.  Qv-G&ai 
II.  0  141.,  3.  plur.  homer.  Qv-aro  II.  -^515.  Od.  q  201.),  im 
perfect  etgifiat  (aus  *ße'߀Qv-f.iat)  und  %QQVf.iat  (aus  *  ße- 
ßqv-f.iai).  Griech.  qv-  =  indog.  iiru-  neben  egv-  =  indog. 
ru-  ist  das  normale  nach  Froehde  Kuhns  zeitschr.  XXII  263 ff. 
Die  praesentia  med.  Fegvoj-iai  'decke,  schirme"*  und  Igvo^at 
'ruo"*  fielen  nach  dem  digaramaverlust  des  ersteren  formal 
zusammen;  ebenso  deckte  sich  später  unter  den  praeterital- 
formen  die  nicht  augmentierte  reihe  ߀Qv6i.irjVj  ßsQvGdjiiriVy 
ßeqv/iirjv  mit  der  augmentierten  oder  nicht  augmentierten 
eQvof-irjv,  eQvGdfurjv,  lQVf.iriv  von  Iqvio  'ruo'.  Berührung  der 
bedeutungen  war  auch  genügend  da:  stellen  wie  11.  JS"  152. 
ex  ßeletüv  egvGavTO  vskvv,  IL  P  104  f.  et  Ttwg  egiGaified-a 
vcKQov  nrjkelÖT]  ^dxilrji  pflegen  diejenigen  zu  benutzen,  wel- 
che wie  Passow  im  handwörterb.  unt.  egvco  den  begriff  des 


muss ;  die  altüberkommenen  praeteritalfonnen  der  indogermaniscli  mit  r- 
anlautenden  wurzeln  hatten  syllabischeß  augment  vor  einfachem  q  :  griech. 
/.^.  =  sanskr.  ä-r-.  So  gut  wie  nun  aber  iQsvyco  zur  folgerung  eines 
neuen  aorists  ^(»vyov  veranlassuug  gab,  so  gut  mochten  vereinzelt  wol  auch 
umgekehrt  i-Qv-6-firjv,  k'-Qv-ro  die  bildung  eines  neuen  praesens  qi-o-uai 
befördern. 


—     31     — 

Schützens,  schirmens,  rettens  aus  dem  des  entreissens,  weg- 
raffens  abzuleiten  suchen.  Hier  flössen  wol  in  der  tat  dem 
griechischen  Sprachgefühl  die  beiden  von  hause  aus  verschie- 
denen verba  in  einander,  was  für  eQveiv'rvLQYo'  zweierlei  folgen 
in  formaler  beziehung  hatte:  erstens  stellen  weisen  gebrauch 
wie  mit  nachwirkendem  anlautendem  digamma  in  den  home- 
rischen gedichten  (doch  müsste  die  Sache  darauf  hin  jetzt 
aufs  neue  untersucht  werden);  sodann  aufkommen  der  pro- 
theselosen nebenform  Qvofsiai  auch  für  Iqvo^ai  *^ruo\  Man 
blieb  nicht  dabei  stehen,  qveod-ai  h  d-avarov ,  ex  xa'/.ov 
(Homer),  «x  jcovlov  (Pindar),  ex  xeocov  jniaupovcov  (Euripides) 
zu  sagen,  wo  noch  allenfalls  an  ßgieo^ac  'schützen,  retten' 
gedacht  werden  könnte;  auch  die  ableitungen  von  sqvco  ''ruo' 
entblössten  sich  hinfort  ihres  lautgesetzlichen  prothetischen  e-, 
nemlich  ^t;-To-g  "^herbeigeschleppt"  in  QVTolai  laeooi  Od.  C267. 
'S,  10.,  T«  QVTcc  ''die  züger  Hesiod.  scut.  Heracl.  308.,  qv-ttiq 
Memen,  lenkseil,  zügel',  Qv-fio-g  ^zugholz,  deichsei,  zug- 
riemen"*,  Qvfia  ""das  ziehen,  zug,  zugseil',  Qv-G-raUo  ""reisse 
hin  und  her'  neben  eQvOTccUoy  QvOTay-rv-g  f.  *^das  hin-  und 
herzerren'.  Aeol.  ßQvrrjQ  (Ahrens  dial.  I  34.)  kann  nach  allem 
diesem,  wie  auch  schon  Froehde  Kuhns  zeitschr.  XXH  268. 
anm.  vermutete,  nur  QvrrjQ  *^beschützer'  sein.  Mit  würz, 
indog.  ue?'s-  ^fortschleppen'  in  griech.  egg-eiVy  homer.  «tto- 
-8Q0-€y  aTco-€QO-€t€j  lat.  vej'v-erey  die  Curtius  in  seinen  stud. 
VI  266  ff.  grund.^  345.  herbeizieht,  hat  egvio  'reisse'  nichts 
zu  schaffen,  das  -o-  in  verbaler  und  nominaler  Wortbildung 
bei  egv-o-ocüj  egv-G-ro-g  (Sophokl.  Aias  730.),  qv-o-TiqQy  qv- 
-G-rd^cü  ist  von  derselben  art  wie  in  s-rdvv-G-Gay  e-ravi- 
-G-d-jjVj  Te-Taw-G-f-iaij  Taw-G-rv-g  u.  a.,  auf  der  bekannten 
griechischen  formübertragung  von  dentalstämmen  beruhend. 
Griech.  co-qo-ü)  'heule,  brülle,  rufe  laut,  schreie',  co-qv- 
-0-f.iai  dass.  med.;   ags.  r^-9  'rugit'    (Grein  gloss.  unt.  r\jn) 


—     32     — 

==  griech.  io-qv-o-vrm  Plato  comic.  bei  Athen,  p.  628.  E., 
co-Qv-6-rai  Dionysius  perieget.  83.  Dem  soeben  (s.  27  f.)  be- 
merkten gemäss  hat  ags.  rj/-9  statt  *riib  den  umlaut  durch 
Übertragung;  1.  sing,  praes.  ind.  ags.  *ry{j)e  aus  urgerm.  ;'?7?'ö. 
Ungeschwächte  wurzelform  indog.  riMu-^  vergl.  oben  s.  21. 

Griech.  homer.  nachhomer.  Iv-co  ^'löse^;  lat.  lud  'löse, 
bezahle,  btisse'  (schulden,  strafe),  re-/wö  ""resolvo",  poet. 
so4uö  'löse'  (Corssen  krit.  beitr.  151.,  Loewe  prodrom.  corp. 
gloss.  lat.  422.)  aus  *lü-iö  (s.  15  ff.  anm.);  anord.  iy  'zer- 
stosse,  zerquetsche,  zerschmettere'  (vgl.  homer.  ?.vto  yovvaTa^ 
yvla  UlvvTo)  aus  germ.  In-iö^  ly-ja  infin.  =  griech.  homer. 
ep.  Iv-io.  Die  bei  lateinischen  dichtem  sehr  übliche  „diä- 
rese"  der  formen  des  verbums  solvö  (Neue  formenl.  d.  lat. 
spr.  IP  497.)  beruht  auf  sprachhistorischem  gründe,  nicht 
auf  metrischer  willkür.  Zweisilbiges  praesens  solvö  ist  wol 
erst  nach  dem  perfect  sohl  gebildet,  wo  so-lv-  als  schwacher 
stamm  vor  consonantisch  beginnender  personalendung  (3.  plur. 
so-lv-e?'unt)  althergebracht  war.  Umgekehrt  macht  dann  auch 
das  perfectum  sohl  dem  praesens  die  „  diärese "  nach ;  vergl. 
Neue  a.  a.  o.  Bei  voluö^  volui  und  vohöj  vohi  wird  um  so 
eher  dasselbe  zu  statuieren  sein,  als  das  perfect  vohi  erst 
nach  sohl  gebildet  sein  wird,  in  anbetracht  davon  dass  das 
-V-  von  griech.  eilvw  llvio  =  voluö  (würz,  nel-)  doch  wol 
von  hause  aus  nur  praesentisch  war. 

Griech.  Kaa-Gv-o)  'flicke,  schustere,  zettele  an';  lat.  ^ö 
'nähe'  aus  *?7-/ö  (s.  15  ff.  anm.)  =  lett.  szü-ju  'nähe'  (Bielen- 
stein  lett.  spr.  §  260.  I  s.  355.)  für  lautgesetzliches  '*sü-ju 
(s.  19  f.).  Abulg.  sf-ja  kann  aus  *sji/-ja  und  aus  *sju-ja 
entwickelt  sein.  Desgleichen  bleibt  in  got.  siu-ja  das  u  un- 
bestimmbar. Anord.  st/-ja  'nähen',  das  man  ansetzt,  ist  in 
formen  des  praesensstammes  nicht  zu  belegen ;  vergl.  0.  Schade 
altdeutsch,  wörterb.'  769  ^ 


—     33     — 

Sanskr.  stü-yd-te^  pi^asiü-ya-te  Svird  gelobt,  gepriesen' 
pass.,  ved.  stü-yä-mäna-s  partic.  =  avest.  stu-y^  ""ich  erflehe', 
ä'Stu-ye  ^preise',  ns  stu-ye  'ich  schütze  durch  gebet',  /ra 
stu-ye  *^ich  lobe'. 

Griech.  homer.  nachhomer.  7cti>-m  'spucke,  speie',  für 
lautgesetzliches  *07tv-io  (s.  19  f.)  0,  ava-Ttrv-M^  ccTto-Ttrv-co'j 
lat.  spud  aus  ^spü-w  (s.  1 5  ff.  anm.);  anord.  spy  'speie'  aus  germ. 
spü-iö  (s.  27  f.),  spy-ja  infin.  =  griech.  nachhomer.  aTt-s- 
-7tTv-€v  imperf.  „Ypsilon  ist  im  praes.  und  impf,  lang  .  .  .; 
doch  wird  in  compos.  von  Theoer.  24,  19.  u.  Ap.  Rh.  2,  570. 
4,  925.  an  ypsilon  auch  im  impf,  dann  kurz  gebraucht,  wenn 
die  folgende  silbe  kurz  ist,  bes.  häufig  bei  Nonn."  (Passow 
handwörterb.  unt.  tttvco^  a/toTtTvw). 

Auch  wenn  nicht  2,  u  die  wurzel  schliessen,  sondern 
dahinter  noch  ein  geräuschlaut  steht,  zeigt  die  jod-praesens- 
bildung  länge  und  kürze  des  sonan tischen  wurzelsonors. 

Griech.  tS-Uo  'schwitze'  =  sanskr.  svid-yä-mi-,  ahd. 
swizzu.  Das  griechische  verb  hat  nach  der  langen  Wurzel- 
silbe im  Suffix  folgerichtig  sonantisches  i  nach  Sievers  Paul- 
Braunes  beitr.  V  129  f.  Die  kürze  der  mittleren  silbe,  wie 
sie  Homer  in  hö^tov  Od.  i;  214.  hat,  ist  das  ursprünglichere; 
neubildung  das  ~i6io)  der  Attiker,  worüber  unten. 

Abulg.  kyp4-ja^  'springe,  fliesse  über,  wimmele  von'  (infin. 
kyp-oM)  =  sanskr.  kiqi-ya-ti  'wallt  auf,  zürnt';  lat.  cup-U 
'bin  lebhaft  interessiert,  begehre'. 

Avest.  büidh-ya^-ta  'er  bemerke',  büidh-ydi-maidhe  opt. 
mQd.,  fra-büidh-ya-mnö  'erwachend'  partic.  med.  «=  sanskr. 
büdh-ya-ti  'erwacht,  merkt',  budh-ya-te  med. 


1)  Griech.  nvrii^o)  'spucke  wiederholt,  spütze',  itvxiGfia  'das  ausge- 
spuckte' sind  speciell  griechische  dissimilationsproducte  aus  "^nxvxlt.o), 
*7irvTi<T/ia,  doch  beruhen  sie  auf  demselben  allgemeinen  lautlichen  triebe, 
durch  den  auch  indog.  spu-lö  aus  spiu-iö  wurde. 

Osthoff  u.  Brugmau  untersuch.^  IV.  -  3 


h 


—     34     — 

Avest.  yüidh-ye-iti  'kämpft^,  yrndh-ya-tö  dual.,  ynidh-ye- 
-inti  plur.  =  sanskr.  yudh-ya-ti^  yudh-ya-le  med. 

Abulg.  smyca  sq  *^^schlüpfe,  krieche^  (infin.  smyk-ati)  = 
mhd.  smucke  smücke  ''ziehe  dicht  an  mich ,  drücke  dicht  an, 
bekleide,  schmücke',  smucken  smücken  infin.  Schmücken  als 
intensivum  zu  schmiegen  war  ursprünglich  starkes  verb,  wie 
alle  derartigen  bildungen,  hatte  also  denselben  perfect-  und 
participablaut  mit  ags.  smü^an  (s.  1 1.).  Das  scheinbare  stamm- 
nomen  des  schwachen  verbs  mhd.  smuc  m.  'anschmiegen, 
Umarmung',  nhd.  schmuck  ist  in  Wahrheit  eine  rückbildung 
aus  jenem,  wie  nhd.  satz  m.,  hatz  f.  aus  setzen,  hetzen-, 
beweis:  die  „ consonantendehnung "  ohne  jod-umlaut. 

C.   Praesens  mit  suff.  -sk^ö-,  -sk^e-: 

Avest.  shü-sa-iti  ""er  stürzt  fort'  aus  indog.  k'^iü-sk^e-ti 
=«  avest.  fra  shu-sa-iti  *^er  stürzt  hervor'  aus  indog.  pro 
k^iu-sk^e-ti.    Wurzel  sanskr.  cyay-  {cyu-\  praes.  cydv-a-te. 

Im  griechischen  war  homer.  (.liö-yto  ein  solches  praesens 
wie  avest.  shü-sa-iti,  da  grammatikerzeugnisse  das  7  in  f.uGyco 
verbürgen;  vergl.  Lobeck  paralip.  410.  414.,  Job.  Schmidt 
indog.  vocal.  I  123.  Es  steht  jutoyco  für  ursprüngliches  */<7z- 
-Gxw,  das  lautgesetzlich  zu  *^7(rxw  wurde;  für  letzteres  trat 
/^uoyto  ein  durch  die  ausgleichung  mit  den  y- formen  e-/nly-r]v, 
f.Uy-vv-^iy  deren  media  statt  der  tenuis  von  wurzel  meik^- 
aus  der  grundsprache  dem  griechischen  überkommen  war 
(vergl.  weiter  unten)  0»   Sonst  hält  es  aber  selbstverständlich 


1)  Hesychs  Svayoa'  anoSvto  gut  mir  als  eine  unmittelbar  nach  juiayco 
geschehene  Umformung  von  Svaxco,  bei  der  wesentlich  synonymische 
association  zwischen  "'sich  mischen'  und  'eintauchen,  sich  hinein  be- 
geben' wirksam  war;  vergl.  homer.  fuTaro  8^  o/u.iXq>,  TZ^ofidxoiaiv  i/nix^v 
mit  homer.  Svvai  o/utXov,  ovXafiov  av8^cov,  TtoXsfiov,  fidxt]v ,  und  homer. 
sao)  fiiayead'ai  'in  ein  haus  hineinkommen'  (Od.  <r  49.)  mit  homer.  Svvai 
Sofiov  "uä'iSos  si'ffco.  So  scheint  über  Svayco  auch  schon  Gust.  Meyer 
griech.  gramm.  §  506.  s.  389.  zu  denken,  aber  für  das  muster  ^iayo) 


—     35     — 

schwer,  griechische  beispiele  derselben  art  beizubringeD,  denn 
wenn  grammatikerangaben  mangeln,  so  wissen  wir  durch 
dichterstellen  ja  nichts  über  die  naturquantität  der  wurzel- 
vocale  in  solchen  wie  homer.  Qvaxev  IL  Q  730.,  wie  Iv-d-v- 
-OAec  IvTvyxavei  Hesych.  für  "^  ev-Tvx-OAei  (Curtius  verb.  d. 
griech.  spr.  P  286.)  ausfindig  zu  machen. 

D.  a)  Praesens  mit  suff. -/«e?^-,  und  b)  praesens 
mit  suff.  -nü-.  Die  fünfte  und  die  neunte  praesensclasse 
sind  bekanntlich  in  den  einzelnen  sprachen  schwer  aus  ein- 
ander zu  halten.  Vergl.  Curtius  verb.  d.  griech.  P  245  ff. 
Dort  wird  sehr  einleuchtend  für  das  griechische  die  ent- 
stehung  der  tj^pen  von  1)  da(.i-vatOj  2)  detx-vvcoj  3)  ödix-vco 
und  d^v-vio  verdeutlicht  durch  annähme  dieser  analogischen 
Umbildungen  der  1.  plur.  praes.  indic.  act.  in  die  ö-conju- 
gation:  1)  -va-o-f.iEv  aus  -va-(.iev\  2)  -vv-o-/,i€"V  aus  -vv-iii€v\ 
3)  -vo-(.iev  aus  a)  va-(,ievj  b)  -vv-f.i€v.  Dazu  hat  4)  den 
typus  von  d-v-ve-co^  Ki-ve-w  jüngst  de  Saussure  syst,  primit. 
187.  anm.  aufgehellt  durch  die  plausible  Vermutung,  dass 
yj-veß-io  für  ein  umgeformtes  "^xi-vev-i^u  zu  halten  sei;  viel- 
leicht knüpft  man  noch  vorteilhafter  erstlich  an  die  1.  sing, 
imperf  act.  an,  die  aus  '^l-y.i-veF-a  =  sanskr.  ä-qi-nav-am 
leicht  durch  e-cpeq-o-v  zu  l-m-veF-ov  werden  mochte,  so- 
dann an  den  alten  conjunctiv  des  -/^jz-verbums,  dessen  formen 
wie  ^'Ai-veF-o-^iEv^  "^Y.L-veF-e-TE  sich  ebenfalls  baldig  die 
analogie  von  cpeg-cü-^ievj  cpeq-ri-re  bemächtigen  konnte,  dessen 
1 .  sing.  act.  Ki-viß-io  aber  geradezu  für  eine  indogernaanische 

gibt  er  dann  dem  Ursprung  des  ay  eine  lautgesetzlich  unhaltbare  erklä- 
rung.  Auf  richtigem  wege  war  Curtius  verb.  P  287.,  liess  sich  aber 
davon  abbringen  durch  das  nach  Job.  Schmidts  nasaltheorie  angesetzte 
*fiiyy-ax(o,  das  erstens  sicher  kein  historisches  fiiayto  erzeugt  hätte, 
zweitens  aber  auch  als  bildung  mit  -sk^ö-  und  innerer  nasalierung  zu- 
gleich nirgendwo  in  den  indogermanischen  sprachen  seines  gleichen 
haben  würde. 

3* 


—     36     — 

erbform  zu  halten  angeht.  Weiter  unten  komme  ich  auf  die 
entwickelung  des  typus  von  öain-vaco  im  lateinischen  und 
germanischen,  sowie  auf  diejenige  des  typus  (5«//-)'w,  S^v-vw 
in  den  meisten  europäischen  sprachen  ausserhalb  des  grie- 
chischen und  in  den  asiatischen  idiomen  eingehender  zu 
sprechen.  Dies  vorläufig  zur  rechtfertigung  unserer  folgen- 
den Zusammenstellungen.  „Da  hinsichtlich  des  wurzelvocals 
für  die  neunte  classe  dasselbe  bildungsprincip  besteht  wie 
für  die  fünfte  classe"  (Brugman  Kuhns  zeitschr.  XXIV  262.) 
und  es  uns  hier  nur  auf  den  wurzelvocalismus  ankommt,  so 
brauchen  wir  auch  darum  hier  für  unseren  zweck  die  beiden 
classen  nicht  zu  scheiden. 

Griech.  homer.  Ti-vv-raty  TL-vv-vTat  mediopass.,  homer. 
nachhomer.  Ti-vco  .==  sanskr.  ci-nö-miy  ci-nu-te  med.;  avest. 
ci-nao-t  'fügte  an,  las'  imperf.  (Bartholomae  altiran.  verb.  106.), 
ci-nv-ant-  adj.  ''suchend,  begierig"*,  subst.  m.  nom.  propr.  Ver- 
samnaler-'  oder  ""schichte-,  scheide-,  richtebrücke'  partic.  act., 
vi  ci-nöi-t^Qx  möge  aussuchen,  unterscheiden'  opt.,  vi  ci-nae-ta 
opt.  med.;  griech.  T^-vv-juerai  partic.  mediopass.  Euripid. 
Orest.  322.,  nachhomer.  (von  Pindar  an)  rt-vw.  Zu  der  be- 
liebten vermengung  der  beiden  wurzelformen  tet-  und  rJ- 
(Joh.  Schmidt  indog.  vocal.  I  142.,  G.  Meyer  Bezzenbergers 
beitr.  182.  griech.  gramm.  §  113.  s.  Ulf.,  Curtius  verb.  d. 
griech.  spr.  P  168.,  Brugman  Kuhns  zeitschr.  XXIV  261.) 
fehlt  alle  lautgesetzliche  berechtigung.  Vielmehr  kam  tJ- 
von  hause  aus  allen  denjenigen  verbal-  und  nominalformen 
zu,  die, auch  ti-  nach  indogermanischer  ablautsregel  hatten. 
Von  solchen,  also  unter  anderen  vom  praesens  tI-vm  aus, 
ging  1  vielfach  an  die  stelle  von  €i  über,  z.  b.  im  futur  und 
sigmaorist,  wo  die  alten  lautgesetzlichen  formen  mit  €i,  arto-, 
eyt-TelG€Lj  -xelöai  u.  s.  w.  reichlich  genug  „auf  älteren  und 
allem  itacismus  fremden  Inschriften"  bezeugt  sind.    Umge- 


—     37     — 

kehrt  breitete  sich  auch  ei  aus,  so  steht  arkad.  eg-tei-oi-v 
für  "^eg-T^i-Oi-v  oder  ^eg-ri-oi-v  (doch  sieh  weiter  unten), 
vielleicht  inschriftliches  Tet-jurj  für  TJ-fni^y  wofern  hier  nicht 
alter  indogermanischer  stamm  Wechsel  von  k^ei-mä  und 
lx^i-7nä-  die  doppelheit  erklärt.  tsL-co^  das  nach  Joh.  Schmidt 
a.  a.  0.  die  genau  dem  sanskritischen  cäy-a-te  entsprechende 
bildung  sein  soll,  fassen  wir  besser  auch  als  solche  neubil- 
dung  entweder  für  rf-w  =  sanskr.  ^ci-yä-mi  (s.  12.),  oder 
für  *2r£-w,  denn  eben  dies  musste  das  lautgesetzliche  pro- 
duct  von  indog.  k'^ei-d  =  sanskr.  cäy-d-mi  sein,  vergl.  homer. 
*/€aTa^,  niaroj  xiovraiy  homer.  ßeofiai^). 

Sanskr.  ved.  nachved.  krt-iia-ti  'kauft,  erkauft'  ==  altir. 
cre-nim  *^ich  kaufe^  für  *cri-nim  (vergl.  le-iiim  ''adhaereo' 
=  lat.  li-no).  Vergl.  im  altirischen  mit  langem  i  cri-thid  adj. 
'emax'.  Im  griechischen  gehört  nur  e-7tQL--a-iiir]v  als  laut- 
gesetzlich sigmaloser  sigmatischer  aorist  (Joh.  Schmidt  Jen. 
literaturz.  1875.  s.  668.,  indog.  vocal.  11331.,  verf.  verb.  in 
der  nominalcomp.  329.)  hierher,  der  in  seiner  Isolierung  zu- 
gleich de  Saussure's  Vermutung  syst,  primit.  191.  bestätigt, 
dass  der  sigmaaorist  im  medium  und  dual  und  plural  act. 
ursprünglich  tiefstufigkeit  der  wurzel  hatte ^).  Was  7teQ-vrj-(.u 
'verkaufe'  anbetrifft,  so  beruht  es  auf  einer  indogermanischen 
praesensform  pr-nä-mi  'schaffe  hinüber,  schaffe  fort'  von 
Wurzel  per-^  wozu  auch  sanskr.  (präkrit.)  pd-na-te  'handelt, 


1)  Homer,  xeiarai,  neiato  u.  dergl.  beruhen  auf  auffrischung  der 
Wurzel  durch  xel-/iai,  xel-r«*  U.S.W.  In  homer.  ßsiojucu  II.  ^431.  sehe 
ich  nicht  nur  der  bedeutung  (Curtius  verb.  IP  316.),  sondern  auch  der 
form  nach  ein  futurum,  regulär  aus  *  ßei-<jip-/iat. 

2)  Curtius  in  der  zweiten  aufläge  des  verb.  d.  griech.  spr.  IP  305. 
anm.**)  verbessert  zwar  stillschweigend  den  ihm  nachgewiesenen  fehler, 
dass  von  e-7tQiäfii]v  als  aorist  der  alte  imperativ  *7tQiacai  zu  lauten 
hätte,  bringt  aber  sonst  nichts  neues  von  bedeutung  gegen  die  von  Joh. 
Schmidt  und  mir  vertretene  aoristische  auffassung  vor. 


—     38    — 

tauscht  ein',  altir.  re-nim  *^gebe  weg';  griech.  7t€Q-vt]~/iit  für 
*  TtccQ-vTj-iiu  oder  *7tQa-vr]-fu  durch  ausgleichung  mit  7t €q- 
-«-w,  fut.  7t€Q-a-oco.  Ein  zu  l-TtQL-a-iurjv  gehöriges  prae- 
sens *7tQt-va-jiiaL  ist  dem  griechischen  abhanden  gekommen, 
vielleicht  wegen  der  zu  grossen  ähnlichkeit  mit  dem  gegen- 
sätzlichen *7taQ-va-iiiaL  {*7CQa-va-jnai)f  7teq-va-f.iaL. 

Griech.  homer.  ep.  cpM-vco  trans.  intrans.  ==  sanskr. 
kshi-n-6-ti^  ved.  kshi-na-ti  trans.  Vernichtet,  zerstört,  ver- 
dirbt'; griech.  homer.  q)&^i-vv-d^co^  cp^^-vv-S-e-Gze]  nachhomer. 
(bei  Pindar  und  Attikern)  (pd^t-vco.  Die  ungeschwächte  wur- 
zelstufe fpd^ei-  bestand  auch  hier  vor  der  neubildung  von' 
cpd^i-GcOj  e-cpd^'i-Ga  im  futur  und  aorist;  vergl.  Herodians 
(p&eiG-rjvwQ  bei  Gust.  Meyer  Bezzenbergers  beitr.  I  82.  griech. 
gramm.  §  113.  s.  11*2.  cp&em  beurteilt  sich  in  seinem  Ver- 
hältnis zu  fpd-lcoj  sanskr.  kshi-ya-te  oder  "^(p&ew^  sanskr. 
kshdy-a-ti  (unbelegt,  dhätupätha)  ebenso,  wie  reUo  im  ent- 
sprechenden -falle.  Als  homerisch  braucht  man  übrigens 
(pd-elco  noch  nicht  anzuerkennen,  noch  weniger  cpd-eiG^^cn 
II.  /  246.  statt  (pd-iGd-ai  oder  (pS-lGS-at. 

Griech.  ßi-ve-co  "^notzüchtige'  ==  sanskr.  ved.  nachved. 
yZ-wa -^2 'überwältigt,  unterdrückt'.  Nach  Pott,  Curtius,  Ascoli 
und  anderen.       ' 

Lit.  archaist.  gy-7iu  'lebe  auf,  genese'  (Nesselmann 
wörterb.  254.  a.);  got.  kei-na^  ahd.  cM-nu  'keime'  =  sanskr. 
ved.  prd  ji-nt)-shi  'du  belebst,  erquickst'  rgv.  V  84,  1.  (vergl. 
Grassmann  wörterb.  z.  rgv.  488.,  Petersb.  wörterb.  III  104. 
unterem?.'-),  ved.  ji-nv-a-ti  intrans.  'regt  sich,  ist  frisch,  ist 
lebendig',  trans.  'treibt  an,  erregt,  erquickt,  belebt,  fördert'. 

Griech.  yü-vs-u)  'setze  in  bewegung,  errege',  homer. 
v.i--vv-vrOj  Ki-vv-iuevo-g  partic.  med.;  abulg.  5/-7?fl 'illucesco' 
(sinett  slüiiice  eigentl.  'die  sonne  regt  sich')  =  sanskr.  ei-no-ii 
*^regt  an,  treibt  an',  gi-nu-te  med.  (unbelegt,  dhätupätha). 


—     39     — 

Griech.  xQt-vto  'sichte,  scheide,  unterscheide,  urteile, 
richte;  anord.  hri-n  'ich  berühre',  aus  germ.  hri-nöy  anord. 
hri-na  infin.  =  lat.  cef^-nö  aus  *cri-nö  'sichte,  scheide,  son- 
dere aus,  sondere  ab,  entscheide,  beschliesse'.  Das  laut- 
gesetzliche betreffs  lat.  cei^-nö^  cer-tu-s  sieh  oben  s.  1  f. 
Anord.  hrina  als  'berühren'  ist  ein  'digito'  oder  'tactu  cer- 
nere',  mit  derselben  specialisierung  des  Wurzelbegriffes  auf 
den  sein  object  aussondernden  tastsinn,  wie  in  lat.  ocuUs 
cernere  und  dann  allein  cernere  'wahrnehmen,  sehen'  auf 
den  gesichtsinn,  und  in  lat.  cernere  'hören'  (vöa^  illius  certe 
est,  idem  omnes  cernimus  Attius  trag,  fragm.  218.  Ribb.)  auf 
den  gehörsinn.  Von  der  wurzel  sk^er^-  (k^er-)  'schneiden, 
scheeren'  (lit.  skii^-iu^  griech.  xelgco,  ahd.  sceran)  liegt  kra^'i- 
'sichten'  in  lauten  und  bedeutung  gleich  weit  ab,  so  häufig 
beide  auch  (bei  Job.  Schmidt  indog.  vocal  II  330.  352.,  Car- 
tius  grundz.^  156.,  Fick  wörterb.  P  239.  IP  65.  und  sonst) 
confundiert  zu  werden  pflegen.  Bei  Curtius  a.  a.  o.  stehen 
gar  auch  abkömmlinge  der  wurzel  sk^ej^-  'deutlich  werden, 
scheinen'  (in  griech.  am-a^  lat.  sci-o^  ahd.  sci-nan)  als  ver- 
wante  von  yi^ivojy  cernö,  nemlich  got.  skei-j^-s  'schier,  hell, 
rein',  skei-r-ein-s  'interpretatio'. 

Sanskr.  abhi  pt^i-nu-ti  'führt  herbei ,  vereinigt  mit',  mm 
^rfnä-ti  'fügt  zusammen';  griech.  xli-va)  'lehne';  lat.  ac-,  de-^ 
in-y  re-cli-nöf  -cli-nä-re  infin.  =  avest.  ni  siri-nao-iti  'über- 
gibt', ni  sri-nav'ä-hi  conj.  (Bartholomae  altiran.  verb.  106.); 
ags.  kli-ma-?ij  (alts.  hli-?iö-n,)  ahd.  hli-iie-n^  mhd.  le-ne-n  'leh- 
ren'. So  gut  wie  lat.  -cli-nä-re  mit  seiner  schwachen  ä-con- 
jugation  ein  „reflex  der  neunten  indischen  verbalclasse "  ist 
nach  Foehde  Bezzenbergers  beitr.  III  305. ,  so  gut  muss  es 
auch  alts.  hli-nd-n  mit  gleichem  Charakter  (praet.  hli-nö-da) 
sein,  denn  das  altsächsische  hat  die  älteste  gestalt  des  ger- 
manischen verbs.    Übrigens  zeigen  auch  liorainale  bildungen 


—     40     — 

mit  w-suffix  das  doppelspiel  von  i  und  « :  griech.  /li-vi]  Hager, 
bett^,  lat.  ac-cli-ni-s  'sich  anlehnend',  de-cli-ni-s  ''sich  weg-' 
neigend',  in-cli-nis  'sich  neigend'  neben  ahd.  hli-na  U-na 
le-na  f.  'lehne'. 

Griech.  ayi-ve-io,  a-yi-vco  trans.  'führe,  bringe,  bringe 
zusammen',  intrans.  'bewege  mich',  homer.  ayT-velg,  ay'i-vu^ 
ayJ-vovGtj  ayl-veovj  ayT-v€-oy.o-Vj  ayl-ve-(.iEvcii  infin.  =  sanskr. 
ved.  nachved.  hi-nö-ti  'setzt  in  bewegung,  treibt  an,  veran- 
lasst zu,  beeilt  etwas,  schleudert,  wirft,  fördert,  befördert 
her,  schafft  herbei,  befördert  hin,  verlässt,  gibt  auf,  wird 
los,  befreit  sich  von',  hi-nu-ie  'setzt  sich  in  bewegung,  be- 
eifert sich'  med.,  hi-nv-a-ti  'setzt  in  bewegung,  treibt  an' 
u.  s.  w.  (wie  hi-nö-li\  ved.  hi-nv-a  imper.  2.  sing.  (Böthlingk- 
Roth  VII  1607.);  avest.  zi-nd-t  'er  treibe,  schaffe,  werfe  weg, 
entziehe'  conj.,  apers.  a-dU-na-m  'ich  nahm  fort',  a-d^i-nd  'er 
nahm  fort'  0;  got.  du-ginna^  ahd.  bi-j  in-ginnu  'setze  ins  werk, 
beginne'  aus  urgerm.  '^-^i-nw-ö^  -zinnt.  Ich  kann  nur 
an  volksetymologischen  Zusammenhang  des  griech.  ay'ivew 
mit  ayio  glauben:  ursprüngliches  ^yü-ve-co  ward  der  gleich- 
heit  der  bedeutungen  wegen  nach  ayto  möglichst  umgemodelt, 
vielleicht  schon  zu  einer  so  frühen  zeit,  als  man  noch  mit 
media  aspirata  *gh~tv€ßoj  sprach.  In  diesem  sinne  möchte 
ich  von  ayvelv '  ayeiv  KqrJTsg  Hesych.  auch  mit  Curtius  verb. 
1*267.  sagen:  „Die  form  vermittelt  zwischen  ayto  und  ayu- 
vho. "    Denn  besass  man  gemeingriechisch  ay-ve-co  als  nasale 


1)  Nacli  Spiegel  d.  altpers.  keilinschr.  139.  bleibt  es  doch  wol  kaum 
zweifelhaft,  dass  die  zeichen  für  iy,  uv  in  der  keilschrift  zur  anwendung 
kommen,  wenn  es  i,  ü  darzustellen  gilt.  Die  differenzen  in  der  lautform, 
die  bei  anlegung  dieses  massstabes  zwischen  avestisch  und  altpersisch 
hinsichtlich  des  i  und  i,  ü  und  u  sich  erheben  (z.  b.  apers.  vispa  =  avest. 
vtspd)j.  kommen,  wie  schon  Spiegel  sah  und  wie  unsere  Untersuchung 
bestätigt,  nicht  in  betriebt. 


—     41     — 

bildung  von  ay-  (vergl.  osk.  anglt^  Fritzsche  stud.  VII  386.), 
so  trat  jene  Umformung  des  "^yivho  noch  leichter  ein.  Immer- 
hin gebe  ich  diese  nummer  nur  mit  allem  vorbehält. 

Abulg.  zi-na  ""gähne,  klaffe',  anord.  qi-n  ''gähne,  klaffe', 
gi-na  infin.  =  ags.  ^/-we  ""gähne',  zi-^an  infin.,  ahd.  gi-nö-n 
"^ich  gähne',  gi-non  {gi-ntm^  mhd.  gi-nen  infin.  Die  schwache 
a  -  conjugation  ist  in  ahd.  gi-non  so  zu  beurteilen  wie  bei 
alts.  hli-nön^  lat.  -cli-näre  (s.  39.). 

Griech.  Tti-vco  "^trinke'  =  sanskr.  *pi-7iö-ti  in  ved.  pi- 
-nv-änä-s  partic.  med.  *" schwell end ,  strotzend'  rgv.  IX  94,  2. 
(vergl.  Grassmann  wörterb.  z.  rgv.  810.  811.),  ved.  pi-nv-a-ti 
trans.  ^schwellt,  macht  strotzen,  lässt  reichlich  strömen', 
pi-nv-a-te  in  trans.  ^schwillt,  strotzt,  strömt  über'  med.;  avest. 
fra  pi-nao-iti  trans.  'breitet  aus,  befördert',  intrans.  "^schwillt, 
verbreitet  sich';  griech.  7tt-ve  imperat.  bei  Strato  anthol. 
Palat.  XI 19.,  wo  vielleicht  unnötig  itLe  conjiciert  wird.  Zieht 
man  mit  dem  Petersb.  wörterb.  IV  716.  und  mit  Fick  wörterb. 
P  144.  374.  das  nomen  sanskr.  pi-tü-s  m.  "^saft,  trank,  nah- 
rung',  avest.  pi-tu-sti  m.  'speise,  nahrung'  zu  der  wurzel  pi- 
'schwellen',  so  ist  kein  grund  abzusehen,  warum  man  nach 
allgemeinem  herkommen  die  sippe  sanskr.  pi'-ya-te  'trinkt', 
pt-ti-s  f.  'trunk',  pi-thä-s  m.  'trunk'  in  go-^  surä-^  soma-pithä-Sy 
pi-td-s  partic.  pass.  'getrunken',  act.  'getrunken  habend',  pi- 
tva  absol.  'getrunken  habend',  griech.  jcL-vcoy  e-Tti-o-Vj  tcl- 
0-f.iai  (s.  13  ff.),  7tl-vo-v  n.  gerstentrank'  und  abulg.  p^^-ja 
pi-j(\j  /?/-^/ 'trinken'  nebst  abulg.  pi-vo  n.  'trank,  hier',  lit. 
pjj-va-s  m.  dass.  noch  länger  davon  trennen  soll.  'Trinken' 
ist  'schwellen',  der  trank  so  gut  wie  die  speise  eine  'Schwel- 
lung'. Klar  ist  das  besonders  bei  neuengl.  to  swill  intrans. 
'stark  trinken,  sich  betrinken',  trans.  'tränken,  berauschen', 
das  mit  to  swell  intrans.  'schwellen'  aus  6inem  paradigma 
geflossen  ist.    Im  slavischen  ist  doch  wol  auch  pi-sta  f.  'cibus, 


—     42     — 

epulum^  von  pi-tije  n.  '^potus'*,  pi-rü  m.  ^compotatio'  nicht 
zu  trennen.  Die  sogenannten  objeetaceusative  bei  Tci-veiv^ 
sanskr.  pi-ya-te^  abulg.  pi-ti^  wie  vöwq,  (.led-v,  olvovj  sanskr. 
udakam,  apaSy  tejo  värimayamiy  süräm  (vergl.  Petersb.  wörterb. 
IV  615  f.  735.),  abulg  ?^oö?ö,  sind  von  hause  aus  Inhalts-  oder 
beziehungsaccusative  bei  einem  intransitiven  verb,  wie  der- 
gleichen ja  die  älteren  sprachen  noch  weit  mehr  liebten 
als  die  modernen ;  vergl.  Delbrück  syntakt.  forsch.  IV  32., 
Gaedicke  d.  accus,  im  veda  52flf.  87  ff.  156  ff.,  oben  s.  24.  25  f. 
Im  griechischen  ist  z.  b.  unmittelbar  die  construction  des 
eigentlich  intransitiven  nvtOy  xvew  4ch  bin  angeschwollen,  bin 
schwanger,  trächtig^  mit  dem  accusativ  vergleichbar:  xveiv 
7taLÖLov,  l'/.vei  cpLlov  vlov  (II.  T  1 1 7.),  ßqecpog  rj/nlovov  -Kviov- 
aav  (IL  W  266.).  Die  genitive  aber  bei  TtiveiVy  in  TtLoi  oXvoto 
(Od.  X  11.)?  cili-iaTOO,  o(pQa.7tLco  (Od.  A  96.),  in  ycQi^vrjQy  Ttora- 
f.iov  Ttiveiv  haben  wir  als  ablative  oder  als  Stellvertreter  sol- 
cher {oXvoio,  Ttoraf^iovy  vergl.  morphol.  unters.  II  108.)  zu 
verstehen,  wie  am  klarsten  olvov,  evd^ev  emvov  Od.  ö  220. 
zeigt;  dass  das  griechische  Sprachgefühl  keinen  unterschied 
mehr  zwischen  einer  und  derselben  casusform  in  oivov  7ctvoj 
*^ich  schwelle  von  dem  weine  her'  und  in  ohov  Tte/tcoTia 
ich  habe  des  weines  getrunken'  (Delbrück  a.  a.  o.  39  f., 
Gaedicke  a.  a.  o.  43.)  empfand,  macht  jene  auffassung  weder 
überflüssig  noch  hinfällig.  Mit  griech.  TtL-Ttl-oxeiv  tlvcc  ""je- 
mand  tränken,  einem  zu  trinken  geben"*  vergleiche  man  in 
beziehung  auf  die  reduplicierte  form  und  die  causative  be- 
deutung  vedisches  wie  rgv.  VIII  55,  7.  dpipemehd  vajrinam 
wir  tränkten  hier  reichlich  den  blitzträger',  rgv.  VIII  88,  1. 
tvä'm  ida  hyö  närö  ^pipyan  vajrin  bhurnaydh  *^dich,  blitzer, 
haben  hier  getränkt  die  männer  gestern  eifervoll'  (Grass- 
mann). Mit  7tL-7tl-GK€LV  TL  {yccla ,  vdcüQ,  cpaqfxav.ov)  *^etwas 
zu  trinken  geben'    aber  berührt  sich  rgv.  IV  16,  21.  isham 


—     43     — 

jaritre  nadyo  na  pipeh  ''lass  labung  schwellen  strömen  gleich 
dem  Sänger'  (Grassmann),  rgv.  VI  50,  12.  parjanyävatä  pi- 
pyaiäm  isham  nah  *^Parjanya  und  Väta  mögen  labetrunk  uns 
reichlich  spenden'.  Vergl.  auch  noch  ved.  pdy-as  n.  saft, 
flüssigkeit,  milchtrank'  neben  pdy-a-te  *^er  schwillt,  strotzt'. 
Der  anschluss  von  7Ci-vio  an  das  formensystem  einer  anderen 
Wurzel,  pö'  *^ trinken'  in  Tce-7t(jo-y,a,  7te-7to-(.iai ,  e-jco-d-rjv, 
7vo-t6-Vj  7t6-To-g,  Tc6-ai-^^  lat.  pö-tu-Sj  po-tiö  u.  a.,  mit  wel- 
cher lautlich  das  /?/-  zu  vereinigen  unmöglich  ist,  gehört  in 
die  kategorie  der  fälle  wie  oQaio  oxpo(.iai  eidov,  tqsxo)  eöga- 
f.iov,  (XIQ6CÜ  ellov  y  lat.  fero  tuli^  sanskr.  päcyämi  daddrca 
u.  s.  w.  Derselbe  anschluss  bewirkte  im  lesbischen  das  Sub- 
stitut 7tiü-no  für  7Ci-vco'^  denn  allerdings  kennen  die  ver- 
wanten  sprachen  keine  nasale  praesensbildung  aus  der  wurzel 
pö'  (Curtius •  verb.  d.  griech.  spr.  P  260.),  aber  tcLvo)  hat 
eben  an  sanskr.  pinvati^  avest.  pinaoiti  in  dieser  beziehung 
seine  analoga.  Auch  lesb.  7t(x)'^i,  wofür  später  nach  ö-con- 
jugation  auch  /rw  'trink'  (Curtius  verb.  IP  51.),  wird  so  für 
7Tl-^i  neugebildet  sein,  da  das  damit  gleichgestellte  ved.  pä-hi 
'trink'  (Curtius  verb.  IP47.)  vielleicht  selbst  nur  umgestaltetes 
*/^^Ä/ 'schwill'  ist;  indog.  pö-dht  würde  dem  bei  dieser  art 
Imperativformen  gewohnten  tiefstufenvocalismus  (verf.  Kuhns 
zeitschr.  XXIII  582  f.  morphol.  unters.  II 137.)  widerstreben'). 
Sanskr.  ved.   bkri-n-änti  'sie  versehren'    rgv.  II  28,  7. 


1)  Ich  vermute,  dass  die  andere  wurzel  ursprünglich  gar  nicht  indog. 
pö-j  sondern  hö-  war  und  als  solche  in  sanskr.  pi-bä-mi,  lat.  bi-hö^ 
altir.  i-him  vorliegt.  Der  schon  grundsprachliche  zusammenschluss  von 
bö-  xmät.pa'^i-  {^n-)  zu  einem  Systeme  hätte  dann  frühzeitig  die  misch- 
form pö-  erzeugt;  in  samskr.  jy^-bä-mi  für  *bi-bä-mi  würde  sich  der  ein- 
fluss  des  pi-  auf  bö-  nur  erst  auf  die  reduplicationssilbe  erstreckt 
haben.  Hatte  etwa  bö-  'trinken'  auch  eine  weitere  bedeutung  'sich 
nähren',  so  würde  ich  die  griechische  sippe  ßio-xcoQ,  ßoi-ri-avEiqa,  na^- 
ßdJ-Ti'S,  ßd-uxco,  ßo-ro-v,  ßo-r-arrj,  ßo-rrjo  hinzuziehen. 


—     44     — 

(von  waflfen,  geschossen,  die  den  Übeltäter  treffen),  bhri-na-ü 
'er  zürnt'  (naighant.  II 12.  krudhyati)  -=  got.  bri-7in-a  'brenne' 
intrans.  aus  urgerm.  bri-nm-6,  got.  ags.  alts.  ahd.  hrinnan^ 
anord.  hrinna  infin.  Diese  von  Sonne  Kuhns  zeitschr.  X  100. 
herrührende  combination  acceptiert  auch  Grassmann  wörterb. 
z.  rgv.  967.  Alles  sonstige  sowol  über  das  altindische  als 
über  das  germanische  verb  vorgebrachte  ist  unsicher.  Was 
z.  b.  die  Zusammenstellung  des  ved.  bhri-i-dnti  mit  lat./e;*-/ö 
bei  Job.  Schmidt  indog.  vocal.  II  255.  angeht,  so  könnte  ich 
mir  nur  etwa  denken,  dass  das  2i\i\2X.  ferinunt  Fest.  p.  162.  b. 
entstanden  wäre  durch  eine  Zusammenbildung  der  für  das 
lateinische  Sprachgefühl  allmählich  gleichbedeutend  gewor- 
denen zwei  formen  feriunt  ''sie  treffen'  und  ^J'rmunt  'sie 
brennen,  versehren'.  Das  deutsche  brennen  im  intransiti\^en 
imd  transitiven  sinne  wird  nach  Soune  und  Gk-assmann  die 
grundbedeutung  der  wurzel  bhra'i-  sein;  von  da  aus  flössen 
die  specialisierten  anwendungen  als  'zürnen'  und  'versehren' 
von  brennenden  Schneidewerkzeugen,  welche  letztere  auch 
abulg.  bri-ja^  bri-ti  'abscheren',  bri-ci  f.,  bri-tva  f.  'scher- 
messer'  zeigen. 

Sanskr.  mi-nä-ti  'vermindert'  =  sanskr.  ved.  mi-na-ti^ 
nachved.  mi-n6-ti\  griech.  /iu-vv-d^a)  trans.  'vermindere,  ver- 
ringere, reibe  auf',  intrans.  'werde  geringer,  nehme  ab, 
schwinde  hin';  lat.  mi-nu-Ö\  abulg.  mi-na  'comprimo'  (infin. 
m^'ti  nach  Joe- ^/'spannen'  zu  praes. /?m-a  gebildet);  lit.  mi-nü 
trete,  breche  flachs,  gerbe  feile,  begatte  mich'  (von  männ- 
lichen tieren,  hähnen  u.  dergl.),  eigentlich  'drücke  zusammen 
(infin.  mm-ti  mit  wurzelhaft  gewordenem  nasal  wie  im  sla- 
vischen).  Falsch  urteilt  über  das  i  von  sanskr.  mi-nä-ii  und 
das  i,  ü  der  ähnlichen  formen  de  Saussure  syst,  primit.  243. 
Das  spätere  erscheinen  der  volleren  form  ist  zufällig  und 
besagt  nichts  über  das  historische  Verhältnis  zu  ved.  mi-na-ti^ 


—     45     — 

bei  dhü-nö-ti:  dhu-nö-ti  (sieh  unten)  ist  umgekehrt  jene  die 
früher  in  der  litteratur  zu  belegende  form. 

Griech.  o-qI-vco  ""errege,  setze  in  bewegung';  abulg.  rz-wa 
'stosse^,  ri'iia  se  ""stürze^;  lit.  archaist.  ry-nu  'schlinge,  schlucke^ 
(Nesselmann  wörterb.  440.  a.  442.  b.),  eigentlich  "^lasse  flies- 
sen'  =  sanskr.  ved.  ri-iia-ti  ""lässt  fliessen,  lässt  laufen', 
ri-ni'te  ""gerät  ins  fliessen'  med.,  nachved.  ri-nv-a-ti  act.  unbe- 
legt, im  dhätupätha  (Petersb.  wörterb.  VII  347.);  got.  ri-nn-a^ 
ags.  ri-nn-Q^  ahd.  ri-nn-u  'rinne,  renne'  aus  ViXg^xvn.  ri-nw-t ^ 
got.  ags.  ahd.  rinnan^  anord.  rinna  infin.  Gegen  den  Zusam- 
menhang dieser  wurzel  ra^z-  (vergl.  sanskr.  re-tas  n. 'guss, 
Strom,  samenerguss,  same',  re-tra-m  n.  'semen  virile')  mit 
der  Wurzel  von  sanskr.  r-no-ü^  r-7iv-d-ti,  griech.  oq-vv-juij 
welche  letztere  e?^-  war  (vergl.  unten),  streiten  die  laut- 
gesetze,  mögen  auch  die  bedeutungen  nach  Joh.  Schmidt 
indog.  vocal.  II  248  ff.  noch  so  nahe  sich  berühren  und  dem 
Sprachgefühl  der  einzelnen  Völker  die  bildungen  aus  beiden 
wurzeln  vielfach  volksetymologisch  associiert  gewesen  sein. 
So  hat  wol  griech.  6-qI-vco  sich  im  gebrauche  sehr  dem  6q- 
-vv-f.ii  angenähert,  vielleicht  auch  von  diesem  die  lautform 
seines  prothetischen  vocals  o-  (etwa  früher  *6-()i-rcü?)  vor- 
geschrieben bekommen.  Von  sanskr.  r-m-a-vii  kommen  wir 
nimmer  auf  got.  rinna,  das  dagegen  bei  dem  häufigen  Wechsel 
von  fünfter  und  neunter  classe  als  correlat  zu  ved.  ri-na-mi 
selbst  dann  nicht  auffallen  könnte,  wenn  sanskr.  ri-nv-ä-mi 
nicht  existierte  oder  wenn  man  auf  diese  unbelegte  form 
nichts  geben  möchte. 

Lit.  archaist.  u.  zemait.  ly-na  'es  regnet'  (Nesselmann 
wörterb.  364.  b.  367.  a.,  Schleicher  lit.  gramm.  §  114,  2. 
s.  240.),  hochlit.  ly-nd-ja,  ly-n6-ti  'fein  regnen'  =  sanskr. 
U-na-ii  'ergiesst  sich  in',  durch  Wörterbücher  belegt  (Petersb. 
wörterb.  VI  549.);  lat.  U-nö  'bestreiche,  tiberziehe,  beschmiere'; 


—     46     — 

altir.  le-ni-m  ''adhaereo',  do-li-ni-in  ^mano';  got.  af-li-nn-a^  ags. 
li-nn-e^  ahd.  bi-li-nn-u  'lasse  nach,  gebe  nach,  weiche'  aus 
urgerm.  li-niv-o^  got.  ags.  ahd.  linnan  infin.  (anord.  Unna 
schwaches  verb).  Hesychs  ahvelv '  aXekfeiv  (also  wol  prae- 
sens ah-ve-w  wie  xi-ve-co ,  ^t-ve-co)  bleibt  der  quantität 
nach  unbestimmbar.  Grundbedeutung  der  wurzel:  *^sich  oder 
etwas  hinschmiegen'. 

Griech.  öi-vo-f^iat  *^raffe  weg,  raube,  beraube,  plündere, 
verwüste,  verheere,  schädige,  beschädige,  versehre,  verletze, 
verwunde';  ahd.  swt-nu  ''schwinde,  schwinde  hin,  nehme  ab' 
=  vergl.  griech.  oi-vt-g  m.  *^schädiger,  verwtister,  räuber', 
GL-v-og  n.  ^'schaden,  beschädigung'  (neben  ol-v-og  bei  Ni- 
kander  alexiph.  231.).  Von  Oi-ve-o-iim^  nur  bei  Herodot 
und  Hippokrates,  bleibt  die  quantität  des  i  unentschieden. 
Über  griech.  0-  =  indog.  sii-  sprechen  wir  uns  gelegent- 
lich unten  aus. 

Avest.  giUiao-üi'er  vermehrt'  yt.  X  16.;  griech.  ßv-vi-co 
'ich  stopfe  voll,  verstopfe';  lett.  gü-nu  'hasche',  eigentlich 
'dränge  nach  etwas'  (Bielenstein  lett.  spr.  §  260.  I  355.)  -= 
sanskr.  ved.  ju-nä'-ti  intrans.  'drängt  vorwärts,  ist  rasch,  ist 
rege',  trans.  'setzt  in  rasche  bewegung,  treibt  an,  betreibt, 
regt  an,  drängt,  fördert,  begeistert';  abulg.  gii-na  "jcQO'Aivko^ 
moveo'.  Von  ßvveoj  steht  die  quantität  des  v  durch  die 
beste  Überlieferung  von  Aristophanes  pax  645.  fest,  wo  der 
codex  Ravennas  eßvvovv  gegen  das  eßvovv  der  anderen  hand- 
schriften  hat.  Dagegen  von  öCa-ßvveTai  Herod.  II  96.  ist 
die  quantität  des  v  nicht  zu  constatieren.  In  sanskr.  ved. 
ju-na-ti  ist,  wie  auch  in  ved.  jü-ju-vus ,  jü-ju-van  perf.  act., 
in  jü-td-s  partic,  jü-ti-s  f.  'das  vorwärtsdrängen,  antrieb',  in 
ved.  ju-  adj.  'eilend,  rasch',  m.  'ross',  api-jü-  'antreibend' 
und  ved.  nabho-y  mano-^  yätu-^  vayo-^  vasü-jü-^  vigva-,  sadyo-^ 
senä-jü-  der  palatal  übertragen  von  der  anderen  praesens- 


—     47     — 

hildung  jdv-a-ti  =  indog.  g^en-e-ti  und  von  den  nominibus 
Yed.  jdv-a-  m.  *^eile,  raschheit,  drangt,  adj.  "^eilend,  rasch\ 
Yed.jdv-ana-y  nsichYed.  jav-and-  adj.  ^treibend,  schnell,  rasch', 
n.  ^Schnelligkeit,  raschheit',  Yed.Jdv-as  n.  *^raschheit,  Schnellig- 
keit', endlich  von  ved.  jdv4yas-j  Jdv-ühtha-,  comparativ  und 
Superlativ  zu  fu-  *^ schnell,  rasch'.  Aber  geblieben  ist  der 
lautgesetzliche  guttural  in  ved.  agre-gu-  adj.  'voran  gehend', 
epitheton  der  gewässer  in  der  väjasaneyi-samh.  (Petersb. 
wörterb.  u.  d.  w.),  eigentlich  wol  'voran,  treibend,  eilend', 
ferner  in  ved.  ddhri-gu-  adj.  'unaufhaltsam  vordringend',  bei- 
wort  von  göttern,  Agni,  Indra,  Soma,  den  Maruts,  den  Agvinen, 
ved.  vanai^-gü'  adj.  'im  holze,  im  walde  sich  umtreibend' 
von  Agni,  von  dieben,  ved.  {)äci-gu-  adj.,  nur  rgv.  VIII  17,  12. 
von  Indra,  nach  Grassmann  wörterb.  z.  rgv.  1391.  'in  kraft 
einherschreitend';  diese  alle  pflegte  man  nebst  ved.  atithi- 
-gv-d-y  eta-gv-a-y  ndva-gv-a-j  ddga-gv-a-  in  unhaltbarer  weise 
mit  gam-  'gehen'  zu  combinieren.  Mit  einer  zendwurzel  zu- 
' eilen',  die  Justi  handb.  d.  zendspr.  125  b.  ansetzt  und  wegen 
deren  Joh.  Schmidt  Kuhns  zeitschr.  XXV  66  f.  anm.  149.  für 
sanskr.yw-  alten  indogermanischen  palatal  in  anspruch  nimmt, 
ist  es,  fürchte  ich,  schwach  bestellt.  Yt.  V  63.  liest  Wester- 
gaard  moshu  me  j ava  avanhe  'eile  mir  rasch  zu  hilfe'  statt 
zava.  Anderes  mag  zu  anderen  wurzeln  gehören.  So  uziii- 
ihyaos-ca  'des  hervorquillenden  (wassers)'  vend.  VI  72.  und 
fra-züvaiti  'bringt  mit  sich'  yt.  XIV  3.  vielleicht  zu  indog. 
gh^eU'  'giessen',  griech.  xeoj  {fra-zavaiti  =  Tcgo-xsei?); 
auch  zura-  in  zuro-jata-  adj.  'mit  gewalt  geschlagen'  und 
sävare  n.  'stärke,  kraft'  und  uzinthya-  n.  nach  Justi  'das 
emporeilen,  das  erhabensein  über  etwas'  sind  nicht  not- 
wendig zu  sanskr.  jü-  'drängen,  treiben'  zu  stellen.  Avest. 
(f/w-ymo-zVz'vermehrt'  war  wol  eigentlich 'befördert,  promovet'. 
Die  eigentümliche  bedeutungsentwickelung  aber  von  griech. 


—     48     — 

ßvviu),  ßvco  hat  ihr  strictes  analogon  einmal  an  unserem 
gedrängt  volly  sodann  an  derjenigen  von  cpqaooeiv,  lat.  far- 
cire  'verstopfen,  vollstopfen'^  denn  auch  bei  diesen  war  ja 
''drängen'  der  ausgangspunkt,  wie  ihn  cpQä^avTeg  öoqv  öoiql, 
octKog  oaxet  IL  N  130.,  cpgct^avTsg  %a  yeqqa  Herodot.  IX  61. 
noch  zeigen;  vergl.  Döderlein  latein.  synon.  u.  etymol.  VI  122., 
Curtius  Kuhns  zeitschr.  XIII  399  f.  grundz.'  302.  Im  litaui- 
schen existiert  die  nasale  praesensbildung  auch,  aber  in  zwei 
entstellungen.  Lit.  gdu-nu  'hasche,  erhasche,  bekomme'  er- 
hielt au  statt  u  (vergl.  das  lettische)  aus  dem  futur  gdu-siu 
(sieh  s.  19  f.).  Betreffs  guinü  'ich  jage,  jage  nach,  treibe'  aber 
zeigt  schon  Schleicher  lit.  gramm.  s.  60.  anm.  einen  rich- 
tigeren weg  als  später  Joh.  Schmidt  indog.  vocal.  I  175  f. 
Von  der  jod-bildung  lit.  gu-jüj  die  neben  der  nasalen  liegt 
wie  griech.  ßv-co  neben  ßv-ve-co  und  wie  so  häufig  beide  sich 
begleiten,  pflanzte  sich  das/  als  i  auf  das  futur  und  den 
Infinitiv  fort;  durch  güi-siu,  giii-ti  ward  dann  auch  '^gunu  zu 
gui-nii.  Directes  modell  etwa  mochte,  nachdem  erst  der 
aorist  gyj-aü  zu  gn-ju  neu  gebildet  war,  für  die  weitere 
Schöpfung  von  gui-siu^  giii-ti  und  endlich  von  gui-nü  der  ab- 
laut  der  wurzel  ei-  'gehen'  sein:  lit.  ej-aü^  ei-siUj  ei-ti  neben 
praes.  ei-nu. 

Griech.  homer.  öv-va-f^ievo-io  Od.  a  276.  A  414.,  Jv-va- 
-f-ievr]  f.  nom.  propr.  einer  Nereide  IL  J^43.,  partic.  praes. 
med.  =  griech.  dv-va-fiai  'ich  kann,  vermag'.  Allerdings  sind 
dvvafievoiOy  Jvvaf.i€vrj  bei  Homer  „wol  metrisch"  (G.  Meyer 
griech.  gramm.  §  493.  s.  379.),  wenn  wir  darunter  nur  ver- 
stehen, dass  der  dichter  hier  einmal  des  verses  halber  zu 
der  stärkeren  der  beiden  altüberlieferten  zwillingsformen  griff. 
Joh.  Schmidts  etymologischen  versuch  über  övvauai  Kuhns 
zeitschr.  XXV  148  f.  kann  ich  von  begrifflicher  und  lautlicher 
Seite  nicht  annehmbarer  ^nden  als  die  meisten  der  von  ihm 


—     49    — 

kritisierten  und  verworfenen  früheren  erklärungen.  Schmidt 
hat  ebend.  145  ff.  164  ff.  an  keinem  sicheren  beispiele  für 
mich  überzeugend  dargetan,  dass,  ausser  in  dialektischen 
Wörtern  etwa,  griech.  ö  und  d^  als  Vertreter  der  palatalen 
indog.  g\  gh^  anzuerkennen  seien.  Begrifflich  gelangt  Schmidt 
von  'ich  werde  angeregt  zu^  nur  sehr  künstlich  zu  'ich  kann, 
vermag\  Besseres  denn  Ficks  auffassung  des  övrajuat  als 
'ich  bin  fest,  bin  stark'  auf  grund  von  lat.  dü-ru-s^  ahd.^w-« 
(wörterb.  IP  132.)  liegt  bis  jetzt  nicht  vor. 

Sanskr.  ved.  nachved.  dhü-nö-ti  trans.  'setzt  in  heftige 
bewegung,  schüttelt,  erschtittert^  intrans.  'bewegt  sich  heftig, 
stürmt  einher';  griech.  e-d-v-ve-o-v  'sie  stürmten'  imperf. 
Hesiod.  scut.  Heracl.  210.,  homer.  d^v-ve  imperf.  =  sanskr. 
nachved.  dhu-no-ti^  dhu-na-ti  unbelegt  (dhätup.),  nii^  dhu-ne-t 
opt.  mahäbhär.  XIII  5006.  (Petersb.  wörterb.  III  976.). 

Bei  Seite  gelassen  habe  ich  im  vorhergehenden  die  lesbi- 
schen praesensformen  mit  der  nasalgemination  kqIvvco,  xUvvio, 
oQivvco,  GLvvoiiiaij  denen  noch  'ölvvto,  TtXvvvco  sich  anreihen. 
Ich  meine  nemlich,  man  hat  diesen  seither  zu  viel  gewicht 
beigelegt,  um  den  Ursprung  der  vocallänge  in  y.Qivio  u.  s.  w. 
zu  erklären.  Jene  lesbischen  formen  können  auf  mehrfache 
weise  beurteilt  werden.  Entweder  es  ist  überall  das  -vv-, 
da  an  -vl-  schwerlich  noch  zu  denken  ist  (Gust.  Meyer  bringt 
neuerdings  griech.  gramm.  §293.  s.  251.f.  ohne  ersichtliche 
ratio  die  erklärungen  aus  -vFco  und  -vuj)  promiscue  in  an- 
wendung),  aus  -vF-  entstanden.  Dann  braucht  aber  homer. 
att.  y^livo)  nicht  notwendig  dieselbe  bildung  zu  sein  wie  lesb. 
yJdvvcoj  sondern  kann  sich  zu  diesem  ebenso  verhalten  wie 
ved.  bhri-ncmti  zu  got.  hri-nna-nd^  ved.  ri-na-ti  zu  sanskr. 
ri-nva-ti^  und  ähnlich  wie  sanskr.  cri-na-ti  zu  avest.  siri- 
•nao-iti.  Oder:  nur  ein  teil  der  lesbischen  verba  enthielt 
aus  -vF-  lautgesetzlich  hervorgegangenes  -vv-,  etwa  '^rlvvajy 

Ostliotf  u.  Brugman  untersuch.  IV.  4 


—     50     — 

*  cp^lvvco.  Da  in  diesen  die  ausserpraesentisehe  flexion  gleich 
war  mit  derjenigen  von  /.oirto,  yjJvcOj  z.  b.  re-ri-Aa  Ti-ro-Qy 
f-ffd^i-y.a  e-(pd^i-(.iaL  (pd^i-TÖ-g  wie  y.i-7.Qi-'/.a  /A-ÄQL-(.ica  aqi- 
-To-g,  yJ-yli-ya  yJ-yh-itiai  y'/u-To-gj  so  folgten  jenen  auf 
-vvcü  die  y^fvcü,  k^Jvco  in  der  gestaltung  des  praesensstammes 
nach,  nahmen  auch  den  doppelnasal  an.  Oder  drittens:  alle 
lesbischen  verba  auf  -ivvco  und  -vvva)  gehen  zurück  auf  ent- 
sprechende formen  mit  einem  -v-,  indem  sie  alle  sich  nach 
der  analogie  solcher  jod-bildungen  wie  yrewio,  tsvvco  neben 
fut.  yTSvho,  "^Tevho  und  weiterhin  sogar  orilho,  OTteQQco, 
cf&€QQw  neben  fut.  orelho,  *G7t€Qeto,  '^(pd^egho  (Ahrens  dial. 

I  131.)  richteten,  sobald  erst  auch  bei  yoivw,  yJJvio  und  ge- 
nossen der  nasal  einigermassen  „wurzelhaft"  geworden  und 
die  futura  "^ygireto,  *yhveto  entstanden  waren  wie  im  atti- 
schen und  anderwärts.  Eine  geringere  anzahl  von  mustern 
konnte  gentigen,  um  in  dem  dialekt  der  Lesbier  die  nasal- 
und  liquidengemination  allmählich  zum  charakteristischen  bil- 
dungsprincip  für  den  praesensstamm  der  sogenannten  „  verba 
liquida"  werden  zu  lassen.  Angesichts  aller  dieser  möglich - 
keiten  aber  wird  man  zugeben,  dass  das  lesb.  -vv-  zur  er- 
klärung  des  r,  v  vor  -vto  im  ausserlesbischen  kaum  brauch- 
bar ist.  Dazu  kommt,  dass,  wenn  auch  im  attischen  7,  r 
erscheinen  wie  in  ygJ-vco,  yXJ-vto,  m-vco,  in  6v-vto,  7tXv-vio, 
aiiv-vto  u.  a.,  auf  solches  att.  7,  v  doch  nicht  die  erklärung 
aus  „ersatzdehnung"  anwendbar  wäre  nach  J.  Wackernagels 
nachweise  Kuhns  zeitschr.  XXV  262  f.  Und  gerade  in  den  bil- 
dungen  ältesten  Charakters,  homer.  ri-vv-Tai,  yJ-w-rai^  so- 
wie dann  auch  in  öl-ve-to,  yi-ve-w,  ßv-ve-to,  d^v-ve-io,  das  7,  v 
durch  form  Übertragung  zu  erklären,  wie  man  doch  gezwungen 
wäre  und  wie  mein  verunglückter  versuch  morphol.  unters. 

II  114.  anm.  es  wollte,  hat  seine  grossen  härten,  wenn  es 
nicht  gar,  wie  bei  homer.  öv-va-inai,  völlig  aussichtslos  er- 


—     51     — ' 

scheinen  dürfte.  So,  denke  ich,  unterlässt  man  es  besser 
auch,  das  «,  v  da  durch  -rf-  zu  erklären,  wo  es  selbst  mög- 
lich scheint  nach  den  lautgesetzen,  nemlich  in  homer.  ti-vio, 
(fO^i-roj,  ogi-vcü,  dt-no ,  S^t-no  u.  dergl.  nach  Wackernagel 
a.  a.  0.  Kann  man  doch  nicht  alles  mit  dem  digammawegfall 
aufhellen,  so  lasse  man  auch  hier  das  7,  v  einfach  dem  zahl- 
reich an  gleicher  stelle  in  den  nasalen  praesensstammbil- 
dungen  erscheinenden  7,  n  der  verwanten  sprachen  gleich 
stehen  und  suche  in  den  verben  auf  -t-vio,  -v-vio  nicht  ohne 
not  ein  anderes  bilduDgsprincip  als  in  denen  auf  -i-vco,  -v-vca 
und  als  in  solchen  wie  öay-vco,  Ka/ii-vw,  ra/n-voj.  Nur  die 
homer.  avco^  (pd^ävco,  Iaccvco,  xr/ccvco  bleiben  bei  Wackernagel 
a.  a.  0.  als  sichere  -r/-bildungen.  Homer,  ji-no,  rp^i-vco 
können  1)  =  urgriech.  ^rt-vF-co^  *f/)i^^-j/-w,  2)  =  urgriech. 
*Tt-vß-coj  *  cpd^i-vß-w  j  3)  ==  urgriech.  tl-vlo,  cpd^i-vco  sein. 
Zu  der  annähme  des  ersteren  falles  zwingt  nicht  unbedingt 
die  rücksicht  auf  att.  tl-voj  ,  cp^t-no^  die  ihrerseits  ==  ur- 
griech. "^rt-vF-LOj  "^ cp&t-vß-coj  aber  auch  =  urgriech.  it-vio, 
(pd^L-vio  sein  dürfen,  während  att.  aql-vio,  Y,ll-vio  u.  s.  w.  ent- 
weder =  urgriech.  ^/.Qi-vF-io,  *xki-vß-iü  oder  =  urgriech. 
'aqT-vco,  yJJ-vco  sein  müssen. 

Die  stelle  des  griech.  lö-lco  neben  sanskr.  svid-yä-mij 
ahd.  swizzu  (s.  33.)  vertreten  unter  den  nasal- bildungen: 

Abulg.  ^%-;?a  ^schreite,  eile''  =  sanskr.  pra  stigh-no-ti 
'schreitet  zum  angriff  vor,  greift  an',  pra  sti(fh-nu-yä-t  o^i.^  von 
L.  Schroeder  jetzt  aus  der  maiträyanl  samhitä  nachgewiesen 
zeitschr.  d.  deutsch,  morgenl.  ges.  XXXIII  194  f.,  stigh-nu-te 
'askandane'  (dhätup.)  med.;  russ.  steg-nu-ü  infin.  (=  abulg. 
^-  stig-na-ti), 

Abulg,  df/ch-na  'blase'  =  abulg.  duch-na  dass. 

Andere  bildungen  gleicher  art  wie  abulg.  stig-na.^  dych-na^^ 
ohne  dass  die  schwächere  form  daneben  nachweisbar  wäre, 


—     52     — 

sind  noch:  gnech.  fiuy-vv-im,  wenn  auch  der  praesensstamm 
das  für  andere  formen  derselben  Wurzel  gesicherte  7  (Job. 
Schmidt  indog.  vocal.  I  123.  147.)  hatte;  abulg.  tfch-na'ah- 
undo',  vis-n([  '^muttio'',  cich-?ia  *^niese\  ryk-na  'brülle'  und 
vyk-na  'werde  gewohnt,  lerne'  (von  würz,  indog.  a'^uk'^-  in 
sanskr.  tic-ya-ti  'findet  gefallen  an,  tut  gern,  ist  gewohnt', 
6k-as  n.  'behagen,  gefallen,  ort  des  behagens,  gewohnter  ort, 
wohnstätte').  Endlich  russ.  dial.  smyk-nu-tt  'mit  dem  geigen- 
bogen  strei-chen'  (Miklosich  lexic.  Palaeoslov.  866.  unt.  smy- 
kati)  gegenüber  dem  lit.  smimkii  mit  innerer  nasalierung  und 
der  jodbildung  abulg.  smyca^  mhd.  smücken^  dem  aoristprae- 
sens  ags.  smü^an\  alle  von  der  tiefstufigen  wurzel  indog. 
smnk^-  'schmiegen,  fest  andrücken'  (s.  11.  34.). 

E.  Schwacher  stamm  des  praesens  zweiter  in- 
discher classe  oder  des  „unthematischen"  aorists: 

Sanskr.  i-ya-m^  i-yä-t  'ich,  er  möge  gehen'  opt.  (angeb- 
lich precativ),  i-yäs-am  precat.  =  sanskr.  ved.  nachved. 
i-thaSy  i'tdsj  i-mds  i-masi^  i-thä  dual.  plur.  praes. ,  i-yii-m, 
i-ya-ty  i-y-iis  optat.,  i-hi^  i-tam^  i-tam^  i-tä^  i-täna  imperat.; 
avest.  i-di  'geh'  imper.;  griech.  i-rov,  f-t/€v,  'I-ts  dual.  plur. 
praes.,  homer.  ^t-TYjv  dual,  imperf.,  i-&iy  ^-rw,  X-tov^  ^-rtovj 
"i-TE  imper.  Nach  den  indischen  grammatikern  regelte  sich 
der  gebrauch  der  i-  und  /-formen  im  optativ  (precativ)  dar- 
nach, dass  „die  wurzel  i-  nach  praepositionen  im  precativ 
kurz  bleibe":  vd-i-yat^  nir-i-ydsam^  aber  i-ydt^  i-ydsam.  Vergl. 
Petersb.  wörterb.  I  753.,  Benfey  vollständ.  sanskritgramm. 
§  866,1.  s.  399.,  Stenzler  elementarb.d.  sauskritspr.^- 4-  §  183,2. 
s.  36.  Unten  ergibt  sich  uns  die  ratio  dieser  regel,  die  indes 
nicht  ausnahmslos  blieb,  gemäss  den  von  Benfey  ebend. 
anm.  2.  nachgewiesenen  sam-iydt^  abhy-ud-iydt.  Lat.  i-miiSy 
l-tfs  indic.  und  Mö,  hte  imper.  können  mit  indog.  i  die 
alten  doppelgänger  von  sanskr.  i'-mds,  i-thä^  i-tä^  i-tdd^  griech. 


—     53     — 

X-i^t€Vj  "L-Te,X-Tiü  sein;  indes  ist  wenigstens  für  die  indicativ- 
formen  l-mus^  i-tis  wegen  e-unl  aus  "^ei-ojit  es  wahrschein- 
licher, dass  ausgleichung  des  ganzen  plurals  mit  dem  Sin- 
gular (i-Sj  i-t  aus  indog.  ei-si^  ^i-^0  stattgefunden  habe, 
wie  beim  litauischen  dual  und  plural  imper.  el-va^  ei-me  nach 
el-m\  ei-t  sing,  indic.  und  nach  ei-siu  fut.  =  sanskr.  e-shya-mt 
Doch  zeigt  das  griechische  spuren  von  indog.  l  im  schwachen 
stamme.  Darf  man  wegen  sanskr.  i-yä-m^  i-yä-t  „  das  eigen- 
tümliche €u]  in  Hesiods  werken  und  tagen  v.  617.,  das  doch 
wol  zu  ihai  gehören  muss"  (vergl.  Hartel  zeitschr.  f.  d. 
oesterreich.  gymn.  1876.  s.  630.,  Gust.  Meyer  Bezzenbergers 
beitr.  I  92.),  in  ttj  abändern,  sowie  auch  bei  Homer  ^rjv  statt 
sYr^v  von  ^IfiL  (Curtius  verb.  IP  99.,  J.  Wackernagel  Bezzen- 
bergers beitr.  IV  270.)  schreiben?  Jedesfalls  ist,  wie  «-  von 
L-liievy  X-re  in  den  conjunctiv  V-w,  so  auch  z-  von  ^l-fusvj 
*l-T€y  opt.  *'/-^v,  *'i-rj  ebendahin  übertragen;  daher  homer. 
'-o-f-iev.  Wackernagels  einsetzung  von  ec-o-juev  Kuhns  zeitschr. 
XXV  279.  schafft  nur  eine  form,  die  auch  als  jüngere  neu- 
bildung  nach  el-jucj  d,  €l-oi  erklärt  werden  müsste,  da  der 
lautgesetzliche  alte  conjunctiv  *e-o-fi€v  =  sanskr.  ved.  äy- 
-ä-ma  zu  lauten  hätte,  vergl.  s.  37.  Ebenso  würden  «i'^v, 
eYrjgj  elrj  als  optativformen  von  6l-/a,  wenn  dieselben  doch 
bei  Homer  und  Hesiod  zu  belassen  sind,  wofür  cl'/yc;  'eas' 
in  dem  inschriftlichen  epigramm  bei  Kaibel  nro.  618.  a.  1.  8. 
spricht  (vergl.  Curtius  verb.  n'^99.),  und  att.  ehv  'nun  gut, 
wolan',  wenn  es  Brugman  morphol.  unters.  I  185  f.  richtig 
als  conjunctiv  =  ved.  äy-a-t  deutet,  das  ei-  nur  durch  Über- 
tragung vom  sing,  indic.  praes.  haben. 

Sanskr.  ci-yä-t  'möge  schichten'  optat.  (precat.)  schol. 
zu  Pänini  VH  4,  25.  (Petersb.  wörterb.  H  997.)  =  sanskr.  ved. 
vi  ci'taiia  ^schichtet,  bahnet  ihr'  imper.  rgv.  IV  37,  7.;  avest. 
vt'ci-dyCd  'zu  unterscheiden,  zur  Unterscheidung'  infin.  aor. 


—     54     — 

Sanskr.  kshi-yä-t  ^möge  vernichten,  verderben'  optat. 
(precat.)  Vopad.  VIII 63.  (Petersb.  wörterb.  II  544.)  =  grieeh. 
s-cpO^^-ao  ^dii  kamst  um'  (Aeschyk  sept.  970.),  homer.  nach- 
homer.  e-fd^t-ro  (IL  JS"  100.,  SophocL  Oed.  rex  962.),  indic. 
aor.  med.,  homer.  nachhomer.  cfd-L-fievo-g  partic.  Man  darf 
IL  /  246.  N  667.  Od.  ^'117.  o  354.  den  homerischen  infinitiv 
aor.  med.  sowol  cpM-oS^ai  als  rpd^l-Gd^ca  schreiben,  jedoch 
nicht  cp^el-GÜ^aiy  vergl.  s.  38.  Der  homerische  optativ  med. 
mco-cpd-i-f-iriv  Od.  x  51.,  cp^-l-ro  Od.  /  330.  hat  i  als  contrac- 
tion  aus  indog.  7  +  ^  oder  ^  +  7  und  ergänzt  das  paradigma 
des  activischen  sanskr.  kshi-yu-t. 

Sanskr.  jt-yu-l  ^möge  siegen,  möge  oben  auf  sein,  möge 
leben'  Vopad.  s.  176.  (Petersb.  wörterb.  III  96.)  =  sanskr. 
ved.  säm  ji-tam  *^erobert  ihr  beide'  imper.  rgv.  IX  7,  9.; 
avest.  ji-dytti  'zu  bewältigen'  infin.  aor.  ys.  XXXII  14. 

Sanskr.  ved.  vi-thäs  Mhr  beide  erregt,  treibt  an'  indic'. 
dual.,  ri-Ä«"" treibe  an,  errege',  vi-tüd^  vi-tum  imper.  =  sanskr. 
ved.  p'ä  vi-hi  ^treibe  an'  imper.  (Petersb.  wörterb.  3.  /'/-). 

Sanskr.  crü-yas-am^  ved.  (^ril-yas  *^er  möge  hören'  precat. 
rgv.  II  10,  2.;  avest.  a-srü-düm  'ihr  wurdet  bekannt',  */v/- 
'idyai  'zum  hören,  zum  hersagen'  infin. ;  grieeh.  homer.  nach- 
homer. -Av-d^i  'höre',  aIv-te  imper.  =  sanskr.  ved.  c^ru-yas 
precat.  rgv.  II  10,  2.  (padapätha),  (^ru-dhi  ^ru-dhi  'höre', 
crii'tdm^  f?'u-tä  imper.;  gviecih.  xlv-f-ievo-g  Theokrit.  XIV  26., 
homer.  nsQL'Akv-^ievo-g  nom.  propr.  IL  yl  286.  partic. 

Sanskr.  ved.  nachved.  d-bhü-tam  'ihr  beide  wäret', 
a-bhü-tam^  d-bhü-ma  bhü-ma^  d-bhii-ta  hhü-ta  dual.  plur.  aor. 
indieat.,  bhü-ya-s  optat.,  bhü-yäs-am^  bhü-yas  precat.,  bhü- 
-tänij  bhü-ta^  bhü-tana  imperat.;  grieeh.  e-rpv-TOv,  e-rpi-Ttiv, 
e-cpv-f,iev,  e-cpv-re  dual.  plur.  aor.  indic.  =  avest.  bu-yäo^ 
bu-yä-t  opt.  Grieeh.  e-cpv-v  3.  plur.  wird  nach  bekanntem 
lautgesetze  aus  '^e-cpv-vr  verkürzt  sein,  ist  überdies  nebst 


—     55     — 

avest.  bu-7i  keine  indogermanische  erbform  (vergl.  weiter 
unten).  In  dem  Singular  aor.  sanskr.  ved.  ä-bhii-s  bhii-Sj 
ä-bhü't  bhu'tj  griech.  e-cpv-v,  e-cpv-g,  e-cpv  cpv  betrachten  wir 
das  ü  einstweilen  als  tibertragen  von  dem  plural  und  dual, 
um  später  diese  ansieht  etwas  zu  modificieren. 

Sanskr.  ved.  nachved.  brü-mas  Vir  sprechen'  praes. 
plur.,  a-brü-täm  imperf.  dual.,  brü-she,  brü-te  praes.  med., 
a-brü-ta  imperf.  med.,  brü-ya-t^  brü-y-us  opt. ,  brü-hi^  brü-ta 
imper. ;  avest.  mrü-ite  'er  spricht'  praes.  med.,  mrü-idhi 
imper.  =  sanskr.  bru-yä-t  opt.;  avest.  mru-yCio^  mru-yä-t 
opt.  Dass  sanskr.  bruyät  „  hier  und  da  fälschlich "  für  brniyät 
geschrieben  werde,  braucht  man  nicht  mit  dem  Petersb. 
wörterb.  V  157.  anzunehmen^). 

1)  Trotz  des  ^inen,  aber  sicheren  beispiels  sanskr.  hru-  =  avest. 
mru-  muss  das  lautgesetz,  dass  ursprüngliches  mr-  im  altindischen  zu 
hr-  im  anlaut  werde  wie  im  altgriechischen,  für  ausnahmslos  gelten. 
Sanskr.  mr-  erscheint  in  mraksh-  mräkshati  'striegelt,  reibt',  mrakshdyaü 
'bestreicht';  mrad-  mrädate  'reibt',  mradäyali  'glättet',  mradimän-  m. 
'Weichheit,  milde,  Sanftmut',  mradiyas-^  mradish{ha-  compar.  superl.  zu 
mrdü-\  mralana-  n.  'Cyperus  rotundus'  (unbelegt);  mrit-  mrityati  'zer- 
fällt, löst  sich  auf;  mriyäte  'stirbt';  mruc-  mrdcati,  mrüücati  'geht 
unter',  mrokä-  m.  name  eines  verderblichen  Agni,  einer  flamme;  7nred- 
mredali,  v2Ja-ni-mredaie  'erfreut,  beglückt',  ä-mredoyali  'wiederholt'. 
Indem  wir  annehmen  dürfen,  dass  im  Inlaut  hinter  vocal  sanskr.  -mr~ 
blieb,  wie  es  im  griechischen  ebenda  zu  -iißQ'  ward  {a-fißQotos,  a-fiß^oacos 
gegenüber  ßoorös),  ergibt  sich,  dass  alle  diese  fälle  mit  mr-  die  laut- 
gestalt  verallgemeinerten,  welche  im  unmittelbaren  anschluss  des  tnr-  an 
vorhergehenden  vocal  ihre  lautgesetzliche  Berechtigung  hatte.  So  ist 
also  mriyäte  für  *briyäte  die  analogiebildung  nach  a-mriyata  imperf, 
dnu-mriyate,  dbhi-miiyate  und  richtete  sich  ebenso  mröcati  nach  d-mru- 
cat,  ni-7nrocati\  \ed.  fmia-mradas-  adj. 'wollenweich',  urnä  mrddish(hä 
'weichste  wolle'  ü.  dergl.  beeinflussten  mradimän-^  mradish{ha-  und  ür- 
näyä{s)  mrädislHhdyäs  gen.  sing.  Umgekehrt  bei  brii-:  hier  sind  vielmehr 
d-bravi(,  ä-brüta  imperf  und  anu-brü-,  upa-bru-^  pra-bru-  u.  s.  w.  nach 
brüviti,  brüte  praes.,  nach  iid-brü-,  nir-bru-  umgeformt  und  vergleichen 
sich  somit  der  griechischen  neubildung  «-/?ooros  II  3*  78.,  Aeschyl.  Prom.  2. 
(vergl.  G.  Meyer  griech.  gramm.  §  179.  s.  165.). 


—     56    — 

Sanskr.  ved.  vi  ijü-yäs  "er  möge  verlustig  gehen^  precat. 
rgv.  VII  104, 15  =  sanskr.  yu-ya-t  "qx  möge  abwehren,  fern- 
halten' opt.  (Petersb.  wörterb.  VI  141.  unter  3.  yu-). 

Avest.  yüj-en  ''sie  verbanden'  3.  plur.  act.  =  sanskr. 
ved.  ä-yuk-thäs^  ä-yuk-ta^  yuj-mahe^  d-yug-dhvamj  yuj-ata  med., 
yuk-shva  imper.  med.     Sieh  bereits  oben  s.  10  f.  anm. 

Griech.  homer.  Iv-to  'löste  sich'  med.  IL  ß  1.  =  griech. 
homer.  Iv-ro  dass.  Nach  dem  etymol.  magn.  274,  50.  ge- 
brauchte Pindar  den  imperativ  Ivd-t  zu  einer  spielenden  ety- 
mologie  von  ÖL&vQafußog  (Boeckh  zu  Pindar  II  2,  585.,  Bergk 
poet.  lyr.  graec.  V  400.,  Curtius  verb.  d.  griech.  spr.  I^  191.); 
es  ist  aber  aus  dem  fragment  nicht  zu  ersehen,  ob  nicht  der 
dichter  dort  /.v^t  gesagt  habe. 

Griech.  homer.  t^v-oo  'du  decktest,  schütztest'  II.  X507., 
homer.  %qv-to  'er  deckte'  med.  =  griech.  eqv-To  'wurde 
bewahrt'  pass.  Hesiod.  theogon.  304.  Vergl.  über  das  als 
wurzelverbum  behandelte  denominativum  einstweilen  oben 
s.  30  f. 

Sanskr.  ved.  su-te  'gebiert,  zeugt',  d-sü-ia  su-ta  'gebar' 
und  'wurde  geboren'  imperf.  med.,  pra  sü-hi  'errege,  schleu- 
dere' imper.  =  sanskr.  pra  su-hi  'errege,  schleudere'  imper. 
(Petersb.  wörterb.  VII  1022.).  Die  formale  Zusammengehörig- 
keit des  prasühij  prasuhi  zu  dem  4.  sii-  'zeugen,  gebären' 
des  Petersb.  wörterb.  redet  auch  der  Identität  dieses  mit 
2.  SU-  'erregen,  schaffen'  das  wort;  ebenso  das  praesens 
sau-ii  dieses  letzteren  im  gatapathabrähmana  und  dhätupätha 
(Petersb.  wörterb.  VII  1021.).  Unter  ihrem  4.  sii-  bemerken 
Böthlingk-Roth,  dass  nur  wegen  suta-  und  sushiiti-  die  an- 
nähme von  SU-  'gebären'  mit  kurzem  u  gerechtfertigt  sei. 
Es  ist  in  der  tat  nur  das  zufällige  ergebnis  der  speciellen 
altindischen  formausgleichungen ,  wenn  das  su-  'zeugen,  ge- 
bären' vom  Standpunkte  dieser  spräche  mehr  als  sü-  erscheint. 


—     57     — 

Eine  einschneidende  formale  differenz  von  den  beiden  an- 
deren wurzeln,  sii-  ^erregen,  schaffen'  und  su-  "^pressen',  liegt 
darin  nicht.  Und  so  möchte  ich  nicht  nur,  wie  Benfey  glossar 
z.  sämav.  s.  196.  und  0.  Meyer  quaest.  Homer.  7  ff.,  zwei 
dieser  gleichlautenden  wurzeln,  sondern  sie  alle  drei  mit 
Grassmann  wörterb.  z.  rgv.  1522.  1560.  für  identisch  halten. 
Die  gemeinsame  grundbedeutung  ist  *^zum  Vorschein  bringen^; 
die  specialisierten  bedeutungen  knüpften  sich  im  indoirani- 
schen vornemlich  nur  an  die  verschiedenen  praesensbildungen. 
Betreffs  dieser  letzteren  beachte  man  auch :  es  ist  die  imper- 
fective  handlung  ""pressen,  keltern"*  allein,  welche  im  sanskrit 
durch  das  nasale  praesens  su-nö-ti  ausgedrückt  wird;  das 
perfective  'zum  Vorschein  bringen'  erhält  das  „  aoristpraesens " 
suv-d-ti  zu  seinem  formalen  träger';  und  das  ebenfalls  per- 
fective *^erzeugen,  gebären'  findet  als  ein  'an  sich'  oder  'aus 
sich  zum  Vorschein  bringen'  füglich  durch  das  medium  eines 
anderen  aoristpraesens,  su-te^  seinen  ausdruck.  Darin  kann 
man  eine  bestätigung  Delbrückscher  anschauungen  finden; 
vergl.  dessen  syntakt.  forsch.  IV  100. 

Avest.  stü-idki 'lohQy  preise'  impei*.  ==  sanskr.  ved.  nach- 
ved.  stu-mas  stu-mäsi^  stu-tha  praes.  plur.,  stu-she^  stu-te  med., 
6^M-Ä2 'lobe,  preise',  prä  stu-tam^  stu-ta  imper. ;  avest.  vpa 
stu-yä-t  opt. 

Wie  bei  einigen  wurzeln  nur  die  tiefstufenformen  mit  ^  U 
festgehalten  wurden,  so  entschied  man  sich  bei  anderen  aus- 
schliesslich für  die  <-,  w-formen.  So  bei  ved.  ä-ni-täm^  ni-tam 
von  ni'  'führen'.  Auch  griech.  €-öv-f.iev,  e-öv-te,  dv-d'i,  dv-tco 
haben  die  alten  seitenformen  mit  v  neben  sich  wegfallen 
lassen  und  analogie  in  den  indicativ  sing,  mit  e-dv-v,  e-öv-gj 
s-dv  öv  gewirkt,  wie  sanskr.  d-bhü-tamy  griech.  e-cpv-Tov 
(s.  54  f.).  Der  optativ  homer.  di-ri  aus  "^dv-i^i  (Od.  o  348.), 
der  im  sanskrit  als  regelrechter  „  precativ "  mit  „  verlängertem  ** 


—     58     — 

wurzelvocale  gelten  würde,  ist  eine  alte  bildung  wie  das 
von  uns  bei  Homer  und  Hesiod  vermutete  Tri  ^^^  d-f^H^)\ 
der  conjunctiv  aor.  dvco  vergleicht  sich  als  neuschöpf ung  mit 
dem  praesensconjunctiv  homer.  ^lof^isv  (s.  53.)  „Überall  mit 
langem  ?;"  erscheint  auch  homer.  a(.i-7cvv'To  *^er  verschnaufte' 
(Curtius  verb.  d.  griech.  spr.  I^  191.).  Homer.  filK-ro  bei 
seiner  durch  grammatiker  wol  bezeugten  naturlänge  des  l 
(Lobeck  paralip.  gramm.  graec.  414.  417.,  Joh.  Schmidt  indog. 
vocal.  I  123.,  Curtius  verb.  P  287.)  reiht  sich  darum  nicht 
ganz  sicher  hier  an,  weil  es  nach  Brugman  morphol.  unters. 
HI  19.  anm.  auch  sigmatischer  aorist  aus  "^  hIv-o-to  sein 
kann.  Dasselbe  trifft  U-to  Hesiod.  theog.  481.,  das  noch  um 
so  unsicherer  ist,  als  man  auch  mit  Koechly  (vergl.  Curtius 
verb.  P  193.)  'U-to  lesen  darf.  Den  beispielen  des  Impera- 
tivs mit  suff.  -dhi  und  wurzelhaftem  ?,  n  sind  noch  beizu- 
fügen: avest.  ci^Ä-c^z 'verkündige,  lehre',  griech.  /cl-d^i  'trink'; 
beide  zwar  ohne  nachweisbare  schwächere  nebenform  mit  /, 
jedoch  Ttl-d^L  neben  ved.  pi-pi-hi  'mache  schwellen,  tränke 
reichlich'  (vergl.  s.  42  f.)  so,  wie  überhaupt  häufig  praesens- 
bildung  zweiter  und  dritter  indischer  classe  neben  einander 
hergehen.  Dass  andererseits  auch  griech.  i-S-i^  sanskr.  i-hi\ 
avest.  ^-f/^ 'geh'  und  io-d^i^  sanskr.  vid-dhi'wissQ^  alte  doppel- 
gänger  *l-0^i  *i-ki  "^i-di^  *ßlö-&t  *vid-dhi  dereinst  gehabt 
haben,  ist  durchaus  zu  vermuten.  Den  aoristimperativ  von 
O€vco  bei  Hesych.  wollte  Göttling  accentl.  89.  oid-t  schrei- 
ben, es  ist  aber  damit  wie  mit  Pindars  Iv^t  (s.  56.) :  weder 
lässt  sich  av-x^i  durch  die  analogie  von  vlv-d^i,  dv-d-i  als 
das  notwendige  und  bessere  denn  oud-t  rechtfertigen,  noch 


1)  Für  den  aoristoptativ  8vrj  muss  auch  das  oben  s.  19.  über  das 
jod-praesens  Svco  bemerkte,  gelten,  dass  er  lautgesetzlichen  verlust  des  j[ 
in  der  anlautsgruppe  indog.  </(-  hatte. 


—     59    — 

wird  jenes  durch  das  in  den  tiefstufenformen  des  griechischen 
verbums  oevto  durchgeführte  kurze  v  verboten. 

F.  Schwacher  praesensstamm  dritter  indischer 
classe: 

Sanskr.  ved.  dpa  ci-ki-hi  *^nimm  rücksicht  auf,  respec- 
tiere'  imper.  atharvav.  I  10,  4.  =  sanskr.  ved.  änu  ci-ki-täm 
'sie  beide  sollen  gedenken'  imper.  atharvav.  VI  53, 1.  (Petersb. 
wörterb.  II  1002.  1003.  unter  2.  ci-). 

Sanskr.  bi-bhi-tas  'sie  beide  fürchten  sich'  dual,  act., 
ved.  nach  ved.  bi-bhi-ya-t  opt.  rgv.  I  41,  9.  A^valäy.  grhyas. 
III  10,11.,  ved.  bi-bhi-tOy  bi-bki-tana  imper.  atharvav.  VII 
60,  1.  rgv.  VIII  55,  15.  =  sanskr.  bi-bhi-tas  dual,  act.,  bi- 
bhi-ya-t  opt. 

Wiederum  gewahren  wir:  wie  einige  wurzeln  die  z-,  ü- 
formen  neben  den  /-,?^- formen  wegfallen  Hessen,  so  vollzog 
ein  kleinerer  teil  die  ausmerzung  des  alten  luxus  auch  in 
umgekehrter  richtung.  Sanskr.  ved.  ju-hu-mds  'wir  giessen, 
giessen  opfertrank'  gehört  zu  jener,  sanskr.  ved.  ju-hü-mdsi 
ju'hü-mas  'wir  rufen  an'  zu  dieser  kategorie.  In  dem  ü 
und  ü  liegt  die  specifische  differenz  auch  bei  diesem  wurzel- 
paare (vergl.  s.  56  f.)  nicht;  eher,  wenn  eine  solche  überhaupt 
bestand,  wie  ich  trotz  Bechtel  bezeichn.  d.  sinnl.  wahrnehm, 
in  d.  indog.  spr.  77.  79.  80.  83.  zu  glauben  fortfahre,  lag  sie 
in  dem  ablaut  der  mittel-  und  hochstufe').   Zu  dem  imperativ 


1)  Mir  ist  eingefallen,  ob  nicht  die  lateinische  grussformel  have,  mit 
etymologisch  berechtigtem,  auch  inschriftlich  bezeugtem  Ä-,  daher  und 
wegen  der  bedeutung  von  avere  'begehren'  zu  trennen,  die  erstarrte 
1.  sing,  praes.  med.  =  sanskr.  ved.  häve  sei:  have  imperator,  have  pia 
anima  eigentlich  'ich  rufe  dich'  s.  v.  a.  'ich  grüsse  dich'.  Vergl.  rgv. 
II  118,  11.  häve  hl  väm  a<;vinä  'ich  rufe  euch,  ihr  Acvinen',  rgv.  VIII 
13,  13.  häve  tvä  sura  üdite  have  madhyämdine  diväh  'dich  [o  Indra]  ruf 
bei  sonneuaufgang  ich,  dich  in  des  tages  mitte  an'  (Grassmann).  Nach 
Grassmann  wörterb.  z.  rgv.  1672  ff.  bedeutet  hü-  {hvä-)  'jemandem  (dat.) 


—     60     — 

ved.  ci'ki'hi  lässt  sich  nach  pi-pi-hl  (s.  58.)  die  verlorene 
Schwesterbildung  etwa  in  der  form  ^ci-ki-hi  (lautgesetzlicher 
^ct-ci-hi)  vermuten. 

G.    Schwacher  perfectstamm: 

Griech.  homer.  poet.  r€-T<-^(6Vo-g*^geschätzt,  geehrt'  partic. 
mediopass.  =  sanskr.  ci-ki-väms-am  acc.  sing,  "^aneinander- 
gereiht habend,  geschichtet  habend'  pai*tic.  act.  käthakam 
A.  Weber  ind.  stud.  III  472.  (Petersb.  wörterb.  II  997.  unter 
1.  ci-). 

Avest.  di-dvish-ma  'wir  haben  gepeinigt'  plur.  act.  ys. 
LXVII  2.  =  sanskr.  di-dvish-ima  Vir  haben  angefeindet, 
haben  gehasst',  di-dvish-ns  plur.  act. 

Sanskr.  ved.  ni-m-thäs  'ihr  beide  habet  geführt'  dual, 
act.  (conj.),  ni-ni-ijä-t  opt.  =  sanskr.  ved.  ni-ni-ma  plur.  act. 
taittiriya-samh.  III  2,  8,  3.  „wo  aber  das  metrum  ninwia  for- 
dert" (Petersb.  wörterb.  IV  265.). 

Sanskr.  bi-bhi-ma  'wir  haben  uns  gefürchtet'  plur.  indic. 
mahäbhär.  V  514.  (Petersb.  wörterb.  V  292.),  ved.  bi-bhi-vun 
'sich  ftirchtend'  partic.  act.  rgv.  X  105,  3.  =  avest.  bi-wi-väo 
'sich  fürchtend',  trans.  'erschreekend ,  furchtbar'  partic.  act. 


glückwunsch,  heilsruf  (bhäram)  zurufen'  an  den  stellen  rgv.  1  117,  18. 
gunäm  andhaya  hhäram  ahvayat  sä  'gedeihen  rief  sie,  heil  dem  blinden 
zu',  rgv.  V  29,  8.  käräm  7iä  vi^ve  ahvanta  deva  bhäram  iiulräya  yäd 
ähim  jaghäna  'da  riefen  heil  dem  Indra  alle  götter,  wie  siegsgesang,  da 
er  erschlug  die  schlänge'  (Grassmann).  Es  hätte  keine  Schwierigkeit,  die 
Imperativformen  lat.  havelöy  havete  und  den  Infinitiv  havere  {Marcus 
haverejuhet  'lässt  dich  grüssen'  Martial.)  —  weiter  existiert  in  der  classi- 
schen  latinität  noch  nichts  —  durch  neubildung  entstehen  zu  lassen: 
für  das  lateinische  Sprachgefühl  musste  das  alte  have  mit  vale  und  salve 
(vergl.  in  perpeluum,  fräter,  have  atque  vale  Catull.,  have  dotnitia,  vale 
domina  auf  einer  Inschrift)  auf  eine  linie  treten.  Für  den  vocalismus 
ergäbe  sich,  dass  von  sanskr.  häv-e,  häv-a-te,  abulg.  zov-a^,  zov-e-tt  die 
Wurzel  indog.  gh^au-  ist,  im  gegensatz  zu  gh^eu-  'giessen'  in  sanskr. 
Ju-hö-mi,  griech.  x^'^y  x^v-fia. 


—     61     — 

Avest.  vi-vis-e  ''du  bist  herangekommen,  hast  dich  unter- 
zogen, gehorchst*  med.  (vend.  II  12.);  griech.  acp-ly-(.iaL  'bin 
gekommen',  acp-ly-rai  med.,  acp-ly-d^ai  infin.  med.  =  sanskr. 
ved.  a  vi-vic-us  'sie  sind  eingegangen  in,  sind  eingedrungen' 
plur.  act.,  sanskr.  vi-vic-e^  ved.  ni  vi-vic-re  med.,  a  vi-mv^-yCi-s 
opt.  act.,  sanskr.  vi-vi^-vams-  partic.  act.  Man  hat  griech. 
ly-Hai,  h-Tac  als  eins  der  seit  indogermanischer  zeit  re- 
duplicationsverlustigen  perfecta  zu  betrachten,  worüber  vor- 
läufig Joh.  Schmidt  Kuhns  zeitschr.  XXV  30  ff.,  näheres  am 
Schlüsse  dieser  abhandiung  zu  vergleichen  ist.  Redupliciert 
wäre  griech.  "^ely-f-iai  aus  '^Fe-FL/,-(.iai  zu  erwarten.  Es  hat 
allerdings  die  spätere  spräche  wol  sicher  in  ly-f-iat  das  *- 
nicht  function^l  verschieden  gefühlt  von  dem  rj-  in  riy-^iai. 
Ahnlich  traf  das  griechische  auch  bei  den  modis  des  aorist 
yctcp-j'y-o-f-irjv  tyi-e-TO  und  iy.-io-f.iai  ly-rj-Tai,  ly-ot-jtirjv  r/- 
oi-To,  ^y-i-od^ai,  ly-o-f-ievo-c;  die  Verteilung  von  indog.  iitk^- 
und  uik^ '  (s.  5.)  so,  dass  seinem  formalen  bedürfnis  des 
„augmentum  temporale"  genüge  geschah,  denn  r/-6-firiv, 
ly-e-ro  (bereits  homerisch)  ist  von  hause  aus  augmentloses 

(t  ^  et  er 

praeteritum  so  gut  wie  homer.  ^y-o-/iir]v,  'iy-e-ro,  ^y-o-vro^). 


1)  Mit  rücksicht  auf  Curtius  verb.  d.  griech.  spr.  P  183  f.  bemerke 
ich,  dass  man  der  alten  epischen  spräche  jegliches  beispiel  von  tem- 
poralem augment  bei  den  mit  c,  v  anlautenden  verben  abzusprechen  be- 
rechtigt ist;   man  kann  überall,  wo  der  schein  davon  vorliegt,  auf  die 
indogermanische  doppelheit  von  J,  U  und  /,  u  recurrieren  und  die  be- 
tretende homerische  praeter! talform  mit  I-,  i-  {v-)  als  augmentlose  an- 
sehen.   Namentlich  ist  ein  verlassen  der  bildungsregel ,  welche  betreiFs 
der  augmentation  der  verba  wie  eliaaco,  l'kxco,  eanäco,  igya^o/iai  bekannt- 
lich auch  der  späteren  graecität  noch  durchaus  fest  gegolten  hat,   der 
spräche  Homers  vollends  nicht  zuzutrauen.    Auch   die  spätere  spräche 
brauchte,  um  die  temporal  augmentierten  ixerevan,  vfusvalow  u.  dergl. 
J    (verf.  morphol   unters.  11  123.  139.)  zu  erhalten,  im  gründe  keine  neuen 
[,    formen   zu   bilden,    sondern   nur   altüberlieferte   doubletten   nach   dem 
I    Schema  von  7]ad'iov:  iad'Uo  zu  diiFerenzieren. 


—     62     - 

Avest.  vid-yä-t  *er  wisse'  opt.  act.,  vid-väo  vidk-vaOj 
vid-ush-a,  vid-ush-Cj  vid-ush-öj  vidh-vdohh-ö y  vith-ush-i^  viih- 
ush-i-m  partic.  act.,  vid-ush  vith-usK  adj.  Vissend,  keonend, 
wissentlich'  (aus  dem  partic.  entwickelt) ;  griech.  homer.  llo- 
Av-iö-og  m.  nom.  propr.  eines  greisen  sehers  IL  N  663.  666., 
des  Sohnes  eines  traumdeuters  IL  E  1 48.,  ursprünglich  partic. 
voc.  sing,  'o  Vielwisser',  darnach  nom.  sing,  eines  hystero- 
genen  -ö-stammes  =  sanskr.  ved.  nachved.  vid-dthiis^  vid-mdj 
vid-dj  vid-üs  dual.  plur.  ind.  act.,  ved.  vid-i^e  med.,  vidya-ni^ 
vid-ya-tj  vid-ya-ma ^  vid-y-üs  opt.  act.,  vid-dhi  vid-dhi  y  vit- 
•tady  vit-iäm  imper. ,  vid-van^  vid-ush-a^  vid-üshe^  vid-iish-asy 
vul-vams-as j  vid-üsh-i  partic.  act.,  ved.  vid-us  adj.  "^achtsam' 
(aus  dem  partic.  entwickelt);  griech.  homer.  nachhomer.  Va- 
-Tov ,  %d-(.i£v  'iG-fiiev,  llo-T€  dual.  plur.  act.,  'io-d^i,  'ig-tov, 
'io-T€  imper.,  homer.  ^d-v-hj-Gi  partic.  act.  fem.  II.  ^4  608. 
2"  380.  482.  y  12.  Od.  ?/ 92.,  iö-i-lot  raasc.  plur.  'zeugen' 
Aristoph.  Daetal.  fragm.  1.  Dind.  (nach  Seidlers  emendation); 
got.  vit-täSj  vit-um^  vit-up^  vitun^  anord.  vit-um^  vit-u^^  vit-ii^ 
ahd.  ivizz-nUy  wizz-ut  dual.  plur.  praes.,  got.  vit-jau^  vit-ei-ma, 
anord.  vit-Oj  vit-i-m,  ahd.  wizz-i^  wizz-i-n  opt.  Griech.  ^igtoj^ 
Igtcov  und  das  medium  ^lö-fiai  bei  Hesych.  haben  uncontro- 
lierbare  quantität  des  i,  obschon  wahrscheinlicher  kürze  als 
länge  auch  bei  ihnen  herrscht.  Jlolv-iöog  stellt  sich  nach 
unserer  erklärung  zu  den  masculinen  nominativen  auf  -a 
wie  OvEGTaj  iTtfCOTa,  xtaroxalTccy  nach  Brugman  morphol. 
unters.  II  199.  anm.  1.  und  Gust.  Meyer  griech.  gramm.  §  325. 
§  336.  „  vocativformen,  die  die  ftinction  des  nominativs  über- 
nommen haben "  *).    Doch  auch  abgesehen  davon  erhält  avest. 


1)  Zu  den  eigennamenartigen  Substantiven  gehören  vor  allen  dingen 
auch  die  verwantschaftswörter.  Eine  einwirkung  der  häufig  gebrauchten 
vocativform  dieser  auf  die  ganze  declination  schon  in  indogermanischer 
zeit  wollte  Brugman  Curtius'  stud.  IX  384.  statuieren.    Ähnlich  ist  nach 


—     63     — 

vid-vdo  vielleicht  sein  genaues  griechisches  correlat.  Nach 
La  Roche  homer.  untersuch.  85  f.  wird  es  auf  grund  des  con- 
stanten  homer.  idvlfjOL  jCQaitideoöi^  das  Aristarch  auch  A  608. 

Y  1 2.  statt  eiöviriöi  7CQa7tLdeoöL  las ,  wahrscheinlich ,  „  dass 
er  [Aristarch]  auch  an  den  übrigen  stellen  iövla  für  eldvla 
geschrieben  und  die  «lision  vermieden  hat,  also  tqya  lövh] 

V  289 ,  -Äeövci  iövla  a  428."  u.  s.  w.    Vergl.  auch  Ahrens 

rhein.  mus.  n.  f.  II  176  ff.,  La  Roche  homer.  textkrit.  286  f., 
Hartel  homer.  stud.  III  38  f.  Verbannen  wir  so  das  junge 
eidvla  ganz  aus  der  homerischen  spräche,  so  wird  man  ungern 

r  auf  halbem  wege  stehen  bleiben  und  auch  für  das  mascu- 
i  line  eldvjg  bei  Homer  eine  altertümlichere,  so  zu  sagen  home- 
*  rischere  form  zu  substituieren  geneigt  sein.  Vermutlich  sind 
nun  durchweg  ursprünglich  lötog^  iSorccy  Jöoreg  u.  s.  w.  im 
Homertext  gestanden,  wofür  die  jüngere  spräche  überall  leicht 
I  ihre  «i- formen  einsetzen  konnte.  Auch  das  feminin  homer. 
und  hesiod.  ßJÖ-vla  =  avest.  vUh-ushi  finde  ich,  denn  ov  Ttqiv 
ßTöüla  Toyioio  ist  meines  erachtens  an  der  stelle  IL  P  5.,  und 
7cluoTa  xhecov  ßiövlav  bei  Hesiod.  theogon.  887.  das  echte 
alte ,  während  Hartel  homer.  stud.  HI  39.  und  Gust.  Meyer 
griech.  gramm.  §  550.  anm.  s.  417.  sich  anders  helfen.  Schon 
J.  Wackernagel  Kuhns  zeitschr.  XXV  261.  postulierte  als  ho- 
merisches particip  Töwg  und  sah  in  Ilolv-Jöog  einen  Überrest 


Behaghel  Jen.  literaturz.  1879.  s.  278.  ahd.  fate?'  die  vocativform  an  stelle 
des  alten  nom.  sing.  ahd.  *fatcr.  So  glaube  ich  auch,  dass  abulg.  brate 
'o  bruder'  aus  indog.  bhräter  entstanden,  dann  wie  rabe,  vluce  auf- 
gefasst,  die  ö  -  declination  und  den  neuen  nom.-acc.  sing,  bratti  hervor- 
gerufen hat.  Durch  einfluss  der  alten  obliquen  casus  von  der  schwäch- 
sten Stammform  bralr-  erwuchs  das  slavische  nebenparadigma  von  bratru, 
voc.  bratre.  Mahlows  hypothese  d.  lang.  voc.  AEO  68. 115  ,  dass  slav.  -ü 
mitunter  lautgesetzlich  indog.  -ör  und  -ön,  -öm  vertrete,  hat  an  bratu 
folglich  so  wenig  eine  stütze,  wie  an  dem  gen.  plur.  auf  -ü  nach  verf. 
morphol.  unters,  I  207  ff. 


—     64     — 

desselben  „mit  abgestumpfter  endung".  Freilich  wollte  er 
das  I  anders  erklären,  mit  bilfe  des  früheren  digamma  nach 
dem  6y  wodurch  aber  dem  feminin  idvla  nicht  direct  geholfen 
sein  würde.  Das  jüngere  eldtogj  eldvla  bildete  sich  durch 
Übertragung  des  vocalismus  der  ins  perfectsystem  von  olöa 
geratenen  sigmatischen  aoristformen  conj.  eiöho  eUco  ^  opt. 
eidsir]v  (Brugman  morphol.  unters.  III  16  ff.  23.),  wie  ebenso 
die  attische  infinitivform  uö-ev-ai,  die  doch  wol  notwendig 
mit  dem  avest.  vid-van-öi^ zum  wissen,  zu  wissen^  ys.  XXXI  3. 
zusammengehört,  dann  also  Umformung  einer  urgriechischen 
erbform  ^ßlö-ßiv-at  ist').  Mit  de  Saussure  syst,  primit.  132. 
anm.  1.,  Curtius  verb.  d.  griech.  spr.  IP  213.  und  Gust.  Meyer 
griech.  gramm.  §550.  s.  417.  ^ße-ßiö-tog^  '^Fe-Fid-ev-m  zu 
gründe  zu  legen,  heisst  auch  der  griechischen  spräche  das 
reduplicierte  perfect  dieser  wurzel  aufoctroyieren,  das,  einzig 
im  sanskrit  vorhanden'^),  dort  erst  spät  auftritt  und  mit  gutem 
fug  als  neubildung  betrachtet  wird;  und  ^gewusst  habend' 
wie  sanskr.  vi-vid-vdn  {„viveda  wirkliches  perf. ",  Böhtlingk- 
Roth  VI  1042.)  bedeutet  auch  griech.  eiöwg  nirgend.  Homers 
3.  plur.  JGäoi  neben  ioäGt  (I.  Bekker  homer.  blätt.'  280.,  Hartel 
homer.  stud.  III  37  f.)  kann  nach  dem  vorschlage  von  Cur- 
tius verb.  IP  157.  anm.,  Leipz.  stud.  III  189  ff.  und  J.Wacker- 

1)  Die  existenz  jener  von  ^iS-sv-ai  nicht  zu  trennenden  zendform 
spricht,  beUäufig  bemerkt,  am  meisten  gegen  Brugmans  auch  von  anderen 
Seiten  nicht  einleuchtende  theorie  über  den  Ursprung  des  griechischen 
infinitivsuf fixes  -erat  morphol.  unters.  III  19ff. ;  das  richtigere  deutete 
Brugman  selber  s.  22  f.  anm.  an.  Griech.  i-dvai  =  indog.  i-uen-ai 
nach  J.  Wackernagel  Kuhns  zeitschr.  XXV  273.,  nicht  eine  griechische 
neubildung  nach  Brugman  morphol.  unters.  I  5.,  bildete  mit  * Äd-j^evai, 
§s-d{j^)c-{ß)Bv-ai,  kypr.  So-j^iv-ai  u.  dergl.  den  ältesten  bestand  dieser  grie- 
chischen infinitivkategorie. 

2)  Avest.  fra-vöi-vul-^  ys.  XLIII  11.,  von  Justi  handb.  d.  zendspr. 
276.  a.  als  1.  sing.  perf.  med.  erklärt,  ist  deutlich  intensivform,  vergl. 
Bartholomae  altiran.  verb.  §  130.  s.  92. 


—     65     — 

nagel  Kuhns  zeitschr.  XXV  266.  überall  'looaai  geschrieben 
werden,  braucht  es  aber  nicht  notwendig;  an  Gust.  Meyers 
ßeloäoi  (a.  a.  o.)  ist  aber  schwerlich  zu  denken. 
I  Sanskr.  ved.  gu-crü-i/a-s  'd\x  mögest  hören^,  cu-crü-yä'- 
^  'tarn  opt.  rgv.  VIII  45,  18.  V  74,  10.  VIII  62,  5.  =  sanskr. 
(^u-cru-ma  plur.  ind.  act-,  ved.  (^u-qru-yä'-s^  cu-cru-ya-tam  opt. 
rgv.  Vin  45,  18.  V  74,  10.  VIII  6*2,  5.  (padapätha - lesart), 
sanskr.  (^u-cru-vän  *^ gehört  habend,  gelernt  habend,  ein  stu- 
dierter' partic.  act.  (Petersb.  wörterb.  VII  269.);  avest.  su- 
-sru-via  plur.  ind.  act.  yt.  XIII 148.;  griech.  homer.  xe-xkv-d^if 
7i€-Klv-Te  imper. 

Sanskr.  ved.  Ju-hü-rS  'sie  rufen'  med.  rgv.  18,  14.  VIII 
8,  6.  =  sanskr.  YQd.  ju-ku-?'e  dass.  rgv.  V  19,  2.  nach  Säyana 
{juluwe  yajnärthain  tväm  uhvayanti)  und  dem  Petersb.  wörterb. 
VII  1680.  Diese  nummer  ist  freilich  zweifelhaft,  da  andere 
in  dem  unklaren  liede  rgv.  V  19.  das  juhure  zu  hu-  *^giessen, 
opfern'  beziehen;  so  Grassmann  wörterb.  z.  rgv.  1671.  und 
in  der  rgvedä-tibersetzung  I  539. ,  Ludwig  d.  rigveda  od.  d. 
heil.  hymn.  d.  brähmana  I  380.  Zu  bemerken  ist  nur,  dass 
die  auffassung  Säyanas  und  Böhtlingk  -  Roths  an  der  gram- 
matischen form  des  kurzen  u  wegen  kein  hindernis  findet, 
falls  sie  sonst  etwa  sich  als  die  empfehlenswertere  erweisen 
sollte. 

Griech.  homer.  Tti-Ttvv-aai  ''du  bist  verständig'.perf.  med. 
II.  Ü.  377.,  7te-7tvv-oo  plusquamperf.  med.  Od.  \p  210.,  Jte- 
-7cvv-f.i€vo-g  *^verständig'  partic.  med.  =  griech.  Tti'jwv-o 
'sei  verständig'  imper.  med.  Theogn.  29.  (nach  der  besten 
Überlieferung,  der  von  Bergk  aufgenommenen  lesart  des  codex 
Mutinensis,  in  den  anderen  handschriften  jv^-Ttvv-oo),  Ob 
der  Infinitiv  Tte-Ttvv-öd^ai  II.  ^  440.  Od.  x  495.  properispo- 
menon  Tte-Ttvv-öd^ai  oder  paroxytonon  Tce-Ttvv-Ox^ac  gewesen 
sei,  lässt  sich  nicht  ausmachen.    Es  gilt,  gegenüber  einer 

Osthoff  u.  Brugman  untersuch.  IV.  5 


—     66    — 

neueren  etymologie  den  wurzelhaften  Charakter  von  Ttvv-  in 
^c€-7tvv-oaLj  fce-itvv'Oo  f  Tce-7tvv-f.ievog  sicher  und  das  Ver- 
hältnis zu  7tivvTÖ-q  adj.  Verständigt  klar  zu  stellen.  Curtius 
grundz.^  280.  471.  731.  und  Joh.  Schmidt  Kuhns  zeitschr. 
XXV  141  ff.  belassen  7te-7tvv-(.dvo-g  und  7tivv-rö-g  beide  bei 
der  Wurzel  TtveF-  'hauchen,  schnaufen'  in  tcvb-co^  ^tvev-f^ia, 
cc/^-7tvv-To  und  nehmen  für  Tttw-ro-g  anaptyxis  des  i  an, 
deren  mangel  in  ice-jtvv-iiivo-g  Schmidt  „  durch  die  verschie- 
denen bedingungen,  welche  wortanlaut  und  -inlaut  schaffen ", 
rechtfertigen  zu  können  glaubt.  Diese  erklärung  von  Jttwro-g 
ist  unhaltbar:  „aus  dem  stimmtone  des  r"  entwickelt  sich  im 
griechischen  nur  a,  wie  in  ravv-j  in  y.Tav-elVy  d^av-elvj  boeot. 
ßaväj  und  auch  dies  im  wortanlaute  nur  da,  wo  von  hause 
aus  vor  dem  n  einmal  im  urindogermanischen  ein  voller  vocal 
vorhanden,  war.  Anknüpfend  an  Fröhde  beitr.  z.  lat.  etymol. 
s.  XII  ff.  zog  dagegen  Bezzenberger  in  seinen  beitr.  II  272., 
unter  beistimmung  von  Fick  ebend.  341.,  TtLvvv6-g  und  7ct- 
-7tvv-(.dvo-g  zu  sanskr.  ci-  Wahrnehmen'  mit  dem  praesens- 
thema  ci-nd-^  ci-nu-.  Gegen  diese  ansieht  führt  Joh.  Schmidt 
a.  a.  0.  mehrere  gründe  an,  von  denen  zwei  entscheidend 
sind:  statt  des  /t  vor  i  in  lawro-g  müsste  r  als  regelrechte 
entsprechung  von  arischem  c,  wie  in  rlvvf.taij  stehen;  und 
zweitens,  der  Schwund  von  ursprünglichem  i  zwischen  conso- 
nanten,  welchen  die  herleitung  von  Tce-jtvv-i-ievo-g  aus  */r£- 
-7ti-vv-(.ievo-g  voraussetzt,  ist  unerhört.  Ich  knüpfe  an  Ficks 
frühere  ansieht  über  Ttivvro-g  wörterb.  P  147.  677.  an,  wor- 
nach  es  zu  sanskr.  pu-^  pu-m-ti  'reinigen,  aufklären'  gehört. 
Die  anwendung  dieser  wurzel  auf  die  klare  (klärende  oder 
zu  klärende)  verstandestätigkeit  ist  bekannt  durch  den  vedi- 
schen  gebrauch  von  krätum  pu-  'die  einsieht  oder  den  geist 
licht,  hell,  offenbar  machen',  af^käm,  vacarrij  manisham  pii- 
'ein  lied  in  klarer  form  ersinnen  oder  vortragen'  u.  dergl. 


—     67     —     - 

(vergl.  Grassmann  wörterb.  z.  rgv.  839ff.)>  durch  lat.  ;?i?-/-5, 
pn-t-ä-re  "^bereinigen,  berechnen,  erwägen,  meinen,  denken' 
nebst  dessen  alter  zwillingsform  mit  ü  abulg.  py-t-a-ja^  py-t-a-tl 
'scrutari',  eigentlich  auch  'aufs  reine  bringen'  (vergl.  weiter 
unten).  Lautlich  steht  i7:^-)'i;-ro-g  für  *7r<;-j't;-ro-g  durch  dis- 
similation,  wie  (pl-rv-co  flir  *(pv-Tv-io  =  \2it  ßi-tu-ö  (sieh 
unten).    Die  praesensbildung  fünfter  classe  *7tl-vv-f.ti  steht 

i-dem  indischen  pu-nä'-mi  nach  neunter  gegenüber,  wie  es 
häufig  der  fall  ist,  vergl.  s.  35  ff.  Hier  legitimiert  sich  nun 
auch  die  von  Curtius  grund."^  471.  aus  vrj-Ttv-Tio-g  *^unver- 
ständig,  unmündig'  richtig  gefolgerte  wurzel  7cv-]  vrj-Tcio-g 
muss  darnach  keineswegs  aus  *vi^-7tv-o-g  entstanden  sein, 

11  wie  Joh.  Schmidt  einwendet,  sondern  aus  *vrj-7tß-io-g^).    Da 

■  nun  7ce-7cvv-(.ievo-g  zur  wurzel  pu-  nicht  gehören  kann,  über- 
haupt aber  keine  möglichkeit  abzusehen  ist,  es  mit  jtnv- 

K^o-g  irgendwie  auf  eine  und  dieselbe  wurzel  zurückzuführen, 
so  entschliesst  man  sich  wol,  um  die  „absolut  gleichbedeu- 
tenden" und  in  dem  Sprachgefühl  der  Griechen  sicherlich 
verknüpft  gewesenen  Wörter  nicht  ganz  von  einander  zu 
trennen,  zu  der  annähme:  die  ganze  Wortsippe  7civvr6gj  tvl- 
vvTi]y  Tttvvoowj  7vLvvoLg  (jclvvoig'  ovveoig  Hesych.)  wurde 
wegen  der  Verdunkelung  ihrer  herkunft  an  die  basis  rtw- 
von  7cv€cü  volksetymologisch  angelehnt  und  in  folge 
dessen  7ce-7Cvv-^ievo-g  'geschnauft  habend,  zum  aufatmen, 
zur  besinnung  gekommen'  das  Substitut  des  in  der  Hesychi- 
schen  glosse  yciwintvrjv'  ovveTrjv  gewahrten  partic.  praes.  7cl- 
-rtJ-^f^ro-.^ 'aufgeklärt,  verständig  seiend',  Tcvv-ro-gj  7cvv-to^) 


1)  Was  bei  Joh.  Schmidt  Kuhns  zeitschr.  XXV  143.  die  heranziehung 
des  „analogen  Verhältnisses"  von  lit.  hröUs  'bruder'  zu  brolnlis  demin. 
aufhellen  könnte,  verstehe  ich  nicht  recht. 

2)  Stünde  der  accent  dieses  nvvxo  fest,  so  würde  es  folglich  die 
zwillingsform  mit  v  zu  dem  homer.  a/u-ntv-ro  s.  58.  sein. 


—     68     — 

aber  nach  dem  zeugnis  desselben  Hesychios  (Ttvvrog'  ^i- 
cpqtovy   ococpQ(jDv\  jtvvTo'  STtvevGevj  sv6r]G£v)  diejenigen  von 

Ttl-VV-TO-gy    *7tl-VV-T0. 

Sanskr.  ved.  ba-bhü-yä-s  *^du  mögest  geworden  sein,  mö- 
gest sein',  ba-bhü-ya-t  opt.  rgv.  X  183,  2.  I  27,  2.  IV  51,  4., 
ba-bhü-van  partic.  ==  griech.  homer.  ite-cfv-wr-ag  acc.  plur. 
partic.  Od.  €477.  Die  homerische  form  aus  *7t€cpv6Tag  mit 
umspringen  der  Quantität,  wie  Tsd-vetoTi  Od.  t  331.,  Tte/cTewr' 
IL  <Z>  503.  aus  Ted-vr^oTif  7t€7tTr]6Tay  herzuleiten,  ist  unzulässig, 
weil  sich  die  lautgesetzliche  behandlung  von  *äo,  r^o  im 
ionisch-attischen  bei  der  constitutionellen  Verschiedenheit  der 
fl-vocale  von  v  nicht  ohne  weiteres  auf  vo  tibertragen  lässt. 
Vielmehr  ist  das  lo  in  TtecpvojT-ag  von  dem  nom.  sing,  auf 
-wg  herzuleiten,  wie  es  z.  b.  auch  für  Te-rgiy-wT-ag  IL  E  314. 
notwendig  ist;  eine  form  Übertragung,  zu  deren  Zustandekom- 
men dann  jene  fälle  Ted^vetor-,  TceTcreior-  mit  ihrer  lautgesetz- 
lichen entwickelung  des  -wr-  das  ihrige  beitragen  mochten*). 
Von  den  ved.  ba-bhü-yä-s^  ba-bhü-ya-t^  ba-bhü-van  aus  über- 
trug sich  das  ü  auf  ved.  ba-bhu-tha  2.  sing,  indic.  statt  * ba- 
'bhö-thtty  sowie  noch  weiterhin  auf  ba-bhüv-üsy  ba-bhü'v-a 
u.  dergl.,  worüber  später. 

Griech.  homer.  (.ie-(.wy,-(jog  'brüllend'  partic.  (IL  2  580. 
<Z>  237.)  =  sanskr.  mu-miic-üs  ''sie  haben  losgelassen'  plur. 

1)  In  rsd'vrjmr-os  red'vrjcär-i,  XB&vrjmr-a  rsd'vrjtor-tov ,  7tenrr}a>r-ES 
ne7trr}a>r-as,  xex/u.r]cor-c  xsxfir](ör-a  sehe  ich  nicht  die  älteren  formen  mit 
dehnung  des  o  durch  vorhergehendes  ß  (Brugman  Curtius'  stud.  IV  135.)- 
Die  nom.  sing,  red'vrjcoi,  Ttenrricos,  xexfir^cös,  sowie  effrrjcos  bei  Hesiod. 
theog.  519.,  nebst  red'PT^or-,  xexfirjor-  in  den  obliquen  casus  werden  aus 
der  älteren  schiebt  der  epischen  spräche,  die  von  dem  erst  späteren  laut- 
gesetz  {eo)  aus  rico  und  rjo)  noch  nicht  berührt  war,  fortgeerbt  sein.  Aus 
ihrem  -t^öJs,  -rjör-  und  dem  nach  digammaausfall  und  dem  wirken  jenes 
lautgesetzes  entstandenen  -ecos  (iarecos  bei  Herodot)  und  -ecHr-  conta- 
minierte  sich  das  -rjcor-  in  red'vrjcor-,  neTcvr^cor-,  xsxfirjwr;  also  rein  dich- 
terische nachbildung  und  das  allerjüngste  sprachproduct. 


—     69    — 

act.,  imi-muc-e^   ved.  mu-muc-mdhe,  mu-muc-re  med.  (rgv.  IX 
29,  5.  X  111,9.),  ved.  mii-mug-dhij  mu-miik-tam  imper.  (viel- 
leicht jedoch  zum  reduplicierten  praesens  gehörig,  sieh  Del- 
t  brück  altind.  verb.  136.).    Zur  etymologie  vergl.  Bechtel  üb. 
d.  bezeichn.  d.  sinnl.  wahrnehm,  in  d.  indog.  spr.  80  f.,  dessen 
,   beispiel    pancat.  LVII  14.    simhanädam    mumoca  *^stiess    ein 
t  löwengebrüll  aus^   sich  noch  als   ähnlich  anreihen  ha  heti 
t  sahasä  muktah  gabdah,  mayürdq  ca  väcö  muncafiti  därunäh  vom 
geschrei  der  pfauen,   tväfn  mnktadhvanim^  phtUkäram  mukta- 
'van,  muktaphütkdra-  (Petersb.  wörterb.  IV  1211.  unt.  phutr 
P  kära-)„  muktvä  häsam  ""ein  gelächter  erhebend'  und  anderes 
bei  Böhtlingk  -  Roth  V  812.    belegte.     In   griech.  ^e-^vyi-e 
Hesiod.   op.   et  di.   506.   AeschyL  suppl.   351.,    e-(.ie-f.im-et 
Od.  ^i  395.  als  formen  des  sing.  act.  erscheint  v  zufolge  Über- 
tragung aus  dem  schwachen  stamme. 
K         Aus  dem  sanskrit  kommen  diese  bildungen  mit  *,  ü  hinzu 
als  solche,  die  in  der  schwächeren  gestalt  mit  ?*,  u  nicht 
nachweisbar  sind:  \ed,  ß-gi  van  'gesiegt  habend,  siegreich' 
partic. ;  ved.  mi-mi-yä-s^  mi-mi-yä-t  opt.  act.,  mi-mi-tas  dual, 
act.  plusquamperf. ,  d-mi-mi-ta  med.  plusquamperf.  von  mi- 
*^mindern';  du-dyü-vdms-  partic.  zu  ^Z/?^- *^hervorschiessen' (Böht- 
lingk-Roth  III  616.),  indog.  dleu-  (s.  17  if.);  ved.  su-shüd-ima 
'wir  haben  schmackhaft  gemacht'.    Bei  ji-gi-vm  ist  die  neu- 
bildung  der  nachvedischen  ß-gy-iva ,  ß'gy-i??ia  nsLch  ß-gy-us^ 
ß-gy-e  an  solchem  mangel  schuld.    Bei  sanskr.  su-  'zeugen, 
gebären'  ist  die  existenz  von  ved.  sa-süv-a  im  singular  act. 
ein  indirectes  zeugnis  für  die  nicht  zu  belegenden  tiefstufen- 
formen  *sa-sü-mäj  *sa'SÜ-yä-ty  * sa-sü-van^  vergl.  ba-bhuv-a 
nach  ba-bhü-yä-t,  ba-bhü-van.    Hier  erhalten  ferner  aus  dem 
griechischen  ihren  platz:  -/.e-yLgiy-or-eg  Aristoph.  av.  1521.; 
homer.   nachhomer.  ße-ßgid^-äoi  (Od.  o  334.),   ße-ßgid^-vla 
(IL  (D  385.),   wornach   t  auch  im  singular  perf.  ße-ßqid'-e 


—     70     — 

(IL  11384.)  und  plusquamperf.  ße-ßgid^-et  (Od.  /r  474.);  re- 
-rgly-oT-eg  (Arat.  phaen.  1132.),  homer.  rs-TQTy-coT-ag  (II. 
5  314.),  homer.  nachhomer.  te-TQJy-vla  (IL  ^^lOL,  Oppian. 
halieut.  V  583.,  anthol.  Pal.  VI  54,  5.),  Ts-TQiy-vlat  (Od.  w  9.), 
wornach  i  im  singular  xe-Tqly-e  (Epicharm.  bei  Athen.  X 
p.  411.  B.),  TE-TQty-st  (IL  ^^"714.);  homer.  nachhomer.  7t€- 
(p^iz-ccOL  (IL  ^  383.  n  775.),  Tte-cfQiy-vla  (Pindar  Isthm. 
VI  40.),  7C£-(pQ'iy-vlai  (IL  J  282.  H  62.);  dor.  l-QQiy-avri 
(Theokrit.  XVI  77.),  wornach  i  im  singular  homer.  e-QQiy-tt 
(IL  P  175.),  e-QQ-ty-e  (IL  H  114.),  l-qqty-ei  (Od.  t//  216.); 
ava-KS-zvcp-ajitev  (Euripid.  cycl.  212.),  'KS-ydcp-or-a  (Nonnus 
parapbr.  XXI  64.);  homer.  ße-ßQvx-i6g  (IL  iV  393.  JT  486.), 
wornach  v  im  singular  ße-ßgvx-a  (Sophocl.  Trachin.  1072.), 
homer.  ßi-ßQvx-ev  (IL  P264.  Od.  «412.).  In  allen  diesen, 
wie  in  homer.  f-ie-juvTc-cog  (s.  68.),  sehe  ich,  unterstützt  von 
der  frühzeitigen  Überlieferung  in  der  litteratur,  nicht  „neu- 
bildungen,  die  einfach  vom  praesens  abgeleitet  sind  und  den 
vocal  desselben  zeigen"  (Gust.  Meyer  griech.  gramm.  §  555. 
s.  421.).  Wer  weiss  auch  etwas  über  die  quantität  des  t  in 
den  praesentien  /.qI'CcOj  rolucoy  cfgloGU)?  Dass  bei  Hesiod. 
scut.  Hercul.  171.  unsere  ausgaben  cpqloaov  schreiben,  ge- 
schieht eben  nach  Tte-cpQiy-a  j  (p^lv-og,  cpQly-i^j  rpQiz-ojörjg 
und  besagt  also  nichts.  Der  umstand,  dass  die  jod-prae- 
sentia  nicht  in  der  gestalt  "^y.Qlyuo,  ^^TQJylo),  "^  cpQ~r/.uo  er- 
scheinen wie  löiü)  (s.  33.),  lässt  sogar  vermuten,  dass  x^^'w, 
TQiKco,  cpQiGOcü  gesprochen  wurde.  So  mag  auch  rieben  ava- 
-ye-yvfp-ajiiev  das  praesens  immerhin  zvtc-tcü  gewesen  sein, 
wie  neben  homer.  (-ie-(.ivy-Log  ^  l-f.ie-f.im-8L  (s.  68.  69.)  der 
aorist  homer.  jMiTx-«,  (j.W-o-v.  Betreffs  ine-fxvz-wgj  e-f.ie-(.ivy-eij 
und  e-QQty-avTt,  e-QQiy-a  wäre  es  auch  verwunderlich,  wie 
als  „einfach  vom  praesens  abgeleitet"  die  starken  e-QQiy-a^ 
/.le-fim-a  aus  den  denominativen  fivy-a-o-juaij  ^Jy-e-co  hätten 


I 


—     71     — 

entspringen  können  0-  Wenn  also  ßgix-^  als  aoristpraesens 
(vergl.  s.  1  ff.)  zu  ße-ßQvx-cog  im  vocalismus  stimmt,  braucht 
darum  letzteres  ebenso  wenig  die  analogiebildung  nach  erste- 
rem  zu  sein,  wie  etwa  homer.  Tte-Ttad-vla  diejenige  nach 
e-jcad^-o-v  aor.  Ich  bemerke  noch :  wenn  uns  die  alten  Grie- 
chen die  Quantität  ihrer  vocale  und  besonders  derer  in  po- 
sitionslangen Silben  so  sorgfältig  bezeichnet  tiberliefert  hätten 
wie  die  Inder,  könnten  leicht  auch  unter  den  bildungen  vom 
schwachen  perfectstamme  wie  homer.  e-ly-rov  e-iK-TrjVy  l-ice- 
-Ttid-^ev  j  TB-Tv^tti  Te-tv/,~rcti  T6-TVA-T0  Te-Tvy-f-iivo-Q  j  7ce- 
-cpvy-/n€vo-gj  Tce-7tvö-(.iai  Tte-jtvo-oai  Tte-Ttvo-rcu  Tce-rcvö-xo 
7ce-7tvo-d^Yiv  noch  welche  mit  langem  wurzelhaften  7,  v  ge- 
funden werden.  Leider  erstrecken  sich  die  grammatikerzeug- 
nisse,  welche  anderen  formen  des  verbums  jnioycoj  f,iLy-vv-^i 
länge  des  l  zusichern  (vergl.  Lobeck  paralip.  412.  414.,  Job. 
Schmidt  indog.  vocal.  I  123.,  oben  s.  34.  52.  58.)  nicht  auf  das 

perf.  med.  fie-fuy-inaij  so  dass  nach  Lobeck  „rectius  scribi 

f.ie(,u%d^ai  ....  quam  ....  fisfilx^at  ....  necessaria  conse- 
cutio  non  est".  Wenn  Curtius  verb.  IP  212.  und  Gust.  Meyer 
a.  a.  0.  dem  hesychischen  -Aata-Tci-jtvd'-a'  yMTeQQvrjxa  wegen 
jcv^oy  langes  v  erteilen,  so  könnte  auch  dieser  schluss  täu- 
schen (vergl.  7tv-oe  aor.  bei  Kallimach.  fragm.  313.);  aller- 
dings war  jcv-d-coy  wie  auch  ßgi-d^cüj  nicht  mehr  einfaches 
wurzelverb,  so  dass  man  darum  wol  ßs-ßqid-a,  7ce-jtvd--cc 
nicht  als  alte  erbformen  zu  betrachten  hat,  in  sofern  letzterem 
eher  v  nach  dem  praesens  zusprechen  darf. 


1)  Auch  homer.  Se-8ov7T-6r-os  II.  «f^GTO.  lasse  ich  nicht  als  perfect 
von  SovTi'ico  gelten,  sondern  es  gehört  zu  verlorenem  *Sevn-co^  mit  Ver- 
allgemeinerung des  perf  -  sing.  -  ablauts ;  das  Verhältnis  zu  Sovndco  muss 
beurteilt  werden,  wie  de  Saussure  syst,  primit.  72.  dasjenige  von  lat. 
to-lond-i^  spo-pond-i  zu  den  denominativen  praesentien  tond-eö  (griech. 
revS^oj  'nage'  ist  das  eigentliche  praesens  zu  to-tond-i),  spo7id-eö  auffasst. 


—     72     — 

H.   Nomen  mit  suff.  -k^ö-: 

Ags.  tvig  n. ,  ahd.  zwig  n.,  mhd.  zwiCj  gen.  zwiges  n. 
'zweigt  aus  germ.  twi-^ö-m  =  sanskr.  dvi-ka-  adj.  *^aus 
zwei  bestehend',  subst.  ^paar'.  Die  nebenform  ahd.  mhd. 
zun  gedenke  ich  an  anderem  orte  erklären  zu  können. 

I.    Nomen  mit  suff.  -to-  (pai-tic): 

Griech.  homer.  a-Tc-ro-g  IL  S  484.  =  sanskr.  ci-td-s] 
avest.  ci-tha  f.  ^'strafe,  busse';  griech.  homer.  nachhomer. 
Ti-To-Qy  a-t^-To-g]  abulg.  c^-tü  m.  *^zahr,  po-ci-tu  m.  *^aut- 
z*ählung\ 

Abulg.  zi-io  n/yhvrji^ce,  fructus,  frumentum';  ags.  ci-8  m., 
(alts.  ki-th  masc.  oder  neutr.,  kitho^  kithuji  gen.  dat.  plur.), 
mhd.  kt-t  n.  (gen.  sing,  kides)  'sprössling,  spross'  aus  urgerm. 
kJ-po-rriy  ahd.  ß^umi-ki'd-i  n.  *^erstlingsfrucht',  mhd.  ki-d-e 
n.  *^spross,  sprössling'  aus  germ.  ki-p-tio-m  =  ssinskr. ß-tä-s 
'gewonnen,  ersiegt,  erworben\  Ich  kann  nicht  umhin,  die 
wurzeln  g^ei-  'leben,  aufleben'  und  g^ei-  'siegen,  ersiegen' 
unter  dem  gemeinsamen  grundbegriff  'oben  auf  sein,  die  Ober- 
hand haben,  die  oberhand  bekommen  oder  behalten'  zu  ver- 
einigen. Der  genesende,  welcher  lebt  nach  schwerer  krank- 
heit,  ist  ein  sieger,  hat  gewonnen.  Die  aufkeimende  saat 
ist  zugleich  'die  obsiegende,  die  oberhand  gewinnende'.  In 
redensarten  wie  sanskr.  svänii  jayatu^  jayatu  Jayatu  devah^ 
jayati  savitä^  ftyt^d  vopadevah  bedeutet  ja?/-  'siegen'  nach 
Böhtlingk  -  Roth  III  96.  „'siegreich  sein'  so  v.  a.  'oben  auf 
sein,  hoch  leben' ";  sanskr.  jaya-cabda-s  m.  ist  'siegesruf,  ein 
lebehoch'.  Während  das  Petersb.  wörterb.  in  dieser  ge- 
brauchsweise  mit  recht  keinen  grund  zur  ansetzung  einer 
besonderen  wurzel  Ji-  'leben'  fand,  ist  es  Justi  handb.  d. 
zendspr.  105.  a.  116.  b.  117.  a.  ratsamer  erschienen,  gi- ji-, 
desider.  ji-sh-  'leben'  und  7V-,  desider.  ji-sh-  'überwältigen' 
als  zwei  wurzeln  aus  einander  zu  halten,  obgleich  die  formen 


—     73     — 

beider  im  avesta  bis  ins  einzelne  dieselben  sind  oder  doch 
sein  könnten.  Sonach  ist  auch  lit.  \-gyju^  \-9yti  'erlangen, 
teilhaft  werden'  nicht  mit  Fick  wörterb.  P  570.  (der  übrigens 
P  28.  IP  32.  dieses  litauische  verb  noch  ärger  misversteht) 
„von  gyju  ^'heilen,  gesund  werden'  durchaus  zu  scheiden". 
Auch  die  sonstigen  formalen  Übereinstimmungen  zwischen  der 
Sippe  von  g'^ei-  *^leben'  und  g'^ei-  ""siegen'  sind  zu  gross, 
als  dass  man  diese  identificierung  unterlassen  sollte.  So  ver- 
einigen sich  nun  die  oben  s.  38.  noch  getrennt  gelassenen 
nasalen  praesensbildungen  griech.  ßl-ve-w  'überwältige,  not- 
züchtige' u.  s.  w.  und  lit.  gi/-?iu  'lebe  auf',  got.  kei-na  u.  s.  w.; 
homer.  ße-o-^im  'lebe'  wird  das  correlat  zu  sanskr.  jäy-a-te 
*^ersiegt,  gewinnt  für  sich';  alts.  ki-mo^  ahd.  chi-mo  m.  'keim' 
wird  identisch  mit  ved.  je-man-  m.  'Überlegenheit',  je-man- 

.     adj.  'überlegen'.   Einmal  belegt  das  Petersb.  wörterb.  a.  a.  0. 

K  auch  unser  particip  ji-td-  in  jener  bedeutung  von  'oben  auf 
sein,  hoch  leben':  vdshpena  pratisiddhe  ^pi  jaya(^abde  jiUtm 
maya  Qäkuntala  v.  182.  ed.  Böhtlingk.  Die  abnorme  betonung 
von  germ.  ki-po-m  schliesst  indog.  i  nicht  unbedingt  aus. 
Ich  rechtfertige  diese  Verbindung  von  tiefstufe  und  wurzel- 
betonung  vorläufig  durch  den  hinweis  auf  germ.  kün-po-z 
'kund',  mür-po-m  'mord'  u.  dergl. ;  vergl.  Kluge  german. 
conjug.  21.,  Kögel  Paul-Braunes  beitr.  VII  189.,  von  Bahder 
d.  verbalabstr.  in  d.  german.  spr.  91. 

Lat.  ac-ci-tU'S  ""hergeholt,  herbeschieden',  con-ci-iu-s  'an- 
geregt, aufgeregt',  e^'-ci-^?/-^ 'aufgeregt,  aufgescheucht,  heraus- 
gerufen' =  sanskr.  ved.  nachved.  d-tä-s  ""erregt,  angeregt' 
(mit  gi-tä-s  'geschärft,  gewetzt,  scharf'  =  lat.  cä-tu-s  zu- 
sammengefallen), ved.  ni-pi'ta-s  'angeregt,  gerüstet  zu,  gierig 
auf,  säm-ci-ta-s  'angeregt,  beeilt,  bereit,  gerüstet,  fest  ent- 
schlossen', söma-d'ta-s  'durch  soma  erregt'  (vom  rshi);  lat. 
ci-^M-* 'erregt,  angeregt,  schnell,  rasch',  con-ci-tu-Sy  ea^-ct-tu-s. 


—     74     — 

m-ci-tu-Sj  per-ci-tu-s^  ci-to  adv.  'schnell,  rasch^,  ci-t-Uj^e^  con-y 
ex-y  in-j  sus-citUi^e  denomin.  Die  belege  für  -ci-tii-s  und 
'Ci'tU'S  aus  lateinischen  dichtem  sieh  bei  Neue  formenl.  d. 
lat.  spr.  IP  582  f.  An  sich  wäre  übrigens  dieser  hier  nur 
der  Vollständigkeit  halber  mit  aufgeführte  fall  ohne  beweis- 
kraft,  da  man  auch  annehmen  darf,  dass  ac-ciö^  con-ciö^  ex- 
-cid  in  die  analogie  der  abgeleiteten  verba  auf  -iö  wie  fmiö^ 
müniö  übergehend  das  particip  -cUu-s  gebildet  haben. 

Vulgärlat.  dic-tu-s  *^gesagt'  in  Italien,  archaist.  ditto  ""ge- 
sagt',  jetzt  'wie  erwähnt,  derselbe',  span.  portug.  dito^  pro- 
veng.  franz.  dit^  Italien.  V/zV^a  f.  'firma'  =  sanskr.  dish-tä-s 
'gezeigt,  gewiesen';  lat.  dic-tu-s  nach  Gellius  noct.  Att.  IX  6. 
(vergl.  H.  Schmitz  beitr.  z.  lat.  sprach-  u.  literaturk.  8.  38.), 
ital.  detto^  bene-detto,  rnule-detto^  altfranz.  bene-oit  (=  neu- 
franz.  Benoit  nom.  propr.),  male-oit  aus  bene-dictu-s  ^  male- 
-dictu-s.  Neuschöpfung  des  anzunehmenden  vulgärlat.  dw-tu-s 
nach  dem  praesens  dicö  und  dem  perfect  dixi  (=  ital.  dissf) 
franz.  je  du)  zu  statuieren,  wie  W.  Förster  rhein.  mus.  n.  f. 
XXXIII  297.  es  für  andere  entsprechende  fälle  tut,  hätte 
hier  seine  bedenken.  Man  würde  erwarten,  dass  die  neu- 
bildung  auch  in  der  jüngeren  zeit  innerhalb  des  verbalsystems 
stünde  und  fände  diese  erwartung  beim  italienischen  nicht 
bestätigt;  dort  lebt  gerade  in  antiken  und  „isolierten"  formen 
das  dic-tu-s. 

Lat.  pic-tu-s  'gemalt',  Italien,  archaist.  poet.  pitto  = 
sanskr.  ved.  pish-td-s  'geschmückt,  gestaltet,  gebildet'.  Hier 
liegt  aller  verdacht  der  neubildung  vom  lateinischen  und  ro- 
manischen fern,  da  das  ganze  lateinische  verb  pingere  der 
nasal  durchzieht  und  demnach  auch  das  regenerierte  particip 
vielmehr  als  Italien.  pi'ntOj  franz.  peint  ausfällt. 

Sanskr.  pri-tä-s  'geliebt,  lieb,  vergnügt,  fröhlich,  befrie- 
digt'; avest.  dunmo-fri-tö  'dunstgenährt';  anord.  fri-^-r^  ags. 


e 


I 


—     75     — 

j'i'd  adj.  'hübsch,  schön,  anmutig,  lieblich',  ahd.  ffit-ltch  adj. 
''erfreulich,  angenehm',  2igB.  frid-hofj  ahd.  mhd. /;•^^Äö/ m. 
*^schutz  und  Schonung  gewährender  hof,  freistätte,  gottes- 
acker',  got.  frei-d-jan  *^schonen',  anord.  fri-^-a  ''schmücken, 
zieren',  ahd.  vin-t-en  ''hegen,  hätscheln'  denom.  ==  avest. 
ßn-tö  'geliebt,  freundlich',  d-fri-tö  "gesegnet';  got.  Fripa- 
-reik-s  nom.  propr.,  anord.  fri-d-il-lj  ahd.  fri-d-ol  fin-d-el  m. 
'geliebter',  ahd.  fri-d-ila  f.  'geliebte',  ags.  Fri-d-la^  ahd.  Fri- 
-t'ilo  nom.  propr.,  got  ga-fri-f)-önj  anord. /r/-9-a,  SLgs.  fH-d-ia?i 
freo-d^ia?ij  (alts.  fri-th-ö?i,)  ahd.  ge-fin-d-ön  'friedlich  machen, 
schützen ,  versöhnen ,  bewahren'  denom.  Ahd.  fridol  fridel 
mag  wol  mit  seinem  d  =  germ.  p  auf  den  alten  bei  diesem 
Worte  natürlich  häufigen  vocativ  sing,  (urgerm./r/^ö/e  oder 
friple)  zurückweisen;  ebenso  got.  Fripa-rcik-s  als  eigen- 
name;  vergl.  s.  62.  In  der  form  ahd.  friudil^  mhd.  vriedel 
erfuhr  das  nomen  frndol  den  neubelebenden  einfluss  des 
ch wachen  verbums  ahd.  frijdn  friön  (Fick  wörterb.  P  150.). 

Got.  heis-t  n.  'sauerteig'  als  'das  beissende'  aus  germ. 
s-to-m  nach  Kögel  Paul -Braunes  beitr.  VII  188.  =  lat. 
/m?/-* 'gespalten', /*^M-m  n. 'spalt'.  Wurzelbetonung  in  der 
germanischen  form  wie  in  ki-po-m  s.  72.  73. 

Griech.  ^iux-to-c; 'gemischt',  durch  grammatikerzeugnisse 
gesichert,  die  zuerst  Lobeck  klar  stellte  (vergl.  die  bei  Joh. 
Schmidt  indog.  vocal.  I  123.  angeführte  litteratur)  ==  lit.  sii- 
-m)sz-ta-s  'schnell  durcheinander  gemengt'. 

Vulgärlat.  misu-s  'geschickt,  gelegt,  gesetzt'  in  altitalien. 
misso^  altspan.  miso^  franz.  mis  (Diez  gramm.  d.  roman.  spr. 
W  164.  185.  247.),  span.  müa  f.  'messe,  messopfer'  =  lat. 
missu-s^  Italien,  messo^  altfranz.  mes  m.  'speise,  gericht'  (neu- 
franz.  mets)^  Italien,  messuj  franz.  messe  f.  'messe';  ahd.  fa?'- 
-miss  'cassus',  anord.  ags.  afries.  alts.  mis-y  ahd.  fnis-  mes- 
'mis-'  in  compositen,  anord.  viissa^  ags.  missan^  ahd.  missen 


—    76     — 

Verfehlen,  vermissen'  denom.  (Kögel  Paul -Braunes  beitr. 
VII  173  ff.).  Diese  nummer  ist  freilich  unsicher,  da  hier 
Försters  annähme  vulgärlateinischer  oder  romanischer  neu- 
bildung  des  misus  rhein.  mus.  n.  f.  XXXIII  297.  anm.  viel- 
leicht berechtigter  ist.  In  altitalien.  misso  ist  das  ss  jeden- 
falls jung,  wahrscheinlich  durch  mischbildung  aus  miso  und 
messo  entstanden. 

Griech.  AZ-ro-g 'glatt,  eben,  schlicht,  einfach',  eigentlich 
Vas  sich  anschmiegt'  (sieh  s.  46.);  lit.  dialect.  ly-ta  ''es  hat 
geregnet'  partic.  neutr.  als  verbum  finitum  gebraucht  (Kur- 
schat litt,  gramm.  §.917.  s.  244.)  ==  avest.  aipi-iri-td  ""ange- 
schmutzt';  griech.  Xt-to-q  *^glatt'  bei  den  späteren  dichtem 
Alexander  Aetolus,  Nonnus,  Orph.  Argon.  (Passow  hand- 
wörterb.  u.  d.  w.);  lat.  ti-iu-s  'bestrichen,  aufgestrichen,  über- 
zogen', il-titU'Sy  ob-litU'S.  Gegen  Curtius'  ihm  selber  zweifel- 
hafte etymologie  von  &6-gy  wonach  es  anlautendes  y-  ver- 
loren haben  soll  (grundz.^  367.),  spricht  sich  jetzt  auch 
0.  Weise  Bezzenbergers  beitr.  VI  116  f.  aus. 

Lat.  re-lic-tu-s  *^verlassen',  Italien.  i^elittOj  lat.  de-llc-tu-vi 
n.  "^vergehen',  Italien,  delitto^  franz.  delit  =  sanskr.  rik-tä~s 
und  ink-ta-s  "geräumt,  leer';  lit.  pri-lik-ta-s  ""natürlich,  in  der 
natur  eines  dinges  begründet',  eigentl.  *^gestattet,  von  der 
natur  freigegeben'  (vergl.  lat.  lici-tu-s  'freigestellt,  gestattet, 
erlaubt').  Für  langes  i  in  lat.  relictus  spricht  auch  die  in- 
schriftliche Schreibung  releiclus. 

Sanskr.  vi-ta-s  'vergangen,  geschwunden,  nicht  da  seiend, 
fehlend,  abgängig,  unbrauchbar';  lat.  vi-t-Urey  e-vl-t-üre  'ver- 
meiden, fern  sein  lassen'  denom.;  anord.  vi-^-r^  alts.  wi-d^ 
ahd.  z^;z-^'weit'  aus  germ.  wi-'^ö-s  =  avest.  vi-to  'getrennt'. 
Gegen  die  deutung  des  sanskr.  vi-ta-s  aus  *vi'i-ta-s  'aus- 
einandergegangen' (Petersb.  wörterb.  unt.  4.  vita-),  die  volks- 
etymologisch gewesen  sein  mag,  streitet  die  zendform.    Eher 


—     77     — 

ist  das  praefix  indog.  u?-  'zer-,  auseinander'  (sieh  unten) 
nach  art  einer  verbalwurzel  behandelt  oder  war  überhaupt 
eine  solche. 

Avest.  vu-tö  "^gefunden,  erworben',  mit  der  bedeutung 
'gewusst,  erkannt'  in  vistö-fraoreti-  adj.  'einer  der  den  glauben 
kennt';  lat.  vJsu-s  *^gesehen'  aus  ^vul-to-s^  visö  'besehe,  be- 
ißichtige'  aus  indog.  uid-töj  ^-praesens;  lit.  isz-vys-tu  'ich 
[bekomme  zu  sehen,  erblicke,  werde  gewahr'  (==  lat.  vuo)\ 
jgot.  -veis  'weise'  in  un-veis  ^  hindar-veis  u.  a. ,  anord.  vis-s^ 
fags.  vis j  alts.  ahd.  wis  'weise,  kundig',  eigentlich  'der  er- 
kannt hat'  aus  germ.  w~isö-s  ==  sanskr.  vit-iä-s  'gefunden, 
erworben,  erkannt,  bekannt,  berühmt';  avest.  vis-tö  'bekannt'; 
altir.  fess  n.  'gewusst'  in  ro  fess  'scitum  est'  für  vorhist. 

I'*-vid-tö-m  (vergl.  Windisch  Kuhns  beitr.  VIII  466.  kurzgef. 
ir.  gramm.  §  326''.  s.  83  f.);  got.  un-vis  (stamm  un-vissa-) 
'ungewis',  anord.  viss  ^  ags.  ^e-wiSj  afries.  alts.  wiss,  ahd. 
gi'iins  'gewis,  sicher',  ahd.  wisso  adv.  'profecto',  gi-wesso 
gi-ivisso  dass.  Griech.  a-i'a-To-g  kann  natura  langes  und 
kurzes  t  haben.  Inlautend  aus  doppeldental  entstandenes  ss 
ist  in  germ.  wisö-s  zu  einfachem  s  reduciert  nach  und  "wegen 
der  vocallänge  davor,  wie  in  lat.  visu-s]  auch  durch  das 
praeteritum  ahd.  miiosa  im  vergleich  mit  wessa  wissa  erweist 
sich  dies  lautgesetz  als  germanisch  *),  sowie  durch  ags.  haes  f. 
'befehl'  (gen.  dat.  sing,  haese^  dat.  plur.  haesum^  acc.  plur. 
he-haesa)  aus  germ.  haisi-s  für  *haisst'S  (zu  got.  hait- an 
gehörig,  vergl.  von  Bahder  d.  verbalabstr.  in  den  german. 
spr.  65.).  Zu  der  activischen  bedeutung  von  germ.  wisö-s 
vergleiche  man,  dass  griech.  a-'COTo-g^  sonst  passivisch,  als 


1)  Denn  dass  ahd.  muosa  gegenüber  got,  ga-mös-ta,  ags.  mös-te, 
alts.  mös-ta,  ahd.  muos-te  die  ältere  bildungsweise  vertritt,  zeigt  Kögel 
Paul -Braunes  beitr.  VII  186.  Dem  Ursprünge  des  mös-ta  vergleichbar 
ist  derjenige  von  italien.  span.  visto  partic.  für  lat.  visu-s. 


—     78     — 

als  activisch  im  sinne  von  'nicht  sehend,  nicht  kennend,  nicht 
wissend,  unkundig"*  erscheint  bei  Euripides  Troad.  1313.  aräg 
tfiag  aiOTog,  ebend.  1321.  cüotov  orAcov  ejuwvj  dass  im  latei- 
nischen sci-tu-s  als  adjectiv  'gescheit,  klug,  kundig'  aus- 
drückt 0-  Die  Scheidung  der  bedeutungen  der  alten  doppel- 
gänger  germ.  wisö-s  und  loisso-s  ist  analog  der  von  griech. 
d-viö  und  ^vw  (s.  23  f.).  Da  Graff  althochd.  sprachsch.  I  1069. 
für  die  constructionen  einemu  iz  wis  tuon  aus  Otfrid  I  4,  64. 
theih  thir  iz  wis  däti  anführt  und  an  unser  eifiem  etwas  weis 
machen  erinnert,  so  könnte  man  versucht  sein,  hier  die  letzten 
spuren  passivischer  bedeutung  des  wiso-s  sehen  zu  wollen. 
Allein  bei  Otfrid  kann  auch  w1s  däti  'gewis  machte,  ver- 
sicherte' gelesen  werden.  Oder  dies  vereinzelte  einemu  iz 
wis  tuon  neben  häufigem  einan  es  wis  tuon  (vergl.  Graff 
a.  a.  0.)  ist  entstanden  durch  syntaktische  contamination  dieser 
letzteren  construction  mit  der  ihr  synonymen  einemu  iz  kund 
tuon  (Graff  IV  415  f.).  Wegen  des  modernen  einem  weis 
machen  ist  diese  letztere  annähme  vorzuziehen.  Eher  kann 
für  die  ursprünglich  auch  passivische  bedeutung  des  wts6-s 
dessen  substantiviertes  feminin  wtsä  'modus,  ratio'  =  ahd. 
wis^  wovon  als  erstarrter  instrum.  sing,  wis  in  adverbialen 
formein  wie  andai^  wis^  in  ictsy  zi  ivis  (Graff  I  1073  ff.),  oder 
wtson-  f,  dass.  =  anord.  visa  'strophe',  plur.  'lied,  gedieht', 
ags.  viscy  ahd.  wisa  angeführt  werden:  'die  weise'  ist  'die 
gewusste,  allbekannte  regel  oder  norm'. 

Lat.  di-visu-s  'getrennt,  gespalten,  geteilt';  ahd.  ur-wis 


1)  Cicero  scheint,  wenn  er  scUu-s  'gescheit'  nie  von  personeu,  wie 
von  Plautus  an  fast  alle  Schriftsteller,  sondern  nur  von  Sachen  {sermo, 
Vax,  sentenüa)  gebraucht,  eine  art  puristischer  gene  wegen  des  vermeint- 
lich nur  passivischen  Charakters  der  participform  empfunden  zu  haben ; 
ein  sermo  scitus  gieng  ihm  eher  hin,  etwa  als  'rede,  bei  der  etwas  ge- 
wusst  wird'. 


—     79     — 

'^expulsus',  acc.  plur.  iir-wlse  (mit  paradise  bei  Otfrid  II  6,  38. 
reimend),  iir-ims  'degeneris,  ignobilis,  dissimilis  parentibus' 
('entartet'  s.  v.  a.  "^entfernt  von  einem  früheren  zustande')  bei 
Graff  ahd.  sprachsch.  I  1068.  aus  Pa.  Ra.  gl.  K.,  mbd.  ur-wis 
'ohne  führung'  Nibelung.  857,4.  cod.  C.  aus  urgerm.  wtsö-Sj 
ahd.  ivisan,  ar-wisan, pi-wisan^ meiden  (Graff  1 1065.),  ursprüng- 
lich *^von  sich  abtrennen,  fern  halten'  (vergl.  über  lat.  vi-t-äre 
s.  76.),  1.  sing,  praes.  in  die.  urgerm,  wiso  =  indog.  uidh-tt 
(vergl.  lat.  vuo^  lit.  -vys-tu  von  wurzel  ueid-  s.  77.)  =  sanskr. 
vid-dhd-s  'durchbohrt,  durchschossen',  eigentlich  'gespalten, 
aus  einander  getrennt'.  Griech.  o-la-To-g  m.  'pfeil'  als  'spal- 
tender, durchbohrender'  aus  "^o-FiO-ro-g  kann  i  und  e  ent- 
halten. Mittelstufenform  der  wurzel  war  indog.  uia'dh-', 
und  sanskr.  vi/adh-  'durchbohren',  praes.  vidh-ya-ti  (Petersb. 
wörterb.  VI  1438  ff.)  ist  mit  sanskr.  vidh-  'leer  werden  von, 
mangeln  einer  sache,  viduor',  praes.  nasaliert  ved.  vindh-d-te 
(Petersb.  wörterb.  VI  1070.,  vergl.  auch  Roth  Kuhns  zeitschr. 
XIX  223  f.)  zu  vereinigen.  Sanskr.  vyadh- ,  das  schon  Fick 
wörterb.  P  220.  richtig  mit  lat.  di-vid-ere  zusammenstellt,  teilt 
auch  den  weiteren  gebrauch  des  letzteren  und  unter  anderen 
die  aus  'spalten,  trennen,  isolieren'  specialisierte  bedeutung 
'durch  Isolierung  hervorheben,  auszeichnen,  verzieren',  all- 
gemeiner 'behaften  mit,  versehen  mit';  man  vergleiche  lat. 
(jemma  fidviim  quae  d'ividit  aurum  (Vergil.)  von  dem  in  gold 
gefassten  edelsteine,  scittulis  dividere  vestes  von  dem  carrieren 
der  zeuge  (Plinius  bist.  nat.  VIII  48  [74],  196)  und  sanskr. 
riddhä-  u.  a.  'versehen  mit,  gemischt  mit',  anu-viddha-  'durch- 
zogen, besetzt  mit',  i'atnanuviddha-'mii^visvelexi  besetzt',  pra- 
-viddha-  'gespickt,  erfüllt'.  Zu  sanskr.  a-vyadh-^  mj-d-vyadh-^ 
sam-u-vyadh-  'schwingen,  im  kreise  bewegen'  stellt  sich  lat. 
nös  aliö  mentes^  aliö  divisimiis  aures  'richteten  zerstreut  anders- 
wohin den  sinn,  anderswohin  das  ohr'  (Catull.),  animum  nunc 


—     80     — 

hüc  cclerem  nufic  dividit  illüc  *^rasch  teilt  sich  sein  geist  zwi- 
schen verschiedenen  entschlüssen,  rasch  denkt  sein  geist  hin 
und  her'  (Vergil.).  Am  nächsten  kommt  nir-viddha-s  ""aus- 
einander  stehend,  von  einander  getrennt'  (Petersb.  wörterb. 
VI  1442.)  dem  lat.  di-visu-s.  Hierher  gehört  nun  auch  als 
bildung  von  schwächster  tiefstuf enform  indog.  uidh-eu-n 
'witwe'  =  sanskr.  vidh-äv-ä  u.  s.  w.  (lat.  vidua  wie  denuö 
aus  de  novöj  de  *nevöf  abulg.  vtdova  aus  *videväj  got.  viduvö 
statt  ^vidivö  durch  einfluss  des  lateinischen  Wortes);  und  das- 
selbe indog.  uidh-eu-  liegt  vor  in  sanskr.  ved.  vidh-ü-s  adj. 
'vereinsamt',  nachved.  vldh-u-s  m.  *^mond',  sanskr.  vidh-u-ra-s 
adj.  'der  deichsei  beraubt  (vom  wagen),  allein  stehend,  vom 
geliebten  gegenstände  getrennt,  frei  von,  ermangelnd,  entfernt 
von,  abgesondert  von,  woran  etwas  fehlt,  mitgenommen, 
beschädigt,  niedergedrückt,  niedergeschlagen,  widerwärtig, 
widrig'  und  in  lit.  vid-ü-s  m.  'mitte,  inneres,  inwendiges', 
vtd-u-r-y-s  m. 'mitte'  als  'spaltende'.  Lat.  di-iudö  ist  aorist- 
praesens.  Der  sigmaaorist  lat.  dt-vis-i  ist  nicht  wie  griech. 
e-d€L^-a  beschaffen,  sondern  wie  griech.  (.u'^-ai^  6(xl^-ai, 
e-TiG-aj  e-lvG-a,  d.  h.  dt-insi  hat  aus  dem  plural  den  indo- 
germanischen tiefstufenablaut  i  verallgemeinert;  *viessT  oder 
*  viassi  war  Vorgänger  des  historischen  -insi.  Also  würde  man 
auch  bei  der  annähme  lateinischer  neubildung  des  particips 
di-vTsu-s  nach  di-visi  nicht  um  indog.  i  herumkommen.  Die 
sanskritischen  verbalformen  vet-syä-mi^  ved-dhäj  ved-dhum 
von  vyadh-^  sowie  avest.  vi-vaedh-a  (Bartholomae  altiran. 
verb.  §  121.  s.  87.),  und  die  nomina  sanskr.  vedha-  m.  'durch- 
bohrung,  durchbruch,  durchstich,  Öffnung,  tiefe,  Vertiefung', 
ved-dhar-  m.  'durchbohrer,  treffer  eines  zieles',  ved-dhavya- 
'zu  durchbohren,  zu  treffen,  worin  man  eindringen  muss'  sind 
gebildet  zu  folge  falscher  auffassung  des  vidh-  in  sanskr. 
vidh-ya-ti  praes.,  vi-vidh-üs  plur.  perf.  u.  a.;   ähnlich  ist  vi- 


—    81    — 

'Vec'Ci  atharvav.  VI  61,  2  statt  vi-vyäc-a  „ein  nnregelmässiges 
perf.  aus  vic-  gebildet"  (Böhtlingk-Roth  VI  1430.).  Und  ähn- 
lich ist  im  germanischen  wis-  gleichsam  als  ein  indog.  loeis- 
verstanden  die  basis  für  hochstufenformen  geworden:  ahd. 
u7^-uueis  perf.  ""subterfugi'  (Graft' I  1065.),  ahd.  weis  m.,  alts. 
ahd.  weisOj  mhd.  weise  m.  ^orphanus,  pupillus',  mhd.  iveise  m. 
'der  kostbarste  edelstein  in  der  deutschen  kaiserkrone'  als 
''der  einsame,  verwaiste,  einzige  in  seiner  art\  Witwen  und 
waisen  bringt  also  auch  die  etymologie  nahe  zusammen.  Ist 
etwa  das  von  Graff  I  1065.  auch  beigebrachte  kamiissa?i  ist 
'cedit'  aus  Da.  (glossen  des  8—9  jahrh.)  noch  eine  remini- 
scenz  an  den  älteren  ablaut  tvtsu^  weis^  "^wissiim^  kawissan 
mit  regulärem  ss  aus  doppeldental  nach  kurzem  vocale?  Der 
allerälteste  germanische  ablaut  war  (mit  gotischer  lautierung) 
*wlssa,  "^wiacly  *  wi(hi??ij  "^widans-^  dafür  zuerst  * /6v.y^flr,  * /^.'ffm, 
"^lüissum,  '^wissans]  sodann  trat  lautgesetzliche  Vereinfachung 
der  gemination  ss  im  praesens  und  perf.  sing.  ein.  Falls  etwa 
griech.  od-velo-g  adj.  'fremd,  ausländisch'  für  * ßLoS-veio-g 
steht,  könnte  es  einigermassen  für  indog.  inedh-  als  mittel- 
stufenform  in  die  wagschale  fallen. 

Sanskr.  si-tti  f.  'furche',  eigentl.  'abgrenzende  linie,  ab- 
grenzung';  anord.  si-^-i^  'herabhangend,  lang',  anord.  si-^a^ 
ags.  si-de,  ahd.  si-ta  f.  'seite',  stamm  germ.  si-'^S-n-  = 
sanskr.  si-tä-s  'gebunden';  avest.  hi-tö  'gebunden,  gezäumt', 
hi'tha  f.' Wohnung';  lat.  si-tu-s  'gelegen,  in  einer  festen  läge 
befindlich,  gegründet',  von  Städten  und  festen  platzen  (vergl. 
Corssen  ausspr.  vocal.  P  419.),  posäu-s  'niedergelegt'.  Über 
die  grundbedeutung  der  wurzel,  'in  eine  feste  läge  bringen', 
sieh  näheres  weiter  unten  bei  besprechung  der  w^«-bildung 
indog.  si-men-, 

Abulg.  cis-tu  'rein,  heilig',  eigentlich  'abgesondert,  ge- 
schieden'  (von  unreinen  zutaten,  unheiligem);  lit.  ski/s-ta-s 

Ostholt'  u.  Brugman  untersuch.  IV.  Q 


—    82    — 

'dünn,  verdünnt,  wässerig',  von  lockerem  gewebe,  verwässer- 
ten flüssigkeiten ,  eigentlich  'gespalten',  und  skys-ta-s  'rein, 
klar,  heir  von  flüssigkeiten,  dialektisch  in  Ragnit,  Russ 
(Nesselmann  wörterb.  479.  a.),  eigentlich  'scheidbar,  unter- 
scheidbar' ==  lat.  scissU'S  'gespalten';  ahd.  scesso  m.  'rupes', 
substantiviertes  particip  (Kögel  Paul-Braunes  beitr.  VII 184  f.). 
Griech.  oxto-To-g  lässt  ohne  aufschlüsse  über  die  quantität. 

Griech.  öl-ro-g  m.  'getreide,  kost',  cc-gi-to-q  adj.  'ohne 
essen'  =  griech.  a-o^-ro-g  adj.  anthol.  Palat.  VII  118,2. 
Etymologie  dunkel,  doch  -^ö-bildung  a  priori  wahrscheinlich. 

Sanskr.  ii-tä-s  'gewebt,  genäht',  nur  bei  Amarakosha  und 
Hemacandra  (Petersb.  wörterb.  VI  878.)  =  sanskr.  u-tä-s  dass. 

AYest duzh-ükh-ta-  n. 'schlechte  rede',  adj. 'böses  redend', 
aipy-ükh-dhö  'unterbrochen,  mit  auslassungen'  =  sanskr.  iik- 
-tä-s  'gesprochen';  avest.  ukh-dhö  'gesprochen'. 

Sanskr.  cyü-ta-s  m.  'after',  eigentlich  'der  geschüttelte, 
rasch  sich  bewegende',  unbelegt,  sanskr.  (präkrit.)  cü-ta-s 
dass.;  avest.  shü-tö  'getrieben,  geschleudert,  geschüttelt'  in 
den  compositen  aipi-,  fra-^  arezö-^  aremö-j  mainyu-^  vätö- 
'shüto  =  sanskr.  cyu-ta-s  partic. ,  cu-ta-s  m.  'after';  avest. 
ansa-shu'tö  'als  anteil  herausgesprungen,  zu  teil  gefallen'; 
griech.  eTtl-Gov-ro-g  'herandringend'  Aeschyl.  Agam.  887. 
1150.  Eumen.  924.,  Euripid.  Hippol.  574.  Sanskr.  cüta-s  cuta-s 
nebst  cutis  f.  'after'  für  volksdialektische  Wörter  zu  halten, 
erlaubt  ihre  bedeutung;  auf  ein  früheres  //  hinter  dem  c- 
deutet  auch  der  palatal  vor  dem  //,  u  hin;  c-,  inlautend  -cc- 
für  cy  aber  ist  ganz  den  assimilationsneigungen  des  präkrit 
und  päli  gemäss,  vergl.  E.  Kuhn  beitr.  z.  päligramm.  47. 
Potts  vergleichung  des  griech.  ösvm  mit  sanskr.  cyu-  wurzel- 
wörterb.  II  2,  693.  galt  mir  seit  länger  schon  als  allein  richtig, 
bis  sie  neuerdings  auch  an  J.  Wackernagel  Kuhns,  zeitschr. 
XXV  276  f.  einen  Verteidiger  fand. 


—    83    — 

Avest.  iizhi'zhnü-tö  ^spitz  zugescbäitf  vend.  XIV  24.,  für 

'•  lizhi-khshnütd  (etwa  durch  assimilation  des  khsh  an  das  vor- 
liergehende  zh  in  tizhi-  oder  dadurch  veranlasster  schreib- 
1'ehler?)  =  sanskr.  kshnu-ta-s  'gewetzt,  geschärft';  avest.  hii- 

■khshnu-tö  Vol  geschärft'. 

Abulg.  sy-lü  'satt',  eigentlich  'geschwollen'  ==  griech. 
■.w-To-yaöTiOQ  adj.'mit  geräumigem  bauche',  von  topfen,  Leo- 
iiid.  Tarent.  anthol.  Pal.  VI  305,  3.,  -/.v-x-og  n.  'höhlung,  weite, 
liohler  räum,  bauch,  hohler  bauchiger  körper'.  Die  übliche 
vergleichung  des  abulg.  sy-tu  adj.,  sy-tX  f.  'Sättigung'  mit 
deutschem  satt  und  dessen  aussergermanischen  verwanten 
(Fick  wörterb.  P  792.,  Curtius  grundz.'  398.)  gestatten  die 
Yocalverhältnisse  nicht. 

Avest.  sj^ü-tö  'gehört,  berühmt';  abulg.  sly-t-ije  n.  'fama, 
nomen';  ags.  eiits.hlü-dy  ahd.  ä///-^ adj. 'laut'  =  sanskr.  cru-tä-s] 
griech.  ylv-T6-g\  lat.  in-clü-tii-s]  altir.  c/o-th  'berühmt'  aus 
'^clu'to-s  (Windisch  kurzgef.  ir.  gramm.  §  21.),  kymr.  Clot-ri 
nom.  propr.;  ags.  Illo^-hei^e,  ahd.  Hlot-hari  'Lothar'  und 
nhd.  Lut-her  {^  KlvT6-öTQaTo-g\  ags.  HM-vig  ^  ahd.  Ludo- 

wig  (latinisiert  Luthouuico  im  akrostichon  Otfrids)  'Ludwig' 
und  Chlodoveiis  latinisiert  'Chlodwig'  (Klvro-fnaxo-g)  y  Chlot- 

hilt  'Chlothilde',  Hlud-olf  'Ludolf ,  Hlud-rich  (=  kymr. 
Clot-ri)  u.  a.  Vermutlich  sind  ags.  Ulo^-herCy  ahd.  Ludo-wiij, 
Hlud-olfy  Hlud-rich  ihrer  dentalstufe  (germ.  [))  wegen  für  die 
alten  vocative,  urgerm.  Hlüpo-hui^Uiy  Hlüpo-wigeu.  s.  w., 
zu  halten;  vergl.  oben  s.  62.  75.  Ahd.  Hlot-hari^  Chlol-hilt 
werden  nicht  sowol  auf  der  accentuation  in  den  übrigen  casus 
{Hlii'^ö-hai^io-)  beruhen,  als  das  t  aus  d  entwickelt  haben 
durch  die  assimilation  an  das  tonlose  folgende  h})   Weniger 


I)  Ist  das  richtig,  so  stützt  es  zugleich  als  modernsprachliche  pa- 
rallele die  ansieht  Ascolis  und  anderer  über  die  entwickelung  der  tenues 
aspiratae  kh,  th,  jjh  aus  indogermanischen  mediae  aspiratae  gh^  dh,  bh 

6* 


—     84     — 

weiss  ich  rechenschaft  von  dem  nicht  gebrochenen  u  in  Lud- 
-wig,  Lnt-he?^^  Lud-olfu.  8l.  zugeben.  Sollten  „ koseformen " 
auf  die  „vollnamen"  eingewirkt  haben,  wie  ahd.  Hludio 
«=a  griech.  KIvtlo-q^  sanskr.  (^rutiya-s^  und  ahd.  Hludizo 
«=  KlvTldrjg  (Fick  d.  griech.  personenn.  CXCVII.)? 

Sanskr.  ved.  hü-tä-s  "angerufen';  avest.  zü-tö  =  sanskr. 
ku-tä-Sj  einmal  im  veda  (rgv.  VI  50,  15.),  in  der  späteren 
spräche  häufig  epitheton  von  göttern  und  göttlich  verehrten 
Wesen,  von  Böhtlingk-Roth  im  wörterb.  VII  1634.  fälschlich 
unter  Äw- 'opfern'  gestellt,  aber  ebend.  VII  1636.  unter  2.  hu- 
anerkannt  in  den  nachvedischen  compositis  abhi-hiita-s  'ange- 
rufen', ä-huta-s  'angerufen,  aufgefordert,  eingeladen',  sam-ü- 
-Äwfa-* 'zusammengerufen';  got.  gu-p^  anord.  go-^  </w-9,  ags. 
alts.  afris.  go-d^  ahd.  go-t  'gott,  götze'  d.  i.  urgerm.  ursprüng- 
lich neutr.  6U-^6-m  'das  angerufene'  („secretum  illud,  quod 
sola  reverentia  vident"  nach  Tacit.  Germania  IX.),  später 
durch  christlichen  einfluss  als  persönlicher  gott  masc,  vergl. 
Wimmer  altnord.  gramm.  §  46.  anm.  2.  s.  45.  Wenn  die  Ver- 
fasser des  Petersb.  wörterb.  und  Grassmann  wörterb.  z.  rgv. 
1671.  an  der  vedastelle  rgv.  VI  50,  15.  die  emendation  hü- 
tasas  für  hutCüas  wagen,  so  zeugen  gegen  die  notwendigkeit 
dieser  conjectur  einmal  die  zahlreichen  stellen  in  der  nach- 
vedischen litteratur,  die  Böhtlingk-Roth  für  huta-  als  beiwort 
göttlicher  wesen  verzeichnen,  sodann  die  existenz  jener  zu 
hü-  'rufen'  gehörigen  und  auch  von  Böhtlingk-Roth  selbst 
dazu  gezogenen  nachvedischen  abhi-,  a-,  sam-ä-huta-.  Wenn 
nun  ferner  das  Petersb.  wörterb.,  wie  auch  schon  Bopps 
glossar,  dem  huiä-  da,  wo  es  epitheton  der  götter  selbst  ist, 


im  zigeunerischen,  griechischen,  uritalischen.  Sievers'  leugnung  der  Zu- 
sammensetzung der  alten  medialaspiraten  aus  tönender  media  und 
tonlosem  hauche  grundz.  d.  lautphysiol.  s.  93 f.  scheint  mir  nicht  das 
richtige  zu  treffen. 


—     85    ~ 

neben  seiner  eigentlichen  bedeutuDg  ''geopfert^  eine  zweite 
^dem  geopfert  ist'  vindiciert,  so  ist  zweierlei  dagegen  zu  be- 
merken. Erstens:  gh^ütö-  war  nach  ausweis  des  germa- 
nischen bereits  in  der  grundsprache  bezeichnung  vQn  göttern, 
und  es  lässt  sich  nicht  wahrscheinlich  machen,  dass  das 
particip  der  anderen  wurzel  yhUi-  'giessen'  (vergl.  s.  59.) 
in  jener  zeit  bereits  etwas  anderes  als  ""gegossen'  (griech. 
Xv-To-g)  bedeutete.  Zweitens:  bei  sanskr.  hu-  ^opfertrank 
giessen'  erscheint  seiner  grundbedeutung  gemäss  der  name 
des  gottes,  dem  geopfert  wird,  im  veda  nie  anders  als  im 
dativ  oder  locativ,  und  in  den  accusativ  kommt  bei  der  activ- 
construction  allemal  nur  die  bezeichnung  des  dargebrachten 
trankes  oder  sonstigen  opfers  zu  stehen  (vergl.  Grassmann 
wörterb.  z.  rgv.  1669  f.),  daher  ist  auch  das  passivparticip 
dieser  wurzel  schwerlich  eine  eigenschaft  des  gottes  selbst, 
etwa  ""der  beopferte',  auszudrücken  fähig.  Ein  ved.  hütd-  ""an- 
gerufen'  von  hü-  ist  um  so  unbedenklicher,  als  ja  Böhtlingk- 
Roth  —  in  wie  weit  mit  recht,  lassen  wir  dahin  gestellt  — 
auch  für  ä-huti-  im  älteren,  vedischen  Sprachgebrauch  neben 
'opferspende'  die  bedeutung  ""anrufung'  finden,  Petersb.  wörterb. 
I  749.  Jene  etymologie  von  yott  sprach  als  eine  möglichkeit 
zuerst  Ebel  Kuhns  zeitschr.  V  236.  aus,  dann  Fick  wörterb. 
I^  83.  584.,  beide  ohne  die  wurzel  sanskr.  hu-  *^opfern'  abzu- 
weisen; Ebel  schadete  auch  seine  unkunde  des  Vernerschen 
lautverschiebungsgesetzes.  In  der  altnordischen  ungebroche- 
nen nebenform  ^w9  erkenne  ich  wiederum  den  vocativ  (s.  62. 
75.  83.),  dessen  alte  endung  -e  nicht  brechend  sein  musste. 
Lat.  düc-tu-s  "^geführt',  Italien,  veraltet  -dutto  in  compo- 
siten,  span.  veraltet  a-ducho  'adductus',  proven^.  franz.  duit 
(Diez  gramm.  d.  roman.  spr.  IP  163.  185.  217.  247.)  =«  lat. 
düc-tu-Sj  Italien,  cöw-,  in-^  ri-dotto  u.  a.  Auch  diese  nummer 
gebe  ich  wieder  mit  allem  vorbehält  gegenüber  Förster  rhein. 


—     86     — 

mus.  D.  f.  XXXIII  297.  anm.  Ich  habe  überhaupt  diese  Zeug- 
nisse für  lat.  d%c-tu-s^  mlsu-s^  düc-tii-s  nur  deswegen  aufge- 
nommen, weil  mir  einerseits  diese  formen  nicht  durchaus  den 
eindruck  junger  bildungen  im  romanischen  machen,  sodann 
weil  ich  zu  einer  jetzt  notwendigen  erneuten  Untersuchung 
darüber  anregen  möchte,  wie  weit  hier  die  romanischen 
tochtersprachen  altlateinische  und  sogar  altindogermanische 
doppelformen  fortsetzen  und  in  wie  weit  nicht.  Dass  das  alte 
latein  überhaupt  unter  seinen  -fö  -  participien  solche  doppel- 
gänger  mit  <,  ü  neben  den  formen  mit  ^,  ü  hat,  ist  sicher 
durch  de-frU-tum  und  de-fru-tu-m  (s.  87.),  rü-ti/s  und  ini-tu-s 
(s.  88  f.),  lü-tu-m  und  lü-tii-m  (s.  89.). 

Sanskr.  dyü-tä-  m.  n.  Würfelspiel,  glücksspiel'  =  griech. 
a-6v-To-g  Vorin  man  nicht  hinein  schnellen  darf,  nicht  zu 
betreten,  unzugänglich',  a-öv-ro-v  n.  innerstes  heiligtum', 
für  lautgesetzliches  ^a-tv-ro-v.    Vergl.  s.  17flP. 

Sanskr.  ved.  dhü-tä-s  "^geschüttelt,  rasch  hin  und  her 
bewegt,  gewirbelt';  lat.  fn-t-äre  "^ausschütten',  con-fü-t-äre 
Murch  umrühren  niederschlagen,  dämpfen,  niederhalten,  ein- 
hält tun,  in  sich  zusammenfallen  lassen,  widerlegen',  re-ßi- 
't-äre  ^zurücktreiben,  zurückdrängen,  zurückweisen,  in  die 
schranken  weisen,  ablehnen,  widerlegen'  denom.;  anord, 
du-^-r  'geschüttelt'  =  sanskr.  nachved.  dhu-tä-s  ""geschüttelt'; 
griech.  d-v-xo-g  *^geopfert'.  Das  stammnomen  von  lat.  fü- 
-t-äre,  con-,  re-fütäre  ist  zwar  auch  überliefert  in  ex-futi 
nom.  plur.  ==  ef-füsi  bei  Paul.  Fest.  p.  81.  (vergl.  Neue 
formenl.  IP  566.),  doch  ist  seine  quantität  des  u  damit  nicht 
zugleich  gegeben.  Wegen  meines  leugnens  der  herkömm- 
lichen etymologie  von  fundere,  fütäre  sieh  weiter  unten  s.  99  f. 

Sanskr.  pü-td-s  "^gereinigt';  abulg.  is-py-tü  m.  "^perscru- 
tatio', /?;/-^aya /?y-^ofz"scrutari,  quaerere,  indagare',  eigent- 
lich *^aufs  reine  bringen'  denom.  =  griech.  vi]-7tv-T-io-g  adj. 


—     87-    — 

'unverständig^  (s.  oben  s.  67.);  lat.  pü-tu-s  ^'rein',  pu-t-äre 
'ausputzen,  schneiteln  (bäume,  den  weinstock),  bereinigen, 
berechnen,  erwägen,  erachten,  meinen^  denom.,  ex-pütäre 
'aufs  reine  bringen,  ausputzen,  beschneiden,  genau  in  er- 
wägung  ziehen,  ergründen'. 

Sanskr.  pii-tau  m.  dual,  'die  hinterbacken',  eigentlich 
'die  beiden  stinkenden',  var.  lect.  bei  Hemacandra  609.,  wo 
es  aber  nicht  notwendig  nach  Böhtlingk-Roth  IV  831.  „fehler- 
haft für  puta-^  sein  muss;  avest.  pii-tö  'eiternd'  in  jjüite 
päidhi  'am  eiternden  fusse'  nach  Spiegel  (sieh  Justi  wörterb. 
unt.  pädha)]  lat.  pn-te-ö  'rieche  faul,  bin  stinkig'  denom. 
=  sanskr.  pu-tau  m.  dual,  'die  hinterbacken'. 

Abulg.  ply-tO'ku  adj.  'seicht',  ply-to-sti  f.  'das  flüssig- 
sein', ply't-mü  adj.  'schiffend'  =  sanskr.  plii-ta-s  'schwim- 
mend, überschwemmt';  griech.  Ttlv-tog  'gewaschen,  gespült'. 

Sanskr.  bhü-td-s  'geworden';  avest.  bii-td\  griech.  cfv- 
-T-a-Uo-g  'zeugend'  (Orph.  hymn.  XV  9.),  homer.  (pv-r-ahrj 
f. 'pflanzung';  lit.  hü-ta  neutr.  'das  gewesensein',  erstarrte  form 
(Schleicher  lit.  gloss.  u.  d.  w.)  =  griech.  cpv-i^o-v  n.  'ge- 
wächs';  altir.  ro  bo-th  'man  war'  aus  pr^o  bhu-to-m^  bo-th  f. 
'hütte',  bo'thj  kymr.  bo-t  iniin.;  lit.  bü-ta-s  m. 'wohnung,  haus'. 

Griech.  ßqv-ro-v  n. ,  ß^v-ro-g  m.  'eine  art  gerstenbier, 
most';  lat.  de-frü-tu-?n  n.  'eingekochter  most'  Plaut,  pseud. 
741.  =  lat.  de-frü-tu-m  n.  dass.  Vergil.  georg.  IV  269.,  Mar- 
tial.  IV  46,  9.,  Statins  silv.  IV  9,  39.;  anord.  /»rö-ö,  ags. 
bro-^j  neuengl.  bro-thj  ahd.  pro-th  pro-d  n.  'brühe',  aus 
germ.  brü-po-m  mit  verschobenem  accent.  Innerhalb  des 
lateinischen  selbst  hat  das  u  von  de-fru-tu-m  nicht  nach  Job. 
Schmidt  indog.  vocal.  II  269.  „  zu  verschiedenen  zeiten  ver- 
schiedene quantität"  gehabt.  Griech.  ßQu-ro-v  statt  '^q)Qv- 
-To-v  ist  wahrscheinlich  an  ßQv-w  'strotze'  aus  indog.  g^rü-iö 
(s.  15.)  volksetymologisch  angelehnt.    Es  kann,  glaube  ich, 


—    -88    — 

auch  die  verwantschaft  von  griech.  e(.i-ßQv-o-v  n.  'ungeborne 
leibesfrucht,  embryo,  neugebornes'  mit  sanskr.  bhrü-nd-s  m. 
'embryo,  kind,  knabe'  aufrecht  erhalten  werden,  wenn  man 
*e(x-(pQv-o-v  ''das  drinnen  brauende'  in  ''das  drinnen  strotzende' 
umgewandelt  sein  lässt. 

Lat.  jü-tU'Sj  ad-jü-tu-s  ^unterstützt,  gefördert',  eigentlich 
""gewahrt'  =  sanskr.  yu-td-s  ''gewehrt,  gewahrt',  ved.  yutd- 
dveshas-  adj.  'von  feinden  befreit'.  Nach  Fick  wörterb.  T  184. 

Sanskr.  gav-yü-ta-  n.  ein  längenmass;  avest.  ham-yü-tö 
'verbunden,  angepasst,  passend*,  ä-yü-tö  m.  nom.  propr.  (nach 
Justi  zu  yu-  'verbinden')  =  sanskr.  yu-tä-s  'verbunden,  ver- 
mengt, gemischt',  yed.  ni  yti-ta-s  'in  seine  gewalt  gebracht', 
nachved.  go-yiita-  'mit  rindern  besetzt',  n.  'rinderstation,  kuh- 
hürde'. 

Avest.  yükh'dhö  'fest,  stark',  apa-yiikh-tö  'abgelegt,  weg- 
gelegt'^) =  sanskr.  ynk-iä-s  'verbunden,  angeschirrt,  ange- 
spannt'; avest.  hu-frä-yukh-tö  'wol  zugerichtet'. 

Griech.  homer.  ^i}-To-g 'herbeigerafft,  -geschleppt',  homer. 
^vTolGiv  IciEGOi  Od.  t  267.  ?  10.,  qv-rä  ntr.  plur.  'zügel'  als 
'gerissenes,  woran  man  reisst'  Hesiod.  scut.  Hercul.  308.,  für 
lautgesetzliches  *  eqv-ro-g ,  *  egv-tä  (s.  29  ff.) ;  lat.  r^ü-tu-s 
'aufgerissen,  umgestürzt'  in  der  alten  juristischen  formel  7'nta 
caesa  nach  Varro  ling.  lat.  IX  60,  104.  (vergl.  Neue  formenl. 

1)  Dasselbe  avest.  li  hat  auch  yükh-tar-  'anschirrer',  welches  hin- 
sichtlich des  Y/urzelablauts  nicht  dem  sanskr.  yok-tär-,  griech.  t,evx-rf]Q 
commensurabel  ist  (nach  Joh.  Schmidt  indog.  vocal.  I  141.),  eher  dem 
von  Lindner  altind.  nomin albildung  73.  anm.**)  sehr  sonderbar  beur- 
teilten ved.  ush-tdr-  pflugstier'  und  griech.  d'v-rrjg  'opferer',  ein  ge- 
naues analogon  der  bildung  aber  an  griech.  Qv-rrjQ  hat.  Im  zend  existiert 
das  neöiliche  wahrscheinlich  durch  alten  accentwechsel  des  paradigmas 
der  -^«r-stämme  zu  erklärende  ablautsverhältnis  auch  noch  bei  vi-sric-tar- 
m.  nom.  propr.  neben  srao-tar-  'erhörer'  =  sanskr.  ^ro-tär-,  und  bei 
ä-fn-tar-  'segensprecher'  neben  sanskr.  pre-tär-  'woltäter,  liebhaber, 
pfleger'. 


—     89    — 

d.  lat.  spr.  IP  497.  582.);  abulg.  ry-tn  'gegraben';  anord. 
rw-ö-r  'abgeschoren'  (infin.  ry-ja  'den  schalen  die  wolle  ab- 
scheren') =  sanskr.  ru-td-s^  ved.  ä-ruta-hanu-  'dessen  kinn- 
backe  nicht  zerschlagen  ist'  (rgv.  X  105,  7.);  lat.  d%-rntu-s^ 
e-rütU'S  j  ob-rüiu-s  ^  prö-i^ütu-s^  sub-t^ütu-s,  semi-rütu-s  (Neue 
a.  a.  0.),  ru-tn-huhi-m  n.  ' Werkzeug  zum  aufscharren,  ofen- 
krticke,  rührkelle,  rührlöffel'  von  ^rU-t-äre  denom. ;  abulg. 
rü-tn  m.  'schnabel'  als  'aufscharrender,  wühlender'. 

Griech.  homer.  nachhomer.  ßov-lv-To-g  m.  'zeit  des 
ochsenausspannens',  ßov-kvTov-öe  11.  II 11^.  Od.  ^58.;  lat. 
so-lü-tu-s  'gelöst';  anord.  lü-^-r  'zerstossen,  zerquetscht,  be- 
täubt, erschöpft'  (vergl.  s.  32.)  ==  griech.  Iv-xo-g  'lösbar'. 

Lat.  -lü-tu-s  'bespült,  besudelt'  in  ab-^  al-,  col-^  di-j  e-,  ?7-, 
pol-lfäu-s,  spätlat.  lü-tu-jji  n.  'kot,  lehm'  bei  dem  afrikanischen 
grammatiker  und  dichter  des  sechsten  nachchristlichen  Jahr- 
hunderts Corippus  (vergl.  Voss.  Aristarch.  II 39.  p.  329.),  Italien. 
hito  m.  'kot,  lehm'  =  lat.  lü-tu-s  m.,  lü-tu-m  n.  'kot,  lehm', 
ital.  ioto  m.  dass.;  altir.  lo-th  f. 'schmutz',  gen.  loithcj  «-stamm; 
lit.  lu-t-yna-s  m. ,  lu-t-yne  f.  'pfuhl,  lehmpftitze'  (zweifelhaft, 
nach  Nesselmann  wörterb.  376.  b.).  Auf  des  Corippus  messung 
Intum  legt  schon  Diez  gramm.  d.  roman.  spr.  V  166.  gewicht, 
um  die  italienische  doppelform  zu  erklären.  Die  mittelstufe 
der  Wurzel  war  lau-  in  lat.  lav-^re  'waschen',  lav-äre  dass.; 
griech.  loF-  in  Xo-ecoj  Xo-e-TQo-v  entstand  aus  indog.  lau-j 
wie  ich  später  zeige. 

Sanskr.  *w-^a-.y 'geboren  habend',  sü-tä  f. 'gekalbt  habend', 
subst.  'tochter',  pra-süta-s  'geboren,  erzeugt,  entsprungen,  ent- 
standen', fra-süta  f.  'geboren  habend,  niedergekommen',  anu- 
-pra-süta-s  'darauf  entstanden',  abhi-pra-süta-s  'erzeugt,  ge- 
boren', sam-pi^a-sütü-s  dass.,  ved.  sü-shüta-s  'wol  erzeugt' 
rgv.  II  10,  3.  =  sanskr.  su-ia-s  m.  ^sohn',  su-tä  f.  'tochter'. 
Um  mit  dem  Petersb.  wörterb.  VII  1159.  das  „ä//^«  'tochter' 


—     90     — 

pancat.  181,  5.  fehlerhaft  für  siitä^  zu  halten,  reicht  das  arca^ 
€lQr]f,ievov  allein  als  zwingender  grund  nicht  aus. 

Sanskr.  ved.  sü-ta-s  ^angetrieben',  compp.  ved.  nr-shüta-Sj 
pari-shfitd'Sj  prä-süta-s  =  sanskr.  *m-^ö-* "angetrieben'.  Vergl. 
2.  SU-  im  Petersb.  wörterb.  VII  1021  f. 

Avest.  ashö-slü-ta-  n.  'heiliges  gebet'  =  sanskr.  ved. 
stu-td-s  *^gelobt,  gepriesen',  stu-tä-m  n.  'lob';  avest.  stii-tö 
'gelobt',  m.  'gebet',  ä-stutö  'lobend,  preisend',  upa-slutö  'ge- 
priesen' . 

Anord.  snü-'^'r  m.  'agilitas,  alacritas,  windung,  wirbel, 
vorteil,  gewinn',  ags.  snü-d  adj.  'rasch,  plötzlich  herein- 
brechend', m.  'Schnelligkeit,  eile',  anord.  snü-'^-kj-r  adj.  'sich 
herumdrehend,  wirbelnd,  leicht  beweglich,  schnell'  =  sanskr. 
snu-ia-s,  pra-snuta-s  'fliessend,  triefend  (von  der  mutterbrust), 
muttermilch  entlassend'.  Grundbedeutung  der  wurzel:  'sich 
oder  etwas  rasch  fortbewegen',  von  flüssigkeiten  intrans. 
'triefen,  schnell  fliessen',  trans.  'rasch  ausfliessen  lassen';  vgl. 
got.  sniv-an  'feilen',  griech.  ve-co  'schwimme'. 

Sanskr.  si/ü-td-s  'genäht';  griech.  vso-xar-Tv-ro-g  'neu- 
versohlt' (für  -YMG-Gv-To-g)  Strattis  bei  Athen.  XIV  622.  A. 
(vergl.  Lobeck  paralip.  gramm.  Graec.  421.);  lat.  sü-tu-.s  'ge- 
näht, geflickt';  abulg.  si-tü  'genäht'  aus  ^sjy-tU\  lit.  siü-ta-s 
'genäht,  benäht,  gestickt';  ahd.  mhd.  siü-t  sü-l  m,  'naht' 
=  abulg.  sü-tu  m.  'wabe'  als  'genähtes'  (vergl.  lett.  schü-t 
'nähen',  von  bienen  'die  zellen  machen',  Bielenstein  lett.  spr. 
§  212.  I.  s.  279.,  Fick  wörterb.  P  800.).  Wegen  s-  statt  *i- 
in  der  lateinischen,  der  einen  germanischen  und  der  schwä- 
cheren slavischen  form  sieh  s.  19  f. 

In  einigen  fällen  bleibt  es  zweifelhaft,  ob  wir  das  doppel- 
spiel  von  indog.  /,  ü  und  /,  u  oder  genaue  entsprechung  haben. 
So  bei  \2iX.fuu-Sy  con-ßsu-s  gegenüber  griech.  TCLO-xo-gy  denn 
die  entscheidung  der  frage,  ob  letzteres  =  mo-ro-g  oder 


—     91     — 

=  Tciö-To-Q,  sei,  können  Tcto-Ti-g^  e-m^-o-furjv  u.  dergl.  nicht 
geben.  Ganz  so  ähnlich,  wie  Joh.  Schmidt  Kuhns  zeitschr. 
XXV  165.  meint  (vergl.  auch  oben  s.  9  f.),  braucht  lit.  gtisz- 
-ta-s  m.,^  güsz-ta  f.  ''das  brütenest  des  hühner  und  gänse, 
schlechte  wohnung,  hütte'*)  dem  sanskr.  güdhd-s  ^verborgen' 
nicht  zu  sein,  da  dieses  bekanntlich  auch  aus  urarischem 
guzh-ta-s  entsprossen  sein  kann.  Von  dieser  wurzel  indog. 
gh^a'^ugh^-  "^verbergen'  trennt  sich. für  mich  mit  Sicherheit 
die  synonyme  k^eudh-  in  griech.  y.evd-co  ab,  gemäss  dem 
oben  s.  49.  über  das  fragliche  der  lautgleichung  griech.  ^ 
==  indog.  gh^  bemerkten.  Zu.  k^eudh-  gehören  die  von  Fick 
wörterb.  P  50  und  Joh.  Schmidt  a.  a.  o.  genannten  sanskr. 
küha-j  kuhd-  m.  ^betrtiger,  heuchler^,  küh-aka-  m.  ^gaukler^, 
kiih-ara-  n.  ^höhle"*,  kuh-u-  f.  *^neumond',  ags.  h^d-an  ^abscon- 
dere'  u.  a.;  ebendahin  meiner  ansieht  nach  abulg.  ciid-o  n. 
'wunder',  stamm  cudes-  =  griech.  xev-d-og  n.  "^verborgene 
tiefe'  (das  slav.  c  vor  u  =  indog.  eu  regulär  nach  Collitz 
Bezzenbergers  beitr.  III  203.  anm.).  Endlich  indog.  k^üdh- 
-iö-m  *^versteck'  ergab  germ.  hüsö-m  ""haus',  got.  anord. 
ags.  alts.  ahd.  hüs  n.,  wie  uid-tö-s  zu  germ.  wisö-s  (s.  77.) 
wurde.  Ebenso  gehört  wol  zu  anord.  b7^jöta^  ags.  breotan^ 
mhd.  briezen  'brechen,  hervorbrechen,  aufschwellen'  als  -tö- 
particip  mhd.  bj^üs  m.  'der  braus,  das  brausen',  wovon  anord. 
brüsa,  mhd.  brüsen  denominatives  verbum.  Desgleichen  zu 
germ.  lip-an  'sacht  dahin  gehen,  fahren,  gleiten',  got.  leipan 
in  compp.,  anord.  //9a,  alts.  lithan^  ahd.  Man  ziehe  ich  mhd. 
lis  adj.  'leise',  erweitert  mhd.  tUe  (wie  auch  wts  zu  ahd.  wisi^ 


1)  Das  schwanken  im  geschlechte  deutet  auf  altes  litauisches  neu- 
trum  hin  (früher  nom.  güsz-ta^  gen.  güsz-tD)  nach  Mahlow  d.  lang, 
voc.  AEO  80f. ,  wo  ich  indes  die  auffassung  des  nom.-acc.  sing,  der 
slavischen  neutralen  ö- stamme  nicht  gut  heissen  kann;  vergl.  Brugman 
liter.  centralbl.  1880.  s.  944. 


—    92     — 

mhd.  wUe  ward),  ahd.  liso  adv.  '^leise^  urgerm.  lisö-s  aus 
indog.  Itt-tö-s.  Damit  mag  wol  identisch  sein  abulg.  Us-tü 
m.  *^blatt^  als  *^das  sacht  herabfallende,  sanft  im  winde  dahin 
fahrende\  Zu  lat.  -gruö^  griech.  ßQvo)  (s.  15.)  stellt  sich  afries. 
alts.  krü-dj  ahd.  krü-t  chrü-t  n.  ^kraut'  als  *^das  strotzende, 
das  wuchtig,  üppig  hervorspriessende^,  urgerm.  ki^n-'^ö-m 
(vergl.  griech.  ßqv-o-v  n.  ^moos',  lit.  grü-da-s  m.  *^korn,  kern^ 
zu  ^rnw-^z 'einstürzen'),  die  neutralform  zu  lett.  ^rz^-^-^'^schwer'; 
gehört  nach  Fick  Bezzenbergers  beitr.  II  110.  ebendahin  lat. 
brü-tU'S  *^ lastend,  schwer'  (brütum  pondus  *^ein  schweres  ge- 
wicht'), so  muss  es  des  b-  halber  für  einen  eindringling  von 
umbrisch-sabellischer  zunge  gehalten  werden,  wie  rufu-s  ''rot' 
des  -f-  wegen.  Andere  germanische  participia  mit  ü  sind 
noch:  ahd.  trü-t  "^ traut'  (zu  got.  iraiian,  anord.  trüa^  alts. 
trüdnj  ahd.  trüwen  ''trauen,  glauben'  und  anord.  tryggja 
tryggva  ''ruhig,  sicher  machen',  vergl.  s.  27.  anm.)  =  lit.  driü- 
-ta-s  *^fest'  (in  preuss.  drük-tai  kann  unmöglich  die  grund- 
form  liegen  für  lit.  dtmi-ta-s  nach  Bezzenberger  in  seinen  beitr. 
11  272.);  anord.  prü-^-r  "stark,  kräftig',  das  Job.  Schmidt 
indog.  vocal.  I  171.  II  264.  und  Zimmer  Kuhns  zeitschr.  XXIV 
208.  gegen  die  lautverschiebungsregel  zu  derselben  sippe 
stellen  zu  können  meinen.  Aus  dem  vedischen  sanskrit  nenne 
ich  noch:  Ä:rz-/ß-* ''gekauft';  ä-ji-ia-s  ' un verwelkt,  unverwelk- 
lich';  pi-td-s  '^geschwollen,  schwellend'  und  'getrunken'  (in  a-, 
prd-pita-,  jivä-pita-sai'ga-) ;  (^ish-ta-s  von  unbekannter  bedeu- 
tung  nach  Böhtlingk-Roth  Petersb.  wörterb.  VII  1812.  (viel- 
leicht Zwillingsform  zu  gish-tä-s  "übrig  gelassen,  ausgezeich- 
net'?); a-kii-ta-m  n.  "absieht'  (zn  kav-i-s  "weiser,  seher',  lat. 
cav-eöj  griech.  zo-ew,  wurzel  indog.  k^au-j  sieh  s.  89.  über 
würz,  lau-  "waschen,  spülen');  dü-tä-s  m.  "gesandter,  böte'. 
Ich  hege  nun  selber  den  verdacht,  dass  mehrere  der 
participialen  -/o-bildungen,  die  ich  als  solche  mit  indog.  ?,  ü 


—    93    — 

aufführte,  in  Wahrheit  vielleicht  wurzelhaftes  e/,  eu  haben. 
Wir  haben  nemlich  alten  stamm-  und  accentwechsel  auch 
für  das  nomen  auf  -to-  anzuerkennen,  den  in  der  grund- 
sprache,  wie  es  scheint,  besonders  die  substantivierten 
participia  nicht  ausgeglichen  hatten.  Ich  stelle  im  anschluss 
an  de  Sau'ssure  syst,  primit.  77.,  Kluge  german.  conjug.  21., 
Kögel  -  Paul  -  Braunes  beitr.  VII  188  flP.,  von  Bahder  verbal- 
abstr.  91  f.,  H.  Möller  Paul-Braunes  beitr.  VII  466.  502.  einige 
darauf  hindeutende  erscheinungen,  vornemlich  aus  dem  ger- 
manischen, hier  zusammen.  Germ,  hleii-po-m  *^das  hören', 
got.  hliu'p,  anord.  kljö-h  n.  =  avest.  crao-te-m  n.  Mas  hören', 
wozu  auch  abulg.  shi-tu  partic.  *^gehört,  gehört  habend'  stimmt. 
Germ,  pen-po-m  "^gutes',  got.  Jyiu-p ^  anord.  pjö-^  n. ,  nach 
Fick  wörterb.  IIP  136.  zu  indog.  tu-  *^valere'.  Germ,  keji- 
'po-m  *^kind',  alts.  ahd.  kin-d  n.  von  würz,  g^en-  ^geboren 
werden'.  Lett.  fel-t-s  m. 'gold'  =  indog.  gh^el-to-s]  indog. 
qh'l-tö-s  wäre  lett.  "^fil-t-s.  (Sanskr.  ya-^a-^,  avest.  zä-tö 
*^geboren'  und  abulg.  zla-to  'gold'  klären  sich  uns  später  auf.) 
Lit.  l'e-ta-s  ^gegossen',  von  metallen.  Avest.  us-paesli-ta-  adj. 
'ausgelernt  habend'.  Avest.  stao-ta-  n.  *^lob'  neben  siü-ta- 
und  stu-ta-  (s.  90.),  wie  si^ao-ta-  n.  neben  srü-ta-.  Indog. 
teu-tä  f.  'stadt,  land'  repraesentieren  osk.  toii-to^  lit.  tau-ta^ 
got.  piuda^  nur  dass  in  dem  litauischen  und  germanischen 
,nomen  die  accentuation  obliquer  casus,  wie  des  gen.  sing. 
m^o^.  t  Utas,  sich  geltend  gemacht  hat.  Andererseits  zeigen 
germanische  -/ö-bildungen  bei  geschwächter  wurzelform  durch 
Verschiebung  betonung  der  wurzel  gemäss  der  Vernerschen 
regel.  So  germ.  hru-po-m  'gebrautes,  brühe',  vergl.  s.  87. 
Der  lettische  vocalismus  von  fel-t-s  stimmt  zu  dem  conso- 
nantismus  von  germ.  gül-po-m^  got.  gul-p ^  ahd.  gol-d  und 
hilft  diesen  erklären;  indog. //Ä'e/-^ö- und  .^r/?'/-^^/-  waren 
in  einem  paradigma,  wie  k^leu-to-  und  kHu-to-,  gU>n-to- 


~     94     — 

=  alts.  ahd.  kin-d  und  g^ti-tö-  =  got.  kund-s  (in  compp.), 
anord.  kun-d-r^  alts.  -cun-d  (in  god-cund).  Ebenso  dient 
sanskr.  ved.  mär-ta-s  m.  ^sterblicher,  mensch^  =  indog.  wer- 
-to-s  (griech.  (.ioq-to-q  weist  sich  unten  als  nicht  direct  dem 
sanskr.  mär-ta-s  gleichstehend  aus)  zur  erklärung  des  p  von 
germ.  mür-po-m  *^mord^,  anord.  ags.  alts.  mor-^s^  afries. 
mor-th  mor-d^  ahd.  mor-d  n.  ==  sanskr.  mr-td-m  n.  *^tod\ 
Auch  germ.  hül-po-z  ^hold',  got.  hul-p-s^  anord.  holl-r^ 
ags.  alts.  ahd.  hol-d  adj.  und  germ.  nür-po-m  ''norden^  ags. 
alts.  nor-^^  ahd.  nor-d  n.  setzen  die  existenz  von  hel-po-, 
ner-po-  (vgl.  den  -ifew -stamm  anord.  Njör-^-r  nom.  propr. 
=  germ.  Ner-pu-z^  Weinhold  Haupts  zeitschr.  VI  460., 
0.  Schade  altdeutsch,  wörterb.^  652.  b.)  voraus.  (Anord.  hall~r^ 
ags.  heal-dy  ahd.  hal-d  'geneigt'  d.  i.  germ.  hdl-po-z  ist 
nicht  die  zu  hül-po-z  ^^hold'  erforderliche  starke  Stamm- 
form, sondern  verhält  sich  zu  diesem  wie  abulg.  zla-to  zu 
germ.  gül-po-m^  worüber  näheres  unten.)  Lit.  gef-ta-s  adj. 
*^gelb'  ist  das  wurzelstarke  correlat  zu  abulg.  sl^i-tü  adj.  'gelb', 
wie  lett.  fe'l-t-s  *^gold'  dasjenige  zu  got.  gul-p.  Bei  alts.  ahd. 
mhd.  ros-t  m.  'aerugo'  ist  das  wegen  des  Kögeischen  dental- 
gesetzes  anzunehmende  paroxytonon  germ.  rüt-to-z  ange- 
sichts der  vielen  analogien  für  solche  urgermanische  accent- 
verlegung  nicht  so  zweifelhaft,  als  von  Bahder  verbalabstr.  42. 
meint.  Im  sanskrit  sind  von  der  art  solcher  germanischen 
beispiele  rik-ta-s  'leer'  (s.  76.),  jüsh-ta-s  'angenehm';  aber 
auch  mit  %  *z'-^a 'furche'  (s.  81.),  ein  product  aus  *se-tä  und 
^si-ta  =  germ.  si-^dj  ahd.  si-ta  'seite'.  Nach  allem  diesem 
aber  dürfte  es  nun  auch  zweifelhaft  werden,  ob  man  in 
griech.  aTto-deiK-ro-gj  Kevyi-To-gy  yevG-ro-g^  cpeQ-To-g  u.  dergl., 
in  lat.  caesu-Sy  auc-tu-s  noch  schlechthin  das  ei^  evy  €Qj  lat. 
aiy  au  durch  einzelsprachliche  formüb ertragung  wird  erklären 
dürfen,  wie  es  z.  b.  Brugman  Kuhns  zeitschr.  XXIV  261.  tat. 


—     95    — 

Unter  unserem  obigen  material  aber  wird  man  nun  be- 
sonders germ.  ki-po-m  'spross^*  (s.  72.)  und  bis-to-m  'Sauer- 
teig' (s.  75.)  lieber  als  reflexe  indogermanischer  cfel-to-m^ 
bheid-to-mm  anspruch  nehmen;  um  so  eher  kann  in  abulg. 
zi'to  'getreide'  und  germ.  ki-po-m  'spross'  indog.  (fei^- 
-to-m  gefunden  werden,  da  im  altpreussischen  gei-t-s,  acc. 
(jei-ta-n  'brod'  tatsächlich  mit  „  vocalsteigerung "  (Fick  wörterb. 
IP  553.)  vorliegt.  Dann  aber  wird  noch  manches  andere 
zweifelhaft.  In  den  sprachen ,  wo  indog.  ei,  eu  mit  7,  ü  zu- 
sammengefallen sind,  bleibt  eine  -^ö-bildung  mit  /,  u  nur 
dann  beweiskräftig  für  uns,  wenn  die  Stellung  in  der  unge- 
schwächten Wurzel  ie  {ia')  ist  oder  wenn  die  wurzel  eine 
a/-,  öw- Wurzel  (besser  eine  nicht -e/-,  -ew- wurzel)  ist.  So 
hat  unter  allen  umständen  lat.  di-insu-s^  ahd.  ur-wis  (s.  78  f.) 
indog.  i.  So  auch  abulg.  cis-tü  'rein,  heilig'  (s.  81.),  weil  es 
zu  got.  skaid-a  gehört,  das  unbefangen  betrachtet  nur  als  ein 
praesens  wie  griech.  aid-to  erscheinen  kann  (s.  unten);  abulg. 
cis-tü  wird  sich  mit  lit.  skaü-ta-s  'hell,  deutlich,  klar'  (von 
flüssigkeiten  und  lichterscheinungen)  immer  nur,  wie  auch  lit. 
skys-ta-s  selbst  (lit.  czys-ta-s  ist  slavisches  lehnwort),  mittels 
eines  Stammabstufungsverhältnisses  zusammenfinden  können, 
so  gut  wie  lat.  scissu-s^  ahd.  scesso  (s.  82.)  dies  müssen.  Es 
kann  mithin  wol  auch  lat.  caesu-s  =  lit.  skais-ta-s  (vergl.  cae- 
s-iu-s  'hell,  helläugig',  Fick  Kuhns  zeitschr.  XXI  8  f.)  seinen 
indogermanischen  wurzelablaut  bewahrt  haben.  Es  kann  ferner 
lat.  laii-tu-s  'gewaschen,  sauber'  mit  lu-tu-s  'gespült'  (s.  89.) 
sich  so  zu  6inem  paradigma  vereinigen,  wie  indog.  k^leu-to- 
'gehörtes,  das  hören'  (avest.,  slav.,  germ.)  mit  indog.  kUu-tu-. 
Ebenso  lat.  cau-tu-s  mit  sanskr.  ved.  a-kü-ta-??i' abzieht'  (s.  92.). 
Glücklicher  weise  bleibt  aber  auch  nach  abzug  des  vielen  da- 
durch unsicheren  materials  eine  genügende  anzahl  gesicherter 
fälle  zum  zwecke  unseres  beweises  übrig,  dass  indog.  ?,  ü 


—    96    — 

in  der  tiefstufigen  wurzel  bei  den  participialen  -^ö-bildungen 
mit  *^,  ü  promiscue  erscheinen ,  glücklicher  weise  besonders 
in  folge  'des  umstandes,  dass  wenigstens  indog.  n  nahezu  in 
allen  einzelsprachen  (nur  im  altitalischen  grösstentheils  nicht) 
von  eu  formal  geschieden  blieb. 

J.    Nomen  mit  suff.    tei-: 

Avest.  isK'ti-sH  f.  ^gut,  reichtum'  =  avest.  isK-ti-sK  f. 
dass.  Got.  aih-t-s  f.  ^eigentum,  habe'  als  aih-t-s  =  avest. 
ish-ti-sh  zu  fassen,  widerrät  ags.  wh-t^  ahd.  eh-t  (von  Bahder 
d.  verbalabstracta  in  d.  german.  spr.  68.),  dem  gemäss  man 
hier  entweder  altüberlieferte  ungeschwächte  wurzel  bei  der 
-^eZ-bildung  (sieh  unten)  oder  germanische  neubildung  von 
der  auch  sonst  im  germanischen  verallgemeinerten  hochstufen- 
form  des  perf.-sing.  got.  aih  (vergl.  besonders  partic.  got. 
aig-an-s  mit  sanskr.  ig-änd-Sj  avest.  is-äno)  anzunehmen  hat. 

Avest.  isH-ti-sK  f.  Vunscb,  begehr'  ==  sanskr.  ish-u'-s  f. 
ved.  'das  suchen,  aufsuchen,  nachgehen,  wünsch,  bitte,  ver- 
langen', nachved.  'ausspruch  einer  autorität';  avest.  isH-ti-sli 
f.  "wünsch,  begehr'. 

Sanskr.  ved.  ci-ti-s  f.  Mas  sammeln'  atharvav.  II  9,  4. 
=  sanskr.  ci-ti-s  f.  "schiebt,  Schichtung,  Scheiterhaufen',  apa- 
-c^W-*  f.  "Vergeltung,  strafe';  SiYe^t.  ci-thi-sH  f.  "strafe,  busse'; 
griech.  rl-Gi-g  f.  "Schätzung,  busse,  strafe,  räche,  belohnung', 
a7fo-rm-4j  f.  "Vergeltung,  strafe'.  Ich  habe  mich  durch  Job. 
Schmidts  ausführungen  Kuhns  zeitschr.  XXV  141  f.  nicht  über- 
zeugen können,  dass  die  verschiedenen  (vier)  sanskritwurzeln 
ci-  nicht  auf  eine  einheit  zurückgehen.  Wie  zum  teil  Grass- 
mann wörterb.  z.  rgv.  444.  445  f.  und  Curtius  grundz.^  488  f., 
vollständiger  Fick  vergleich,  wörterb.  P  532,,  versuche  auch  ich 
eine  einigung.  Der  grundbegriff  "schichten'  führte  zu  1)  "an 
einander  reihen,  sammeln',  2)  "unterscheiden,  wahrnehmen, 
beachten'.    Aus  2)  entwickelte  sich  2.  a)  "schätzen,  taxieren' 


—     97     — 

(geld  und  geldeswert,  strafen,  und  bussen,  belohnungen)  und 
2b.)  'in  acht  halten,  respectieren,  ehren,  wert  halten'.  Aus 
TiGt-cfowj  ist  kein  griech.  "^ri-oi-g  zu  folgern,  nach  verf. 
verb,  in  d.  nominalcompp.  177  f.  Vergl.  auch  s.  12.  36 f.  53. 
60.  72. 

Avest.  ji-tisH  f.  'leben';  abulg.  zi-fi  f.  'leben',  zi-ii  infin. ; 
lit.  gy-tij  isz-gy-ti  'heilen  (intrans.),  heil  werden,  genesen, 
gesund  werden',  {-gy-ti  'etwas  erstrebtes  erlangen'  infin.  == 
sanskr. y/-f2-*  f.  'erwerb,  gewinn,  sieg'.  Wegen  der  vermitte- 
lung  der  bedeutungen  sieh  oben  s.  72  f. 

Sanskr.  iii-ti-s  f.  'führung,  leitung';  lit.  mj-ti-s  f.  'kämm 
im  Webstuhl,  die  Vorrichtung  die  fäden  auf  und  nieder  zu 
ziehen'  (Kurschat  litt,  gramm.  §  677.  s.  197.)  =  avest.  aiwi- 
-m-ii-sH  f.  'herumführung'. 

Sanskr.  pri-ti-s  f.  'freude,  ergötzung,  angenehme  empfin- 
dung,  befriedigung,  gnädige  Stimmung,  freundschaftliche  ge- 
sinnung,  freundschaft,  liebe'  =  avest.  a-fri-ti-sK  f.  'segens- 
spruch',  ratxi-fri-ti-sU  i.  'gebet  zu  rechter  zeit'. 

Griech.  fil^i-g  'mischung'  =  lit.  su-misz-ii  'sich  schnell 
durch  einander  mengen'  infin. 

Avest.  misä-ti-sK  f.  'herabgiessung'  =  avest.  inisK-ti-sK  f. 

Abulg.  Iis-t1  f.  'fraus,  dolus,  error',  von  Miklosich  lex. 
Palaeoslov.  348  b.  aus  dem  Suprasler  codex  belegt  =  abulg. 
lis-fi  f.;  got.  lis-t'Sj  anord.  ags.  alts.  ahd.  lis-t  f.  (alts.  ahd. 
auch  masc.)  'list'.  Da  abulg.  Hs-t1  auch  =  indog.  leis-ti-s 
sein  kann,  so  ist  die  nummer  unsicher. 

Griech.  «-r6-«  f.  'weide,  Salix'  aus  **-r^^-5;  abulg.  vi-ti 
'winden'  infin.;  lett.  wi-t-üli-s  m.  'weide',  lit.  2^^-^2 'winden' 
infin.  =  griech.  ^-T€-ä  f.  bei  Herodian  I  522,  21.  II 17,  20.  ed. 
Lentz  bezeugt;  lit.  zil-vi-ti-s  m.  'grauweide,  Weidenrute',  gen. 
zU-vicziOj  -^/o-stamm  aus  früherem  -^eZ-stamme  nach  Schleicher 
lit.  gramm.  §  49.  s.  115 f.;  ahd.  wi-tk  wi-dh  wi-d^  mhd.  wi-t 

Osthoff  u.  Brugman  untersucb.  IV'.  7 


—     98     — 

{gQm  ivide)  f/weidenstrick"*  für  mgevm.  wi-pi-z.  Es  kön- 
nen auch  noch  indog.  i  enthalten  lat.  vi-ti-s  f.  ^ranke,  rebe, 
Weinrebe,  weinstock^,  abulg.  vi-t^  f.  'res  torta  in  modum 
funis',  pa-vi-ti  f.  *^vitis^,  anord.  vi-^-i-i^  m.,  ahd.  ivt-da  f.  Veide\ 
Doch  sind  diese  nicht  beweiskräftig ;  denn  deutlicher  als  an- 
derswo haben  wir  hier  (sieh  s.  106  ff.)  die  spuren  einer  wurzel- 
stärkeren Stammform  bei  einer  -^ez'-bildung:  indog.  i/ei-ti-s 
in  avest.  vae-ti-sJi  f.  Veide^  und  in  dem  attischen  demos- 
namen  inschriftl.  Ei-re-a  =  ^I-re-a,  den  Gust.  Meyer  Bezzen- 
bergers  beitr.  I  84.  griech.  gramm.  §  113.  s.  112.  zu  unerlaub- 
tem zwecke  benutzt.  Über  die  accentverschiebung  in  germ. 
wi-pi-z  sieh  unten  s.  106  ff. 

Abulg.  vis-ti  f.  'die  sehe  am  äuge,  augapfel,  pupille' 
(vergl.  Miklosich  lexic.  Palaeoslov.  u.  d.  w.),  za-vistii.  'neid', 
eigentlich  'hinsehen'  =  sanskr.  vit-ti-s  f.  'bewusstsein,  das 
finden,  habhaftwerden,  fund,  das  gefundenwerden,  Vorhanden- 
sein', ä-vit-ti-s  f.  'das  nichtfinden,  nichthaben';  avest.  e-vis- 
'ti'sH  f.  'Unkenntnis'.  Lit.  vyz-dy-s  m.  'augapfel,  pupille' 
betrachte  ich  als  nach  veizdeti  umgemodeltes  altes  *vi/S'ti-s. 
Abulg.  vis-ili  ksinn  allenfalls  auch  =  indog.  ueid-ti-s  sein; 
vergl.  s.  106  ff. 

Anord.  Am-9,  ags.  hj-dj  alts.  hü-d,  ahd.  hü-t  f.  'haut'  aus 
urgerm.  hü-^i-s  =  griech.  ey-y.v-iL  adv.,  avyayibhäva- 
comp.,  eigentlich  'inhäutig';  lat.  cü-ti-s  f.  'haut'. 

AYQBt  fra-srü-üi-sH  f.  'stimme,  das  absingen,  absingung' 
==  sanskr.  c?m-ti-s  f.  'das  hören,  vernehmen,  zuhören,  laut, 
klang,  geräusch,  künde,  nachricht,  gerticht,  sage,  ausspruch'. 

Avest.  ä-zü-iti-sK  f.  'opfergabe,  fettigkeit'  --  sanskr.  ved. 
nachved.  a-hu-ti-s  f.  'opferspende',  sarva-hu-ti-s  f.  'ein  Opfer, 
bei  welchem  alles  material  geopfert  wird',  havir-hu-ti-s  f. 
'darbringung  einer  opfergabe';  griech.  yv-oi-g  f.  'das  aus- 
giessen,  guss,  libation'. 


—    99    ~ 

Lit.  dm-ti-s  f.  *^schwindsucht^,  dziUli  *^ hinschwinden,  ein- 
trocknen, verdorren"*  infin.  =  sanskr.  dyu-ii-s  f.  'glänz,  würde'; 
griech.  dv-öi-g  f.  'das  untergehen,  Untergang'  für  lautgesetz- 
liches "^'Qv-öi-g  (s.  19.).  Zur  vermittelung  der  bedeutungen 
sieh  s.  18.  Von  dvoL-d^alaoGog  mache  ich  keinen  gebrauch 
aus  dem  verb.  in  der  nominalcomp.  177  f.  erörterten  gründe. 

Sanskr.  nachved.  dhü-ti-s  f.  'das  schütteln,  hin-  und  her- 
bewegen, fächeln',  ved.  dhu-li-s  m.  'schütteler,  erschütterer' 
von  den  Maruts;  griech.  d'v-OL-g  f.  ^das  brausen,  stürmen, 
tosen';  lat.  ef-fü-ti-ö  'schüttele  heraus,  stosse  nur  feo  aus, 
schwatze  heraus,  plaudere  aus'  denom. ,  fü-ti-li-s  adj.  pass. 
'^leicht  auszuschütten',  act.  'leicht  ausschüttend,  was  leicht 
von  sich  giebt,  nicht  dicht  hält,  nichts  bei  sich  behalten  kann' 
=  griech.  ^v-oc-^io-g  adj.  'zum  opfern  geschickt,  tauglich  ge- 
opfert zu  werden'.  Lat.  fn-tüi-s  kann  wol  auch  Weiterbil- 
dung aus  dem  -^ö  -  stamme /w-^o-  partic.  (s.  86.)  sein.  Das 
aus  Varro  de  ling.  lat.  V  25,  119.  bekannte  Ju-ti-s  'vas  aqua- 
rium'  enthält  uns  wieder  die  kenntnis  der  quantität  seines  u 
vor,  welche  nicht  ohne  weiteres  nach  dem  denominativen 
verb  ef-fntire  als  länge  bestimmt  werden  darf.  Indem  ich, 
wie  schon  oben  s.  86.  angedeutet,  verwantschaft  des  lat./?m- 
dere  mit  griech.  ^foj,  got.  ijiutan  leugne,  entgehe  ich  einer- 
seits der  lästigen  Zumutung,  lateinischen  lautwandel  von  gh- 
in  /-  neben  demjenigen  in  h-  anzuerkennen.  Nur  für  das 
sabinische  steht  diese  lauterscheinung  fest  dmch  faedusy  fireus 
u.  a. ;  was  bei  Corssen  krit.  beitr.  203  ff.  überhaupt  etymo- 
logisch gesichert  ist  (das  wenigste  ist  es),  wird  eben  sabini- 
schen  Ursprunges  sein.  Sodann  glaube  ich  durch  die  ab- 
leitung  von  würz,  dhu-  auch  der  bedeutung  des  funde?*e  und 
seiner  sippe  besser  gerecht  zu  werden.  Betreffs  con-y  re-fü- 
täre  liegt  es  am  tage,  dass  sie  begrifflich  weniger  gut  zu  x^^"^ 
passen.    Und  fundcre  selbst  wird,  meine  ich,  in  der  ganzen 

7* 


100     — 


Verzweigung  seiner  bedeutungen  —  man  denke  an  segetem 
funder c,  in  algäJundT,  corpora  hiiml  funder e,  hostes  funder e, 
fundere  fugäreque,  turpi  fugä  fundx,  jüenls  s^  portls  fundere^ 
se  carcere  fundere  (von  pferden)  —  begreiflicher,  wenn  man 
"schütten,  aus-,  hinschütten',  selbst  'schütteln,  fortschütteln' 
für  die  grundbedeutung ,  die  anwendung  auf  flüssigkeiten 
"^giessen'  für  daraus  specialisiert  hält.  So  mag  wol  auch 
griech.  d-veiv  'opfern'  mit  den  geeigneten  objecten  wie  al- 
(fLTay  xQid^ag  verbunden  dann  eher  ein  'schütten  in  die  opfer- 
flamme' als  ein  'brausen,  stürmen  lassen'  (vergl.  s.  24.)  aus- 
gedrückt haben.  Höchstens  könnte  mau  zugeben,  dass  in 
lat.  fundei^e  Wurzel  dhu-  und  wurzel  gh^ti-  derartig  zu- 
sammengeronnen seien,  dass  etwa  ein  ^ feinere  =  griech. 
-d^vvELVy  sanskr.  dhunoti  (s.  49.)  mit  einem  *küdere  =  got. 
gmtan  sich  zu  der  historischen  form  contaminiert  habe  in 
folge  des  teilweisen  Zusammenfalles  der  bedeutungen.  Auch 
lat.  fnsu-s  m.  'spindel,  spüle  zum  spinnen'  kann  bei  unserer 
ansieht  als  'das  sich  schüttelnde,  geschüttelte'  zu  fundere 
gezogen  werden,  bei  der  alten  etymologie  schwerlich. 

Sanskr.  pü'-ti-s  adj.  'faul,  stinkend',  ;;w-^/  n.  'jauche, 
eiter',  pü-ti-ka-s  adj.  'faul,  stinkend';  avest.  pü-iti-sJi  f.  'fäul- 
nis';  lit.  pü-ti  'faulen'  infin.  =  anord.  fu-^  f.,  mhd.  vu-t  f. 
(gen.  vüde)^  Schweiz,  bair. /?/-</ f.,  neuniederd.  (westfäl.  grafsch. 
Mark)/w'-rf  f.  'cunnus,  vulva,  podex'.  Anord. /w9,  bei  Cleasby- 
Vigfusson  177.  a.  nur  in  den  compositen  fu^-flogi^  fu^-hundr 
belegt,  zeigt  den  gewöhnlichen  übertritt  femininer  -ei-  stamme 
zur  « -  declination :  nom.  sing,  ohne  -r  und  gen.fuMr,  wie  hu^ 
hu6ar^  sott  sottar.  Darum  ist  auch  unmittelbare  Zusammen- 
stellung des  germanischen  wortes  mit  dem  -^o-stamme  sanskr. 
puta-  m.  dual,  (sieh  s.  87.),  wie  bei  Fick  wörterb.  I^  148.  678. 
IIP  186.,  nicht  statthaft.  Der  hochdeutschen  form  wegen  be- 
ruht ferner  das  germanische  nomen  auf  bereits  ur-  oder  vor- 


—     101     ~ 

germanischer  wurzelaccentuation :  oom  Bing,  fifpi-z  ^  wie 
auch  im  sanskrit  puti-s.  Analoga  dazu  sind  das  oben  s.  97.  98. 
genannte  germ.  wipi-z  Veidenstrick',  ferner  goi.  ga-baui^pi- 
(ja-qumpi-y  stapi-  *^gestade'  u.  a.;  vergl.  Verner  Kuhns  Zeit- 
schrift XXIII  124.,  Brugman  Curtius'  stud.  IX  326.,  verf. 
morphol.  unters.  II  50  anm.,  Kögel  keron.  gloss.  115.  116. 
117.  121.  Paul- Braunes  beitr.  VII  177.  189  f.,  von  Bahder 
d.  verbalabstr.  in  d.  german.  spr.  62  f.  Die  bedeutungen  des 
indog. /?w-^2-A'  in  den  einzelsprachen  vermitteln  sich  zwang- 
los nach  dem,  was  von  Brugman  Kuhns  zeitschr.  XXIV  34  ff. 
morphol.  unters.  II  175.  232.  anm.,  verf.  verb.  in  d.  nominal- 
comp.  263  ff.,  Delbrück  syntakt.  forsch.  IV  6  ff.,  neuerdings 
von  Paul  princip.  d.  sprachgesch.  204  ff.  über  den  process 
bemerkt  wird,  durch  den  alte  (feminine  und  neutrale)  ab- 
stracta  (besonders  häufig  auch  -^e?'- stamme)  zu  concreta  mit 
oder  ohne  genuswechsel ,  endlich  sogar  zu  adjectiven  mit 
oder  ohne  genusmotion  werden.  Avest.  yüitish  f.  'fäulnis'* 
verharrt  bei  der  abstracten  grundbedeutung.  Im  germani- 
schen ist  'stinkung'  concret  zu  'stinkendes  ding',  speciell  'stin- 
kender körperteir  geworden.  Wahrscheinlich  jedoch  schon 
im  indogermanischen,  denn  das  sanskrit  endlich  bringt  es 
von  hier  aus  zu  dem  adjectiv  puli-s^  welches  dann  ein  neu- 
trales concretum  pü'li  'jauche,  eiter'  ergibt'). 


I 


l)  Diejenigen  forscher  haben  recht,  welche  lat.  über  n.  'euter'  und 
uher  n.  'fülle',  adj.  'reichlich,  fruchtbar'  nicht  zu  trennen  wagen,  wie 
Roth  Kuhns  zeitschr.  XIX  222.,  Corssen  ausspr.  vocal.  P  I5l.  353.  krit. 
beitr.  199.,  Curtius  grundz.^  260  f.,  Froehde  Bezzenbergers  beitr.  II  336. 
Wenn  wir  mit  Roth  in  homer.  ovd'aQ  a^ovQrjs  11.  /141.  und  in  lat.  über 
ü.  'fülle'  die  ehemalige  abstracte  grundbedeutung  'mastigkeit,  strotzende 
fülle'  gewahrt  finden ,  so  ist  die  entwickelung  zu  'euter',  sicher  ja  be- 
reits grundsprachlich,  der  von  uns  vermuteten  ähnlich  frühen  von  puti-s 
zu  'stinkendes  ding'  analog.  Pflichten  wir  aber  Curtius  bei,  dass  in 
ov&a^  o^ovQrjd,  lat.  übe?'  als  'fülle'  „nur  ein  bild"  liege,  so  drückte  lat. 


—     102     — 

Ahulg.  pii/-ti  "'fliessen'*  infin.;  lit.  plü-ti-s  m.  *^eine  blanke, 
grössere  offene  stelle  im  eise  der  flüsse'  (Nesselmann  wörterb. 
311.  b.),  -^/o-stamm  (gen.  smg.plüczto)  aus  altem  -^e/- stamme 
entwickelt  («ieh  s.  97.),  plü-ti  'ins  schwimmen  geraten,  über- 
strömen' infin.  (später  dafür  plü-s-ti)  =  sanskr.  plu-ti-s  f. 
*^das  überfliessen,  flut,  das  verschwimmen';  griech.  Ttlv-oi-g  f. 
''das  waschen'. 

Sanskr.  bhü-ti-s  und  bhü'-ti-s  f.  („oxytoniert  im  rgveda, 
parox.  in  den  übrigen  Schriften"  nach  Böhtlingk-Roth)  "^guter 
zustand,  wolsein';  avest.  bü-iti-sH  m.  nom.  propr.  eines  daeva, 
eigentlich  ^das  wesen';  abulg.  by-ti  infin.,  do-by-ti  f.  "^fenus, 
victoria',  za-by-ti  f  *^oblivio',  po-by-ti  f.  *^victoria,';  lit.  bü-ti 
infin.,  bn-ty-be  f.  'wesen,  sein,  be^haffenheit'  =  griech. 
cfv-oi-g  f.;  altir.  buith  ''esse'  infin.,  „vom  stamme  *bku-ti-^ 
(Windisch  bei  Curtius  grundz.^  305.).  Wegen  cpvoL-too-g  sieh 
verb  in  d.  nominal  comp.  1 77  f. ,  oben  s.  97.  99. 


über  agrl,  vitis  ursprünglich  metaphorisch  euter  des  ackers,  weinstocks' 
aus,  wie  den  plural  nhera  campi  im  dichterischen  gebrauche  bei  Colu- 
mella  X  89.  wol  kaum  jemand  nicht  concret  verstehen  wird.  Zu  dem 
adjectiv  Tiber  leitet  zunächst  hinüber,  dass  bei  Vergil.  georg.  II  234.  275. 
das  Substantiv  übe7'  allein  für  sich  metonymische  bezeichnung  des  frucht- 
baren feldes  ist.  So  hiess  auch  hic  ager  über  est  ursprünglich  'dieser 
acker  ist  ein  euter'  (oder  'eine  strotzende  fülle'  nach  Roth),  und  ager 
über  war  appositional  'ein  acker,  der  ein  euter  ist',  und  geschlechtige 
flexionsformen  wie  in  agrum  übet-em,  agri  überes  tauchten  erst  nach 
dem  übergange  des  appositiönalen  gefüges  in  das  festere  attributivische 
auf.  Um  noch  ein  beispiel  dieser  art  zu  nennen:  homer.  Xir-  bedeutet 
als  Substantiv  (dat.  tiri,  acc.  XXra)  'glattes  schlichtes  gewebe  als  unter- 
gedeck  unter  sesseln  und  teppichen  (Od.  a  130.  x  353.),  Überzug  über 
einen  wagen  (IL  6>44l.),  decke  über  einen  toten'  (IL -5"  352.  ^254.). 
Dasselbe  Xir-  soll  adjectiv  sein  in  Xhs  Tverorj  Od.  ^  64.  79.  Mit  der  sub- 
stantivischen bedeutung  'glattes  ding,  anschmiegsei '  (vergl.  oben  s.  76. 
über  jti-ro-s)  kommt  man  aber  aus;  ?hs  Tter^rj  'das  glatte  ding,  der  felsen' 
ist  auch  wie  rQrjqcov  niXsia  (verf.  forschungen  II  48.  124.  133.  146.),  lat. 
vetus  consuetüdo,  ager  über  u.  s.  w.  zu  beurteilen. 


—     103    — 

Sanskr.  yü-ti-s  "^ Verbindung ,  Vereinigung^,  ved.  gäv-yii- 
'H-Sy  nachved.  go-yti-ti-s  f.  Weideland,  gebiet,  wohnplatz', 
später  ein  bestimmtes  längenmass;  avest.  yü-iti-sK  f.  '^Ver- 
bindung', uta-yü-iti-sH  f.  'fortdauer,  kraft',  adj.  'fortdauernd, 
kräftig',  m.  nom.  propr.;  lett.  jü-t-s  f.  'gelenk',  plur.  jütis 
==  sanskr.  yu-ii-s  f.  'das  zusammentreffen',  gandha-yu-ti-s  f. 
'eine  mischung  wolriechender  pulver',  graha-yu-ti-s  m.  'con- 
junction  der  planeten';  avest.  uta-yrnti-sli  m.  nom.  propr., 
gen.  uta-yuioisK  yt.  XIII  126.  Im  zend  liegen  auch  hier  alle 
drei  stufen  der  bedeutungsentwickelung,  vom  substantivum 
abstractum  über  das  concretum  bis  zum  adjectiv,  vor.  Gegen 
Böhtlingk-Roth  II  718.  muss  ich  betreffs  gdv-yü-ti-s  {go-ynti-s) 
der  etymologie  der  indischen  grammatiker,  wornach  es  ur- 
sprünglich 'rinderverbinduDg'  d.  i.  entweder  'ort  wo  rinder 
zusammenkommen'  oder  'terrain  soweit  ununterbrochen  die 
zusammengehörige  rinderherde  weidet'  ist,  recht  geben. 

Sanskr.  sü-ti-s  f.  'geburt,  entstehung',  su-shü-ti-s  f.  'gute 
gehurt  oder  zeugung'  (unbelegt)  =  ved.  sü-shu-ti-s  f.  'eine 
gute  geburt  oder  zeugung'  rgv.  X  39,  7.  Zu  4.  sii-  im  Petersb. 
wörterb.  VII  1022  ff. 

Sanskr.  ved.  pdri-shü-ti-s  f.  'bedrängnis',  prä-sü-ti-s  f. 
'anregung,  betreiben,  geheiss,  erlaubnis'  =  ved.  a-sii-ii-s  f. 
'erregung  belebung',  prt-su-tt-s  f.  'feindlicher  angriff'.  Im 
Petersb.  wörterb.  zu  2.  su-  VII  1021  f. 

Sanskr.  sii-ti-s  f.  'kelterung  des  soma,  ort  der  soma- 
kelterung';  avest.  hü-iti-sU  f.  'Zubereitung  des  haoma'  == 
sanskr.  ved.  a-sii-ti-s  f.  'das  abkochen,  abziehen  eines  tranks, 
gebräu,  trank',  ved.  soma-su-ti-s  f.  'somapressung';  avest. 
üiwish-hu-üi-sH  f.  'Zubereitung',  dat.  sing,  aiwisk-hulayae-ca 
visp.  X  11.  Wenn  Hesychs  v-oi-g  f.  'das  regnen'  (s.  v.  vri)  so 
richtig  accentuiert  ist,  stellt  es  sich  zu  sanskr.  sü-ti-s^  avest. 
Mi'iti-sH.    Ich  zog  es  vor,  die  -^^/-bil düngen  der  verschie- 


—     104     — 

denen  su-,  wie  auch  oben  s.  89  f.  die  -fo-bildungen,  getrennt 
zu  lassen,  trotz  der  s.  56  f.  geäusserten  ansieht  von  der  iden- 
tität  der  drei  wurzeln. 

Avest.  stü-iti-sH  f.  *^lob',  ä-stü-iti-sU  f.  *^lobpreisung^,  upa- 
-stä'iti-sU  f.  dass.,  ni-stü-iti-sH  f.  *^das  preisen',  asho-stü-iti-sH 
f.  'heiliges  gebet'  =  sanskr.  ved.  stu-ti-s  f.  ''lobgebet,  preis- 
lied',  ved.  üpa-stu-ti-s  f.  'anruf,  preis'. 

An  weiteren  -^e/-bildungen  mit  indog.  <,  n  in  der  wurzel 
könnte  man  zunächst  alle  slavischen  und  baltischen  Infini- 
tive primärer  verba  auf  abulg.  -i-tij  -y-tiy  lit.  -}/-ti,  -ü-ti 
nennen;  also  im  altbulgarischen  pi-ti  "trinken',  /z-^/'giessen' 
(in  compp.),  ^r^-^z" bedecken',  ??i//-^/ Vaschen',  im  litauischen 
ry-ti  *^schlucken',  ly-ti  *^regnen',  griü-ti  *^ einstürzen',  siü-ti 
'nähen'  u.  dergl.  mehr.  Abulg.  pi-ti  gehört  zu  sanskr.  ved. 
pt'ti-s  f.  'trunk',  lit.  rij-ti  zu  ved.  i^i-ti-s  f.  'ström,  lauf' 
(sieh  s.  45.);  lit.  ly-ti  zu  lit.  ly-t\-s  f.  'eisscholle';  und  wenn 
auch  vielleicht  abulg.  /?/-//,  lit.  nj-ti^  ly-ti  nicht  die  genauen 
reflexe  der  im  veda  als  Infinitive  gebrauchten  dativformen 
pi-tay-ßj  ri'tdy-e  =--  indog.  pJ-tei-ai^  i'l-tei^ai  sind,  so 
beruhen  jene  doch  sicher  auf  einem  ähnlichen  obliquen  das 
suffixale  Clement  betonenden  singularcasus  (etwa  dem  locativ 
sing,  indog.  pl-töi,  ri-töi,  U-töi?).  Ich  erwähne  aber 
noch  sonst  einige  -^e/-nomina  dieser  art  aus  anderen  sprachen. 
So  griech.  ^v-ac-g  f.  'das  kratzen'.  Mehr  oder  weniger  ge- 
währ haben  als  properispomena  die  wie  ^u^c-g  beschaffenen 
griech.  d-Uxpi-gy  tglipt-g,  Ttvl^t-g^  Qlipi-gj  i/^i^l^-g  nach  Lobeck 
paralip.  412.  Als  reflex  von  indog.  lüd-ti-s  wird  germ. 
lüsi-s  f.  'laus',  anord.  lüs^  ags.  ahd.  mhd.  lüs  eigentlich 
'die  sich  duckende'  sein,  zu  anord.  lüt-a^  ags.  lüt-an  'sich 
ducken,  sich  neigen,  niedersinken',  ags.  ge-lutian  'sich  ver- 
bergen', ahd.  lüzerij  mhd,  lüzen  'latere,  verborgen  liegen, 
heimlich  lauern',  got.  Uut-a  'heuchler',  ahd.  luzic  'klein', 


—     105     — 

alts.  luttilj  ahd.  luzsil  'klein'  gehörig  und  zu  lit.  liud-ü 
'traure^,  nu-lins-tu^  -Imd-aü^  -liüs-tl  'traurig  werden^  (Fick 
Wörter b.  IIP  276.).  Zu  der  wurzel  indog.  bfu^a'^ii-  'brauen', 
von  der  lat.  de-fru-tu-m  und  die  anderen  oben  s.  87  f.  ge- 
nannten Wörter,  sowie  anord.  brugga,  mhd.  brüwen  biHuwen 
kommen,  stammt  auch  germ.  binh-'^i-s^  ahd.  brnit  pinit  in 
windis  brüt  f.  ' Windsbraut';  vergl.  Job.  Schmidt  indog.  vocal. 
II  269.  Da  aber  sanskr.  bhrü-nä-s  m.  Leibesfrucht'  uns  die 
Wurzel  auch  in  anwendung  auf  die  brauende  entwickelung 
des  animalischen  lebens  zeigt  und  dasselbe  bhrü-nä-s  nach 
Böhtlingk-Roth  V  4 12..  vereinzelt  auch  'eine  schwangere  frau' 
bedeutet,  so  dürfen  wir,  glaub  ich,  nicht  wol  anstehen,  auch 
in  got.  brü-p-s^  anord.  ^r^i-9-r,  ags.  bry-d,  alts.  b?'ü-d^  ahd. 
brü-t  prü-t  f.  'braut,  junge  frau,  Schwiegertochter'  wiederum 
das  zum  concretum  gewordene  abstractum  zu  sehen;  von 
selten  des  ehemannes  und  der  Schwiegereltern  wird  die  neu- 
vermählte vorzugsweise  unter  jenem  gesichtspunkte  hoffnungs- 
voll betrachtet.  Aus  dem  slavischen  fügt  sich  noch  an  sy-ti 
f.  'Sättigung'  aus  indog.  k^ü-ti-s  (vergl.  s.  83.),  is-py-ti  f. 
'eqevvQj  indagatio',  eigentlich  'das  aufs  reine- bringen'  (vergl. 
s.  67.  86.);  aus  dem  litauischen  krü-ü-s  f.  'weibliche  brüst', 
piü-li-s  f.  'das  mähen,  die  ernte'.  Aus  dem  sanskrit,  beson- 
ders dem  vedischen;  dhi-ii-s  f.  'gedanke',  pi-ti-s  f.  'trunk', 
in-ti-s  f.  'genuss,  ergötzung',  ü-ti-s  f.  'förderung,  hilfe',  ä-kü- 
-ii-s  f.  'absieht'  (zu  lat.  cav-eöj  caii-tu-s  gehörig,  wurzel  indog. 
k^au-,  vergl.  s.  92.  95.),  ju-ii-s  f.  'das  drängen,  behendig- 
keit',  hü-ti-s  f.  'anrufung'  (in  compp.),  pu-ti-s  f.  'reinigung, 
reinheit'.  Aus  dem  avesta:  mü-üi-sK  f.  (?)  nom.  propr.  eines 
daeva,  'besudeler,  beschädiger'.  Gehören  zu  einander  abulg. 
kry-ti  infin.  'bedecken'  und  lit.  krU-tt-s  'weibliche  brüst',  etwa 
als  'das  die  brüst  (pectus)  bedeckende',  gleichsam  'kissen'? 
vergl.  lit.  kräu-ti  'aufhäufen'.    Wie  also  abulg.  is-py-Ti  'auf- 


—     106     — 

spürung,  erforschung'  =  sanskr.  pu-ti-s  'reinigung',  so  ist 
beiden  vielleicht  das  lit./?/M-^^-* 'mähen,  ernte^  gleich,  letzteres 
(zu  piäu'ti  ^'schneiden,  abmähen')  eigentlich  'das  reinmachen, 
wegputzen',  sowie  im  lateinischen  piitäre  'reinigen'  zu  'schnei- 
den, beschneiden'  wird  in  arbores^  vltes  putäi^e^  in  am-putüre^ 
de-putüre  {vlneam^  malleolum)^  ex-putUre  (vltem^  pMös). 

Unter  den  vorhin  s.  101.  genannten  forschem,  welche  auf 
häufigere  Wurzelbetonung  des  -^cj-nomens,  besonders  im  ger- 
manischen, aufmerksam  machen,  hat  von  Bahder  a.  a.  o.  auch 
bemerkt,  dass  die  wurzel-  so  gut  wie  die  suffixbetonung  „  in 
jedem  wort  durch  ein  Wechselverhältnis  vereinigt  waren,  durch 

das  jedoch  —  abweichend  von  den  ableitungen  durch  -tu 

der  vocal  der  Wurzelsilbe  nicht  berührt  wurde".  Wenn  mit 
letzterem  nur  gesagt  sein  soll,  dass  die  -^e/- stamme  im  all- 
gemeinen etwas  früher  als  die  -^ew- stamme  durchgängigere 
ausgleichung  zu  gunsten  der  tiefstufigen  wurzelform  vorge- 
nommen zu  haben  scheinen,  so  kann  man  es  vielleicht  hin- 
gehen lassen.  Es  bleibt  aber  zu  untersuchen,  ob  nicht  doch 
das  griechische  mit  arkad.  eg-rei-oi-g  (s.  37.),  sowie  mit 
Qev-Gi-gy  (pev^i-Qj  tev^i-g^  reqxjji-g  u.  dergl.  neben  zl-ai-g, 
/tio-Ti-gj  Qv-Gi-g,  Iv-Gi-gj  öv-OL-g^  cpv-Gi-g^  ffv^f^Sj  Ttvö-n-g 
und  neben  {xl^t-gy  ^v-ot-g,  qv-oi-g^  tpv^c-g  den  zu  der  ac- 
centuation  dieser  letzteren  stimmenden  wurzelablaut  gewahrt 
habe.  Doch  hat  von  Bahder  anderes,  wichtigeres  übersehen. 
Im  indo-iranischen  ist  bei  dem  hier  gewis  alten  culturworte 
avest.  qao-yaO'iti-sh  f.  'trift,  weide'  und  ved.  gäv-yü-ti-s  f. 
'Weideland'  (s.  103.)  die  ablautsdiiferenz  dieselbe  wie  zwi- 
schen griech.  -Tet-Oi-g,  qev-Gt-g,  (pev^i-g  und  Ti-Gc-g^  Qv-Gi-g, 
cpv^L-g  (genauer  *Tl-GL-g,  "^qv-Gi-g^  *q)v^i-g)]  in  diesem  falle 
und  in  dem  obigen  s.  98.,  avest.  vae-ti-sh\  griech.  El-re-ä 
gegenüber  sonstigem  iß-ti-s^  dürfte  sich  die  Zuflucht  zu 
einem  beeinflussenden  verbum,   wie  sie  bei  griech.  (p€v^i-g 


—     107     - 

und  genossen  möglich  ist,  abgeschnitten  .zeigen.  Ferner 
konnte  durch  Lindner  altind.  nominalbild.  77  f.  von  Bahder 
aufmerksam  werden  auf  die  existenz  der  vedischen  feminina 
he-ti-s  ""schuss"*,  tdn-ti-s  ""reihe',  )^än-ti-s  'das  gernverweilen', 
ä-han-ti-s  *^ Unversehrtheit',  dhau-ti-s  ""quelle',  rad-dhi-s  ""ge- 
lingen'  (mit  J^adh-  =  got.  7'ed-  in  ga-red-an)  ^  äty-äp-ti-s 
'erreichung',  vi-bhräsh-ti-s  *^das  aufflammen',  havyd-dä-ti-s 
'opfergabe',  sowie  des  masculins  ?^dn-ti-s  ""kämpfer';  offen- 
bar bildungen,  die  zum  teil  sogar  die  betonung  der  wurzel 
mit  der  ungeschwächten  gestalt  derselben  in  alter  harmonie 
vereinigen.  Ved.  dä-ti-s  "^gabe'  (auch  in  dati-vära-  'gern 
schenkend')  und  dor.  öto-TL-g  und  lat.  dös,  stamm  dö-ti-, 
sind  alt  trotz  ved.  di-ti-s  f.  'besitz',  griech.  do-oi-g]  denn 
dös  ist  doch  wol  im  lateinischen  eine  „isolierte  form",  bei 
der  Umwälzung,  welche  die  conjugation  von  da-re  erlitten, 
wäre  gerade  "^dä-ti-s  "^gabe',  wenn  dies  allein  tiberliefert 
war,  geschützt  gewesen  vor  dem  untergange.  Auch  lit.  gen- 
-ti-s  m.  'verwanter'  steht  bei  mittelstuf envocalismus  (anderes 
falles  Messe  es  *gin-t)-s)  ausser  allem  verdacht  verbaler 
einzelsprachlicher  beeinflussung.  So  würde  ich  denn  auch  in 
einem  falle  wie  dem  von  lat.  vec-ti-s  m.  'hebel',  got.  vaih-t-s, 
ahd.  lüih-t  f.,  abulg.  ves-tX  f.  'fahrende  habe,  sache,  ding', 
der  ebenfalls  nicht  jung  sein  wird,  die  nicht  -  tiefstufe  als 
indogermanisch  einräumen  können,  so  gut  wie  lat.  vec-lu-s 
(sieh  oben  s.  93  ff.)  nicht  eine  jüngere  participform  als  sanskr. 
üdhd-s  zu  sein  braucht.  Von  gleichem  Charakter  ist  ved. 
vdsh-ti-s  adj.  'begehrend',  von  mittelstufiger  wurzel  gegen- 
über tief  stufiger  in  u(^-mdsi,  uc^-dntij  partic.  ug-dnt-j  ug-änd-. 
Und  so  würde  ich  auch  manches  germanische  in  dem  von 
Bahderschen  Verzeichnisse  s.  64 — 78.,  was  sich  seiner  forde- 
rung  tiefstufiger  wurzel  bei  der  -tei'  bildung  nicht  fügt,  z.  b. 
germ.  ki^df-ti-z  'kraft',  h  las -ti-s  'last'  (mit  wurzelbeto- 


—     108    — 

nuDg  nach  Kögels  regel,  vergl.  Paul-Braunes  beitr.  VII  189.), 
pleh-ti'Z  'pflicht',  got.  ga-plüih-t-s  f.  'tröstung'  (selbst  wenn 
(ja-pläihan  „vermutlich  reduplicierendes  verb"  war)  u.  dergl. 
als  alt  retten,  auch  mhd.  ttmh-t  f.  und  truh-t  f.,  sowie  ags. 
sleah-ty  ahd.  slah-t  f.  und  got.  slauh-t-s  f.,  ferner  ags.  gräf-tj 
ahd.  neuniederd.  (J7^af-t  f.  und  hd.  gruf-t  f.  aus  einem  para- 
digma  herleiten  und  got.  ana-min-d-s  f.  (stamm  ana-min-di-) 
das  5  statt  j5  (vergl.  die  -^'o  -  ableitung  got,  ga-minpi  n.)  von 
der  schwesterform  got.  ga-mun-d-s  f.,  anord.  mun-dir  plur., 
ags.  ^e-myn-d  f.  so  beziehen  lassen,  wie  umgekehrt  got.  gul-p 
das  p  statt  9  von  ^gil-p  ==  lett.  fel-t-s  (s.  93.)  bekam.  Weiter- 
hin germ.  de-^i-s  'tai^  (=  abulg.  de-t):  f.,  blago-deti)  und 
germ.  se-^i-s  ^'saat'  (==  abulg.  *se-tY  in  seti-ba  f.)  und  ags. 
haes  f.  'befehr  aus  germ.  kaisi-s  (s.  77.)  gleichen  in  bezug 
auf  die  accentverschiebung  den  ved.  he-ti-s^  dhau-ti-s]  die 
ersteren  zwei  sollten  den  accent  haben,  den  griech  d-e-OL-gy 
e-OL-g  aufweisen,  umgekehrt  diese  im  nom.  und  acc.  sing,  das 
lange  e  jener  darbieten.  Man  braucht  ja  nach  dem  s.  93  ff. 
bemerkten  auch  die  -^o-bildung  abulg.  se-tü^  lit.  ae-la-s 
partic.  ^gesät\  anord.  «a-ö  n.,  ags.  alts.  sä-d  n.  =  urgerm. 
se-'^ö-m  (von  Bahder  s.  77.)  nicht  mehr  für  jünger  in  der 
ablautsstufe  zu  halten  als  lat.  sa-tu-s.  Hiernach  ist  nun 
auch  klar,  wie  ein  slavischer  Infinitiv  vi-ti  *^ winden',  selbst 
wenn  er  nicht  das  genaue  und  unzweideutige  litauische  cor- 
relat  vy-ti  hätte,  als  reflex  einer  nicht  wurzelbetonten  obli- 
quen casusform  und  dazu  dem  Systeme  des  paradigmas  ent- 
rückt, ein  sichererer  zeuge  für  indog.  i  sein  muss  als  das 
nomen  vi-fi  f.  'weide';  vergl.  s.  97  f.  104. 

K.   Nomen  mit  suff.  -teu-\ 

Griech.  homer.  nachhomer.  y.Xi-Tv-g  f.  'abhang,  hügel^ 
=  sanskr.  cin-tv-ä  'gelehnt  habend'  instrum.  gerund.  Panin. 
VII  2,  11.  (vergl.  Petersb.  wörterb.  VII  349.).    Das  Verhältnis 


—     109     — 

des  yil't-Tv-g  zu  dem  auch  überlieferten  vleL-ri-g  wird  so- 
gleich festgestellt  werden. 

Sanskr.  pi-tv-a  'geschwollen  seiend,  getrunken  habend' 
instrum.  gerund.  =  sanskr.  pi-iü-s  m.  'saft,  trank,  speise, 
nahrung';  avest.  pi-tu-sh  m.  ''nahrung,  speise';  altir.  i-th^ 
altkymr.  i-t  m.  (oder  n.)  'frumentum',  aus  vorhist.  *pi-tu-s 
(Stokes  Kuhns  beitr.  VII  27.  anm.  53.,  Windisch  ebend.  VIII 
5  f.  kurzgef.  ir.  gramm.  §  128.  s.  35.,  Zimmer  Kuhns  zeitschr. 
XXIV  213  f.). 

Sanskr.  pt-tu-däru-  m.  *^fichtenbaum,  devadärufichte',  n. 
"^das  harz  dieses  baumes';  IbX.  pi-tu-ita  f.  *^schleim,  harz  der 
bäume'  Catull.  XXIII  17.  Pers.  II  57.  ==  griech.  Tci-rv-g  f. 
""fichte'.  Von  würz,  pf-  'schwellen'  nach  Fick  or.  u.  occid. 
III  115.  vergl.  wörterb.  IM44. ,  so  dass  also  diese  nummer 
eigentlich  mit  der  vorigen  zusammenfällt  nach  dem  s.  41  ff. 
bemerkten.  Aus  Horat.  epist.  I  1,  108.  satir.  II  2,  76.  ergibt 
sich  kein  piiilJta^  da  man  bei  Persius  in  somnia  pUiiitU  qiii 
purgZitissima  mittiint  der  lesung  pitvilU  mit  synizese  doch 
nicht  ausweichen  kann.  Für  sanskr.  pita-däru-  brauchen 
wir  noch  nicht  mit  Fick  die  volksetymologische  umdeutung 
'gelbes  holz  habend'  in  anspruch  zu  nehmen,  da  wol  ptta- 
das  für  pitii'  substituierte  -^ö-particip  'geschwollen,  strotzend' 
ist.  Aber  die  nebenformen  pütu-däru-  und  püta-däru-  be- 
ruhen, jenes  auf  partieller,  dieses  auf  totaler  anlehnung  an 
püta-  'gereinigt,  blank',  partic.  von  pii-  pu-na-ti  Ist  etwa 
'blankes  holz  habend'  keine  besonders  treffende  bezeichnung 
des  fichtenbaumes,  so  bedenke  man,  dass  schlagend  neu  zu 
deuten  der  Volksetymologie  überhaupt  nur  in  seltenen  glücks- 
f allen  gelingt. 

Lat.  ri-tU'S  m.  'art  und  weise,  gebrauch,  sitte',  eigent- 
lich 'lauf,  verlauf  ==  altir.  ri-ih  'lauf,  stamm  ri-thii-  (Win- 
disch kurzgef.  ir.  gramm.  §  129.  s.  35.),  kymr.  rl-t  'vadum', 


—     110     — 

ältgall.  Ande-ritum^  Augusto-riium.  Zu  Wurzel  ri-  *  laufen 
lassen',  vergl.  s.  45.  Anders  über  die  etymologie  des  kel- 
tischen Wortes  Windisch  Paul -Braunes  beitr.  IV  239.  anm., 
Zimmer  Kuhns  zeitschr.  XXIV  541. 

Lat.  Visus  m.  ^das  sehen'  aus  *vld-tu-s  =  altir.  ßss  m. 
'das  wissen'  für  vorhist.  ^vid-tu-s  (Windisch  kurzgef.  ir. 
gramm.  §  54.  s.  12.  §  127.  s.  34.}. 

Sanskr.  bhü-tv-a  instrum.  gerund.;  griech.  cpl-rv-Q  m. 
*^erzeuger',  cpl-xv  n.  'spross,  sprössling',  (pT-rv-co  ""erzeuge' 
denom.,  (pi-Tv-(.ia  n.  *^spross,  sprössling'  für  *cpv-Tv-g  u.  s.  w. 
durch  dissimilation^)  =  \3i>t  fü-tu-o  'beschlafe,  wohne  ehe- 
lich bei',  fu-tü-ta  partic.  fem.  Griech.  cpv-v-evw  wird  besser 
als  neuere  denominativbildung  von  (pv-rö-v  gefasst. 

Sanskr.  ved.  su-tu-s  f.  'Schwangerschaft,  tracht',  ved. 
su'tav-e  dat.  infin.,  sü-iv-ä  instrum.  gerund.  =  altir.  su-th 
m.  oder  n.  'fetus'  (Windisch  Paul -Braunes  beitr.  IV  240. 
kurzgef.  ir.  gramm.  §  128.  s.  35.). 

Die  spuren  der  alten  Stammabstufung  der  Wurzelsilbe 
sind  hier  handgreiflicher  als  bei  den  -to-  und  den  -^6>/-stäm- 
men,  so  dass  sie  auch  von  Bahder  erkennt  und  s.  92  ff.  das 

1)  Dies  von  Gust.  Meyer  griech.  gramm.  §  90.  s.  94.  jüngst  verdäch- 
tigte dissimilationsgesetz  erhielt  oben  s.  67.  einen  neuen  entlastungs- 
zeugen  in  ntvvro-s  aus  ♦ttv-j^v-to-s.  Entstand  auch  xiwqö-s  'winselnd' 
aus  *xvv-vq6~s  'wie  ein  hund  machend'?  Freilich  könnte  hier  auch 
fitvvQos,  wie  auf  die  bildung  {fit-w-Qo-s  eigentlich  'kleine,  winzige  töne 
machend') ,  so  auf  die  Umgestaltung  gewirkt  haben.  Bei  seiner  erwäh- 
nung  von  yXvuvs  als  gegenbeispiel  bedachte  G.  Meyer  nicht,  dass  es  casus 
mit  -Eß-  gab,  also  eine  ausgleichung  zwischen  *yXiyiv-s  wn^  ylvxe^-BS  an- 
zunehmen erlaubt  ist.  Auch  rawarvs  verschlägt  nichts:  es  stand  doch 
wol  als  verbalabstract  in  stetem  bezug  zu  ravvco,  von  dem  es  jederzeit 
sein  -v-  wieder  bekommen  konnte;  vielleicht  ist  rawarv-s  überhaupt 
erst  nach  dem  wirken  des  dissimilationsgesetzes  gebildet,  fivo/uv^co  und 
xvavov  sind  unsicher  als  hesychische  beispiele.  Dass  bei  ^ttvoj  nun 
auch  die  länge  des  i  nicht  mehr  an  der  identificierung  mit  lat.  /utuö 
hinderlich  sein  kann,  wird  Meyer  nach  allem  obigen  wol  zugeben. 


—   111   — 

I 

schlagendste  zeugnis  dafür ,  die  wurzel-  und  accentverschie- 
denheit  beim  sanskritischen  Infinitiv  auf  '-tu-m  und  gerundium 
auf  -tv-a^  anführt.  Nur  wird  hier  von  Bahder  darin  irren, 
dass  er  dem  nom.  und  acc.  sing,  der  -^e?^ - bildungen  hoch- 
stufe der  Wurzel  als  das  ursprüngliche  vindiciert;  sanskr. 
ketü-s  m.  Uichterscheinung,  helle,  klarheit'  =  got.  haidu-s  m. 
^'art,  weise'  kann  auch  -ew- stamm  sein  aus  der  wurzel  k^eit-j 
wie  es  de  Saussure  syst,  primit.  85.  fasst.  Doch  wie  dem 
auch  sei,  es  treten  uns  in  dem  abstufungsverhältnisse  mit 
dem  ö^/,  a'u  der  stärkeren  wurzelform  wiederum  nicht  nur 
<',  üj  sondern  auch  ?,  ü  entgegen.  So  hat  beim  Infinitiv  und 
gerundium  im  sanskrit,  wie  wir  sehen,  die  abstufung  sö-tu-m  : 
sü-tv-aj  ne-tu-m:  ni-tv-a  ebenso  wol  statt,  wie  diejenige  von 
crö'tu-m:  gru-tv-a  ^  je-iu-m:  ji-tv-a\  die  Stammform  des  letz- 
teren, ji-tv-ä\  ist,  beiläufig  bemerkt,  verallgemeinert  in  altir. 
bi-th  m.  /weit'  als  "das  lebende'  (wurzel  g'^e^-  'oben  auf 
sein',  s.  72  f.  97.),  altgall.  Bi-tu-  in  Büu-rlges^).  Darnach 
beurteilt  sich  nun  im  griechischen  das  Verhältnis  von  x/J-Tv-g 
zu  der  von  Herodian  II  416,  19.  450,  15.  535,  20.  ed.  Lentz 
bevorzugten  nebenform  ^iksL-vv-gj  der  zu  liebe  Gust.  Meyer 
Bezzenbergers  beitr.  I  84.  griech.  gramm.  §  113.  s.  112.  §  184. 
s.  169.  §  317.  anm.  2.  s.  272.  gegen  das   xaJ-tv-q  ungerecht 


1)  Windisch  vergleicht  (ähnlich  schon  Pott  wurzel wörterb.  I,  2,  1148.) 
zweifelnd  griech.  cpX-tv  ^  cpl-rv-s  der  keltischen  -/6'm - bildung  bi-th  'weit' 
Paul-Braunes  beitr.  IV  222.;  die  entsprechung  des  griechischen  nomens 
aber  müsste  ein  altir.  *bH-th  oder  *bu-ih  sein,  nach  dem  s.  110.  ausge- 
führten. Nach  unserer  etymologie  rückt  altir.  bi-th,  altgall.  Bi-tu-  in 
die  Sippe  von  altir.  biu  'lebendig',  belhic  beothu  m.  'leben'  ein.  Es  ist 
ferner  die  möglichkeit  anzuerkennen,  dass  kelt.  bi-tu-s  m.  mit  dem 
oben  s.  72  f.  95.  besprochenen  ags.  ci-^  ra.,  alts.  Ä7-M 'sprössling,  spross' 
direct  zusammen  gehöre,  in  sofern  ein  masculiner  -^^m- stamm  (indog. 
(ßci-iu-s  oder  fßi-tu-s)  im  germanischen,  wie  öfter  (von  Bahder 
verbalabstr.  90  ff.),  mit  einem  masculinen  oder  neutralen  -^ö-stamme  zu- 
sammenrinnen konnte. 


—     112     — 

wird;  durch  griechische  lautgesetze  ist  keine  der  beiden 
formen  aus  der  anderen  entstanden,  sowie  keine  ein  recht 
gibt,  ihretwegen  die  historische  gewähr  der  anderen  anzu- 
tasten. Es  standen  einmal  vlel-rv-  und  vXi-riF- ^  sowie 
7/7-t/-  im  paradigma  neben  einander;  auf  die  accentuation 
des  ersteren  deutet  noch  vSkEltei  dat.  sing,  bei  Alkraan  fragm. 
95.  Bergk^  hin.  Die  mit  AJ-teF-  vordem  abwechselnd  er- 
scheinende form  ^yJa-reF-  aber  hat  im  griechischen  keine 
spuren  hinterlassen.  Mit  sanskr.  pt-tv-a  und  *pi-tu-s  in  pUu- 
-cJärii-  und  andererseits  mit  sanskr.  pi-tü-s^  avest.  pi-tu-sH 
"^speise,  nahrung',  altir.  z-^ä  ""getreide"*  (s.  109.)  combiniert  sich 
als  starkwurzelige  form  lit.  pl'-tüs  m.  plur.  'mittagessen,  mit- 
tag' (vergl.  Fick  wörterb.  I'  144.  673  f.  IP  407.).  Dasselbe 
Verhältnis  aber  wie  zwischen  -a/J-Tv-g  und  /.leirTv-g  bietet 
das  baltische  selbst  dar  mit  lit.  h/-tu-s  m.  ^regen'  neben  ar 
chaischem  und  dialektischem  lit.  le-tn-s  (Nesselmann  wörterb. 
364  b.  aus  Szyrwid,  Hugo  Weber  bei  verf  morphol.  unters. 
II  141.)  und  lett.  li-tu-s  m.  'regen' •).  Avest.  rae-tu-  'flüssig- 
keit,  befleckung'  in  raethw-ayana-  'auf  befleckung  ausgehend', 
raethw-aye-iii  'schmiegt  an  sich,  vermischt  sich  mit'  u.  a. 
(Justi  handb.  d.  zendspr.  250.  a.)  stimmt  zu  der  stärkeren 
litauischen  und  der  lettischen  form.  Desgleichen  germ.  li-pu- 
in  got.  Ici-pu  acc.  sing.  ^oUega  (Luc.  115),  anord.  //-8  n., 
ags.  //-9  n.,  afries.  alts.  1f-th  n.,  ahd.  U-th  H-d  m.  n.  'getränk, 
künstlicher  wein,   obstwein,    würzwein';    obgleich  ja    auch 


1)  Wenn  die  regel  Mahlows  d.  lang.  voc.  AEO  143  f.  richtig  wäre, 
dass  lit.  e  nie  ==  indog.  ei  sei,  würde  hier  ein  fall  vorliegen,  der  von 
Bahders  forderung  der  hochstufe  stützte:  le-tu-s  ==  indog.  löi^tu-s\ 
denn  die  wurzel  ist  indog.  le^-  in  griech.  Xsi-ficov.  Doch  stützt  sich 
Mahlow  auf  unvollständiges  material  und  beurteilt  selbst  das  wenige, 
was  er  heranzieht,  in  äusserst  problematischer  weise.  Ich  hoffe  in  bälde 
zeigen  zu  können,  nach  welchem  gesetze  lit.  e  und  ei  abwechseln  in  der 
Vertretung  von  indog.  eL 


—     113    — 

durch  Verschiebung  indog.  i  an  die  stelle  von  ei  vor  dem  zu- 
sammenfall  beider  ablautsstufen  im  germanischen  gekommen 
sein  könnte  (vergl.  s.  73.  75.  95.  über  germ.  ki-po-m^ 
bis-to-m).  Ist  vielleicht  der  AXTv-eQörjg  der  griechischen 
sage  ein  'nass-träufler'  und  der  yIvTi-sQGäg  als  *^regenlöser^ 
bei  Theokrit.  X  42.  (Rödiger  Kuhns  zeitschr.  XVIII  70.,  verf. 
verb.  in  d.  nominalcomp.  203.  205.)  nur  eine  volksetymo- 
logische neudeutung?  Im  falle  dass  dies  sicher  wäre,  hätte 
ich  das  beispiel  lit.  ly-iu-s  =  griech.  *Xi-rv-  ^nass^  unter 
meine  beweismaterialsammlung  aufnehmen  dürfen.  Beach- 
tenswert für  die  frage  der  Stammabstufung  ist  auch  das  ags. 
fri-^u  freo-^u  f.,  alts.  fri-thu  fri-lho  m.,  ahd.  fri^thu  fri-dhu 
fri-du  fri-do  m.  'friede':  urgerm.  fri-pu-z  vereinigt  accent 
von  sanskr.  ^pre-tu-m  und  wurzelablautsstufe  von  ^pri-tv-ä\ 
genauer  von  ^ptn-tv-ä'-^  leider  sind  von  sanskr.  pri-  "^  befriedigt 
sein,  gern  haben,  wolwollend  behandeln''  Infinitiv  und  gerun- 
dium  nicht  belegt^). 

Unter  unserem  material  werden  nun  wegen  der  tatsache 
der  Wurzelabstufung  bei  den  -^ew- stammen  zweifelhaft:  lat. 
pT-tu-  in  pUu-ua  und  lat.  f^J-tu-s,  da  sie  auch  ==  indog. 
pei-tu-j  rei-tu-s  sein  können.  Weniger  bedenklich  bin 
ich  betreffs  des  lat.  visu-s.  Denn  vielleicht  beschränkte  das 
latein  die  wandelung  von  doppeldental  in  *.s*,  nach  langem 


1)  Nhd.  „friedhof  als  compositum  mit  friede,  während  mhd.  frithof 
und  [rille  scharf  getrennt  sind"  hätte  Paul  princip.  d.  sprachgesch.  98. 
nicht  unter  die  beispiele  für  seinen  satz  aufnehmen  sollen,  dass  durch 
lautlichen  zusammenfall  „Wörter  ganz  verschiedenen  Ursprungs  für  das 
Sprachgefühl  den  schein  etymologischer  verwantschaft  erhalten  können". 
Auch  verkennt  Paul  in  seinen  beitr.  VI  80.  und  princip.  d.  sprachgesch. 
117.  die  Priorität  des  i  vor  dem  e  in  ahd.  fridu,  anord.  fri^-r  und  fre^-r. 
Vergl.  über  die  etymologie  von  got.  freidjan  'schonen',  mhd.  frU-  und 
fride  Fick  wörterb.  IIP  190.,  0.  Schade  altd.  wörterb.^  222  b.  224  a.  225  a., 
verf.  oben  s.  74  f. 

Ostholf  u.  Brugman  untersuch.  lY.  8 


—     114     — 

vocale  und  diphthongen  in  s  auch  auf  die  Stellung  nacli  indo- 
germanisch unbetonter  silbe,  wie  es  mir  Kögel  für  das  ger- 
manische nachgewiesen  zu  haben  scheint.  Dann  würde  sich 
nemlich  das  „im  lateinischen  äusserst  selten  erhaltene"  st  aus 
dt  oder  tt  (Joh.  Schmidt  Kuhns  zeitschr.  XXV  166.)  erklä- 
ren. Lat.  aes-tu-s  bliebe  =  indog.  äidh-tu-s  trotz  Froehde 
Bezzenbergers  beitr.  I  200  f.;  *cüsio-  in  custös  wäre  auf  die 
wie  got.  beis-t  (s.  95.)  gebildete  starkwurzelige  participform 
indog.  k^eudh-to-  von  würz,  k^eudh-  (s.  91.)  zurückzu- 
führen; lat.  es-t  ''er  isset'  hätte  lautgesetzliches  st  wie  got. 
vais-t  *^du  weist',  und  erst  für  die  pluralformen  es-tis^  es-te 
wäre  Brugmans  erklärung  morphol.  unters.  III  133  f.  in  an- 
wendung  zu  bringen.  Selbst  com-es-toi\  com-es-türa  (Froehde 
Bezzenbergers  beitr.  I  186.)  könnten  mit  ihrem  st  gerecht- 
fertigt werden,  und  bei  com-es-tu-s  neben  com-esu-s  (Froehde 
ebend.,  Brugman  morphol.  unters.  III  134.)  würde  mir  jenes 
ebenfalls  die  alte  wurzelbetonte  form  des  -^ö  -  particips  dar- 
stellen. Die  bedeutung  des  lat.  mus-tu-s  adj.  ""jung,  frisch, 
neu'  vom  wasser  und  jungen  weine,  mus-tu-m  n.  *^most'  finde 
ich  im  gegensatz  zu  Froehde  a.  a.  o.  192  f.  recht  im  ein- 
klange  mit  der  von  sanskr.  mod-a-te  'ist  lustig,  ist  fröhlich', 
7wwfl?-2Yfl- *" erfreut,  froh',  mMc?-/*«- *^ lustig,  fröhlich',  lit.  mud-ru-s, 
mund-rU'Sj  mund-ra-s  "^munter,  flink',  ahd.  munt-ar  u.  a.  bei 
Fick  wörterb.  P  180.  Da  in  müstum  kurzes  u  wegen  des 
Italien,  mosto  feststeht,  so  würde  sich  dieser  lateinische  fall 
den  oben  s.  93  f.  genannten  germanischen  wie  gül-po-m^ 
bru-po-m  zur  Seite  stellen  als  solcher,  der  ebenfalls  durch 
Verschiebung  consonantismus  der  wurzelstarken  Stammform 
mit  dem  tiefstufenvocalismus  der  anderen  verbindet;  am  ähn- 
lichsten wäre  alts.  ahd,  rast  m.  *^aerugo'  s.  94.  Und  so 
könnten  nun  auch  noch  andere  ältere  etymologien  und  form- 
erklärungen,  die  die  gleichung  lat.  st  =  indog.  tt^  dt,  dht 


—     115     — 

voraussetzen  und  die  Froehde  in  seinem  aufsatze  Bezzen- 
bergers  beitr.  1 177  ff.  beanstanden  zu  müssen  glaubte,  aufrecht 
erhalten  werden.  Für  unseren  -^pm- stamm  lat.  visii-s  würde 
aber  folgen:  hier  liegt  mit  demselben  etwas  höheren  grade 
von  Wahrscheinlichkeit  indog.  *  vor  wie  bei  german.  wisö-s 
'weise'  gegenüber  bis-t 0-771  (s.  77.  95.).  In  dem  supinum 
lat.  Visum  aber  müsste,  da  *vJs-tum  dem  Infinitiv  sanskr. 
vet-tum  zu  entsprechen  hätte,  allerdings  das  s  durch  über- 
ragung von  dem  particip  vJsii-s  erklärt  werden. 

L.    Nomen  mit  suff.  -716-^  fem.  -nü-: 

Sanskr.  kshi-nä-s  partic.  ^vermindert,  erschöpft,  hinge- 
schwunden, zu  ende  gegangen,  abnehmend'  =  griech.  y^<- 
rv6-xaQ7co-g  adj.  'dessen  fruchte  schwinden  oder  abfallen, 
>hne  fruchte,  unfruchtbar'  Pindar  Pyth.  IV  471.,  cp&^i-v-67t(x)- 
w-v  n.  'Spätherbst'  Kallimach.  hymn.  Cerer.  124.,  Oppian. 
cyneg.  I  459.  465.,  Paul.  Silent.  in  anthol.  Palat.  V,  258,  5. 
Man  darf  also  g)d'^v6-KaQ7co-g  noch  zu  den  nominalen  mustern 
für  die  verbalen  composita  rechnen,  anstatt  zu  der  schiebt 
der  letzteren  mit  verf.  verb.  in  der  nominalcomp.  164.,  wo 
übrigens  auch  irrig  (p^iv6-KaQ7tog  mit  7  geschrieben  ist. 

Griech.  AXt-vrj  f.  'alles  woran  man  sich  lehnt,  worauf 
man  sich  legt,  lager,  bett,  polster';  lat.  öc-,  de-j  in-,  re-cli-ni-s 
mit  /-declination  statt  0  -  declination  im  schlussgliede  der 
composita  wie  so  häufig  =  ahd.  hli-na  li-na  le-na  f.  'lehne'. 
Sieh  oben  s.  39  f. 

Lat.  tiH-nu-s  adj.  'dreifach',  tri-ni  plur.  'je  drei';  lit. 
try-n-iicziei  m.  plur.  'drillinge'  demin.  ==  lit.  Un-71-yti-s  m. 
(neml.  au^nnas)  ""drillich'. 

Lat.  bi-nu-s  adj.  'ein  paar,  doppelt,  zwei'  (Lucret.  IV  449. 
876.),  bi-ni  plur.  'je  zwei';  lit.  dvy-7ia-s  m.  'zwilling',  dvy- 
■ucziei  m.  plur.  'zwillinge'  demin.;  neuengl.  to  twi-Tie  (ge- 
sprochen twain)  'zwirnen,  verbinden,  verschlingen'  denom. 

8* 


—     116    — 

=  lit.  dvi-n-yti-s  m.  (neml.  audimas)  *^zwillich';  neueogl.  twi-n 
m.  'zwilling',  ahd.  zwi-n-al  zwi-n-el  zwe-n-el  adj.  'geminus, 
gemellus\  zwi-n-el-inc  m.  ^zwilling'.  „Engl,  twin  *^zwillmg' 
wie  lat.  btm'*  fand  schon  bei  Pott  etymol.  forsch.  P  708.  kein 
hindernis  an  der  verschiedenen  quantität. 

Sanskr.  pi-na-s  adj.  partic.  'fett,  feist,  dick^;  griech. 
7tl-vo-v  n.  'gerstentrank,  hier'  (vergl.  s.  41  ff.)  =  griech.  icL- 
-vo-g  m.  'schmutz^*  als  '^feister',  Tt^-v-aqS-g  adj.  'schmutzig'. 
Ferner  ab  liegen  die  bildungen  aus  einer  wurzelform  spi-^ 
griech.  ö7tl-lo-g  'fleck',  altcech.  spi-na  'schmutz'  bei  Curtius 
grundz.'  276. 

Sanskr.  /z-;2a-*  partic. 'hingeschmiegt,  sich  anschmiegend'; 
griech.  Xi-v6-Gaqy.og  'von  zartem  fleische'  Antiphan.  bei  Athen. 
X  p.  455.  F.;  lit.  ly-na-s  m.  'schleie'  als  'wegen  seiner  platt- 
heit  geschmeidig  dahinschwimmender  fisch';  mhd.  li-n  adj. 
'lau,  matt',  eigentlich  'aufgelöst,  zerlassen'  =  anord.  li-n-r 
adj.  'weich,  nachgiebig,  fein,  sanft,  still',  schwed.  le-n  dass., 
/ew-?;äfi?er 'tauwetter'.  Der  Antiphanesvers  rgoxallöag  tu  ki- 
voöaqy.ovg  fzav^aveig'  rvqdv  Isyco  galt,  SO  viel  ich  sehe,  nur 
wegen  zweierlei  für  anstössig  und  der  correctur  bedürftig 
(dagegen  jedoch  schon  V.  Hehn  kulturpfl.  u.  haust.*  512.), 
erstens  wegen  des  langen  ~i  in  XivooaQxovgy  sodann  weil  man 
die  bezeichnung  'flachs-'  oder  'leinfleischig'  für  zarten  käse 
{kcvoaccQKOvg  rjyovv  XsftTccg  xai  aTtaXag  TQOxccUdag  tov  loiov- 
Tov  TVQov  nach  Eustath.  z.  Odyss.  p.  1339,  17.)  nicht  zu  recht- 
fertigen wusste;  vergl.  Meineke  comic.  Graec.  fragm.  III  25  f , 
Curtius  grundz.^  366.  Aber  was  letzteren  punkt  anbetrifft, 
so  braucht  eben  llv6-oaqy,og  nur  'von  schmiegsamer,  weicher 
masse'  zu  heissen,  wenngleich  der  name  des  leins,  der  nach 
der  weichen  nachgiebigkeit  ihrer  stengelfasern  benannten 
flachspflanze,  seinem  Ursprünge  nach  dasselbe  particip  von 
It-  ist,  nemlich 


—     117     — 

Griech.  ki-vo-  in  llv-OTttwfievog  '^am  fanggarn  (stell- 
netz) acht  gebend'  Aristoph.  pax  1178.;  lat.  li-nu-m  n.  ^flachs, 
lein';  altir.  li-n  n.;  got.  lei-n^  anord.  li-n,  ags.  li-n  n.,  alts. 
ahd.  li-n  m.  =  griech.  IL-vo-v  n. ;  abulg.  ti-nü  m. ;  lit.  h-na-s 
m.  *^flachsstengel ,  die  einzelne  flachspflanze',  li-nai  plur. 
"^flachs'.  Wie  viele  entlehnungen  auch  bei  diesem  alten  cul- 
turworte  zwischen  den  einzelnen  Völkern  vorgekommen  sein 
mögen  (vergl.  Hehn  kulturpfl.  u.  haust.^  147  ff.  511  f.,  Miklo- 
sich  lex.  Palaeoslov.  348. ,  Ebel  Kuhn  -  Schleichers  beitr. 
II  147.),  die  grundlage  desselben  in  zwei  vorhistorischen  for- 
men mit  verschiedener  Quantität  des  i  scheint  mir  gesichert. 

Alts.  ahd.  ski-rij  mhd.  schi-n  adj.  *^strahlend,  leuchtend, 
hell,  sichtbar,  augenscheinlich',  m.  ^glanz,  strahl,  helligkeit, 
schein,  Sichtbarkeit,  augenscheinlichkeit'  ==  anord.  ski-n  n. 
*^glanz,  schein',  schwed.  ske-na  f.,  dän.  ski-nne,  ahd.  sci-na 
sce-na  f.,  mhd.  schi-ne  schi-n  f.  ^'schiene,  röhre,  Schienbein',  ahd. 
auch  ^^nadel',  „weil  man  durch  eine  röhre  wegen  ihrer  hohl- 
heit  hindurch  sehen  kann"  (0.  Schade  altd.  wörterb.^  795b.). 

Sanskr.  ^u-nä-s  partic.  'geschwollen,  aufgedunsen',  ved. 
cü-na-m  n.  'leere,  mangel',  eigentlich  'das  aufgeblähtsein', 
cü-n-yd-s  adj.  'leer,  öde';  avest.  a-sü-na-  adj.  'ohne  mangel'; 
anord.  hü-n-n  m. 'bärenjunges,  knöpf,  kugel  an  der  spitze  eines 
gegenständes  (des  mastes,  eines  Stockes)',  anord.  Hü-nary 
ags.  Hü-nas  m.  plur.  'die  Hunnen',  eigentlich  'riesen,  grosse 
kerle',  ahd.  Hü-n  m.  sing.  'Hunne',  llü-n-i  m.  dass.,  -n-iw- 
stamm  (vergl.  Huni  nom.  sing,  bei  Graff  IV  960.),  mhd.  Illu-n-e 
m.  'Hunne',  mhd.  hiu-n-e ^  mitteld.  hü-n-e  schwaches  masc. 
'riese,  hüne'  ==  sanskr.  ved.  nachved.  cu-nä-m  n.  'wachstum, 
gedeihen,  erfolg',  acc.  adverb.  'zum  gedeihen,  mit  erfolg', 
besonders  vom  gedeihen  der  saaten  (Grassmann  wörterb.  z. 
rgv.  1404.),  cu-n-yä-s  adj.  'leer',  nur  bei  grammatikern  und 
lexikographen  (Petersb.  wörterb.  VI  259.).   Wegen  der  „  zwei 


—     118     — 

wesentlich  verschiedenen  bedeutungsschattierungen "  bei  dieser 
Wurzel:  „1)  negativ:  ^^geschwollen,  hohl'  sein",  „2)  positiv: 
''geschwollen,  voll,  stark'  sein"  vergl.  Curtius  grundz.^  159  f. 
Die  litteratur  über  deutsches  Hunne^  hüne  stellt  ausführ- 
lich 0.  Schade  altd.  wörterb.^  429  f.  zusammen.  Durch  die 
mischung  der  beiden  Stammformen  germ.  hü-no-  und  hü- 
-n-iiö-  (==  sanskr.  ^ü-n-yä-)  entsprang  mit  dem  gepräge 
der  2  -  declination  der  nom.  plur.  ahd,  Hüni^  anord.  Hijnir. 
Ahd.  Hüneo  gen.  plur.,  wie  hirteo  gebildet,  wie  tjesteo  auf- 
gefasst,  führte  zu  Hüni  nom.-acc  plur.,  um  mit  diesem  zu- 
sammen zu  dem  nom.-sing.  des  -wö-stammes  Hün  so  zu  passen 
wie  gesteo,  yesti  zu  gast.  Im  altnordischen  fasse  ich  Ilfpiir 
formal  als  Singularnominativ  =  sanskr.  cü?i(/€is]  der  plural 
hiess  *H/)narj  wie  hMar  zu  sing.  hMij\  Da  bei  völker- 
namen  die  pluralbildung  auf  -ir  im  altnordischen  häufig  war, 
wie  in  Danir^  Frisir^  Eynir^  Kürir  und  da  einige  auch  zwi- 
schen -ar  und  -ir  abwechselten,  z.  b.  E(ßar  und  E(ßh\ 
Vermar  und  Vermir  (Wimmer  altnord.  gramm.  §  46.  s.  44  f. 
und  ebend.  anm.  1.  s.  45.),  so  konnte  bei  der  existenz  eines 
nom.  sing.  *Hünn  vom  kürzeren  alten  -7?ö-stamme  die  spräche 
ins  schwanken  geraten  bei  dem  gebrauch  des  Hynir^  indem 
sie  es  nach  und  nach  so  gut  wie  Hünar  und  ^Bynar  als 
pluralform  auf  ^Hünn  zu  beziehen  anfing;  collectivischer  ge- 
brauch der  alten  singularform,  wie  bei  nhd.  der  Hunne^  der 
Franzose  für  das  ganze  volk,  mochte  mitwirkend  sein.  Mhd. 
Hiune^  hiune,  mitteld.  hüne  ist  vom  nom.  sing,  aus  so  in  die 
71  -  declination  übergetreten,  wie  im  neuhochdeutschen  später 
hirte.  Die  identificierung  des  adjectivs  homer.  -/.eveo-g^  att. 
xero-Qy  ion.  K€cv6-g,  lesb.  y,€vvo-g  mit  sanskr.  günyä-s^  die  auch 
Gust.  Meyer  griech.  gramm.  §  264.  s.  231.  noch  hat,  streitet 
gegen  mehrere  griechische  lautgesetze,  wie  auch  J.  Wacker- 
nagel Kuhns  zeitschr.  XXV  262.  erkennt. 


—     119    — 

Avest.  tüsK-nä  maiti-sH  f.  ^^zufriedener  sinn'  ys.  XLII  15. 
=  avest.  tusK-na-maihjäo  f.  nom.  propr.  gen.  sing.  yt.  XIII 139. 
In  preuss.  tus-na-n  acc.  sing,  'stille'  (Fick  Kuhns  zeitschr. 
XXI  7.  worterb.  P  95.  334.  603.  IP  373.  572.)  ist  u  unbe- 
stimmbar. 

Altir.  iü'71  f.  "^geheimnis^;  (got.  i'ü-na^  anord.  rü-n^  ags. 
ru-n,  alts.  ahd.  rü-na^  mhd.  i^ü-ne  f.  *^gelieimnis,  geheime  be- 
ratung,  rune',  ahd.  mhd.  auch  *^das  raunen,  leisesprechen, 
flüstern',  ags.  rü-n-jan^  altniederd.  rü-n-an^  ahd.  rü-ii-en, 
mhd.  rnl-n-en  'raunen'  denom.  ==  lett.  tm-nä-t  'reden'  denom. 

Sanskr.  sthu-nä  f.  'pfosten,  pfeiler,  säule';  avest.  stü-7i6  m., 
stü-na  f.  'säule'  =  avest.  stu-näo  acc.  plur.  'säulen'  yt.  X  28. 
(Justi  handb.  d.  zendspr.  301.  a.  unt.  stund). 

Als  -no-,  -wa  -  bildungen  mit  7,  ?z,  neben  denen  ich  die 
schwächere  form  mit  /,  u  nicht  nachweisen  kann,  nenne  ich 
noch:  sanskr.  ji-na-s  adj.  'alt,  bejahrt';  avest.  fri-na-  m. 
'lobgebet',  ä-frina-  m.  'segen',  hu-frina-  m.  'gutes  lobgebet'; 
sanskr.  ved.  nachved.  ü-nä-s^  avest.  ü-no  partic.  adj.  'mangelnd, 
ermangelnd,  mangelhaft';  lit.  kü-na-s  m.  'leib,  körper';  altir. 
itü-n  n.  'bürg,  castell',  gall.  -dü-nu-m  in  Campo-j  Lug-j  Lupo- 
'düim-m  u.  a.,  anord.  tü-n  n.,  ags.  alts.  /^^-w,  neuengl.  tow-n^ 
ahd.  mhd.  zü-ii  m.  'zäun,  gehege';  sanskr.  dhü-na-s  partic. 
'heftig  bewegt,  geschüttelt',  nur  bei  grammatikern  (Pänini), 
aber  durch  das  denominativum  dhü-nä-ya-ti  act.,  dhü-nä-ya-te 
med.  'schüttelt,  bewegt  hin  und  her'  genügend  gesichert, 
griech.  d-v-vo-g  m.  'andrang';  sanskr.  bhm-iiä-s  m.  'embryo, 
kind,  knabe,  eine  schwangere  frau'  (vergl.  s.  88.  105.) ;  griech. 
cfQv-vo-g  m.,  cpgy-yr]  f.  'kröte',  anord.  bim-n-n,  ags.  ahd.  mhd. 
brü-n  adj.  'braun'  (Curtius  grundz.^  303  f.) ;  sanskr.  yü-na-m 
n.  'band,  schnür';  sanskr.  lü-na-s  partic.  'abgeschnitten,  ge- 
pflückt, abgenagt,  zerstochen,  zu  nichte  gemacht';  sanskr. 
sü-na-s  partic.  adj.  'erzeugt,  geboren',  m.  'söhn',  sü-nd  f. 


—     120     — 

"^tochter';  sanskr.  ved.  nachved.  sü-na  f.  ''geflochtener  korb, 
geflochtene  Schüssel^,  zu  indog.  sia^'U'  *^nähen^  (oben  s.  19. 
90.),  vergl.  Petersb.  wörterb.  VI  1167.  unt.  sü?ia-. 

Es  findet  sich  genug  hindeutung  auf  Stammabstufung. 
Und  zwar  erscheint  die  starke  Wurzelsilbe  auf  der  hochstufe 
sowol  wie  auf  der  mittelstufe.  Das  material  bei  de  Saussure 
syst,  primit.  77  f.,  welches  dies  zeigt  (vergl.  auch  von  Bahder 
verbalabstr.  d.  german.  spr.  58 f.  60 ff.),  könnte  leicht  noch 
vermehrt  werden.  Es  ist  nicht  dieses  ortes,  die  ratio  davon 
zu  untersuchen,  sondern  nur  zu  bemerken,  dass  unter  unserem 
material  wegen  der  existenz  von  indog.  snep-no-s  'schlaf', 
lit.  ber-na-s  *^knecht^,  got.  liug-n  ^lüge^,  griech.  oreq-vo-v 
'brüst,  fläche',  (peQ-viq  'mitgift'  u.  ähnl.  als  nicht  sichere 
zeugen  für  indog.  ~t  zu  bezeichnen  sind:  lat.  -cli-ni-s  'sich 
lehnend',  sowie  mhd.  li-fi  adj.  und  das  wort  für  'lein'  im 
lateinischen  und  germanischen,  altsi  ahd.  skt-n  adj.  subst.  m. 
In  den  ableitungen  aus  Zahlwörtern  lat.  tri-nJj  bt-nJ  (s.  115.) 
möchte  ich  freilich  trotzdem  indog.  i  für  sicherer  als  ei  halten. 

M.   Nomen  mit  suff.  -nei-: 

Lit.  ap-vy-nij-s  m. ' hopfenranke ',  ap-vy-niei  pl.  'hopfen' 
=  lett.  appi-n-sch  m.  'hopfen'  für  ^  ap-ici-^-sch  aus  *«/?- 
'wi-nj(a)-Sj  appim  plur.  Wegen  des  -mö-stammes  aus  mascu- 
linem  -we/*- stamme  sieh  Schleicher  lit.  gramm.  §  51.  s.  120., 
Kurschat  gramm.  d.  litt.  spr.  §  655.  s.  193.,  Bielenstein  lett. 
spr.  §212,  1.  5.  I  s.  278.  279. 

Sanskr.  tüsh-ni-m  acc.  sing,  adverb.  'stille,  schweigend, 
ruhig',  iüsh-ni-gila-  adj. 'schweigsam'  Hemac.  438.  (nicht  „wol 
fehlerhaft"  nach  Böhtlingk -  Roth  III  381.)  =  avest.  tusfi-ni- 
-shad-  adj.  'stille,  beruhigt  sitzend',  tusHni-shudhd  nom.  plur. 
fem.  yt.  XIII 29.  Wegen  des  -im  in  dem  sanskritischen  adverb 
als  normalen  ausganges  des  singularaccusativs  eines  -ez-stam- 
mes  verweise  ich  auf  eine  spätere  stelle  dieser  Untersuchung. 


—     121     — 

Sanskr.  lü-ni-s  f.  "das  schneiden,  abschneiden^  eigentl. 
'lösung'  ==  ahd.  mhd.  lu-n  f.  ''pflock,  acbsnagel  am  wagen, 
lonnagel',  eigentl.  *" wodurch  das  rad  vom  wagen  gelöst  wer- 
den kann'  (0.  Schade  altdeutsch,  wörterb.^  577.),  st.  luni- 
(plur.  ahd.  liini),  weitergebildet  in  ags.  hjnis^  altniederd.  lunisa 
f.  'lünse,  achsnager,  ahd.  luning^  mhd.  lüninc  m.  'achsnagel 
vorm  rade\  Dass  man  got.  lun  acc  sing,  'lösungsmittel, 
loskaufgeld,  lösegeld'  Marc.  X  45.  mit  rücksicht  auf  sanskr. 
lü-ni-s  passender  als  -/iez- stamm  denn  als  -wo -stamm  be- 
trachtet, bemerkt  von  Bahder  verbalabstr.  59.  81.,  aber  länge 
des  u  folgt  daraus  nicht  zwingend  für  lim  und  für  us-lu?ieins 
'loskaufung,  erlösung'.  Mit  jenem  ahd.  mhd.  lu?i  vereinigt 
sich  got.  lun-s  zu  dem  einen  urgermanischen  worte  lu-ni-s 
f.  '^lösung,  lösemittel',  das  vielleicht,  aber  keineswegs 
sicher,  je  nach  der  verschieden  differenzierten  grundbedeutung 
sich  in  der  ü-  und  der  w-form  festgesetzt  haben  mochte,  wie 
wir  ja  dergleichen  häufig  gewahren. 

Von  Bahders  Sammlung  verbalabstr.  80  f.  bestätigt  zwar 
nicht  unbedingt  seine  regel  über  die  -we/-bildungen:  „Im 
germanischen  ist  es  das  vorwiegende,  dass  der  wurzelvocal 
auf  der  mittleren  stufe  steht"  —  vieles  kann  indog.  l  sein, 
worin  er  e/  =  germ.  i  sieht  — ,  widerspricht  ihr  aber  auch 
nicht  gerade.  Sanskritische  beispiele  wie  ved.  (^re-iii-s  f. 
*^reihe',  yö-ni-s  m.  ^^schoss',  'pre-ni-s  m.  *^woltäter\  vdh-ni-s 
m.  ^Zugtier'  u.  a.  bei  Lindner  altind.  nominalbild.  88.  sind 
auch  indifferent.  Das  griechische  hat  suff.  -iiel-  nur  noch 
äusserst  selten  in  gebrauch.  Um  so  wertvoller  ist  verein- 
zeltes wie  ev-vL-g  adj.  *^  beraubt,  verlustig'  von  einer  wurzel 
ew- '^mangelhaft  machen,  berauben',  der,  wie  ich  unten  zeige, 
sich  auch  got.  van-s  adj.  "^mangelnd'  fügt.  Es  herrschte  dar- 
nach abstufung  zwischen  mittel-  und  tiefstufe  der  wurzel  in 
der  alten  declination  der  -7^^?*- stamme,  und  sanskr.  ve-w«-A"  f. 


—     122     — 

*^haarflechte'  (mit  cerebralem  n  wol  durch  volksmundartlichen 
einfluss)  wird  folglich,  aus  indog.  we/-7Z2-;y,  das  Supplement 
zu  halt,  wi-nei-  sein,  wie  avest.  vae-ti-sH  f/weide'  dasjenige 
zu  griech.  halt.  germ.  in-tei-  (s.  97  f.  106.);  ^2imkx.  yü-ni-s 
f.  "^Verbindung,  Vereinigung'  (nur  im  gabdakalpadruma)  kann 
mit  yö-ni-s  m.  *^schoss'  zu  einer  einheitlichen  alten  declina- 
tion  sich  zusammenschliessen.  Im  ganzen  vermag  die  -  n  e  / - 
bilduDgen  von  der  wurzelstufe  ?,  ü  noch  das  baltische  am 
deutlichsten  und  reichlichsten  aufzuweisen ;  ich  erwähne  noch 
aus  dem  lettischen  scJtki-ni-s  m.  'raufeisen  um  gesträuch  zu 
roden'  (zu  sckki-t  *" blatten,  pflücken'),  schip-ni-s  m.  *^speil- 
zahn ,  höhnischer  lächler'  (zu  lit.  szyp-auti  *^auslachen ,  ver- 
höhnen'), pü-ni-s  m.  *^strohscheune',  schü-ni-s  m.  'honig- 
scheibe',  plur.  *^die  wachszellen'  (zu  schü-t  ""nähen,  die  zellen 
machen',  vergl.  oben  s.  90.),  alle  freilich  zu  -;2/^ö-themen 
erweitert. 

N.   Nomen  mit  suff.  -neu--, 

Sanskr.  sü-nü-s  m.  'söhn';  abulg.  *y-wK  m.;  lit.  sü-nk-s  m. 
=  avest.  hu-nu-sK  m. ;  anord.  su-n-r  (so-n-r),  ags.  afries.  alts. 
ahd.  SU-71U  m.  Spuren  der  stärkeren  form  mit  ü  scheint  es 
auch  auf  germanischem  boden  zu  geben.  Wenn  wir  alts. 
gi-sun-fader  als  gi-sün-fader  lesen,  so  ist  es  mit  dem  Sievers- 
Paulschen  synkopierungsgesetze  des  westgermanischen  in  ein- 
klang;  sonst  nicht,  wie  besonders  das  ähnliche  ahd.  sumi- 
fatarungo  (Hildebrandsl.)  zeigt.  Ein  vereinzeltes  german. 
sünu-y  zumal  in  einer  auf  höheres  alter  hinweisenden  dvan- 
dvacomposition ,  kann  nicht  auffälliger  sein,  als  im  griechi- 
schen einmaliges  l'ivo-  in  dem  Aristophanischen  riv-o7CTaoi.iai 
(s.  117.).  Ausserdem  weist  mir  dr.  Behaghel  aus  der  kaiser- 
chronik  diese  assonanzen  nach:  v.  2280.  süne:  snuore,  v.  2554. 
suones :  geAstes ;  dieselben  beweisen  notwendig  für  lange  erste 
silbe  in  sune^  suones,  und  das  u  (uo),  wenn  es  nicht  graphisch 


—     123     — 

für  ü  steht,  wird  wol  nur  aus  langem  ü  irgendwie  laut- 
gesetzlich erklärt  werden  können,  wie  etwa  auch  ahd.  nuo 
=  nü,  duo  =  du,  Vergl.  Behaghel  literaturbl.  f.  german. 
u.  roman.  philol.  1880.  s.  439.,  dessen  lautgesetz  eine  alte 
flexion  ahd.  suon,  gen.  "^sünes  voraussetzt.  Nach  läge  der 
dinge  weist  man  mit  Sicherheit  nicht  einmal  dem  got.  simu-s 
auf  grund  der  übrigen  altgermanischen  formen  kürze  des  u  zu. 

Über  die  gestalt  der  starkformigen  wurzel  —  denn 
Stammabstufung  herrschte  sicher  auch  hier  (vergl.  stark- 
wurzelige vedische  bildungen  wie  bhä-iiü-  m.  *^ licht',  sthä-nü' 
m.  *^stock,  stumpf',  vag-nü-  m.  'ton,  ruf'  u.  a.  bei  Lindner 
altind.  nominalbild.  89.)  —  lässt  sich  schwer  etwas  bestimm- 
tes ausmachen.  Doch  ist  auch  für  uns  hier  die  frage  ohne 
belang,  ob  sü-neu-  mit  einem  verlorenen  "^sen-nu-  oder 
mit  *s6n-nu-  alterniert  habe ;  keine  der  einzelsprachlichen 
formen  wird  davon  berührt. 

0.    Nomen  mit  suff.  -md--, 

Sanskr.  ish-md-s  m.  Liebesgott'  =  sanskr.  ish-md-s  m. 
dass.  Griech.  T-(.ieQo-g  m.  "^Sehnsucht,  verlangen',  das  sich 
wol  in  i-i^i€-Qo-g  zerlegt,  so  dass  wir  eine  substantivierte 
adjectivbildung  in  der  art  von  cpoße-Qo-gj  dole-go-gj  rgof^ie- 
-Qo-g  erhalten,  kann  sowol  aus  ^la-f^ie-Qo-g  als  aus  "^lO-fne- 
-Qo-g  entstanden  sein. 

Sanskr.  ved.  nachved.  su-st-ma-  adj.  *^schön  gescheitelt 
(vom  weihe),  gute  furchen  machend  (vom  pflüge)'  =  sanskr. 
ved.  si-ma-  *^ furche,  linie'  taittirlya - samh.  V  2,  12,  1.,  nach 
MaMdhara  (Böhlingk  -  Roth  VII  1011.  unt.  2.  sima-). 

Griech.  iJ-f^w-g  m.  *^hunger,  hungersnot'  =  sanskr.  ved. 
sri-ma-s  m.  bezeichnung  gewisser  nächtlicher  gespenstischer 
Wesen  atharvav.  VIII  6,  10.  Von  einer  wurzel  indog.  slel- 
'^versehren',  wovon  auch  sre-man-  "^fehl,  schaden,  versehrung' 
in  ved.  a-sreman-  adj.  'fehlerlos,  unversehrt'  (vergl.  Böht- 


—     124     — 

lingk-Roth  VII  1410.,  Grassmann  wörterb.  z.  rgv.  1619.,  de 
Saussure  syst,  primit.  74  f.)  und  als  -^e^-bildung  lat.  Üs^  alt- 
lat.  sttls  f.  ^streit,  zank"*  (stamm  stli-ti-),  das  wegen  des  / 
von  alts.  stridj  ahd.  strit  m.  zu  trennen  ist*). 

Griech.  yqv-^d-ä  f.  *^gerümper  Sotad.  b.  Athen.  VII 
p.  293.  B.;  mengl.  crou-me  f.  "^krume"*  (Stratmann  diction.  of 
the  old  engl,  langu.^  136  b.),  nnld.  krui-m  f.  'brotkrume'  = 
mengl.  cru-me  cro-me  f.,  neuengl.  cru-rrij  amd.  krü-me  f.,  mnd. 
kro-me  f.  *^mica\  Das  nhd.  krüme  geht  auf  mittel-,  beziehungs- 
weise niederdeutschen  Ursprung  zurück ;  vergl.  Hildebrand  im 
deutsch,  wörterb.  u.  d.  w.,  Weigand  deutsch,  wörterb.  u.  d.  w. 
Für  das  ags.  crume  f.,  gen.  cruman^  noch  ist  dem  mitteleng- 
lischen gemäss  zwiefache  quantität  des  u  vorauszusetzen,  wie 
für  mgQxm.  ki^u-jnö-n-  überhaupt.  Kluge,  dem  ich  diesen 
nachweis  verdanke,  findet  das  etymon  ansprechend  in  dem 
verbum  nhd.  krau-en^  ahd.  krouw-ön  *^kratzen\  Das  grie- 
chische wort  ziehe  ich  auf  meine  Verantwortung  hinzu;  die 
stärkere  tiefstufe  mit  ü  zeigt  das  griechische  auch  in  yQu-rrj 
f.  /gerümpel,  trödelwaare^  einer  -^ä-bildung,  die  s.  92.  mit 
anzuführen  gewesen  wäre.  Gehört  lat.  gru-mu-s  m.  ^erd- 
haufen'  hierher  als  'der  durch  krauen  entstandene'  —  nhd. 
acker-krume  ''die  obere  weiche  und  lockere  erde,  der  humus 
in  landwirtschaftlichem  gebrauche'  macht  das  wahrschein- 
lich — ,  so  hat  doch  grü-mu-s  nicht  sicher  indog.  iZ,  sowie 
auch  lat.  fü-mu-s  'rauch'  nicht;   vergl.  unten  s.  125.  127  f. 

Avest.  tü-ma-  adj.  'kräftig,  stark'  in  iümäspö  m.  nom. 
propr.  'starke  rosse  habend';  ags.  afries.  pü-ma^  ahd.  thü-mo 
dü-mo  m.  'daumen'  als  'der  starke  finger',  formal  wahr- 
scheinlich durch  -en-  substantiviertes  adjectiv  =  sanskr.  ved. 

1)  Das  germanische  wort  wird  dagegen  als  ursprüngliches  wurzel- 
nomen  mit  ved.  sriclh-  f.  'der  verkehrt  handelnde,  gottlose,  feind',  eigentl. 
abstr.  'anfeindung',  a-sridh-  adj.  'nicht  schädigend'  identisch  sein. 


—     125     — 

tü-m-ra-  adj.  ^strotzend,  feist^  kräftig';  lat.  tu-me-ö  %m  an- 
geschwollen, strotze'  denom.,  tu-mu-lu-s  m.  *^erdliaufe,  hüger, 
tn-m-or  na.  ^anschwellung,  geschwulst',  tu-m-idu-s  adj.  ^an- 
geschwollen'; abulg.  t\i-ma  f.  "^grosse  zahl';  anord.  pu-ma-l-l 
m.  ^daumen'.  Vergl.  auch  die  reduplicierte  hildung  ved.  /t2- 
-tii-mä-  adj.  ^ausgiebig,  kräftig'.  Anord.  pumal-l  deckt  sich 
formal  genau  mit  lat.  tümidu-s.  Über  quantität  und  nicht- 
brechung  des  u  in  dem  altnordischen"  worte  teilt  mir  Sievers 
mit:  „ Für /wT/zfl// finde  ich  keinerlei' beweisende  stelle,  weder 
für  kürze  noch  für  länge.  Aber  da  das  wort  auch  neuisl. 
geläufig  ist,  und  dort  ü  (=  ü^  ö  gesprochen)  und  ü  (=  U) 
deutlich  geschieden  sind,  so  werden  die  lexikographen  doch 
wol  recht  haben.  Zum  u  vergl.  niiminn  neben  kominn^  kona 
neben  biina  u.  ä. "  Das  heisst  wol,  dass  u  in  pumall  mit- 
tels des  von  Paul  in  seinen  beitr.  VI  243  ff.  nachgewiesenen 
Stammwechsels  zwischen  den  suffixformen  -ul  {-al)  und  -e/ 
(-//)  zu  erklären  ist. 

Sanskr.  dhü-mä-s  m.  *^rauch',  dhü-m-ya  f.  ^dicker  rauch, 
Staubwolke';  griech.  S-v-fio-g  m.  *^mut,  leidenschaft,  gemüt', 
eigentl.  Vallung',  S-v-fLi-ia-cü  "^räuchere'  denom.,  ^v-fi-icc-fxa 
n.  "^räucherwerk';  abulg.  dy-mü  m.  *^rauch,  hauch';  lit.  dü-mai^ 
lett.  dü-mi  m.  plur.  *^rauch'  =  griech.  S-v-ixo-g  m.,  d-v-f.io-v  n. 
*^ duftende  pflanze,  quendel,  thymian';  \ai.t.  fi-?nu-s  m.,  fi-mu-m 
n.  *^mist,  dünger'  aus  "^ßt-vio-s^  '^fU-mo-m.  Zweifelhaft  ist 
lat.  fü-mu-Sy  da  es  auch  =  ahd.  mhd.  tou-m  m.  *^ dampf, 
dunst,  duft,  geruch'  sein  kann.  Wir  haben  nemlich  alte 
Stammabstufung  indog.  dhöu-mo- :  dhu-mo-  anzunehmen, 
worüber  sogleich.  Was  lat.  fi-mo-  anbetrifft ,  so  entsprang 
es  aus  ^jn-mo-  dann  lautgesetzlich,  wenn  innerhalb  des  Satz- 
gefüges der  ersten  silbe  der  hochton  entzogen  und  nur  der 
neben-  oder  tiefton  gelassen  wurde.  Erstarrte  zusammen- 
rtickungen  mit  praepositionen,  wie  ü-licö  aus  in  locö^  de-niiö 


—     126    — 

aus  de  novo  ^  se-dulö  aus  se  dolö  (Bticheler  rhein.  mus.  n.  f. 
XXXV  629  f.)  erweisen ,  dass  es  lateinischer  Sprachgebrauch 
war,  die  praeposition  hoch  zu  betonen,  auch  wenn  nicht  auf 
ihr  gerade  ein  besonderer  nachdruck  lag  (wie  im  deutschen 
von  havsCy  nicht  nach  hause).  Dabei  konnte  das  nachfolgende 
Substantiv  vor  der  lautgesetzlichen  Schwächung  der  Wurzel- 
silbe sich  retten  durch  stetigen  einfluss  der  selbständigen  form 
desselben,  wie  z.  b.  in  dd-modum  statt  *  äd-nitdum.  Es  konnte 
aber  wol  auch  hie  und  da  die  ausgleichung  in  umgekehrter 
richtung  erfolgen.  Dies  nehme  ich  für  fimu-s  ^  fXmu-m  an, 
indem  ich  also  an  praepositionale  structuren  wie  in  fimum^ 
inftmö^  exfimöj  süb  fimä  anknüpfe.  Vergl.  auch  oben 
s.  2.  über  verba  mit  praepositionen.  Wahrscheinlich  begün- 
stigte */ö  ""mache  dunst'  in  siif-fiö  *" räuchere'  (s.  16.  anm.  23.) 
gerade  diese  ausgleichung  zwischen  ^fU-mu-s  und  fi-mu-s. 

Avest.  kaourvö-dü-ma-he  m.  gen.  sing,  '^des  schwarzschwän- 
zigen'  yt.  V  21.  =  avest.  du-mo  m.  'schwänz'.  Nach  Justi 
handb.  d.  zendspr.  158.  a.  ebenfalls  zu  würz,  dhu-  als  *^hin- 
und  herbewegter,  geschüttelter',  also  mit  der  vorigen  nummer 
im  gründe  eins. 

Griech.  Qv-fw-g  m.  *^die  lange  bahn,  lauf  der  sterne, 
tractus'  (Arat.  phaenom.  927.),  zugholz  am  wagen,  deichsei 
(bei  Homer),  zugriemen',  für  lautgesetzliches  *f(>i;-/D9-c;  (vergl. 
s.  29  ff.  88.);  anord.  rü-m  n.,  alts.  ahd.  rü-m  m.  *^raum,  spatium, 
Öffnung,  freie  räumlichkeit,  freier  platz',  mhd.  rü-m  adj.  'ge- 
räumig' -=  avest  ru-mö  m.  'leichtigkeit'  (Justi  gloss.  u.  d.  w.) 
oder  'lauf,  eile'  (Geldner  Kuhns  zeitschr.  XXIV  155.),  instr. 
sing,  ruma  in  aspäohhö  ?'uma  väshem  väshaijeinti  'die  pferde 
ziehen  im  flug  den  wagen'  yt.  XVII  12.  Grundbedeutung  von 
indog.  ru-mo-s  war  'das  dahinziehen,  freie,  ungehinderte 
bewegung';  Wurzel  reu-  'reissen,  dahinreissen,  dahinstürzen' 
in  lat.  ru-ere  (oben  s.  28  ff.).    Während  alts.  rüm  wegen  der 


—     127     — 

nichtbrechung  ü  sicher  hat,  könnte  es  dem  got.  rums  nur 
auf  grund  der  übrigen  germanischen  sprachen  vindiciert  wer- 
den. Das  avest.  ni-ma-  ist  sicher  mit  dem  neutrum  rav-aiih- 
'bahn,  freier  weg,  das  weite,  weiter  räum"  verwant,  dieses 
aber  wurde  bereits  mit  dem  deutschen  räum  verglichen. 
Vergl.  J.  Darmesteter  m6m.  de  la  soc.  de  linguist.  III  55  ff., 
Fick  wörterb.  I'  197.  743.  IP  210.  IIP  258.  Geldner  da- 
gegen Kuhns  zeitschr.  XXIV  153  ff.  trifft  das  etymon  nicht, 
indem  er  die  wurzel  avest.  sim-  hineinmengt." 

Sanskr.  sü-mä-  n.  ^milch,  wasser\  m.  *^luftraum^  (als 
"^feuchtigkeit  auspressender"*),  ved.  su-shuma-  adj.  '^leicht  ge- 
bärend' rgv.  II  32,  7.  ==  sanskr.  sii-ma-  m.  Volke"*  (unbelegt). 

Die  -/wö-stämme  hatten  in  der  starken  wurzelform  hoch- 
stufenvocalismus  (ö- stufe  bei  e- wurzeln).    Dies  resultat  de 
Saussures  syst,  primit.   74  ff.  findet  neuerdings  durch   von 
Bahders  Sammlungen  verbalabstr.  130  ff.  aus  dem  germani- 
schen bestätigung.    Aber  de  Saussure  und  von  Bahder  verr 
kannten  noch  die  Wurzelabstufung.    Wie  ahd.  totim  zu  sanskr. 
dhümä-s  u.  s.  w.  das  correlat  ist,  so  erhalten  auch  die  mei- 
sten übrigen  unserer  beispiele  ein  solches.    Indog.  tu-mö-s 
'^schwellend,  kräftig'  nemlich  in  ahd.  thaum  daum  doum  *^va- 
por'  (Graff  sprachsch.  V  141.),  das  von  Bahder  verbalabstr 
134.  richtig  von  ahd.  toum  trennt  und  zu  wurzel  teii-  *^schwel 
len,  kräftig  werden'  stellt.    Vielleicht  ist  zu  germ.  rü-mö- 
avest.  ru-ma-  ^raum'  das  leider  unbelegte  sanskr.  ro-ma-  m 
'loch,  höhle'  in  dasselbe  Verhältnis  zu  stellen.    Im  griechi 
sehen  gesellt  sich  lot-f^w-g  m.  'pest,  seuche'  zu  h-f.i6-g  m 
*^hunger,  hungersnot'  und  ved.  sri-ma-s  ^^nächtliches  gespenst' 
nur  h-^i6-  hat  von  diesen  den  accent  an  der  alten  richtigen 
stelle,  Xot-^io-  und  sri-ma-  haben  getauscht  in  der  betonung. 
So  ist  auch  sanskr.  sö-ma-Sj  avest.  hao-mö  m.  *^saft,  press- 
trunk'  die  ergänzung  zu  sanskr.  sü-mä-s  {sü-md-m)  und  su- 


—     128    — 

-ma-s.  So  sanskr.  hö-ma-s  m.  ^das  giessen  ins  feuer,  spen- 
den, Opfer ^  diejenige  zu  griech.  yv-(.iö-g  m.  ^guss',  und  man 
muss  nicht  wie  de  Saussure  syst,  primit.  131.  letzteres  mit 
griechischem  lautwandel  aus  "^xav-f-w-g  gewinnen  wollen; 
vergl.  auch  Brugman  liter.  centralbl.  1879.  s.  774.  Im  vedi- 
schen  sanskrit  vereinigt  sich  auch  noch  das  paar  6-ma-s  m. 
rgv.  I  3,  7.  und  u-ma-s  m.  ''helfer,  freund,  genösse^  von  denen 
letztere  form  wiederum  den  accent  jener  hat.  Nicht  erhalten 
sind  die  hochstufenformen  zu  sanskr.  ved.  bhi-mä-s  adj.  ^furcht- 
bar', doch  vergl.  die  ableitung  lit.  bäi-me  f.  ''furcht'  und 
bai-mu-s  adj.  "^furchtsam',  w-adjectiv  aus  altem  -zo-adjectiv 
lit.  bai-m-ja-  nach  Joh.  Schmidt  Kuhn  -  Schleichers  beitr.  IV 
257  ff. ;  zu  avest.  khrü-mo  adj.  ^greulich'  =  griech.  y.qv-^ö-o, 
m.  *^eiskälte,  frost',  wozu  lit.  krü-ma-s  m.  "^Strauch'  gehört, 
falls  *^rauh'  die  grundbedeutung  ist.  Jedoch  gerade  so  sind 
hierzu  jene  hochstufigen  formen  zu  supplieren,  wie  zu  sanskr. 
ved.  idh-mä-s  m.  *^brennholz',  tig-mä-s  adj.  *^scharf',  hi-mä-s 
m.  ^kälte'  =  griech.  -xi-fxo-g  in  dvo-%iiio-gy  yiidh-md-s  m. 
'kämpfer',  cüsh-ma-s  adj.  ^zischend'  (mit  verschobenem  accent 
nach  *cösh-ma-s).  Im  germanischen  sind  zu  vereinigen  got- 
länd.  kaum  n.  *^geheur  und  ahd.  chüma  f.  *^ klage',  kümo  adv. 
'aegre,  vix';  vergl.  von  Bahder  verbalabstr.  135  f.  138.  Mhd. 
scoum  ist  aber  wahrscheinlicher  nur  österreichische  form  für 
und  aus  ahd.  mhd.  scum  m. ,  anord.  scüm  n.  ^schaum'  (von 
Bahder  a.  a.  o.  132.).  Die  tatsache,  dass  es  hochstufe  ist, 
welche  der  wurzelbetonten  paradigmenform  der  -?72o -bildungen 
eignete,  lässt  ferner  keinen  zweifei,  dass  indog.  ^,  also  tief- 
stufe, auch  in  anord.  li-m  n.,  ags.  ahd.  li-m  m.  *^leim,  klebe- 
mittel'  und  in  anord.  sti-m  n.  ^a  struggle',  md.  sti-m  m. 
"^gewühr  zu  suchen  ist.  Germ,  sti-mö-  ist  identisch  mit 
ved.  sti-mä-  adj.  ^träge,  schleichend',  sanskr. /?7^a-*^«ma-  adj. 
*^gedrängt,   gehäuft',   lit.   sty-ma-s   m.,   sty-ma  f.  *^schwarm 


-     129    — 

ziehender  fische  (ursprÜDglich  neutrum  wie  altnord.  stivi, 
vergl.  s.  91.  anm.),  sieh  Fick  wörterb.  P  245.,  0.  Schade 
altdeutsch,  wörterb.^  872.;  germ.  li-mö-  ebenso  mit  lat. 
li-mu-s  m.  "^schmiere,  schlämm,  kot'  (Fick  wörterb.  I^  753. 
IIP  268.)^).  Demnach  entfielen  anord.  /m,  ags.  ahd.  lim 
"^leim'  mit  ags.  /«//?,  ahd.  leim  m.  *^lehm'  und  anord.  stirn, 
md.  Stirn  mit  mhd.  steim  m.  'gedränge,  gewühr  aus  Einern 
paradigma,  und  man  braucht  für  diese  fälle  wenigstens  von 
Bahders  annähme  einer  Vermischung  zwischen  -mo-  und  -7nen- 
ableitung  verbalabstr.  136  f.  nicbt,  ebenso  wenig  wie  für  die 
germanischen  -ino  -  stamme  mit  «,  ü  und  ii?^  ru  =  indog.  f  in 
der  Wurzel  {hu'^-m6-^ho^^\i  ^  stur-m6-^%\MiXm  ^  prus-mo- 
^dampf,  rauch "*);  auch  für  anord.  skümn.j  ahd.  scümm.  und 
ahd.  chüma  f..  sieht  ja  von  Bahder  von  solcher  erklärung  ab. 

1)  Einen  lateinischen  lautwandel  von  indog.  ol  in  i  braucht  man, 
ausser  in  endsilben,  nicht  anzuerkennen.  Sämtliche  dafür  beigebrachten 
beispiele  wie  vicu-s  =  otxo-s,  vinu-m  =  olvo-s,  re-tiqui  =  Uloma,  vidi 
=  oWa  u.  dergl.  lassen  jetzt  andere  auffassungen  zu.  Aus  einem  stamm- 
abstufungsverhältnis  indog.  uölk^o-:  ufk^ö-,  uövno:  utnö-,  das  man 
so  wie  so  vorauszusetzen  hat,  erklären  sich  die  ersteren  zwei  beispiele 
des  lat.  t  gegenüber  griech.  oi.  Die  perfectformen  wie  re-Uquit  re-ti- 
gnimus^  vidit  vldimus  können  dem  alten  thematischen  aorist  angehören 
und  mit  indog.  i  die  doppelgänger  von  griech.  Xins  llnojuer,  1§e,  ^iSo/ubv 
sein ;  oder  i  in  lat.  re-liqut,  vidi  ist  aus  den  schwachen  pluralformen  des 
indogermanischen  perfects  in  den  Singular  übertragen  worden,  wo  indog.  l 
neben  Y  auch  von  alter  zeit  her  zu  hause  war  (vergl.  s.  60  ff.).  Lat.  in- 
-*5rw7?zrtr^ 'beschmutzen'  neben  ^ö^?^w-^/^ 'schmutz',  ohs-coenu-s^ %chmviiz\g^, 
cTinire  'mist  machen,  misten'  (Corssen  ausspr.  voc.  I^  .328.711.  IP  424.) 
deutet  sich  ebenfalls  aus  einem  alten  stammwechsel  *cöino-:  *quinö-\ 
es  kann  aber  auch  in-qut-nä-re  geradezu  als  altes  primäres  »^^-verb  der 
neunten  classe  angesehen  werden,  wie  lat.  in-cU-nä-re  (s.  39.).  In  den 
nicht  wortschliessenden  silben  wandelt  sich  also  indog.  ol  lateinisch  nur 
in  oe  {poena,  Poenus,  moenia,  foedus)  und  n  (punlre,  Pünicus,  mware, 
miinus,  coinmünis,  Tmus,  cTinire,  südäre  'schwitzen'  aus  *svoidäre),  was 
von  verschiedener  accentstärke  abhängig  ist.  Da  nun  bei  lliim-s  als  -7110- 
stamra  indog.  ei  ausgeschlossen  ist,  so  bleibt  darum  nur  zurückführung 
auf  indog.  li-mö-s  übrig. 

OstliolF  u.  Brugman  untersuch.  IV.  Q 


—     130    — 

P.   Nomen  mit  suff.  -mei-'. 

Sanskr.  ved.  nachved.  bhu-mi-s  {bhü-mi-s\  bhü-mi  f.  *^erde, 
erdboden,  land,  landstrich,  platz,  ort,  stelle,  statte';  avest. 
bü-mi'  f.  *^land,  erde',  bü-mi-m  acc.  sing.  ==  apers.  bii-mi-  f. 
*^erde\  bu-mi-m  acc.  sing. 

Q.   Nomen  mit  ^mH.  -men-: 

Griech.  homer.  J-juev-at  ^zn  gehen'  dat.  infin.  II.  Y  365. 
=  griech.  homer.  ep.  t-juev-ac  dat.  infin.,  ^-f.i€v  loc.  infin. 
Für  i(.ievai  als  vermeintlich  „sprachwidrige"  form  setzen 
J.  Wackernagel  Kuhns  zeitschr.  XXV  273.  279.  und  Gust. 
Meyer  griech.  gramm.  §  482.  s.  371.  §  591.  s.  440.  ebenso  un- 
berechtigt 8L(.ievai  ein,  als  wenn  sie  ud(,ievai  statt  Xöf.ievai, 
schrieben.  Wissen  wir  denn  etwa,  dass  Hdjuevat  nicht  ein  id- 
-(.lev-ai  ist?  Ved.  vid-mdn-e  sagt  es  uns  keineswegs,  denn 
beinahe  ebenso  gut  könnte  uns  avest.  vid-van-oi  (s.  64.)  das 
gegenteil  sagen;  gleiche  betbnung  der  dativ  -  Infinitive  auf 
-men-ai  und  -uen-ai  bedingte  ja  gleiches  verhalten  der 
Wurzelsilbe,  und  ved.  dä-vän-e  ist  unverkennbar  jünger  in 
der  wurzelvocalstufe  als  kypr.  öo-Fav-ai  (wenn  so  richtig  ge- 
lesen wird),  att.  öovvac  aus  do-ßev-ai.  „  Dieses  -Fevai  trat, 
wie  -(.lev  und  -/nhaij  ursprünglich  an  die  schwache  wurzel- 
form an ",  bemerkt  Wackernagel  selbst  Kuhns  zeitschr.  XXV 
273.  Indog.  t  als  tief  stufenform  der  wurzel  ei-  in  dem  optativ 
sanskr.  i-yä-m^  i-yä-t  lernten  wir  s.  52  f.  kennen. 

Mhd.  gli-me  schw.  m.  *^glühwürmchen,  gleimchen',  mhd. 
gli-m-en  '^leuchten'  starkes  verb  (perf.  gleim)  aus  ursprüng- 
lichem denominativum  (got.  *gleimjan)  =  mhd.  gli-m  st.  m. 
"^ funke'  (gen.  sing,  glimmes),  schwed.  gli-mma^  mhd.  nhd. 
gli-mmen  ""glühen,  glimmen'  starkes  verb  (perf.  sing,  glam^ 
plur.  glummeii)  aus  ursprünglichem  denominativum  (got.  ^glim- 
Jan  oder  "^ glimnjanl).  Über  die  quantität  des  wurzelvocales 
in  ahd.  glimo  m.  *^glühwürmchen',  alts.  glimo  m. 'glänz,  schim- 


—     131     — 

mer'  ist  trotz  der  ansetzung  von  t  in  den  Wörterbüchern 
(doch  nicht  bei  Graff  IV  289.)  und  bei  von  Bahder  verbal- 
abstr.  141.  143.  nichts  sicheres  ausgemacht;  der  rückschluss 
vom  mittelhochdeutschen  kann  täuschen.  Gegen  Jak.  Grimm 
machte  schon  Pott  wurzel-wörterb.  12,774.  den  denomina- 
tiven  Charakter  von  mhd.  nhd.  (jlimmen  geltend;  swimmen 
vrar  hier  das  muster  für  den  jungen  ablaut,  v^ährend  mhd. 
glmien  den  starken  verben  mit  t  im  praesens  sich  anschloss. 
Es  bleiben  nun  mehrere  möglichkeiten  zur  erklärung  der  bil- 
dung  dieser  denominativen  verba.  Erstens  kann  der  nomi- 
nale -?/ie/i- stamm  als  -7/iö- stamm  bei  der  verbalen  ablei- 
tung,  wie  ja  so  häufig,  behandelt  worden  sein.  Oder  zwei- 
tens mhd.  (jUm  m.,  gen.  (jlimmes  ist  aus  den  obliquen  casus 
des  -/;ie??-themas  mit  schwächster  Stammform  (gen.  plur.  ur- 
germ.  glimmt  aus  *gli-?n7i-ö)  erwachsen.  Oder  drittens 
glimmen  wenigstens  vertritt  got.  "^glimn-jan,  wie  auch  ahd. 
mhd.  nemmen  für  got.  namn-jan  neben  ahd.  mhd.  nemnen 
sich  findet*);  das  nomen  mhd.  glim  m.  mag  dann  erst  aus 
dem  verbum  glimmen  neu  entsprossen  sein.  Auf  jeden  fall 
ist  zuzugeben,  dass  unbedingte  Sicherheit  für  ein  germ.  gli- 
-men-  mit  kurzem  i  nicht  in  anspruch  genommen  werden 
kann.  Die  besprechung  des  Verhältnisses  zu  ahd.  glei-mo, 
mhd.  glei-me  m.  ^glühwürmchen'  wird  uns  unten  (s.  145  f.)  auf 
das  argument  gegen  indog.  ez  in  mhd.  gli-mo^  gli-men  führen. 
Ahd.  güü-emo  m.  ^glanz'  circumflectiert  bei  Notk^r  (Graff 
sprachsch.  IV  291.)  =  got.  glit-mun-jan  *^glänzen'  denomin., 
ahd.  gliz-emen  dat.  acc.  sing,  nicht  circumflectiert  bei  Notker 


1)  Hängt  etwa  der  Wechsel  zwischen  mm  und  mn  mit  dem  nem- 
lichen  umstände  zusammen  wie  auch  das  eintreten  oder  ausbleiben  der 
..consonantendehnung"  bei  schwachen  verben?  Vergl.  oben  s.  27.  Also 
ursprünglich  ahd.  *?iemmiu  1.  sing,  prates.  indic.  {mml  aus  wmj),  aber 
nemnis,  riemnit  2.  und  3.  sing,  praes.  indic? 

9* 


—     132     —  . 

(Graff  ebend.).  Von  Babders  argument  verbalabstr.  142.:  „Für 
die  länge  des  i  in  abd.  glizamo  spriebt  die  analogie  zabl- 
reicb er  anderer  bilduugen"  würde  icb  nicbt  geltend  macben. 
Aucb  bier  bringe  icb  das  indicium  gegen  indog.  ei  in  glizemo 
und  gegen  von  Babders  vergleicbung  des  verbältnisses  von 
germ.  leuh-men-^  anord.  Ijömi^  ags.  leoma^  alts.  Homo  m. 
"^glanz,  liebt,  strabl'  zu  got.  laüh-mun-i  f.  *^blitz^  unten  (s.  145  f.) 
zur  spracbe. 

Griecb.  -/.ql-^ia  n.  *^entscbeidung,  urteil'  Aescbyl.  suppl. 
397.  =  griecb.  y.Ql-fia  n.  dass.  Nonn.  parapbr.  IX  176.  177. 
Ausser  den  Nonnusstellen  zeugt  für  KQt{.ia  als  paroxytonon  eine 
grammatikerangabe ;  vergl.  Lobeck  paralip.  gramm.  Graec. 
4171,  wo  freilieb  Nonnus  und  der  betreffende  grammatiker 
reg.  pros.  34.  (G.  Hermann  de  emend.  rat.  Gr.  gramm.  428.) 
des  Irrtums  bezicbtigt  werden.  Indes  folgt  das  recbt  dazu 
nocb  nicbt  aus  der  einmal  bei  Aescbylus  sieber  verbürgten 
länge  des  7.  Wäre  das  wort  in  der  älteren  poesie  mebr  ge- 
braucbt,  so  zeigte  es  sieb  vielleicbt  aucb  dort  bäufiger  in 
der  messung  wie  bei  Nonnus ;  so  könnte  man  mit  demselben 
recbte  scbliessen.   Über  lat.  cri-men  sieb  weiter  unten  (s.  141.). 

Griecb.  '/.kl-(.ia  n.  ^neigung,  lebne,  abdacbung,  absenkung, 
himmelsgegend,  landstricb^  (in  einem  cbristlicben  epigramm 
anthol.  Palat.  I  108.  reooaQa  y^ainjuar  ex(^ov  -/mI  TiöOaqa 
/a^Jjiiata  y.6o(.iov),  y.ll-jtia-§  f.  *" treppe,  leiter,  geländer'  = 
griecb.  y,U-i.ia  n.  *^neigung  u.  s.  w.'  (Scymnus  perieg.  521., 
Alpbeus  anthol.  Palat.  IX  97,  6.,  epigr.  in  pbilol.  XVIII 
p.  557.,  Nonnus  Dionys.  III  5.  V  69.  X  139.  XIII  80.  333. 
XVII  380.  XXI  308.  XXVI  147.  XXVII  156.  XXXII  42. 
XXXIII  166.  XXXIV  350.  XLVII  507.,  Dorotbeus  5.  7.  12. 
13. 18.,  orac.  Sibyll.  V  339.).  Nauck  bull,  de  Tacad.  des  scien- 
ces  de  St.  Petersbourg  XVII  (1872.)  s.  260.  zäblt,  worauf 
micb  mein  College  F.  Scböll  aufmerksam  macbt,  die  genann- 


—     133     — 

ten  zum  teil  auch  bei  Lobeck  paralip.  gramm.  Graec.  418. 
augemerkten  dichterstellen  für  z/t,««  und  'A)d\.ia  auf,  zugleich 
die  von  Cobet  bei  Scymnus  perieg.  521.  vorgeschlagene  um- 
stelluDg  (to  Ttqoq  f.ieorii.ißQLav  öh  x?uina  ymI  votov  für  über- 
liefertes öe  Kai  VOTOV  y,U^ia)  als  unnötig  verwerfend.  Zur 
Sicherung  des  -/.Xlf^ia  aber  fällt  ausser  dem  späten  epigramm 
in  der  anthologie  ins  gewicht,  was  Lobeck  a.  a.  o.  noch  her- 
vorhebt, dass  auch  die  lateinischen  dichter  „clima  trochaei 
loco  ponunt". 

Sanskr.  si-män-  m.  ^haarscheide,  scheiter,  f.  *^grenze, 
markung  eines  dorfes,  höhepunkt,  das  non-plus-ultra,  hoden- 
sack (wegen  der  naht  desselben)"*,  si'-mä  f.  dass.,  si-mdn-ta-s 
m.  *^scbeitel,  Scheidelinie  am  körper,  grenze"*;  griech.  homer. 
nachhomer.  l-fnagy  stamm  i-ftav-T-  m.  ^riemen',  ~i-f.iov-La  f. 
'brunnenseir,  i-f.ia-T-io-v  n.  ''gewand,  kleid,  kleidungsstück, 
Überwurf,  stück  tuch,  decke'  als  *^das  zum  umbinden,  festen 
umlegen  dienende'  (Aristoph.  av.  973.),  ~i-f.ia-T-iÖLo-v  n.^'kleid- 
chen'  (Aristoph.  Lysistr.  470);  anord.  si-ma  n.,  si-mi  m.  (ags. 
si-ma  m.,  alts.  si-mo  m.)  ""strick,  seil'  =  griech.  homer.  ^i-^iag 
m.  ^riemen'  (Bekker  homer.  blätt.  1 279.).  Warum  dem  germ. 
s'i-men-  nicht  indog.e/  zu  vindicieren  ist,  ergibt  sich  unten 
(s.  143  f.).  Die  5  -  declination  von  sanskr.  sima  f.,  in  der  litte- 
ratur  jüngeren  datums  (vergl.  Petersb.  wörterb.),  wird  nur  aus 
dem  nom.  sing,  des  -7Wf/?«-stammes  erwachsen  sein;  der  accent 
dieses  si-md  deutet  noch  auf  die  verlorene  stärkere  Stamm- 
form ^se-man-  hin.  Griech.  7-/m-r-^o-v,  „dessen  Stammwort 
Hesych.  'if-iara'  Ijiana  aufbewahrt"  (Curtius  grundz.*  711.), 
stellt  Brugman  morphol.  unters.  II  223.  zu  dieser  gruppe; 
sicher  richtig ;  nur  messen.  elf-iaTcov  auf  der  mysterieninschrift 
von  Andania  gehört  zu  el-^ia  ==  *Fio-{.ia  oder  ist  misch- 
bildung  aus  letzterem  und  ifia-riov.  Die  grundbedeutung 
der  Wurzel  si-  war  'in  eine  feste  läge  bringen,  einschränken' 


—     134     — 

(lat.  si'7ie-re^)j  *po-stnere  pönere^  si-tu-s ^  po-si-hi-s^  sanskr. 
si-na-s  partic.  ""stecken  geblieben',  avest.  hi-tha  f.,  hi-thu-  m. 
Vobnung');  daber  einerseits  'begrenzen,  abscbeiteln'  (vergl. 
nocb  sanskr.  sttä  f.  *^furcbe',  si'-ra-  m.  n.  "^pflug^,  anord.  si-^a, 
ags.  si-da,  ahd.  si-ta  f.  *'seite'');  andererseits  *" binden,  fesseln' 
und  *^anscbirren'  (sanskr.  si-na-ti  'bindet,  umscblingt"*,  si-tä-s 
partic.  'gebunden'',  avest.  hi-ta-  'gebunden,  gezäumt"*,  lett. 
si-nu,  si-i  'binden',  avest.  pancö-hy-a-  adj.  'zu  fünfen  an- 
gescbirrt',  abd.  sei-d  n.  'strick,  fallstrick',  abd.  sei-to  m., 
sei-ta  f.,  mbd.  sei-te  m.  f.  'strick,  fallstrick,  fessel,  saite',  ags. 
sä-da  m.  'strick',  anord.  ags.  ahd.  sei-l^  ags.  sa-l^  alts.  se-l 
n.  'seil',  ahd.  sl-lo  m.  'geschirr  für  zugvieh,  siele',  abulg. 
si-lo  n.  'seil,  strick',  si-lü-kü  m.  dass.).  Vergl.  oben  s.  81. 
Grassmanns  versuch  wörterb.  z.  rgv.  1521.,  die  von  dem 
Petersb.  wörterb.  VII  1013.  angenommene  wurzel  si\-  'eine 
gerade  linie  ziehen,  gerade  richten'  mit  si-  'binden'  durch 
den  'mittelbegriff  'ein  band,  seil  gerade  aus  spannen'  zu  ver- 
einigen, ist  nicht  einleuchtend,  weil  das  ziehen  einer  ge- 
raden linie  doch  nicht  notwendig  mit  Böhtlingk-Roth  in 
den  Sanskritwörtern  für  'grenze,  furche,  pflüg'  als  deren 
gemeinsame  begriffliche  grundlage  gefunden  wird. 

Sanskr.  ved.  nachved.  üsh-män-  m.  'hitze,  dampf,  aus- 
dünstung,  hitziges  wesen,  die  heisse  Jahreszeit',  ved.  nsh- 
-^maii-ya-s  adj.  'dampfend'   rgv.  I  162,  13.,  üsh-man-d-s  adj. 


1)  Bei  dem  verbum  finitum  lat.  sinere  ist  'einschränken ,  irgendwo 
unterbringen'  zu  'belassen  an  einem  orte'  abgeblasst.  Gebrauchsweisen 
yfie  etwsi  bmJs  7ne7isibus  po7'cös  sinunt  cum  mätrihus  (Varro),  tieii  pro- 
pius  tectis  taxum  sine  (Yergil)  hat  man  als  die  älteren  anzuerkennen. 
Ferner  ist  sbie  me  (Terenz)  eher  durch  'lass  mich  in  ruhe'  als  durch 
'lass  mich  gehen'  zu  übersetzen.  Nach  dem  herabsinken  des  activeren 
Sinnes  'jemand  den  zustand  seiner  ruhe  anweisen'  zu  dem  leidenderen 
'ihm  den  ruhigen  zustand  lassen'  ergaben  sich  die  weiteren  bedeutungen 
von  sinö  und  de-sinö. 


—     135    — 

dass.,  üsh-ma-ka-s  m.  *^die  heisse  Jahreszeit'  (unbelegt),  üsh- 
"ina-vant-  adj.  'heiss,  dampfend'  (unbelegt),  {ish-mä-ya-rte  "^ihi 
hitze  oder  dampf  von  sich'  denom.  (unbelegt)  =  sanskr. 
ush-man-  m.  *^ hitze,  glut,  dampf,  ush-ma-ka-s  m.  *^die  heisse 
Jahreszeit'  (unbelegt),  ush-ma-vant-  adj.  ^erhitzt,  glühend, 
dampfend',  ush-mä-ya-te  denom.  (unbelegt). 

Griech.  %v-(.ia  n.  '^guss',  en-^v-^a  n.  ^ausguss,  das  ver- 
^iessen'  orac.  Sibyll.  XI  106.  =  griech.  %i-(-ia  n.,  €k-xv-i^icc 
n.  orac.  Sibyll.  III  320.  Kürze  des  v  wird  auch  von  Draco 
p.  57,  6.  95,  25.  100,  20.  und  anderen  grammatikern  vorge- 
schrieben; vgl.  Herodian  I  533,  26.  II  15,  8.  ed.  Lentz,  G. Her- 
mann zu  Orph.  hymn.  X  22.,  Lobeck  paralip.  417  f.  419  f. 
Für  xif^ia  aber  ist  auch,  wie  Lobeck  zeigt,  zahlreiche  und 
sichere  handschriftliche  Überlieferung  vorhanden.  Alexandre 
carmina  Sibyllina^  s.  263.  hat  also  recht,  sowol  sxxv^ia  als 
e/.xvf^ia  unbeanstandet  zu  lassen.  Im  Irrtum  sind  Cobet  Mne- 
mosyne  VII  438  f.  und  Näuck  bull,  de  Tacad.  des  sciences  de 
St.  Petersbourg  XVII  (1872.)  s.  260.  anm.  52.,  wenn  sie  in 
der  Verkürzung  der  vorletzten  silbe  in  ey.xv^ia  u.  dergl.  „ein 
zeichen  des  Verfalles  sehen",  wie  nach  Nauck  „ebenso  ava- 
GTa/iicc  orac.  Sibyll.  VIII  268.  und  sonst  OTafna  (thes.  gr.  ling. 
vol.  7.  pag.  2648.)  sich  findet,  während  die  älteren  Schrift- 
steller ovorrjiLia  sagen".  Auch  orafia  für  -GTrjf.ia  ist  durch 
keine  metrische  Verwilderung  verschuldet,  sondern  bildung 
von  anderer,  schwächerer  wurzelstufe  sowie  ^cfiia^  av-S-ejua 
(hymn.  Homer,  in  Vener.  VI  9.  ed.  Baumeister,  Theokrit.  epigr. 
XIII  2.,  Kallimach.  epigr.  V  2.,  Meleager  anthol.  Pal.  VI  162. 
und  öfter  in  der  anthologie)  neben  S-rj/na  (Sophokl.  fragm. 
484.  Dind.),  avä-d^rj^ia.  Da  urteilte  also  schon  richtiger  als 
jene  sprachmeisterer  Meineke  zu  Callimachi  Cyrenensis  hymni 
et  epigrammata  s.  268  f.,  der  Ignoranz  der  betreffenden  dichter 
nicht  gelten  lässt  und  „  certam  legem  et  analogiam  ab  vetere 


—     136     — 

quidem  diversam,  at  aüalogiam  tarnen"  darin  sieht,  dass  die 
neueren  die  nomina  wie  ^ifia^  /.lif-ia^  evdv(.ia  von  passiven 
(k-Ti-d^rjVj  e-'Akt-^TjVj  ev-e-öv-x^rjv)  bildeten,  während  die  alte 
spräche  sie  von  activformen  {„^fjina  a  d-riow^  h'ölf^ia  ab  ev- 
övGiüy  cpvf-ia  a  (fvoco''j  freilich  weniger  passend  „/Mina  ab 
exllva^)  abgeleitet  hätte.  Es  lässt  sich  aber  überhaupt  die 
Charakterisierung  als  „ältere"  und  „jüngere"  sprachformen 
hier  nicht  aufrecht  halten,  sondern  auf  griechischem  boden 
sind  yMfLia  und  vllf-ia^  yv^^ia  und  yv^-ia  gleich  alt  und  die 
zufälligen  Zeitunterschiede  in  der  litterarischen  beglaubigung 
machen  nichts  aus;  überdies  steht  in  letzterer  hinsieht  nicht 
immer  die  form  mit  i,  v  zurück,  wie  denn  ja  vli^ia  ohne 
Vorurteil  angesehen  vom  rein  philologischen  Standpunkte  aus 
nur  für  die  ältere  form  gelten  müsste. 

Griech.  homer.  öi-f-ie-vai  "^einzugehend  dat.  infin.,  6x- 
-öv-(.ia  n.  ^ausgezogenes  kleid'  Hedyl.  epigr.  anthol.  Palat.  V 
199.  =  ev-dv-f^ia  n.  ^anzug,  kleid"*  epigr.  adesp.  CXV.  in 
anthol.  Graec.  IV  140  f.  ed.  Jacobs  {h'dvfi'  bei  Euripid.  Herc. 
443.  ist  durch  Heaths  allgemein  acceptierte  conjectur  evöir^ 
entfernt),  mc-€v-dv-f.ia  n.  ^unterkleid^  Hedyl.  epigr.  anthol. 
Palat.  VI  292.,  Marc.  Argentarius  epigr.  anthol.  Palat.  VI  201. 
Vergl.  Lobeck  paralip.  418  f.  Zu  beachten  ist  auch,  dass 
ein  und  derselbe  dichter,  Hedylos  (c.  260.  v.  Chr.),  -övi^ia  in 
beiden  quantitäten  des  v  braucht.  Das  homer.  övjusvat  ver- 
kennen ebenfalls  J.  Wackernagel  Kuhns  zeitschr.  XXV  273. 
und  Gust.  Meyer  griech.  gramm.  §  591.  s.  441. 

Griech.  d-v-f-ia  n.  ^das  geräucherte,  opfer'  =  griech. 
d-v-f-ia  n.  Letztere  form  war  die  vulgate  nach  Herodian 
I  352,  23.  533,  26.  II  15,  8.  ed.  Lentz;  aber  d^v^a  attisch 
nach  Herodian  I  352,  31  f.  Vgl.  Lentz  zu  Herodian  I  352,  23., 
Lobeck  paralip.  419. 

Griech.  7cXv-(.ia  n.  "^Spülwasser,  spülicht'  =  griech.  7tXv-{.ia 


—     137     — 

n.  dass.  Nikand.  alexiph.  258.  467.  Auch  grammatiker  er- 
kennen nur  letzteres  an;  vergl.  Herodian  I  352,  23.  533,  26. 
II  15,  8.  ed.  Lentz.,  Lobeck  paralip.  417.  Dennoch  findet  Lo- 
beck a.  a.  0.  419.  für  Ttlvfua  gute  handschriftliche  gewähr  und 
sieht  in  dem  properispomenon  „  Atticismi  normam  et  regulam ". 
Sanskr.  bhu-man-  n.  ^erde,  weit,  wesen\  bhü-mdn-  m. 
'^ fülle,  menge,  reichtum"*;  griech.  cpv-(.ia  n.  ^gewächs'  =  apers. 
bu-mä-m  ""erde'  acc.  sing,  auf  der  Inschrift  des  Artaxerxes 
Ochus  P.  2.  (Spiegel  altpers.  keilinschrift.  66.) ,  -mä  -  stamm 
durch  metaplasmus  aus  dem  nom,  sing,  ^bumä  (=  ved.  bhü'ma) 
entwickelt;  griech.  (pv-f.ia  dass.,  cpv^iareoöLv  dat.  plur.  bei 
Marcellus  Sidetes  v.  83.  „Dass  ypsilon  kurz  war,  lehrt  cpv- 
(.uiTEGOi  in  Marc.  Sid.  v.  83.    Damit  stimmt  Draco  p.  95,  23. 

100,  22.  überein,  aber  p.  57,  8.  fügt  er  hinzu,  man  behaupte, 
die  Attiker  schrieben  (fvf.iaj  worauf  die  canon.  prosod.  35. 

101.  bei  Herm.  de  emend.  gr.  Gr.  rat.  zu  beziehen  sind" 
(Passow  handwörterb.  unt.  cpvf.ia).  Vergl.  wegen  att.  cpv^ia 
neben  vulgatem  cpvina  auch  Herodian  I  352,  23.  31.  533,  26. 
28.  II  15,  8.  9.  ed.  Lentz,  Lobeck  paralip.  417 ft  419. 

Griech.  Qv-fna  n.  ^das  ziehen,  zug,  zugseil',  eigentlich 
das  reissen,  raffen"*  und  Verkzeug  zum  reissen^,  to^ov  QUfia 
^^bogensehne'  oder  *^bogenschuss^  Aeschyl.  Pers.  147.,  ^v-itirj 
f.  ^Schwung,  Umschwung,  andrang,  anprall,  jede  heftige  und 
stürmische  bewegung"*  =  griech.  gv-fia  n.  ^schwung,  andrang"* 
Orph.  hymn.  X  22.,  eigv-^iev-ca  "^zu  reissen^  dat.  infin.  Hesiod. 
op.  et  di.  846.  Für  QVf.ia  gegenüber  dem  bei  den  Attikern 
Constanten  qvi.ia  treten  wiederum  auch  grammatikerzeugnisse 
^in;  vergl.  Herodian  I  352,  23.  533,  26.  II  15,  8.  ed.  Lentz, 
Lobeck  paralip.  417  f.  419.  Die  wurzel  ist  das  s.  28  ff.  be- 
sprochene indog.  reu-  ^raffen,  reissen';  das  ei-  statt  l-  in 
dem  eiQv(Ä£vai  Hesiods  datiert  aus  derselben  quelle  wie  der 
Verlust  des  prothetischen  e-  in  Qv(.iaj  Qv/urjy  Qu^ia  und  in 


—     138     — 

QVTo-g  (s.  88.),  von  der  confusion  mit  FeQvto  "^ decke,  schütze'', 
wovon  aor.  med.  eiQvGccf-irjv ,  perf.  med.  e^Qv/nai.  Ich  kann 
mich  also  nicht  entschliessen ,  mit  Fröhde  Kuhns  zeitschr. 
XXII  268.  Qvf^rj  "^Schwung"*  und  tö^ov  qv^a  *^bogenschuss'  zu 
würz,  sreu-  ^fliessen'  zu  stellen';  lg  to^ov  QVf.ia  *^auf  bogen- 
schusses  weite  "*  ist  eigentlich  Mn  das  raffen  des  bogens,  in 
solche  entfernung  dass  der  bogenschütze  seinen  bogen  oder 
die  sehne  desselben  rafft'  und  von  Herodots  Igveiv  ro^ov, 
Homers  vevQrjv  ev  ro^co  Iqvelv  (IL  0  464.)  unmöglich  zu 
trennen.  Nur  qvf-ia  in  der  bedeutung  *^fluss,  ström'  bei  Pro- 
clus  hymn.  in  Sol.  v.  4.  aQf.iovli]g  qv(.ia  TtlovGiov  l^oy^e- 
TEvcjv  und  auf  einer  korkyraeischen  Inschrift  (vergl.  Lobeck 
paralip.  419.)  muss  als  schwesterform  von  Qevf.ia  zu  qko^ 
würz,  sreii'  gestellt  werden.  Wegen  des  Verhältnisses  von 
Qv-^iT]  zu  dem  -me/i -stamme  sieh  s.  139.  unter  Iv-ixiq, 

Griech.  Iv-^a  n.  "^spülicht,  schmutz,  besudelung',  Iv-fiiq 
f.  *^ beschimpf ung',  Iv-f-iaivoi-iai  "^beschimpfe'  denomin. ,  Iv- 
-f.i€-cüv  m.  "^Schädiger,  verletzer'  ^)  =  griech.  Iv-i^ia  n.  ^Spü- 
licht, schmutz,  besudelung'.    Die  form  mit  v  ist  bei  dichtem 


1)  Allerdings  setzt  streng  genommen  Xv-^le-cöv  ideell  einen  -mo- 
stamm  *  Xv-fio-  voraus,  von  dem  es  abgeleitet  ist  wie  oivs-cav,  afinele-cöv 
von  olvo-,  afxnelo-  u.  dergl.  Ich  sehe  in  diesen  Tte^ieamä  bildungen  mit 
dem  adjectivischen  secundärsuffix  indog.  -uent-\  oive-ßoyv  'der  wein- 
reiche' seil.  TOTTos  oder  %(öqoi^  mit  -ßtov  =  sanskr.  -van  in  häla-vän, 
aber  von  nom.  sing,  aus  als  ?i- stamm  weiter  decliniert,  während  umge- 
kehrt oivü-ßevr-  sich  einen  neuen  sigmatischen  nom.  sing,  nachschuf. 
Die  gestaltung  des  Stammes  des  gruudnomens  in  olve-ßoiv  mit  -e-  muss 
wol  auch  für  älter  als  diejenige  in  *oiv6-ßsvr-s  mit  -o-  gehalten  werden. 
So  erkläre  ich  jetzt  auch  das  -s-  in  den  compositen  wie  'Aye-käo-s,  aqx^- 
-xaxo-s  im  gegensatz  zu  verb.  in  der  nominalcomp.  163  ff.  als  Überrest 
der  älteren  weise  -ö- stamme  in  der  ableitung  und  composition  zu  be- 
handeln; !^/£-,  ccQxs-  bleiben  also  nominaler  herkunft  trotz  des  -e-,  und 
die  verbale  umdeutung  schützte  nur  das  -e-,  das  in  *  oivs-TteSo-v,  *oixE- 
-q)()Qo-s  u.  dergl.  unterging. 


—     139    — 

nicht  zu  belegen,  aber  durch  bestimmte  grammatikerzeug- 
nisse  verbürgt,  die  dann  II aa  wiederum  als  attische  Variante 
angeben.  Vergl.  Herodian  I  352,  23.  31.  533,  20.  27.  II  15, 
8.9.  ed.  Lentz,  Lobeck  paralip.  417  f.  'Pv-f,irjj  Iv-fiiq  sind 
mit  den  -?7iew -stammen  Qv-f^ia,  Iv-f-ia  so  zu  identificieren, 
wie  ved.  bhu-mü  nom.-acc.  sing,  neutr.  mit  hhu-ma^  griech. 
vJjqGT^  mit  sanskr.  cirshü\  die  feminine  -/wö-declination  der 
Qv-l-ir]j  Iv-fir]  erfolgte,  wie  bei  apers.  bu-mä-m  (s.  137.),  vom 
nom.  sing.  aus.  Vergl.  einstweilen  Mahlow  d.  lang,  vocale 
AEO  73 f.,  näheres  im  verlaufe  dieser  Untersuchung. 

Sanskr.  ved.  nachved.  syu-man-  n.  *^band,  riemen,  gurt, 
Zügel,  streifen,  kette,  reihe,  naht  am  schädel';  griech.  att. 
vMT-Ti-^ia  (für  vMO-öv-i^ia)  n.  "^zusammengeschustertes,  schuh- 
sohlenleder,  lederne  sohle,  anzettelung,  intrigue'  Aristoph. 
equit.  869.  vesp.  1160.  (vergl.  Lobeck  paralip.  421.),  ~F-^«iJr 
m.  nom.  propr.  des  hochzeitsgottes  =  griech.  v-^iriv  m.  '^ dünne 
haut,  häutchen,  sehne^,  ^Y-^iriv  m.  nom.  propr.  des  hoch- 
zeitsgottes Euripid.  Troad.  331.,  vf^iev-aio-q  m.  ""hochzeits- 
gesang,  hochzeitslied',  ^Yfiev-aio-g  m.  nom.  propr.  des  hoch- 
zeitsgottes, vf.i€v-awco  *singe  das  hochzeitslied ,  heirate', 
v-f-iv-o-g  m.  'liedgefüge,  lied'.  Auch  die  lateinischen  dichter 
noch  wechseln  in  der  prosodie  von  Ilfjmeji  nach  versbedarf. 
Zur  etymologie  vergl.  Böhtlingk-Roth  Petersb.  wörterb.  VII 
1398.,  Pott  Wurzel  -  wörterb.  I  612.,  Brugman  Curtius'  stud. 
IX  256.,  de  Saussure  syst,  primit.  130.  Der  hochzeitsgott 
ist  als  der  ""verbinder,  zusammenfüger'  benannt. 

Die  auch  für  die  -  T/ze«  -  stamme  und  ihre  declination 
sichere  alte  Wurzelabstufung  unterschied  sich  von  der  der 
-7wo-bildungen  (s.  127 ff.)  durch  den  Wechsel  zwischen  mittel- 
stufe  und  tiefstufe  bei  jenen.  Vergl.  de  Saussure  syst,  primit. 
130  ff.,  von  Bahder  verbalabstr.  138  ff.  So  verbinden  sich 
zu  ursprünglich  6inem  paradigma  griech.  lei-f^icov  m.  und 


—     140     — 

Xi-ftT^v  m.,  beides  eigentlich  ^ort  wo  es  angiesst,  begossene 
Stätte,  nasse  stelle'.  So  ferner  Qv-fiia  n.  'fluss,  ström'  (s.  138.) 
und  Qev-f^ia  n.  dass.  So  auch  hesych.  afet-fia  n.  und  homer. 
avT-jiirjv  m.  (vergl.  de  Saussure  syst,  primit.  131.)  nebst  homer. 
avT-fiii]  f.  mit  -f.ir]  als  der  alten  nebenform  des  nom.-sing.- 
ausganges  des  (neutralen)  -me?i-stsimmes  (s.  o.);  avT-jur^Vj 
avT-f-iri  können  aber  dabei  sowol  naturlanges  als  kurzes  v 
haben*),  wie  desgleichen  auch  Ttvd^-fii^v.  Zu  unserem  mate- 
rial  finden  sich  die  starkwurzeligen  seitenformen  in  folgenden 
fällen:  sanskr.  ved.  e-man-  n.  ^gang'  (=  griech.  *6l-/(«,  wofür 
homer.  ol-jna  „forme  sur  Tanalogie  de  olfnog'"'^)  nach  de  Saus- 
sure  a.  a.  o.)  zu  griech.  i-^iev-at  und  X-f^iev-aij  X-f.i8v\  sanskr. 
qre-män-  m.  ""auszeichnung ,  vorrang'  (mit  creyas-^  Qveshthor 
zVi-qri'  f.  "^Schönheit,  schönes  aussehen,  pracht,  wolgefallen, 
befriedigung,  wolfahrt,  glück,  reichtum,  ausgezeichnete  läge 
und  sfellung",  eigentlich  'das  sichfügen,  gute  fügung,  rich- 
tiger fug')  zu  griech.  -Akl-i^ia  und  yli-i.ia\  sanskr.  ved.  hö-man- 
n.  'opferguss,  spende',  griech.  %ev-(.ici  zu  griech.  %v-(.ia  und 
xv-(.ia\  griech.  Ttkev-fucüv  m.  "^lunge,  eingeweide,  meerlunge 
(ein  Weichtier)'  als  'schwimmendes'  zu  griech.  7tXv-(.ia  und 
7t),v-f.ia\  ags.  reo-ma  m.,  alts.  rio-mo ^  ahd.  riu-mo  m.  'rie- 
men'  zu  griech.  ^v-^ia  (Fick  wörterb.  I^  744.)  und  qv-^ia, 
eiQv-fÄev-ai.  Es  sind  noch  -;?«pw- stamme  von  der  uns  vor- 
zugsweise interessierenden  art  mit  der  stärkeren  form  der 
tiefstufe:  im  avestischen  khshnü-main-e  'zur  zufriedenstellung' 
dat.  sing.,  eine  bildung  wie  homer.  T-i-iev-ai,  Sv-(.iev-aL\  im 


1)  Auch  bekunden  avr-firjv^  avr-firj  den  Zusammenhang  mit  a^er-fia 
noch  durch  das  (prothetische)  «-,  das  jene  formen  mit  v  doch  schwer- 
lich aus  sich  selbst  sei  es  vorzuschieben  oder  doch  getrennt  von  dem  v 
zu  lassen  vermochten. 

2)  Umgekehrt  griech.  xsv&-fi6-s  nach  xevd'-fnop^  xsvd'-fxa,  statt  *xovd-- 
-fio-e  oder  *xvd'-fio-s. 


—     141     — 

griechischen  Tl-(.iri  f.  '^Schätzung,  ehre'  und  ü-i-it]  f.  'sauer- 
teig\  -;/«ä- stamme  aus  neutralen  -?7«e;i- stammen,  y.v-f.ia  n. 
'woge',  y,vv-f.ia  n.  *^das  kratzen',  Tqv-f.ia  n.  und  igv-f-U]  f. 
'loch,  ritz',  öTv-(.ia  m.  "^aufrichtung  des  männlichen  gliedes'. 
Vergl.  Lobeck  paralip.  420.  Mit  dem  inschriftlichen  Tsi-inrj 
erhält  nun  -rl-^r?;  die  oben  s.  37.  angedeutete  vermittelung. 
Dazu  kommen  als  griechische  bildungen,  über  welche  dichter- 
stellen nichts  aussagen,  indes  mit  mehr  oder  weniger  hand- 
schriftlicher gewähr  nach  Lobeck  paralip.  412  ff.:  r^lii-jna  n. 
''geriebenes,  durchtriebener  mensch"*,  7cvly-i^ia  n.  Mas  sticken, 
erwürgen',  f^uy-fiia  n.  "^gemischtes,  mischung';  betreffs  deren 
abwechseln  mit  TQiftjua,  Ttrly/naj  (.uyi^icc  in  anderen  Codices 
vom  sprachwissenschaftlichen  Standpunkte  nur  gilt,  dass  die 
„  inconstantia "  1.  Bekkers,  Lobecks  u.  a. ,  welche  „  quod  quo- 
que  loco  in  codd.  scriptum  invenitur"  aufnehmen,  vor  dem 
nivellierenden  corrigieren  anderer,  wie  G.  Hermanns,  Jacobs, 
zu  loben  ist.  Aus  dem  germanischen  ist  /?7-??«e?i-  'daumen', 
ags.  afries.  püma ,  ahd.  dümo  m. ,  falls  es  nicht  wie  oben 
s.  124.  als  Substantivierung  eines  -mo-adjectivs  aufzufassen 
ist,  sondern  mit  von  Bahder  verbalabstr.  1 40.  als  echter  alter 
-?/2ew- stamm,  dann  hier  einzureihen. 

In  sprachen,  welche  indog.  ei^  eii  mit  I,  U  zusammen- 
fallen Hessen,  erheben  sich  wegen  der  alten  Wurzelabstufung 
wieder  Schwierigkeiten  bei  der  bestimmung  der  ablautsstufe 
eines  -?wew- Stammes.  Lat.  crl-men  *^beschuldigung,  verbrechen' 
braucht  nicht  dem  griech.  y.Ql-f.ia^  lat.  nU-men  'wink'  nicht 
dem  griech.  v€v-/na  aufs  haar  congruent  zu  sein;  jenes  kann 
auch  dem  etwa  vorauszusetzenden  *x^e?-^m,  dieses  umgekehrt 
griechischem  ^vv-iia  gleichstehen.  Entsprechendes  gilt  von 
lat.  as-sü-men-tu-m  'angenähter  läppen'  und  seinem  Verhält- 
nis zu  griech.  /MG-ov-fia.  Lat.  rU-men  'säugende  brüst,  euter', 
als  'ding  zum  reissen,  woran  man  reisst',  und  'kehle,  gurgel, 


—    142     —    . 

Schlund',  als  "^diüg  zum  reissen,  was  reisst,  herunterstürzt' 
(zu  lat.  ruere\  mag  mit  ags.  reo-ma^  alts.  ahd.  rio-mo  ^rie- 
men'  sich  decken,  sowie  mit  sanskr.  ^ro-man-  ""das  um- 
stürzen' in  roman-tha-s^)  m.  ''das  wiederkäuen'  (vergl.  lat. 
rümin-Ure  *" wiederkäuen')  und  demgemäss  auch  mit  germ. 
reu-men-  *^milchrahm',  anord.  rjömi  m.  als  *^das  abzureis- 
sende', das  regelrecht  neben  der  gleichbedeutenden  -?;«o-bil- 
dung  westgerm.  rau-mo-z  =  ags.  rea//?,  niederd.  rö?nj  mhd. 
?wum  m.  steht  (von  Bahder  verbalabstr.  132.  141.)  und  also 
mit  reu-men-'^riemQn  identisch  wird,  endlich  mit  lit.  rau-tnü 
m.  '^muskelfleisch',  wol  Voran  sich  reissen  lässt'.  Aber  lat. 
rü-men  kann  auch  =  griech.  Qv-f^ia  sein.  Auch  von  lat. 
lü-men  n.  bleibt  fraglich,  ob  es  direct  dem  anord.  Ij6-mi^ 
ags.  leo-ma,  alts.  lio-mo  m.  *^glanz,  licht,  strahl',  urgerm. 
leuh-men-  gleichkommt  oder  als  Vertreter  von  indog.  lük^- 
-men-  näher  zu  got.  laüh-mtm-i  f.  *^blitz',  urgerm.  luh-vien- 
sich  stellt;  got.  laüh-mun-i  hat,  beiläufig,  das  h  der  wurzel- 
betonten paradigmenform,  das  ags.  leoma,  alts.  Homo  durch 
die  umgekehrte  ausgleichung  nicht  haben  (vergl.  von  Bahders 
erklärungen  des  ^Qxm.  tau- m 6-^ Z2i\xm\  drau-mö-'ixd^\.ni 
und  fröhliches  treiben'  nach  Sievers'  g^?^-gesetz  verbalabstr. 
130.  133.  134.,  wo  aber  auch  an  die  Verschiebung  zwischen 
tduh-mo-j  dräuz-mo-  und  tu{z)w-mö-j  dru(g)w-mö- 
zu  erinnern  gewesen  wäre).  Viele  germanische  -men-hil- 
dungen  mit  T  bei  von  Bahder  verbalabstr.  138  jBP.  sind  auf 
dieselbe  weise  zweideutigen  wesens  wie  die  angeführten  latei- 
nischen, alle,  deren  wurzel  eine  ei-  wurzel  ist.    Z.  b.  in  alts. 


1)  Man  erwartet  nach  shnän-ta-s,  heman-tä-s ,  auch  nach  cröma- 
-ta-m  n.  mit  t  vielmehr  ein  *romcm-ta-s.  Ich  glaube,  dass  auf  letzteres 
manth-ä-s  m.  'das  umrühren,  umschütteln'  einwirkte;  udgirnasya  vä 
avagirnasya  vä  mantho  romanthah  bei  PataSjali  zu  Pän.  III  1,15.  (vergl. 
Petersb.  wörterb.  II  691.  VI  447.)  zeigt  uns  dies  volksetymologische  spiel. 


—     143     — 

ahd.  M-mo  m.  *^keim'  ist  indog.  g^ei-men-  =  sanskr.  ved. 
je-man-  m.  "^ Überlegenheit,  überlegener'*  (s.  73.)  und  indog. 
g^l-men-  zusammengefallen.  Das  ablautsverhältnis  indog. 
ei:i  mit  von  Bahder,  jedoch  auch  unsere  abstuf ung  indog. 
i :  i  darf  man  finden  in  got.  skei-ma  m.  *^leuchte\  anord. 
ski-mi,  (ags.  sci-ma^  alts.)  ahd.  ski-mo  m.  *^glanz,  Schimmer' 
neben  (ags.  sci-ma,  alts.  sci-mOj)  mitteld.  schi-me  sche-me  m. 
"^schatten,  Schattenbild',  in  ags.  afries.  svi-ma  m.  "^schwinder 
(falls  dies  sicher  i  hat)  neben  anord.  svi-mi  m.  dass. 

Sicherheit,   dass  in  einem   solchen   falle   einzelsprach 
liebes  ~i  =  indog.  t  ist,  gibt,  wenn  er  erbracht  werden  kann 
der  nach  weis,   dass  die  betreffende  wurzel  nicht  e/-wurzel 
die  -77?e?i-bildung  also  von  der  art  wie  griech.  dal-/iiwv  m. 
cd-f-LCi  n.,  lat.  *  caid-men-  in  cae-men-tu-m  n.  ist.    So  bei  germ 
sJ-men-  ^seil',  vergl.  oben  s.  133 f.    Zu  dessen  wurzel  ge- 
hört auch  lat.  sae-ta  f.  ^börste,  starkes  tier-  und  menschen- 
haar'  als  ^fest  eingespanntes'  (vergl.  sanskr.  st-män-^  si-ma^ 
si-män-ta-s  ''haarscheide,  scheite!'),  formal  als  starkwurzelige 
participform  (vergl.  s.  93  ff.),  dem  sich  ebenfalls  mit  indog.  aj^ 
anreihen  lit.  pa-säi-ta-s  m.  *" zwischen riemen  als  Verbindungs- 
glied z.  b.  beim  dreschflegel  zwischen  stiel  und  klöpfel,  rie- 
men  der  die  peitsche  an  dem  stocke  befestigt'  (kr.  Ragnit), 
ags.  sä-^  n.,  ahd.  sei-dh  sei-d  n.  ^strick,  fallstrick',  ags.  sa-da 
m.  ^strick',  ahd.  sei-to  m.,  sei-ta  f.,  mhd.  sei-te  m.  f.  '^strick, 
fallstrick,  fessel,  saite  eines  Instruments'.    Da  aucti  die  -tel- 
nomina  keine  hochstufe,  also  kein  indog.  oi  bei  e/-  wurzeln  in 
der  wurzelstarken  form  haben  nach  s.  106  flf.,  so  wird  normal 
ein  indog.  säi^ti-s  repraesentirt  durch  abulg.  se-ttf.  'strick, 
fangstrick'  (wegen  slav.  e  als  nichtvertreter  von  ursprüngl.  ei 
sieh  s.  7.),  lit.  pa-sai-ti-s  m.  '^riemen,  gehenk'  (Nesselmann 
wörterb.  278  b.),  gen.  pa-saicsio^  -^ö- stamm  aus  -/e/- stamm 
wie  häufig  (s.  97.  120.  122.).    Alle  diese,  wie  sie  indog.  ai  für 


—     144     — 

sanskr.  se-iu-s  adj.  *" bindend,  fesselnd',  m.  ^fesseler,  band, 
fessel,  dämm,  brücke',  avest.  hae-tu-sk  m.  'brücke,  weg'  und 
sanskr.  ved.  se-ldr-  m.  'fesseler',  se-tra-  n.  'fessel'  sichern, 
so  weisen  sie  andererseits  indog.  «/  der  -wzö-bildung  anord. 
sei'Vi-7'  m.  'gold-,  silberdraht',  endlich  indog.  l  den  tiefstufen- 
bildungen  abulg.  si-tX-ce  n. 'kleiner  strick,  fangstrick,  schlinge', 
anord.  si-^-r  adj.  'herabhangend,  lang',  anord.  ä7-9ö,  ags. 
si-de^  2i\i^.  si-da^  ahd.  st-ta  f.  'seite' •  (vergl.  oben  s.  81.), 
endlich  unserer  -7we/i-bildung  germ.  si-men-  'seil,  strick'  zu. 
Lit.  se-ta-s  m. 'strick  zum  anbinden  des  viehs',  se-ta  f. 'buckel 
oder  knöpf,  mit  dem  der'gürtel  oder  sattelgurt  befestigt  wird' 
(bei  Nesselmann  wörterb.  464  a.  aus  Szyrwid)  können  des 
lit.  e  in  der  „^ -reihe"  wegen  nur  slavische  lehn  Wörter  sein, 
wie  für  letzteres  bereits  A.  Brückner  litu-slav.  stud.  I  76.  130. 
annimmt.  Ferner  ist  zu  bemerken,  dass  nhd.  saüe  'fidis, 
chorda  seine  dentalstufe,  t  statt  d,  von  der  alten  schwester- 
form im  paradigma  nhd.  seite  'latus'  übertragen  bekommen 
hat  durch  die  umgekehrte  accentausgleichung  wie  bei  sanskr. 
^/'-^a 'furche'  nach  "^se-tä  (oben  s.  94.).  Darf  man  es  wagen, 
zu  unserer  -;we«-bildung  als  die  starkwurzelige  paradigmen- 
form  auch  griech.  al-f^ia  n.  'blut'  zu  ziehen,  und  die  -mo- 
bildung  anord.  sei-m-r  'draht'  =  indog.  säi-mo-s  für  iden- 
tisch mit  anord.  hmiangs-seim-r  m.,  ahd.  mhd.  seini  m.  'honig- 
seim',  griech.  aiino-  in  oin-aiiiio-g,  av-aif-io-g  "U  halten,  welche 
letzteren  bereits  Fick  wörterb.  P  799.  IP  256.  IIP  313,  zu- 
sammenstellte? 'Blut'  und  'seim'  als 'dickflüssiger  saft'  wären 
entweder  benannt  als  'compact  in  sich  verbundene  masse' 
oder  als  'bindung,  bindemittel  zwischen  den  einzelnen  teilen 
nicht  tropfbar  flüssiger  körper',  wofür  sich  vielleicht  ander- 
weitige analogien  beibringen  lassen. 

Von  der  möglichkeit,  auf  eine  ö/-wurzel  zu  recurrieren, 
wäre  vielleicht  in  noch  anderen  germanischen  fällen  gebrauch 


—     145     — 

zu  machen,  wo  von  Bahder,  um  wurzelhaftes  gerra.  ai  einer 
-men-hi\di\m^  statt  ~i  zu  erklären,  zu  der  annähme  der  Ver- 
mischung von  -me/z-stamm  mit  -;?zö-stamm  greift.  So  könn- 
ten doch  wol  ahd.  glei-mo,  mhd.  glei-me  m.  "^glühwürmchen' 
und  mhd.  gli-me  m.  dass.  (oben  s.  1 30  f.)  auf  ein  paradigma, 
das  des  einen  -/^zew-stammes,  zurückgehen ;  wäre  lat.  lae-tu-s 
'froh,  heiter^  aus  *hlat-to-s  sicher  verwant  nach  Fick  wörterb. 
IP  S4.  IIP  112.,  so  wüchse  die  Wahrscheinlichkeit  dieser  an- 
sieht. Unter  dieser  Voraussetzung  glaubte  ich  auch  in  ahd. 
glizemo  oben  s.  131  f.  das  i  als  indog.  I  betrachten  zu  sollen; 
und  ich  berufe  mich  noch  auf  die  nach  dem  ausdrücklichen 
bericht  römischer  schriftsteiler  (Tacit.  German.  45.,  Plin.  nat. 
bist.  XXXVII  3  [1 1 1,  42.)  den  Deutschen  abgehörte  lateinische 
benennung  des  'bernsteins',  glaesum^  formal  ein  -^ö-particip, 
als  solches  dann  mittelstufig  in  der  wurzel,  wie  die  sehr 
ähnlichen  lat.  caesu-Sj  laesu-Sy  jedoch  wegen  des  -s-  aus  indo- 
germanischem doppeldental  auf  urgermanischer  ausgleichung 
zwischen  gläisto-  und  glis6-  beruhend,  vergl.  s.  77.  91. 
93 ff.  Von  der  erweiterten  wurzel  indog.  gh^lai-d-  ist  ags. 
zlitunj  alts.  glUan,  ahd.  glizan  das  aoristpraesens,  neben  dem 
in  der  bekannten  weise  (sieh  s.  4  ff.)  die  nasalierte  bildung 
mhd.  gliiizen  hergeht,  die  auch  in  abulg.  glelda^  gled-eti 
"^sehen'  aus  ^glmd-juj  ^glind-eti  zu  gründe  liegt;  gh^lind- 
aus  normalstufigem  gh^laid-j  wie  indh-  in  ^anskr.  ved. 
z«//Ä-e*^entflamme^  zu  azfl?Ä-,  ald-to^).    Unsicher  freilich  wür- 


1)  Joh.  Schmidt  indog.  vocal.  I  57.  führt  die  ^-formen  wie  ahd.  glU 
zan,  gleiz  auf  die  «-formen,  mh^.  g  Unzen  ^  glänz,  mhd.  glaz  'kahlkopf, 
glas-t  m.,  gles-te  f.  'glänz',  ahd.  mhd.  glas  'vitrum'  zurück.  Für  diesen 
und  noch  andere  fälle  ist  der  umgekehrte  hergang  geboten;  denn  von 
germ.  glint-  =  indog.  *g holend-  würde  man  nie  auf  die  historischen 
formen  des  ablauts  germ.  glit- :  glait-  kommen.  Dagegen  nahmen  die 
nasallosen  «-formen  mhd.  glaz  u.  s.  w.,  ahd.  mhd.  glat  'glatt,  glänzend 
ihren  Ursprung  von  dem  alten  intensiven  jod-praesens  mhd.  glitzen,  in- 

Oathoff  u.  Brugman  untersuch.  IV.  1 0 


—     146    — 

den  diese  combinationen ,  wenn  auch  griech.  i'ki-io  /werde 
warm  oder  weich,  zerschmelze,  zerfliesse,  bin  üppig,  schwelge, 
prunke"*,  y}^i^-ri  f.  'Weichlichkeit,  Üppigkeit,  prunk'  von  Fick 
aa.  aa.  oo.  mit  reöht  verglichen  würde,  denn  xloid-aco^  tloi- 
d-iOKißy  x€-xloid-€v,  dia-'Ae-yloiö-tög  bei  Hesychius  (Curtius 
grundz.^  656.  verb.  d.  griech.  spr.  P  285.  11^  207.)  weisen 
allerdings  wol  auf  eine  e/-  wurzel  griech.  ^xIblö-,  Aber  wenn 
Curtius  grund.^  656.  und  Pott  wurzel- wörterb.  I  1,  556.  nicht 
einmal  die  Zusammenstellung  von  ^AZ-w  mit  lat.  gli-sco  *^ent- 
glimme,  lodere  auf  von  selten  der  bedeutungen  besonders 
ansprechend  finden,  wie  viel  fraglicher  bleibt  die  verwant- 
schaft  des  %U-o},  xliö-r]  mit  der  in  rede  stehenden  germa- 
nischen Wortsippe?  Also  halte  ich  vorläufig  die  auffassung 
des  ahd.  ei  in  ylei-mo  als  indog.  ai  für  gerechtfertigt.  Was 
von  Bahder  verbalabstr.  s.  143.  femer  hinderte,  germ.  smak- 
-TTiew- *^geschmack'  =  ahd.  ge-smagmo  m.  eine  bildung  wie 
germ.  ah-men-^ge\st^  ==  got.  ahma  m.,  gla^-me?i'''irevide^ 
=  ags.  glced-ma  m.  von  einer  wurzel  „  mit  A "  sein  zu  lassen, 
sehe  ich  auch  nicht.  Sein  erklärungsprincip  an  sich  will 
ich  durch  alles  dies  nicht  in  frage  stellen;  für  alts.  Itmo, 
ahd.  leimo,  mhd.  leime  m.  *^lehm'  von  sicherer  e?'- wurzel 
(griech.  lei-^wv  ^  sieh  s.  112.  anm.)  wüsste  ich  auch  nichts 
anderes,  als  annähme  des  Übertritts  des  -?wö-stammes  von  ags. 
lärrij  ahd.  mhd.  leim  m.  (s.  129.)  in  die  schwache  declination, 
wobei  aber  vielleicht  die  Zuhilfenahme  eines  nebenliegenden 
gleichwurzeligen  -;?iew-stammes  gar  nicht  von  nöten  ist.  Oder 
wenn  doch  davon  gebrauch  zu  machen  ist,  wie  bei  griech. 
ol-{.ia  nach  ol-^io-g  (s.  140.),  so  möchte  ich  vermuten,  dass 
der  zusammenfall  des  wurzelablauts  bei  der  -m,o-  und  der 


dem  ursprüngliclies  glit-ja,  glait  sich  wol  zunächst  zu  glii-ja^ 
glnt  umformen  mochte,  wie  bidja,  haid  zu  bz'dja,  bad  und  stikja^ 
staik  zu  siikja,  stak  (verf.  Paul-Braunes  beitr.  VIII  140 ff.)- 


—     147     — • 

-men-aMQitvmg  in  den  suffixbetonten  casusformen  wesentlich 
das  seinige  zu  der  Vermischung  beitrug.  Man  musste  ja,  um 
ein  beispiel  zu  gebrauchen,  nebeneinander  ursprünglich  diese 
Singular  -  Paradigmen  im  althochdeutschen  haben: 

1)  nom.  leim    (=  lat.  ^loemus) 
gen.    ämes  (-=  lat.  l'iml) 
dat.    lime    (==  lat.  l^md) 
acc.    leim     (=  lat.  *loemum) 

2)  nom.  ^lirno     (=  griech.  ^ksljuwv) 
gen.    ^Itmin  (=  griech.  Itjuevog) 
dat.    *llmi?i  (=  griech.  Xtfxevt) 
acc.    *timun  (==  griech.  '^'/Jti.iova) 

3)  nom.  gleimo  (vergl.  griech.  öalf^nov) 
gen.    gttmin 

dat.    gttmin 
acc.    glimun. 
Wie  da  eine  declination  ahd.  leimo^  ^fimin^  *limin^  ^limtm^ 
hernach  /eZ/wö,  leimin  u.  s.  w.  auch  bei  einer  ^i-wurzel  auf- 
kommen konnte,  ist  leicht  ersichtlich. 

R.    Nomen  mit  suff.  -iö-: 

Avest.  vis-i/ö  adj.  ''die  clane  betreffend',  m.  *" clanfürst' 
=  sanskr.  ved.  vic-ya-s  adj.  ^zum  hause  oder  stamme  ge- 
hörig, eine  gemeinde  bildend',  m.  ^ein  mann  vom  volke  oder 
von  der  dritten  käste';  apers.  vith-iya  adj.  *^zum  clan  gehörig', 
m.  'clangenosse'. 

Sanskr.  üh-ya-s  adj.  *^zu  erschliessen'  =  avest.  iiz-y6 
m.  nom.  propr.  des  sohnes  des  Vafihudhäta.  Von  würz,  sanskr. 
üh-,  avest.  uz-  'beachten,  merken  auf;  vergl.  Böhtlingk-Roth 
I  1036.,  Justi  handb.  d.  zendspr.  61b. 

Sanskr.  üh-ya-gana-m  n.  nom.  propr.  des  vierten  gäna 
oder  gesangbuche^  des  sämaveda  ==  sanskr.  uh-ya-gäna-m 
n.  dass. 

10* 


—     148     — 

Sanskr.  pu-ya-  m.  n.  'stinkender,  fauliger  ausfluss,  jauche, 
eiter'  =  griech.  7tv-o-v  n.  'eiter'  in  dem  verse  des  Em- 
pedokles  bei  Aristoteles  gen.  auim.  IV  8.  (ro  yaXa)  fXTqvbg  h 
oyöoaTT]  öexccTj]  Ttvov  etcXeto  kevKov y  griech.  e(j.-7tv-o-g  adj. 
*^purulentus'  Andromach.  v.  55.  Die  betonung  Ttvov  ist  hand- 
schriftlich häufiger  tiberliefert,  freilich  sonst  nicht  gesichert. 
Vergl.  Lobeck  rhematicon  sive  verb.  graec.  et  nomin.  verbal, 
technol.  309  f. 

Sanskr.  bhü-ya-m  n.  ''das  werden,  sein'  am  ende  von 
compp.  z.  b.  ved.  arnutra-bhuya-m  n.  *^das  dortsein,  in-jener- 
welt-sein,  gestorbensein"*,  nachved.  ätma-^  deva-^  brahma-bhü- 
ya-TUy  ved.  vasyo-bhuya-m  n.  'besserung,  mehrung  der  wol- 
fahrt"*,  nachved.  vrtta-bhüya-  adj.  =  lat.  du-biu-s  ''zweifel- 
haft'', eigentlich  'zwiefachen  wesens'  aus  ^dü-bü-w-s^  vergl. 
s.  1 5  ff.  anm.  Doch  wird  diese  nummer  unsicher  dadurch,  dass 
man  du-biu-s  auch  aus  einem  indog.  du-bhn-iip-s^  urlat. 
*du-bv'iO'S  herleiten  kann,  wie  griech.  rrj-Tt-io-g  aus  *vrj- 
-7tß-w-g  (s.  67.)  und  wie  dem  griech.  vTtsQ-cp-laXo-g  ein 
*  v7ceq-cpF-ialo-g  zu  gründe  zu  legen  ist. 

Abulg.  ryzdi  adj.  'rot'  aus  *ryd-ji  =  abulg.  ruzda  f. 
'rost'  aus  ^rüd-jä-^  anord.  ry'^-r  m.,  r//9  n.  'rost',  stamm 
germ.  rud-vo-, 

Ahd.  ana-liut-e  n.  'vultus,  facies'  nur  in  Notkers  psalmen 
(vergl.  Graff  II  201  f.),  wo  das  tu  sicher  als  2-umlaut  des  ü 
zu  verstehen  ist  (Holtzmann  altd.  gramm.  I  1,  257.)  =  ahd. 
ana-lutt-e  n.  dass.,  ahd.  ant-lutt-i  n.,  mhd.  ant-lutt-e  ant-lütt-e 
n.  'antlitz'.  Got  lud-ja  f.  'TtgoGWTtov^  Matth.  VI  17.  mag 
lüd-ja  oder  lüdj'a  sein.  Ich  werde  von  dr.  Kluge  auf  dieses 
beispiel  aufmerksam  gemacht. 

Es  sei  in  kürze  noch  des  adjectivs  sanskr.  ved.  tü'-ya-s 
^kräftig'  gedacht  als  einer  mit  pu-ya-,  bhü-ya-  gleichartigen 
bildung;  indog.  tü-io-  ist  daneben  nicht  nachweisbar. 


—     149     — 

S.   Nomen  mit  s uff.  -ro-j  -lö-\ 

Avest.  i-re-m  n.  ^gltick'  =  sanskr.  ved.  i-ra  f.  ''labung, 
genuss,  wolbehagen'.  Zusammenhang  mit  sanskr.  ir-^  ir-te 
''setzt  sich  in  bewegung,  erhebt  sich',  avest.  iraiü  ^er  stürze, 
werfe  hin'  (Fick  wörterb.  P  285.)  vermag  ich  schon  der  be- 
deutungen  wegen  nicht  zu  sehen. 

Sanskr.  ved.  tdh-r-iya-  adj.*^zum  heitern  himmel  gehörig' 
(Petersb.  wörterb.  V  1149.);  ags.  afries.  td-el^  alts.  id-al^  ahd. 
it-al  adj.  ''pur,- lauter,  eitel,  leer,  nichtig'  =  griech.  ^S-ago-g 
adj.  'heiter,  klar,  rein'  Simmias  in  anthol.  Pal.  XV  22,  10. 
(vergl.  Lobeck  pathol.  serm.  graeci  proleg.  256.).  Aus  dem 
mit  vi-  componierten  sanskr.  vidh-rä-  oder  vidh-ra-  adj.  *^klar, 
hell',  ved.  vidh-re  loc.  sing.  *^bei  hellem  himmel'  ergibt  sich 
leider  nichts  über  die  Quantität  des  wurzelvocals.  Die  unge- 
schwächte wurzelform  indog.  aidh-  in  griech.  alS-tOy  aid-rjQ, 
al^-Qäj  ald^-Q-läy  lat.  aed-es  ^  aes-täs  sichert  für  germ.  i  in 
J^-lö'S  'eitel'  die  abkunft  von  indog.  t. 

Sanskr.  ish-ira-s  ra.  'feuer'  als  'reges,  lebhaftes  dement'; 
griech.  homer.  T-eqö-g  adj.  *^regsam,  rüstig,  munter,  frisch, 
kräftig,  heilig',  homer.  T-Qo-g,  lesb.  l-Qo-g  adj.  dass.,  homer. 
ep.  ion.  'i-Q-v^^  m.  'habicht'  =  sanskr.  ved.  ish-irä-s  adj. 
'eilend,  strömend,  regsam,  rüstig,  munter,  frisch,  kräftig, 
blühend';  avest.  üh-are  n.  'Schnelligkeit',  acc.  adv.  'sofort, 
gleich  darnach,  sogleich';  griech.  homer.  nachhomer.  att.  dor. 
i-eQo-g  adj.,  att.  dor.  t-eg-ä^  m.  'habicht'.  Für  homer.  't-Qo-g 
scheint  es  mir  sicherer,  von  der  grundform  "^lo-QÖ-g  auszu- 
gehen, als  von  einem  *«(j-(>o-g,  bei  welchem  der  a-ausfall 
die  länge  des  i  auf  secundärem  wege  herbeigeführt  hätte. 
Erstens  gilt  mir  Tqr]-Q6-g  nicht  mehr,  wie  noch  forschungen 
II  48.,  für  den  abkömmling  eines  vorhist.  *Tqeo-Q6-g\  tqy]- 
-Qo-g  kann  spätere  griechische  bildung  von  rgi-w  sein,  wo- 
bei die  fälle  wie  oY.vri-o6-g  neben  oY.ve-io^  Ttovrj-Qo-g  neben 


—     150     — 

7tove-w  (Schrader  Curtius'  stud.  X  300  ff.)  die  muster  waren. 
Auch  Ttevra-itriQog  braucht  nicht  unbedingt  lautgesetzlich 
auf  *  7t€vra-ßeT€0-QÖ-g  zurückzugehen.  Ferner  zeigen  wol 
TteQl-QQVTo-Qj  af^icpl-QQVTo-g  deutlich,  was  aus  einem  *  ^o-Qo-g 
geworden  wäre.  Der  name  des  habichts  homer.  ion.  iQrj'^y 
att.  dor.  Uoä^y  dor.  lagä^  ist  wol  trotz  Brugman  Curtius'  stud. 
VII  340.  nicht  von  leQo-g  zu  trennen.  Das  „  capitel  der  Volks- 
etymologie" kann  man  dabei  unberührt  lassen,  wenn  man 
nur  die  ursprüngliche  bedeutung  des  uQog  im  äuge  be- 
hält. Wenn  IL  JT407.  ""der  muntere,  frische,  regsame  fisch' 
leQog  ix^vg  (nicht  treffend  bei  Curtius  grundz.^  161.  *^der 
grosse,  mächtige  fisch')  genannt  wird,  so  kann  auch  der 
rasch  enteilende,  lebhaft  dahinfliegende  habicht,  dieser  wyiv- 
Ttreqog  (IL  N  62.),  wKVTtirrjg  (Hesiod.  op.  et  dL  210.),  dg  t' 
wKLOTog  7C€T€r]VMv  (IL  O  238.),  von  demselben  stamme  „mit 
individualisierendem/"  (Curtius  grundz.^  382.)  benannt  sein. 
Brugman's  eigener  herleitung  aus  einem  reduplicierten  *//(>- 
ßrj'^  steht  im  wege,  dass  'i^rj^  bei  Homer  keine  spuren  anlau- 
tenden digammas  zeigt;  femer,  dass  dadurch  und  durch  eine 
grundform  "^ßi-ßagä^  für  dor.  Idgä^j  att.  le^ä'^  doch  keine 
einheit  mit  dem  hesychischen  ßaqßa^  erreicht  wird,  welches 
letztere  als  ein  lykisches  wort  Curtius  grund/  576.  mit  recht 
als  „  bei  griechischer  Sprachforschung  überhaupt  gar  nicht  in 
betracht  kommend"  zurückweist.  Keine  der  sechs  formen 
des  adjectivs,  homer.  (und  neuion.)  iqogy  lesb.  Iqog^  boeot. 
thessal.  el.  dor.  lagog,  korkyr.  el.  iaqogy  homer.  leQÖg^  homer. 
att.  dor.  ^iSQÖg  (vergl.  Giese  aeol.  dial.  409.,  Ahrens  dial.  I  26., 
G.  Meyer  griech.  gramm.  §  92.  s.  96  f.  §  244.  s.  217.),  ist  auf 
griechischem  boden  aus  einer  der  andern  lautgesetzlich  ent- 
standen. Ohne  einen  anhält  an  griechischen  lautgesetzen 
lässt  noch  jüngst  G.  Meyer  griech.  gramm.  §  92.  s.  96  f.  aus 
iaqög  „durch  assimilierenden  einfluss  des  i"  leQog^  hieraus 


—     151     ~ 

„durch  zusammenziehuDg  homer.  neuion.  iQog^  lesb.  Igog^ 
entstehen  und  meint  §  146.  s.  139.  homer.  Jegog  aus  einem 
*  uEQog  gewinnen  zu  können.  Dem  suffixe  sanskr.  -irä-  ent- 
spricht getreu  griech.  -ago-  =  indog.  -r?^ö-.  Folglich  ist  das 
in  dialekten  gewahrte  l-ago-g,  dessen  quantität  des  wurzel- 
vocals  wir  nur  leider  nicht  kennen,  dem  ved.  ish-irä-s  am 
nächsten,  bei  eventueller  kürze  des  l  vollkommen  gleich. 
t-sQo-g,  i-eqo-g  zeigen  suffixvertauschung  zufolge  der  ana- 
logie  von  dce-qo-gj  dole-Qo-gy  cpoße-qo-gy  TQü/ne-Qo-g  u.  a., 
ableitungen  aus  ö- stammen.  Ebenso  liegt  neben  oxta-Qo-g 
(Pindar  Olymp.  III  14.  18.),  oxiago-KOf-w-g  (Euripid.  Bacch. 
876.)  gemeingriech.  ozcego-gy  neben  älterem  yliaqo-g  spä- 
teres xheqo-g,  neben  ^ciago-g  ftieqo-g;  vergl.  Gust.  Meyer 
griech.  gramm.  §  92.  s.  97.  Endlich  «-^o-,  lesb.  l-go-  = 
ursprüngl.  is-rö-  verhält  sich  zu  i-aqo-,  ish-irä-  wie  griech. 
iQvd-QÖ-,  lat.  ruh-ro-^  abulg.  rüd-ro-  zu  sanskr.  rudh-irä-^ 
wie  sanskr.  ^idh-rä-  in  vidh-rä-  zu  griech.  ^id^-ccqo-  (s.  149.) 
griech.  OLv-ago-  zu  ocv-ö-Qo-y  vö-ago-  zu  vö-qo-.  Die  ent- 
scheidung  über  die  Wechselbeziehung  der  suffixformen  -f /'ö- 
und  -?'ö-  muss  auf  dem  gebiete  der  indogermanischen  laut- 
lehre,  nicht  der  einer  einzelsprache  fallen.  Vielleicht  redu- 
ciert  sich  die  vierheit  indog.  Js-rrö-j  is-rrö-,  is-rö-, 
is-rö-  weiter  zurück  auf  eine  zweiheit  is-rrö-,  is-rö--^ 
vergl.  weiter  unten.  Woher  endlich  in  igo-gy  laqS-g,  teqo-gy 
^€Q6-g  und  leqa^  der  Spiritus  asper  stammt,  bleibt  vorläufig 
dunkel.  Dass  der  lenis  in  Igo-g  nicht  auf  rechnung  der  les- 
bischen Vorliebe  für  „psilosis"  kommt,  beweist  ausser  der 
Sprachvergleichung  das  iaqo-g  der  Korkyraeer,  hc-iaqog  der 
Elier  (Gust.  Meyer  griech.  gramm.  §  244.  s.  217.).  Darf  man 
an  volksetymologischen  einfluss  von  uoS^ai  med.  ^sich  schnell 
bewegen,  eilen'  auf  */€^oi; ''rüstig',  * Uqä^' hMcht^  denken? 
Sanskr.  ci-ra-s  adj.  *^lang,  langwährend',  a-ci-ra-m  adv. 


—     152     — 

'"schnell,  bald';  slov.  ci-l  adj.  ^ausgerastet'  (Miklosich  lex. 
Palaeoslov.  1118  b.  unter  citi)^  abulg.  po-ci-ln  '^ausgeruht 
habend'  partic;  got.  hvei-la^  Sigs.hvi-lj  altfries.  hwi-le,  alts. 
hwi'l  hwi-la^  alid.  hwi-l  hwi-la  wi-la  f.  *^weile,  zeit,  Zeitdauer', 
anord.  hvi-l  f.  "^ruhebett^,  got.  kveilanj  ahd.  ivilöji  *^weilen, 
verweilen,  sich  aufhalten'  denom.  =  sanskr.  ci-rd-s  adj. 
'lang,  langwährend',  ci-rä-m  n.  'Verzögerung,  das  zögern', 
adv.  'lange,  langsam,  vor  langer  zeit',-  cirena  instr.,  ciräya 
dat.,  cirät  abl.  sing,  adv.,  cira-ya-ti  und  cirä-ya-ti  'macht 
lange,  säumt,  bleibt  lange  aus'  denom.;  abulg.  cio-veküy  russ. 
celo-vekü  m. 'mensch'  d.  i.  urslav.  *cilo-vefm  (Joh.  Schmidt 
indog.  vocal.  II  38  f.  anm.)  bahuvrihicomp.  'der  eine  weile 
lebende,  aliquamdiu  aevum  {vekü  m/auovj  aevum')  habens', 
vielleicht  im  gegensatz  zu  gott  oder  göttern  als  ewig  leben- 
den (homer.  aiev  l6vTeg\  oder  auch  'der  eine  lange  lebens- 
dauer  habende';  lett.  zil-wek-s  m.  'mensch'.  Zur  etymologie 
vergl.  auch  Froehde  Bezzenbergers  beitr.  I  199.  Die  longae- 
vitas  wird,  wie  im  slavo- lettischen,  öfter  zum  charakteristi- 
cum  für  menschen,  sowie  tier-  und  pflanzen gattungen;  vergl. 
sanskr.  cira-jivaka-^  cira-jivin-^  ciram-jiva-^  ciram-jwin-^  cirä- 
yus  adj.  'lange  lebend,  langlebig',  zugleich  epitheton  mensch- 
licher und  göttlicher  personen,  der  krähe,  bestimmter  bäume 
und  pflanzen,  griech.  MaxQÖ-ßiog  als  nomen  proprium,  ol 
MaxQoßwt  name  eines  aethiopischen  Volkes  Herod.  III  17. 
Dionys.  Perieg.  560.  Plin.  bist.  nat.  VI  30, 190.  VII 2,  27.,  eines 
Volkes  der  Hyperboraeer  Orph.  Argon.  1112.,  der  ein  wohner 
der  Stadt  Apollonia  in  Makedonien  Plin.  bist.  nat.  IV  10,  37. 
Als  der  im  Wechsel  der  erscheinungen ,  z.  b.  im  vergleich 
mit  manchen  kurzlebigen  gattungen  der  haustiere,  ein  an- 
dauernderes dasein  fristende  —  denn  'absolut  lang'  be- 
deutete auch  indog.  kHlö-  nicht  —  mochte  sich  der  mensch 
in  einer  naiveren,  lebensfroheren  phase  des  antiken  denkens 


—     153    — 

vorkommen,  während  spätere  düstere  Sentimentalität  mit  Vor- 
liebe die  kürze  des  menschlichen  lebens  betonte. 

Sanskr.  yz-r^-5  adj.  *^lebhaft,  rasch,  tätig"*;  avest.  daema- 
-ji-n^  adj.  *^ lebhaft  an  den  äugen "*,  poiirn-ji-rö  ""sehr  tätig'; 
abulg.  zi-rn  m.  Veide,  pascuum'  als  '^lebensvolles,  frisch  grü- 
nendes'; lett.  dfi-rns  f.  plur.  'gelage'  =  avest.y/-rö  adj.  ''eifrig', 
j)ouru-ji-rd  *^sehr  tätig';  lat.  vi-re-ö  ''bin  frisch,  bin  lebhaft, 
bin  kräftig,  grüne,  blühe'  denom.,  zri-ri-di-s  adj.  '^frisch,  leb- 
haft, munter,  jugendfrisch,  blühend,  grünend,  grün'.  Etymon: 
Wurzel  indog.  </^e/-  ^oben  auf  sein,  siegen,  leben'  (s.  72  f.). 

Sanskr.  ni-rä-m  n.  '^wasser,  saft'  =  avest.  ni-re-m  n, 
"^Wasser'.  Zu  wurzel  rvi-  als  '^durchgeleitete  flüssigkeit',  wie 
auch  für  sanskr.  ni-tha-m  n.  "^führung,  durchschlupf,  weg'  im 
^abdakalpadruma  die  bedeutung  "wasser'  angegeben  wird 
nach  Böhtlingk-Roth  IV  285. 

Griech.  7cl-lo-g  m.  ^filz'  ==  lat.  pi-lu-s  m.  *^haar'.  Es 
ist  unnötig,  mit  Gust.  Meyer  griech.  gramm.  §  293.  s.  251. 
7tllo-g  auf  '^Ttiho-g  zurückzuführen,  um  auf  diese  weise 
quantitätsgleichheit  mit  dem  lateinischen  Worte  zu  erzielen. 

Griech.  homer.  cpl-le  voc.  sing,  '^lieber,  freund'  IL  /f  155. 
E  359.  d)  308.  =  griech.  homer.  nachhomer.  cpt-lo-g  adj. 
'^lieb',  m.  ^freund'.  Einen  versuch,  dem  worte  pronominale 
herkunft  zu  vindicieren,  trifft  man  weiter  unten. 

Sanskr.  vi-rd-s  m.  *^mann,  held';  avest.  vi-ro  m.;  umbr. 
vei-ro  m.  acC  plur.  (vergl.  Br^al  les  tabl.  Eugub.  89.,  Job. 
Schmidt  indog.  vocal.  II  358.);  lit.  vij-ra-s  m.  =  sanskr.  ved. 
virä-shdh-  adj.  *^männer  in  sich  fassend,  männer  aufnehmend' 
(Petersb.  wörterb.)  oder  "männer  beherrschend'  (Grassmann 
wörterb.  z.  rgv.)  rgv.  I  35,  6.;  lat.  vir  m.,  stamm  vi-ro-\ 
2i\i\x.  fer  m.,  stamm  fi-ro--^  got.  vair^  ags.  ver^  alts.  ahd. 
wer  m.,  stamm  germ.  wi-ro-.  Ved.  virä-shdh-  reiht  sich 
den  unica  im  griechischen  und  germanischen,  iTv-OTcrao^ai 


—     154     — 

(s.  122.)  und  gi-sün-fader  (s.  117.),  an.  Andererseits  will  im 
lateinischen  Bücheler  coniect.  (ind.  schol.  Bonn.  1878—79) 
p.  24  sq.  lex.  Ital.  XXX  a.  vielleicht  mit  recht  an  dem  satur- 
nier  der  einen  Scipionengrabschrift  duonöro  öptumo  fuise 
viro  nichts  ergänzen  und  findet  so  ein  lat.  vtjw{in)^  für  das 
er  besonders  auf  das  umbrische  sich  beruft.  Das  etymon 
ist  lat.  vi-Sy  griech.  i-g  f.  *^ kraft'  (instr.  l-cpt  ^mit  kraft'): 
m-ro'S  adj.  ^kraftversehen'  ist  gebildet  wie  griech.  layl)- 
-^o-g*^ kräftig',  o/^Ci^-^d-g 'jammervoll'  und  andererseits  sanskr. 
madhü-rd-s  'süssigkeit  habend,  süss',  dsu-ra-s  *^lebendig',  mit 
der  bekannten  häufigen  function  des  secundärsuffixes  -ro- 
(Bugge  Kuhns  zeitschr.  XX  28.,  verf.  forschungen  I  78., 
Lindner  altind.  nominalbild.  144  ff.).  Mittelbar  wird  durch 
ui-rö-s  also  auch  für  ni-  'kraft'  alte  doppelformigkeit, 
uT-  und  *w?'-,  wahrscheinlich  gemacht. 

Sanskr.  ved.  nachved.  si-ra-  n.  m.  'pflüg';  abulg.  russ. 
si-lo  n.  'seil,  strick'  ==  ahd.  si-lo  m.,  mhd.  si-lcj  si-l  m. 
'geschirr  für  Zugvieh,  riemenwerk  des  Zugviehs,  siele'.  Zu 
Wurzel  indog.  sai-  'in  eine  feste  läge  bringen',  vergl.  s.  133  f: 
1 43  f.  Daraus  folgt  auch  für  das  slavische  wort,  wie  oben  für 
germ.  si-men-  (s.  143 f.),  die  Sicherheit,  dass  es  indog.  i  ent- 
hält. Die  wurzelstarke  themaform  wäre  im  slavischen  abulg. 
*se-lo  ==  anord.  ahd.  mhd.  sei-l^  ags.  *«-/,  alts.  se-l  n.  'seil', 
indog^  säi-lo-m,  dessen  accent  noch  ved.  si-ra-m  hat.  Im 
westslavischen  heisst  es  zwar  mit  suff.  -dlo  poln.  si-dio^  cech. 
*/-fi?/o'laqueus';  das  macht  mich  aber  an  ursprünglichem  -/o- 
nicht  irre,  da  ich  glaube,  dass  öfter  in  diesen  dialekten  bei 
alten  nomina  instrumenti  mit  -lo  das  viel  häufigere  -dlo  sich 
eindrängte,  z.  b.  auch  bei  ^o\vl.  szy-dlo^  cech.  äz-^/o 'subula' 
gegenüber  abulg.  neubulg.  slov.  si-lo^  kleinruss.  ^sy-lo  =  lit. 
siü-la-s  m.  'faden  zum  nähen,  zwirnsfaden'^  ahd.  siu-la  f. 
'subula'.    Ist  griech,  alX-ovQo-g  m.  f.  'katze,  wiesei'  eigent- 


—     155     — 

lieh  ^seilschwänzig,  schwänz  wie  ein  seil  habend'?  *aik-ov- 
Qo-g  könnte  im  anlaut  angelehnt  sein  an  aUlo-g^  wovon  Butt- 
mann lexil.  II  77.  und  Passow  handwörterb.  u.  d.  w.  aik-ov- 
qo-g  direet  ableiten  wollten.  Wenn  ahd.  silo  die  lautgesetz- 
liche form  des  nom.-acc.  sing,  des  alten  neutralen  o-themas 
urgerm.  A-27ö(7/z)  ist,  die  westgermanisch  bei  der  kurzen  Wur- 
zelsilbe nicht  synkopierte  nach  Paul  in  seinen  beitr.  VI  114. 
160.,  so  würde  diese  casusform  den  übertritt  in  die  masculine 
/^  -  declination  veranlasst  haben. 

Sanskr.  ved.  si-ra  f.  *^strom^  =  sanskr.  ved.  si-rä  f. 
'rinnsal'  (rgv.  I  121,  11.),  nachved.  ^eine  der  drei  gattungen 
von  gefässen  des  menschlichen  körpers  welche  flüssigkeiten 
führen,  ader,  Wasserader',  plur.  ^aderartig  sich  kreuzende 
linien',  ved.  nachved.  su-shi-rd-  adj.  *^gutes  gerinne  habend, 
hohl  (von  röhren)',  m.  *^rohr,  bambusrohr',  n.  'höhlung,  ein 
blasinstrument,  luftraum'.  Die  herleitung  von  würz,  sanskr. 
sar-  (Böhtlingk- Roth  VII  1011.  1018.,  Grassmann  wörterb. 
z.  rgv.  1521.  1522.,  Lindner  altind.  nominalbild.  152.  166.) 
geht  nicht  an,  da  sie  nur  die  eine  form  sira  (alsdann  aus 
"^srr-a)  erklären  könnte.  Da  'strombette,  ader'  die  grund- 
bedeutung  sein  kann,  so  mag  die  wurzel  dieselbe  sein,  wie 
für  si-ra-  ^pflug',  si-man-lä-s  *^scheitel,  grenze',  nemlich  indog. 
.va/-;  ädern  und  Strombetten  sowie  röhren  sind  rinnsale,  die 
flüssigkeiten  in  einer  bestimmten,  fest  umgrenzten  richtung 
halten  und  weiter  leiten.     Vergl.  s.  144.  über  griech.  al-/m. 

Abulg.  vyd-ro  n.,  abulg.  russ.  cech.  vijd-ra^  poln.  wj/d-ra 
f.  "^fischotter';  lit.  üd-j^a  f.,  lett.  üd-r-i-s  m.  (-/o-stamm)  *^otter' 
=  sanskr.  ud-rä-s  m.  *^ein  bestimmtes  wassertier,  krabbe, 
fischotter';  avest.  ud-rö  m.  Vasserhund,  fischotter';  griech. 
vö-Qo-g  m.,  vö-qä  f.  Vasserschlange ,  hydra';  anord.  ot-r^ 
ags.  ot-07^  ot-er^  ahd.  olt-er  ott-ir  ot-er  odd-er  m.  *^otter'. 

Griech.  ^v-qo-v  n.  ^schermesser'  (Draco  121,  16.);  abulg. 


—     156     — 

sy-rü  adj.  '^roh^;  lit.  sü-ra-s  adj.  *^salzig\  lett.  sü-r-s  adj. 
*^ herbe';  anord.  sü-r-r^  ags.  ahd.  mhd.  sii-r  adj.  ^sauer,  bitter' 
==  sanskr.  kshu-räs  m.  ^schermesser',  kshu-r-i  f.  "^dolch, 
messer';  griech.  §i;-(»o->' n.,  ^i;-(>o-g  m/schermesser'.  Draco 
a.  a.  0.  gibt  die  quantität  des  v  in  ^vq6-v  als  willkürlich  an ; 
vielleicht  kannte  ebenderselbe  auch  ein  ^vgo-g  nach  p.  118,25., 
WO-  aber  Spitzner  griech.  prosodie  108  a.  ^rog  emendieren 
möchte.  Doch  ist  damit  immerhin  bei  Dracons  bekannter 
unzuverlässigkeit  griech.  '^vgo-v^  S^o-g  nur  mangelhaft  ge- 
stützt. Das  griechische  hatte  auch  ein  adjectiv  ^vgo-Qj  aber 
mit  nicht  bestimmbarer  quantität  des  ^,  nach  Hesychs  glosse 
^vqov  ToiLwVj  loxvov,  o^v.  Dieses  mit  dem  adjectiv  ;y?l - 
-rö-s  des  slavischen,  litauischen  und  germanischen  zu  identi- 
ficieren  ist  von  Seiten  der  lautform  gestattet,  da  in  ermange- 
lung  des  doppelconsonantischen  anlauts  ks-  (und  ps-)  wol  zu 
erwarten  steht,  dass  hier  die  Wörter  mit  dieser  im  sanskrit 
und  griechischen  gewahrten  anlautsgruppe  die  Vereinfachung 
derselben  zu  s-  zeigen^).  Von  selten  des  begriflfes  vereinigt 
sich  alles  divergierende  —  noch  im  mittelhochdeutschen  be- 
deutet sür  sowol  "^bitter'  als  ''sauer'*  —  augenscheinlich  unter 
der  allgemeinen  grundbedeutung  ''dem  geschmacke  wider- 
strebend', was  dann  durch  das  griechische  und  sein  verb 
'S,v-w  näher  als  ursprünglich  '^kratzend'  bestimmt  wird. 

Sanskr.  6'M-rfl -.9  adj.  ^ stark,  heldenhaft',  m.  *^held';  avest. 
sü-ro  adj.  'stark,  hehr,  heilig',  a-sü-rö  *^unkräftig';  griech. 
a-xv-Qo-g  adj.  '^unkräftig,  ungiltig',  xv-Q-io-g  adj.  "^mächtig', 
m.  '^herr',  Kv-Q-og  n.  '^macht'  =  altir.  cu-r  m.  '^held',  gen.  cu- 
radj  zum  ^stamm  erweitert  (Windisch  Kuhns  beitr.  VIII  42.). 

Ahd.  hlüt-ar  hlütt-ar  lütt-er  (so  bei  Notker)  adj.  'lauter', 

1)  Vielleicht  auch  im  lateinischen,  da  auch  dort  die  anlaute  ks-,  ps- 
nicht  erscheinen.  Als  ein  lateinisches  beispiel  wage  ich  weiter  unten 
s-uper  aus  "*  x-uper  aufzustellen. 


—     157     — 

mhd.  lüt-ei'j  nhd.  laut-er  ==  nfries.  lolt-er,  lott-re,  Vergl. 
0.  Schade  altd.  wörterb.^  408.  Got.  hlut-r-s  kann  länge  und 
kürze  des  u  haben.  Nicht  so^ags.  hlui-or  hlutt-or,  alts. 
hlntt-ar^  denen  wol  der  mangel  der  „  brechung "  zu  ö  indog.  ü 
zuweist,  sowie  das  neufries.  lott-er  wegen  des  Vorhanden- 
seins derselben  indog.  w  hat.  Daher  bleibt  die  öfter  be- 
gegnende kürze  des  m,  wie  in  mittelniederd.  lutt-er,  auf  rech- 
nung  einer  speciellen  westgermanischen  Verkürzung  von  ü 
zu  setzen,  deren  lautgesetzlichen  entstehungsgrund  Paul  in 
seinen  beitr.  VII  111.  zeigt.  Die  schwächste  tiefstufenform 
indog.  kHüd-  hat  auch  griech.  y.lvö-cov  m.  Voge,  wogen- 
flut,  brandung',  sowie  wahrscheinlich  -/.Ivtix)  'spüle,  reinige^ 
(vergl.  s.  70.). 

Sanskr.  tü-la-  n.  'rispe,  wedel,  büschel  am  grashalm, 
Schilf',  m.  n.'baumwolle',  fM-/af.*'baumwollenstaude,  dochtaus 
baumwolle';  griech.  rv-Xri  f.  *^wulst,  polster,  pfühl,  Schwiele, 
buckel'  anthol.  Pal.  XI 14, 2.  315, 1. 2. ;  abulg.  ty-lü  m.  'nacken'; 
lit.  tü-la-s  adj.  pronom.  *^so  mancher'  d.  h.  'einzelne  in  nicht 
geringer  zahl'  (Kurschat  deutsch.-litt.  wörterb.  II  44  a.),  eigent- 
lich 'ein  ganzer  wulst'  =  sanskr.  ved.  tu-rd-s  adj.  'kräftig, 
stark';  griech.  Tv-Xo-q  m.  'wulst,  Schwiele,  buckel',  tv-16-€iq 
'schwielig'  Nicand.  ther.  272.,  rv-ko-io  'mache  schwielig,  ver- 
härte', Tv-Xrj  f.  'wulst,  polster,  Schwiele,  buckel'  Eupolis  bei 
PoUux  VII  192.  Antiphanes  bei  Pollux  VII  192.  X  40.  (vergl. 
Meineke  fragm.  comic.  Graec.  II  1,  496.  III  124.). 

Avest.  tü-ro  m.  'feind,  Turanier'  =  avest.  tu-?^ö  m. 
'feind'.  Justis  zurückführung  auf  tau?'v-  'überwinden'  lässt 
sich  lautgesetzlich  nicht  rechtfertigen.  Vielleicht  war  aber 
den  Iraniern  der  turanische  feind  'der  starke,  mächtige',  und 
jenes  ved.  turd-s  adj.  wäre  auch  hierher  zu  stellen. 

Sanskr.  ved.  nachved.  dü-rd-s  adj.  'fern,  weit';  avest. 
(Iü-?^ö  adj.  dass.   =  apers.  du-ra  adj.  dass. 


—     158    — 

Sanskr.  ved.  su-i^a-s  m.  'der  aus  der  presse  rinnende 
(soma)"*  ==  sanskr.  sü-rä  f.  'berauschendes  geistiges  getränk^ 
liqueur';  avest.  hti-ra  f.  'getränk^*;  lett.  su-la  f.  'saft\ 

Griech.  'i-lr]  f.  'holz,  gehölz,  wald,  Waldung,  buschwerk, 
gesträuch,  ge wachs,  stoff,  masse',  homer.  nachhomer.  -Y-lri  f., 
~Y-)Mi  plur.  nom.  propr.  einer  Stadt  in  Boeotien  IL  B  500. 
Moschus  III  89.  ==  griech.  homer.  ^Y-lri  f.  name  derselben 
Stadt  IL  E  708.  H  221.;  lat.  si-l-va,  mit  „diaerese"  poet.  s^-liia 
(dreisilbig)  f. ' wald \  -Aus  *vlFr]  erklärt  sich  nach  J.  Wacker- 
nagel Kuhns  zeitschr.  XXV  260  ff.  (vergl.  auch  oben  s.  50  f.) 
nicht  homer.  "y^i;,  andererseits  auch  nicht  att.  vXrj.  Also 
sehe  ich  lieber  in  lat.  sUüa  eine  Weiterbildung  mit  dem  kürz- 
lich von  Wackernagel  ebend.  282.  besprochenen  secundär- 
suffixe  -uo-j  -uä-'^):  wie  Miner-va  =  ^menes-vä  'die  mit 
f,ievog  begabte',  so  *sil-lä-vü  'die  holzreiche'  seil.  regiOy  wäh- 
rend griech.  vXrj  einfach  als  collectivum  zu  der  bedeutung 
'wald'  gelangte  wie  höh  bei  uns  im  deutschen.  Die  schwä- 
chere Stammform  "^süla-  von  *sülä  stellt  sich  zu  homer.  ^l- 
yA-d-oog  u.  a.  bei  verf.  morphol.  unters.  I  270.  anm.  Es  ent- 
sprang nun  aus  *sülävü  zunächst  '^siilitäy  wie  ab-luöy  al-lm, 
col-luö,  dl-luöy  e-luöy  pol-luö  aus  ^ab-lavö  u.  s.  w.^),  und 
wie  e-luäcriis  aus  *  e-lavücrus  das  simplex  lavücrum  begleitet 
(vergl.  bereits  Corssen  krit.  beitr.  151.);  ähnlich  demiö  aus 
di  novOy  viduä  aus  *vidovä  (s.  80.  125  f.).  Mit  dem  i  = 
indog.  ü  in  dem  historischen  sUüa  statt  *sülüä  wird  es  die- 
selbe bewandtnis  haben  wie  hei  fmu-s  aus  *fümo-s  s.  125  f. 
So  bleibt  noch  der  Ursprung  des  zweisilbigen  silva  fUr  und 


1)  In  der  analyse  von  sanskr.  vidhävä,  griech.  r;id'eos,  lat.  vidua  irrt 
freilich  Wackernagel,  vergl.  oben  s.  80. 

2)  Nach  den  compositis  bildete  sich  dann  auch  ein  neues  simplex 
luere  'spülen'  neben  altlat.  lavet-e  'waschen',  gemäss  dem  s.  2.  2  f.  anm. 
hervorgehobenen  ausgleichungstriebe. 


—     159     — 

neben  silua  zu  erklären.  Die  lateinische  vocalsynkope  in 
afi-cepSj  prln-ceps^  vln-demiay  in  pcws^  mors^  sors,  fors^  dös^ 
iiSy  po?iSy  in  vit^  aus  ^  ambi-cepsj  * prJmi-ceps  u.  s.  w.,  ^parti-s 
u.  s.  w. ,  *  viros  neben  ihrem  nichteintritt  in  denselben  und 
in  ähnlichen  fällen  (vergl.  vlni-fei^y  nom.  sing,  sortis  bei 
Plautus,  nom.  sing,  finis,  orbis  u.  dergl.)  bedarf  einer  er- 
neuten gründlichen  Untersuchung,  welche  dann  wol  auch  unser  ' 
Silva  aus  silüa  und  solvö,  volvö  aus  solüöy  volüö  —  denn 
an  der  s.  32.  geäusserten  auffassung  halte  ich  nicht  fest  — 
deuten  wird;  um  accentabstufungen  und  darauf  erfolgte  ver- 
schiedene ausgleichung  zwischen  doppelformen  handelt  es 
sich  auch  hier  höchst  wahrscheinlich.  Dass  von  dem  drei- 
silbigen nur  noch  dichterischen  sUüa  im  lateinischen  auszu- 
gehen ist,  dafür  liegt  noch  ein  indicium  in  dem  t  aus  ü: 
solche  vocalschwächung  zu  *  (in  in  siliiä  lautgesetzlich)  er- 
fordert Offenheit  der  betreffenden  nebentonigen  oder  unbe- 
tonten silbe,  sonst  tritt  vor  /  ü  ein  oder  bleibt  ursprüng- 
liches M,  vergl.  in-silwe  mit  in-sultäre.  Gurtius'  Vermutung, 
über  die  wurzel  von  vlrj^  silva  grundz.^  373.,  dass  es  s%- 
*^procreare'  sei,  ist  ansprechend. 

Griech.  okv-Xo-v  n.  '^abgezogene  rüstung^;  lat.  ob-scü-ru-s 
'dunker,  eigentlich  'bedeckt';  lit.  skü-ru  f.  'das  bedeckende 
feil  oder  die  haut  auf  dem  tierischen  körper,  auch  abge- 
zogen'; mitteld.  neuniederd.  schü-l-en^  niederlän^.  schuy-l-en 
'sich  verstecken,  sich  verbergen'  denom.,  mitteld.  schül-hüs 
'hurenhaus',  d.  i.  'was  versteckt  ist'  oder  'wo  man  sich  ver- 
stohlen hineinschleicht',  niederländ.  schiiyl-hoeck  und  schuyl- 
winckel  'versteckwinkel,  Schlupfwinkel',  ahd.  scü-Py  mhd. 
schff'7'  m.  'bedeckter  ort,  obdach,  schütz'  =  griech.  axiT-Ao-v 
n.  'tierhaut',  besonders  'das  abgezogene  tierfell'  Callimach. 
b.  schol.  Sophocl.  Ai.  26.,  Nicand.  ther.  422.,  Gy,v-l-og  n. 
'abgezogene  haut,  hülse,  schale'  Theocrit.  XXV  142.,  anthol. 


—     160     — 

Pal.  VI  35,  2.  165,  2.,  Nicand.  alexiph.  270.;,  lett.  sku-ra  f. 
'hülle,  haut,  hülse,  schale\  Vergl.  Passow  handwörterb.  unt. 
axvXov,  0.  Schade  altdeutsch,  wörterb.^  811.  814  a.  Von  den 
friesischen  Wörtern  afries.  skule  schule  f.  *^hütte  auf  dem  felde 
zum  untertreten  oder  unterkriechen^  afries.  saterländ. /w^e/- 
-skule  Vogelhütte ,  vogelherd',  nfries.  schuwl  'versteck,  das 
verbergen^  weiss  ich  die  quantität  nicht  anzugeben. 

Got.  sku-ra  f.  'wetterschauer,  Unwetter,  hagel',  sküra 
vindis  "lallaxj/  {ü  wegen  des  das  ü  brechenden  r  gesichert), 
anord.  skü-r  f ,  ags.  alts.  ahd.  scü-r,  mhd.  schü-r  m.  'wetter- 
schauer', auch  'schlachtschauer',  engl,  shower  dass. ,  mhd. 
sfhü-re  f.  dass.,  mhd.  neuniederd.^c/H/re/«' hageln,  wettern  und 
stürmen'  denom.  =  got.  vinpi-skau-rö  f.  'worf Schaufel',  ahd. 
sco-rcij  mhd.  scho-r  f.  'schaufel',  mhd.  schü7'en  schäm  'schü- 
ren' denom.,  mhd.  schore?i  'schaufeln'  denom.  Zur  etymo- 
logie  vergl.  Pott  wurzel  -  wörterb.  I  2,  700.,  wornach  eine 
Wurzel  sk^u-  'schnell  bewegen-,  schütteln,  schiessen',  mit 
sk^-  wegen  lit.  szdu-ju,  szdu-ti  'schiessen'  trans.  und  intrans. 
und  zum  unterschiede  von  sk^u-  'bedecken',  zu  gründe  liegt. 
0.  Schades  vermittelung  der  beiden  schauer  altd.  wörterb.^ 
814  a.  {„wettei^schauer,  weil  er  plötzlich  einhüllt  und  mit 
seinen  niederschlagen  alles  bedeckt")  ist  überdies  zu  ge- 
sucht. Das  masculin  ags.  alts.  ahd.  scür,  mhd.  schür  führt 
Behaghel  German.  XXIII  273.  einleuchtend  auf  das  feminine 
got.  sküroj  anord.  sküry  mhd.  schüre  zurück. 

Ahd.  scüf-la  scüf-ala^  mhd.  schuf -ele  schuf -el  f.  'schaufei ' 
=  avest.  suf-ra  f.  'pflüg';  schwed.  skofv-el^  dän.  skov-l^  ags. 
scof-l  sceof-l  f.,  neuengl.  shov-el^  neuniederländ.  schojf-el  f. 
'schaufei,  schuppe'.  Den  nachweis  der  germanischen  doublette 
verdanke  ich  dr.  Kluge.  Des  hochdeutschen  /  wegen  muss 
urgermanische  accentverschiebung  (skuf-lo)  angenommen 
werden.    Die  bei  Graff  sprachsch.  VI  459.  belegten  /> -formen, 


—     161     — 

scem-scuble  *^vatillae'  aus  Sg.  283.  (9.  jahrh.),  uuint-scublun 
aus  Tg.  4.  (10.  jahrh.),  siud  also  vielleicht  von  älterem  habitus. 
In  schaufei  liegt  auch,  da  man  an  dessen  verwantschaft  mit 
schieben  y  got.  af-skiubaii,  ahd.  sciubaii  doch  festhalten  wird, 
der  beweis,  dass  man  das  -b-  .des  verbums  =  indog.  -y?-  zu 
setzen  hat,  wie  ich  oben  s.  11  und  vorher  schon  Jurmann 
Kuhns  zeitschr.  XI  390.  tat,  dass  also  die  auch  des  anlauts 
wegen  weniger  befriedigende  vergleichung  von  schieben  mit 
sanskr.  kshobh-a-te  ^  kshübh-ya-ti ^  kshubh-na-ti  *^gerät  in  be- 
wegung  oder  aufregung"*  (Fick  wörterb.  IIP  338.,  0.  Schade 
altd.  wörterb.^  799  b.  809  a.)  zu  verwerfen  ist.  Avest.  svfra^ 
dessen  von  Justi  handb.  d.  zendspr.  296  a.  angegebenes  in- 
disches Schwesterwort  sanskr.  cüpra-  nicht  zu  existieren 
scheint  (Böhtlingk  -  Roth  im  Petersb.  wörterb.  haben  es  nir- 
gends), erweist  indog.  s¥-  als  wurzelanlaut ,  so  dass  auch 
lit.  sziüpele  f.  ^ Schaufel^  nicht  notwendig  germanisches  lehn- 
fcwort  zu  sein  braucht.  Avest.  s  =  indog.  sk^  wie  in  jasaiti 
==  griech. /i«(jx£^,  mdiO^.  ij^iii-sk^e-ti^  in  shusaiii  ==  indog. 
k^iu-sk^e-ti  (s.  34.);  dagegen  ist  indog.  sk'^  =  avest.  sk  und 
vor  palatalen  vocalen  scy  letzteres  in  scihdai/eiti  (vergl.  lit. 
skedzu),  kas-citj  aspas-ca  u.  a.  Im  sanskrit  aber  fielen  indog. 
sk^  und  indo-iran.  sc  zusammen ;  daher  chup-d-ti  und  gdcchatiy 
rcchäti  so  gut  mit  ic)ch  wie  chid-,  chiiiäd-mi^).  Auch  an 
sanskr.  tan  cha(^an  acc.  plur.,  aus  "^tCims  QacCrn  (tan  ca(;än 
dafür  durch  neubildung),  hat  unsere  beurteilung  des  anlauts 

1)  Für  sanskr.  käg-cid^  ägvag-ca  u.  dergl.  möchte  ich  nicht  an- 
nehmen, dass  sie  durch  einfluss  der  sonstigen  fälle  mit  cid,  ca  nicht 
historisch  als  "^kac-chid,  *a^vac-cha  erscheinen;  das  widerrät  ^a-f6'-ö-^« 
=  griech.  t-an-e-xo  (würz.  sek'^).  Eher  wäre  denkbar,  dass  eine  zwie- 
fache altindische  behandlung  des  indo-iran.  sc  je  nach  der  Stellung  im 
an-  oder  inlaute  stattfand,  also  dass  lautgesetzlich  chhmdmi,  aber  imperf. 
*ä-^chiada?n  entsprang,  darnach  ausgleichung  eintrat;  vergl.  oben  s.  55. 
anm.  über  sanskr.  Or-  und  -mr-  =  ursprüngl.  /fir-. 

Ostliort' u.  Brugmau  untersuch.  IV.  \l 


—     162    — 

des  sanskr.  chup-d-ti  eine  stütze;  sanskr.  indrah  curdh  und 
indrar  cürah  (Whitney  ind.  gramm.  §  172.  s.  59.)  dürfen  wir 
beide  für  nicht  lautgesetzliche  neuerungen  halten. 

Für  folgende  -rö-,  -/ö-bildungen  mit  7,  ü  weiss  ich  die 
nebenform  mit  ^,  n  nicht  oder  nicht  mit  Sicherheit  nachzu- 
weisen. Sanskr.  cri-lä-s^  avest.  sri-ro  adj.  'schön\  Sanskr. 
Arnz-r«-*  adj.  Vund,  blutig,  grausam,  roh,  hart',  avest.  Mrz^-rö 
adj.  "^verwundend,  schrecklich'.  Sanskr.  cu-la-  m.  n.  *^brat- 
spiess,  spiess,  wurfspiess',  avest.  gao-sü-ra  f.  Manze'.  Griech. 
Ttv-Qo-g  m.  Veizen',  abulg.  pi/-ro  n.  *^spelt',  lit.  pü-rai^  lett. 
pü-m  m.  plur.  *" Weizen'.  Lit.  pü-l-iei  m.  plur.  ""eiter',  (got. 
ßi-l-Sj)  anord.  fu-l-l^  ags.  ahd.  mhd.  fü-l  adj.  'faul'.  Sanskr. 
ved.  mü-rä-s  adj.  '^stumpfsinnig,  blöde,  dumm',  ved.  mü-rd-s 
adj.  *" drängend,  stürmisch',  sanskr.  mu-la-  m.  n.  Vurzel',  ahd. 
mü-la  f.,  mitteld.  mü-lc  f.,  mhd.  mü-l  n.  *^maul,  Schnabel', 
anord.  mü-l-i  m.  "^maul,  schnauze,  hervorragende  felsspitze, 
in  die  see  ragende  landspitze'  fwurzel  des  baumes'  und 
'maul  der  tiere'  als  'das  hinausgeschobene,  hervorgedrängte, 
vorsprang',  vergl.  s.  21  f.).  Abulg.  chy-la  f.  'betrug,  bosheit' 
eigentlich  'anzettelung'  (auch  chy-na  f.  'fraus',  chyniti  'deci- 
pere',  chy-tru  adj.  'artificialis,  callidus,  prudens'  gehören 
wol  zu  indog.  f^iü-^  sü-  'nähen'),  lit.  siu-la-s  m.  'faden  zum 
nähen',  ahd.  siü-la  und  sü-la  f.,  mhd.  siu-le  f.  'subula,  ahl, 
pfriem'.  Sanskr.  sthü-rä-Sj  sthü-ld-s  adj.  'grob,  dick,  gross, 
massiv',  griech.  orv-lo-g  m.  'säule,  pfeiler,  pfähl,  pfosten', 
lett.  stü-1's  adj.  'hartnäckig'.  Sanskr.  cf-la-m  n.  'gewohn- 
heit,  angeborne  oder  anerzogene  art  und  weise  zu  sein,  Cha- 
rakter'; dhf-ra-s  adj.  'verständig,  weise,  einsichtsvoll';  cild- 
-rd'S  m.  'mann  der  vierten  käste';  ved.  rü-rd-s  adj.  'hitzig' 
vom  fieber  (vielleicht  zu  würz,  reii-^  lat.  ru-ere^  also  'reis- 
send'). Avest.  güz-rö  adj.  'verborgen';  hf/j-rö  m.  nom.  propr.; 
mrü-rö  adj.  'hart,  dick'.    Griech.  /7-Ao-g  m.  'futter';  ?//7-Ao-g 


—    163    — 

adj.  '^ bloss,  nackt,  kahl';  ov-lo-v  n.,  av-la  n.  plur.,  av-lai  f. 
plur.  ""raub,  tempelraub,  repressalien,  kaperfreiheit';  yu-go-g 
adj.  *^rund,  gerundet,  ausgebogen',  yl-Qo-g  m.  *^rundung,  ring, 
kreis"*  (zu  yv-alo-v  n.  ^böblung,  Wölbung');  yQv-Xo-g  m. 
*^ferkel,  scbweinchen';  x^-^o-g  m.  ''saft,  feuebtigkeit',  eigentl. 
"^guss';  -O-Qv-Xo-g  m.  ""gemurmel,  gerede';  cpv-Xo-v  n.,  cpv-Xi]  f. 
'gescblecbt,  gattung,  stamm'.  Anord.  hü-r  n.,  ag^.  bü-j^^  abd. 
Im-r  pü-?'  m.  Vobnung,  baus';  abd.  süh-ar  süb-er^  mbd. 
süb-er  und  um  -/ö-suffix  erweitert  abd.  alts.  .?/<^-r-?"'sauber' '). 
Bereits  Kluge  german.  conjug.  13.  sab  bei  den  germaniseben 
-rö-,  -/ö-adjectiven  das  abwechseln  von  „debnung  und 
schwacher  vocalform"  und  dass  „die  debnung  auf  die  un- 
betonte Wurzelsilbe  beschränkt  ist". 

Dass  Wurzelabstufung  auch  bei  den  -rö-,  -/ö- stammen 
herrschte,  erscheint  sicher.  Man  beachte  z.  b.  lett.  swid-ri 
m.  plur.  ^sch weiss'  neben  griech.  homer.  lö-Qo-g  (d.  i.  id-go-g 
oder  lö-Qo-g  oder  beides);  got.  bäit-r-s  adj.  '^bitter'  neben 
anord.  hit-r^  ags.  hii-o,r  ^  alts.  abd.  hitt-ar  (so  fasst  in  got. 
baü-r-s  auch  H.  Möller  Paul -Braunes  beitr.  VII  516.  das  ai 
auf) ;  anord.  skj6-l  n.  ^'obdacb,  Zufluchtsort,  schütz,  versteck' 
neben  indog.  .9Ä:^w-/ö-  ^'bedeckendes'  (s.  159  f.).  Dazu  kommt 
die  Stellung  des  verschobenen  accents  auf  /',  u  und  /,  ti  (sowie 
auf  f)  in  manchen  der  genannten  und  in  anderen  sanskriti- 

1)  Es  haben  Bopp  glossar.  compar.^  p.  391  b.,  Graff  ahd.  sprachsch. 
VI  70.  und  Hugo  Weber  etymol.  unters.  I  25.  an  die  gleichung  germ. 
sü'b-rö-s  =  sanskr.  ^ubh-rd-s  adj.  'schmuck,  schön,  klar'  gedacht. 
Dieselbe  Hesse  sich,  wie  auch  schon  Pott  bemerkt  wurzel-wörterb.  V  394  f., 
„nur  unter  Voraussetzung  von  nicht  -  ursprünglichkeit  des  f "  aufrecht  hal- 
ten, wenn  man  nemlich  annehmen  dürfte,  dass  sanskr.  ^ubh-  'schmücken, 
herausputzen,  verschönern'  im  anlaute  an  das  synonyme  sanskr.  ^udh- 
'reinigen'  angelehnt  sei,  dass  also  suhhra-  mahäbhär.  VIII 1765.  wol  nicht 
„fehlerhaft  für  ^uhhra-''  stehe  (Böhtlingk-Roth  VII  1()!»3.).  Auch  „sübli- 
van-  liest  Säy.  statt  (^ühlwan-  rgv.  IV  38,  6.  s.  v.  a.  'wohlaussehend'" 
(Petersb.  wörtcrb.  ebend.). 

11* 


—     164     — 

sehen  -r«-,  -/a  -  bildungen,  der  auch  Böhtlingk-Roth  Petersh. 
wörterb.  VII  281.  anm.  an  gfdh-ra,  dhi-ra-^  vip-ra-y  pu-ra- 
auffiel  und  gemäss  unserem  nachweise  (oben  s.  160  f.)  in  ahd. 
scüf-ala  *^schaufel^  sein  germanisches  analogon  bekommt. 
Eine  eingehendere  Untersuchung  hat  zu  zeigen,  ob  mittel- 
stufe,  wie  in  anord.  skjö-l^  oder  hochstufe,  wie  in  got.  bäit-r-s^ 
oder  beides  mit  z,  u  in  den  casus  mit  unbetonter  Wurzelsilbe 
abwechselte.  Dabei  würden  auch  die  -ro-  von  den  -/ö-bil- 
dungen,  sowie  die  primären  themen  von  den  secundären  (wie 
indog.  ui-ro-  ^mann"*  s.  153  f.)  zu  trennen  sein,  was  für 
unseren  zweck  nicht  von  nöten  war.  Des  Stammwechsels 
wegen  kann  vorläufig  nichts  bestimmteres  ausgesagt  werden 
über  das  i  von  abulg.  pi-ril  m.  ''compotatio ,  convivium^; 
abulg.  vi-rü  m.  'vortex^,  anord.  vi-r-r^  ags.  vi-r  m.,  engl. 
wi-re  "^metalldraht^  (nebst  lat.  vi-r-iae  f.  '^armspangen'*  mit 
unbestimmbaren  i  zu  indog.  we/-*" winden',  vergl.  s.  98. 106.) ; 
got.  skei-r-s^  anord.  ski-r-r,  ags.  sci-i^^  alts.  ski-r^  neuniederd. 
schi-r  adj.  ^rein,  lauter,  hell,  klar';  über  das  ü  von  lat. 
dü-ru-s  adj.  *^hart',  pü-ru-s  adj.  '^rein'  u.  a.  dergl.  Von  un- 
seren beispielen  werben  vornemlich  dadurch  betroffen,  also 
sind  unsichere  zeugen  für  indog.  «,  ü  abulg.  ci-lu  ""gerastet 
habend'  und  germ.  hwi-lä-^y^Q\\Q  (s.  152.),  lat.  ob-scU-ru-s 
*^ dunkel'  (s.  159.).  Dagegen  bleibt  für  germ.  i^-l6-  ""eitel', 
wie  ich  s.  149.  schon  bemerkte,  indog.  ~t  wegen  der  mittel- 
stuf enform  der  Wurzel  (aidh-)  gesichert. 

T.    Nomen  mit  suff.  (-^e/-)  -lei-: 

Sanskr.  tu-li-s  f.  ""pinsel',  tü-lt  f.  *^baumwolle,  docht, 
pinsel'  ==  sanskr.  tu-ri-s  f.,  tu-ri  f.  ""die  bürste  des  webers, 
weberschiff',  tu-li-s  f.,  tu-li  f.  *^die  bürste  der  weher,  pinsel, 
bürste'.    Vergl.  s.  157.  sanskr.  tü-la-  nebst  zubehör. 

Sanskr.  ved.  nachved.  bhu-ri-s  adj.  ^reichlich,  massen- 
haft,  bedeutend,  gross,  gewaltig,  viel,  häufig,  zahlreich', 


•      —     165    — 

hhü-ri  n.  adv.  ^reichlich,  oft,  vier;  avest.  hü-iri  n.  "^ fülle, 
Vollkommenheit';  abulg.  by-lii,  *^kraut^  als  *^das  volle,  üppige, 
reichlich  wachsende'  (vergl.  ved.  ydvasasya  bureh  *^reicher, 
üppiger  weide'  rgv.  VII  93,  2.),  by-l-ije  n.  dass.,  by-li  m. 
(gen.  bylja)  ' i^ayioTavcov  elg,  primatum  unus'  =  sanskr.  ved. 
bhu-iH-shä'h-  adj.  Siel  in  sich  fassend'  rgv.  IX  88,  2.;  griech. 
(pv-Xlo-v  n.  *^blatt,  kraut'  aus  *cpv-X-io-v]  \2ii.  fo-l-iu-m  n. 
*^blatt'.  Während  bylije^  cpvllovj  folium  wol  coUectivbil- 
dungen  sind,  ist  das  masculine  slavische  bjj-U  ==  sanskr. 
bhu-ri-s  nur  in  die  analogie  der  -/ö- stamme  tibergetretener 
alter  -e/-stamm;  vergl.  Leskien  handb.  d.  altbulg.  spr.  §  51. 
anm.  3.  s.  31.  Durch  welches  gesetz  kommt  ö  statt  ii  in 
lat.  foliu-m'^ 

U.   Nomen  mit  suff.  -reu-  {-leu-?): 

Sanskr.  ved.  pü-rü-s  m.  *^mensch,  leute',  als  nom.  propr. 
bezeichnung  eines  volksstammes ,  nachved.  pü-rus  m.  nom. 
propr.  eines  alten  fürsten  (nach  Böhtlingk-Roth  IV  790.  die 
ältere  form  von  pu-ru-s\  ved.  pu-ru-sha-s  m.  '^mann,  mensch, 
person',  a-pürushä-s  adj.  ''unbelebt'  (rgv.  X  155,  3.),  nach- 
ved. antai^a-pürusha-s  m.  *^der  innere  mensch ,  die  seele'  == 
sanskr.  pu-rii-s  m.  nom.  propr.  eines  alten  fürsten,  pü-ru- 
-sha-s  m.  ""mann,  mensch'.  Die  ableitung  des  'pütni-  von  par- 
'füllen'  (Grassmann  wörterb.  z.  rgv.  844.)  und  Lindners  da- 
mit zusammenhängende  annähme  eines  Suffixes  -ü-  (altind. 
nominalbild.  61.)  scheitert  aus  demselben  gründe,  wie  die- 
jenige des  sira  von  sar-  (s.  155.);  über  pür-aya-ti  ^füllt' 
sieh  weiter  unten.  Die  wurzel  ist  vielmehr  pu-  ^zeugen,  mann- 
bar sein  oder  werden'  in  sanskr.  pu-trd-s  ""söhn',  pu-mä?ns- 
"^mann,  männliches  wesen,  mensch',  lat.  pii-tu-s  *^knabe',  osk. 
pu-klo-,  sabell.  pu-clo-  ^sohn,  kind'  (Bücheier  rhein.  mus. 
n.  f.  XXXIII  15  f.  lexic.  Ital.  XXIII  b.),  lat.  pü-bes  'mann- 
bar'; vergl.  Curtius  grundz.^  287. 


—     166     —      • 

In  der  bildung  gleicht  dem  yü-i'ü-s  völlig  isanskr.  bhi-rü-s 
adj.  *^ furchtsam^;  dem  pu-rü-s  vielleicht  lat.  pi-ru-s  f.  ^birn- 
baum',  vy^ofern  dies  ursprüDglich  ''der  strotzende"*  und  mit 
sanskr.  ved.  pe-ru-s  adj.  ^schwellend,  gähren  machend",  pe- 
-rü-s  adj.  'trinkend^*  aus  einem  paradigma  hervorgegangen  ist. 

V.   Nomen  mit  suff.  -wö-: 

Sanskr.  ji-vd-  adj.  'lebend,  lebendig'',  m.  n.  'leben*, 
ji-vd-tha-s  m.  'leben',  ji-v-ya-s  adj.  'lebendig^*,  ji-va-ti  'er 
lebt*  praes.;  slyg^I  ß-v-yö  adj.  'lebendig';  lat.  vi-vo-s  adj., 
vi-vi-t  praes.;  altir.  biu  beo  adj.  'vivus';  abulg.  zi-vU  adj. 
'vivus*,  ^/-üö-^Ä  m. 'leben*,  zi-ve-ti'^'^Wit'  praes.;  Y\i.  (jij-va-s 
adj.  'lebendig^,  yy-va-ta  f.  'leben"*  =  apers.  fi-va  subst. 
'leben*,  avest.  ß-va-iti 'hhi'  praes.  yt.  XXIV,  1.  (vergl.  Justi 
handb.  d.  zendspr.  112  b.  unt.  2,jaiti-)j  supers.  fi-va-ky  'du 
lebst*  praes.,  j'i-vä  'lebe'  imper.  praes.;  griech.  ßt-o-g  m. 
'leben"*,  ßt-o-ro-g  m.,  ßX-o-xfi  m.  'leben,  lebensunterhalt*, 
homer.  ßX-o-fisod-a  'wir  leben,  werden  leben*  hymn.  in  Apoll. 
Pyth.  350.  aus  * ßX-fo-f^ao^a  praes.  als  futur  gebraucht  (vergl. 
Curtius  verb.  d.  griech.  spr.  IP  316.),  ßl-o-to  'lebe*  denomin.; 
altir.  bethu  beothu  m.,  gen.  bethad,  stamm  *bi-vo-tät-  'vita*, 
biad  n.,  gen.  biük  biid,  stamm  ^bi-vo-to-  'victus*  (Windisch 
bei  Curtius  grundz.*  477.  Paul-Braunes  beitr.  IV  222  f.  kurzgef. 
ir.  gramm.  §  82.  s.  19.  §  112.  s.  31.  §  134.  s.  35.);  got.  qiu-s 
adj.  'lebendig',  stamm  qi-va-.  Die  wurzel  ist  /y^e/-  'oben 
aufsein,  leben,  siegen"*  (vergl.  s.  72  f.  97.  111.  anm).  Das 
verb  g^i-ne-ti  ist  darnach  entweder  als  eine  indogerma- 
nische praesensbildung  mit  süff.  -?iö-,  'if^-  anzusehen,  die 
sich  zu  dem  nominalstamme  mit  demselben  suffix  ebenso 
verhält  wie  zu  einander  die  praesens-  und  nominalstämme 
auf  -iö-  -ie-y  auf  -tö-  -te-.  Oder  man  kann  annehmen,  dass 
ein  grundsprachliches  jod -praesens  ^'^^-/ö,  reflectiert  durch 
lit«  9I/'ß^  ''lebe  aul,  werde  gesund,  werde  heil*  und  homer. 


—     167    — 

ßX-6-(.ieö^a  (darnach  dann  aus  "^ßl-io-i^ua^a)  bereits  vor 
der  ersten  Sprachtrennung  nach  der  analogie  des  nominalen 
-/{o-stammes  g^t-uö-  ^ich  zu  g^t-  uö  umgestaltete  und  beide 
praesensformen  dann  neben  einander  fortlebten. 

Sanskr.  ved.  pi-va-s  adj.  'fett'  rgv.  I  187,  8.  9.  10.  aita- 
reya-brähm.  113.  (wo  aber  auch  der  a- stamm  pivas-  mög- 
lich, vergl.  Böhtlingk-ßoth  IV  748.),  ved.  pi'-vas-  n.  'fett, 
speck';  griech.  7cl-o-g  adj.  'fett,  feist,  fruchtbar'  Epicharm. 
bei  PoUux  1X79.,  Orph.  Argon.  508.,  Trl-o-r^^o-g  compar. 
Homer,  bymn.  in  Apoll.  Del.  48.,  7Ü-6-TaTo-g  superl.  domer. 
IL  /  577.,  Hesiod.  oper.  et  di.  583.,  Bacchylid.  in  anthol. 
Palat.  VI  53,  2. ,  7ci-os  n.  'fett'  (nur  bei  Hippocrates  zu  be- 
legen); abulg.  pi-vo  n.  'trunk,  berauschendes  getränk',  als 
'Schwellung,  fetttrunk';  lit.  py-va-s  m.  'hier'  =  avest.  pi- 
-vai'ih-  n.  'fett',  pivas-ca  acc.  sing.  vend.  XVIII  115.  Der 
unverkennbare  anspruch  des  abulg.  pi-vo ,  lit.  py-va-s  auf 
morphologische  Zugehörigkeit  zu  dieser  gruppe,  der  auch 
Fick  wörterb.  P  144.  674.  sich  aufdrängt,  bestätigt  weiter 
unsere  s.  41  ff.  entwickelte  ansieht  über  /??- 'trinken';  vergl. 
auch  noch  jclaXeiq  7c6oig  bei  Nicand.  alexiph.  360.  Es  könnte 
sein,  dass  sich  das  -wo-thema  als  nicht  grundsprachlich  aus- 
wiese ;  denn  auch  das  slavische  und  litauische  nomen  leiden 
die  zurückführ ung  auf  ein  ursprüngliches  neutrum  auf  -06\ 
Im  griechischen  konnte  es  zu  einer  adjectivischen  ö-decli- 
nation  kommen,  wenn  sich  das  ererbte  neutrale  Substantiv 
7ciog  in  der  weise,  wie  es  Brugman  morphol.  unters.  II 
232.  anm.  von  7ciaQ  zeigt,  zum  adjectiv  ausbildete  (vergl. 
oben  s.  101.)  und  mit  7clovy  dem  neutrum  des  ererbten  -uen- 
Stammes  {jciov-  ==  sanskr.  phan-y  sieh  unten)  sich  zu- 
sammengesellte;  vergl.  zweideutiges  7tlov  als  neutrales  Sub- 
stantiv bei  Nicand.  alexiph.  77.  Es  bliebe  unter  solchen 
umständen  jedenfalls  das  neutrum  auf  -os  in  der  doppel- 


—    168    — 

• 

form  indog.  pi-uös  \m^  pi-u6s  n.  ^fett,  fetter  trunk'  ge- 
sichert. 

Avest.  vis-po  pron.  adj.  *^ganz,  all'  ==  sanskr.  vic-va-s 
pron.  adj.  'jeder,  all,  sämmtlich,  ganz';  apers.  vis-pa-zana 
adj.  *^aus  allen  stammen  bestehend'.  Nach  der  von  J.  Wacker- 
nagel Kuhns  zeitschr.  XXV  282.  angedeuteten  etymologie 
wäre  indog.  uik^-uö-s  eigentlich  *^den  stamm,  das  (ganze) 
Volk  betreffend'.  Es  ist  mir  aber  zweifelhaft,  ob  dieselbe 
secundäre  stammbildung  voraussetzende  auffassung  auf  apers. 
visa^  abulg.  vm,  lit.  visa-s^  lett.  wis,  apreuss.  wissas  passe. 
Ich  vermute  für  diese  herkunft  von  einem  indog.  iiisö-s^) 
und  die  gleiche  wurzel  mit  sanskr.  vish-  in  vi-vesh-ti  *^ bringt 
zu  Stande,  bringt  fertig',  vishu  ""nach  beiden  selten  hin  gleich', 
vergl.  besonders  sanskr.  vishücina-  adj.  *^nach  beiden  selten 
hinaus  gehend'  und  *^sich  überallhin  verbreitend'.  Im  alt- 
persischen beruht  visa  statt  "^visha  auf  einer  gemein  -  altira- 
nischen  lautgesetzlichen  verwandelung  des  sh  (==  indog.  s) 
in  s%    So  geschieht  auch  dem  lit.  s  in  vha-s  genüge,  das 

1)  Die  reste  der  älteren  o-flexion  des  abulg.  vtsi  sieh  bei  Leskien 
handb.  d.  altbulg.  spr.  §  46.  s.  44.  Die  abweichungen  davon  bewirkte 
die  analogie  der  pronomina  abulg.  ^1  und  si.  Von  diesen  letzteren  ist 
übrigens  si,  ursprünglich  alter  e- stamm  indog.  k^i-  =  lat.  ci-,  lit.  szi-, 
germ.  hi-  (Fick  wörterb.  I^  549.),  selbst  schon  durch  Jif  vielfaeh  beein- 
flusst.  Auf  der  alten  z-flexion  beruhen  nur  noch  der  nom.  und  acc. 
sing.  masc.  si\  im  feminin  ist  si  nom.  sing.  ==  indog.  k^t,  sija  acc.  sing. 
==  indog.  k^ij^äm,  sije  acc.  (nom.)  plur.  =  indog.  kiianSy  formen  des 
movierten  l- (-£«-) feminins  (vergl.  verf.  morphol.  unters.  II  15.  anm.). 
Aber  neuschöpfungen  sind  z.  b.  se  nom.- acc.  sing,  neutr. ,  sego  gen., 
semu  dat.  sing,  masc- neutr.,  nach  je,  jego  u.  s.  w.  Ebenso  dann  vts\ 
vise,  visego  wie  ß  st,  je  se,  jego  sego-,  der  ^-laut  von  viso-,  *vtsü 
mochte  bewirken,  dass  es  von  to-,  tu  abrückend  sich  näher  an  s^  an- 
schloss. 

2)  Wie  ebenso  noch  apers.  isu-  'pfeil'  ==  avest.  ishu-  m.,  sanskr. 
ishu-  m.  f.,  griech.  i-6-s  und  avest.  ist-  m.  oder  n.  'eis'  =  anord.  is-s  m., 
ags.  fries.  ahd.  ts  n.,  beide  von  würz,  indog.  Is-  'schnell  entfahren,  ent- 


—    169    — 

man  anderen  falles  eher  mit  Fick  wörterb.  P  219.  784.  auf 
slavischen  einfluss  zurückzuführen  als  zur  stütze  undenkbarer 


schlüpfen,  gleiten'  (oben  s.  1.);  vergl.  Fick  wörterb.  I^  30.  Ich  vermute 
dieses  gemein -iranische  dissimilationsgesetz :  vor  einem  in  demselben 
Worte  nachfolgenden  sh  (oder  avest.  sH)  ging  iran.  sh  in  s  über.  Dann 
hätte  avest.  isdisU  gen.  sing.,  die  einzige  von  isi-  'eis'  belegte  casusform 
(vend.  IX  13.),  lautgesetzliches  s.  Indo-iran.  ishu-  'pfeil'  musste  zu  iran. 
isu-  werden  im  nom.  sing,  avest.  *isus/i,  apers.  *istts7i,  im  gen.-abl. 
sing,  avest.  *isaosh',  apers.  *isaush,  im  loc.  plur.  avest.  *isushu,  apers. 
*isushuvä,  endlich  im  instr.  plur.  avest.  *isubisH,  apers.  *isubish.  Sonst 
aber  blieb  sh  in  ishu-,  also  im  nom.  plur.  avest.  ishavo,  ishavas-ca,  im 
gen.  plur.  avest.  ishunäm,  apers.  *ishuväm.  Dann  erfolgte  ausgleichung 
in  verschiedener  richtung  in  beiden  dialekten ;  daher  durch  analogie- 
bildung  avest.  ishusK  nom.  sing,,  apers.  isuväm  gen.  plur.  Bei  apers. 
*visha  'all,  ganz'  hub  das  s  an  vom  gen.  plur.,  loc.  plur.,  instr.  plur. 
masc.-neutr.  pronominaler  declination:  *visaishäm,  *visaishuvä,  *visai- 
hish.  Darnach  dann  apers.  visa-  in  visa-dahyu  adj.  comp,  'alle  länder 
darstellend'  und  im  nom.-acc.  sing,  neutr.  visam,  der  einzigen  auf  den 
keilinschriften  belegten  casusform  von  nominaler  bildung,  wie  im  sanskrit 
vicvam,  särvam  neben  vieve  vi(^vesham,  särve  sdrveshäm,  im  zend  vtg- 
pem  neben  vispe  vhpa^shäm.  Eventuell  ist  der  instr.  plur.  avest.  *wm- 
1)1811,  apers.  *isuhish,  *visaibish  auszunehmen,  indem  vielleicht  nur  ein 
im  auslaute  derselben  oder  im  anlaute  der  unmittelbar  nachfolgenden 
silbe  stehendes  sh  (sH)  so  dissimilierend  auf  vorhergehendes  sh  wirkte; 
dann  dürfte  man  aber  wol  zum  ersatze  für  apers.  visa  auf  die  ältere 
instr.- plur.- form  *vismsh  (vergl.  avest.  täisH,  vtspäisH  ==  sanskr.  taiSy 
vicvais)  zurückgreifen.  Fick  a.  a.  o.  erwähnt  als  beispiel  für  iran.  s 
statt  sh  auch  noch  avest.  tris-  'husten',  3.  plur.  imperf.  tuseii  vend.  III  106. 
(nach  Hang  essays  207.  vielmehr  'they  whine',  vergl.  Bechtel  üb.  d.  be- 
zeichn.  d.  sinnl.  wahrnehm.  82.).  Aber  damit  hat  es  unstreitig  eine  an- 
dere bewantnis.  Denn  das  lat.  tussi-s  weist  andere  wege  als  die  zu  einer 
wurzelform  indog.  tus-\  es  kann  nicht  aus  *ius-ti-s  entstanden  sein  wie 
ves-ti-s,  iis-tu-Sj  ges-tu-s,  gus-tu-s,  gus-t-ure  u.  dergl.  zeigen,  vergl. 
Froehde  Bezzenbergers  beitr.  I  178  ff.  Supponieren  wir  aber  vorhistor. 
lat.  *tuts-ti-s,  so  ist  alles  in  Ordnung;  muss  man  ja  doch  nach  den 
neuesten  Untersuchungen  von  Verner  anz.  f.  deutsch,  altert.  IV  341  f.  und 
Brugman  morphol.  unters.  III  131  ff.  gerade  als  Vorstufe  für  die  latei- 
nische und  gerinanische  Verwandlung  von  ursprünglichem  doppeldental 
in  SS  ein  tst  mit  secundär  entwickeltem  s  voraussetzen  (lat.  fossa  aus 


—     170     — 

sprachgeschichtlicher  constructionen  (vergl.  auch  Delbrück 
einleit.  in  d.  sprachstud.  124  f.)  zu  benutzen  hätte. 

Das  altpreuss.  gey-wa-s  'lebendig^  gey-wa-ns  acc.  plur. 
'die  lebendigen'  neben  gy-wa-n  subst.  acc.  sing,  'das  leben' 
(Fick  wörterb.  IP  553.)  deutet  auf  wurzelabstufung  hin,  daher 
lat.  vi-vO'Sj  abulg.  zi-vüj  ferner  abulg.  pi-vo  als  nicht  durch- 
aus sichere  beispiele  für  indog.  i  bezeichnet  werden  müssen. 

W.   Nomen  mit  suff.  -ue?i-: 

Sanskr.  ic-va-i^ä-s  adj.  'vermögend,  im  stände'  m.  'herr, 
gebieter,  fürst,  könig'  =  avest.  is-van-  adj. 'vermögend,  stark', 
is-vä  nom.  sing.  ys.  XLII  14.  XL  VI  4.,  is-va-tö  abl.-gen. 
sing.  yt.  XIII  96.  Sanskr.  ic-va-?m-s  beruht  auf  einem  */V- 
-vafi'  wie  pi-va-rä-s^  griech.  7Ci-a-q6-g  auf  pfvan-j  m-wv 
(Fick  wörterb.  P285f.,  Brugman  morphol.  unters.  II  240  f.). 
Wenn  wir  den  genitiv  avest.  üvatö  vai^äzahe  'des  starken 
Varäza'  so  verstehen,  wie  Fick  Bezzenbergers  beitr.  V  183. 
griech.  rijca-^og^  dovQa-rog^  so  können  wir  der  Justischen 
ansetzung  eines  besonderen  themas  isvant-  handb.  d.  zendspr. 
58  a.  entraten;  über  Vermischung  der  ablativ-  und  genitiv- 
formen und  -  constructionen  im  avesta  handele  ich  morphol. 
unters.  II  106  ff. 

Griech.  xll-aiv(x)  'wärme,  erwärme'  (Aristoph.  Lysistr. 
386.,  Alexis  b.  Athen.  IX  p.  379  B.,  Apollonidas  Smyrn.  in 
anth.  Pal.  IX  244,  4.)  aus  "^ylT-ßti-iix)  denom.,  ykl-a-QÖ-i;  adj. 
'lauwarm,  lau'  (Aristoph.  Acharn.  975.,  Magnes  b.  Athen.  XIV 
p.  646  E.)  aus  ^xü-ßn-qo-g  (Brugman  morphol.  unters.  II  205. 

*fotUi,  *fotstäy  ^fotsä).  Indog.  tut-s-y  die  um  „determinierendes  5"  er- 
weiterte Wurzel  tud-  'stossen',  konnte  'husten'  oder  'wimmern'  bedeuten, 
sowie  noch  andere  geräusche  bezeichnen  in  anord.  pyss  m.  'an  uproar, 
tumult',  pysja  'to  rush',  ahd.  dösön  'tosen';  vergl  Bechtel  a.  a.  o.,  verf. 
oben  s.  10.  Wegen  avest.  s  aus  ursprünglichem  ts  sieh  Justi  gramm. 
§  82. ,  Hübschmaun  Kuhns  zeitschr.  XXIV  350. ,  verf.  morphol.  unters. 
II  2.  anm.,  Brugman  ebend.  III  137  f. 


—     171     — 

241.)  =  griech.  iXl-aivio  denom.  (Aristoph.  eccles.  64.,  So- 
phocl.  b.  Athen.  XIII  p.  604  F.,  Meleager  in  anth.  Pal.  V  151,  6. 
165,4.  172,2.  XII  63,  4.  125,8.),  yXl-a-^o-^  adj.  (Nicand. 
alexiph.  360.  und  bei  Athen.  III  p.  126  C.  emend.  Casaub.). 

Sanskr.  ved.  nachved.  yi-van-  adj.  *^schwellend,  strotzend, 
voll,  feist,  fett',  pi-va-rä-s  adj.  "^ feist,  fett',  pf-va-r-i  adj.  fem.; 
griech.  m-wv  adj.  *^fett,  feist',  7Ü-alvco  *^mache  fett,  mäste 
dünge'  denom.,  7cl-aQ  n.  *^fett',  TtT-a-Uo-g  adj.  'fett,  feist' 
(anthol.  Pal.  VI  190,  10.  299,  2.,  Nicand.  alexiph.  360.)  == 
griech.  7ti-alv€c  *^mästet'  denom.  ganz  spät  bei  Gregor.  Naz. 
(vergl.  Morell-Maltby  lex.  Graeco-prosodiac.^  792  a.  anm.  2., 
Spitzner  griech.  prosod.  s.  77.).  Von  griech.  jtt-a-Qo-gj  jct-a- 
-X6-g  ist  die  quantität  nicht  zu  ermitteln.  Sanskr.  pi-va-?'-d-6'j 
pi-va-r-i  können  auch,  wenn  im  griechischen  jti-e-Qo-g, 
7ci-€iQaj  IIT-e-Q-la  näher  zu  ihnen  gehören  als  7Ci-a-Q6-gj 
ableitungen  des  oben  s.  167.  besprochenen  -wo-stammes  sein, 
wofern  wiederum  dieser  grundsprachlicher  herkunft  ist  (vergl. 
auch  s.  151.).  Doch  gehen  wir  auf  die  schwierige,  zuletzt 
von  Brugman  morphol.  unters.  II  204  f.  240  f.  244  fif.  erörterte 
frage  nach  dem  Verhältnis  der  suffixformen  hier  nicht  näher 
ein.  Den  sanskritischen  nom.  sing,  pivärij  den  Böhtlingk- 
Roth  Petersb.  wörterb.  IV  748.  mit  stellen  aus  dem  mahäbhä- 
rata  belegen  und  unter  ein  thema  pivams-  setzen,  fUr  das 
genaueste  correlat  zu  griech.  7citov  zu  halten,  ist  verlockend ; 
es  entstünde  dann  auf  altindischem  boden  selbst  in  pivän 
und  pivä  der  „doublet  syntactique ",  den  Havet  mem.  de  la 
soc.  de  linguist.  IV  274.  treffend  in  die  grundsprache  verlegt'). 


l)  Vergl.  auch  ved.  vibhväü  vou  vibhvan-  (Grassmanu  wörterb.  z. 
rgv.  Yorw.  VII  und  sp.  1288.,  verf.  morphol.  unters.  I  264.  anm.).  Ob 
freilich  Havet  a.  a.  o.  das  gesetz  über  die  grundsprachlichen  „syntak- 
tischen doubletten"  wie  mäter  und  male  nom.  sing,  'mutter'  richtig 
ermittelt,  ist  eine  andere  frage.    Ich  selbst  war,  im  gegensatz  zu  meinen 


—     172    — 

X.    Nomen  mit  suff.  -ö-y  fem.  -ä-: 

Sanskr.  ic-a  f.  ''vermögen,  gewalt,  herrschaft",  concr. 
''deichsei'  C woran  man  den  wagen  in  der  gewalt  hat')  = 
avest.  häm-is-a  f.  *^ dieselbe  deichser,  hämisäm-ca  acc.  sing. 
yt.  X  125.  Im  sanskrit  ist  für  ''deichser  zwar  ishä  die  häu- 
figere und  früher  zu  belegende  form,  im  veda  die  alleinige, 
vergl.  Petersb.  wörterb.  I  856.;  doch  entscheidet  das  zend 
zu  gunsten  von  ica  der  art,  dass  man  in  sanskr.  ishä  volks- 
etymologischen anschluss  an  ish-,  ish-a-ti  "in  rasche  bewe- 
gung  setzen'  (sieh  oben  s.  1.)  sehen  wird. 

Sanskr.  ish-a-s  m.  ^saft,  trank',  ish-a-s  m.  nom.  propr. ; 
griech.  -lo-ßdrujg  m.  nom.  propr.,  i-a-oi^iat  *^heile',  d.  i. '^frische 
auf,  mache  wieder  rüstig,  bringe  zum  wolsein'  denom.,  l-c- 
-TQo-g  m.  *^arzt'  =  sanskr.  ish-ä-s  m.  *^saft,  trank,  name  der 
beiden  herbstmonate'  (als  "^der  frischen,  saftigen'),  ved.  ish- 
-a-yä-ti  und  ish-ä-ya-timix2iXi^.  Hst  frisch,  rege,  rüstig,  kräf- 
tig', trans. ^erfrischt,  stärkt,  belebt'  denom.;  griech.'/o-zaaT/^, 
^lo-läo-Qj  "lo-cpöjVy  ^lo-cpcüOOaj  "l-avaooay  ^l-aveiQaj  ^[-avS-rj 


ausführungen  morphol.  unters.  I  256 ff.  261  ff.,  auf  den  gedanken  ge- 
kommen, sigmatische  und  asigmatische  nominativbildung  consonantischer 
Stämme  etwa  so  durch  „syntaktische  phonetik"  zu  erklären,  dass  ich 
beim  -w^-particip  ein  hheronts  esti  neben  bherön  k'^e  (aus  *bhe- 
ronts  k^e)  für  den  ältesten  zustand  halten  wollte.  Indog.  nepöis 
und  indog.  tie'pöt  'neffe,  enkel'  würden  folgendermassen  verteilt  sein. 
Avest.  7iapäo  aus  vorhistor.  ur-iran.  *napäs  (vergl.  iiapäose  yt.  VIII  34.), 
indo-iran.  *tiapäts]  ebenso  lat.  Jiepös  sigmatisch.  Aber  germ.  7ie'fö 
aus  indog.  ne'pöt  vollzog  vom  nom.  sing,  auord.  *7iefa  (dafür  später 
neß),  ags.  7iefa,  ahd.  nefo  aus  den  übertritt  zur  /z-declination,  den  Paul 
in  seinen  beitr.  VI 229 f.  bei  Voraussetzung  eines  urgerm.  neföz  für  das 
altnordische  nicht  mit  zu  gewinnen  wusste,  den  Mahlow  d.  langen  voc. 
AEO  96  f.  bei  gleicher  Voraussetzung  nur  durch  ein  lautgeschichtliches 
gewaltdecret  (vergl.  Brugman  liter.  centralbl.  1880.  sp.  944.)  erzwingt. 
Sanskr.  näpät  kann  asigmatischer  und  sigmatischer  nominativ  sein ;  des- 
gleichen ist  apers.  napä  entweder  =  ur-iran.  "^napäs  oder  =  ur-iran. 
*napät. 


—     173    — 

nomm.  propr.,  ^-a-ofiat  *^heile',  i-cü-fdvrj  partic.  Euripid. 
Hippol.  597.,  ^-ä-TQo-g  m.  *^arzt'  (Euripid.  Hippol.  296.  suppl. 
252.  Troad.  1233.  fragm.  1071.  Bind.,  Aristoph.  eccles.  363. 
Plut.  406.  407.,  Menand.  ed.  Meineke  p.  96.  205.  (=  p.  325. 
V.  326.)  219.  235.  Philem.  ed.  Meineke  p.  360.  381.  404.  413. 
432.,  orac.  b.  Athen.  I  p.  22  E.).  Wegen  der  griechischen 
„ganz  alten,  meist  mythischen"  eigennamen  mit  -/o-,  "/o- 
sieh  Fick  griech.  personenn.  39.  Das  adjectiv  te-Qo-g  (oben 
s.  149  iF.)  könnte  in  dieser  form  mit  suff.  -€-q6-  auch  ablei- 
tung  des  hier  behandelten  -ö-stammes  indog.  z*-^-^-  sein. 

Griech.  cpTfÄ-6-g  '^ Verengung,  verschliessung  einer  Öff- 
nung, maulkorb,  beisskorb,  gebiss  der  pferde,  der  über  die 
nase  hergehende  und  diese  einklemmende  züger,  cpl^-i-a  ntr. 
plur.  anthol.  Pal.  VI  312,  ==  griech.  cpif.i-6-g  m.  dass.  Max. 
Planud.  Boeth.  XV  16.,  cptu-o-XrjTCTo-g  adj.  *^vom  zügel  ge- 
halten oder  gebändigt^  Planud.  Boeth.  VII 30.  Verwant  scheint 
mir  abulg.  zhu-a^  ze-ti  ^ocpLyyeiVj  comprimere^  se-telt  m. 
''zloLogj  collare\  Dann  kann  nur  ein  indog.  yh^ia^'m-  die 
Wurzel  sein,  da  indog.  gk^a^im-  mit  zwei  schliessenden 
sonoren  ausgeschlossen  ist.  Ficks  vergleichungen  mit  dem 
abulg.  zma  wörterb.  IP  87.  befriedigen  auch  Curtius  grundz.^ 
547.  in  begrifflicher  beziehung  nicht  recht.  Andererseits  pro- 
testieren teils  begriffe  teils  laute,  wenn  Fick  wörterb.  P  834. 
cpTl-w-g  mit  cpitQo-g  *^baumstamm,  block,  klotz,  stück  holz\ 
(polTo-g  ''das  umherirren,  umherschweifen'  und  mit  abulg. 
spojay  spoüi  ""conjungere'  zusammenbringt*). 


I 


1)  Was  (p  =  indog.  gh'^  vor  l  in  (ptub-i  angeht,  so  bemerke  ich 
wegen  Joh.  Schmidt  Kuhns  zeitschr.  XXV  144.  151  flf.  168  If.,  dass  ich  an 
S,  &  als  die  gemeingriechische  lautliche  entsprechung  von  indog.  g'\  gh^ 
vor  palatalen  vocalen  nicht  glaube,  da  Joh.  Schmidt  für  ßios  'leben', 
ßeiofiai,  ßcos  'bogen',  ßiä  'gewalt'  u.  dergl.  keineswegs  probable  erklä- 
rungen  des  ß  durch  formübertragungen  aufgestellt  hat.   Für  die  meisten 


—     174     — 

Griech.  x^td-Tj  f/weichlichkeit,  Üppigkeit'  Pseudo-Phokyl. 
V.  200.  von  Bergk  poet.  lyr.  gr.  IP  474  nur  des  7  wegen  ver- 
dächtigt =  griech.  x/u^ö-rj  f.  dass. ,  yJuS-a-oj  denom. 

'  Griech.  ^-a-tj  f.  Veisung,  rechtsspruch ,  recht,  rechts- 
pflege'  (Hesiod.  op.  et  di.  263.  rama  cfvXaaoo^uevoij  ßaai- 
Iri^g^  Id-vveTE  dixag)  =  sanskr.  dt(^-ci  f.  ^'richtung,  himmels- 
richtung';  griech.  homer.  nachhomer.  ör/.-rj  f.  "^rechtsspruch, 
recht';  lat.  cami-dic-u-s  m.  "^Sachwalter,  rechtsanwalt'.  Nur 
untergeordnete  handschriften  haben  an  der  Hesiodstelle  f.iv- 
^ovg  statt  dfxag,  die  besseren  alle  letzteres,  eine  fj  dUag 
als  marginalbemerkuDg  zu  juvd-ovg  im  texte;  vergl.  Köchly- 
Kinkel  z.  d.  st.  So  scheint  f.ivd-ovg  correctur  des  echten  diy.ag 
gewesen  zu  sein,  womit  man  dem  vermeintlich  verdorbenen 
metrum  aufhelfen  wollte ;  auch  ist  i.Lvd^og  vom  'rechtsspruch' 
gesagt  ganz  hesiodischem  und  überhaupt  griechischem  Sprach- 
gebrauch zuwider,  wie  auch  Spohn  z.  d.  st.  und  Paley  bei 
Köchly- Kinkel  Hesiodea  quae  feruntur  carmina  p.  XXXVJ. 
bemerken.  In  ßaGilrjeg^  Id^vvsTe  liegt  ebenfalls,  wie  ich 
weiter  unten  zeige,  kein  metrischer  anstoss. 

Abulg.  vid-ü  m.  *^das  sehen,  schauen',  za-vid-a  f.  *^neid', 
eigentlich  'das  hinterhersehen,  misgünstige  hinsehen',  vizda 
Video,  specto'  denom.,  vid-e-ti  infin.,  za-vizda  Mnvideo',  za- 
-md-e-ii  infin. ;  lit.  pa-vyd-a-s  m.,  pa-vyd-a  f.  'neid,  misgunst', 
pa-vf/d-siu  'ich  neide,  misgönne'  denom.,  pa-vi/d-ii-ti  infin., 
pa-vyd-y-s  adj. 'neidisch,  misgünstig',  pa-injd-u-kli-s  m.'neider' 
==  lat.  in-vul-ii-s  adj.  'neidisch',   vid-e-o  'ich  sehe'  denom., 

der  von  Schmidt  behandelten  fälle,  wie  SCaira,  Sisqös,  Sdlsaq,  gibt  es 
andere  nicht  minder  berechtigte,  zum  teil  aber  entschieden  bessere  ety- 
mologien.  Tennis  einerseits  und  media  und  media  aspirata  andererseits 
können  sich  doch  wol  verschieden  verhalten  bei  dem  griechischen  pala- 
talismus  der  alten  velaren  /t- laute,  sowie  sich  ja  auch  im  altirischen 
beim  labialisierungsprocesse  tenuis  und  media  nicht  parallel  bleiben  (altir. 
hin  'vivus',  hen  'frau'  gegenüber  cethh'  'vier',  cm,  cid  'quis,  quid?'. 


—     175    — 

vid-e-re  infin.,  in-vid-eo  *" beneide,  misgönne'  denom. ,  in- 
-vid-e-re  infin.;  got.  vit-a-i-f)  "^sieht  auf  etwas,  beachtet,  be- 
obachtet etwas'  3.  sing,  indic.  praes.  denom.  Vergl.  Fick 
wörterb.  P  785.  In  den  slavischen  Wörtern  könnte  an  sich  i 
auch  =  indog.  ei  sein ;  aber  die  genaue  morphologische  con- 
gruenz  namentlich  des  denominativen  verbs  mit  lit.  pa-vyd-e-ti^ 
das  schon  der  verschiedenen  praeposition  wegen  schwerlich 
in  dem  Verhältnis  der  entlehnung  zu  abulg.  za-vid-e-ti  steht, 
ist  doch  wol  unumgänglich. 

Avest.  vish-a-  m.  oder  n.  *^gift\  vish-a-vaiit-  adj.  *^giftig'; 
griech.  \-6-g  m.\  lat.  vir-u-s  n.;  altir.  ß  ^'gift'  =  sanskr. 
vish-ä-m  n.'^gift',  «wÄ-ß-*  adj /giftig',  vish-ä  f.  eine  bestimmte 
pflanze;  avest.  visHn.^  visha-yäat-ca  abl.  sing.  fem.  (?)  ""von 
gift',  visha-gainti-  adj.  ^giftig  stinkend'.  Die  Schwankungen 
des  geschlechtes,  bei  widersprechender  grammatischer  form 
im  lateinischen,  deuten  sich  wol  aus  dem  tibergange  des  ur- 
sprünglich neutralen  Substantivs  in  adjectivische  function  und 
damit  geschlechtige  motion;  vergl.  s.  101  f.  anm.  Am  voll- 
ständigsten zeigt  das  sanskrit  die  folgen  dieses  processes  mit 
vish-d-Sy  vish-ä ,  vish-ä-m.  Im  latein  scheint  derselbe  ins 
stocken  geraten  zu  sein.  Wahrscheinlich  gelangte  man  hier 
zuerst  von  hlc  flös  '^Vtrum  est  zu  hic  ßös  vlrvs  est]  dann 
aber  wurde  vu^us  nicht  wie  im  griechischen  7o^,  consequent 
zum  masculinen  Substantiv  oder  gar,  gleich  dem  sanskr. 
visk-d-Sj  zum  vollen  adjectiv  ausgebildet,  sondern  die  remini- 
scenz  an  das  alte  einstweilen  daneben  fortbestehende  neu- 
tYViTJi*iürum  verschaffte  dem  neuen  virus  das  neutrale  genus 
von  jenem,  wobei  die  tatsächliche  existenz  lateinischer  neutra 
auf  'Vs  wie  geniis^  corpus  mitwirken  konnte. 

Sanskr.  ved.  nachved.  ii'sh-a-s  m.  ^salzige  erde,  steppen- 
salz' als  *^brennendes'  (vergl.  engl,  hot  'heiss'  und  'scharf, 
ätzend   von   geschmack'),   üsh-a-ka-  *^salz'   oder  'pfeffer', 


—     176    — 

üsh-a-rd-s  adj.  "^salzhaltig'  vom  boden,  subst.  ^salziger  boden', 
üsh-a-vant-  adj.  dass.,  ush-i  f.  *^mit  salz  geschwängerter,  un- 
frucktbarer  boden"*  =  sanskr.  ush-a-  m.  ^salzhaltige  erde', 
n.  *" fossiles  salz',  ush-ä  f.  ""das  brennen,  glühen'.  Wurzel 
indog.  eus-  ^brennen,  sengen'  (griech.  ev-co,  lat.  ?lr-ö). 

Sanskr.  üsh-a-m  n.  ^morgenanbruch'  (Böhtlingk  -  Roth  I 
1031.  unt.  usha-  d.),  üsh-a-ka-  n.  ^tagesanbruch',  unbelegt, 
iish-ä  f.  nom.  propr.  der  gemahlin  Aniruddha's  =  sanskr. 
ved.  ush-ä-s  adj.  ^leuchtend'  (rgv.  II  2,  8.  nach  der  lesart  des 
Petersb.  wörterb.  I  1010.  ushena^  vulg.  arushena)^  m.  ^tages- 
anbruch',  ved.  ush-a  f.  ""morgenröte',  nachved.  ush-ä  f.  nom. 
propr.  der  gemahlin  Aniruddha's;  avest.  usha  f.  nom.  propr. 
*^ Aurora'.  Dass  der  ä- stamm  usha-  ""morgenröte'  nicht  von 
hause  aus  neben  dem  -ö*- stamme  ushas-  existiert  habe,  ist 
möglich,  indes  durch  Brugman  Curtius'  stud.  IX  307.  Kuhns 
zeitschr.  XXIV  25  ff.  und  Job.  Schmidt  Kuhns  zeitschr.  XXV 
15.  24.  noch  keineswegs  ausgemacht,  wie  jener  aus  diesem 
entsprang;  indog.  usösjp,  (oder  usüsTp,  nach  Job.  Schmidt) 
ergab  kein  sanskr.  usham^  avest.  usham  acc.  sing.  Wurzel 
indog.  aiis-  ^^aufleuchten'  (lesb.  «t;-w^,  lat.  am^-ord)^  nicht 
zu  confundieren  mit  ew 5- "^sengen',  wenn  auch  die  tiefstuf en- 
formen  vaus-  zusammentreffen. 

Griech.  xvß-o-g  n.  Viereckiger  körper,  Würfel'  anthol. 
Palat.  XIV  8. ,  als  lateinisches  fremdwort  cübus  bei  Auson. 
idyll.  XI  3.  =  griech.  xvß-o-g  m.  dass.;  lat.  in-cüb-u-s  m. 
*^alp'.  Als  grundbedeutung  ist  aufzustellen:  Vas  wuchtend 
aufliegt'. 

Ags.  hrüs-e  f.  *^erdscholle,  erde'  ==  abulg.  krüch-a,  russ. 
kroch-a  f.  *^mica';  ahd.  t^os-a  f.  *^glacies,  crusta'.  Zur  etjmo- 
logie  vergl.  Fick  wörterb.  111^84 f.,  wo  jedoch  das  angel- 
sächsische wort  noch  hriise  geschrieben  ist.  Aber  statt  ü 
wäre  o  zu  erwarten  wie  in  ahd.  rosa-^  auch  ist  die  länge 


—     177     —         , 

des  u  in  hrüse  vermutet  von  Schubert  de  Anglosaxonum  arte 
metrica  p.  30.,  und  Sievers  Anglia  I  576.  hat  ihm  zugestimmt. 
Urgerm.  hrüs-o-n-  als  schwaches  feminin  muss  den  accent 
des  s  wegen  bereits  auf  die  Wurzelsilbe  nach  analogie  einer 
starkwurzeligen  paradigmenform  mit  „  diphthong "  (vergl. 
abulg.  kruch-ü  m. ''brocken,  Stückchen')  zurückgezogen  haben. 
Nach  einer  mitteilung  von  dr.  Kluge  gebe  ich  diese  nummer. 

Avest.  süc-ö  adj.  'klar',  sücä  n.  acc.  plur.  ys.  XXX  2. 
==  sanskr.  ved.  quc-ä-s  adj.  ""rein,  hell'  rgv.  X  26,  6. 

Sanskr.  ved.  nachved.  tüsh-a-  m.  n.  ^zipfel,  einfassung 
oder  franse  eines  gewandes'  =  sanskr.  ved.  nachved.  tüsh-a-s 
m.  ''hülse  des  reises,  getreides  u.  s.  w.,  spelze'. 

Sanskr.  dhüp-a-s  m.  '^ räucherwerk,  der  beim  verbrennen 
von  räucherwerk  aufsteigende  rauch';  griech.  xvcp-o-g  m. 
'rauch,  dampf,  qualm,  dunst',  rvcp-ojg  m.,  Tvcp-cjv  (oder 
rvcp-cüv)  m.  Virbelwind,  Windsbraut,  Wasserhose',  Tücp-a-cov 
Tvcp-iüv  m.  nom.  propr.  =  griech.  Tvcp-o-g  m.  'rauch,  dampf, 
qualm'  Gregor.  Naz.  carm.  p.  109,  20.  222,  45.  Dronk.,  homer. 
nachhomer.  Tvcp-a-cov  m.  nom.  propr.,  Tvcp-ä-ov-w-g  adj., 
homer.  nachhomer.  Tvcp-co-eu-g  m.  nom.  propr.  Vergl.  über 
den  Wechsel  der  prosodie  des  v  auch  Lobeck  Sophocl.  Ai.^ 
p.  152  sq.  not.,  Spitzner  griech.  prosodie  s.  100.,  Passow  hand- 
wörterb.  d,  griech.  spr.  unt.  rucpogy  Tvcpcoevg.  Übrigens  ist 
das. Verhältnis  der  consonantischen  entsprechung  (man  er- 
wartet sanskr.  ^duhha-s  oder  umgekehrt  griech.  "^d-vTto-g) 
noch  nicht  tiberzeugend  festgestellt. 

Avest.  büj-6  m.  'das  wegtun,  ablegen,  reinigung',  hüj-e-m 
acc.  sing.  ys.  XXXI  13.;  anord.  hük-r^  ags.  hüc  ^  aniederd. 
mitteld.  hük^  ahd.  hüh  buch  püch^  mhd.  buch  m.  'bauch, 
rümpf  =  sanskr.  buj-a-  'krümmung,  biegung'  in  bhuja-ga-s 
m.  'schlänge'  (vergl.  Petersb.  wörterb.  V  307.  unt.  bhujaga-\ 
bhüj-as  m.  'arm,  rüssel  eines  elephanten,  Seite  einer  mathe- 

Osthoff  u.  Brugman  untersuch.  IV.  |2 


—     178     — 

matischen  figur\  Die  grundbedeutung  des  nomens  *^beugung, 
biegung'  specialisierte  sich  im  zend  zu  "^das  bei-seite-beugen, 
beseitigen,  wegtun,  wegschaffen^  (Justi  handb.  d.  zendspr. 
215a.  unt.  buj-^)^  im  sanskrit  und  germanischen  zu  'biegung 
am  körper,  gebogener  oder  sich  biegender  körperteil'.  Könnte 
vielleicht  zwischen  sanskr.  bhuja-ga-s  *^schlange^  und  deut- 
schem bauch  ein  engerer  rapport  obwalten,  indem  jenes  eigent- 
lich ""bauchgänger'  bedeutete?  Vergl.  den  fluch  der  schlänge 
im  paradiese  genes.  III  14. 

Avest.  büz-a-  m.  ^bock'  =  avest.  buz-ya-  adj.  "^die  ziege 
betreffend\  Anord.  bokki  m.,  ags.  bucca  m.,  ahd.  bok  boch 
poch  pocch  m.  (plur.  poccha)^  mhd.  boc  m.  (gen.  bockes)  T)e- 
ruhen  wahrscheinlich  auf  einem  -e;i-stamme  indog.  bhug^en--^ 
die  schwächste  themaform  bhug^n-  wurde  zu  germ.  ^bukn-^ 
bukk-  (vergl.  Paul  in  seinen  beitr.  VII  133  ff.  anm.  2.)  und 
verallgemeinerte  sich,  entweder  mit  bleiben  der  n  -  declination 
wie  im  altnordischen  und  angelsächsischen,  oder  mit  über- 
tritt des  bukk'  in  die  o  -  declination  wie  im  hochdeutschen 
(gen.  plur.  ahd.  poccho  =  urgerm.  bukko  aus  *bukn-ö). 

Griech.  homer.  nachhomer.  (xvd-o-g  m.  ^sage,  rede,  er- 
zählung^  (.ivd-'S-oiLiai  denom.  ==  griech.  (,ivd--o-g  m.  Gregor, 
theolog.  anthol.  Palat.  VIII  8,  1.,  iLivd-rj-f-ia  n.  'gesagtes,  er- 
zähltes^ Theodor.  Prodrom,  (vergl.  Jacobs  addenda  z.  anthol. 


1)  Vergl.  auch  oben  s.  10.  Geldner  Kuhns  zeitschr.  XXIV  142  flf. 
macht  den  von  selten  der  bedeutungen  bekämpften  Zusammenhang  dieses 
avest.  buj-  mit  sanskr.  1.  bhuj-  durch  seine  nachweise  eher  noch  wahr- 
scheinlicher, als  das  gegenteil.  Mit  bitfijaind  'sie  verscheuchen'  yt.  XIV  46. 
(so  nach  Geldner)  und  büjat  'er  errettet'  yt.  IV  3.  (ebenfalls  nach  Geldner), 
äzd-büj-  'aus  not  befreiend'  (desgleichen  nach  Geldner)  berührt  sich  doch 
sanskr.  nir-bhuj-  'bei  seite  biegen,  aus  der  stelle  rücken',  dann  im  rgveda 
'herausrücken,  retten  aus'  (Grassmann  wörterb.  939.)  so  nahe  wie  nur 
möglich.  So  liegt  auch  got.  us-baugjan  'auskehren,  ausfegen'  nicht 
„begrifflich  etwas  weit  ab"  von  biugan  'beugen',  ga-Uugan  'biegen'. 


—     179    — 

Palat.  p.  LXIV.).  Ob  suffix  -0-,  ist  auch  hier  zweifelhaft; 
vielleicht  alte  composition  mit  würz,  dhe-  wie  in  (xio-d-d-g 
(sieh  unten),  vergl.  Curtius  grundz.^  336. 

Neuniederländ.  luik  n.  ^deckel,  laden,  klappe',  anord. 
lük-a  f.  *^the  hollow  hand  held  like  a  cup,  the  lid  in  the 
opening  of  a  loft',  neuniederd.  westfäl.  (grafsch.  Mark,  Ravens- 
berg)  liuk-e  f.  'luke'  (vergl.  Jellinghaus  westfäl.  gramm.  §  63. 
s.  30.)  =  sanskr.  ved.  a-ruj-ä-s  adj.  ^^zerbrechend'  (rgv.  VIII 
45,  13.),  ved.  valam-ruj-ä-s  adj.  m.  *^ höhlenerbrechend,  höhlen- 
brecher'  (rgv.  III  45,  2.),  sanskr.  ruj-a  f.  'bruch';  anord.  lok 
n.  ^ende,  beschluss',  ags.  loc  n.  ^verschluss',  ahd.  mhd.  nhd. 
loch  n.  'verschluss,  versteck,  höhle,  loch,  Öffnung'.  Nhd. 
Inke  ist  aus  dem  niederdeutschen.  Der  dat.  sing.  got.  us-luka 
'avoL^et'  Ephes.  VI  19.  ist  der  Stammbildung  (ob  0-  oder 
^/- stamm),  dem  genus  (ob  masc.  oder  neutr.),  drittens  auch 
der  quantität  des  u  nach  unbestimmbar. 

Griech.  oxvcp-o-s  m.,  OKvcp-og  n.  'becher,  trinkgeschirr^ 
Hesiod.,  Anakreon,  Anaximand.  u.  Panyasis  b.  Athen.  XI 
p.  498.  B.  C.  D.  =  griech.  homer.  nachhomer.  Gxvcp-o-g  m., 
oxv(p-og  n.  dass.  Die  Schreibung  axviccpog  an  den  stellen, 
wo  die  erste  silbe  lang  ist,  scheint  mir  nur  ein  notbehelf  zu 
sein;  vergl.  Passow  handwörterb.  u.  d.  w.  und  die  daselbst 
angeführte  litteratur  über  diese  frage. 

Anord.  stük-a,  ahd.  stüch-a^  mhd.  stüch-e^  nhd.  stauch-e  f. 
*^manica'  ==  ags.  stoc-ti  f.  *^manica'.  Belege  für  letzteres  gibt 
Mone  quell,  u.  forsch.  I  437.  438.  aus  glossen.  Nach  einer 
mitteilung  dr.  Kluges. 

Sanskr.  ved.  nachved.  stvip-a-s  m. 'schöpf ;  griech.  ormt-rj 
f.'werg,  heede'  (vergl.  Lobeck  ad  Phrynich.  p.  261.)  =  sanskr. 
ved.  nachved.  stup-ä-s  m.  'schöpf';  griech.  orvTc-og  n.  'stock, 
Stange,  Stengel,  stiel,  stamm,  Strunk,  stumpf,  klotz,  block', 
neutraler  -<?.v- stamm  wol  aus  altem  masculinen  -o-stamm; 

12* 


—     180    — 

lat.  stüp-e-ö  ''stocke,  stehe  starr  und  still,  bin  betäubt,  bin 
verblüfft,  bin  verdutzt,  stutze^  denom.  Lat.  stüpa  f.  Verg, 
heede^  {stüpeus  adj.  bei  Vergil  und  Ovid)  kann  auch  auf 
einer  Stammform  des  alten  paradigmas  mit  nicht  reducierter 
Wurzel  (etwa  indog.  stoiipä-)  beruhen;  selbst  entlehnung 
aus  dem  griechischen  ist  nicht  ausgeschlossen. 

Y.    Nomen  mit  suff.  -ei-: 

Sanskr.  vtc-i-s  f.  (und  m.  nach  grammatikern) ,  vic-i  f. 
''welle,  woge,  eine  bestimmte  hölle'  =  sanskr.  vic-i-s  f., 
vic-i  f/welle'.  Vergl.  Böhtlingk-Roth  VI  1012.  1290.  Wurzel 
sanskr.  vyac-  ^m  sich  fassen^  wovon  vijdc-as'  n.  *^umfäng- 
lichkeit,  umfassender  weiter  raum\ 

Lit.  üg-i-s  m.  Wachstum,  wuchs,  schössling  eines  Jahres', 
gen.  %-zö,  -^'o-stamm  aus  altem  -e/-stamm  (vergl.  s.  97.  102. 
120. 122.)  ==  griech.  vy-l-eig  adj.Vachstum  habend,  wachsend', 
vyievra  oXßov  "^blühendes  glück,  wachsenden  segen'  Pindar. 
Olymp.  V  54.  Es  ist  bei  berücksichtigung  des  litauischen 
stammnomens  das  Pindarische  vyl-etg  ein  etymologisch  so 
durchsichtiges  -/«j^r-adjectivum  wie  %aQi-eig  "^anmut  habend"* 
von  /a^i-g;  schon  die  alten  grammatiker  stellten  vyleig  mit 
XccQleig  in  parallele,  so  Choirosboskos ,  sieh  Herodian  I  289, 
24—26.  II  618,  35—619,  3.  ed.  Lentz.  So  wird  man  also 
von  vyl-eig  ausgehen  dürfen,  um  das  seither  morphologisch 
so  dunkle  vyii^g  *^gesund',  das  von  Herodot,  Thukydides  und 
Aristophanes  an  zu  belegen  ist,  zu  deuten ;  denn  was  H.  Möller 
Kuhns  zeitschr.  XXIV  458.  513.  zur  erklärung  des  letzteren 
beibringt,  befriedigt  zwar  Curtius  grundz.^  678.  anm.*)  (etwas 
anders  s.  739.),  nicht  aber  andere,  die  sonst  kein  „urspr.  g^ 
als  mouilliertes  y  in  der  gestalt  yi  im  griechischen  noch  wirk- 
lich vorliegen"  sehen  und  für  diesen  einzigen  fall  die  aus- 
nahmestellung  nicht  begreifen.  Mir  scheint  nun  mehreres 
auf  die  einstige  existenz  eines  -e*-adjectivs  *vyi^g  im  grie- 


—    181     — 

chischen  hinzudeuten.  Vornemlich  vyeiäf  das  eine  ableitung 
ist  wie  altatt.  alrj^elä  von  akrj^rjgj  avaiöeiä  (Aristophan. 
fragm.  29.  Dindorf.)  von  avaLÖrig ;  „  dass  die  ableitungen  von 
oxytonierten  -6(7 -stammen  ursprünglich  -eia  betonten,  über- 
liefert Choiroboskos  in  Bekkers  anecdota  III  p.  1314.  =  Hero- 
dian  II  454,  20."  (Gust.  Meyer  Bezzenbergers  beitr.  I  88  f.). 
Das  von  grammatikern  gut  bezeugte,  wenn  auch  falsch  (durch 
„krasis"  aus  vyieia)  erklärte  vyeLä  (vergl.  Lobeck  paralip. 
gramm.  graec.  28.  pathol.  graeci  serm.  elem.  I  279.  II  134., 
Herodian  II  333, 12.  554,  31.  35.  595,  23.  ed.  Lentz)  gilt  nun 
zwar  den  neueren  als  „spät"  oder  als  „rarum  et  saepe  su- 
spectum"  (Curtius  grundz.^  187.,  Passow  handwörterb.  unter 
vyLsLaj  Lobeck  pathol.  graeci  serm.  elem.  II  134.);  ich  sehe 
aber  nicht,  aus  welchem  entscheidenden  gründe.  Denn  Passow 
a.a.O.  bemerkt  doch  auch  über  die  „spätere  ioxm  vyeia'': 

„vysla findet  sich  bei  Plut.  Luc.  u.  a.  spät.,  wiewol 

neuere  herausgeber  diese  auch  in  hdschr.  der  altern 
classiker  sich  häufig  findende  form  auch  bei  spät. 
Schriftstellern  zum  teil  nach  autorität  guter  handschriften 
wieder  entfernt  haben ".  Auch  hinsichtlich  der  inschriftlichen 
beglaubigung  ist  vyelaj  soweit  ich  es  controlieren  kann,  in 
keiner  beziehung  ungünstiger  als  vyUca  gestellt.  Femer 
zeugt  für  altes  ^vyrjg:  vycL-vo-g  Sidi,j  "^Yyel-vo-g  nom.  propr., 
häufig  auf  Inschriften,  bildungsgleich  mit  ogsi-vo-g,  okotei- 
-v6-gj  (paBL-vo-g  von  -£a- stammen.  Nun  verhält  sich  func- 
tional  unser  *vyi]g  zu  dem  neutrum  sanskr.  öjas  *^ kraft,  lebens- 
frische, lebenskraft',  avest.  aojd  'kraft',  lat.  *augus  in  augus- 
-tu-Sj  griech.  *avyog  in  €QL-avyi]gj  d.  i.  indog.  äug^os  (Fick 
wörterb.  P  31.),  gleichwie  griech.  xpevörig  adj.  zu  ipevdog  n., 
homer.  eleyxrg  adj.  'schändlich'  (II.  J  242.  ß  239.)  zu  Uey- 
%og  n.,  sanskr.  apas  adj.  'tätig'  zu  dpas  n.  'tätigkeit,  hand- 
lung'  u.  andere  mehr;  vergl.  Brugman  Kuhns  zeitschr.  XXIV 


—     182     -^ 

34  ff.  Auch  formal  wird  das  Verhältnis  *  vyrjg  :  *  aiyog  dem- 
jenigen von  tpevörig  :  xpevdog  ganz  gleich,  wenn  wir  für  letz- 
teres die  mit  der  accentuation  conformere  gestalt  ^ipvörjg: 
ipevöog  einsetzen^).    Ist  nach  allem  diesem  ein  '^vyj]g  so  ge- 


1)  Ich  kann  das  gewöhnliche  erscheinen  des  mittelstufigen  wurzel- 
ablauts  bei  den  neutra  auf  -os,  das  man  als  ein  charakteristicum  dieser 
stammclasse  zu  betrachten  angefangen  hat,  doch  nicht  für  etwas  ur- 
sprüngliches, nur  für  das  resultat  einer  späteren  ausgleichung  zwischen 
ablauts verschiedenen  Stammformen  halten;  ich  stimme  also  jetzt,  im 
gegensatz  zu  morphol.  unters.  II  16  f.  anm.,  der  Möllerschen  beurteilung 
der  doubletten  wie  ßad-os  und  ße'v&os,  Ttdd-os  und  nsv&os  (Kuhns  zeitschr. 
XXIV  441.  Paul -Braunes  beitr.  VII  503  f.)  bei.  Eine  isolierte  form  ist 
im  veda  der  loc.  sing,  upds-i  'im  schoss',  zu  dem  der  nom.-acc.  sing. 
*vd2)as  von  würz,  vap-  'hinstreuen,  aufschütten'  (vergl.  vap-ä  f.  'auf- 
wurf,  häufen  der  ameisen,  höhlung,  loch',  vüp-ra-  m.  n.  'aufwurf  von 
erde,  aufgeschütteter  erdwall,  ein  hohes  flussufer,  abhang  eines  berges, 
graben,  feld  das  besäet  wird')  gewesen  sein  wird;  neben  upds-i  nur  noch 
das  compositum  npdstha-s  m.  'schoss'  für  *upds-stha-s,  eigentlich  'im 
schösse  befindliche  stelle'.  Von  der  wurzel  pa^u-  'faulen'  mag  ein 
grundsprachliches  nentmm  pd^nos  'fäulnis,  eiter'  die  drei  Stammformen 
pd^uos  (nom.-acc.  sing.),  puue's-  (loc.  sing,  puues-i),  püs-  aus 
*puiis-  (gen.-abl.  sing,  piis-ös)  gehabt  haben;  je  eine  der  beiden 
schwächeren  wurde  im  griechischen  {nvos  aus  ^nvßos)  und  im  lateini- 
schen ( />wir,  pwr-w)  verallgemeinert,  während  pa^w  0  5  verlorenging.  Nur 
so  wird  sich  auch  lat.  rüs,  rnr-is  n.  mit  avest.  ravahh-  n.  'weite,  weiter 
räum'  zwanglos  vereinigen.  Ähnlich  wie  lat.  püs  und  griech.  tzvos  liegen 
ferner  im  veda  neben  einander  die  instrumentalformen  hish-a  und  hhi- 
yäs-ä  'aus  furcht';  ich  sehe  in  dem  letzteren  wie  in  dem  dativ  (infin.) 
hhiyds-e  die  neuschöpfung  nach  dem  loc.  sing.  *bhit/ds-i.  Wiederum 
existiert  ein  nom.-acc.  sing.  *bhdyas  nicht,  nur  ein  ebenfalls  nach  *bhi- 
yds-i  geformter  acc.  sing.  masc.  ved.  bhiyds-am  'furcht',  dessen  genus- 
wechsel  wahrscheinlich  mit  der  bei  einem  neutrum  später  ungewohnten 
accentuation  der  m\x^iQviovm*bhiyds-i  zusammenhing;  apds-i,  i'akshds-i 
hatten  je  nach  ihrem  übergange  zu  geschlechtigen  concretis  auch  die 
neugebildeten  accusative  apds-am,  rakshds-am  zur  seite.  So  sind  auch 
yjsvSos  und  yjevS'^g,  sowie  *avyos  und  {sQc-)avyT]s  aus  dem  einen  alten 
paradigma  ipsvSos  *y/vS£i,  *avyos  *vyei.  Dass  nicht  notwendig  die 
jüngere  geschlechtige  (adjectivische)  -^5-bildung  der  accentuation  gerade 
des  loc.  sing,  folgt,  zeigt  die  betonungsdifferenz  von  ved.  su-mdnäs  und 


—     183     — 

nügend  gesichert  als  möglich,  so  wird  es  gerechtfertigt  sein, 
vyiTig  als  die  jüngste  form  und  als  contaminationsbildung  aus 
Pindars  vyL-eig  und  jenem  *  vyTqq  zu  betrachten,  der  zu  folge 
dann  auch  vyeiä  zu  vyieLä  (Aristoph.  av.  604.,  Ttlovd-vyLeiäv  ^) 
ebend.  v.  731.),  später  t/Ze^«,  vyet-vo-g  zu  vyiec-vo-g  zu  wer- 
den hatte.  Um  so  leichter  mochte  die  neuschöpfung  vyii^g 
sich  einstellen,  als  compärativ  und  Superlativ  zu  vyLeig,  vyieo- 
-TEQO-g  vyiea-Taro-g  (vergl.  xaqdo-reQo-g  xaQtea-Taro-g  zu 
XccQleig)y  bereits  auch  passend  waren  für  einen  solchen  neuen 
-^6(7 -stamm  des  positivs,  desgleichen  der  dat.  plur.  vykoc 
(vergl.  xaQieot)  nur  einer  einfachen  Verschiebung  des  accents 
zu  vyieoi  bedurfte.  Zu  weiterer  gegenseitiger  beeinfiussung 
zwischen  vyLeig  und  vy^qg  konnte  es  auch  nach  der  Schöpfung 
des  letzteren  noch  kommen;  dahin  würde  gehören,  wenn 
an  der  Pindarstelle  Aristarch  (vergl.  Herodian  I  239,  25  sq. 
ed.  Lentz)  paroxytoniertes  vyievra  als  wirklich  existierende 
sprachform  lesen  wollte,  und  nicht  vielmehr,  was  wahrschein- 
licher, aus  grammatikercourtoisie  gegen  vyuaj  vycrjgj  welches 
letztere  motiv  allein  bei  Bergks  schlimmbesserung  des  vyLevta 

griech.  ev-/Lievrje.  Ein  griechisches  -^^-neutrum  mit  tiefstufe  der  wurzel, 
und  zwar  mit  der  stärkeren  form  derselben  indog.  %,  ist  ISos  'schweiss', 
zu  erklären  aus  der  alten  flexion  indog.  STieulos,  suides-i  (vergl.  ld-i(o 
s.  33.),  also  misverstanden  von  Gust.  Meyer  griech.  gramm.  §  113.  s.  113. 
Als  adjectiv  zugleich  und  tiefstufig  in  der  Wurzelsilbe  ist  aus  dem  san- 
skrit  mit  griech.  *y/7js  zu  vergleichen  ved.  duväs-  'vordringend,  hinaus- 
strebend'. 

1)  Nicht  „reichtumswolsein ,  entw.  reichtum  mit  gesundheit  verbun- 
den, od.  wie  Find.  Ol.  5,  53.  vyieis  oXßos,  gesunder,  d.  i.  echter  solider 
reichtum"  nach  Passow  handwörterb.  unt.  nlovd'-vyieia,  das  auch  Gust. 
Meyer  Kuhns  zeitschr.  XXII  27.  unter  die  griechischen  dvandvas  ein- 
reihte. Vielmehr  nur  'mehrung  des  reichtums',  ein  tatpurusha- compo- 
situm; hier  waltet  noch  die  grundbedeutung  der  wurzel.  Dadurch  er- 
weist sich  auch  noch  Pindars  vyiecsj  wie  von  formaler  seite,  als  eine 
altertümliche,  wenigstens  erstarrende  bildung,  gegenüber  dem  jüngeren 
vyirj^  mit  seiner  fortgeschrittenen  bedeutungseutwickelung. 


—     184     — 

in  die  unform  vytrjvra  das  massgebende  war.  Die  wurzel 
von  lit.  üg-i-Sj  griech.  *vy-i-s  in  vyl-eig  ist  also  indog.  aug^- 
'wachsen'',  trans/wachsen  lassen,  vermehren'*  in  griech.  av^co^ 
av^avcüj  lat.  augeOj  got.  avkan^  anord.  auka  ''mehren^,  lit. 
äugUj  dukti  Sachsen "*,  somit  auch  Möllers  rechnung  auf  den 
palatal  indog.  g^  in  vynqg  hinfällig. 

Lit.  trük-i-s  m.  ^zug  (z.  b.  fischzug),  riss,  bruch,  spalte, 
geplatzte  stelle"*,  gen.  trük-io,  ebenfalls  mit  junger  -/o-decli- 
nation  ==  lit.  pa-trük-i-s  m.  Verzug,  verSäumnis,  aufenthalt', 
gen.  pa-trük-io  (bei  Nesselmann  wörterb.  119  b.  aus  Szyrwid). 

Über  anord.  rüg-r  m.  ^roggen^  =  ags.  ry^e  m.,  abulg. 
rüzt  m.,  lit.  rugiei  m.  plur.  schreibt  mir  dr.  Kluge:  „ich 
habe  Sie  früher  auf  an.  rügr  (=  ae.  ri/ge)  hingewiesen;  so 
finden  Sie  allerdings  überall  angegeben,  aber  trotzdem  ist 
der  ansatz  nicht  richtig,  wie  Söderberg  forngutnisk  Ijudlaera 
1879.  s.  11.  anm.  2.  nach  einer  mitteilung  von  Hofi'ory  be- 
weist; rügr  ist  allein  richtig."  Ich  habe  mir  aber  für  die 
-e/-themen,  welche  so  constant  z.  b.  im  germanischen  als 
nomina  actionis  «,  ü  in  der  wurzel  zeigen  (vergl.  von  Bahder 
verbalabstr.  25  ff.),  noch  diese  fälle  mit  J,  ü  notiert:  sanskr. 
ved.  nachved.  vic-i-s  f.  ''trug,  Verführung^;  sanskr.  ved.  nach- 
ved.  vrih-i-s  m.  ^reis^;  sanskr.  ved.  nachved.  düsh-is  adj. 
*^verderbend,  vernichtend,  zerstörend'  in  aräti-^  ätma-,  krtyä-j 
tanü-düshi-s j  düsh-i-s  f.  "^giftiger  Stoff',  düsh-i-s^  düsh-i  f. 
*^unreinigkeit  des  auges';  avest,  ^wy-z-  m.  nom.  propr.  eines 
daeva,  büj-i-sravahh-  m.  nom.  propr.  eines  sohnes  des  VisH- 
täspa  (wol  als  *^ruhm  zum  genusse  habend,  rühm  geniessend' 
zu  der  wurzel  sanskr.  3.  bhuj-  im  Petersb.  wörterb.,  der 
Geldner  Kuhns  zeitschr.  XXIV  144.  weitere  avestische  ver- 
wantschaft  zuweist);  lit.  rüd-i-s  f.  *^rost';  lit.  lüz-i-s  m.  (hyste- 
rogener  -/o-stamm)  ''bruch,  gebrochene  stelle',  das  an  got. 
us-luk-s  '^Öffnung'  dann,  seinen  doppelgänger  haben  würde. 


r 


—     185    — 

wenn  von  Bahder  d.  verbalabstr.  in  d.  german.  spr.  30.  den 
dat.  sing,  us-luka  richtig  als  form  eines  -e^f- Stammes  mit 
kurzem  u  der  wurzel  auffasste,  was  aber  fraglich  bleibt 
(vergl.  oben  s.  179.). 

Z.   Nomen  mit  suff.  -eu-: 

Griech.  i-6-g  m.  *^pfeir,  homer.  T-o-xeatqa  *^pfeilaus- 
giesserin"*  =  sanskr.  ish-u-s  m.  f.  *^pfeir;  avest.  ish-u-sk  m. 
'^pfeil';  griech.  homer.  X-6-(^uoQOi  adj.  *^die  mit  dem  pfeil  sich 
auszeichnenden''  *),  ^i-o-%eaiqa  *^pfeilausgiesserin'  Pindar.  Pyth. 
II  16.  Das  apers.  isiiväm  gen.  plur.,  wegen  dessen  s  für  sh 
s.  168 f.  anm.  zu  vergleichen  ist,  lasse  ich  lieber  als  nichts 
entscheidend  bei  seite;  da  im  anlaut  apers.  a  und  ä  nicht 
graphisch  unterschieden  werden,  so  ist  möglich,  dass  für  i 
und  ij  u  und  u  in  gleicher  Stellung  das  gleiche  galt,  während 
für  die  Scheidung  der  wortinlautenden  %  ü  von  /,  u  allerdings 
indicia  vorhanden  sind  (vergl.  s.  40.  anm.).  Griech.  t-o- 
wahrscheinlich  lautgesetzlich  aus  *?(r-?;-,  *?-i;-;  denn 
wegen  der  regel,  dass  -gF-  zwischen  vocalen  nicht  ganz  aus- 
fiel (verf.  verb.  in  d.  nominalcomp.  343.,  Brugman  morphol. 
unters.  III  87.,  C.  A.  Müller  „de  J^  litera  in  lingua  Graeca 
inter  vocales  posita"  dissert.  inaug.  Lips.  1880.  s.  61  ff.,  Gust. 
Meyer  griech.  gramm.  §  269.  s.  233.),  ist  die  ältere  erklärung 
von  lö-q,  *^pfeir  aus  erweitertem  *ioß-6-g  (Brugman  Curtius 
stud.  IV  170.,  Fick  wörterb.  P  30.  286.  509.  IP  34.,  Curtius 
grundz.'  402.)  hinfällig').    Der  IL  Y  68.  überlieferte  neutrale 


1)  Wegen  -fico^o-s  vergl.  jetzt  Bechtel  üb.  d.  bezeich,  d.  sinnl.  wahr- 
nehm. 101.  anm. 

2)  Ich  vermute,  wozu  ich  durch  Brugman  Fleckeisens  jahrbb.  f.  class. 
philol.  1880,  s.  661.  anm.  angeregt  werde:  nach  dem  Spirantenschwunde 
intervocalischer  -a-,  -ji-  (-ot-)  zusammentreffende  iv  und  w  wurden  laut- 
gesetzlich zu  10,  vo  dissimiliert.  Tatsächlich  existiert  iv  im  griechischen 
nur  in  der  schallwörtergruppe  iv  interj.,  cvytj,  ivyfioSy  i'v/l,  Iv^co,  ivxrrjs  ^ 
vergl.  bereits  Froehde  Bezzenbergers  beitr.  III  25.  über  die  naturgemäss 


—     186     — 

plural  la  verdankt  wol  dem  einflusse  des  gattungsnamens 
ßelea  seinen  genusfnetaplasmus,  und  diesem  zuge  folgte  auch 

abnorme  entsprechung  iv'C,eiv  =  \2i.tjugere  'wie  ein  hühnergeier  schreien'. 
Dazu  kommen  ein  paar  frem d Wörter :  der  skythische  volksname  "IvQxai 
bei  Herodot  IV22. ;  dann  'ivio^es-  alysi  ayQiai,  varQixiSes  Hesych.  (vergl. 
Curtius  grund.^  663.  anm.),  ebenfalls  samt  einer  nebenform  mit  io-  (Ioq- 
xes-  rcov  8oQxd8(ov  ^(oatv  Hesych.,  'ioQxoc  Oppian.  kyneg.  III  3),  das  (etwa 
,mit  lat.  hircus,  sabin.  fircus'i)  keltisches  lehnwort  ist  .aus  altir.  iurch^ 
corn.  yorch  'caprea',  kymr.  iwrch  'rehbock'  nach  Bezzenberger  in  seinen 
beitr.  IV  3 17.  anm.,  Gust.  Meyer  griech.  gramm.  §  35.  s.  39.  (vergl.  auch 
Ebel  Kuhn-Schleichers  beitr.  II  157.,  Stokes  ebend.  VII  401.,  Windisch 
ebend.  VIII 437.).  Sehen  wir  von  diesen  ab,  so  haben  wir  ausser  los  'pfeil' 
als  stützen  für  den  vermuteten  lautgesetzlichen  wandel:  wo-z  'schnür' 
aus  '*'avvav-s,  *vvv-s  =  lat.  nuru-s,  -^m- stamm;  v6-s  'söhn'  aus  *viv-e, 
*vv'S,  -/d?w- stamm.  Endlich  auch  i'o-s  'ein'  aus  *^i<jv-s,  '^j='iv-s  =  sanskr. 
*vishu-s  'nach  beiden  selten  hin  gleich'  (stamm  vishu-  „nur  in  ablei- 
tungen  und  Zusammensetzungen  erhalten",  vergl.  Böhtlingk  -  Roth  VI 
1256 if.),  ir.  fiu  'ähnlich'  aus  uTsu-s  (Stokes  Kuhns  beitr.  VIII  343.). 
Denn  die  Vorstellung,  dass  einheit  als  Identität  zugleich  höchster  grad 
der  ähnlichkeit,  gleichheit  ist,  kennen  wir  als  sprachlich  verkörpert  schon 
durch  indog.  sem-  'unus'  in  sk,  fi-ia,  iV,  ä-na^,  lat.  sem-el  u.  s.  w. 
und  'idem,  aequalis,  similis'  in  6fi-6-£,  o/n-oio-s,  6fi-aX6-s,  lat.  sim-iii-Sy 
altir.  co-sm-ail  'similis',  sam-ail  'similitudo',  ferner  durch  sanskr.  eka-s 
'einer,  einzig,  ein  und  derselbe'  =  lat.  aequo-s  'gleich',  aequ-äli-s  'gleich'. 
An  den  meisten  stellen  seines  Vorkommens  bei  Homer  bedeutet  io-s  noch 
'gleich'  oder  'ein  und  derselbe'  und  ist  synonym  mit  to-os,  ofxos  oder 
6  avroiy  ^0  II.  -^  437.  ov  yaQ  navxmv  rjev  ofibs  d'QOOs  ov8  'Ca  y^Qvi^ 
Z  \1'l.  ol  fiev  Tiavres  i^  xiov  i]fiari  "A'CSoe  bloo},  7  318  ff.  Xar]  fidiQa  fie- 
vovri,  xal  et  fiäXa  ris  nolefii^oi'  ev  Si  ifj  rif^fj  rjfxev  xaxos  rjSe  xai 
sad'XoS'  xäxd'av'  b ja, cos  o  r^  as^yos  avrjQ  o  re  TioXXa  ioQycöi,  iV  354.  rj 
fiav  afAcporsQOieiv  bfibv  yevos  rjS^  la  Ttar^rj ,  -2"  251.  ^'Exro^i  ^'  rjev  e'rai- 
^os,  ifi  8^  iv  vvxri  yevovro,  X  477.  t^  aqa  yiyvöfied'^  aiarj  afKporsQOi 
(Faesi  z.  d.  st.  vergleicht  O  209.  iaofioqov  xai  bfif]  nenQonfievov  aiffrj), 
iß  496.  [vtol]  EvveaxaiSexa  fiev  uoi  ifjS  ix  vt]8vos  rjaav.  Synonymum  da- 
gegen von  eis  oder  fibvos  ist  los  nur  an  diesen  vier  stellen:  II.  A  174. 
r^  Se  r  ifj  ayacpaivexai,  aljcvs  bXed'QOS  (gegensatz  Tiäaas  ifoßriOE  Xeiov\ 
iT  173.  rrjs  fiev  irjs  arixos  r]Qxe  Mevead'ios  (gegensatz  V.  179.  rrjS  8'  ere- 
QTjs  Ev8a>Q0S)y  (P  569.  iv  8e  Xa  ipvxrj ,  d'vtjxov  8e  e  (paa^  avd'Qconoi,  „er 
hat  eine  einzige  (nicht  wieder  ersetzbare)  seele,  nur  ein  —  nicht  unver- 
lierbares —  leben"  (Faesi  z.  d.  st.),  Od.  |  437  f.  rrjv  fiev  iav  vvfKprjffi 


i 


—     187    — 

oiOTo-g  mit  seinem  plural  blora  bei  späteren  dichtem;  vergl. 
Hesych.  s.  v.  oiara,  Passow  handwörterb.  unt.  oiOTog.    üm- 

xai  'E^/ufi  MatvdSos  vu  d'ijxsv  inev^äf.ievos ,  ras  S"  aXXas  veXfiev  exa- 
arois.  Wenn  Joh.  Schmidt  Kuhns  zeitschr.  XXV  36.  homer.  i«  dem 
got.  si  'ea'  gleichsetzt,  so  wird  das  erstens  durch  seine  bemerkung  „be- 
grifflich wie  got.  ai?is:  skr.  ena-''  nur  sehr  kümmerlich  gestützt;  femer 
vernachlässigt  Schmidt  dabei  die  digammaspuren  an  den  zwei  stellen 
II.  /  319.  0  569.,  in  einer  formelhaften  wendung,  wozu  leicht  noch  ^  174. 
durch  änderung  in  t^  ^£  t^  kommt;  drittens  würde  wol  ein  griechisches 
correlat  von  got.  si  den  spiritus  asper  haben,  also  *iä  lauten  müssen. 
Die  consequenzen  nun  aus  jenem  lautgesetz  über  *iv,  *vv  waren  für 
die  declination  von  Tos  'pfeiF,  vv6-s,  v6-s,  Yo-s  'gleich,  ein'  diese:  über- 
tritt in  die  o  -  declination  vom  nom.  und  acc.  sing.,  acc.  plur.  aus;  bei 
lo-s  zugleich  neuschöpf ung  des  feminins  m,  iav  (ob  auch  des  unbelegten 
neutrums  *io-v"?)  nach  dem  directen  muster  des  synonymums  ftia,  /uiap, 
daher  mit  perispomenierung  im  gen.  und  dat.  sing,  t^s,  Irj,  sowie  dar- 
nach auch  im  dat.  sing,  masc.-neutr.  im,  während  für  den  nom.  sing, 
masc.  *i6-s  —  denn  so  darf  die  accentuation  als  die  eines  ehemaligen 
adjectivs  auf  -v-e  vermutet  werden  —  vielmehr  nach  dem  femininen  no- 
minativ  i'a  sich  das  durch  Herodian  II  437,  9.  ed.  Lentz  gesicherte  par- 
oxytonon  i'o-s  einstellte.  Was  von  v6-s  'söhn'  die  weiteren  zahlreichen 
anomalien  der  declination  betrifft,  so  bespreche  ich  sie  später  an  an- 
derem orte  im  zusammenhange;  den  inschriftlichen  nom.  sing,  vvs  C.  I.  A. 
I  398.  betrachte  ich  als  neubildung  zu  den  bleibenden  i^- formen  der 
obliquen  casus  vt'os,  veX,  vels  u.  s.  w.  Über  i'o-s  'gleich,  ein'  sei  noch 
bemerkt,  dass  man  seinetwegen  nicht  i'ao-s  'gleich'  von  sanskr.  vishu- 
zu  trennen  braucht.  Das  intervocalische  -a-,  älter  -aa-,  ist  =  -c^-, 
wie  wol  allgemein  anerkannt.  Ich  erkläre  jetzt  auch  das  -a-  in  Saav-s, 
d'Qaav-s  (vergl.  morphol.  unters.  II  44  ff*.)  und  rjfiiav-s  als  Übertragung 
aus  denjenigen  ehemals  vorhandenen  casus,  die  in  der  declination  der 
-^M-stämme  schwächste  Stammform  des  nomens  vor  vocalisch  anlautendem 
casussuffixe  hatten,  also  etwa  aus  dem  gen.  sing.  *daaj^-ös  *8aa-6s,  gen. 
plur.  ^Sauj'-cov  *Saa-(ov  (hier  entsprang,  beiläufig,  auch  das  morphol. 
unters.  II  47  f.  besprochene  consonantische  thema  8aa-  in  Saa-niralov, 
Saa-TtkrjrcG  u.  a.).  Es  ist  nicht  zufall,  dass  gerade  diese  w-adjectiva  uns 
die  scheinbaren  Unregelmässigkeiten  in  beziehung  auf  das  intervocalische 
"(T-  darbieten.  Dem  rj/ui-avs  verbleibt  trotz  C.  A.  Müller  a.  a.  o.  62. 
indog.  s  und  seine  vergleichbarkeit  mit  avest.  thri-shva-,  cathru-shva-, 
denen  arkad.  Tjfii-aaoi  ganz  suffixgleich  ist,  nach  der  übereinstimmenden 
ansieht  Bopps  vergl.  gramm.  §  308.  11^62.,  Ascolis  studj  critici  425  f., 


—     188    — 

gekehrt  hat  nach  i6-g  m.  '^pfeil'  sich  vermutlich  ßi6-g  m. 
'^bogen'*  gerichtet,  statt  ^ßcaf.  =  sanskr.  jy«  f.,  avest. y^a  f. 
'^bogensehne'*,  lit.  gijä  f.  *" faden'.  Analoga  zu  solchem  genus- 
wechsel  sieh  bei  Delbrück  syntakt.  forsch.  IV  6  ff. 

Altir.  fi-u  adj.  *^ ähnlich,  gleich,  würdig,  passend'  = 
sanskr.  vish-u-  *^nach  beiden  selten  hin  gleich':  griech.  homer. 
*-o-g  adj.  numer.  'gleich,  ein  und  derselbe,  ein  ,  lo-o-g  adj. 
""gleich,  gerecht,  billig'  (doch  vielleicht  -/o-stamm).  Vergl. 
ausser  Stokes  Kuhns  beitr.  VIII  343.  wegen  der  Quantität  des 
irischen  Wortes  Windisch  ir.  texte  wörterb.  552  a.,  wegen 
unserer  lautlichen  und  begrifflichen  vermittelung  s.  185  ff. 
anm.  Betreffs  des  properispomenons  homer.  ioog  kann,  je- 
doch braucht  nicht  Gust.  Meyers  verschlag  griech.  gramm. 
§  225.  s.  199.  anm.  Bezzenbergers  beitr,  V  184.,  "iooog  zu 
schreiben,  befolgt  zu  werden;  die  begrtindung  „denn  für  i 
giebt  es  keine  erklärung"  war  ein  verfrühtes  entsagen. 

Griech.  homer.  nachhomer.  Zi9^-i;-g  adj.  'gerade  auf  etwas 
losgehend,  gerade  entgegengerichtet,  gerade,  richtig',  id-v 
Td-v-g  adv.  'gerad  darauf  los,  geradaus,  in  gerader  richtung 
entgegen',  homer.  Jd-i-g  f.  'das  geraddarauflosgehen,  gerader 
unverzagter  angriff  oder  andrang,  unternehmen,  vorhaben, 
stürmisches  verlangen,  streben,  trachten,  dringender  wünsch, 

Curtius'  grundz.5  666.,  Gust.  Meyers  griech.  gramm.  §  269.  s.  233.  Nach- 
dem also  auch  'tos  gelegentlich  sein  -a-  (oder  -aa-)  aus  solchen  obliquen 
casus  wiedergenommen  hatte,  begann  allmählich  die  (sehr  minimale)  be- 
deutungsdifferenzierung  zwischen  ib-s  und  Xao-s  (Coao-s).  Zuzugeben  ist 
indessen,  dass  Xoo-s  auch  auf  einen  bereits  grundsprachlichen  -wö -stamm 
zurückgehen  könne ,  wie  der  von  indischen  grammatikern  als .  vedisch 
citierte  acc.  sing,  vishva-m  (vergl.  Petersb.  wörterb.  V  1256.),  wie  ferner 
got.  vis  n.  'meeresstille'  (Fick  wörterb.  I^  787.),  das  auf  *mw  nicht  be- 
ruhen, aber  für  ''^visv  stehen  kann  wie  ni-h  'neque'  für  *ni-hv  (in  got. 
sahv,  laihv  perf.  zu  saihvan,  leihvan  u.  dergl.  ist  schliessendes  -v  durch 
systemzwang  bedingt)  und  vielleicht  also  gen.  *visvis,  dat.  *visva  weiter 
declinierte. 


—    189    - 

neigung'  (nur  acc.  sing,  id-v^v  II.  Z  79.  Od.  S  434.  7C  304. 
hymn.  Homer,  in  Apoll.  539.),  id-v-vw  *^riclite  gerade  darauf 
los,  lenke  gerade  darauf  hin,  richte,  lenke,  leite'  denom. 
=  griech.  Xd^-v-vco  denom.  (anthol.  Planud.  IV  74,  3.  ov  yccQ 
CXT8Q  ixaöTLyog  ^d-vverai  utTtog  ayrjvcoQ).  Beide  quantitäten 
des  t  in  l^vvo)  bezeugt  auch  Draco  p.  52,  3  sqq.  und  führt 
den  Homervers  IL  Q  110.  TqcogIv  Icp^  iTtTtoöci^oiOiv  ^^vvojusv, 
ocpQa  }cal  '^'ExTcoQ  für  die  kürze  an.  So  hat  allerdings  ein 
teil  der  Homerhandschriften,  darunter  der  Harleianus  D; 
doch  liest  man  nach  sonstiger  ebenfalls  guter  Überlieferung 
iTtTCoödjuoig  Td-vvof.iev.  Hesiods  op.  et  di,  263.  xavra  cpv- 
laöö6(XBV0L,  ßaoikrjegy  i&vvere  öUag  besprachen  wir  des  dfxag 
wegen  schon  oben  s.  .174.  ßaGilrjeg,  i&vvete  nimmt  nach  den 
meisten  und  besten  handschriften  Köchly  auf;  nur  in  zwei 
Codices,  den  Florentinern  B  und  0  nach  Köchly -Kinkels 
bezeichnung,  steht  ßaötXelgy  id-vvere^  das  um  so  verwerf- 
licher erscheint  wegen  der  der  altepischen  spräche  fremden 
vocativform  ßaOilelg^  welche  auch  op.  et  di.  248.  von  G.  Her- 
mann auf  grund  einer  handschrift  beseitigt  worden  ist  (vergl. 
G.  Hermann  ad  hymn.  Homer,  in  Cerer.  v.  137.,  Göttling  zu 
Hesiod.  op.  et  di.  248.  263.,  Rzach  Fleckeisens  jahrbb.  f.  class. 
philol.  supplementb.  VIII  (1876.)  s.  407.,  Gust.  Meyer  griech. 
gramm.  §  354.  s.  299.).  Dennoch  kann,  worauf  mich  F.  Scholl 
aufmerksam  macht,  die  best  bezeugte  lesart  ßaatl^eg,  id-v- 
vETs  für  ein  id-vveTs  darum  nichts  beweisen,  weil  man  ßaöi- 
Ireg,  iS-vveTs  mit  synizese  lesen  kann,  wie  in  denselben  op. 
et  di.  607.  ßovol  -/.al  rjiniovoLGLV  e/trßTavoV  avTccQ  ETtetta 
(ebenso  eTtrßravd  hymn.  Homer.  III 113.);  vergl.  Rzach  a.  a.  o. 
8.  376.  Sicher  steht  jedesfalls  ^id^vverai  mit  X-  in  dem  citier- 
ten  verse  der  anthologie;  vergl.  Jacobs  z.  anthol.  Planud.  III 
846.,  Spitzner  griech.  prosodie  s.  110.  Wenn  man  an  der 
herleitung  des   denominativums  id-vvo)  aus  dem  in  homer. 


—     190     — 

id-vv-rara  enthaltenen  -wera-stamme  (verf.  forschungen  II  25., 
Brugman  morphol.  unters.  II  201  f.)  festhalten  will,  so  wäre 
das  heispiel  l^vvo)  =  td-ivco  streng  genommen  unter  unsere 
rubrik  W.  (oben  s.  170  f.)  zu  stellen  gewesen.  Es  braucht 
aber  id-ivw  nicht  notwendig  ^=  *id-vv-uo  zu  sein,  sondern 
die  griechischen  denominativbildungen  auf  -vvco  von  nominen 
auf  -v-g  mögen  auch  den  Ursprung  haben,  dass  nach  dem 
überlieferten  muster  jotierter  und  nasalierter  praesensbildung 
bei  alten  wurzelverben,  wie  ßv-vojj  öv-vu),  d-v-viß  neben  ßv-tj, 
dv-Wy  d^v-co  (vergl.  auch  s.  48.),  später  ein  id-v-vtj,  agri-vo) 
neben  id-v-co^  ccqtv-co  aufkamen,  dann  direct  rjdv-vwj  taxv-vo) 
von  Yjdv-gj  Taxv-Qj  womit  der  alte  parallelismus  der  -uen- 
und  -ew- Stämme  nicht  in  frage  gestellt  sein  soll.  Ferner  ist 
unser  J^v-g^  J^vvco  =  iMvco  in  Wahrheit  nicht  ein  heispiel 
für  das  indogermanische  doppelspiel  von  i  und  i,  sondern 
für  dasjenige  von  ü  und  ü.  Denn  das  in  letzter  zeit  etymo- 
logisch viel  versuchte  griech.  i^-v-g  beurteilten  am  richtig- 
sten Angermann  „  die  erscheinungen  der  dissimilation  im  grie- 
chischen" Meissen  1873.  s.  24  f.  und  Brugman  Kuhns  zeitschr. 
XXV  306.  (negativ  auch  morphol.  unters.  II  202.  anm.) ,  die 
es  aus  "^vd^v-g  herzuleiten  raten,  wie  cplrv-g  aus  ^(pvrv-g 
(vergl.  oben  s.  67.  110.).  Die  wurzel  ist,  Angermann  zu- 
folge, indog.  uudh-  ^mit  heftigkeit  auf  etwas  losgehen,  sich 
auf  etwas  stürzen^  in  lat.  vüd-ei'e  (vergl.  vMere  in  hosterrij 
in-vUdere)y  anord.  va^-a  Vaten,  dringen,  vorwärtsdringen, 
stürzen^  ags.  vad-an,  ahd.  wat-an  *^ waten,  dringen'  nebst  got. 
vöd-Sy  anord.  <^8-r,  ags.  vöd,  ahd.  wuot  wuat  adj.  Vütend, 
rasend"*,  ahd.  mhd.  wuot  f.  ""heftige  gemütsaufregung ,  wut, 
raserei,  stürmisches  verlangen'  (0.  Schade  altdeutsch,  wörterb.'- 
11 03  f.  12141),  ferner  mit  hochstufenform  in  griech.  at^-so) 
*^ßtosse'.  Nun  existieren  aber  die  nebenformen  des  griechi- 
schen -ew-adjectivs   mit   ev-i   €v^v-g]   und  mit  ei-:   el&v^ 


—     191     — 

(•id^v-ovTdy  elS^v-cpalkov  ei-d-v-cpalkoty  eld^v-TtricJv  j  durch 
Hesych,  den  Attikisten  Pausanias  bei  Eustath.  1413,38.  und 
im  Florentiner  etymol.  magn.  bei  Miller  melanges  de  litt, 
gr.  100.  bezeugt,  homer.  ep.  et^^aQ  adv.  ^stracks,  sogleich,  so- 
fort'. Vergl.  Lentz  zu  Herodian  II  498,  12.,  Legerlotz  Kuhns 
zeitschr.  VIII 423.  anm.,  Bezzenberger  in  seinen  beitr.  IV  345., 
Gust.  Meyer  griech.  gramm.  §  113.  s.  1 13.  §  298.  s.  255.  anm. 
Wir  erinnern  uns  zunächst  nach  s.  110.  anm.,  dass  die  laut- 
gesetzliche fiexion  von  id-v-g  zwischen  den  themenformen 
Jd'-v-  und  "^vd-eF-  abzuwechseln  hätte.  Sodann  schlage  ich 
vor,  in  evS-v-Qj  et^-v-g  ein  compositum  mit  *€Ov-y  ev- 
zu  sehen:  urgriech.  ^eovS-v-g  aus  '^ löv-vd-v-g  *^gut,  recht 
drauf  los  dringend'.  Nach  dem  sigmaschwunde  und  der 
dissimilation  des  v  vor  t,  jedoch  vor  der  vocalcontraction 
flectierte  das  compositum:  sing.  nom.  *67^t-g,  acc.  ^ud-v-Vj 
neutr.  *  eid-v,  aber  gen.  *  evS-sß-oQj  dat.  *  evS-eß-ij  plur.  nom. 
*lvd-eF-sgy  neutr.  ^evd^eß-a,  fem.  sing.  ^evd-eF-ca'^  woraus 
sich  bei  angenommener  ausgleichung  alles  erklärt.  Die  tiber- 
lieferten formen  mit  eld-  sind  sämtlich  lautgesetzlich  ent- 
standene, ausgenommen  das  homer.  eld^aq.  Ist  etwa  dieses 
in  der  alten  majuskelschrift  verlesenes  EQAP,  d.  i.  homer. 
rjd^aQ  =  urgriech.  ^'ßäd^ag  gewesen,  also  auf  einer  wurzel- 
starken Stammform  beruhendes  altes  adverbial  gebrauchtes 
neutrum  auf  -aQ?  Keine  einzige  der  Iliasstellen  E  337. 
yl  578.  M  353.  N  412.  F  119.  349.  707.  Y  473.  W  256. 
sträubt  sich  gegen  den  digammatischen  anlaut  des  el^ag, 
beziehungsweise  r]d^aQ.  Dann  kann  man,  da  evd-v-g  sich  bei 
Homer  erst  in  den  hymnen  findet,  auch  keine  noch  uncon- 
trahierten  formen  der  alten  spräche  mit  "^ei^v-j  "^eiJS-eß- 
(^IvS-v-j  *€L-9-€ß-)  anzutreffen  erwarten*).     Es  ist  der  ins 

1)  Für  die  relative  Chronologie  der  lautgeschichte  ergäbe  sich  aus 
dem  obigen:  das  dissimilationsgesetz  über  v  vor  einem  v  in  folgender 


-~     192     — 

griechische  übergegangene  adjectivstamm  indog.  udheu-  von 
der  Wurzel  indog.  iiädh-  in  derselben  weise  gebildet  wie 
von  indog.  suäd-  '^schmackhaft  machen^  der  ins  gotische  ver- 
erbte adjectivstamm  6z~</eM- ^süss^;  denn  nur  mit  hilfe  eines 
alten  abstufungsverhältnisses  suüdu-s:  sudeu-  wird  sich 
got.  sut-s  (ob  sUt-s  oder  süt-s^  steht  durchaus  nicht  fest)  mit 
sanskr.  svädü-Sj  griech.  adv^gj  deren  accent  und  wurzelstufe 
in  ihrer  combination  auch  eine  Verschiebung  anzeigen,  femer 
mit  lat.  suävi-s  und  mit  den  formen  der  westgermanischen 
dialekte  selbst,  ags.  svele^  alts.  swdiij  ahd.  suozi^  zwang- 
los vermitteln  lassen;  comparativ  und  Superlativ  mit  indog. 
SU  ad-  konnten  mitwirkend  sein,  um  ausserhalb  des  gotischen 
die  wurzelstarke  Stammform  im  positiv  durchzusetzen,  wäh- 
rend umgekehrt  im  gotischen  der  comparativ  s^ttiza  durch 
die  im  positiv  zwischen  suadu-  und  sudeu-  getroffene  aus- 
gleichung  in  seiner  form  mit  bestimmt  wurde.  Dürfte  viel- 
leicht geradezu  got.  vöd-s^  anord.  ö9-r,  ags.  vdd^  ahd.  wuot 
wuat  Vütend,  rasend'  dasselbe  alte  adjectiv  mit  griech. 
t^-v-g  sein  und  sich  so  zu  diesem  hinsichtlich  des  wurzel- 
ablauts  verhalten,  wie  sanskr.  svädü-s,  griech.  adv-g  zu  got. 
sut-s j  da,  so  viel  ich  sehe,  nichts  der  annähme  ernstlich 
im  wege  steht,  dass  jenes  germanische  nomen  von  hause 
aus  -ew- stamm  gewesen  sei?  Denn  wie  der  gotische  nom. 
sing,  vod-s  Marc.  V  18.  ist  ja  auch  sut-s  Timoth.  13,3. 
ohne  stammhaftes  -?/-;  ausserdem  ist  von  jenem  nur  in  der 
schwachen  form  der  acc.  sing,  vödan  Marc.  V  15.  16.  be- 
legt, die  entsprechende  formation  von  sut-s  aber  kennt  man 
nicht,  sie  kann  darum  auch  '^sutan  gewesen  sein.     Dann 


silbe  muss  mindestens  älter  sein  als  die  nach  dem  spirantenschwunde 
von  intervocalischem  -a-  stattfindenden  vocalcontractionen,  denn  einmal 
zweisilbiges  syd^v-  mit  dem  diphthonge  ev  hätte  schwerlich  noch  eine 
•um Wandelung  zu  eid-v-  erfahren. 


#  —los- 

käme ebenso  mit  dem  homerischen  feminin  Id-v-g  ^stür- 
mischer andrang,  unternehmen,  dringendes  verlangen'  das 
germanische  Substantiv  anord.  ö<S-r  m.  ''animus,  mens,  poe- 
sis,  Carmen'  (gen.  sing,  o^ar  und  ^9.v),  ahd.  wuot  f.,  mhd. 
wnot  m.  und  f.  'heftige  gemütsaufregung,  wut,  raserei,  stür- 
misches verlangen'  zusammen,  das  mit  seinem  schwanken- 
den genus  ganz  wol,  sowie  Sigs.fldd  m.,  alts.  flöd  m.  und  f., 
ahd.  fluot  m.  und  f.  =  got.  flödu-s  u.  a.,  auf  alte  2/-decli- 
nation  hindeuten  könnte,  die  im  westgermanischen  nach  der 
Synkope  des  charaktervocals  -u-  im  nom.  und  acc.  sing, 
hinter  langer  Stammsilbe  später  der  z-declination  (gen.  dat. 
sing.  ahd.  imwti,  mhd.  wüete)  weichen  musste;  vergl.  Sievers 
Paul -Braunes  beitr.  V  104  ff.,  von  Bahder  d.  verbalabstr.  in 
d.  german.  spr.  94  ff.  Got.  sut-s  hat,  wenn  es  =  süt-s  ist 
und  somit  dem  Td-v-g  gleich  steht,  dieselbe  ablautsstufe  der 
Wurzel  suUd-  wie  die  vedische  1.  plur.  perf.  act.  su-shüd-ima 
Vir  haben  schmackhaft  gemacht,  gut  zubereitet  (oben  s.  69.). 
Im  falle  aber,  dass  es  got.  sut-s  lautete,  wird  es  parallele 
zu  griech.  ^^id-v-q  in  t-d-v-ve-rac  und  ist  ablautsgleich  mit 
sanskr.  sarn-süd-e  dat.  infin.  'zum  kosten,  zum  gemessen'  in 
ved.  svädüsh  te  astu  samsMe  rgv.  VIII  17,  6.  Auf  die  Stellung 
der  wurzelformen  uadh-  (im  germanischen  praesens  wado) 
und  suad'  (in  griech.  e-aö-o-v  aor.,  sanskr.  sväd-a-ti, 
sväd-a-te  praes.  gegenüber  griech.  äd-e-rat),  denen  meines 
erachtens  im  vergleich  mit  udh-j  sud-  nur  der  anspruch 
analogisch  nachgeschaffener  tiefstufenformen  zukommt,  kann 
ich  erst  später  näher  eingehen. 

Es  folgen  ein  paar  -e?;(-bildungen  mit  wurzelhaftem  ?, 
wie  indog.  iseu-  'schiessend,  pfeil',  aber  ohne  erweisbare 
nebenform  mit  /. 

Lat.  tdrüs  adj.  fem.  plur.  seil,  noctes  'die  hellen  nachte', 
als  mitte  des  alten  mondmonats,  später  im  römischen  kalen- 

Osthoff  u.  Brugman  untersuch.  IV.  13 


—     194     —  ^ 

der  auf  einen  tag  in  der  monatsmitte  beschränkt,  gehört  zur 
Wurzel  aidh-j  griech.  ai^-co.  An  die  stelle  dieser  treff- 
lichen etymologie,  die  von  Corssen  krit.  beitr.  261.  spr.  d. 
Etrusker  II  61.  237  f.,  Schleicher  compend.'  §  49.  s.  88., 
Stokes  Kuhns  beitr.  VIII  331.,  Fick  wörterb.  IP  32.  vertreten 
wird  (nur  dass  fälschlich,  dem  grammatischen  geschlecht  und 
der  natur  der  sache  zuwider,  einige  dieser  gelehrten  'helle 
tage"*  in  tdüs  finden),  scheint  mir  ßezzenberger  in  seinen 
beitr.  IV  323.  nichts  besseres  zu  setzen.  -Ist  das  verbum 
idnüre  ^'dividere',  mit  dem  bei  Macrobius  sat.  I  15,  17.  Idüs 
etymologisiert  wird,  nicht  erst  ad  hoc  erfunden  und  darum 
zu  einem  etruskischen  gestempelt*),  so  kann  es  doch  nur 
selbst  eine  ableitung  von  tdüs  sein,  etwa  *^den  monat  durch 
den  idustag  teilen'  bedeutend,  und  beweist  nichts  für  die 
herkunft  und  ursprüngliche  bedeutung  der  Idüs  selbst.  So 
hierüber  auch  schon  Corssen  spr.  d.  Etrusker  II  238.  Die 
inschriftliche  Schreibung  eidus  begegnet  am  frühesten  auf  der 
Genueser  bronze  vom  jähre  117  v.  Chr.,  C.  I.  Lat.  nro.  199. 
(vergl.  Corssen  ausspr.  vocal.  P  718.),  also  nicht  in  vor- 
gracchischer  zeit,  so  dass  man  nicht  hinter  dem  ei  den  alten 
diphthong  ei  zu  suchen  braucht.  Indog.  1  ist,  die  richtigkeit 
der  ableitung  von  aidh-  überhaupt  vorausgesetzt,  in  lat. 
tdüs  so  sicher  wie  in  german.  1^-lö-s  *^eiter  (oben  s.  149.) 

Zu  dem  litauischen  aorist  dyg-au^  Infinitiv  dijk-li  (oben 
s.  3.)  stellt  sich  mit  gleichem  ablaut  als  -ew-adjectiv  lit. 
dyg-u-s  ""stachlig,  scharf,  spitzig"*,  mit  /-suffix  erweitert  in 
lit.  dyg-u-l-y-s  m.  'stachel,  seitenstechen\ 

AA.   Nomen  mit  suff.  -en--. 

Griech.  homer.  nachhomer.  7-alvco  "^belebe,  erquicke,  er- 

1)  Dort  bei  Macrobius  finden  sich  noch  andere  etymologische  kunst- 
stückchen mit  diesem  iduäre,  wie  z.  b.  auch  v-iduäre  ==  [a\  v[irö] 
iduäre  (!). 


—     195     — 

heitere,  heile'  (II.  0  103.  ^  598.  Od.  /  359.  ^  59.,  Meleager 
in  anthol.  Palat.  XII  95,  5.,  Quint.  Smyrn.  IV  402.  X  327., 
Orph.  lith.  265.),  aus  ^Jo-ii-iajo  denom.  =  sanskr.  ved.  ish- 
-an-yä-ti  *" treibt  zur  eile  an,  erregt'  denom.,  ved.  ish-an-ya 
f.  ^erregung,  antrieb';  griech.  homer.  nachhomer.  ^-alvco  '^be- 
lebe, erquicke'.  Hat  Od.  x  59.  die  conjunctivform  Tav^f] 
langes  /",  in  Übereinstimmung  mit  mehrfach  gesichertem  lalvco 
in  nachhomerischer  dichtung  (vergl.  auch  Spitzner  griech. 
prosodie  s.  106.),  so  folgt,  dass  man  den  praeteritalen  indi- 
cativformen  laLvero^  lavd-t]  an  den  übrigen  drei  Homerstellen 
kein  „temporales  augment"  beizulegen  braucht.  Ebenso  ver- 
stehe ich,  abweichend  von  Curtius  verb.  P  133  f.,  als  aug- 
mentlos ixävs  IL  A  AZ\.  B  17.,  IKSTO  A  362.  Q)  44.,  ha^ov 
B  333,  394.  :^  29.  O  10.,  faxe  A  482.  N  822.  834.  P  723. 
2  219.  228.  Y  62.  ^  216.  Od.  ß  428.  l  395  u.  a.  und  er- 
kenne überhaupt  für  Homer  kein  „augmentum  temporale" 
von  i'-,  ^-y  V-  an,  namentlich  nicht  bei  ursprünglich  digam- 
matisch  anlautenden  wurzeln;  vergl.  s.  61. 

Griech.  TQiT-tov  m.  nom.  propr.  *^ Triton',  söhn  des  Po- 
seidon oder  des  Nereus  und  der  Amphitrite,  ein  mächtiger 
meergott,  ferner  name  verschiedener  flüsse,  TqIt-lo  f.  bei- 
wort  der  Athene  anthol.  Palat.  VI  194.,  TQLT-wv-lg  f.  see  in 
Libyen,  nymphe  desselben,  beiname  der  Athene  =  altir. 
friath  ''meer',  gen.  treth-an^  „dessen  stamm  ^tritan-  genau 
dem  des  griech.  Tqltwv  entspricht"  (Windisch  Paul-Braunes 
beitr.  IV  268.  kurzgef.  ir.  gramm.  §  155.  s.  39.).  Die  stamm- 
bildung  ist  wol  nicht  primär,  und  es  hätte  wol  wegen  Tqt-to- 
-yhEia  neben  sanskr.  ved.  Iri-tä-s  m.  namen  eines  gottes 
(tritä  äptyäh)y  avest.  thri-tö  m.  namen  eines  heroen  (vergl. 
thraetaonö  üthwyänd)^  griech.  T^/-To-g  *^ dritter'  (vergl.  Böht- 
lingk-Roth  III  249.,  Grassmann  wörterb.  z.  rgv.  557.)  als 
superlativische  -t6-{-th6-)\)\\di\m^  ein  indog.  tri-td-s  ver- 

13* 


—     196    — 

zeichnet  werden  müssen;  um  so  mehr  als  auch  appellatives 
griech.  TQTto-yevrjg  m.,  TQlro-yeveia  f.  adj.  *^ drittgeboren'  vor- 
liegt in  dem  verse  :rcalg  f-iot  TQlroyevrjg  eIltj,  /nrj  TQTroyeveia 
poet.  b.  schol.  IL  0  39.  (vergl.  Passow  handwörterb.  unt. 
TQLroyevrjg). 

Sanskr.  ved.  nachved.  plih-än-  {pli'k-an-)  m.  'milz', 
plih-ä  f.  dass.  -tt- stamm  aus  dem  nom.  sing,  entwickelt  == 
sanskr.  plik-an-  m.  *^milz\  i/akrt  plihä  Yäjnavalkya  III  94.  am 
ende  eines  ^loka,  daher  ^  metrisch  gesichert  (vergl.  Petersb. 
wörterb.  IV  1 1 86.  unt.  plihan-).  Auf  das  schwierige  Verhält- 
nis zu  den  europäischen  damit  verglichenen  bezeichnungen 
der  *^milz'  gehen  wir  hier  nicht  ein. 

Sanskr.  üh-an-i  f.  ^besen',  unbelegt  =  sanskr.  ved.  uh-dn- 
^kehrwisch,  besen',  instr.  uhn-ä,  gen.  uhn-äs  rgv.  X  68,  4.  5., 
nach  Böhtlingk-Roths  lesung  Petersb.  wörterb.  I  1016.  (alias 
ndnä^  udnäs).    Zweifelhaft. 

Sanskr.  an-üd-a-ha-m  n.  *^mangel  an  wasser',  anüdake 
loc.  sing,  am  ende  des  verses  rämäy.  I  20,  16.,  also  ü  metrisch 
gesichert  (vergl.  Petersb.  wörterb.  I  228.);  griech.  homer. 
nachhomer.  id-wq  n.  Vasser',  vöato-7tlri^  *^vom  wasser  ge- 
schlagen"*  (Oppian.  kyneg.  II  142.,  vSaTOftlrjyeoLv  conj.  Guiet, 
überliefert  vdaTOTtrjysoLv)^  vSaGL-GTeyrjg  *^das  wasser  abhal- 
ten, wasserdicht'  (Philipp.  Thessal.  in  anthol.  Palat.VI90,  5.), 
vdar-lo-v  n.  Vässerchen'  (Kaibel  epigramm.  nro.  27 1 ,  6.), 
vödr-Lvo-g  ""wässrig,  feucht,  durchsichtig  wie  wasser,  ge- 
schmeidig wie  wasser'  (Theocrit.  XXVIII  11.,  Callimach. 
fragm.  295.,  anthol.  Palat.  IX  567,  5.,  append.  epigramm. 
120,  3.  =  Kaibel  epigramm.  nro.  548,  3.),  vSaro-eig'^wsiSBe- 
rig',  vd-og  n.  Vasser'  (Theogn.  961.)  =  sanskr.  ved.  ud-dn- 
n. 'wasserwoge,  wasser',  ved.  ud-a-kä-m,  nachved.  2/rf-a-A:fl-m 
n.  wasser  ;  griech.  homer.  nachhomer.  vö-wg  n.,  vöar-lvo-g 
adj.   (Matron  b.  Athen.  IV  136  C),   i)ö-og  n.  (Hesiod.   op. 


—     197     — 

et  di.  61.).  Lett.  lid-en-s  m.  "^wasser'  ist  als  zeugnis  für 
indog.  ü  nicht  zu  brauchen,  da  es  auch  aus  '^und-en-s  ent- 
standen sein  kann ;  vergl.  zemait.  und-u^  apreuss.  und-s  nom., 
und' an  wund- an  acc.  sing.  (Joh.  Schmidt  Kuhns  zeitschr. 
XXV  22.).  Über  v6-ioq  bemerkt  Passow  handwörterb.  u.  d.  w. : 
„Ypsilon  ist  von  natur  kurz,  u.  so  stets  bei  den  Att.;  doch 
findet  sich  bei  Homer  u.  epp.  dasselbe  in  der  vershebung  in 
allen  casibus  lang  u.  einmal  auch  bei  Ar.  ran.  1339.  im  dak- 
tylus,  was  auch  von  den  abgeleiteten  u.  zusammengesetzten 
Wörtern  gilt;  erst  b.  spät.  epp.  findet  sich  die  länge  auch 
in  der  verssenkung,  h.  Hom.  Cer.  382.  [corr.:  381.].  Ap.  Rh. 
4,  290.  ßatrach.  97.  Man.  6,  424."  Vergl.  auch  Draco  p.  91, 
2  sqq.,  Spitzner  griech.  prosodie  s.  110.  Die  -ro-bildung 
indog.  ud-rd-  Vassertier,  otter'  nahmen  wir  schon  s.  155. 
voraus. 

Sanskr.  ved.  nachved.  udh-an-^  üdh-as-^  nom.- acc.  sing. 
ii'dh-ar  n.  *^euter^;  lit.  üd-r-u-juy  üd-r-u-ti  *^eutern,  milch  ins 
euter  bekommen'  denom. ;  ags.  afries.  üd-er^  altengl.  neuengl. 
udder^  niederländ.  uid-er,  ahd.  üt-ar,  mhd.  üt-er^  iut-er  (mit 
/-Umlaut  des  u)  m.,  nhd.  eut-er  n.  =  sanskr.  ved.  tri/'udh-än- 
adj.  'drei  euter  habend'  rgv.  III  56,  3.,  nachved.  udh-as  n. 
'euter'  Ramänätha  zu  Amarakosha  II  9,  73.  gabdakalpadr. 
(vergl.  Petersb.  wörterb.  I  935.).  Altengl.  neuengl.  Widder  er- 
litt dieselbe  Verkürzung  der  vocallänge  wie  mittelniederd. 
lutter  'lauter'  und  neuengl.  atter  'eiter';  vergl.  Paul  -  Braunes 
beitr.  VII  111.,  oben  s.  157.  Von  lat.  üb-er  bleibt  zweifel- 
haft, ob  sein  ü  dem  indog.  oij,  von  griech.  ovd-aQy  der 
wurzelstarken  Stammform  des  alten  nom. -acc.  sing.,  oder 
dem  indog.  ü  des  sanskritischen,  litauischen  und  germani- 
schen Wortes  entspreche  oder  ==  indog.  eu  sei  (sieh  folg. 
Seite).  Es  war  6ndh-f^  gen.  udk-n-ös,  loc.  udh-en-i 
vermutlich  die  indogermanische  flexion,  wie  analog  bei  dem 


—     198    — 

Worte  für  'wasser'  y^od-f^)^  gen.  üd-n-ös^  loc.  ud-en-i. 
Die  ew-formen  smovd.  jügr  Jüfr  (woher  das  gjf==  indog.  dh?)j 
fries.  tader  iadder^  die  H.  Möller  Paul-Braunes  beitr.  VII  520. 
anführt,  scheinen  mir  noch  am  ehesten  als  zeugen  für  eine 
nebenliegende  alte  -e^-stammbildung  indog.  eudhos  benutzbar 
zu  sein.  Denn  eine  solche  dürfen  wir  als  grundsprachliche 
anerkennen,  einmal  mit  rücksicht  auf  sanskr.  odh-as  n.,  das 
zwar  nur  beim  scholiasten  zu  Amarakosha  II  9,  73.  belegt 
ist  (Petersb.  wörterb.  I  1121.),  dessen  existenz  aber  durch 
die  aus  demselben  paradigma  entsprungenen  ^-formen  üdh-as- 
und  udh-as-  (vergl.  s.  182.  anm.)  weiter  gesichert  wird;  so- 
dann gestützt  auf  das  entsprechende  nebeneinander  von  griech. 
vö-og  und  vö-wq^  (^^^%o^  und  iurjxaQ  u.  dergl.  (sieh  unten 
s.  1 99  f.  anm.).  Das  auslautende  -r  muss  freilich  die  friesische 
form  iader  iadder^  da  germ.  -z  westgermanisch  abfällt  (Paul 
in  seinen  beitr.  VI  547  ff.),  entweder  als  -r  von  der  coexi- 
stierenden  r-form  (==  griech.  ovd-aq)  oder  als  -z  aus  dem 
obliquen  casus  des  -e^- Stammes  selbst  entnommen  haben. 
Mit  dem  «-umlaut  in  mhd.  luter^  nhd.  euter  hat  es  wol  diese 
bewantnis.  Graff  althochd.  sprachsch.  I  158.  belegt  den  dat. 
sing,  utrin  ^ubere  matris^  und  setzt  dazu  einen  nominativ 
schwacher  declination  utaro  an.  So  möchte  man  vermuten, 
dass  noch  im  germanischen  eine  flexion  ahd.  ütar,  gen.  dat. 
sing,  "^ütin  unmittelbar  vorauszusetzen  sei,  die  sich  zu  ütary 
üt{a)rin  ausgeglichen  habe,  wie  ähnlich  das  lateinische  sein 
jecur,  ^jecinis  =  sanskr.  yäkrty  yakn-äs  (vergl.  lat.  femur, 
feminis)  zu  jecur^  jecinoris  umänderte  (Job.  Schmidt  Kuhns 


1)  Sanskr.  öd-ma-s  m. ,  öd-man-  n.  'das  wogen,  fluten'  müssen  für 
neubildungen  der  einzelsprache  von  der  wurzelform  ud-  aus  gehalten 
werden,  wie  die  zu  den  wurzeln  vyadh-,  vyac-  gehörenden  Wörter  mit 
vedh-,  vec-  (s.  80 f.).  In  ved.  öd-at-i  adj.  'quellend,  wallend'  (von  der 
morgenröte)  mag  auch  das  praefix  ä-  stecken. 


—     199     — 

zeitschr.  XXV  23.,  Delbrück  einleit.  in  das  sprachstud.  110.) 
und  dabei  in  der  neubildung  jecinoris  die  heterogenen  suffix- 
elemente  des  nom.-acc.  sing,  und  der  übrigen  casus  in  um- 
gekehrter reihenfolge  verschmolz.  Das  ahd.  wazzar,  wazza- 
-res  dahingegen  statt  wazza?',  ^wazzhi  (=  got.  vatins)  gleicht 
mehr  den  lateinischen  ebenfalls  neuen  paradigmen  jecur  je- 
coris ^  femur  femoris  oder  Uberj  überis^).    Es  konnte  nun 


1)  Um  das  lat.  -b-  =  indog.  -dh-  in  übe?'  nach  dem  von  mir  Jen. 
literaturz.  1878.  art.  476.  mitgeteilten  lautgesetze  erklären  zu  können, 
muss  man  es  in  unmittelbare  berührung  mit  dem  stamm-  oder  casus- 
bildenden -r  zu  bringen  suchen.  Dies  -r  war  in  der  indogermanischen 
grundsprache  auf  den  nom.-acc.  sing,  beschränkt,  wie  de  Saussure  syst. 
primit.  225.  und  Brugman  morphol.  unters.  II  231  tf,  wahrscheinlich  ge- 
macht haben;  vergl.  auch  Joh.  Schmidt  Kuhns  zeitschr.  XXV  22.  Im 
leben  der  einzelsprachen  drang  das  -r-  frühzeitig  in  die  übrigen  casus 
ein.  Dies  kann  im  urlateinischen  so  geschehen  sein,  dass  an  die  stelle 
der  ältesten  flexion  indog.  gen.-abl.  sing.  Udhn-ös,  Aoc.  üdhen-i  = 
sanskr.  ved.  ü'dhn-as,  udhan-i  zunächst  eine  jüngere  mit  üdhr-ös, 
üdher-i  sich  schob.  Eine  schwächste  Stammform  Tidhr-  muss  auch 
im  litauischen,  nach  dem  denominativ  üdr-uti  zu  schliessen,  entstanden 
sein.  Das  latein  Hess  die  stärkere  Stammform  nPer-,  die  lautgesetz- 
lich zu  nder-  geworden  wäre,  sich  zu  üfer-  nach  dem  muster  der 
schwachen  üfr-  umgestalten  und  verdrängte  darnach  die  letztere  ganz 
aus  dem  paradigma.  Wegen  über-  in  Uber-i,  uber-is,  über-Uf  dessen  -e?'- 
also  dynamisch  =  einem  indog.  -ct-  ist,  heisst  es  auch  im  nom.-acc. 
sing.  Tiber  stditt  * übur ,  denn  der  ausgang  des  nom.-acc.  sing,  war  indo- 
germanisch abwechselnd  -r  oder  -f ,  worüber  weiteres  unten.  Ved.  ü'dhar 
nemlich  denke  ich  mir  so  entstanden,  dass  man  bei  dem  nebenein- 
ander von  üdhas  und  altem  *üdhr  (vergl.  griech.  fiijxos  und  fii]x^Qy 
TtTos  und  nlttQ,  etwa  auch  lat.  7^öbus  und  röbur)  an  der  geltung  des 
visarga  der  form  udhah  irre  wurde :  es  war  -h  hier  =  -s  wie  in  mänah^ 
tiäbhah,  wurde  aber  des  '^  üdhr  wegen  so  aufgefasst  wie  in  den  voca- 
tiven  sing,  pitah^  bhratah  neben  den  Stammformen  pitf-^  bkratr-,  so 
trat  ü'dhar  für  udhah  hervor  in  denselben  Stellungen,  wo  auch  intar^ 
hhrätar  gebraucht  wurden,  und  *  üdhr  verschwand  dann  ganz  aus  der 
spräche.  Bei  lat.  jecur,  femur,  und  wol  auch  ebur,  röbur  schritt  um- 
gekehrt wie  bei  über  die  vocalische  ausgleichung  in  der  ableitungssilbe 
vom  nom.-acc.  sing,  aus,  indem  die  Verschiedenheit  von  -ur  und  -or-is, 


—     200     — 

der   dat.  sing.  ahd.  tUrin   den    /-umlaut   des   wurzelvocals 
liefern  in  mhd.  mter,  nhd.  euter,  nach  Paul  und  Braune  in 


-or-a  erst  wieder  eine  secundäre  durch  wandelung  des  auslautenden 
-or  —  indog.  -r  sonans  in  -ur  entstandene  ist,  während  „r  [im  inlaut] 
vor  sich  mehrfach  ein  o  wählt  oder  erhält  statt  i<"  (Corsseu  ausspr. 
voc.  IP81.).  Die  bei  Neue  formenl.  d.  lat.  spr.  I'^  173  f.  aus  gramma- 
tikern  angeführten  jecor,  femor,  ebor,  röbo?\  sowie  ador,  marmor  zeigen 
auch  diese  differenz  wieder  ausgeglichen ;  nur  aequor  kann  wegen  des  qu 
(vergl.  aequo-s,  aequo-m  wie  servo-s,  servo-m  u.  a.  bei  Corssen  ausspr. 
voc.  IP97f.)  lautgesetzlich  sein  -or  bewahrt  haben.  Anders  gerichtete 
ausgleichung  ergab  dagegen  lat.  fulguris,  gutturis,  sulfuris;  „wie  aber 
einige  zu  dem  gen.  sing,  röboris  eboris  femoris  jecoris  einen  nomin.  auf 
or  forderten,  so  hielten  andere  zu  rohur  ebiir  marmur  (denn  auch  diese 
form  wurde  angenommen)  einen  plur.  robura  ebura  marmura  für  not- 
wendig" (Neue  formenl.  1 2 174.).  Jedoch  existieren  auch  die  älteren  ful- 
gora  fulgorum  fulgoribus  in  häufiger  und  guter  handschriftlicher  Über- 
lieferung (Neue  formenl.  I^  175.);  und  dazu  fulgera  fulgercUor,  guttere 
(Neue  ebend.)  von  noch  älterem  gepräge  der  themaform.  Mit  über 
gleichen  schritt  hielten  die  neutra  süber,  tüber,  acer,  cadäver  u.  a.  (Neue 
formenl.  P  166.).  Endlich  teilweise  iter  ^  bei  welchem  auf  eine  alte 
flexion  *itur  *iten-is  zunächst  *ttur  iter-is,  hernach  iter  iier-is  folgte, 
worauf  dann  aus  iter-is  und  dem  noch  daneben  fortbestehenden  *iten-is 
{*itin-is)  die  mischform  ite?i-er-is,  später  itin-er-is  hervorging,  endlich 
hieraus  ein  jüngster  nominativ  iliner  (itener);  sieh  die  belege  bei  Neue 
formenl.  d.  lat.  spr.  P  187  f.  Ich  bemerke  noch,  dass  ich  nicht  die  mög- 
lichkeit  der  herkunft  einiger  dieser  neutra  auf  -ur,  -or  (und  -er?)  von 
alten  -^5- stammen  leugne:  so  des  röbur,  wenn  die  ältere  form  röbus, 
auch  in  röbus-tus,  ist;  des  fiilg-ur,  wenn  es  =  griech.  ^Uy-oz  n.  'brand, 
flamme'  (Hesych.),  jedoch  dann  auf  anderer  Stammform  indog.  bhhf-es- 
beruhend,  ist  (vergl.  Brugman  Kuhns  zeitschr.  XXIV  46.).  Aber  gesetzt 
auch,  dass  wir  hier  und  in  femus  (Eitschl  opusc.  philol.  II  439.  anm.**) 
neben  femur  nicht  die  lateinischen  parallelen  zu  sanskr.  üdhas-  und 
udhar  und  zu  den  griechischen  paaren  firjxos  und  tirjX^Qt  ^*ös  und  nXaQ, 
weiterhin  auch  vSos  und  vdcoQ  zu  sehen  haben  (was  mir  nicht  so  durch- 
aus sicher  ist),  so  ändert  sich  dadurch  doch  an  den  angenommenen 
ausgleichungen  nichts,  indem  dann  ja  lat.  fulgur,  röbur  durch  die  ana- 
logie  von  Jecur,  femur  geschaffen  waren,  wie  durch  die  umgekehrte  be- 
einflussung  jecus-cubu-m,  falls  ein  *Jecus  nicht  alt  war,  ermöglicht  wurde 
(Brugman  ebend.  32.). 


—     201     — 

ihren  beitr.  IV408flP.  556 f.;  hernach  ward  erst  im  mittel- 
und  neuhochdeutschen  der  durch  formübertragung  umgelau- 
tete  nom.-acc.  sing,  iuterj  euter  so  als  -/'0- stamm  flectiert, 
wie  bereits  im  althochdeutschen  wazzar-^  vergl.  auch  Möller 
Paul  -  Braunes  beitr.  VII  5 1 0. 0- 


1)  Was  die  w-declination  von  griech.  ov&aQ,  Tjna^,  v8o)q  u.  dergl. 
betriift,  die  als  basis  von  ov&a-r-os,  ^na-r-os,  v8a-r-os  jetzt  nach  Brug- 
man  morphol.  unters.  II  227  ff.  231  ff.  (vergl.  auch  Lindner  altind.  nomi- 
nalbild.  39.  anm.,  Job.  Schmidt  Kuhns  zeitschr.  XXV  22.)  wol  niemand 
mehr  in  abrede  stellen  wird,  so  darf  man,  scheint  mir,  die  beiden  neue- 
sten erklärungen  der  dentalen  Stammerweiterung,  Brugmans  construc- 
tionen  morphol.  unters.  II  220  ff*.  229  f.  und  Ficks  fruchtbaren  gedanken 
an  das  ablativische  adverbialsuffix  -tos  Bezzenbergers  beitr.  V  183.,  mit- 
einander combinieren;  doch  kann  man  Brugmans  hypothese  jetzt  eher 
entbehren  als  auf  Ficks  Standpunkt  verzichten.  Ohne  die  existenz  alter 
überlieferter  pluralformen  von  -  m  ^  ^  0  -  stammen,  bvcfiara^  {xaa-)avfiara 
=  lat.  {co-g)nömenta,  {as-)sumetita,  wären  vielleicht  die  alten  adverbialen 
ablative,  6v6/u,a~Tos,  {xaa-jovfia-ros  =  sanskr.  nama-tas^  syü'ma-tas,  nicht 
so  sicher  dazu  gelangt,  definitiv  an  die  stelle  von  *ovofiv-os^  {^xaa-)- 
<jvfiv-os  =  sanskr.  namn-as,  syumn-as  zu  rücken  und  im  verein  mit  dem 
einzigen  dat.  plur.  Iv6ua-ai,  {xaa-)avfia-at  =  sanskr.  nä'ma-su,  syuma-su 
eine  solch  radicale  Umwälzung  des  ganzen  declinationssystems  zu  be- 
wirken. Umgekehrt  aber,  ohne  das  erbtum  von  ovd'a-ros,  jJTta-roe,  vda- 
-TOS  =  sanskr.  "^üdha-tas,  "^yaka-tas^  *uäa-tas  hätten  ovd'aQ  *ovd'v-oe^ 
TjTtaQ  *Tj7iv-os,  vSojQ  *  vSv-os  k&uiQ.  vcraulassuHg  gehabt,  bei  abweichen- 
dem nom.-acc.  sing,  den  bahnen  der  ovofia,  xaa-av/ia  zu  folgen;  denn 
nebenstämme  auf  -nio-  dürfen  wir  schwerlich  bei  den  Wörtern  für  'euter', 
'leber',  Vasser'  voraussetzen,  so  dass  also  die  plurale  ov&ara  ov&drcovy 
rJTtara  i]när(ovy  vSara  vSarcov,  sowie  die  entsprechenden  gen.- dat.  dual, 
keine  erbformen  sind ;  und  der  einzige  dat.  plur.  ov&a-ai,  rjna-ai,  vda-ai 
=  sanskr.  *iidha-su  (vergl.  ved.  udha-bhis),  *yäka-su  (vergl.  ved.  (^äka- 
-bhis  taittiriya-samh.  V  7, 23, 1.  von  gäkrt-),  *udä-su  (vergl.  ved.  udd-hhis) 
hätte  wol  auch  hier  nicht  genügt  in  ermangelung  eines  begleitenden 
alten  abl-gen.  sing,  ov^a-ros,  rjna-Tos,  vSa-ros.  Ähnlich  lässt  Brugmans 
theorie  notwendig  die  entstehung  der  -nto-  und  weiterhin  -?i^-decli- 
nation  bei  dem  griechischen  worte  für  'ohr'  im  dunkeln,  da  dessen 
nom.-acc.  sing,  von  alters  her  die  form  eines  -<?5- Stammes,  att.  ovs 
aus  *o(j«^)os,  vorhist.  *ovao&  =  abulg.  ucho,  hat  (Gust.  Meyer  griech. 
gramm.  §  333.  s.  285.);   während  die  anerkennung  des  abl.-gen.  sing. 


—     202     — 

Neuniederd.  (westfäl.  grafsch.  Mark)   Mup-en  m.  ''eine 
gehäufte  masse,  so  viel  als  man  auf  einmal  trägt  oder  nimmt', 

*oa-r6s  =  att.  (oros  als  erb  form  auch  hier  unmittelbar  weiter  hilft.  In- 
dem man  aber  bei  den  ovofxa,  xäa-avfia  die  Brugmansche  anschauungs- 
weise  neben  der  Fickschen  festhält,  wie  man  ja  darf,  bleiben  bei  dieser 
gruppe  als  entschiedene  griechische  neubildungen  (in  einziger  hinsieht 
auf  die  themagestaltung)  nur  der  dat.  sing,  und  der  nom.-acc.-voc.  dual. 
(bvofia-r-i  ovofia-t-e,  xaa-avfia-x-i  xaG-ffv/ia-r-s).  Der  vor  {xaa-)avfiari 
gewichene  ältere  dat.  (loc.)  sing,  ist  'vfiev-i  =  sanskr.  syuman-i,  der 
sich  in  dem  neuen  paradigma  des  /«-Stammes,  'vfirjv  %fiev-osm.  (s.  139.) 
eine  zweite  heimat  gründete.  Die  amplificative  neubildung  von  yovaroe 
ScQaros,  homer.  yovvaros,  SovQaros  würde  sich  am  leichtesten  erklären 
wenn  man  nach  der  theorie  Joh.  Schmidts  und  Mahlows  (d.  lang,  voc 
AEO  72 ff.)  früheren  gelegentlichen  singularischen  gebrauch  der  for 
men  yovva,  SovQa  voraussetzt,  wodurch  ro  yovva,  ro  Sovoa  in  die  ana 
logie  von  ro  ovofia  geraten  konnten.  Anderesfalls  müsste  man  auf  das 
alte  nebeneinanderliegen  von  -uen-  und  -eu-sfämmen  (verf.  forschungen 
II  24  f.  oben  s.  190.,  Brugman'^morphol.  unters.  II  189  f.  201  f.  217.)  re- 
currieren,  und  yovva-ros,  Sov^a-ros  wären  im  princip  also  adverbiale  ab- 
lativformen wie  avest.  is-va-td  (oben  s.  170.),  ihre  paarung  mit  yow,  §6^v 
vergleichbar  einer  eventuellen  sanskritischen  beziehung  des  dhän-va-tas 
'von  dem  bogen',  formal  von  dhän-van-  n.,  auf  dhan-ü-s  m.,  welche  be- 
ziehung ja  in  anbetracht  von  dhan-icn-ä,  instr.  von  dhän-van-  in  dem 
paradigma  des  dhan-ü-s,  sich  wol  denken  liesse.  Ich  vermute  endlich 
auch,  dass  im  sanskrit  der  nora.-acc.  sing,  yäkr-t,  cäkr-t  sein  -t  empfing, 
indem  *yäkr,  *^äkr  mit  den  adverbialablativen  *yaka-tas  (==  rjTia-ros), 
*caka-tas  (vergl.  gäka-hhis)  zusammentretend  letztere  zuerst  zu  yäkr-tas, 
gdkr-tas  umschufen;  diese  als  die  historischen  formen  des  abl.-gen.  sing. 
wurden  in  der  folge  als  ydkrt-as,  gäkrt-as  vom  Sprachgefühl  verstanden. 
Composita  auf  -kr-t  von  wurzel  kar-  konnten  dann  volksetymologisch 
mitwirken  zur  Schöpfung  der  neuen  nom.-acc.-sing.-formen  yäkr-t,  gäkr-t 
(Brugman  morphol.  unters.  II  234.),  ebenso  gut  aber  auch  jedes  andere 
Verhältnis  der  art  wie  hfd  n.  nom.-acc;  hrd-äs  abl.-gen.,  marüt  m.  nom..- 
marüt-as  abl.-gen.  Hat  etwa  auch  im  armenischen  leard  'leber'  (gen. 
lerdi)  aus  *tj.ekart  (Hübschmann  Kuhns  zeitschr.  XXIII  401.,  Brugman 
morphol.  unters,  a.  a.  o.),  das  übrigens  noch  eine  silbe  hinter  dem  dental 
eingebüsst  haben  muss,  in  ähnlicher  weise  mit  hilfe  des  alten  ins  casus- 
system  aufgenommenen  adverbiums  auf  -tos  die  dentale  Weiterbildung 
erfahren?  Imgriechischen  scheint  Bäfia^,  Sa/uaQ-ros  für  früheres  SäuaQ, 
*8d/ia-ros  dem  zustande  von  *yäkr,  yäkr-tas  für  einstiges  *ydkr,  *yaka- 


—     203     — 

ahd.  hüf-Oj  mhd.  hüf-e  m.  *^haufe,  häufen^  =  lat.  in-cüb-o 
m.  *^schatzgeist  der  auf  den  vergrabenen  schätzen  liegt  und 
sie  bewacht,  alp\  In  dem  genannten  und  anderen  neunieder- 
deutschen dialekten  Westfalens,  z.  b.  auch  im  ravensbergi- 
schen,  ist  iu  =  germ.  ü ;  vergl.  H.  Jellinghaus  westfäl.  gramm. 
§§62.63.  s.  29f,  oben  s.  179. 

Über  die  tiefstufigkeit  der  wurzel  bei  den  geschlechtigen 
;?- Stämmen,  insbesondere  den  masculinen  nomina  agentis, 
handelte  ich  ausführlicher  in  Paul -Braunes  beitr.  III  12  ff. 
Es  sind  die  dortigen  ausführungen  hier  durch  zwei  allgemeine 
bemerkungen  zu  ergänzen.  Erstens:  accentwechsel  zwischen 
Wurzel-,  themasuffix-  und  casussuffixsilbe  wird  doch  auch 
hier  anzuerkennen  sein,  wodurch  z.  b.  sanskr.  raj-an-  'könig' 
seine  abnormität  der  betonung  und  des  wurzelablauts  ver- 
liert. Und  ferner:  wie  indog.  /,  ?/,  so  zeigt  sich,  wie  wir 
sehen,  wennschon  seltener,  auch  7,  ü  in  der  tiefstufigen  wurzel. 
Unser  zuletzt  gestelltes  beispiel  ahd.  htifo  =  lat.  m-cübo  ist 
besonders  geeignet,  alles  dies  zusammen  zu  illustrieren.  Denn 
dazu  gehört  ausser  dem  neuniederd.  hiupen  auch  noch  aus 
demselben  volksdialekt-e/i  häupen  'eine  grosse  menge,  masse, 
sehr  vier,  erstarrte  acc.-sing.-form  (z.  b.  en  häupen  geld^  en 
häupen  water  als  objects-  und  subjectscasus)  =  alts.  "^hopun 
oder  ^höpon,  got.  "^haupan.  Ja  selbst  ags.  heäp  ^  alts.  höp^ 
neuniederd.  häup ,  ahd.  houf  häuf,  mhd.  houf  m.  kann  zur 
regelmässigen  form  des  nom.  sing,  eines  -e;2-stammes  werden 


-tas  zu  entsprechen;  vergl.  Brugman  morphol.  unters.  II  233.  „Es  ist 
gewis  verführerisch  genug",  bemerkt  Brugman  ebend.,  „das  r  von  "jnax- 
zum  vergleich  [mit  dem  t  von  yähi]  heranzuziehen."  Dieser  Verführung 
brauchen  wir  also  nicht  zu  widerstehen  und  können  doch  gleichzeitig 
in  rjTia-ros  griechische  ^«-flexion  und  eine  form  des  gleichen  Systems  mit 
sanskr.  yakn-äs  sehen,  sowie  6v6fia-ros,  vSa-ros,  *6a-t6s  ca-ros  die  grie- 
chischen Seitenstücke  zu  sanskr.  nä'mn-as  lat.  nömin-is  got.  namin-s^ 
sanskr.  ved.  udn-äs  lit.  vanden-s  got.  vatin-s,  got.  ausin-s  geworden  sind. 


—     204     — 

=  germ.  häupö,  got.  *haupa.  Macht  man  von  dem  Havet- 
schen  „doublet  syntactique"  indog.  -ö  und  -ön  (vergl.  oben 
s.  171.)  ttir  das  germanische  gebrauch,  so  hat  man  got.  guma^ 
auhsa  auf  die  seite  von  sanskr.  ukshä\  griech.  «j^dw,  «r/w,  lat. 
homö^  lit.  zmüj  akmu  zu  stellen,  ags.  g^z/^/za,  alts.  gumOj  ahd. 
yomOj  ohso  dagegen  auf  diejenige  von  sanskr.  pivän^  griech. 
r€7iTwVj  a7]öwv,  ehcüv,  abulg.  kamt/.  Wenn  vereinzelt  das 
westgermanische  den  ausgang  von  got.  guma^  auhsa  d.  i.  indog. 
urgerm.  -ö  festhielt,  so  erfolgte  synkope  desselben  nach  langer 
Stammsilbe,  was  dann  wol  regelmässig  wie  bei  keäp  höp 
houf  den  übertritt  in  die  o  -  declination  zur  folge  hatte.  Das 
anord.  höp-r  kommt  nicht  in  betracht;  da  es  wegen  des  6 
—  man  erwartet  *haup-r  —  gar  nicht  echt  nordisch  sein 
kann,  nach  Cleasby-Vigfusson  diction.  281a.  auch  nur  in 
jungen  handschriften  belegt  ist,  ist  es  wol  unbedenklich  lehn- 
wort  niederdeutscher  herkunft  (vergl.  alts.  höp). 

Ich  nenne  noch  einige  -  e;^  -  bildungen  mit  7,  u  aus  dem 
Sanskrit,  griechischen  und  germanischen,  zu  denen  mir  das 
pendant  mit  «,  ü  fehlt.  Sanskr.  snih-än-  m.  '^feuchtigkeit  der 
nase\  nebst  snih-ä  f.  dass.,  aus  dem  nom.  sing,  des  /i- Stam- 
mes durch  metaplasmus  -«-stamm  (vergl.  s.  196.);  ved.  nach- 
ved.  püsh-dn-  m.  nom.  propr.  des  nährenden,  gedeihen  schaf- 
fenden, wolstand  bringenden  sonnengenius  und  hirtengottes. 
Griech.  xi;^-wj/  m. *^krummholz,  nackenholz',  das  trotz  ywrp-o-g 
adj.  *^ krumm,  gekrümmt'  primäre  Wortbildung  und  mit  unter 
den  mustern  zur  ausbildung  des  „individualisierenden"  -wv 
gewesen  sein  wird,  nach  verf.  forschungen  II 46.  55  f.  Griech. 
tQvy-c6v  f.  *^turteltaube',  zu  tqv^w  ''gurre'  mit  v  nach  s.  70. 
Ahd.  thrübo  drübo  trübo,  mhd.  trübo  m.  ^traube',  stamm 
germ.  prüt-en-  =  indog.  ti^üp-en-]  wurzelverwant  mit 
lit.  trup-üy  trup-'eti  *^locker  sein,  bröckeln,  krümeln',  trup-u-s 
adj. 'locker,  bröckelig'  (0.  Schade  altdeutsch,  wörterb.^  112  b.). 


—     205     — 

BB.  Nomen  mit  suff.  -ono-,  -eno-^  -no-\  partic.  medio- 
pass.  Wegen  der  Stammabstufung  in  der  suffixform  verweise 
ich  kurz  auf  morphol.  unters.  II  13.,  bemerke  ausserdem^  dass 
unter  den  s.  115  ff.  behandelten  -wö-bildungen  natürlich  schon 
einige  participia  vorausgenommen  sind,  solche,  bei  denen  ein 
Wechsel  mit  den  volleren  suffixformen  -ono-^  -eno-  nicht  vor- 
liegt oder  doch  nicht  in  betracht  zu  kommen  brauchte.  Da- 
durch ist  allerdings  gleichartiges  aus  einander  gerissen  wor- 
den. Es  ist  möglich,  dass  die  s.  120.  berührte  Schwierigkeit, 
den  vocalismus  der  wurzelstarken  paradigmenform  (ob  mittel- 
oder  hochstufe)  zu  bestimmen,  mit  dem  verschiedenen  Ur- 
sprünge des  -y?ö-suffixes  zusammenhänge. 

Sanskr.  ved.  fg-ima-s  und  ic-änä-s  adj.  subst.  *^zu  eigen 
habend,  besitzend,  vermögend,  beherrschend,  herrscher,  ge- 
bieter'  =  avest.  is-änd  adj.  *^mächtig,  herrschend'.  Vergl. 
dazu  oben  s.  96. 1 70.  In  ved.  i'c-äna-s  ist  jedenfalls  der  accent 
abnorm,  meiner  ansieht  nach  unter  dem  einflusse  des  verbum 
finitum  i(;-e^  i'sh-te  verändert;  in  letzterem  aber,  das  ich  für 
ein  perfect  med.  ohne  reduplication  halte,  wird  wol  der  Sin- 
gular des  verlorenen  activs  *ef-a  =  got.  aih  seine  Wirkung 
in  bezug  auf  den  accent  geübt  haben.  Möllers  bemühungen 
Kuhns  zeitschr.  XXIV  444  ff. ,  den  Zusammenhang  des  ger- 
manischen praeteritopraesens  mit  sanskr.  zp-,  avest.  is-  in 
neuer  weise  mittels  angeblicher  2-epenthese  der  wurzel  ak^- 
sich  zurechtzulegen,  haben  für  mich  in  keinem  punkte  Über- 
zeugungskraft. Ist  sanskr.  i(^-e  selbst  perfect  mit  der  grund- 
bedeutung  'ich  habe  in  meine  gewalt  gebracht',  so  verschwin- 
det namentlich  das  eine  argument  Möllers,  dass  der  sinn 
'besitze,  verfüge  über,  herrsche,  vermag'  bei  got.  aih  „durch 
das  perfect  so  gut  wie  aufgehoben  werden  würde".  Wenn 
sich  ferner  bei  aih^  aigum  von  dem  erwarteten  kurzen  /  im 
plural   (auch  langes  7  darf  jetzt  nach  dem  oben  s.  60 — 71. 


—     206     — 

ausgeführten  daneben  erwartet  werden)  „in  allen  germani- 
schen dialekten  keine  spur"  findet  und  Möller  daraus  ein 
recht  herleitet,  an  der  „z-wurzel"  zu  zweifeln,  was  sagt  er 
dann  zu  der  vielleicht  schon  grundsprachlichen  Übertragung 
der  nicht  reducierten  wurzelform  k^ei-  '^liegen'*  ins  medium 
zweiter  indischer  praesensclasse,  sanskr.  ce-she^  ge-te  =  griech. 
Kel-GaLy  y.el-tai  (Gust.  Meyer  griech.  gramm.  §  482.  s.  372.)? 
Die  individuellen  gründe,  warum  nhd.  ich  vwiss:  wir  wissen 
bis  auf  diesen  tag  sich  der  alten  Stammabstufung  erfreut  und 
nih:  aigum  schon  im  gotischen  nicht  mehr,  muss  man,  wie 
in  so  vielen  ähnlichen  fällen,  sich  bescheiden  nicht  zu  wissen. 
Einzelne  nur  praesentisch  zu  denkende  formen  von  sanskr. 
ic-y  wie  in  der  3.  sing,  tsh-te  und  selbst  thematisches  tr-n-te 
(Petersb.  wörterb.  I  851.)  neben  fp-e,  besagen  so  wenig  etwas 
gegen  den  ursprünglichen  perfectcharakter,  wie  ved-miy  vid- 
-masi  gegen  denjenigen  von  ved-a  ins  gewicht  fallen  (vergl. 
oben  s.  7.),  und  sind  ähnlich  wie  die  althochdeutschen  nach- 
bildungen  mit  rein  praesentichen  endungen  eigist^  eigames 
(Möller  Kuhns  zeitschr.  XXIV  446.)  aufzufassen.  Doch  ist 
vielleicht  ish-te  die  ältere  form  gegenüber  fc-e  und  nur  wegen 
der  praesentischen  bedeutung  gewahrt,  während  ri-ric-e^  nu- 
-nud-e  als  3.  sing,  formal  die  1.  sing.  perf.  med.  sind,  so 
gebraucht  wegen  der  activischen  ri-rec-a^  nu-nöd-a  in  beiden 
functionen,  was  dann  allerdings  auch  einige  praesentia  med. 
wie  ved.  bruv-e^  huv-e  nachahmten  und  mit  letzterem  dann 
ic-e  selbst  (Delbrück  altind.  verb.  §  103.  s.  70.). 

Anord.  tig-in-n  adj.  ^vornehm',  .tig-n  f.  Vornehmer  rang' 
=  ags.  he-tiz-en  *^argutus,  criminatus,  accusatus',  on-tizen- 
-ness  f.  ''criminatio'*,  ahd.  ge-zig-en  ^geziehen^  ar-zig-an  ""ne- 
gatus"*,  pi-zig-an  *^insimulatus,  argutus\  fir-zig-an  ''denegatus, 
abnegatus,  abdicatus'.  Grundbedeutung  des  indog.  dik'-ö- 
no-s:  Vorauf  man  zeigt,  was  man  durch  zeigen  kennzeichnet 


—     207     — 

und  hervorhebt'.  Für  anord.  tiginn  ist  die  länge  von  Sievers 
Paul-Braunes  beitr.  VI  334.  anm.  2.  aus  metrischen  gründen 
vermutet  und,  wie  mich  dr.  Kluge  auf  grund  einer  ihm  ge- 
wordenen mitteilung  Hofforys  benachrichtigt,  durch  die  alt- 
schwedischen homilien  von  Wisen  erwiesen.  Lat.  dig-nu-s^ 
das  dem  anord.  tig-in-n  wol  mit  recht,  wenn  auch  öfter  unter 
falschen  Voraussetzungen  über  die  wurzel,  verglichen  wird 
(Fick  wörterb.  I^  611.  IP  378.,  Möller  Kuhns  zeitschr.  XXIV 
489.),  hatte  auch  naturlanges  7,  wie  W.  Schmitz  beitr.  z.  lat. 
sprach  -  u.  literaturk.  57  ff.  und  Job.  Schmidt  indog.  vocal. 
I  102.  aus  einem  Zeugnisse  Priscianus  und  dem  inschriftlichen 
DiGNI  mit  /longa  inscr.  regn.  Neapol.  4496.  zeigen.  Doch 
kann  i  in  dxgnus  auch  durch  secundäre  längung  aus  dem  vor 
g7i  entwickelten  nasalvocal  entstanden  sein  nach  Job.  Schmidts 
erklärung  a.  a.  o. 

Sanskr.  üsh-ana-m  n.  *^pfeffer'  als  *^ brennendes  gewürz' 
(vergl.  s.  175  f.),  üsh-ana  f. 'piper  longum',  üsh-na-  adj.'heiss, 
warm'  beim  scholiasten  zu  Amarakosha  I  1,  3,  19.  (nach 
Böhtlingk  -  Roth  I  1031.  „schlechte  Schreibung  fUr  ushna-^) 
=  sanskr.  z/5Ä-aw«-w  n.*^pfeffer,  die  wurzel  von  piper  longum', 
iish-anä  f.  *^piper  longum,  getrockneter  ingwer',  ved.  nach- 
ved.  ush-nä-  adj.  *^heiss,  warm',  m.  n.  *^hitze,  die  heisse 
Jahreszeit',  m.  ^zwiebel',  ush-?iä  f.  'hitze,  auszehrung,  galle'. 

Lit.  triüd-na-s  adj.  ^schwer  bedrängt,  betrübend,  betrübt, 
traurig';  Sinord.  prüt-m-?i  adj.  "^geschwollen,  beschwert,  swoln, 
oppressed'  =  anord.  prot-in-7i  ^abgemattet,  erschöpft',  ags. 
ä-prot-en  ""taediosus',  un-ä-prot-en  'indefessus',  ahd.  ufi-er- 
-droz-en  *^ unverdrossen',  yi-droz-an  "^pertaesus'.  Lit.  triüd- 
-na-s hält  Brückner  litu-slav.  stud.  I  147.  für  ein  slavisches 
lehnwort  aus  weissruss.  kleinruss.  trüdmjj\  poln.  trudny  = 
abulg.  trud-mü  'lassus,  molestus',  welches  slavische  adjectiv 
eine  secundärableitung  aus  abulg.  t?'ud-ü  m.  'labor'  ist;  not- 


—     208     — 

wendig  geboten  scheint  mir  diese  auffassung  des  litauischen 
Wortes  nicht,  vergl.  die  folgende  nummer.  In  anord.  kona 
prütin  ^femina  tumenti  facie  prae  dolore'  (Egilsson  lexic.  poet. 
924  b.)  kann  wol  prütin  noch  geradezu  durch  Verdrossen' 
wiedergegeben  werden. 

Lit.  liüd'iia-s  adj.  ^traurig,  betrübt,  niedergeschlagen' 
=  anord.  lot-in-n^  ags.  z^-lot-en  'geneigt,  gebeugt,  nieder- 
gesunken', anord.  lot-n-ing  f.  'ehrerbietung'.  Zu  dem  aorist- 
praesens  lit.  liüd-u  'gehe  traurig  einher,  traure,  bin  innerlich 
betrübt  (infin.  Imd-'eti)^  anord.  lüt-aj  ags.  lüt-an  'sich  neigen, 
niedersinken'.  Auf  anord.  lüt-n-ing  f.  'ehrerbietung'  ist  zur 
erschliessung  eines  "^lüt-in-n  allerdings  nichts  zu  geben,  es 
kann  bildung  mit  dem  bereits  einheitlichen  suffixcomplex 
-ning  aus  dem  verbalstamme  von  lüt-a  sein,  sowie  lük-ning 
f.  'bezahlung'  von  lük-a-^  vergl.  von  Bahder  d.  verbalabstr. 
in  d.  german.  spr.  190. 

Ausserdem  macht  mich  Kluge  noch  aufmerksam  auf 
anord.  ü-hlif-in-n  'der  sich  selbst  nicht  schont'  (bei  Cleasby- 
Vigfusson  unter  ?/-),  dessen  gegenstück  mit  ^  in  der  althoch- 
deutschen form  ^ga-hlib-an  zu  lih-an^  leib  (Graff  IV  1109  f.) 
uns  nur  die  kärglichkeit  und  Zufälligkeit  der  sprachüberliefe- 
rung  vorenthält ;  hier  hätte  sich  das  alte  formenpaar  zwischen 
medialer  und  passivischer  bedeutung  des  particips  differen- 
ziert, wie  bei  mehreren  -^ö-participien,  z.  b.  germ.  wiso-s 
und  wissö-s  (s.  77  f.),  griech.  ßov-lv-To-g  seil,  xaigog  'die 
ochsenausspannende  tageszeit'  und  Iv-To-g  (s.  89.),  die  Spal- 
tung in  den  activischen  und  passivischen  sinn  hervortrat. 

CC.   Wurzelnomina: 

Sanskr.  ved.  nachved.  ä-pri-  f.  eigentlich  'gunstgewin- 
nung,  beschwichtigung',  plur.  'einnehmende,  versöhnende 
Sprüche,  placationes',  a-pri-bhis  instr.  plur.  =  avest.  ä-fri- 
-vacahh-  adj. 'segnende  worte  führend',  u-fri-vana-  n.  'segens- 


I 


—    209     — 

wünsch',  raiu-fri-sh  f.  'satisfaction  of  the'  heads  of  creation 
by  invokiüg  them^,  ratu-fri-shu  loc.  plur.  (Haug  zand-pahlavi 
glossary  114  f.,  Bezzenberger  Kuhns  beitr.  VIII  120.).  Die 
erklärung  bei  Haug  und  Bezzenberger  aa.  aa.  oo.,  dass  ratu- 
frisH^  -frishu  Verkürzungen  aus  i^atu-ßnii-sK ,  -friti-shu  seien, 
ist  grundlos;  liegt  neben  ä-Jriti-  gleichbedeutendes  ä-fri-  in 
d-fri-vacahh-^  a-fri-vana-^  so  kann  auch  neben  ratu-friti-  die 
suffixlose  bildung  ratu-fri-  bestanden  haben. 

Avest.  mizh-da-  n.  *^lohn'  =  avest.  asK-mizh-däQ  adj. 
fem.  plur.  ^viel  lohn  bringende',  hii-mizh-ddo  adj.  fem.  plur. 
^guten  lohn  bringende'  ys.  LIV  7.  nach  Westergaards  lesart; 
abulg.  miz-da  Vf.uod-6g\  got.  miz-dö  f.  ''(.nöd^og^ ^  ags.  meqr-d 
f.  ''miete,  lohn'.  Ob  griech.  jnio-d-o-g  =  (.üö-d-o-g  oder  = 
Luo-d-6-g  sei,  ist  nicht  zu  entscheiden.  Desgleichen  muss  ich 
dahin  gestellt  sein  lassen,  ob  in  ags.  med^  altfries.  mede  mide 
meide  meithe^  alts.  meda  mieda  meodttj  abd;  meta  meata  miata 
mietet^  mhd.  miete  langes  oder  kurzes  i  untergegangen  sei 
und  ob  vielleicht  mit  hilfe  der  alten  doppelqiiantität  sich  die 
buntformigkeit  des  germanischen  Wortes  einigermassen  er- 
klären lassen  wird.  Da  das  nomen  doch  wahrscheinlich  ein 
compositum  mit  der  wurzel  dhe-  ""setzen,  schaffen'  ist  (Justi 
handb.  d.  zendspr.  233  b.,  Delbrück  Zachers  zeitschr.  I  10., 
Curtius  grundz.^  260.),  so- glaubten  wir  indog.  m^is  als  wurzel- 
nomen  hier  aufführen  zu  dürfen. 

Avest.  vis-  f.  ""haus,  familie,  dorf,  clan';  griech.  Qgr]- 
-lY,-i  dat.  sing.,  (d^Yi-'u-eg  nom.  plur.  *^Thracier'  Apollon. 
Rhod.  I  24.  632.  Nicand.  ther.  49.,  egrj-k-w-g  adj.  'thra- 
cisch'  Apollon.  Rhod.  I  1110.  *IV  905.  Phanocles  b.  Stob, 
floril.  LXIV  14. ,  poet.  b.  Steph.  Byzant.  s.  v.  Qgcjch]  = 
sanskr.  ved.  vir-  f.  'niederlassung,  wohnsitz,  haus,  gemeinde, 
stamm,  volk,  mannschaft,  leute';  apers.  vith-  vlh-  i,  'clan, 
stamm',  vith-am  vth-avi  acc.  sing.,  vth-ä  instr.  sing,  (vergl. 

Ostlioflf  u.  Brugman  untersuch.  IV.  14 


—     210     — 

über  die  beiden  Schreibungen  vith-  und  vth-  Hübschmann 
Kuhns  zeitschr.  XXIV  377  f.);  griech.  homer.  hesiod.  tqI- 
Xa-i'/,-eg  *^in  drei  stamme  geteilt'  von  den  Doriern  (Od. 
T  \ll.j  Hesiod.  fragm.  CLXXVHI  ed.  Marckscheffel) ,  homer. 
nachhomer.  Qqtj-Ix-cc  acc.  sing.,  QQrj-iy-EQy  GQi]-ly-ag  plur. 
'Thracier',  QQrj-ix-w-g  adj.  'thracisch',  QQr]-l/-lr]  f.  'Thra- 
cien';  abulg.  vts-i  f.  'dorf\  zur  ?*-declination  übergetreten. 
In  dem  epitheton  der  Dorier,  TQiya'r/-£gj  mit  Fick  Bezzen- 
bergers  beitr.  III  168.  ein  */r/-  'stamm'  wiederzufinden,  ist 
sehr  verlockend,  zumal  die  alten  selbst  die  deutung  'm  drei 
colonien  geteilt'  kannten  {Ttavteg  de  %qiYalv.£g  Aaleovrai, 
ovv£'/,a  TQiaorjv  yalav  exag  TtdrQrjg  löaoavro  bei  Hesiod). 
Doch  mehr  als  Curtius  grundz.^  738.  müsste  man  sich  in 
i:Qi%a-i7,-eg  an  dem  langen  ä  von  rgr/Jx-  stossen:  tgiy^Uy 
woran  Curtius  erinnert,  könnte  doch  nur  etwas  zur  aufklä- 
rung  beitragen,  wenn  es  eben  homer.  * TQtyJi-T'/.-eg  hiesse. 
So  bleiben  entweder  die  /lioqdEg  TQL%-aiy-eg  *^haarschüt- 
teler,  die  das  haupthaar  flattern  lassenden';  vergl.  homer. 
7toh)-cäy.-og  *^des  mit  vielen  erschütterungen  verbundenen' 
(tvoU^olo  IL  A  165.  7  328.  Od.  >1314.),  /.oqvS-aU-i  'dem 
helmschüttelnden'  (IL  X  132.).  Oder*  man  hat,  und  dazu 
entschliesse  ich  mich  allerdings,  zu  messen  Tqlya-iy-Eg^  was 
an  beiden  stellen  der  vers  erlaubt:-  bei  Homer  Jcagdeg  tZ 
TQl%cUeg  dlol  tb  TlelaoyoLy  bei  Hesiod  als  hexameteraus- 
gang  7tavTEg  de  TQTxaiy.eg  y.aXeovTai.  Dann  bekommt  man 
hier  ein  griech.  *ß7y-  =  sanskr.  vig--^  "^Tglya  als  alte  neben- 
form  von  T:Qt%a  darf  getrost  zugelassen  werden,  vergl.  die  -no- 
und  - /ö - bildungen  mit  indogr  ^r1-  s.  115.  1951,  die  -k^o- 
und  -7«o-bildungen  mit  indog.  dm-  s.  72.  115  f.  Was  aber 
ist  Qqä-  in  dem  namen  der  Thracier?  Sind  es  vielleicht  nur 
'die  landbesiedeler'?  Denn  man  kann  an  sanskr.  dhar-Ci  f. 
'erde'  denken,  zu  dem  sich  griech.  *^Q-ä  ebenso  verhalten 


—     211     — 

könnte  wie  sanskr.  gn-a^  altir.  mn-ä  gen.  sing.,  griech.  *f^iv-cc 
aus  *ßv-ä  in  (.iva-{i)o-(.iai  ''suche  mir  ein  weib,  freie'  zu  abulg. 
zen-tty  got.  qin-d ,  altir.  beiiy  armen,  kin  (Mahlow  bei  Job. 
Schmidt  Kuhns  zeitschr.  XXV  129.,  verf.  morphol.  unters.  II 
13  ff.,  über  /uraof-iat  Kuhns  zeitschr.  XXVI  heft  1.). 

Avest.  vid'  adj.  ^kennend',  vid-ö  nom.  plur.  ys.  L  18. 
=  sanskr.  vid-  adj.  subst.  Vissend,  kennend,  sich  verstehend 
auf,  vertraut  mit  etwas,  kenner',  selbständig  und  am  ende 
zahlreicher  composita;  griech.  homer.  ^'i-ld-oQj  "li-id-i  gen. 
dat.  sing.  nom.  propr.  des  unsichtbaren  unterweltgottes. 

Avest.  zemar-güz-  adj.  'sich  in  die  erde  verbergend', 
zcmar-güz-6  non^.  plur.,  zemar-güss-a  acc.  plur.  ==  sanskr. 
ved.  guh-  f.  'versteck'  rgv.  I  67,  3.  6. 

.  Griech.  iyßt-g  oder  h/ßv-g  m.  'fisch',  iy&v-v  oder  ixd-v-v 
acc.  sing.;  lyd^v  voc.  sing.  (Crates  b.  Athen.  VI  p.  267 F.), 
l^di-ÖLo-v  n.  'fischchen'  (Aristoph.  fragm,  344,  8.  Dindorf., 
Mnesimach.  b.  Athen.  VIII  p.  359  D.,  Menander  b.  Athen.  IV 
p.  132  E.);  lit.  zü-stu  'ich  fische',  praes.  (für  denominatives 
'^' zü-ju  eingetreten,  wie  dzü-stu  für  "^dzü-ju  =  griech.  dv-co 
s.  18.),  zü-sti  infin.  (bei  Nesselmann  wörterb.  552a.  aus 
Szyrwid)  =  griech.  lydi-g  nom.  sing.  (Matron  b.  Athen.  IV 
p.  135  C),  ixd-v-v  acc.  sing.  (Theocrit.  XXI  49.),  iyß%-(jL 
dat.  plur.,  compp.  y.ctll-iyd^v-q  nom.  sing,  'schönfisch'  (Oppian. 
halieut.  I  185.  III  191.  335.),  /.aXl-iyd^v-v  acc.  sing.  (Niwne- 
nius  b.  Athen.  VII  p.  295  B.),  lyd-ij-ÖLo-v  n. 'fischchen'  (Arche- 
strat.  b.  Athen.  VII  p.  31  IC,  Lucian.  in  anthol.  Palat.  XI 
405,  6.),  compp.  lyd'v-ßoko-gy  ix^v-ßolecoy  Ix&v-ßolevgjixd'v- 
-ßoQo-gy  Ix^v-ßoTo-gj  ix^v-yoro-Qj  ix^v-doyto-gy  ix^v-i^ied(x)Vy 
ix^v-v6f.w-gj  ix^v-7cayrigy  iy^v-cpayo-gy  ix^v-cp6vo-g.  Dass 
von  lyßv-gy  lyßv-v  die  letzte  silbe  auch  gekürzt  vorkomme, 
behauptete  gegen  Porson  mit  recht  Meineke  Menandri  et 
Philemonis  reliquiae  p.  44. ;  später  scheint  derselbe  aber  seine 

14* 


—     212     — 

meinung  geändert  zu  haben,  da  er  bei  Theocrit.  XXI  49. 
ixd-v  für  überliefertes  ixS^iv  Q.o\i]mQYiQ,  bei  Athen.  IV  p.  135  C. 
aber  statt  der  best  verbürgten  lesart  ^  (.lövri  l^d-vg  lovoa 
(so  auch  der  codex  Marcianus  Venetus)  aus  einer  jüngeren 
handschrift,  dem  Laurentianus  (B  nach  Dindorfs  bezeichnung), 
iq  iLiovr]  ix^vg  ovoa  aufnahm.  Wenn  Herodian  II  615,  22. 
ed.  Lentz  perispomenier^ng  ixS-vg  vorschreibt  (vergl.  auch 
Gust.  Meyer  griech.  gramm.  §  317.  s.  272.)  und  also  die  im 
sprachgebrauche  häufigere  form  mit  v  sanctioniert ,  so  be- 
rechtigt auch  das  nicht,  bestimmter  Überlieferung  zuwider 
gänzliche  unbekanntschaft  der  spräche  mit  dem  v  in  den 
zweisilbigen  casus  voraussetzen.  Dazu  koipmt  betreffs  des 
compositums  /mIX-ix^v-Qj  was  Spitzner  griech.  prosodie  s.  42  f. 
bemerkt:  „Die  bestimmte  kürze,  selbst  solcher,  die  von  ur- 
sprünglich langen  formen  zusammengesetzt  sind,  wie  von 
ix^vg  und  ocpQvg,  lehren  schon  die  alten,  als  Arkad.  de  acc. 
92,  5.  Constant.  Lask.  233,  6.  Et.  M.  246, 12.  565,  16.  599,  33. 
und,  wenn  auch  letzteres  wegen  ^iaXhx^vg  zu  schwanken 
scheint,  so  spricht  doch  der  gebrauch  der  dichter  für  die 
Verkürzung  u.  proparoxytonirung. "  Über  das  deminutiv  Ix- 
^v-ÖLo-v  vergl.  ]M[eineke  Menandri  et  Philem.  reliq.  p.  160., 
Buttmann  ausführl.  griech.  sprachl.  P  105  f.  11^  442.  Aber 
deren  erklärung  der  endung  -vöio-v^  dass  sie  aus  *-vtdio-v 
zusajnmengezogen  sei,  vernichtet  unnötiger  weise  die  mor- 
phologische gleichheit  von  iy^d-v-dio-v  und  ix^v-öio-v.  Auch 
in  ßoTQv-öto-v  und  ;^£A^-^«o-j^ ,  die  Meineke  a.  a.  o.  noch 
nachweist,  darf  unmittelbar  das  suffixiale  v  gefunden  wer- 
den, das  die  Stammnomina  neben  dem  v  kennen:  ßörgvg 
Ixay-Qov  ^TTiKwg,  ßqaxv  '"Eklr^vixcog  nach  Moeris  s.  v.  ßorgvg 
(vergl.  Gust.  Meyer  griech.  gramm.  §  317.  s.  272.);  x^^^Sy 
xilv-v  bei  Homer,  hymn.  in  Mercur.  33.  153.  243.  gegenüber 
xelv-g  bei  Callimach.  hymn.  in  Apoll.  16.,  Oppian.  halieut.  V 


I 


—    213     — 

404.,  Arat.  phaenom.  268.  (vergl.  Passow  handwörterb.  unt. 
xilvg).  acpv-öto-v  aber  (Aristoph.  b.  Athen.  VII  285  E.)  von 
acpvri  "^sardelle^  mag  als  deminutiv  der  species  wol  direct 
nach  demjenigen  des  genus,  ix^v-öw-v,  zurecht  geformt  sein, 
also  auch  nicht  der  aufstellung  einer  grundform  *a(pvtöio-v 
bedürfen.  Meines  erachtens  ist  ix^^-äco-v  eine  solche  bil- 
dung  von  ix^d-g,  wie  /coU-öw-Vy  IxL-dio-Vj  6q)l-dio-Vj  kttj- 
oL-öio-v  von  itoU-Qy  exi-g  u.  s.  w. ;  denn  mag  immerhin  der 
suffixcomplex  -lö-w-v  an  nominalstämmen  auf  -lö-  erwachsen 
sein  (vergl.  7ta-iö-io-v  von  jca-lö-^  qacpavLd-io-v.  von  qacpa- 
vtd-)j  so  konnte  doch  bei  nachbildungen  damit  oder  darnach 
ebenso  wol  in  „proportionaler  analogie"  verfahren  werden  als 
in  „schlichter  formübertragung "  (vergl.  verf.  morphol.  unters. 
II  138  ff.  141  ff.).  Den  letzteren  modus  zeigen  v-tS-w-v 
(Xenoph.  mem.  I  2,  30.),  i^iv-töco-v  im  gegensatz  zu  ix^^- 
-dco'Vj  ßoTQv-ÖLo-Vj  x^^i'-^i^o-v]  für  „unattisch"  wird  Xeno- 
phons  vtÖLov  wegen  derer  auf  -vdio-v  mit  unrecht  von  Butt- 
mann erklärt.  —  Es  lassen  leider  in  der  frage  nach  der 
quantität  des  u  diese  aussergriechischen  Vertreter  von  indog. 
(jh^ju-  im  stich:  altpreuss.  suckans  acc.  plur.  (dem  ck  nach 
wahrscheinlich  suckans)^  lit.  su-klf/-Sj  su-klija-s  m.  *^fischer' 
zu-kle  f.  'fischerei',  m.  'fischer'  (Nesselmann  a.  a.  o.),  i^w- 
-kly-stüy  iu-klt/ste  f.  ^fischerei^,  zu-klavju  *^ treibe  fischerei, 
fische  im  kleinen^^  zu-klav-ima-s  m.  *^ fischerei  im  kleinen  ; 
sowie  endlich  armen,  tzu-kn  *" fisch ^  das  zwar  von  Fick  Kuhns 
zeitschr.  XXII  384.  wörterb.  P  584.  Izü-kn  geschrieben  wird. 
Sanskr.  ved.  nachved.  bhü-  adj.  am  ende  von  compo- 
siten  *^ werdend,  entstehend,  entstanden,  seiend',  f.  'das  wer- 
den, entstehen,  weit,  Weltraum,  erde',  ved.  pra-bha-  adj. 
'hervorragend,  übertreffend,  vermögend,  mächtig',  ved.  vi-bhu- 
adj.  'weit  reichend,  durchdringend,  ausgezeichnet,  hervor- 
ragend, kräftig';  anord.  bü  n.,  ags.  alts.  bü  n.,  ahd.  bü  pii 


—     214    — 

m.  n.  "^Wohnung,  Wirtschaft,  bau"*  ==  sanskr.  ved.  nachved. 
pra-bhü-  adj.  ^hervorragend,  übertreffend,  vermögend,  mäch- 
tig", m.  ^herr,  gebieter',  vi-bhü-  adj.  Veitreichend,  durch- 
dringend, reichlich,  vermögend,  mächtig,  wirksam,  tüchtig", 
ved.  mayo-bhü-  adj.  ^zur  labung  gereichend',  gam-bhü-  adj. 
*^zum  heile  gereichend";  lat.  'pro-bu-s  adj.  ^tüchtig,  brauchbar, 
gut,  rechtschaffen",  super-bu-s  adj.  ^hochfahrend,  stolz".  Das 
germanische  nomen  hü  fst  nicht  mit  Sicherheit  als  ein  er- 
erbtes wurzelnomen,  das  nur  einzelsprachlich  in  die  o  -  decli- 
natiori  überging,  zu  bezeichnen,  da  es  auch  gänzliche  neu- 
bildung  aus  dem  entsprechenden  verbum  sein  kann.  Lat. 
pro-bu-s  und  super-bu-s  sind  nebst  dejisu-s^  altlat.  torru-s  u.  a. 
Fick  wörterb.  P  193.  IP  104.  132.)  aus  der  u-  in  die  ö-de- 
clination  vom  nom.  und  acc.  sing.  masc.  aus  übergetreten; 
ähnlich  schon  Pott  wurzel- wörterb.  I  256.  über  probu-s  = 
sanskr.  pra-bhü-s. 

Avest.  äzö-büj-  adj.  *^aus  der  not  befreiend",  äzö-büj-d 
gen.  sing.,  äz6-büj-em  acc.  sing.  =  sanskr.  ved.  tri-bhüj-  adj. 
'dreifältig,  dreifach",  eigentlich  'dreimal  sich  biegend",  tri- 
-bhüj-am  acc.  sing.  fem.  atharvav.  VIII  9, 2.  Vergl.  s.  10. 177  f. 

Sanskr.  bhrü-s  f.  'augenbraue",  bhrü-shü  loc.  plur.,  bhrü- 
-bhyam  instr.- dat.- abl.  dual.,  compp.  bhrü-madhi/a-j  bhrü- 
-caturya-^  bhrü-cäpa-^  bhrü-mandala-^  bhrü-lutd,  bhrü-kmn^a- 
{bhrü-kumsa-)  m.  'ein  Schauspieler  in  weiblichem  anzuge", 
bhrü-kuti-s  bhrü-kuti  f.  'das  verziehen  der  brauen",  bhrü- 
-kshepa-j  bhrü-jäha-j  bhrü-bhanga-^  bhrü-bheda-^  bhrü-vikära-^ 
bhrü-vikshepa-j  bhrü-viceshtita- ,  bhrü-vüapa- ^  bhrü-vüasa-^ 
compp.  vwartita-bhrü-s^  nata-bhrü-Sj  samnata-bhrü-s^  utkshipta- 
-bhrü-Sylamba-bhrü-s^  su-bhrü-s  adj. 'schönbrauig",  su-bhrü-m 
acc.  sing.;  huzvar.  brii^  neupr.  abrü  'braue";  griech.  ocpqv-g 
oder  ocpqv-g  f.  nom.  sing.,  ocpqv-v  oder  6cpqv-v  acc.  sing.; 
anord.  brü  f.  'brücke"  als  'augenbraue  über   dem  wasser" 


—     215     — 

(wie  abulg.  bj'üvi  f.  ''supercilium'  und  'ponticulus^,  vergl.  Fick 
wörterb.  W  622.),  anord.  hrü-n^  ags.  hrü-n  f.  *^augenbraue^, 
mhd.  hrü-ne  f.  leibliche  scham^  als  *^ brauenartiger  erhöhter 
rand^   =   sanskr.   compp.   bhru-kumca-    {bhru-kumsa-)   und 
bhrktim^a-  (bhr-kumsa')  m.  ^ein  Schauspieler  in  weiblichem 
anzuge^,  bhru-kuti-s  bkru-kuti  und  bhr-kud-s  bhr-kuti  f.  *^das 
verziehen   der  brauen"*,  bhru-bhanga-  m.   dass.,  compp.  ut- 
kshipta-bhru-s  j  samnata-bhru-s ^  su-bhru-s  adj.  *^schönbrauig\ 
su-bhru-m  acc.  sing.,  su-bhru-ca'pa-  ^bogen  der  schönen  brauen^ 
ind.  spr.  II  2489.  ed.  Böhtlingk  (Petersb.  wörterb.  V  411.  412. 
413.  VII  1093.);  griech.  ocpQv-OL  dat.  plur.,  compp.  ev-ocpQv-g 
adj.  ^schönbrauig'  (anthol.  Palat.  V  76,  2.),  xQ^^-ocpQv-g  (Op- 
pian.  halieut.  I  169.  III  188.),  ovv-ocpQv-g  (Arcad.  de  accent. 
p.  92,  6.)  nom.  sing. ,  Kvdv-o(pQv-v  (Theocrit.  IV  59.) ,  kevyt- 
-ocpQv-v  (Lycophr.  346.)  acc.  sing.,  yivav-ocpqv  (Theocrit.  XVII 
53.)  voc.  sing,  (vergl.  Spitzner  griech.  prosodie  s.  42  f.  40.); 
abulg.  hrü-logü   m.  'wildhöhle,   Schlupfwinkel   des  wildes, 
wildlager',  eigentlich  'brauenlager,  kluft  oder  loch  mit  augen- 
brauenartigem rande  darum^;  anord.  bry-ggjiij  ags.  bry-cz 
bri-c^^  ahd.  pru-cca^  mhd.  bru-cke  brü-cke  f.  *^ brücke^,  stamm 
germ.  brü-iön-  oder  eher  brü-^-iön-  (d.  i.  indog.  bhrü-iä 
oder  bhru-k'^-iji  adj.  fem.  'die  brauenartige',  oder  demin. 
*^ kleine  braue').    Die  form  sanskr.  bhr-  für  bhru-  zeigt  sich 
nur  in  denjenigen  compositen,  deren  zweites  glied  in  erster 
Silbe  ein  u  hat.    Ich  vermute  darum  ein  dissimilationsgesetz  ; 
ru  geht  im  sanskrit  vor  einer  folgenden  silbe  mit  u  m  r 
über.    Die  nebenformen  bhru-kutl-s  bkru-kuti^  bkru-kuiru^m-s 
(-kumsa-s)  sind  dann  die  jüngeren,  in  denen  bhru-  behufs  auf- 
frischung  der  etymologie  nach  bhr u-b hang a-s^  bhru-cäpa-s  und 
solchen  wiederhergestellt  ward^).    Wegen  des  circumflexes, 

1)  So  erklärt  sich  vor  allen  dingen  auch  sanskr.  (;r-n6-mi  'ich  höre' 
==  avest.  suru-nao-imi  j  altir.  du-ni-m:  in  den  schwachen  formen  ist 


216 


der  für  ocpqv-gy  6g)Qv-v  vorgeschrieben  wird,  vergl.  Herodian 
I  236,  22  sq.  238, 13.  17.  II  615,  22.  625, 12.  937, 2.  ed.  Lentz. 


sanskr.  ^r-nu-  lautgesetzlich  aus  *  cru-nu-  entstanden,  dann  ging  r  durch 
ausgleichung  auf  die  starke  Stammform  *f/7< -;/(>-  {*crunäv-)  über,  welche 
ja  bei  weitem  nur  die  minderheit  der  formen  des  praesensstammes  bildet. 
Bei  priish-nö-ti : prush-nu-te  ging  die  ausgleichung  den  umgekehrten  weg; 
das  starke  prush-nö-  hatte  alle  ausserpräsentischen  formen  mit  prush- 
wie  das  particip  prush-itä-s  zur  hilfe.  Mit  dieser  erklärung  des  qr-nö-mi 
fällt  die  hauptstütze  der  zwar  sehr  scharfsinnigen,  aber  äusserst  gewägten 
theorie  de  Saussures  über  die  fünfte  praesensclasse ,  syst,  primit.  244. 
Vielleicht  müssen  wir  das  dissimilationsgesetz  auf  ri  vor  folgendem  i 
ausdehnen.  Dann  würde  hhr-nl-yd-te  'er  zürnt'  ganz  normal  von  der 
Wurzel  blirt-  (oben  s.  43  f.)  gebildet  sein.  Von  ri-nä'-mi  der  plural 
r-ni-mä-s  führte  zu  der  nebenform  des  Singulars  r-7ta-7m  (Peteish.  wörterb. 
I  399.  unt.  ar-) ,  was  die  volksetymologische  Verknüpfung  mit  r-nö-mi 
von  würz,  indog.  er-  (s.  45.)  auch  noch  begünstigen  konnte.  Anderer- 
seits konnte  das  nebeneinander  von  ri-na-mi  und  r-ni-mds  zur  einfüh- 
ruDg  eines  ri  und  weiterhin  rt  auch  in  «r- wurzeln  führen,  so  dass  so 
die  von  Joh.  Schmidt  indog.  vocal.  II  254.  mit  der  „svarabhakti"  behan- 
delten fälle  vri-na-ti,  vri-nä-ti  'wählt',  ^ri-nä-mi  'menge,  mische'  (vergl. 
xs^-avrifii) ,  gri-7iä-li  'kocht'  (partic.  qrä-ta-s  und  (^r-iä-s)  zu  erklären 
sein  würden:  zuerst  entsprang  nach  jenem  muster  vri-nä-ti  zu  vr-ni-ie 
"statt  vr-nä-ti]  darnach  führte  die  häufige  doppelheit  von  mi-nä-ti  und 
mi-nä-ti  (oben  s.  44.)  auch  zu  vri-nä-ti  mit  i.  Da  es  auch  für  fn- 
-7ia-mi  =  y,li-v(o  von  Wurzel  k^lei-  ein  nebenparadigma  mit  *gri-nä-mi 
(=  alts.  hli-no)  und  plur.  *gr-ni-mäs  gegeben  haben  wird,  so  hat  wol 
dies  muster  vor  allen  anderen  das  praesens  *^r-Hä'-7m,  *gr-7ii-mäs  der 
wurzeln  gar-  'mengen,  mischen',  grä-  'kochen'  beeinflusst;  daher  a-gi- 
-gray-us  'sie  mischten'  von  gar-  und  gri-tä-s  'gekocht'  von  grä-  (vergl. 
Petersb.  wörterb.  VII  292  f.  unt.  grtä-)  ebenso  wol  wie  a-gi-gray-us,  cri- 
-tä-s  von  gri-  'lehnen'.  Vom  speciell  sanskritischen  Standpunkte  könnte 
auch  tr-ti'ya-s  'dritter'  lautgesetzlich  für  *tri-tiya-s  stehen  und  trtä-s 
im  atharvaveda  (Petersb.  wörterb.  III  429.)  für  tri-ld-s  (s.  oben  s.  195.) 
durch  jenes  hervorgerufen  sein.  Zwischen  kfmi-s  und  krimi-s  m.  'wurm' 
ist  „die  Schreibart  so  wechselnd,  dass  z.  .b.  im  AV.  kaum  eine  stelle 
ist,  in  welcher  nicht  die  handschriften  sowol  die  eine  als  die  andere 
darböten",  nach  Böhtlingk  -  Roth  II  407.  Unser  lautgesetz  könnte  zu 
gunsten  der  priorität  der. n- form  entscheiden  und  eine  ursprüngliche 
altindische  decliuation  mit  krimes,  kriuLaUf  kriinayas  einerseits   und 


I 

1 

I 


—     217     — 

• 
Die  übertragene  bedeutung  in  unserem  brücke  und  in  slav. 

brü-logü  (gleichsam  griech.  ^ ocpQv-loyo-g)  hat  in  dem  ge- 
brauche von  griech.  ocpqv-g  ihre  parallelen,  in  sofern  dieses 
auch  'erhöhter  rand,  erhöhung,  anhöhe,  hügel,  hügelrand, 
rand  des  grabens,  flussrand,  uferrand,  erhöhtes  ufer^  bedeutet. 
Nach  dem  neupers.  abj^il  und  abulg.  obruvi  neben  briivt  scheint 
das  griech.  o-  in  ocpqv-g  fast  etwas  mehr  als  prothese  zu 
sein;  es  könnte  eine  verschieden  abgestufte  Wurzel  obh- 
(eb/i-)  mit  Suffix  -reii-  (sieh  s.  165  f.)  zu  gründe  liegen,  so 
dass  dann  mit  unrecht  indog.  bhru-s  hier  seinen  platz  unter 
den  wurzelnominen  gefunden  hätte. 

Sanskr.  iriüsh-  ^maus',  ved.  mush-as  nom.  plur.  rgv.  I 
105,  8.,  müsh-a-s  m.,  müsh-d  f.  *^ratte,  maus\  müsh-t  f.  *^ratte\ 
müsh-a-ka-s  m.  *^dieb,  ratte,  maus^,  mush-i-ka  müsh-a-ka  f. 
*^ratte,  maus\  mush-i-ka-s  m.  *^ratte,  maus^;  griech.  (.ivg  m. 
'maus,  musker,  iivaL  dat.  plur.  (Herodian  II  642,  3.  ed.  Lentz), 
f.iv-i6v  m.  ""muskelknoten'  bei  Homer  (II.  11315.  324.),  Theo- 
crit,  Apollonius  Khodius,  Quintus  Smyrnaeus  (vergl.  Spitzner 
zu  11.  JT315.,  Passow  handwörterb.  u.  d.  w.),  homer.  fiv-eko-g 
.  m.  '^mar^',  fiv-o-ö6xo-g  adj.  *^ mause  aufnehmend"*  (Nicand. 
ther.  795.);  lat.  müs  m.  f.,  mür-is  gen.  sing.,  mür-em  acc. 
sing.;  abulg.  mys-ii.  'maus"*,  aus  ^mijch-^i^  mit  gewöhnlichem 
übertritt  zur  z-declination  (vergl.  vis-i  S.-210.),  mys-i-ka  f., 
mys-i'Ci  m.  ''maus^  mt/s-t-ca  f.  ''brachium';  anord.  ags.  ahd. 
mhd.  ?7iüsj  nhd.  maus  f.  ''maus,  oberarm-  und  daumenmusker, 
nom.- acc.  sing,  aus  germ.  müs-'S,'müs-u{m)^  anord.  müs^ 
ags.  mp  dat.  sing.,  anord.  mys-Sj  ags.  mp  nom.  (acc.)  plur., 
anord.  ags.  müs-a-gQu.  plur.,  müs-um  dat.  plur.,   aus  grund- 


kfmis,  kfmim,  Icfmiriy  kfmishu  u.  s.  w.  andererseits  voraussetzen  lassen. 
Doch  kann  ich  hier  nicht  untersuchen,  ob  etwa  die  verwanten  sprachen 
diese  beurteilung  der  sanskr.  tt'ti't/as  (vergl.  s.  2.),  krimi-s  kfnü-s  um- 
stossen. 


—    218     — 

sprachlichen  (germ.)  müs-i^),  mUs-es,  müs-ö/?ij  mUs-mmi 
==  sanskr.  ved.  nachved.  mush-kä-s  m.  ^hode,  weibliche 
schäm ^  eigentlich  ^mäuschen"*,  müsh-a-ha-s  m.  ^dieb^;  griech. 
fiv-6g,  f.w-1  gen.' dat.  sing.,  {.iv-eq^  juv-cov,  f.iv-oi  (batracho- 
myom.  173.  174.  178.),  (.i%-ag  plur.,  (.iv-a'S,  m.  ^miesmuscher, 
att.  und  bei  späteren  epikern  {.iv-e-16-g  m.  "^mark^,  compp. 
f,iv-ayQäj  /.w-ayQO-Qj  f,iv-o-y.T6vo-g]  lat.  müs-culu-s  m.  *^mus- 
kel"*,  mit  ü  nach  ital.  mos-colo  (ital.  musculo  ist  als  gelehr- 
tenwort  aufs  neue  dem  latein  entnommen).  Jede  indogerma- 
nische form  mit  müs-  hatte  eine  nebenform  mit  mUs-  und 
umgekehrt ;  bereits  grundsprachlich  hiess  z.  b.  der  gen.  sing, 
sowol  müs-ös  wie  viüs-ös.  Im  Irrtum  ist  Joh.  Schmidt, 
wenn  er  Kuhns  zeitschr.  XXV  21.  den  „alten  ablaut  ii :  u"" 
dieses  nomens  mit  demjenigen  von  a-vocalen  (indog.  ä :  d) 
gleichartig  behandelt.  Und  es  hatten  ü  sowol  wie  u  anfangs 
nur  die  nicht  auf  der  wurzel  hochbetonten  casusformen;  ein 
wurzelstarkes  thema  mit  „diphthong"  ma^'us-  ist  vorauszu- 
setzen, wenn  es  freilich  auch  schon  in  grundsprachlicher  zeit 
verdrängt  worden  zu  sein  scheint.  Latein,  slavisch  und  ger- 
manisch Hessen  im  paradigma  von  müs-  die  nebenformen 
mit  der  kürze  u  ganz  wegfallen.  Das  griechische  aber  suchte 
nach  seinem  intervocalischen  sigmaausfall  eine  auswahl  zwi- 
schen den  ü-  und  i<- formen  zu  treffen  nach  dem  muster  der 
declination  der  alten  auf  u  ausgehenden  einsilbigen  themen, 

1)  Mit  von  Bahder  verbalabstr.  23  f.  betrachte  ich  Sievers'  regel 
Paul-Braunes  beitr.  V  lllff. ,•  dass  mit  i-synkope  nach  tanger  silbe  im 
altnordischen  notwendig  2 -Umlaut  in  der  letzteren  verbunden  sein  müsse, 
nicht'  als  gesichert.  Ob  von  Bahders  versuch,  Sievers  zu  berichtigen,  als 
gelungen  zu  betrachten  sei,  entscheide  ich  hier  nicht.  Jedesfalls  bleibt, 
so  lange  die  „isolierte  form"  anord.  umh  um  =  ags,  ymb  mit  ihrer  um- 
lautslosigkeit  nicht  erklärt  ist ,  auch  aussieht  vorhanden ,  dass  im  dat. 
(=  loc.)  sing,  anord.  miis  ==  ags.  m?js  sei.  Ich  hoffe  an  anderem  orte 
auf  die  in  kurzen  werten  nicht  abzumachende  frage  der  altnordischen 
2 -Synkope  zurückzukommen. 


_    219    — 

« 

nach  v-s  vogj  Ix^v-g  ix^v-ogj  6cpQv-g  ocpqv-og^  bei  denen 
nach  indogermanischer  regel  kein  ü  vor  folgendem  vocalisch 
anlautendem  casussuffix  erscheint,  weil  hier  -uti-^  die  soge- 
nannte „Spaltung",  althergebracht  war  (sieh  weiter  unten). 
Aber  es  blieb  das  alte  schwanken  im  dat.  plur.  (.ivoL  und 
(.IV  Ol.  Weder  sind  sanskr.  hhrü-shu^  griech.  (ivoi  neubil- 
dungen  mit  Übertragung  „starker"  Stammform,  indem  ocpQv-OL 
angeblich  das  alte  bewahrt;  noch  ist,  falls  „die  Verkürzung 
fin  ocpQvog,  bhrüvmi]  durch  die  Spaltungen  von  ü  vor  vocalen 
in  UV  herbeigeführt"  ist,  in  diesem  falle  „das  v  in  ocpqiöt 

Paus  ocpQvcüv  eingedrungen".  Doch  nicht  nur  in  der  auswahl 
zwischen  *  (.iv-og^  "^  (iv-lj  "^ (w-eg  und  (.iv-og^  (.iv-Lj  juv-eg  zeigt 
sich  der  einfluss  von  v-og,  v-i,  v-eg  u.  s.  w.,  sondern  directer 
noch  in  der  neubildung  von  (ivv  acc.  sing.,  juv  voc.  sing, 
(anthol.  Palat.  XI  391,2.),  statt  ^/iw-a  oder  *^<t;-a,  *(^vg 
oder  "^f-ivg. 

Sanskr.  ved.  nachved.  sü-karä-s  m.  ^schwein,  eber\  sü- 
t-kari'  f.  'sau';    avest.   hü-kehrpa  instr.  sing,  'in   schweine- 
■gestalt'  (yt.  X  70.  127.  XIV  15.);  griech.  v-g  öv-g  m.  f.;  l-v 
^  Gv-v  acc.  sing.;   lat.  sü-s  m.  f.,  sü-bus  dat.-abl.  plur.   bei 
Lucrez  und  in  Varros  Eumeniden  (vergl.  Bticheler-Winde- 
kilde  grundr.  d.  lat.  decl.  §  320.  s.  123.,  wo  aber  fehlerhaft 
contraction  aus  dem  späteren  nach  /-declination  gebildeten 
sui-bus  angenommen  wird);  anord.  *y-r,  ags.  ahd.  mhd.  sü  f. 
nom.  sing.,  anord.  ags.  ahd.  mhd.  sü  acc.  sing.,  anord.  sü-m 
dat.  plur.,  lautgesetzlich  aus  germ.  aw-^*),  sU-rn^  sü-mi 


1)  Vergl.  betreffs  des  e-umlauts  in  anord.  syr  Verner  Kuhns  zeitschr. 
XXIII  113.  anm.  und  die  dort  genannte  litteratur,  ausserdem  Paul  in 
seinen  beitr.  VII  155.  anm.  In  anord.  müs  nom.  sing,  steht  -s  für  -ss, 
das  wol  mit  rücksicht  auf  das  einfache  6-  in  den  übrigen  casus  (ausser 
nom. -acc.  plur.)  sei  es  aussprachlich  sei  es  bloss  graphisch  nicht  zur 
geltung  kam.     Vielleicht  ist  auch  indogermanisch  auslautendes  -ss 


[ 


—     220     — 

=  griech.  homer.  att.  gv-oL  dat.  plur.,  compp.  homer.  v-cpoQ- 
ßo-g  ov-cpOQßo-g,  ov-ßojTrj-gj  ov-ßSoia  neutr.  plur.,  ov-cpeio-g 
av-cpeo-g]  lat.  sü-bus  dat.-abl.  plur.  bei  Lucrez  (vergl.  Neue 
formenl.  d.  lat.  spr.  P  288  f.,  Bücheler-Windekilde  a.  a.  o.), 
sü-cula  f.  *'schweinclien'*  (Plautus  Rud.  IV  4,  126.) ,  sü-bulcus 
*^schweiiiehirt'  (Martial.  X  98,  10.);  altkymr.  hu-cc  'sus\ 
körn,  ho'ch  '^porcus\  Von  ved.  sü-karä-s  gibt  Lindner 
altind.  nominalbild.  69.  die  accentuation  unrichtig  als  die 
eines  proparoxytonon  an.  Die  suffixgruppe  -ka-ra-  darf  man 
übrigens  immerhin  mit  Curtius  grundz.^  382.  und  Lindner 
a.  a.  0.  in  sü-karä-s  suchen  trotz  der  oxytoniertheit,  denn  wie 
nahe  lag  hier  volksetymologische  deutung  als  'su-macher', 
wodurch  dann  *sü-kara-s  seinen  accent  änderte.  An  den 
angeführten  avestastellen  yt.  X  70.  127.  XIV  15.  wird  hü 
kehrpa  varäzahe  von  Spiegel,  dem  Justi  handb.  d.  zendspr. 
326a.  folgt,  übersetzt  'in  der  gestalt  eines  eberschweines'. 
Wie  hü  aber  gen.  sing,  sein  könnte,  ist  nicht  abzusehen. 
Unsere  auffassung  von  hü-kehrpa  als  compositum  und  die 
Übersetzung  'in  der  schweinsgestalt  des  ebers'  wird  der  gram- 
matik  und  dem  sinne  •  der  stellen  gerecht.  -  Im  lateinischen 
bildet  nach  dem  muster  der  auf  alter  Überlieferung  beruhen- 
den doppelheit  sü-bus  und  sü-bus  sich  auch  zu  bü-bus  = 
sanskr.  gö-bhyas  ein  bü-bus  bei  Ausonius  epigramm.  LXII,  2. ; 
vergl.  Neue  formenl.  I^  289.,  Bücheler-Windekilde  a.  a.  o. 
Ahnlich  wird  wol  auch  bü-bulcu-s  neben  bü-bulu-s  durch 
sü-bulcu-s  zu  seinem  ü  gekommen  sein*).  —  Das  scheinbar 


regelrecht  zu  anord.  -s  geworden,  während  ein  junges  nach  vocalsyn- 
kope  entstehendes  anord.  -ss,  wie  in  myss  nom.  plur.,  hüss  gen.  sing., 
keiner  Vereinfachung  unterlag. 

1)  Auch  im  altnordischen  muss  wol  die  völlig  gleiche  declination 
von  hjr  und  syr  (Wimmer  altnord.  gramm.  §  59.  s.  53.)  durch  mehrfache 
gegenseitige  beeinflussuug  zu  stände  gekommen  sein,   wobei  ebenfalls 


—     221     — 

abnorme  g-  in  griech.  atg  hoffen  wir  im  verfolg  der  Unter- 
suchung zu  einer  unbrauchbaren  waffe  in  der  band  der  vor- 
fechter  für  „sporadischen  lautwandel"  machen  zu  können. 

Das  schwanken  zwischen  i  und  T  findet  sich  auch  bei 
griech.  yäg  oder  xlg  m.  ^holzwurm,  made^  Xfg  oder  llg  m. 
Möwe'.  Vergl.  Choerobosc. .  b.  Bekker  anecd..  Gr.  p.  1194., 
schol.  Ven.  II.  vi  480.,  etym.  magn.  p.  567,  9. ,  Meineke  ana- 
lecta  Alex.  p.  63.,  Lobeck  paralip.  gramm.  Gr.  84.,  Miller  me- 
langes  de  litt,  grecque  207.,  Nauck  bull,  de  l'acad.  des  scienc. 
de  St.-Petersbourg  XVII  (1872.)  s.  188.  Als  auffallendstes 
beispiel  gilt  des  Callimachus  fragra.  329.  lieg  (.lev  re  IfeGoi^ 
das  beide  quantitäten  von  IT-  in  einem  verse  darbietet.  Auch 
xT-  zeigt  sich  nicht  nur  vor  vocalisch  anlautenden  casus- 
suffixen  wie  im  gen.  sing,  xi-og-^  „yagL  von  /.lg  attisch"  er- 
wähnt Gust.  Meyer  griech.  gramm.  §  372.  s.  307.  So  lange 
jedoch  die  etymologie  und  Stammbildung  "dieser  Wörter  im 
dunkeln  liegen,  muss  das  urteil  in  suspenso  bleiben,  ob  sie 
^  (als  S'  oder  //-stamme)  mit  dem  .9-stamme  f-ito-  oder  mit 
W^^-f  h^^-1  ocpQv-  in  eine  kategorie  gehören.  Die  indoger- 
manischen Wörter  für  'löwe'  machen  fast  den  eindruck,  als 
ob  sich  formal  alles  am  besten  vereinigen  würde  bei  Zu- 
grundelegung einer  wurzel  lieii-  und  eines  ursprünglichen 
Wurzelnomens  davon  wie  sanskr.  rh/iiu-Sj  griech.  Z^v-g  von 
indog.  die  II-  (vergl.  s.  18.).  Dann  hätte  griech.  A?(/)-og 
zu  llg,  Uv  als  neubildungen  geführt,  wie  Ji{F)-6g  zu  dem 
/Jig  des  Tarentiners  Rhinthon  (Herodian  II  698,  5  sq.  ed.  Lentz, 
Gust.  Meyer  griech.  gramm.  §  322.  s.  276.);  ebenso  lt{F)-iüv 


» 


augenscheinlich  zumeist  die  'kuh'  nach  der  'sau'  sich  gerichtet  hat  Die 
obigg  erklärung  von  lat.  bü-bus  ist  aber  dann  nicht  nötig ,  wenn '  etwa 
sanskr.  gö-bhyas  selbst  nicht  alt,  sondern  nachfolger  einer  erbform 
sanskr.  *,gu-hhyäs  oder  *gu-bhi/äs  (vergl.  anord.  kü-?7i  dat.  plur.)  sein 
sollte. 


—     222     - 

gen.  plur.  zu  ll-eg.  Auch  abulg.  Iw-ü  würde  auf  derselben 
schwachen  Stammform  beruhen,  während  griech.  Mcov  für 
"^hsF-ijJv  etwa  an  den  alten  nom.  plur.  indog.  Heu- es  ali- 
knüpfen dürfte.  Lat.  leö^  ir.  leo^  ahd.  lewo  können  griechische* 
lehnwörter  sein.  Wegen  lit.  liü-ta-s  vergl.  Pauli  d.  benennung 
d.  löwen  bei  den  Indogermanen  Münden  1873.  s.  2  ff.,  Joh. 
Schmidt  Kuhns  beitr.  VI  147.,  Brückner  litu-slav.  stud.  I  105. 
anm.  Pauli  hätte  also  richtig  liü-ta-s  von  würz,  liv-  in  pa- 
rallele zu  siü-ta-s  von  siv-  gesetzt,  und  man  könnte  auch 
seiner  combination  mit  lat.  lü-tu-m^  lü-teu-Sj  lu-ro-r^  lü-ridu-Sy 
sowie  hv-or^  Iw-eö^  llv-idu-s  füglich  zustimmen. 

DD.  Pronomina,  adverbia,  praepositionen,  par- 
tikelartige Wörter,  indeclinabilia  überhaupt: 

Sanskr.  ati-  in  ati-reka-s  m.  "^überschuss ,  überbleibser 
Qatapathabrähm.  IV  5,  10,  8.  =  sanskr.  dti  adv.  verbalpraef. 
Vorbei,  vorüber,  über  das  mass,  überaus,  allzusehr',  praep. 
''über  —  hinaus,  über  —  weg,  über',  ati-reka-s  m.  'überschuss, 
Überbleibsel,  übermass';  avest.  aiti  verbalpraef.  (z.  b.  in  aiti- 
'bar-  'wiederbringen'),  praep.  'über  —  hinaus';  griech.  %ti 
adv.  'überdies,  ferner,  noch'.  Die  brähmanastelle  mit  att- 
-reka-s  „wird  Käthy.  Qr.  25,  13,  15.  mit  kurzem  /  citiert" 
(Petersb.  wörterb.  I  107.). 

Sansjir.  adhi-  in  adhi-kara-s  m.  'Oberaufsicht,  Verwal- 
tung' Manu  XI  63.  (vergl.  Petersb.  wörterb.  I  154.)  =  sanskr. 
ved.  nachved.  adln  adv.  'oben  auf,  darüber,  hinauf,  ober-, 
über-',  praep.  'auf,  über',  ädhi-ka-s  adj.  'überschüssig,  das 
mass  überschreitend',  adhi-kära-s  m.  'Oberaufsicht,  Verwal- 
tung, amt'. 

Sanskr.  am-,  ni-  in  ved.  nachved.  äni-ka-  n.  'angesicht, 
aussehen,  erscheinung,  scharfe  seite  (eines  beils),  spitze  (eines 
Speers ,  pfeils  u.  s.  w.) ,  Vorderseite  von  etwas  aufgestelltem 
(einer  reihe  u.  s.  w.),  reihe,  zug',  m.  n.  'beer,  Schlacht',  ni-ca-s 


—     223     — 

adj.,  ved.  nt-c-i  f.  ^niedrig,  nach  unten  gewandt,  abwärts 
gehend',  ved.  ni-ca  instr.  adv.  ^ unten,  hinunter,  nieder "*,  ved. 
7ii-ca(l  abl.  adv.  Von  unten',  ved.  nachved.  ni-cais  instr.  plur. 
adv.  ^niedrig,  unten,  nach  unten,  tief,  in  der  tiefe',  ved. 
nachved.  ni-c-ina-  adj.  *^unten  befindlich,  nach  unten  gerichtet, 
herabhängend,  herabfliessend',  compp.  ni-tta-  partic.  praet. 
pass.  von  ni-dd-  (Petersb.  wörterb.  III  575.),  ni-karshin-j 
ni-kCira-^  ni-käca-,  ni-vdka-,  ni-vrt-j  ni-pära-,  ved.  ni-shäh-j 
ved.  nachved.  ni-kard-]  avest.  ni  adv.  verbalpraef.  *^nieder', 
compp.  nt-dasta^  ni-dyCitäm  u.a.;  griech.  homer.  nachhomer. 
hl-Ttiq  f.  ''das  anfahren,  scharfe  anrede,  drohung,  schelten', 
homer.  nachhomer.  ^Evt-Tt-ev-g  m.  name  mehrerer  flüsse 
(vergl.  sanskr.  nic-fna-s  ^herabfliessend',  nica-gä  f.^'fluss',  ved. 
Cipo  nfcihj  sindhavo  nicfh  rgv.  VII  18,  15.,  IX  88,  6.),  vT-yM-io 
'siege,  besiege',  eigentlich  'mache  nieder,  kriege  unter'  de- 
nom.  =  sanskr.  ved.  nachved.  ni  adv.  praef.  'niederwärts, 
hinunter,  hinein,  rückwärts'  (m  selbständig  nur  atharvav.  X 
8,  7.,  vergl.  PW  IV  129.),  ni-taram  adv.  'unterwärts,  vollstän- 
dig, ganz,  jedenfalls,  besonders,  vorzüglich,  in  hohem  grade, 
ausdrücklich',  ved.  nachved.  ni-tya-s  adj.  'eigen,  stetig,  immer- 
während, ununterbrochen,  durchgängig,  ewig,  ununterbrochen 
sich  an  einem  ort  aufhaltend,  in  etwas  verharrend';  avest. 
amt'kü  m.  'angesicht,  front',  ni  adv.  verbalpraef.  'nieder', 
apers.  ni-  praef.  in  ni-padiy  loc.  'in  den  fussstapfen';  griech. 
tvl  adv.,  fcT^  praep.  'in';  ags.  ni-^er^  (alts.  ni-tkar  ni-dhar^) 
ahd.  ni'dar  ni-dei^ ,  mhd.  ni-der  adv.  'nieder^  hinunter,  her- 
unter', altnord.  ne-fian^  ags.  neo-Mnj  (alts.  ni-thana  ni-dliana^ 
ahd.  ni-dana^  mhd.  ni-dene  ni-den  adv.  'unten',  ags.  ahd. 
ne-st  n.  'nest'.  An  die  etymologie  sanskr.  dni-ka-m^  avest. 
aini-ko  'front'  von  würz,  an-  'atmen'  ist  nicht  zu  glauben. 
Das  feminin  zu  beiden  ist  griech.  hl-7a]j  von  dem  die  verba 
hiöoto  und  IviTt-TCü  nur  denominativbildungen  sind,  jenes 


—     224     — 

die  ältere,  evlTt-rcü  die  jüngere  und  wol  nach  mustern  wie 
aargaic-TOJ :  aöTQajt-rj^  y.oXajc-TM:  y.6lacp-o-g  entstandene; 
evcTtTw  wurde  dann  wie  ein  primäres  verb  in  der  flexion 
behandelt.  Für  'Evucsvg  bietet  die  von  den  schollen  zu  Pind. 
Ol.  XI  72.  bezeugte  lesart  'EviAevg  (var.  lect.  Ni-Asvg)  auch 
bei  anderen  ansichten  über  die  etyraologie  (Savelsberg  de 
digammo  ejusque  immutationibus  42  f.,  Curtius  grundz.^  461.) 
den  älteren  Ä"-laut.  Das  Substantiv  griech.  ^>fy.r]  'sieg'  darf 
für  eine  rückbildung  aus  vTxaco  gelten  oder  nach  Brealschem 
terminus  für  eins  der  nicht  seltenen  „noms  postverbaux"'). 
Ob  sanskr.  niffd-s^  lat.  rüdu-s  *^nest'  auf  indog.  ni-'sd-o- 
oder  ni-sd-6-  (würz,  sed-)  beruhen,  ist  ihnen  nicht  anzu- 
sehen. 

Lat.  anti-quo-s  adj.  Vas  vorhergeht  in  rang  und  zeit, 
wichtiger,  angelegentlicher,  früher,  vormalig,  alt'  =  sanskr. 
ved.  nachved.  dnti  adv.  'gegenüber,  davor,  vor,  angesichts, 
in  gegenwart,  nahe',  praep.  mit  gen.  'in  die  nähe  von,  zu', 
anti-kä-  adj.  'mit  oder  an  etwas  das  ende  erreichend  (räum- 
lich oder  zeitlich),  nahe',  n.  'nähe',  anti-kä-m  acc.  adv.  *^in 
die  nähe,  herbei,  zu  —  hin,  auf —  zu,  vor  —  hin',  anti-kena 
instrum.  adv.  'nahe  bei',  anti-käd  abl.  adv.  'aus  der  nähe, 
in  der  nähe,  dicht  bei,  in  die  nähe  von',  anti-ke  loc.  adv. 
'in  der  nähe,  dicht  an',  ved.  dnti-ta-s  adv.  'aus  der  nähe, 
corainus',  anti-mä-s  adj.  'der  letzte,  unmittelbar  folgend,  sehr 
nahe',  anti-tama-s - 2i^].  'sehr  nahe',  ved.  dnti-grha-m  n.  'räum 


1)  Vergl.  mem.  de  la  soc.  de  linguist.  IV  82.:  „J'appelle  ainsi  des 
noms  qui  ont  ete  formes  apres  les  verbes  dont  ils  ont  l'air  d'etre  les 
primitifs" ;  z.  b.  lat.  „pugna  de  pugnäre,  qui  lui-meme  est  tire  de  pugnüs 
'lepoing'"  Ich  verweise  auch  auf  die  s.  34.  genannten  nhd.  satz,  hatz, 
schmuck  und  auf  zahlreiche  romanische  beispiele  bei  Diez  gramm.  d. 
roman.  spf.  II''  289  ff.,  wie  Italien,  stima,  span.  estma,  franz.  estime  aus 
aeslimare,  italien.  span.  %«,  franz.  ligue  aus  ligäre,  italien.  span.  pro- 
venQ.  compra  aus  comparäre  u.  s.  w. 


--     225    — 

vor  dem  hause,  nähe  des  hauses',  ved.  anti-devd-s  m.  ^gegen- 
spieler';  griech.  avrl  praep.  'gegenüber,  gegen,  anstatt,  für, 
vor"*;  lat.  ante  adv.  'vorn,  vor,  voran,  vorher \  praep.  'vor\ 
anti-cifpUre  'vorher  nehmen,  vorweg  nehmen'. 

Sanskr.  «;;z-,  ;;/-  „adv.  (praep.)  'erlangung,  Verbindung"* 
und  'anschliessung'  bezeichnend"  (Petersb.  wörterb.  I  303. 
unter  dpi)  in  ved.  api-c-i/a-s  adj.  'geheim,  verborgen^  ved. 
äpt-vrta-  'bedeckt,  verhüllt,  verschlossen'  (Böhtlingk  -  Roth 
VI  698.,  Grassmann  wörterb.  z.  rgv.  1322.),  ved.  api-ju-  adj. 
'treibend^  apt-nasa-s  m.  'verstopfte  nase,  schnupfen',  pi-na- 
sa-s  m.  'nasenkatarrh,  schnupfen';  avest.  aipt  adv.  'selbst, 
gerade',  praep.  mit  acc.  'um,  nach,  auf,  in',  mit  instrum. 
'hin  zu',  apers.  aph/  adv.  'auch,  noch'  (graphisch  für  öjm/, 
vergl.  s.  40.  anm.)  =  sanskr.  dpi,  pi  adv.  'dazu,  auch,  ferner', 
verbalpraef.  'zu,  nach',  pi-dhätavya-s  adj.  'zuzudecken,  zu 
verstopfen,  zu  schliessen',  api-dhäna-  pi-dhdna-  n.  'das  zu- 
decken, verstopfen,  verschliessen',  m.  n.  'deckel,  decke', 
pi-dhdyaka-s  adj.  'verdeckend,  verhüllend',  pi-hita-m  n.  be- 
zeichnung  einer  redefigur,  'versteckte  andeutung,  durch  welche 
man  einem  andern  zu  verstehen  gibt,  dass  man  sein  geheim- 
nis  kenne',  „partic.  praet.  pass.  von  dhd-  mit  pi-  ==  opi-" 
(Petersb.  wörterb.  IV  735.),  api-nah-  und  pi-nah-  'anbinden, 
befestigen,  anlegen,  zubinden,  durch  binden  verhüllen,  unter- 
binden, verstopfen',  pi-jiaddka-s  ^^slyüc]  avest.  aipi  adv. 'selbst, 
gsrade',  verbalpraefix  (z.  b.  in  aipi-jas-  'hingehen,  kommen'), 
praep.  mit  acc.  'um,  nach,  auf,  in',  mit  loc.  'an';  griech, 
homer.  nachhomer.  e7ci  adv.  'es  ist  dabei,  ist  da,  ist  zur 
band,  findet  statt',  hvi:  adv.  verbalpraef.  praep.  'auf,  an,  zu'. 
Avest.  aipt  ist  nicht  auf  den  gäthädialekt  beschränkt,  da  es 
auch  vend.  X  35.  überliefert  ist.  Doch  auch  in  jenem  falle 
bliebe  aipt  für  uns  brauchbar:  ich  halte  die  gäthädialektische 
und  altpersische  längung  wortauslautender  vocale  nur  für  die 

Ostboü'  u.  Brugman  untersuch.  lY,  \  5 


—     226     — 


consequente  ausgleichung  zu  gunsten  einer  von  zwei  aus 
grundsprachlicher  zeit  ererbten  formen  mit  verschiedener 
quantität*).  Homer,  eitld'va)  IL  ^  175.  Od.  Jt  297.  hymn.  in 
Mercur.  475.  darf  man  zu  ^ico  ziehen,  ohne  mit  Hartel  homer. 


1)  Die  «-vocale  konnten  im  indo  -  iranisclien  zu  der  licenz,  auslau- 
tend zwischen  ä  und  ä  abzuwechseln,  erstens  durch  die  analogie  der 
t  und  u  kommen.  Sodann  aber  auch  durch  folgenden  umstand.  Au  der 
regel  über  indog.  ö,  dass  es  „im  arischen  lautgesetzlich  in  geschlossener 
Silbe  durch  a,  in  oifener  durch  ä  vertreten  sei",  halte  ich  aus  den  von 
Brugman  morphol.  unters.  III  102  ff.  erörterten  gründen  —  auch  Möllers 
versuch  Paul-Braunes  beitr.  VII 498.,  zwischen  Collitz-Schmidt  und  Brug- 
man-Osthoff  zu  vermitteln,  abweisend  —  fest.  Eine  vielleicht  zuzu- 
lassende einschränkung  der  regel  bringe  ich  selber  weiter  unten  zur 
spräche.  Es  sind  aber  meines  erachtens  die  wortauslautenden  indog.  o 
nicht  mehr  von  derselben  zu  eximieren,  sondern  in  sanskr.  äj)a^  avest. 
apa  =  griech.  ano  und  in  sanskr.  prä^  avest.  fra  =  griech.  n^o  kann 
die  vor  doppelconsonanz  im  anlaut  des  nächstfolgenden  wertes  cnt- 
standeue  lautform  gesehen  werden,  in  ved.  dpa,  pra  (Whitney  iud.  gramm. 
§248.  s.  83),  avest.  apä  {apäca  vend.  XV  133.),  frä  dagegen  die  ur- 
sprünglich vor  einfachem  consonanten  berechtigte.  Ebenso  kamen 
doppelformen  mit  -a  und  -ä  auf  in  mehreren  personalendungen  des  verbs : 
2.  sing.  med.  imper.  sanskr.  -sva  und  -svä  (ved.  vdkasva  und  vähasvä 
in  einem  verse  rgv.  VIII  26,  23.),  avest.  -hva  -shva  und  avest. -Am  -shvä, 
apers.  -iivä  (in  pati-paya-uvä,  vergl.  Spiegel  altpers.  keiliuschr.  167.  169. 
208.);  2.  sing.  med.  optat.  und  praet.  avest.  -nlia  -sHa  und  -nhä  -sHä 
(=  griech.  -{o)o)\  3.  sing.  med.  optat-  und  praet.  sanskr.  avest.  -ta  und 
ved.  avest.  apers.  -tä  (=  griech.  -to);  3.  plur.  med.  optat.  und  praet. 
sanskr.  -nta,  avest.  -flta  und  avest.  apers.  -Tita  (=  griech.  -vro).  Im 
gen.  sing,  der  o  -  declination  entsprechen  die  ausgänge  ved.  -a-syä  in 
a-syä,  hariria-syä  (Whitney  ebend.)  und  gäthädial.  apers.  -a-hyä  dem 
homerischen  -o-io  gleich  normal  wie  sanskr.  -a-sya,  avest.  -a-he  (aus 
*-a-hya).  Durch  alles  dies  konnte  das  schwanken  der  quantität  auch 
die  indo  -  iranischen  -«,  welche  =  indog.  -e  und  =  indog.  -a  sind,  er- 
greifen, so  dass  Imperativformen  wie  ved.  pibä  2.  sing.,  ved.  ^rnuiä\ 
avest.  ^raotä,  und  die  2.  sing.  perf.  act  ved.  vetthä,  gäthädial.  vöista 
=  griech.  olad'a  allerdings  für  analogische  neubildungen  zu  halten  sind. 
Wo  sonst  noch,  ausser  an  stelle  von  indog.  -o,  indo-iranisch  -a  und  -ä 
im  auslaute  neben  einander  lautgesetzlich  entsprangen,  kann  erst  an 
späterer  stelle  (in  morphol.  unters.  V.)  gezeigt  werden. 


—     227     — 

stud.  P  65.,  Gust.  Meyer  griech.  gramm.  §  213.  s.  190.  der 
aspirata  ^  als  altem  doppellaute  positionsbildende  kraft  bei- 
zulegen; doch  beweist  der  fall  auch  für  uns  nichts  bei  der 
möglichkeit  der  herleitung  von  Id-vio.  Betreffs  der  baltischen 
postposition  lit.  -pi^  -jo,  lett.  p-  (vergl.  morphol.  unters.  II  8  f. 
32  f.)  entscheidet  sich  nur  sicher,  dass  -p  =  indog.  -p  t  ist. 
Dagegen  lit.  -pi  kann  Verkürzung  aus  indog.  "^-pl  sein  und  aus 
einem  „diphthongischen"  urlit.  *-/?«?  mit  gestossener  betonung 
nach  dem  von  Leskien  archiv  f.  slav.  philol.  V  188  ff.  erkannten 
gesetze;  vergl.  lett.  pl  neben  dialektischem  pi  *^bei,  an,  zu' 
(Bielenstein  lett.  spr.  §  554.  II  306  ff.).  Lit.  ape  freilich,  wozu 
wol  griech.  e/iei  zunächst  gehört,  hat  geschliffene  betonung. 
Sanskr.  abhi-  in  äbhi-ka-s  adj.  *^ hinter  etwas  her,  lüstern', 
ved.  abht-ka-m  n.  *^das  zusammentreffen,  widerstand',  adv. 
*^beim  zusammentreffen,  gleichzeitig,  rechtzeitig',  praep.  mit 
abl.  'von  —  her,  aus,  aus  anlass  von,  wegen,  vor'  (bei  verbis 
des  Schützens,  rettens),  ved.  abhi-vrta-  ""umgeben  von,  ein- 
gefasst  von'  (Böhtlingk-Roth  VI  698.,  Grassmann  wörterb. 
z.  rgv.  1322.),  ved.  abM-moda-müd-  adj.  ^fröhlich  zujubelnd' 
{^- abhi-moda-  *^das  zujubeln'),  ved.  abhi-läpa-ldp-  adj.  *^ klage- 
wimmernd' i^abhi-läpa-  'das  sprechen  über  etwas'),  ved. 
abhi-varijä-s  m.  *^bereich',  ved.  abhi-vm^tä-s  adj.  'siegreich  an- 
greifend', m. 'siegreicher  angriff,  sieg',  abhl-cäpa-s  m.'^cYmQVQ 
beschuldigung',  abhi-shanga-s  m.  Verwünschung',  ved.  abhi- 
-shah-  adj.  'übergewaltig';  avest.  gäthädial.  nibi  adv.  'oben, 
dazu,  herzu',  praep.  'über,  super,  de,  in  bezug  auf',  gäthä- 
dial. aibi-jareturö  m.  nom.  plur.  'lobpreiser',  gäthädial.  aibi- 
-hawisKia-  adj.  'der  welcher  am  meisten  (notwendig)  gegeben 
werden  muss',  gäthädial.  aibi-yar-  'lobpreisen',  aibi-darez' 
'festhalten  an',  apers.  abiy  praep.  mit  acc.'zu';  griech.  homer. 
ifl-l^  voc.  sing,  'lieber,  freund',  eigentlich  'beigehöriger,  zu 
getaner'  (s.  153.)  =  sanskr.  abhi  adv.  'herbei,  hinein,  oben', 

15* 


—    228    -- 

praep.  *zu  —  her,  zu  —  hin,  nach  —  hin,  gegen,  in  —  hinein, 
um,  für,  aus  anlass  von,  wegen,  in  bezug  auf,  auf,  über, 
bei',  abhi-las  adv.  'herbei,  hinzu,  nebenbei,  nahebei',  ctbhi- 
-ka-s  adj.  *^ hinter  etwas  her,  begierig,  lüstern',  abhi-vrta-s 
'^umgeben  von'  (Petersb.  wörterb.  VI  698.),  abhi-läpa-s  m.  *^aus- 
druck,  wort',  abhi-cäpa-s  m.  *^fluch,  schwere  beschuldigung, 
Verleumdung',  abhi-shanga-s  m/ vollständige  Verbindung,  Um- 
armung, besessensein,  schwur,  Verwünschung,  Verleumdung, 
niederlage,  schlag';  avest.  aibi  aiwi  adv.  praep.;  griech. 
cpL-lo-g  adj.  subst.  'angehörig,  freund';  got.  />/*,  ags.  alts.  bl 
be,  ahd.  bi  pi^  mhd.  nhd.  be-  praep.  verbalpraef.  Ich  gebe 
also  die  von  Behaghel  Germania  XXIII  292.  versuchte  und 
von  mir  morphol.  unters.  II  32  f.  gebilligte  vermittelung  des 
germ.  bi  mit  indog.  epi  pi  auf;  denn  ein  indog.  ebln 
bhl  'bei'  scheint  mir  nicht  zu  umgehen.  Sanskr.  abki^ 
avest.  aibi  aiwi  weichen  auch  in  der  bedeutung  beträchtlich 
von  den  damit  verglichenen  griech.  cc/acflj  ahd.  umbi  ab. 
Höchstens  ist  zuzugeben,  dass  im  indo- iranischen  zwei  ety- 
mologisch verschiedene  formen,  indog.  rnbhi  'um'  und  ebht 
'bei',  zusammengefallen  seien.  Das  ebkJ  bhi  liegt  auch 
im  griechischen  vor  in  dem  inschriftlichen  IcpL-oQ/Mg  und  in 
IcpialTTig  m.  'alp,  incubo',  die  man  also  nicht  mit  Curtius 
grundz.^  317.  „in  das  gebiet  der  hauchversetzung "  zu  ver- 
weisen hat  und  für  die  hti-oQy.oQ,  iTCiälrrig  vielmehr  die 
etymologisch  verständlicher  geformten  Substitute  der  späteren 
Sprachperiode  sein  werden.  Wenn  nicht  für  cpialelg^  cpia- 
XovfX€v  Aristoph.  vesp.  1348.  pax  432.  "(piaXelg^  ^ cpiaXov^ev 
nach  vocal  zu  schreiben  ist  (vergl.  G.  Hermann  zu  Aristoph. 
nub.  1301.),  so  hat  (piallto  'fasse  an,  lege  band  an'  die 
form  mit  indogermanischer  vocalsynkope  wie  germ.  bi-  und 
griech.  (pl-lo-g.  Von  ecpL-oQy,o-g  (vergl.  sanskr.  abhi-cap-  'ver- 
fluchen', caus.  'jemand  beschwören,  obsecrare',  abhl-cäpa-s 


t 


—     229     — 

*^ Verfluchung^)  ist  aber  die  quantität  des  l  nicht  zu  consta- 
tieren,  und  hp-Wk-vrio,  (homer.  ^Ecp-^cclrrig  nom.  propr.  IL 
E  385.  Od.  l  308.)  scheint  mir  mit  ecp-Lallo)  {cp-iallu))  zu 
^lallto  zu  gehören.  Griech.  cpl-Xo-g  wahrt  seine  grundbedeu- 
tung  ^  bei -gehörig,  zu-getan^  am  besten  in  der  homerischen 
und  poetischen  beziehung  auf  die  eigenen  glieder  des  mensch- 
lichen körpers  (rjroQy  zfJQy  X^lQ^^^  yvla,  yovvaTay  o^ijuara 
u.  dergl.)  oder  überhaupt  auf  den  jemand  eigenen  besitz  {(plla 
uf-iara  IL  B  261.),  woran  sich  dann  der  gebrauch  von  (pL-lo-g 
für  die  nächsten  angehörigen,  verwanten  (/nrjTrjQ  cpLlrj)  und 
freunde,  schloss.  Ahd.  bi  pi,  mhd.  bi,  nhd.  bei  kann  auch 
indog.  ei  enthalten  wie  lit.  bei  '^und^,  eigentlich  '^ dabei,  noch 
dazu'  (Kurschat  litt,  gramm.  §§  1618—1622.  s.  435  f.).  Die 
formal  dem  (pL-lo-g  entsprechende  -/ö-bildung  hat  im  ger- 
manischen eine  weit  abweichende,  aber  zu  ved.  abhi-ka-m 
"^zusammentreffen,  widerstand'  stimmende  bedeutungsentwicke- 
lung  durchgemacht:  mhd.  bi-l  m.  *^der  augenblick  wenn  der 
gejagte  hirsch  steht  und  sich  gegen  die  hunde  zur  wehre 
setzt,  gegen  wehr,  kämpf. 

Sanskr.  i-  *^er,  der',  pronominalstamm  in  ved.  i-ärksha-^ 
i'-dfc-j  i-dr(^a-  adj.  'von  diesem  aussehen,  derartig,  so  be- 
schaffen, ein  solcher',  ved.  i'-vant-  adj.  *^so  gross,  so  statt- 
lich, so  trefflich,  so  viel,  tantus',  ved.  t-m  nachgesetzte  enkli- 
tische Verstärkungspartikel,  ursprünglich  accusativ  des  deute- 
stammes  i-  (Petersb.  wörterb.  I  846. ,  Grassmann  wörterb.  z. 
rgv.  231  ff.);  avest.  i-t  Verstärkungspartikel,  ursprüngl.  neutr. 
sing.,  i-m  Verstärkungspartikel,  ersetzt  öfters  ein  pronom. 
demonstr.  'ihn'  (Justi  handb.  d.  zendspr.  59.);  griech.  -i  deik- 
tische  Partikel  in  omoö-i,  rovrov-iy  tout-T,  tovToy-T,  60-1, 
eyieivoo-L  u.  a.,  griech.  -tv  dass.  in  ovtoa-iVj  rovrovo-lVj 
hsLvoo-ivf  ovrwo-ivj  umbr.  -ei  anhängepartikel  hinter  re- 
lativ- und  Interrogativpronomen  in  po-ei  nom.  sing,  masc.'qui' 


—     230     — 

tab.  Iguv.  Via  1.,  yors-el  neutr.  sing,  ^quod^  tab.  Iguv.  Via  9. 
aus  *y>ö^-^,  pors-ei  nom.  plur.  masc.  ^qui^  tab.  Iguv.  Via  15. 
(formal  neutr.  sing.),  j)ers-ei  ^'si,  cum,  quando,  postquam'  tab. 
Iguv.  Via  26.  27.  28.  36.  aus  ""pid-i  (vergl.  Breal  les  tabl. 
Eugub.  14.  30.  42.  51.  79.);  abulg.  i  partikel,  „additur  aliis 
pronominibus "  (Miklosich  lex.  Palaeoslov.  235  b.  vergl.  gramm. 
d.  slav.  spr.  IV  120.)  aus  indog.  id  oder  im  =  sanskr.  i- 
in  i-tara-^  i-tdsy  i-ti^  i-dä^  i-va^  i-hä  u.  a.,  ved.  i-d  enkli- 
tische verstärkende  partikel  *^eben,  gerade,  selbst,  sogar,  nur^, 
sanskr.  id-dm  neutr.  sing.,  im-äm  masc.  acc.  sing,  (vergl. 
C.  Gaedicke  d.  accus,  im  veda  15.);  avest.  /-  in  i-te,  i-tha^ 
i-dha  u.  a. ,  i-t  Verstärkungspartikel  *^eben,  gerade^  (yt.  XXII 
10.);  lat.  i-  in  i-ta,  i-tem^  i-bi^  i-termu  u.  a.,  i-s  *^er\  i-d  "^es^ 
altlat.  em  acc,  sing,  aus  *  im^  altlat.  i-bus  dat.-abl.  plur.,  id-em 
neutr.  sing.;  got.  i-Sy  ahd.  i-r  e-r,  mhd.  e-r  *^er\  got.  i-t-a^ 
alts.  i-tj  ahd.  i-z^  mhd.  e-z  ""es",  got.  alts.  i-n-Oj  ahd.  i-n^an), 
mhd.  i-n  '"\]m\  got.  alts.  i-nij  ahd.  i-m  i-n,  mhd.  i-7i  dat. 
plur.  'ihnen',  got.  i-ns  acc.  plur.  masc.  'sie'.  Ved.  im  ist 
nicht  überliefert,  wird  aber  rgv.  I  164,  7.  16.  von  Grassmann 
wörterb.  z.  rgv.  231.  aus  metrischen  gründen  hergestellt.  Von 
kypr.  IV*  avTri.  avTiqv.  avTov,  Ku/cqlol  Hesych.  und  von  dem 
entsprechenden  altlat.  im  acc.  sing,  kennen  wir  die  quan- 
tität  nicht.  Den  instrumental  sing,  dieses  pronominalstammes, 
also  die  morphol.  unters.  II  139  f.  (vergl.  auch  von  Bahder 
verbalabstr.  19  f.)  beschriebene  casusbildung ,  sehe  ich  in 
ved.  /,  Verstärkungspartikel,  die  man  öfter  fälschlich  mit  im 
ganz  identificiert,  und  avest.  i,  Verstärkungspartikel  in  hyat  i 
ys.  XXXV  8.,  yathä  i  ys.  XLVIII  6.  (Justi  handb.  d.  zendspr. 
59  a.);  grundbedeutung  dieses  i  also  wol  'auf  diese  weise, 
so'.  Nun  kann  zwar  griech.  -i  in  ovroo-i,  hecvoo-t  auch 
diese  alte  instrumentalform  =  ved.  avest.  i  sein,  wie  es  Fick 
vergleich,  wörterb.  P  27.  282.  505.  (ihm  folgend  Kögel  Paul- 


—     231     — 

Braunes  beitr.  VIII  127.)  fasst.  Jedoch  auch  der  gleichung 
griech.  -i  =  avest.  it  steht  nichts  im  wege,  und  man  braucht 
folglich  wegen  der  verschiedenen  quantität  auch  nicht  mehr 
mit  Delbrück  syntakt.  forsch.  IV  143.  an  der  wesensgleich- 
heit der  griechischen  partikel  mit  ved.  i'd  zu  zweifeln.  Da- 
gegen ist,  wie  auch  Brugman  Fleckeisens  jahrbb.  f.  class. 
philol.  1880.  s.  669.  bemerkt,  die  von  Delbrück  zugelassene 
möglichkeit,  dass  griech.  -t  =  ved.  im  sei,  abzulehnen.  Dem 
im  kann  lautgesetzlich  nur  das  att.  -Iv  in  ovtoo-TVj  exeivoo-ivj 
TovTovo-ivj  ovTwo-iv  gleichstehen,  dass  durch  ausdrückliche 
grammatikerzeugnisse  (Apollon.  de  pronom.  p.  75  c.  Bekk., 
Draco  p.  106,  19.,  Phavorin.  lex.  s.  v.  ovrog)  und  gute  hand- 
schriftliche Überlieferung  bei  Aristophanes,  Demosthenes,  Isaeus 
u.  a.  hinreichend,  auch  der  quantität  nach,  beglaubigt  wird; 
vergl.  Buttmann  ausführl.  griech.  sprachl.  P  309.  §  80.  anm.  3., 
Passow  handwörterb.  unt.  ovTog.  Und  ich  wage  die  Ver- 
mutung, dass  den  Griechen  in  dem  für  sie  gleichbedeutend 
gewordenen  formenpaare  omoo-tv  und  omoo-iy  nachdem  sich 
die  erstere  form  als  bequeme  hiatusableiterin  dauernder  im 
gebrauche  vor  vocalen  eingebürgert  hatte,  die  quelle  für 
den  Ursprung  des  v  ephelkystikon  erstand.  Denn 
leicht  mochte  z.  b.  ein  dat.  plur.  Tovroio-tv  und  toiroio-l 
zuerst  bei  ^tgayinaoi,  dann  beide  bei  ^fyovoiy  bei  rl^rjot 
u.  s.  w.  nachahmung  finden.  Die  bedeutungsgleichheit  zwi- 
schen -i  und  -iv  mag  auch  alt  sein  und  darauf  beruhen, 
dass  indog.  tm  nicht  nur  acc.  sing.  masc.  fem.  war,  sondern 
nominal  gebildete  neutrumsform  wie  sanskr.  kmj  Mm  (s.  233.). 
Im  umbrischen  ist  ausser  in  der  Schreibung  von  po-eij  pors-ci) 
pe?\s-ei  die  quantität  der  enklitischen  partikel  nicht  zu  be- 
stimmen, nemlich  nicht  in  po-i  po-e  nom.  sing.  masc.  'qui', 
pud-e  pors-e  pors-i  neutr.  sing,  und  conjunction,  pure 
pur-i  nom.  plur.  masc,  paf-e  acc.  plur.  fem.,  pis-i  nom. 


—     232     — 

sing.  masc. ,   pid-i  pid-e  ped-e  pirs-i  plrs-e  pers-i  pers-e 
neutr.  siog.,  pif-i  acc.  plur.  masc- fem. ;    vergl.  die  beleg- 
stellen  bei  Breal  les  tabl.  Eugub.  index  unt.  pede,  pisj  poei, 
pud-e.    Lat.  id-em  ist  =  sanskr.  id-äm.    Mit  derselben  ver- 
stärkenden Partikel  besass  man  altlateinisch  auch  em-em  ""eun- 
dem^  (vergl.  Neue  formenl.  d.  lat.  spr.  IP  194.)  =  sanskr. 
im-dm-^  aber  id-em  ward  späterhin  als  i-dem  analysiert  und 
dadurch  das  muster  für  *  is-dem  i-dem^  eä-dem  u.  s.  w.    Kögels 
Vorschlag,  das  schwierige  ahd.  -er  von  jener ^  hlinter  nom. 
sing,  masc,  unser ^  iuuer  gen.  plur.  mittels  der  deiktischen 
Verstärkungspartikel  -i  zu -deuten,  Paul -Braunes  beitr.  VIII 
127  f.,  bedarf  noch  erst  weiterer  stützen,  damit  man  ver- 
trauen dazu  haben  kann.    Wenn  Mahlow  d.  lang,  voc  A  E  0 
102.  mit  „dem  hervorhebenden  7,  das  besonders  im  griechi- 
schen und  gotischen  sehr  beliebt  ist "  vielleicht  an  die  relativ- 
partikel  in  got.  sa-ei^  pat-eij  pan-ei,  iz-ei^  ik-eij  pu-ei\  jiiz-ei 
u.  s.  w.  denkt,  so  könnte  formal  dies  got.  -ei  bloss  mit  der 
nasalierten  form  ved.  avest.  m,  griech.  -iv  identificiert  wer- 
den; für  indog.  td  oder  das  instrumentalische  i  müsste  doch 
wol  in  der  auslautssilbe  der  mehrsilbigen  wortformen  die 
Verkürzung  got.  -i  erscheinen  wie  in  der  3.  sing.  opt.  perf. 
beri.    Ich  sehe  aber  auch  von  selten  der  bedeutung  nicht 
ein,  wie  ein  deiktisches  dement,  das  als  solches  naturgemäss 
in  ovToö-i  das  demonstrativum  noch  demonstrativer  macht, 
in  got.  sa-ei^  pat-ei  zur  abwechslung  das  demonstrativum  ins 
relativum  habe  umwandeln  können.     Einen  versuch  zur  er- 
klärung  des  got.  -ei  und  der  conjunction  ei  'dass,  damit,  ob^, 
wobei  der  relativische  Ursprung  gewahrt  bleibt,  gibt  Paul  in 
seinen  beitr.  VI  218.    Dagegen  steckt  das  deiktische  indog. 
Id  auf  germanischem  boden  wahrscheinlich  in  got.  sai^  ahd. 
mhd.  se  *^ecce,  en"*  =  sanskr.  ved.  sed  für  **^  id,  nach  verf. 
Paul -Braunes  beitr.  VIII,  heft  2. 


—     233     — 

Sanskr.  ki-  interrogativer  und  indefiniter  pronominal- 
stamm in  ki-drksha-j  ki-df^;-^  ki-dr{m-  adj.  "^wie  beschaffen, 
wie  geartet,  was  fUr  ein',  ved.  ki-vant-  adj.  ^wie  gross,  wie 
weit,  wie  viel',  ved.  ki-iti^  eigentlich  acc.  sing,  neutr.  nach 
nominaler  declination,  dann  enklitische  partikel  ohne  wesent- 
liche bedeutungsänderung  in  ved.  ä-kim  praep.  c.  abl.  *^von 
—  her',  ma-kim  *^nimmer,  nicht';  avest.  cU,  apers.  ciy  (aus 
^cid)  enklitische  verallgemeinernde  partikel,  ursprünglich 
neutr.  sing.  (Justi  handb.  d.  zendspr.  11  Ob.  unt.  1.  c?/,  Spiegel 
d.  altpers.  keilinschr.  gloss.  s.  196.),  avest.  ci-cä  Vas?'  acc. 
sing,  neutr.  ys.  XIII  5.  XL  VI  5.  (Justi  handb.  d.  zendspr. 
s.  110.  unt.  3.  cij  s.  239  b.  unt.  yd)  für  *cic-cä  aus  *ctd'cä, 
avest.  nae-cit  'keineswegs'  ys.  XXXII  7.  (Justi  handbuch 
d.  zendsprache  165  b.  unt.  7iaeci)  für  ^naec-cit  aus  *?iaed- 
-cidf  avest.  ci-m  *^wen?'  acc.  sing.  masc.  ys.  XXI  3.,  nae-cim^ 
L  mä-cim  'keinen,  nieihanden'  ys.  XXXIV  7.  LVII  15.  yt.  XIII 
137.  (Justi  handb.  d.  zendspr.  s.  165  b.  unt.  naeci^  s.  231a. 
unt.  wa),  apers.  ciy-karam  'wie  vielfach?'  inschr.  von  Per- 
sepolis  Nßa,  39.  (Spiegel  d.  altpers.  keilinschr.  s.  105.  196.); 
griech.  homer.  tT  neutr.  sing.  (Od.  ^  89.) ;  umbr.  -pei  verall- 
gemeinernde enklitische  partikel  aus  vorhist.  */?<</  in  po- 
druh-pei  'utrinque'  oder  sei-podruh-pei  'utroque  vorsum,  se- 
paratim  utroque'  tab.  Iguv.  Via  11.,  panu-pei  'quandoque, 
quandocunque'  tab.  Iguv.  VII  b  1.  (vergl.  Br6al  les  tables 
Eugub.  47.  216.,  Bücheier  lex.  Ital.  unt.  quando^  quotra  und 
sed  se)  =  sanskr.  ved.  ki-s  fragepartikel,  die  frage  als  solche 
hervorhebend,  eigentl.  nom.  sing.  masc.  (rgv.  X  52, 3.),  nä-kis^ 
ma-kis  'niemand,  keiner',  ki-m  neutr.  sing.,  ved.  ci-d  enkli- 
tische partikel  'sogar,  selbst,  auch,  wenigstens';  avest.  ci-sK 
nom.  sing.  masc.  fem.,  nae-cisJi,  mä-cisfi  'niemand,  keiner  , 
apers.  cisK-ciy  'irgend  wer',  s^est.  ci-t  neutr.  sing,  und  en- 
klitische partikel,  ci-m  acc.  sing.  masc.  fem.,  nae-cim  ""keinen' 


—     234     — 

vend.  XIII  54.,  apers.  ci-tä  adv.  ''so  lange  inschv.  von  Be- 
histän  Bh.  28.  48.  63.  aus  dem  pronominalstamme  cl-  gebildet 
nach  Oppert  und  Spiegel  (Spiegel  altpers.  keilinschr.  gloss. 
s.  196.);  griech.  xi-q  tIl-Qj  ov-rlg,  (Mr-rig  nom.  sing.  masc. 
fem.,  tI  TL  neutr.  sing.,  Ov-tl-v  'Niemand^  acc.  sing,  des 
Scherznamens  des  Odysseus  Od.  l  369.,  'u-v-a  ri-v-a  acc. 
sing.  masc.  fem.,  rt-Gt  xl-ot  dat.  plur. ;  lat.  qui-s^  qui-d^  que-m 
aus  *qui-m,  qui-hus\  altir.  ce  ci  pron.  interrog.  Welcher?' 
pron.  indef.  aus  ursprüngl.  k^is  (Windisch  ir.  texte  wörterb. 
415b.);  abulg.  ci-to  'was?',  eigentlich  'was  das?'.  Wegen 
des  sanskr.  k-  statt  c-  in  ki-^  ki-  vergl.  verf.  morphol.  unters.  I 
115.  anm.,  Collitz  Bezzenbergers  beitr.  III  206.,  Job.  Schmidt 
Kuhns  zeitschr.  XXV  66.  Dass  wir  in  avest.  naedsHj  jiaecit, 
sowie  in  cicä  und  yäcica  acc.  neutr.  plur.  'quaecunque'  vend. 
III  148.  das  -c-  auf  -cc-  aus  -de-  {*naed-  =  selbständigem 
mit)  zurückführen,  scheitert  nicht  an  dem  Vorhandensein  von 
1/atcitj  kahmätcit  u.  dergl. ,  da  letztere  ja  als  die  moderne- 
ren zusammenrückungen  aus  den  unversehrten  einzelbestand- 
teilen  gefasst  werden  können.  Apers.  cish-ciy  ist  überliefert 
auf  der  Inschrift  Bh.  I  53.,  wo  ich  kashciy  nah/  adarshnaush 
cishciy  thastanaiy  pariy  gaumätam  übersetze  'nicht  wagte  je- 
mand, irgend  wer  (d.  i.  'wer  es  auch  sein  mochte'),  über 
Gaumäta  zu  sprechen'*);  Spiegel,  indem  er  d.  altpers.  keil- 
inschr. 7.  gloss.  s.  106.  unt.  ciy  das  cish-ciy  als 'irgend  etwas' 
fasst,  statuiert  ohne  not  den  eintritt  der  masculinform  für  das 
neutrum.    Was  Faesi-Kayser  zu  Od.  J  89.  zur  entschuldigung 


1)  Oder  ist  etwa  noch  eine  andere  interpretation  der  stelle  rich- 
tiger, bei  der  man  kashciy  zu  dem  vorhergehenden  satze  zieht?  mättja- 
mäm  khshnäsätiy  tya  adam  naiy  bardiya  amiy  hya  k'uraush  putra 
kashciy  'damit  mich  nicht  kenne  irgend  jemand,  dass  ich  nicht  Bardiya, 
der  söhn  des  Kuru,  bin',  denkt  der  Usurpator  Gaumäta.  Darauf  folgt  als 
neuer  öatz  naiy  adai^shnaush  cishciy  'es  wagte  niemand'  u.  s.  w. 


—     235     — 

der  messung  tT  beibriDgen,  befriedigt  nicht ;  Idq-vef-döT  Izelr] 
Od.  Q  37.  enthält  selbst  in  dem  locativischen  -7  eine  anti- 
quität  (vergl.  weiter  unten),  wie  nach  unserer  meinung  das  t7. 
Die  „erweiterung  zu  einem  w- stamm",  welche  das  griechische 
pronomen  erfahren,  erklärt  sehr  ansprechend  Gust.  Meyer 
griech.  gramm.  §  437.  s.  346.  als  „vom  accusativ  *tIv  aus- 
gegangen, dem  man  die  gewöhnliche  accusativendung  -«  noch 
einmal  anfügte"*).    Abgesehen  von  umbr.  podruh-peij  j)anu- 


1)  An  vielen  beispielen  aus  den  indogermanischen  sprachen  wird  von 
Brugman  morphol.  unters.  III  67—73.  die  doppelsetzung  desselben  bil- 
dungselements  auf  dem  wege  der  formassociation  illustriert.  Ich  hebe 
nur  den  der  entstehung  des  xiv-a  aus  *ri-v  ähnlichsten  lall  (a.  a.  o. 
s.  70.)  heraus:  „Im  hochdeutschen  tragen  eine  reihe  von  pronominal- 
formen doppelte  flexionsendung,  indem  an  die  fertige  alte  casusform  noch 
einmal  die  adjectivische  flexionsendung  angesetzt  wurde:  ahd.  acc.  sg. 
fmen-an  neben  hweii,  in-an  mhd.  in-en  neben  in  (Grimm  gramm.  I^  708. 
721  ed.  öch.,  Weinhold  mhd.  gr.  454),  gen.  pl.  ir-er  statt  ir  seit  dem 
14.  jahrh.,  dat.  pl.  in-en  statt  in  (im)  seit  dem  11.  jahrh.  (Weinhold  459), 
nhd.  gen.  sg.  fem.  ir-er  statt  ir,  vorübergehend  auch  dat.  sg.  fem.  ir-er 
statt  ir,  nhd.  gen.  pl.  der-er  statt  der,  dat.  pl.  den-en  statt  den  {dem), 
nhd.  vereinzelt  gen.  pl.  nns{e)r-er  eu{e)r-er  statt  unser  euer.  Haupthebel 
dieser  neuerungen  war  der  drang  den  casus  als  solchen  schärfer  auszu- 
prägen." In  anderer  weise  aber,  durch  Übertragung  der  endungen  der 
schwachen  declination,  sind  nhd.  wess-en,  dess-en,  der-en  (gen.  sing.  fem. 
und  gen.  plur.)  aus  den  kürzeren  und  älteren  tves,  des,  der  erweitert. 
Vergl.  auch  Paul  princip.  d.  sprachgesch.  138  f.  Im  griechischen  selbst 
stellt  sich  auf  nicht -pronominalem  gebiete  zu  rCv-a  und  seinen  nachbil- 
dungen  riv-os,  riv-t,  xiv-e^  u.  s.  w.  der  „in  sehr  alter  zeit  durch  an- 
fügung  des  gewöhnlichen  accusativzeichens  -«"  aus  Zriv  =^  sanskr.  dyä'm 
neugebildete  accusativ  Zriv-a  mit  seinen  consequenzen  Zriv-ös,  Zriv-i 
(Gust.  Meyer  griech.  gramm. '§  322.  s.  275  f.j.  Den  stamm  hv-  'kraft, 
muskel,  sehne'  in  \v-ö'i,  Iv-a,  Iv-es,  homer.  iv-eaiv  (II.  *F  191.),  Iv-io-v 
hatte  vielleicht  auch  zuerst  der  acc.  sing.  Iv-a  occupiert,  nachdem  '^l-v 
=  \si.t.  vi-m  dieselbe  Wandelung  wie  * n-v  und  Zrj-v  durchgemacht  hatte; 
denn  man  hat  ja  sowol  die  in  l-(pi  noch  nicht  erscheinende  ?i  -  declination 
des  griechischen  wie  die  teilweise  ;?-(/•-)  declination  des  lateinischen  no- 
mens  (über  letztere  vergl.  Brugman  morphol.  unters.  I  24.)  für  jüngere 
entwickelung  zu  halten.    Dass  vom  nom.  sing.  i-£  =  lat.  vi-s  aus  sich 


—     236     — 

-pei,  mit  ei  für  l  in  der  weise  der  lateinischen  schritt  der 
jüngeren  tafeln  wie  veiro  (s.  153  f.)  und  po-ei  j)ors-ei  pers-ei 

der  übertritt  in  die  analogie  von  nasalstämmen  mit  sigmatischen  nomi- 
nativen  wie  SeXfis,  2alafuz,  Tgäxis  vollzogen  habe,  möchte  ich  darum 
nicht  annehmen,  weil  man  gar  nicht  weiss,  ob  die  ?i  -  declination  dieser 
letzteren  alt  und  nicht  vielmehr  in  ähnlicher  weise  entsprungen  ist  wie 
bei  f-s  oder  auch  erst  nach  dem  directen  muster  dieses  letzteren.  Denn 
TQaxi-s  z.  b.  könnte  doch  wol,  mit  abzug  zunächst  des  analogisch  an- 
gefügten -s  auf  *rQäx-A  zurüchgehend ,  das  regelrecht  movierte  feminin 
von  x^a^v-g  'rauh,  uneben'  sein,  wie  sanskr.  svädv-i  dasjenige  von  svä- 
dü-s'y  trotz  TQäxsTa,  denn  auch  rjSela  und  svädvi  vereinigen  sich  durch 
eine  indogermanische  flexion  nom.  sing,  suädeui,  gen.  suädni^äs 
(älter  noch  sude'ui,  suduiids,  vergl.  oben  s.  192 f.).  So  liegt  auch 
^£^9pf-s  neben  der  -^w-bildung  SeXcpv-s  f. 'mutterleib,  bärmutter';  8EX(pi'S 
freilich  masculin,  möglicher  weise  jedoch  erst  secundär  durch  den  eiu- 
fluss  von  o  ixO'vs  als  gattungsnamen.  Die  nebenformen  des  nom.  sing, 
auf  -V,  SeX<piv,  ^aXa/uiv,  T^äx'iv ,  sind  nachweislich  erst  aus  bedeutend 
späterer  zeit  zu  belegen  (vergl.  Passow  handwörterb.  uu.  dd.  ww.),  daher 
irrt  Brugman  Curtius'  stud.  IX  403  f.  in  der  bestimmung  des  chrono- 
logischen Verhältnisses  beider  nominativbildungen ;  jene  formen  auf  -iv 
haben  erst  wieder  nach  den  obhquen  casus  -v  statt  -s  bekommen.  Auch 
bei  axTZv-j  EXevGlv-j  SQfüv-,  ixrXv-,  nrjqiv-,  QrjyfiXv-,  arafiXv-,  TeXxiv-, 
üidlv-  u.  a.  (Lobeck  paralip.  gramm.  Graec.  107  f.)  vermögen  wir  die 
w-declination  auf  2  -  declination  zu  reducieren  und  werden  dadurch  in 
der  anknüpfung  an  bekanntere  indogermanische  Stammbildungen  (be- 
sonders mit  den  suffixen  -^£-,  -tei-,  -mei-)  wesentlich  erleichtert  wer- 
den; ich  komme  an  späterer  stelle  darauf  zurück.  Selbst  S'i-g  m.  f. 
'häufe,  sandhaufe,  düne,  meeresstrand ,  meeresboden,  meeresschlamm' 
und  ^i-s  f.  'nase'  dürften  nicht  nasalstämme  von  hause  aus  gewesen  sein. 
&-i-s  könnte  aus  der  wurzel  dhe-  'legen,  setzen'  (vergl.  griech.  d-f^-ficov 
m. 'häufe')  mit  dem  suffixe  - ^ z-  gebildet,  das  indogermanische  zwillings- 
wort  zu  sanskr.  dh-i-s  m.  sein,  das  in  der  bedeutung  'was  aufgeschüttet, 
aufgehäuft  ist'  oder  'aufgeschüttetes  entßaltend,  aufgehäuftes  in  sich 
schliessend,  behälter'  am  ende  vieler  composita  erscheint,  wie  in  ved. 
api-dhi-s  'bedeckung',  ved.  nachved.  ni-dhi-s  'ort  des  niederlegens,  auf- 
bewahrungsort,  behälter  (vergl.  nidhir  apäm  und  sarvämbho-nidhis  für 
'das  meer',  „nach  Räjan.  im  CKDr.  bedeutet  nidhi-  auch  ohne  weiteren 
beisatz  'meer'",  Petersb.  wörterb.  IV  154.),  niedergelegtes  gut,  aufbe- 
wahrter schätz',  ved.  nachved.  j^an-rfÄ/-^  m.  'einschluss,  gehege,  wall 
(„vom  meere,  das  die  erde  umschliesst"  Bhägav.-puräna  I  10,  3.,  vergl. 


—     237     — 

(s.  229  f.  231  f..),  sind  in  der  frage  nach  der  vocalquantität 
die  oskischen  und  iimbrischen  formen  des  pronominalstammes 

Petersb.  wörterb.  IV  530.),  Umfassung,  schutzwehr,  hülle,  hof  um  sonne 
und  mond,  horizont,  nimbus,  umfang,  umkreis,  Umgebung,  die- um  das 
altarfeuer  gelegten  grünen  hölzer  welche  dasselbe  zusammenhalten  sollen', 
san-dhi-s  m.  'zusammenfügung,  Verbindung',  ferner  in  amhu-dlii-s  'meer', 
amhho-dhi-s  'meer',  klltda-dhi-s  'meer',  jala-dhi-s  'ocean',  toya-dhi-s 
'meer,  ocean',  ved.  nachved.  uda-dhi-s  'Wasserbehälter'  (von  der  wölke, 
von  seen.  Aussen,  vom  meer),  ved.  utsa-dhi-s  'behälter,  Umfassung  einer 
quelle',  sowie  in  ved.  nachved.  ishu-dlii-s  m.  f.  'köcher',  ved.  garhha- 
-dhi-s  m.  'brütort,  nest,  ort  der  begattung'  u.  a.  bei  Böhtlingk  -  Roth 
Petersb.  III  959.  unt.  3.  dhi-.  Den  Zusammenhang  von  d'4-s  mit  ri-dr^-^n 
vertrat  schon  Passow  handwörterb.^  u.  d.  w.;  die  häufige  beziehung  auch 
des  sanskr.  -dhi-s  auf  das  meer  lässt  vermuten,  dass  schon  den  Indo- 
germanen  dh-i-s  eine  geläufige  bezeichnung  des  meeresbehälters  mit 
seinen  anschichtungen  darin  und  daran  war.  Entsprechend  möchte  ich 
griech.  ^-f-s  f.  'nase'  als  abkömmling  eines  grundsprachlichen  sr-l-s 
auf  sanskr.  sar-  'rasch  laufen,  gleiten,  fliessen,  ins  fliessen  geraten'  be- 
ziehen; sanskr.  sar-i-si.^  sar-i  f.  'Wasserfall',  das  die  wurzelstarke  para- 
digmenform  der  -^^'-bildung  repraesentieren  könnte,  ist  leider  unbelegt 
(vergl.  Petersb.  wörterb.  VII  778.  unt.  sarä-,  VII  787.  unt.  sari-),  aber 
das  in  vedischer  und  späterer  litteratur  häufige  sari-t-  f.  'bach,  fluss' 
ist  vielleicht  aus  dem  wie  yäkr-tas,  gäkr-tas  (vergl.  oben  s.  201  f.  anm.) 
zu  beurteilenden  abl.-gen.  sing,  sari-tas  erwachsen.  Wiederum  sind  die 
nasalierten  nominativformen  d-Jv^  qIv  erweislich  jünger  als  die  sigma- 
tischen.  Denn  qCv  erscheint  am  frühesten  bei  Hippocrates  p.  346,  50. 
und  ist  im  übrigen  nur  hellenistisch,  wofür  es  auch  ausdrücklich  von 
Thomas  Magister  p.  323,  10.  ed.  Ritschi  erklärt  wurde ;  und  d-Cv  vollends 
ist  nur  eine  von  grammatikern  angenommene  form,  die  sich  im  ge- 
brauch nicht  nachweisen  lässt.  Vergl.  Passow  handwörterb.^  unt.  d-is 
und  ^ts,  Gust.  Meyer  griech.  gramm.  §  313.  s.  268.  Mir  scheint  nun, 
als  wenn  wir  anzunehmen  hätten,  dass  die  einsilbigen  l-s,  Ms,  qI-s  voran- 
gegangen seien  in  der  erweiterung  ihrer  alten  acc.-sinjg.- formen  *l-v, 
*d-l-v,  *^i-r,  dass  darnach  die  mehrsilbigen  ^EXevai-s,  ^aXa/ui-Sy  T^äxi-s, 
axri-e  u.  s.  w.,  jenen  f-s,  -d-i-e,  ^i-s  unmittelbar  in  der  annähme  der  w-de- 
clination  gefolgt  seien.  Denn  bei  Iv-a,  &lr-a,  Qiv-a  und  rtV-a,  Ziiv-a 
können  wir,  wie  bei  nhd.  ihr-er,  der-er,  den-euy  wess-en  u.  s.  w.,  den 
psychologischen  antrieb  zu  der  neubildung  in  dem  bedürfnis  eines  nach 
seinen  stofflichen  und  formalen  bestandteilen  klarer  gegliederten  wort- 
körpers  finden;    bei  darstellung  des  bedeutungs-   und   beziehungsaus- 


—     238     — 

pi-  indifferent,  nemlich  osk. /?w,  /;Äm,  pid,  -pid  enklit.  par- 
tikel,  pit-pit  (bei  Festus),  umbr.  pis  (pis-i)  pis  pir^  pid-e 

druckes  an  einer  einzigen  silbe  machte  sich  naturgemäss  „der  drang  den 
casus  als  solchen  schärfer  auszuprägen"  leichter  geltend.  Lat.  plüs^ 
franz.  plus  und  ahd.  mer,  nhd.  mehr  haben  stärkere  veranlassung  zur 
häufung  oder  wiederauffrischuug  des  comparativsuffixes ,  wodurch  spät- 
lat.  plnr-idr-i's,  franz.  plus-ieur-s  und  ahd.  mer-iro ,  nhd.  mehrere  her- 
vorgehen, als  mehrsilbige  comparative,  etwa  lat.  mäjus,  ahd.  hezir,  ob- 
wol  auch  ein  ahd.  hezer-ora  als  neuschöpfung  nicht  ausgeschlossen  ist; 
vergl.  Pott  etymol.  forsch.  I^  l,  560.,  Wöltflin  lat.  u.  roman.  compar.  45  f., 
Brugman  morphol.  unters.  III  69,  Es  hängt,  gewis  mit  der  einsilbigkeit 
der  älteren  formen  des  neutrums  des  demonstrativpronomens  mhd.  ditz^ 
diz,  nhd.  dies  zusammen,  dass  dafür  und  daneben  die  „jüngeren  er- 
weiterungen  durch  adjectivische  flexion"  ditz-es,  diss-es^  dis-es  ent- 
stehen (Weinhold  mhd.  gramm.  §  467.  s.  469.);  die  mehrsilbigen  muster 
für  die  neubildung  dies-es,  nhd.  jen-es,  Jed-es,  all-es,  bli7id-es  u.  dergl., 
zerlegten  sich  für  das  Sprachgefühl  deutlich  in  einen  stamm-  oder  wurzel- 
haften und  den  unentbehrlich  scheinenden  flexivischen  bestandteil.  Brug- 
man a.  a.  0.  71  f.  bemerkt  auch  noch  im  allgemeinen:  „Aber  der  zug 
wenigstens  ist  allen  diesen  neubildungen  gemeinsam,  dass  das  betreffende 
Sprachelement  in  der  alten,  es  nur  einmal  enthaltenden  form  zu  der 
zeit,  wo  die  neubildung  entsprang,  für  die  empfindung  der  sprechenden 
nicht  genau  dieselbe  bedeutung  hatte,  die  man  sprechend  zum  ausdruck 

bringen  wollte In  den  meisten  fällen  war  es  ein  streben  nach 

deutlichkeit,  nach  schärferer  hervorhebung ,  was  zur  neubildung  reizte: 
denjenigen  Römern,  die  ve?itiktre  [nach  volüäre,  clämitäre,  agitäre]  statt 
venture  aufbrachten,  war  das  letztere  für  ihren  gerade  obwaltenden  mit- 
teilungszweck  nicht  frequentativisch  genug,  den  Deutschen,  die  mer-ir- 
mer-dr-  schufen,  das  ältere  mer-  nicht  comparativisch  genug."  So  meine 
ich  nun,  dass  den  Griechen  ihre  "^Iv,  *d'lv,  *qIv,  *TtV,  Zrjv  eher  „nicht 
accusativisch  genug"  werden  konnten  als  *a'^xlv,  *^aXa/uip,  *'EXevalv 
u.  s.  w.,  sowie  den  Deutschen  ihre  einsilbigen  pronominalformen  ir  der^ 
in  den  und  dergl.  häufig  erweiterungsbedürftig  erschienen  sind,  unser, 
euer  als  geü.  plur.  weit  seltener,  gar  nicht  dagegen  dieser  jener  jeder 
aller ,  diesen  jenen  u.  s.  w.  —  Im  lateinischen  empfahl  sich  der  neue 
plural  vires,  den  man  zu  vis  nach  dem  Verhältnis  etwa  von  mürds  neben 
müs  bildete,  vor  der  älteren  bei  Lucretius,  Varro  u.  a.  noch  anzutreffen- 
den pluralform  v~is  (vergl.  Neue  formenl.  d.  lat.  spr.  I-^  497.),  d.  i.  wol 
eigentlich  acc.  plur.  aus  indog.  ut-ns,  hauptsächlich  wegen  der  gleich- 
lautigkeit  der  letzteren  form  mit  dem  nom   sing.;  daher  auch  im  alt- 


> 


—     239     — 

pid-i  ped-e  pws-e  pers-i  pers-ei  pers-e^  für  ^  spricht  bei 
ihnen  nur  im  allgemeinen  das  hinüberschwanken  der  qualität 
nach  dem  e-laut  (osk.  i)  hin.  In  anderer  beziehung  ist  zwei- 
deutig das  erste  glied  von  got.  hvi-leiks^  alts.  hwi-lic,  mitteld. 
wi-lich  wl-lch  Vie  beschaffen,  weicht  hier  kann  gleicher 
weise  das  indog.  k'-X-  gefunden  werden  und  indog.  k^e-,  die 
Stammform  von  avest.  ca-hyä^  griech.  ion.  t€-o,  got.  hvi-s^ 
ahd.  hwe-s  we-s  gen.  sing,  und  von  alts.  hwe-thar  hwe-dhar^ 
ahd.  hwe-davy  mhd.  we-der  Ver  von  beiden\  Vergl.  über 
indog.  k'^e-  Job.  Schmidt  Kuhns  zeitschr.  XXV  92  ff.,  Gust. 
Meyer  griech.  gramm.  §  437.  s.  347.;  beide  gelehrte  scheinen 
mir  nur  nicht  stark  genug  die  ursprüngliche  paradigmatische 
einheit  von  indog.  k-e-  und  k'^o-  zu  betonen.  Ist  got.  hvi- 
-leiks  mit  indog.  k'^e-  gebildet,  so  verhält  es  sich  zu  ahd. 
hwe-lih  we-Hhy  mhd.  nhd.  we-lchj  wie  ahd.  hwe-dar  zu  got. 
hva-pa?'-^  denn  we-lch  kann  doch  wol  nur  =  got.  *hva-leiks 
sein  und  dürfte  misbräuchlich  allgemein,  auch  noch  neuer- 
dings von  Paul  mittelhochd.  gramm.  §  143.  s.  56.,  mit  „ge- 
brochenem" e  geschrieben  werden.  Man  beachte  auch  das 
noch  umlautsfreie  uualihhu  rehtu  "^qua  ratione?^  der  keroni- 
schen  glossen  (Graff  ahd.  sprachsch.  IV  1208.);  dann  ander- 
seits zi  uuilihero  uuis  bei  Graff  ebend.  aus  Vergilglossen, 
wodurch  allein  auch  das  althochdeutsche  seinen  anteil  hat 
an  der  auf  indog.  k'^e-  oder  k^i-  zurückführ  baren  composition. 
Sanskr.  ved.  na-hf  part.  ^ja  nicht,  denn  nicht,  gewis 
nicht,  durchaus  nicht',  ved.  iia-M  nü  *^ nimmermehr,  durchaus 


lateinischeil  sper'es  neben  spes  als  nom.  und  acc.  plur.  (Neue  formenl. 
d.  lat.  spr.  I^  570.,  Brugman  morphol.  unters.  I  24.).  War  zum  auf- 
geben von  "^'vi-um,  vi-hus  an  sich  dann  wiederum  weniger  triftige  ver- 
anlassung vorhanden,  so  mögen  eben  auch  deren  Substitute  viriu/n,  viri- 
bus nur  die  weiteren  folgerungen  aus  vires  sein,  sowie  altlat.  speribns 
neben  spe-bus  die  entsprechende  aus  speres. 


—     240     — 

nicht'  rgv.  I  167,  9.  IV  18,  4.  VIII  3,  13.  (vergl.  Grassmann 
wörterb.  z.  rgv.  721.  und  das  dort  citierte  prätig.  442,  483.); 
avest.  (nicht  auf  den  gäthädialekt  beschränkt)  zt  part.  Menn, 
certe,  also,  nemlich^  nach  relativen  z.  b.  yoi  zi^  yä  zi^  inter- 
rogativpronominen  z.  b.  hat  zi  ^quidnam?',  ye-zi  conj.  "^wenn, 
ob'  für  lautgesetzliches  ^yazt  aus  ^yad-zi  (s.  u.);  abulg.  zi 
„particula  in  codd.  recentioribus  non  raro  pronominibus  de- 
monstrativis  et  adverbiis  inde  derivatis  additur ",  z.  b.  ovü-zij 
onü-zi^  sX-zi^  se-zi^  ta-zi^  tako-zi^  toji-zi  (Miklosich  lex.  Pa- 
laeoslov.  225.  unt.  zi^  =  sanskr.  ved.  nachved.  Az' part/ denn, 
ja,  nemlich,  doch  (aufmunternd  in  befehls-  und  Wunschsätzen), 
allerdings,  ja  wol,  in  der  tat',  nach  verschiedenen  demon- 
strativis  z.  b.  sa  hi^  tad  hi^  iathCi  hiy  imam  hi^  nach  relativis 
z.  b.  yo  hi^  yad  hi,  yathä  hi^  yadi  hiy  nach  oder  mit  inter- 
rogativis  z.  b.  ko  hi^  kirn  hl,  katham  In  (Petersb.  wörterb. 
VII  1 609  f.),  ved.  nachved.  na-hi  'ja  nicht,  denn  nicht,  gewis 
nicht,  durchaus  nicht',  na-kinu  rgv.  I  80,  15.  VI  27,  3.,  nn-hi 
nü  *^nicht  ja  erst  jetzt'  rgv.  VIII  21,  7.;  avest.  zi  part.  'denn 
yt.  XIV  12.  (Justi  handb.  d.  zendspr.  125  b.  unt.  zi)^  ya-zi 
conj.  'wenn,  ob'  aus  *yad^-zi,  yazi-ca  'und  ob'  yt.  XXIV  47., 
ye-zi  conj.  'wenn,  ob'  für  lautgesetzliches  ya-zi-,  griech. 
homer.  att.  ov-xt  'nicht',  vaL-xl  'jawol,  allerdings,  wahrhaf- 
tig' (Sophocl.  Oedip.  rex  684. ,  Callimachus  epigr.  XXVIII  5. 
ed.  Meineke),  homer.  nachhomer.  rj-xT,  dor.  a-yji  'wo'  (in 
dem  versfragment  äxi  Aixa  (.dya  oa(xa  im  etymol.  magn. 
417,  1.).  Die  interjection  sanskr.  ht,  welche  staunen,  ent- 
setzen, schmerz,  lachen  und  behagen  ausdrückt  (Petersb. 
wörterb.  VII  1629.),  gehört  wol  als  eine  urschöpfung  der  alt- 
indischen spräche  nicht  zu  dieser  sippe.  Da  avest.  kat  zi 
yt.  VIII  57.  auf  einer  Verjüngung  durch  allezeit  frisch  erfol- 
gende zusammenrückung  der  beiden  einzelnen  demente  be- 
ruhen kann,  so  hindert  es  nicht  unsere  auffassung  des  ein- 


—     241     — 

maligen  ya:ii  als  ^yat-zi  =  sanskr.  yad-dhi  aus  ^yad  hi-^ 
vergl.  s.  234.  über  czc«,  naecit  neben  kat-cit.  Aus  ^yazi^ 
yazi  ist  aber  avest.  ye-zi,  ye-zi  geworden  durch  den  einfluss 
des  gleichbedeutenden  ^yedM,  yedhi  ""wenn'  ==  apers.  ynd^iy^ 
sanskr.  ved.  yddi,,  yädi.  Griech.  i.ii]-xi  ist  nur  bezeugt  durch 
Bekkers  anecd.  Gr.  p.  108,  14.:  ^vrixi'  log  vat^i  xat  ov%i.  Ev- 
ßovXog  JaLÖäho ;  woraus  sich  nichts  über  die  quantität  des  l 
ergibt.  Die  sicher  richtige  identificierung  des  -xi  in  vaL-yj^ 
ov-xL  mit  sanskr.  hi  geht  auf  Pott  wurzel  -  wörterb.  I  1,  567. 
zurück,  dem  ich  nur  in  der  herbeiziehung  der  litauischen 
enklitika  gi  „hinter  fragwörtern  z.  b.  kur-gi  *^wo  denn?'  und 
imper.  dük-gr  *^so  gib  doch' "  des  palatals  im  iranischen  und 
slavischen  wegen  nicht  beistimmen  kann.  Eoschers  meinung 
dagegen  ühev  furjxh  ^(^i^Xh  ^h^  und  rixi  Curtius'  stud.  III 143  if., 
„  dass  in  allen  vier  Wörtern  -xt  aus  ursprünglichem  -/.c  durch 
aspiration  entstanden  ist,  dass  wir  also  von  der  tenuis  aus- 
gehen müssen,  wenn  wir  diese  formen  erklären  wollen ",  führt 
lautgesetzlich  nicht  zum  befriedigenden  ziele.  Homer,  neu- 
ion.  neugriech.  ov-y.L  muss  nicht  mit  ov-xf ,  das  vai-ya  auf 
einer  attischen  vase  nicht  mit  vaL-xt  identisch  sein.  Nur  in 
ov-'ALj  val-xc  finde  ich  ein  pronomen  im  neutrum,  aber  nicht 
das  indefinite  indog.  k^id  'was',  das  ja  im  griechischen  als 
Tt  erscheint,  sondern  das  demonstrative  indog.  k^id  'dieses' 
=  got.  h?t{-a)y  ags.  hity  anord.  hit{t)y  das  neutrum  zu  dem 
masculin  lit.  szr-s^  abulg.  slj  altir.  ce  'dieser'  (Windisch  ir. 
texte  wörterb.  415  b.  unt.  1.  cfi\  welches  im  slavischen  durch 
die  neubildung  abulg.  sc  (vergl.  oben  s.  168.  anm.  1.)  ersetzt 
wurde:  also  homer.  rjh  Aal  ovyI  eigentlich  'oder  auch  dies 
nicht',  vaiia  'wahrlich  das,  dies  fürwahr,  allerdings  dies''). 


1)  Auch  mit  J.  Wackernagels  identificierung  des  multiplicativen  -vi 
in  TtolXa-yii  mit  sanskr.  cid  kann  ich  mich  nicht  befreunden,  und  nament- 
lich der  schUiss  „griech  *itiS  kann  aber  im  arischen,  da  mit  <;,  anlau- 

Osthoff  u.  Brngman  untersuch.  IV.  \  6 


—     242     — 

Die  bedeutungsgleichheit  zwischen  ov-yj  und  ov-y.i  konnte 
sich  leicht  herstellen  und  um  so  eher  befestigen,  als  in  einem 


tende  enklitika  nicht  existieren,  nur  durch  cid  reflectiert  werden",  ist 
für  mich  sehr  überraschend.  Griech.  -xt  muss  doch  nicht  um  jeden  preis 
verwantschaft  im  sanskrit  haben.  Dagegen  stimme  ich  darin  Wacker- 
nagel bei,  dass  in  Ttolht-ms  das  selbst  schon  adverbiale  neutr.  plur. 
'jtoXla  'viele  male,  oft'  (II.  B  798.  H  130.)  stecke,  sowie  in  homer.  oggol-xi 
roGGa-xi,  nachhoraer.  noGa-xt  (Plato),  navQä-xi  (Theognis  859.,  Hesych.), 
SiGGa-xi  Stxrä-xi,,  ohya-xi  (etym.  magn.  p.  172,  6.),  nXeiGra-xi^  tqig- 
ad-xc  die  betreffenden  adverbialen  neutra  plur.;  tt«?}^« 'selten'  gebraucht 
Hesiod  theog.  780.  Dazu  kommt  S-a/nd-xt  bei  Herodian  I  506,  17.  ed. 
Lentz  (vergl.  Lentz  zu  Herodian  II  220,  7.,  Gust.  Meyer  griech.  gramm. 
§  305.  s.  261.),  von  dem  gleichbedeutenden  primitivum  d-afid  adv.  'zu- 
samt, scharenweis,  dicht  gedrängt,  oft,  häufig'.  Ferner  können  *a^- 
rid'Xi ,  *  iGa-xc ,  *  onoGa-xt ,  *  7t£Qirrd-xt ,  *  nXsovd-xi ,  *  itvxvd-xi ,  *  gtiol- 
viä-xi,  *Gvxvd-xt  u.  a.  nach  den  Weiterbildungen  mit  -e^  d^nä-xis,  iGa-xis 
u.  s.  w.,  deren  belege  Bauuack  Kuhns  zeitschr.  XXV  240  f.  gibt,  voraus- 
gesetzt werden;  Ttvxvn,  Gv%vn  für  sich  allein  im  sinne  von  'oft,  häufig' 
sind  bekannt.  „Bemerkenswert"  erscheint  auch  mir  das  nv  in  dem  von 
Baunack  a.  a.  o.  aus  Plato,  Xenophon  und  Hesych  angeführten  roaav- 
rd-xis:  eine  deuthche  reminiscenz  an  das  neutrum  plur.  Nun  enthal- 
ten TiolXä-xi  und  genossen  meines  erachtcns  dasselbe  -xi  =  got.  hit{-a) 
wie  ov-xi,  vai-xc;  grundbegriff  also  dort:  'oftmal  dies,  dies  vielmal  ge- 
nommen'. Man  darf  ferner  annehmen,  dass  frühzeitig  unter  diesen  bil- 
dungen  von  adjectiven  eine  normalisierung  des  accents  vorgegangen  war, 
der  art  dass  sich  z.  b.  *oGGa-xi,  *r6aaa-xi,  *6Xiya-xi,  *iGa-xi  nach 
TtoXXä-xi,  SiGGa-xc,  rQiGGd-xi,  ^afiä-xi,  * 7teQirrd-xi ,  *7tvxvd.-xi  u.  dergl. 
richteten.  Überdies  hatten  solche  wie  *7iavQd-xi,  * nXelGra-xi ,  *7iXeo- 
vä-xt  wol  eigentlich  aussprachlich  nichts  zu  ändern ,  da  man  nur  der 
empfundeneu  worteinheit  wegen  nicht  die  Schreibung  der  zwei  accente 
wie  in  ttoZ^'s  r«s,  dvd-QOiTiös  rts  befolgt  haben  wird.  Durch  die  normali- 
sierung der  accentuation  wurde  die  einheit  des  wortbildungstypus  er- 
reicht, und  indem  man  dann  noXXä-xi,,  oGGa-xt  nicht  mehr  direct  auf 
noXXd,  oGGa,  sondern  auf  noXv-,  oggo-  überhaupt  bezog-  zufolge  des  von 
Paul  princip.  d.  sprachgesch.  t45  ff.  geschilderten  triebes  der  „Verschie- 
bung in  der  gruppierung  der  etymologisch  zusammenhängenden  Wörter", 
ward  auch  den  cardinalzahlwörtern  die  neue  multiplicativbildung  zugäng- 
lich, in  rer^d-xt,  jcevra-xi,  s^ä-xi,  £7Crd-xi,  oxxd-xi,  i^rjxovTÜ-xt  u.  a.,  und 
konnte  man  hinfort  auch  rovrd-xt,  *roGovrd-xi  statt  *rai'r«-xt,  '^roGav- 
rd-xi  sagen.    Wie  dann  die  form  -xts  aus  -xi  erwuchs,  zeigt  Baunack 


^ 


--     243     — 

falle,  bei  apostropbe  des  -i  vor  folgendem  aspirierten  vocale, 
beide  in  ov"/  sieb  begegneten;  ovx  '^'^h  ^^X  (^^t/uof^iai  können 
zu  OVY.L  und  zu  ovxL  geboren;  vor  eri  gab  es  wol  zuerst 
ov-y-hi  und  "^ov-x-eri,  und  das  etym.  magn.  368,  30.  be- 
merkt ganz  richtig:  cocpeUe  yaq  Uyeo&ai  ovyi  €Qxojnai.  Es 
sind  *ovx-£TLj  *ovxf  fQxojuat  später  gewieben,  da  man  den 
gebrauch  des  ovx  neben  dem  ovk  aus  ovkI  nach  dem  muster 
anderer  fälle,  wie  acp^  neben  a7t\  -/.ad-"  neben  xar\  avd-' 
neben  avx^  auf  die  Stellung  vor  Spiritus  asper  einschränkte, 
so  dass  hinfort  jedes  ovx  nur  als  eine  phonetische  (oder  gra- 
phische) modification  des  ovy,  erscheinen  mochte  und  Hero- 
dian  II  202,  9.  ed.  Lentz  allerdings  veranlassung  zu  seiner 


Kuhns  zeitschr.  XXV  243.  richtig:  durch  die  analogie  von  ,,Sii  xm^TQii, 
jenen  alten  indogermanischen  numeraladverhien".  W-ackernagel  a.  a.  o. 
zieht  auch  das  schwanken  des  auslauts  hei  ovrays  und  ovrco  herhei,  wie 
denn  auch  schon  die  alten  grammatiker  nach  Lentz  zu  Herodian  II 220, 7. 
das  hewegliche  -s  der'  numeral  -  und  der  übrigen  adverbia  als  eins  be- 
trachteten. Da  wir  den  dualismus  von  -a-ycis  und  -a-xi  erklären  können, 
so  vermute  ich,  dass  unsere  multiplicativen  adverbia  recht  eigentlich  die 
muster  wurden,  um  anderen  adverbien  das  gegen  den  hiatus  geeignete, 
so  zu  sagen  ephelkystische  -e  mitzuteilen,  das  sich  mittels  der  analogie 
der  fex-s,  ans,  iv-xus,  ixros  (Brugman  Kuhns  zeitschr.  XXIV  7 4  f.,  Kuhns 
Meyer  griech.  gramm.  §  303.  s.  2fi0.)  wegen  des  grösstenteils  constant 
festen  -s  dieser  letzteren  doch  wol  nicht  genügend  deuten  dürfte.  Viel- 
leicht zeigte  sich  gemäss  der  grösseren  formalen  ähnlichkeit  der  anwuchs 
des  -s  nach  dem  muster  von  Ttollaxi-z,  d-afinxi-s-  (Pindar  Nem.  X  72. 
Isthm.  137.,  Lentz  zu  Herodian  II  220,7.)  neben  nollaxi,  d'afiaxi  zu- 
erst nur  bei  solchen  auf  -«,  also  bei  ax^i-s,  jus'xQi-e,  av&i-s,  neQvn-s  (dor.), 
nurow/i-s  (Brugman  a.  a.  o.),  iyxvri-s  (Lentz  zu  Herodian  a.  a.  o.);  dar- 
nach dann  auch  allgemeiner,  in  iyyv-e,  'id'v-g,  sv&v-s,  jueaarjyv-s ,  avn- 
xQv-s  neben  ^iyyv^  Jd'v  u.  s.  w.,  in  ovroj-'S,  ovnco-s,  onco-s,  (o-g  neben 
ov-rco  u.  s.  w. ,  in  a-rge/ia-e,  riQSfias.  Dass  das  einzige  tarent.  n^ta-Tis 
'einmal'  den  reflex  von  sanskr.  cid  enthalte,  kann  man  allerdings  Wacker- 
nagel zugeben,  nur  ist  auch  hier  -s  im  griechischen  analogisch  zugefügt. 
Durchaus  falsch  urteilte  ich  noch  morphol.  unters.  II  19.  über  das  -x/s 
der  multiplicativa. 

16* 


^     244     ~ 

regel  über  ov%i  bekam,  dass  es  nvölTTore  aTroßolrjV  tov  7 
Ttdoxst.  über  jiirj-y-sTf.  gilt,  dass  es,  wenn  kein  * iurj-'AL 
neben  firj-xt  existierte,  trotz  Roschers  protest  doch  nur  eine 
bildung  „nach  falscher  analogie  von  ot-xcrt"  bleibt.  Eine 
spur  weiterer  gegenseitiger  beeinflussung  zwischen  ov-xl  und 
ov-'/d  dürfte  noch  in  der  accentuation  zu  finden  sein.  Indog. 
f/hH  war  nicht  enklitisch,  wie  das  vedische  sanskrit  zeigt; 
daher  auch  griech.  ov-xl  wie  ved.  na-ki^  na-hi\  während 
vielleicht  für  griech.  ov-vl  eigentlich  *  ov-y,i  zu  erwarten  wäre 
nach  7tolla-y.i  (vergl.  die  anmerkung  s.  241  ff.).  Es  heisst 
dann  ov-'aL  nach  ov-xi-  Aber  f^irj-x^^  vai-xt^  r]-xi  werden 
wir  der  grundsprachlichen  betonung  nach  mit  ved.  eva  lii 
rgv.  I  8,  8.  9.  10.,  te  hi  rgv.  I  90,  2.,  tan  hi  rgv.  I  94,  3. 
auf  gleiche  linie  zu  stellen  haben:  im  griechischen  ist  das 
ursprünglich  nicht  enklitische  -//  durch  verlust  seiner  Selb- 
ständigkeit in  folge  des  an  Wuchses  enklitikon,  daher  accent- 
los  gegenüber  dem  /<ij,  vai^  rj  geworden,  .wovor  es  in  oi-xl 
wegen  der  atonen  natur  des  ov  verschont  blieb.  Daher  ist 
nunmehr  auch  die  accentuation  in  firj-x^j  vai-xi  als  päroxy- 
tonen  bei  naturlanger  erster  und  kurzer  Schlusssilbe  von  der 
art  wie  in  i-iri  tT,  xa/  t^,  ti  tT^,  roL-vvv  u.  dergl.  Durch 
Apollonius  de  adverb.  p.  573,  5.,  Choerob.  dict.  427.,  26., 
epim.  Hom.  303,  22.  (in  anecd.  Oxon.  ed.  Gramer  I),  Hero- 
dian  I  9,  4.  5.  506,  1.  2.  II  71,  14.  200,  11.  202,  9.  26.  27. 
400,  25.  464,  9.  10.  ed.  Lentz,  etym.  magn.  315,  20.  607,  13. 
29.  638,  50.  52  adnot.  steht  die  verschiedene  betonungsweise 
des  ovy^i  gegenüber  ^Tqy.h  ^cc^Xh  W  ^^^^  J  vergl.  auch  Passow 
handwörterb.  unt.  vaLxt. 

Griech.  TQT-xcc-^/.-eg  m.  plur.  'die  in  drei  stamme  ge- 
teilten' Homer.  Od.  t  177.  Hesiod.  fragm.  CLXXVIII.  ed. 
.Marckscheffel  ==  griech.  homer.  nachhomer.  tq^-xcc  adv,  'drei- 
fach'.    Nähere  begründung  der   messung  TQTydlKEgj  sowie 


t 


—     245     — 

Verweisung  auf  andere  bildungen  aus  indog.  ti'i-  sieh  oben 
s.  210. 

Avest.  gäthädial.  paiti  adv.  *^ hinzu',  praepos.  und  post- 
pos.  mit  acc.  dat.  abl.  gen.  loc.  ^auf,  an,  zu,  bei,  für,  um, 
nach,  gegen,  wegen',  apers.  patiy  praepos.  und  postpos.  mit 
acc.  loc.  instr.  *^zu,  an,  gegen,  je  nach'  =  avest.  paiti  adv. 
praepos.  und  postpos.,  apers.  pati-kara-m  n.  'bild',  pati-pa- 
da-m  adv.  *^an  seinen  ort';  griech.  homer.  dor.  ^cozlj  ycori 
praep.  *^zu,  bei,  nach  —  hin',  verbalpraef. 

Sanskr.  pari-  in  ved.  päri-vrla-s  partic.  'umringt,  ein- 
geschlossen' (Petersb.  wörterb.  VI  699.,  Grassmann  wörterb. 
z.  rgv.  1322.),  pari'tta-s  partic.  'tibergeben,  überantwortet, 
anvertraut,  niedergelegt  bei  oder  in,  umgeben,  begrenzt' 
(Petersb.  wörterb.  III  575.  unt.  pari-dä-^  IV  563.),  ved.  nach- 
ved.  pari-nah-  f.  ' Umfassung,  verschlag,  truhe,  kästen',  ved. 
pari-gäsä'S  m.  "^ausschnitt',  nachved.  pari-kshit-  m.  nom.  propr. 
mehrerer  männer,  pari-näma-^  pari-ndya-y  pari-näha-^  pari- 
-täpa-j  pari-tosha-j  pari-däha-,  pari-däna-^  pari-päka-j  pari- 
-bhäva-j  pari-mäna-^  pari-rambha-^  pari-varta-^  pari-vada-^ 
pari-väpa-j  part-vära-^  pari-vdha-y  pari-vettar -^  pari-veca-j 
pari-cesha-y  pari-sheka-^  pari-sära-y  pari-hära-j  pari-häsa-y 
(Petersb.  wörterb.  IV  562  f.);  avest.  gäthädial.  pairi  adv. 
"^herum',  praepos.  und  postpos.  mit  acc.  instr.  dat.  abl.  loc. 
*^um,  während,  für,  von  —  weg,  über,  unter,  bei',  apers. 
parit/  praepos.  mit  acc.  'um,  über'  ■=  sanskr.  ved.  nachved. 
pari  adv.  'rings,  umher,  weiterhin,  entgegen',  praepos.  mit 
acc.  'um,  gegen,  nach  —  hin,  entgegen',  mit  abl.  'von  —  her', 
verbalpraef.;  avest.  pairi  adv.  praep.  verbalpraef.;  griech. 
7C£QL,  jveQi  adv.  praepos.  mit  gen.  dat.  acc. 'um,  über',  verbal- 
praef. 

Sanskr.  prati-  in  ved.  nachved.  prali-ka'  adj.  'entgegen- 
tretend, zugewandt,  widrig,  entgegengesetzt,  verkehrt',  n.'das 


—     246     — 

äussere,  Oberfläche,  äussere  gestalt,  antlitz,  facies,  abbild, 
Sinnbild',  prati-c-i'  adj.  f.  'zugewandt,  zugekehrt,  adversus, 
zurückgewandt^  prati-c-mä-s  adj.  ^'entgegenkommend,  zuge- 
wandt, adversus',  prati-c-ina-s  adj.  'abgewandt,  aversus,  hin- 
ten befindlich,  nachfolgend,  zukünftig',  nachved.  prati-c-ya- 
adj.  'im  westen  befindlich',  subst.  'westen',  ved.  nachved. 
prati'kücä-s  m.  'Widerschein,  schein,  aussehen',  ved.  pt^ati- 
-bodhd-s  m.  'Wachsamkeit',  pi^ati-vartd-s  adj.  'in  sich  zurück- 
laufend', pruti-vi-  adj.  'annehmend,  gern  empfangend',  m. 
oder  f.  'empfangnahme',  nachved.  praü-kära-^  pruti-ykäta-j 
prali-toda-j  prati-dar(;d-^  prati-nähü-^  pruti-müna-^  prati-rädha-j 
prati-väpa-y  prati-väka-j  prali-vera-j  prati-sara-mj  prali-hara-^ 
praü-häsa-  (Petersb.  wörterb.  IV  988.  989.  990.  991.  992.); 
2ih\\\^.  proti  praepos.  mit  dat.  '/cQog,  ad',  proti-vü  adv.  'con- 
tra^, proti-va  adv.  'e  regione',  praepos.  mit  dat.  acc.  '/c^og, 
versus'  =  sanskr.  ved.  nachved.  präti  praepos.  und  postpos. 
mit  acc.  abl.  'gegen,  nach,  zu,  bei',  verbal-  und  nominal- 
praef.,  prati-ka-s  adj.  'einen  kärshäpana  wert'  nur  bei  gram- 
matikern  belegt  (Böhtlingk  -  Roth  IV  945.);  griech.  homer. 
7cqoT^i  praepos.  mit  gen.  dat.  acc.  'zu,  bei,  nach  —  hin'. 

Sanskr.  ved.  yddi  conj.  'wenn';  apers.  i/ud^iy  conj.  'wenn, 
als^  ==  sanskr.  ved.  nachved.  ydd'r^  avest.  yedhi  conj. 'wenn, 
ob',  apers.  yadH-pad^^iy  'wenn  vielleicht'  auf  der  Inschrift  von 
Persepolis  NRa.  38.  (Spiegel  altpers.  keilinschr.  52.).  Der 
gebrauch  des  yedhl  ist  im  avesta  sehr  eingeschränkt  zu  gunsten 
der  mischbildung  aus  ihm  und  yazi,  avest.  yezl  (s.  241.); 
nur  in  der  Verbindung  yedhi  zi  =  sanskr.  yddi  hi  hat  man 
aus  dissimilatorischem  bestreben  das  yezi  nicht  einzuführen 
gewagt,  was  Justi  handb.  d.  zendspr.  249  b.  so  aufiasst: 
„Folgt  zi  (denn),  so  wird  yezi  dissimilations  halber  zu  yedhi 
abgeplattet ;  oder  sollte  yeti  erst  aus  contraction  von  yedhi  zi 
entstanden  sein?" 


I 


—     247     — 

Saniskr.  vi-  in  vi-ta-s  adj.  'vergangeu,  geischwundcD,  nicht 
da  seiend,  fehlend,  abgängig,  unbrauchbar'  (sieh  oben  s.  76  f.), 
vi'ttü-s  partic.  praet.  von  vi-dü-  atharvav.-prätig.  LEI  11.  schol. 
(Petersb.  wörterb.  VI  1295.),  ved.  vi-barhä-s  m.'^das  zerstreuen, 
verjagen',  ved.  nachved.  vi-rüdh-  f.  ^gewächs,  kraut',  ved. 
vi'-rudha-  n.  dass.,  nachved.  vi-rudhd  f.,  vi-rudhi-  f.  dass., 
vi'kucu-y  vi'lamsa-j  vi-näha-j  vi-märya-j  vi-vadha-j  vi-vadhika-, 
vt-sarpa-  (Petersb.  wörterb.  VI  1289. 1293.  1296.  1304  f.  1307.); 
avest.  Vi  adv.  'auseinander,  fort,  gegen',  verbal-  und  nominal- 
praef.  'zer-,  auseinander',  vi-tura-  adj.  compar.  'weiter',  vi- 
-tarc-ni  neutr.  adv.  'weiter';  lat.  vi-t-üre  ""fern  sein  lassen, 
meiden'  (s.  76f.);  anord.  vi-^-r,  ags.  vi-d,  alts.  wi-d^  ahd. 
mhd.  wi-t  adj.  'weit,  von  grosser  ausdehnung,  umfangreich, 
entfernt'  (s.  7  6  f.)  =  sanskr.  ved.  nachved.  vi  praepos.  be- 
zeichnet 'trennung'  und  'abstand',  verbal-  und  nominalpraef., 
vi-tara-s  adj.  'weiter  führend'  (von  einem  pfade)  ^atapatha- 
brähm.  XIV  7,2,11.,  ved.  vi-tard-m  adv.  'weiter,  ferner' 
(von  räum  und  zeit),  vl-tara-ni  adv.  'weiter  weg';  avest.  vi 
adv.  verbal-  und  nominalpraef.,  vi-ta-  adj.  'getrennt'  (s.  76  f.); 
anord.  vi-^  adv.  und  praep.  mit  dat.  oder  acc.  'gegen,  wider, 
bei,  mit',  ags.  vi-lS  praepos.  mit  dat.  oder  acc.  'gegen,  wider', 
neuengl.  wi-th,  afries.  wi-tli  praepos.  'gegen',  alts.  wi-th  wi-dh 
wi-d  praepos.  'wider,  gegen',  got.  vi-pra  adv.  in  Zusammen- 
setzungen, praepos.  mit  acc.  'gegen'  (freundlich  und  feind- 
lich), örtlich 'gegenüber,  vor',  anord.  vi-^r^  ags.  ivi-^er^  afries. 
wi-ther  we-lher^  alts.  tri-lhur  tvi-dar  wi-dlier  tvi-de-r  adv. 
in  Zusammensetzungen,  praepos.  mit  dat.  acc.  instr.,  ahd. 
wi'tliar  wi-dhar  wi-dar  wi-dir  wi-dery  mhd.  ivi-der  adv. 
'gegen,  entgegen,  zurück',  zeitlich  *  wieder,  wiederum',  prae- 
pos. mit  dat.  und  acc.  'gegen,  gegenüber',  nhd.  wi-der  adv. 
praepos. ,  wie-der  adv.  Schwerlich  treffen  Böhtlingk  -  Roth 
Petersb.  wörterb.  VI  1035.  das  richtige,  wenn  sie  in  vi-tara-s 


—     248     — 

'weiter  führend'  anstatt  einer  comparativbildung  eine  Zusam- 
mensetzung mit  tara-Sj  nomen  agentis  zu  /«/•-  'tiberschreiten', 
sehen. 

Sanskr.  anü-  in  ved.  nachved.  dnü-ka-  m.  n.  'rückgrat, 
der  den  rückgrat  des  feueraltars  bildende  streifen',  n.  'ge- 
schlecht, familie,  eigentümlichkeit  des  geschlechts,  tempera- 
ment,  Charakter',  m.  'frühere  geburt',  eigentlich  adj.  'eine 
gerade  fortlaufende  richtung  einhaltend',  ved.  anü-k-ya-m  n. 
'rückgrat',  ved.  nachved.  anü-c-i  und  anü-c-i  adj.  f.  'der 
richtung  eines  andern  folgend,  hinterher  folgend,  der  länge 
nach  genommen',  anü-c-ya-m  n.  'das  langbrett  eines  bettes', 
anü'C-md-s  adj. 'auf  einander  folgend',  anü-radhd-s  adj. 'heil, 
gedeihen  schaffend',  anü-rüdh-  adj.  'anhängend,  nachstrebend' 
rgv.  III  55,  5.  (Petersb.  wörterb.  I  216.  unt.  anun'idh-);  miü- 
-vfj-  m.  f.  'ein  körperteil  in  der  nähe  der  rippen',  nachved. 
anü'bdndhya-  adj.  '(zum  opfer)  anzubinden',  anü-yäjd-s  m. 
'nachopfer'  mit  ü  in  den  taittiriya-büchern  geschrieben  nach 
Säyana  z.  aitareya-brähm.  111.  (Petersb.  wörterb.  I  214.  unt. 
anuydjd')^  anü-rädhä  f.  'das  15te  der  mondhäuser';  apers. 
anuv  praepos.  mit  loc.  'längs,  an'*)  =  sanskr.  ved.  nachved. 
dnu  adv.  'hinterher,  später,  darauf,  wiederum,  ferner',  prae- 
pos. und  postpos.  mit  acc.  abl.  'entlang,  über  —  hin,  längs, 
an,  durch  —  hin,  zu  —  hin,  nach  —  hin,  hinter,  hinter  — 
her,  zur  zeit  von,  um,  unmittelbar  nach,  nach,  auf,  gemäss, 
nach  art,  entsprechend,  in  betreff  von,  in  bezug  auf,  in  folge, 
wegen',  verbal-  und  nominalpraef.,  dnu-ka-s  adj. 'hinter  etwas 
her,  begierig,   abhängig',  ved.   anu-rüdh-  adj.  'anhängend. 


1)  Die  im  auslaut  geschehende  Verallgemeinerung  der  formen  mit 
-i,  -ü  im  altpersischen  (s.  225  f.)  und  die  graphische  darstellung  dieser 
durch  -iy ,  -uv  (vergl.  s.  40.  anm.)  hat  dazu  geführt,  ein  -?/,  -v  in  der 
keilschrift  auch  hinter  das  im  diphthonge  stehende  -/,  -m  zu  hängen,  also 
in  duraiy^  Bäbirauv  loc.  sing. 


—     249     — 

Dachstrebend'  väjasaneyi-samh.  XXX  9.,  nachved.  unu'i/üjä-s 
m/Dachopfer',  umi-/'ud/iät'dsLS  15te  der  mondhäuser';  avest. 
anu  prae-  oder  postpos.  mit  acc.  'läogs,  nach,  in',  adv.  verbal- 
und  nominalpraef.,  apers.  cmu-siija  m.  ^nachfolger,  anhänger'. 
—  Hier  ist  der  ort,  über  sanskr.  ä/iü-ka-:  dnu-ka-^  sowie 
dni-ka-:  avest.  aini-ka-  (s.  222  f.),  lat.  untl-quo-:  sanskr.  anti- 
-kä-  (s.  224.),  sanskr.  äbhi-ka-  (abhi-ka-) :  äbhl-ka-  (s.  227  f.), 
yräti-ka-:  prati-ka-  (s.  245  f.)  zusammenfassend  zu  handeln. 
Es  können  die  indischen  bildungen  auf  -i-ka-^  -ü-ka-  mit  den 
bekannten  compositen  auf  -y-anc-^  -v-anc-j  wie  praty-dnc-^ 
anv-diic-j  formal  nichts  weiter  als  das  stammhafte  adverb  ge- 
meinsam haben;  jene  sind  nur  directe  ableitungen  aus  den 
adverbien  (praepositionen)  mit  secundärem  -A'^ö-suffix,  so 
gut  wie  ihre  correlate  mit  sanskr.  -i-ka-y  -u-ka-.  Bei  lat. 
anti-quo-s  ist  auch  jeder  versuch,  das  -I-ywö  auf  die  nasa- 
lierte suffixform  von  yrop-inquo-s y  lojuj-inqiio-s  zurückzu- 
bringen, als  lautgesetzwidrig  abzuweisen.  Von  sanskr.  prd- 
tt-ka-y  dnü-ka-  sind  aber  ferner  nicht  die  formen  mit  -i-c- 
und  'ü-c-  in  dem  paradigma  der  -y-anc-y  -^)-«wc-adjectiva, 
wie  prati-c-a  -e  -ds  -aviy  fem.  prati-c-iy  anü-c-a  -e  -ds  -um^ 
fem.  miü-c-iy  zu  trennen,  sowie  diese  letzteren  andererseits 
mit  der  nasalierten  Stammform  auf  -anc-  in  den  starken  casus 
auch  eine  vermittelung  nach  den  lautgesetzen,  was  noch  Jph. 
Schmidt  Kuhns  zeitschr.  XXV  96.  nicht  erkannte,  nicht  ein- 
gehen. Wie  tudat-ä y  tu(htl-ey  tiidat-dsy  tudat-äm  mit  tuddl-siiy 
tuddd-bhis  gleiche  Stammform  haben,  so  müssten  auch  neben 
praty-ak-shu  praty-ay-bhisy  anv-ak-shu  afw-ag-bhis  eigentlich 
stehen  "^ praty-ac-a  -e  u.  s.  w. ,  *  anv-ac-ä  -e  u.  s.  w.  Auch 
griech.  -a/c-6  in  akkod-a/c-o-gy  /cod-a/c-o-g  =  indog.  -iik'^-d- 
(Bezzenberger  in  seinen  beitr.  IV  337  ff.)  könnte  unmöglich 
mit  vorhergehendem  -j^-,  -ß-  eine  contraction  zu  "^-ijc-ö-y 
"^mc-o-  erleiden.    Und  wo  wäre  im  sanskrit  etwas  wie  *^'w- 


—     250     — 

-bhisj  '^cü'shu  statt  rvä-bhis^  (wd-su  von  gvan-j  wie  '^marul- 
'üt-uSy  *  ?nurut-üt-i  statt  niurül-vat-as  ^  mariU-vat-i  von  ma- 
rüt'vaiU-  erhört?  Ich  meine  also,  dass  die  ableitungen  mit 
-A:^o- Suffix  und  dem  stärkeren  auslaute  des  stammadverbs 
(-^-,  -ü-)  davor,  sanskr.  präti-ka-Sj  äiiü-ka-s  u.  dergl.,  auf  die 
declination  der  -ö/7c  -  bildungen  in  dieser  spräche  eingewirkt 
haben  müssen.  Jene  hatten  auch  in  ihrer  o  -  declination  einen 
lautgesetzlichen  Wechsel  zwischen  -ka-  =  indog. -^'^o-  und 
-ca-  =  indog.  -k^e-  entwickelt;  vergl.  Job.  Schmidt  Kuhns 
zeitschr.  XXV  96  ff.  Wurde  dieser  Wechsel  zu  gunsten  der 
-c- formen  ausgeglichen,  wie  es  bei  ni-ca-  tatsächlich  sich 
zeigt,  so  näherten  sich,  da  ja  ein  gleiches  bei  den  compo- 
siten  (oder  pseudo  -  compositen  ?)  auf  -ahk-  -ujic-  geschah 
(Job.  Schmidt  ebend.  95  f.),  z.  b.  die  beiderseitigen  genitive 
sing,  als  *prati-cä-sjja  (indog.  protl-k^e-sj.o)  und  *prati/- 
-ac'dSj  ni-cä-sya  (=  indog.  nl-k^e-sio)  und  *?ii/-uc-dsj  *a7iü- 
-cd-sya  und  ^anv-ac-ds]  das  ergab  leicht  bei  der  gleichen 
bedeutung  die  mischbildungen  pratk-dSj  anuc-ds.  Die  loc. 
sing,  prati-ce^  ni-cej  anü-ce  von  ^prati-ca-  (=  prdli-ka-)^ 
ni-ca-j  *afiü-ca-  (=  dnü-ka-)  konnten  ohne  weiteres  als  da- 
tive  pratic-e^  nic-e^  unuc-e  für  ^ prattjac-e^  '^nyac-e^  ^  aiwac-e 
einrücken.  Geht  man  auf  die  ältere,  indogermanische,  noch 
in  den  veda  hinabragende  bildungsweise  des  instrum.  sing, 
und  gen.  plur.  der  -ö -stamme  zurück,  so  waren  bei  dem 
-  c«  -  paradigma  auch  die  formen  prali-cä'j  prati-cam  fertig, 
um  ^praty-ac-äy  ^ praty-ac-am  verdrängen  zu  können.  Auch 
die  feminina  mit  movierendem  -i  zu  den  -A'^o-bildungen, 
prati-c-i  (ved.  auch  prati-c-i-m  acc.  sing.),  nl-c-ij  unä-c-i 
(ajiu-c-i)j  konnten  leicht  für  "^ pruty-uc-i  u.  s.  w.  eingestellt 
werden.  Die  -i-ka-^  -w-Äa-adjectiva  aber  bildeten,  nachdem 
sie  diesen  dienst  mit  ihren  -c-formen  den  -ß//f-stämmen  ge- 
leistet hatten,  darnach  sich  ihre  casus  neu  von  der  den  gut- 


—     251     — 

tural  -k-  durchführenden  Stammform,  ausgenommen  nachved. 
nl'ca-j  das  anders  ausglich'). 

Sanskr.  ved.  sä  adv.  'wol,  gut',  praef.  in  den  compp. 
ved.  sü-nära-s  adj.  ^froh,  freudig,  wonnig,  erfreulich^,  ved. 
nachved,  sü-nfta-s  adj.  'fröhlich,  wonnig,  freundlich',  su-nftä 
f.  'freude,  wonne,  frohlocken,  jubel,  jubellied,  freundlichkeit', 
\Qd.  6u-bharva'S  adj.  *^wolgenärt',  sü-niäya-m  adj.  neutr. 'von 
guter  arbeit'  rgv.  VIII  66,  11.,  sü-ydvasa-  adj. 'weidereich',  n. 
'eine  gute  weide';  avest.  hü  adv. ''gut'  ys.  XXXIV  13.,  comp. 
hü-sfinäthra-  adj.  'gut  waschend,  gut  reinigend',  hü-sUnä- 
thf'äos'Cä  acc.  plur.  fem.  ys.  XXXVIII  9.  =  sanskr.  ved.  nach- 
ved. SU  adv.  praef.,  su-mäya-m  rgv.  VIII  66,  11.  (padapätha), 
ved.  su'ijävasa-  (ausserhalb  des  rgveda,  in  letzterem  pada- 
pätha -  lesart) ;  avest.  hu  adv.  'gut'  yt.  XVI  3.,  hu-  praef.  in 
vielen  compp.;  altir.  su-j  so-  'bene'  praef.,  z.  b.  in  su-lhain 
adj.  'perpetuus',  so-nirt  adj.  'firmus,  fortis',  so-chruth  adj. 
'schön'  (Windisch  bei  Curtius  grundz.^  375.).  Das  griech.  eu 
bei  Homer  und  epikern  lässt  ohne  alle  aufschlüsse,  denn 
diese  alte  zweisilbige  form  wird  als  solche  nur  vor  doppel- 
consonanz  notwendig  gelesen,  wo  also  v  in  der  arsis  des 
daktylus  stehend  auch  durch  position  ^lang  wird;  in  der 
thesis  kann  auch  schon  bei  Homer  statt  hü  stets  contrahiertes 


1)  Selbstverständlich  sind  sam-y-äflc-,  sam-T-c-i,  sam-i-c-hid-  und 
lid-t-c-i,  ud-l-c-ina-  nur  analogiebildungen  nach  praty-äüc-,  prati'-c-'i, 
praty-c-inä-  oder  pratt-c-i'na-,  sowie  nach  ny-afic-,  m-c-i,  m-c-tna-,  wie 
auch  schon  Joh.  Schmidt  jene  auffasst,  und  sam-l-kä-m  'feindliches  zu- 
sammentreffen' nach  «///^r-X:«-/« 'zusammentreffen',  pm/^-Arö-m' Oberfläche, 
äussere  gestalt'.  Wie  Mahlow  es  rechtfertigen  will,  dass  er  d.  lang.  voc. 
A  E  0  79.  präfika-m,  äiiika-iii  ^=  griech.  nQoacDno-v,  evcono-v  setzt  und 
ebenso  ahhika-  als  sanskritische  umwandelung  aus  *abhi-aka-  deutet, 
muss,  wie  vieles  ähnliche,  ihm  selbst  überlassen  bleiben.  Richti»  ist  bei 
Mahlow  a.  a.  o.  nur,  dass  auch  er  in  änika-  n.  „noch  die  praeposition 
*a/ti  enthalten"  sieht;  vergl.  oben"  s.  222  f. 


—     252     — 

SV  gelesen  werden.  Dasselbe  gilt  über  das  adjectiv  It-g: 
an  stellen  wie  IL  iV  246.  ^sQa^cwv  €vg  avreßolrioevj  iV  (391. 
Blag  T^  evg'  amaq  ^ETteuov  kann  einsilbiges  evg  gelesen 
werden.  Damit  soll  nicht  gesagt  werden,  dass  zweisilbige 
Ivy  Ivg  vermieden  werden  müssen;  nur  sind  sie  nicht  sicher 
überliefert.  Da  man  aber  mit  langem  *£<)-  unbedenklich 
operieren  darf,  so  kommt  in  frage,  ob  nicht  homer.  eü^fxe'Urjg 
von  der  durch  Hartel  in  seinen  homer.  stud.  I'  1  ff.  vertre- 
tenen erklärungstheorie  (vergl.  auch  Gust.  Meyer  griech. 
gramm.  §  288.  s.  247.)  dadurch  auszunehmen  sei,  dass  man 
es  hinfort  ev-^uUrjg  liest. 

Sanskr.  ved.  ü  enklitische  partikel  *^und,  auch,  ferner, 
anderseits,  hinwiederum,  dagegen,  nun,  schon,  sogleich',  oft 
nur  hervorhebend;  avest.  gäthädial.  -ü  als  festgewachsenes 
enklitikon  in  den  dritten  personen  sing,  und  plur.  imper. 
praes.  und  aor.,  wie  sing,  irat-ü^  vi-vanhat-üj  verezt/dt-ü^ 
aiwy-äkshaijat-üj  ast-üj  jant-üy  dät-üy  pät-ü^  säst-ü^  mroot-ü^ 
sraot-üy  dudät-üj  plur.  heiit-üj  scant-ü  (von  sac-)^  apers.  -uv 
in  denselben  Imperativformen,  sing,  barat^-uv,  pät^-uv^  ni- 
-kant'-uvy  dadüf-uv  (pluralformen  sind  nicht  belegt)  =  sanskr. 
ved.  nachved.  u  enklitische  partikel,  -u  festgewachsen  in  den- 
selben Imperativformen,  z.  b.  ved.  sing,  bhavat-u,  bödhat-Uy 
vahat-Uj  ast/at-Uj  suvat-Uj  kalpayat-Uy  (jachat-u,  pibai-Uy  si- 
dat-Uy  ast'Uy  et-Uj  dät-Uj  dhat-u,  pät-Uy  hant-Uy  bruvit-Uy  eröt-Uy 
bhüt-Uy  dadät-Uy  dadhät-iiy  pipart-Uy  ^rnöt-Uy  aiiakt-Uy  prnäkt-Uy 
punat-u  y  plur.  bhävant-Uy  vähant-Uy  mühtjant-Uy  vicant-Uy  su- 
vant-Uy  vardhajjant-Uy  gachant-Uy  pibant-Uy  sidant-Uy  sänt-Uy 
yäni-Uy  dhänt-Uy  pänt-Uy  bruvant-Uy  cruvant-Uy  dadhant-Uy  crji- 
vänt-Uy  anjant-Uy  ptmant-u]  avest.  -u  in  denselben  Imperativ- 
formen, z.  b.  sing.  barat-Uy  vanhat-Uy  hacat-Uy  disyat-Uy  mi- 
tayat-Uy  ast-Uy  jant-Uy  mithnat-Uy  plur.  patant-Uy  barent-iiy 
pärayaht'Uy  vädhayant-Uy  jasehl-Uy  isent^Uy  yant-Uy  a-frinent-Uy 


—     253     — 

jahhent-u  (aorit  mit  -.v-);  griech.  7tav-v  adv.  *^ganz,  sehr, 
gar  sehr'  (vergl.  Curtius  grundztige  d.  griech.  etymol;'  467., 
Sonne  Kuhns  zeitschr.  XII  284.  anm.**).  Um  mit  letzterem 
zu  beginnen,  so  ist  in  7rctv-'i'  die  hervorhebende  partikel  an 
das  adverbial  gebrauchte  neutrum  zu  Tcag  angefügt,  ^tav 
aus  ^itavT  ist  die  normale  und  ohne  zv^eifel  einst  gemein- 
griechische form  dieses  neutrums  gevresen.  Sie  verblieb  bei 
den  Aeoliern  und  Doriern  nach  Herodian  II  12,  22  sqq.  ed. 
Lentz,  allgemein  in  TCQo-jtavj  a-Ttavy  ovfi-TcaVy  zweimal  ent- 
halten in  dem  „ reduplicierten  neutrum"  7taf.i-7tccv  (Curtius 
a.  a.  0.);  jedoch  findet  sich  attisch,  sowie  bei  Pindar  und 
Theocrit,  auch  a-rcäv  neben  a-jtav,  Vergl.  die  bei  Passow 
handwörterb.  unt.  ajtag  und  Ttäg  angeführte  litteratur.  Das 
vulgäre  /täv  ist  nicht  lautgesetzlich  „in  folge  der  einsilbig- 
keit"  gedehnt,  wie  es  nach  Job.  Schmidt  Kuhns  zeitschr. 
XXV  15.  und  Brugman  morphol.  unters.  III  125  f.  erscheinen 
könnte;  solche  lautgesetzliche  dehnung  kenne  ich  überhaupt 
im  griechischen  nicht.  Vielmehr  ist  ftav  analogiebildung 
nach  dena  masculinen  /rap,  wie  es  eigentlich  schon  Herodian 
a.  a.  0.  mit  öiu  yag  ro  öi-^aöd-ai  tijv  TteQiOTtwiiievrjv  rov  7Cag 
agaeviKov  eATslvet  rd  ä  erklärt;  ^rag  :  Jtctv  =  xalog  :  xakov 
oder  =  ccTtXovg  :  cltxXovv  war  eine  wol  mögliche  formen- 
association.  Die  einsilbigkeit  hat  nun  zwar  auch  nach  meinem 
dafürhalten  etwas  zu  schaffen  mit  der  differenz  von  nav  und 
a-7tavy  ovjii-7taVf  TtQo-Ttav:  letztere  wurden  durch  die  ana- 
logie  von  jn^Xäg  fxilaVj  raXäg  raXav  und  Ivoäg  Ivöav  ge- 
schützt, die  bis  auf  /tav  wegen  dessen  verschiedensilbigkeit 
sich  nicht  erstreckte ;  bei  der  Schöpfung  von  7cav  erwies  sich 
der  trieb  nach  „stofflicher"  ausgleichung  stärker  als  der- 
jenige nach  (hier  conservierend  wirkender)  „formaler",  und 
das  hängt  wieder  mit  dem  s.  235  ff.  anm.  geschilderten  bedürf- 
nis  der  sprechenden  zusammen,   bei  einsilbigen  wortformen 


—     254     — 

in  erster  linie  das  gefiihl  des  bedeutungsausdruckes  vor  dem- 
jenigen der  formalen  beziehung  zu  haben.  Vereinzeltes  a-7täv 
statt  a-7tav  mag  dann  erst  wieder  nach  :rtav  gebildet  sein. 
Den  Lesbiern  aber  wäre,  wie  man  sieht,  jene  neuschöpfung 
des  Ttav  unmöglich  gewesen,  wegen  ihres  masculins  ^alg  für 
Ttag.  Gänzlich  verfehlt  ist  Gust.  Meyers  beurteilung  der 
flexion  von  Tcag  griech.  gramm.  §  313.  s.  268.  §  333.  s.  284., 
der,  ein  ^TtaFevr-  als  grundform  construierend  (ähnlich 
mit  anknüpfung  an  den  pronominalstamm  Jto-  Pott  wurzel- 
wörterb.  12,828.,  Curtius  grundz.'  467.,  Delbrück  syntakt. 
forsch.  IV  136.  anm.  1.),  gerade  umgekehrt  Ttäv  für  das 
ältere  und  TtQo-Txav,  a-Ttav,  dor.  aeol.  Tcciv  für  kürzungen 
nach  der  analogie  von  fuelav^  TccXav  hält.  Wenn  es  hier 
mit  der  contraction  etwas  wäre,  so  mtissten  doch  auch  die 
casusformen  TvävT-a,  TtavT-sgy  Ttavr-ag  den  circumflex  haben, 
und  vor  allen  dingen  hätten  als  „isolierte  formen"  die  ad- 
verbia  7tav-v^  Ttaju-Ttav  vielmehr  als  *7rav-Vj  *7rdjii-7rccv  zu 
erscheinen.  Gust.  Meyer  erklärte  doch  das  bei  Herodian 
II  12,  21.  ed.  Lentz  aus  einem  dichter  angeführte  t7Tavaßm> 
als  „nach  der  länge  im  masculinum  gewagt",  warum  nicht 
auch  7täv'>  —  Was  dann  jene  indo-iranischen  imperativformen 
auf  -/?/,  -nüt  anbetrifft,  so  habe  ich  das  material  derselben 
(weiteres  bei  Delbrück  altind.  verb.  §  76.  s.  58  f.  §§  95.  96. 
s.  65 f.,  Bartholomae  altiran.  verb.  §  58.  s.  46 f.  §  78.  s.  50.) 
darum  etwas  gehäuft  aufgeführt,  damit  man  alsbald  tiber- 
schaue, wie  nach  abzug  der  enklitischen  partikel  in  der  tat 
in  allen  stammclassen  nichts  anderes  zurückbleibt  als  die 
Delbrückschen  „unechten  conjunctive"  oder  die  Brugman- 
schen  „  injunctive "  (morphol.  unters.  III  1  ff.) :  regelrechte 
„gunastufe"  oder  „verstärkte  wurzelform"  der  augmentlosen 
singularen  praeteritalform  in  solchen  der  zweiten  hauptcon- 
jugation    wie    sanskr.   n-t-v^   dvesh-t-u,   ns-t-u,  han-t-Uj   da- 


—     255     — 

(Ihd-i-v  ^  cpw-i-u^  priiak-t-u,  pmiä-t-v^  zugleich  bewahrung 
des  vollen  ursprünglichen  personalausgangs  -nt-  in  der  3.  plur. 
und  der  consonantengruppen  in  8.  sing,  dvesht-u^  ast-u,  hnnt-u, 
pipcü^t-y,  prndkt-u  u.  dergl.  unter  dem  schütze  des  Inlauts; 
wegen  der  frühen  Verschmelzung  auch  im  sanskrit  kein  -d- 
in  gacha(-u,  hhift-Uj  et-Uy  dadhät-n,  ernöt-7/,  punat-u  wie 
bei  losem  u  in  ved.  dgachad  u  rgv.  III  31,  7.,  dbhüd  u  rgv. 
I  46,  10.  1 1.  III  5,  3.  VI  64, 1.  VII  76,  2.  Grassmann  wörterb. 
z.  rgy.  240  f.  belegt  den  gebrauch  des  nicht  festgewachsenen 
71  (?/)  bei  verbalformen  im  veda.  Es  bezeichnet  darnach  ?/ 
„  das  sofortige  eintreten  der  handlung,  und  zwar  erstens,  wenn 
das  diese  handlung  bezeichnende  verb  im  praesens  indicativ 
steht 'nun,  schon,  sogleich'";  „ebenso  bei  Zeitformen  der  Ver- 
gangenheit, wo  es  durch  'schon,  soeben,  sogleich "*  übersetzt 
werden  mag";  endlich  „ebenso  beim  imperativ  und  dem  in 
iraperativischem  sinne  stehenden  conjunctiv  und  optativ". 
Beispiele  für  den  letzteren  fall  sind  u.  a.:  rgv.  VI  24,  9. 
stha  ü  sMi  ürdhvdh  'steh  aufrecht  bald',  rgv.  VII  34,  12. 
drislito  (=  *dinshfa  u)  asman  'o  unterstützt  uns',  rgv.  VIII 
50,  5.  cagdhy  ii  shü  'o  sei  du  hilfreich'.  Es  gibt  bei  unseren 
3.  sing,  und  plur.  auf  -/-?/,  -nt-u  im  sanskrit  und  avestischen 
kaum  discrepanzen  zwischen  der  form  vor  -u  und  der  ent- 
sprechenden praeteritalform  ohne  augment  (=  „injunctiv- 
form").  Das  "^dadh-ant  in  ved.  dadhant-u  rgv.  VII  62,  6.  ist 
älter  in  der  endung  als  d-dadh-us  imperf ,  da  letzteres  wie 
überhaupt  die  praesensbildungen  der  dritten  und  die  redupli- 
cierenden  der  zweiten  classe  {d-dad-us^  a-jaksh-us)  wegen  des 
Übereintreffens  in  der  reduplicierten  wurzelform  später  die 
endung  der  3.  plur.  perf.  -its  (dudh-üsj  dad-us)  annahmen; 
ved.  dadhat-u  rgv.  VII  51,  1.  aber  ist  neubildung  nach  der 
indicativform  des  praesens  dadhati  (rgv.  I  55,  5.)  aus  ^dd- 
dh-niiy  indem  das  häufige  Verhältnis  -anti :  -mtf-u  vorbildlich 


—     256     — 

werden  d.  i.  die  neue  Wechselbeziehung  zu  der  praesensform 
zu  einer  unausbleiblichen  machen  musste').  Das  „sicher  per- 
fectische"  habhüt-u  rgv.  I  127,  10.  (Delbrück  altind.  verb. 
§76.  s.  58.)  muss  nach  unserer  theorie  zu  dem  „augment- 
tempus  vom  perfectstamme "  (plusquamperfectum)  gezogen 
werden ,  in  dem  ein  *  ä-ba-hhü-t  *  ba-bhü-t  als  3.  sing,  indic. 
nach  d-du-dro-tj  tü-to-t  u.  a.  (Delbrück  altind.  verb.  §  149. 
s.  122  ff.),  sowie  gemäss  der  auch  zwischen  ä-bhii-t  bhu-t-n 
und  d-cro-t  gr6-t-ii^  so-t-n  bestehenden  wurzelvocalischen 
differenz  wol  erwartet  werden  kann.  Avest.  aya-nt-u  ^sie 
sollen  kommen'  zieht  Justi  handb.  d.  zendspr.  55  a.  zu  ä  -\-  /-, 
was  des  kurzen  anlautenden  a-  wegen  nicht  angeht;  Bar- 
tholomae  altiran.  verb.  §  78.  s.  50.  zählt  ayantu  einfach  mit 
auf  ohne  erwähnung  einer  Unregelmässigkeit;  ich  glaube, 
däss  hier  einmal  hinter  einer  „echten"  conjunctivform  ur- 
iran.  *aj/ant  =  ved.  dyan  das  -u  fest  geworden  ist.  Nach 
Windisch  sind  altir.  berad  'ev  soll  tragen'  und  berat  'sie 
sollen  tragen'  auf  vorhist.  *beratu  und  *berantu  zurückzu- 
führen und  so  mit  sanskr.  bhdratu  und  bhdrantu  zu  identi- 
ficieren  (Paul-Braunes  beitr.  IV  240  f.) ;  ob  urkelt.  -u  oder  -ü 
bestand,  ergibt  sich  nicht.  Den  anwuchs  der  partikel  u  in 
germanischen  imperativ-  und  optativformen  hat  Brugman 
literar.   centralbl.   1880.  sp.  943.    angenommen^).     Man   hat 


1)  Umgekehrt  kann  ved.  dadh-anti  rgv.  VII  56,  19.  mit  hilfe  der 
Imperativform  dadh-ant-u,  aber  auch,  sowie  diese  selbst  und  wie  not- 
wendig die  häufigere  3.  sing.  med.  dddha-te  (Grassmann  wörterb.  z.  rgv. 
668.),  mittels  des  einflusses  der  ö-conjugation  erklärt  werden.  Oder  ist 
auch  *dadh-d7iU  das  ältere?  Man  kennt  den  grund  der  abweichenden 
accentuation  in  dddh-ati,  jnhv-ati  und  in  dem  -wif-particip  däd-at-,  jüh- 
v-at-  noch  nicht. 

2)  In  got.  nimmt  1 .  sing.  opt.  praes.,  das  auch  nach  Windisch  indi- 
cativform  sein  soll  aus  indog.  nemo  -f-  w,  meiner  meinung  nach  mit 
unrecht.    Ich  kann  an  den  indicativ-   oder  conjunctivcharakter  dieser 


—     257     — 

wol  got.  üt-steigudmi  '/.araßario^  niclit  zu  imperativischem 
griech.  GTer/sTtOj  sondern  zu  dem  „injunctiviselien"  medialen 
OTslxsTOj  und  got.  *  steig andau  (vergl.  liugandau  '^ yaiiir]odraj- 
öav^  Corinth.  I  7,  9.)  ebenso  zu  otsLxovto  zu  stellen ;  so  er- 
klärt sich  nicht  nur  überhaupt  die  dritte  plur.  auf  -ündau 
leichter  und  unmittelbarer,  sondern  der  partikelantritt  brauchte 
auch  nicht  auf  das  wirken  des  germanischen  consonantischen 
auslautsgesetzes  an  der  grundform  indog.  steigh^etöd  zu 
warten,  und  das  -a-u  von  at-steigada-Uj  liuganda-u  wird  ganz 
gleichwertig  mit  dem  in  den  optativformen  haitaiza-Uj  hai- 
taida-Uj  haitainda-u.  So  erscheinen  folglich  die  got.  at-stei- 
gadaUj  Imgandau  als  die  medialen  gegenstücke  zu  den  acti- 
vischen  Imperativformen  des  indo  -  iranischen  und  keltischen 
auf  -/?/,  -ntu.  Doch  will  ich  die  möglichkeit,  das  at-steigadmi 
aus  einem  steig^ketdd  u  zu  deuten,  nicht  unbedingt  in 
abrede  stellen.  Denn  wir  dürfen  die  freie  Verfügung  über 
die  Partikel  u  doch  wol  nicht  überhaupt  den  einzelsprachen 
in  der  weise  beschränken,  dass  wir  meinen,  sie  hätten  nur 
in  ihrer  frühesten  periode  der  Unversehrtheit  der  alten  wort- 
auslaute dieselbe  enklitisch  anfügen  können.  Dagegen  ist 
vor  allem  schon  unser  griech.  7cav-Vy  nicht  *7cavT-v.  Dann 
hat  den  Ursprung  von  tovto  aus  *t6  v  to  doch  Delbrück  syn- 
takt.  forsch.  IV  139 f.  sehr  wahrscheinlich   gemacht*);   hier 


einzigen  form  in  dem  optativparadigma  (den  conjunctiv  nimmt  für  got. 
nimau,  sijau  Kögel  zeitschr.  f.  gymnasialw.  XXXIV  406.  Paul -Braunes 
beitr.  VIII  106.  in  beschlag)  nicht  glauben,  werde  vielmehr  an  späterer 
stelle  ausführlicher  zeigen,  wie  man  bei  der  Brugman-Paulschen  ansieht 
in  Paul  -  Braunes  beitr.  IV  376  ff. ,  dass  indog.  n  e'rn  ohn  zu  gründe  zu 
legen  sei,  nach  den  bildungs-  und  lautgesetzen  der  grundsprache  und 
der  germäiiischen  einzelsprache  zu  befriedigendem  ziele  gelangt. 

1)  Freilich  dürfte  ein  etwas  anderer  ausgangspunkt  als  der  von  Del- 
brück gewählte,  bei  welchem  man  bloss  auf  die  zwei  neutralformen  rovro 
und  ravra  zwanglos  kommt,  noch  directer  zu  dem  ziele,  die  genesis  des 

Osthoff  u.  BruguKiu  uutorsucli.  IV.  17 


—     258     — 

heisst  es  auch  nicht  ^toö-v-to,  so  dass  also  das  gebilde 
TovTo  erst  nach  dem  falle  des  -6  durch  das  auslautsgesetz 
zu  Stande  gekommen  sein  kann'). 


0V10S  aufzuhellen,  führen.  Das  neutrum  des  Indefinitpronomens,  indog. 
k^'id,  liegt  in  mehreren  sprachen  (sanskrit,  iranisch,  griechisch,  italisch) 
als  enklitische  partikel  im  adverbialen  sinne  vor  und  erscheint  so  be- 
sonders auch  hinter  anderen  pronominen  ohne  rücksicht  auf .  genus, 
numerus  und  casus  dieser  letzteren ;  ich  erinnere  nur  an  yä(^-c'id  ija-cid 
ye-cid  yä'^-cid,  käg-cid  kä-cid  ke'-cid,  sä-cid  te^cid  in  dem  sanskrit,  be- 
sonders dem  vedischen,  an  osk.  pütürüs-pid  nom.  plur.  masc,  pute- 
rei-pid  loc.  sing.  masc.  Vergl.  oben  s.  233  ff.  So  nun  dienen  auch  die 
neutra  sing,  demonstrativer  pronomina  häufiger  als  adverbiale  anhängsei 
in  deiktischer  bedeutung:  indog.  td  im  sanskrit  (ved.  sed  aus  *  sä  id 
und  *sä  id,  ved.  täm  id,  täsyed  =  "^täsya  id,  täsmä  id  =  *  täsmai  id), 
iranischen,  griechischen  {ovroa-i,  684),  italischen  (umbrischen),  slavischen 
und  germanischen  (got.  sai  'ecce'  ==  sanskr.  ved.  sed),  vergl.  s.  229 ff.; 
indog.  kUd  in  griech.  ov-xi,  noXXa-xt,  vergl.  s.  241.  241  f.  anm. ;  endlich 
indog.  tod,  wie  im  abulg.  ct-to  'was?'  (s.  234.),  so  auch  in  dem  mascu- 
linen  abulg.  kü-to  'wer?',  eigentlich  'wer  das?'  s.  v.  a.  'wer  da?'.  An 
letzteres  anknüpfend  möchte  ich  glauben,  dass  die  Griechen  in  frühester 
zeit  nach  grundsprachlichem  brauche  im  nom.  sing.  *o  v  ro  'er  da,  der 
da',  *ä  V  ro  'sie  da,  die  da',  *to  v  zo  'es  da,  das  da'  sagten,  wie  die 
Slaven  kü-to,  c^-to.  Die  daraus  resultierende  griechische  formeutrias 
*  ovro  *  avro  tovto  unterlag  später,  da  sie  von  modernerem  Sprachgefühl 
als  der  flexion  ermangelnd  empfunden  ward,  der  einwirkung  anderer  pro- 
nomina mit  endflexion,  daher  dann  ovro-s  avia  twto  nach  allo-<i  olITm 
alXo,  exeivo-s  exeivä  exeivo,  o-i'  ä  o  u.  a.  Es  kann  nicht,  wie  ich  noch 
im  allgemeinen  bemerke,  in  der  indogermanischen  grundsprache  die  be- 
rechtigte eigentümlichkeit  gewisser  pronomina  an  sich  gewesen  sein,  als 
enklitika  zu  dienen,  sondern  im  princip  muss,  wie  wir  es  in  modernen 
lebenden  sprachen  sehen,  jede  pronominalform  des  enklitischen  gebrauches 
fähig  gewesen  sein.  Freilich  war  es  die  eine  mehr,  die  andere  weniger, 
je  nach  der  verschiedenen  bedeutung  der  einzelnen  und  wol  auch  je 
nach  dem  verschiedenen  äusseren  umfange  der  lautformen  (die  zwei-  und 
mehrsilbigen  minder  leicht  und  häufig  als  die  einsilbigen). 

1)  Räumt  man  ähnlich  für  das  baltische  ein,  dass  zuerst  eine  1.  sing. 
aor.  lit.  *likq  =  griech.  Xino-v  (vergl.  vi-tkq  acc.  sing.  =  griech.  Xvxo-v), 
d.  i.  gesprochen  *  lika,  entstanden  war,  dahinter  dann  u  trat  wie  in  ved. 
dbhüd  u,  ügachad  u  (sieh  oben  s.  255.),  dviudami  u  rgv.  III  1,  3.,   so 


—     259     — 

Saoskr.  iid-ara-  'bauch'  als  'hervorstehender,  exterieur\ 
an-üdara-m  adj.   neutr.  'ohne   bauch'  mahäbhär.  XIV  1305., 

kommen  wir  auf  das  historische  lit.  likaü ;  vergl.  s*.  3.  anm.  Die  flexion 
likaü^  likäi,  liko,  likome  entwickelte  sich  dann,  indem  likaü  in  die 
bahnen  des  praesens  der  denominativen  « - conjugation,  ynataü^  j'eszkau 
(=  ahd.  eiscu-n)  mit  -au  aus  indog.  -cilö,  tibertrat.  Zwei  fälle  aus 
sanskritischer  conjugation  und  declination,  die  festgewachsenes  -n  haben, 
sind  noch:  die  3.  sing,  (und  darnach  auch  1.  sing.)  perf.  act.  dadaü 
'dedit'  aus  indog.  dedo  u  (vergl.  ohne  -u  ved.  paprä',  jaha,  Whitney 
ind.  gramm.  §  800  c.  s.  281.);  der  nom.-acc.-voc.  dual,  dgvau  aus  indog. 
e'k^vö  u.  Sanskritische  sandhigesetze ,  mittels  deren  man  von  dadä'  u, 
d^vä  IC  nur  zu  "^dadö,  *dcvo  gelangen  würde,  darf  man  nicht  in  anwendung 
bringen,  ebenso  wenig  wie  bei  gachat-u,  hhiä-ii  (s.  o.  s.  255.);  sondern  die 
zusammenrückung  ist  auch  hier  uralt,  dedöu,  e'k^vöu  wahrscheinlich 
bereits  indogermanisch,  da  das  germanische  mit  dem  ja  dualisch  ge- 
formten Zahlwort  der  achtzahl,  got.  ahtau,  anord.  dtta,  ags.  eahta,  fries. 
ahtaj  alts.  ahd.  ahto,  zu  sanskr.  (ved.  und  nachved.)  ash(aü  stimmt,  nicht 
zu  ved.  ashtä,  avest.  asJita,  griech.  oxrio,  lat.  octö.  Ich  denke  mir,  dass 
man  in  der  grundsprache  bei  aufzählungen  etwa  dnd  (duno)  pode 
dnöu  dönte  'zwei  füsse-  und  zwei  zahne  auch'  sagte,  wie  im  veda 
rgv.  I  34,  2.  trir  näktam  yäthäs  trir  v  agvinä  divä  'dreimal  kommt 
ihr  des  nachts,  dreimal  auch,  o  Agvinen,  des  tags',  v.  6.  trir  no  acvinä 
divyäni  bheshaja  trih  pä'rthiväni  trir  u  dhattam  adbhyäh  'gebt  drei- 
mal uns,  0  A^vinen,  die  arzeneien  des  himmels,  dreimal  die  der  erde, 
und  dreimal  die  aus  den  wassern  entsprungenen'  (Grassmann).  Dazu 
stimmt  auch  das  an  den  bekannten  vedischen  „götterdvandven"  mit  dop- 
pelter dualform  (Delbrück  Kuhns  zeitschr.  XXII  271.,  Whitney  ind. 
gramm.  §§  1255.  1256.  s.  460f.)  wahrzunehmende  princip:  neben  — ä 
' — au  wie  in  iiidrä-värunaUy  indrä-sömau,  bhavä-rudraü,  bhavä-^'arvaii, 
mitra-värunau,  suryä-candramäsau,  somä-piishanau  (voc.  rgv.  II  40,  5.), 
sömä-riidrau  (voc.  rgv.  VI  74,  4. ,  somä-rudraü  nom.  im  gatapathabräh- 
mana)  findet  sich  zwar  — ä  — ä  in  indrä-parvatä  (voc),  indrä-päshänä, 
indrä-värunäf  indrä-sömä,  ushä'sä-näktä,  miträ-värunä^  vätä-parjanyä\ 
süryä-candramäsä^  suryä-mäsä  ^  sömä-püshanä  (voc.  rgv.  II  40,  1.  3.), 
sömä-rudrä  (voc.  rgv.  VI  74,  1.2.3.),  aber  ein  typus  — au  — ä  kommt 
nicht  vor,  überhaupt  kein  -au  an  erster  «teile  statt  -ä  in  solchen 
wie  indrä-bfliaspätl,  indrä-vishniif  turvä(;ä-yddu,  dyavä-prthivi  .  Wenn 
indrd-värunau  einst  das  allein  übliche  war,  so  trat  ved.  indrä-vdrunä 
dafür  ein  durch  die  ausgleichung  des  Schlussgliedes  mit  dem  aufangs- 
gliede  indrä-  oder,  anders  ausgedrückt,  in  folge  des  allmählichen  ver- 

17* 


—     260     — 

„die  länge  durch  das  versmass  gesichert"  (Böhtlingk  -  Roth 
Petersb.  wörterb.  I  915.  unt.  udd?m-)j  comparativ  zu  "^üd  ^aus, 
hervor';  slov.  russ.  westslav.  vi/  praepos.  *^aus',  „praepositio 
idem  valens  ac  izü"  (Miklosich  lex.  Palaeoslov.  114b.,  vergl. 
gramm.  d.  slav.  spr.  IV  201.,  Joh.  Schmidt  indog.  vocal.  II 
180.  195.),  aus  *vi/dj  indog.  üd]  lett.  z//' verbalpraef.  'drauf, 
auf',  praepos.  ""auf,  auf —  hin';  anord.  ut^  ags.  fries.  alts.  lit^ 
ahd.  mhd.  iiz  praepos.  adv.  'aus,  heraus',  anord.  üti^  ags. 
utej  fries.  alts.  üta^  ahd.  mhd.  uze  adv.  'aussen,  draussen, 
hinaus',  anord.  ütarij  ags.  alts.  t^taUj  ahd.  77za?ia  üzun^  mhd. 
üzen  adv.  'von  aussen  her,  aussen',  praepos.  'ausserhalb, 
ausser,  aus',  anord.  ut-ar-r^  ahd.  üz-ar,  mhd.  üz-er  adj.  com- 
par.  'der  äussere',  anord.  üt-arj  fries.  üt-erj  alts.  {fm^-)iit-a7\ 
ahd.  üz-m^j  mhd.  7iz-er  adv.  compar.  'v^eiter  hinaus,  ausser', 
praepos.  'ausser,  ausserhalb'  =  sanskr.  üd  adv.  praef  'hin- 
aus, aus,  hinauf,  empor',  üt-tara-  compar.,  ut-tamä-  superl., 

blassens  des  functionsunterschiedes  zwischen  der  form  auf  -au  und  der 
auf  -ä.  Bei  Havets  versuche,  den  „doublet  syntactique"  altind.  dva  und 
dvaü  zu  erklären,  mdm.  de  la  soc.  de  linguist.  IV  274.,  müsste,  da  indog. 
dnüu  die  letzte  alleinige  gruudform  wäre,  die  einheit  der  bildung  dieser 
dualform  bei  den  o-  und  den  consonantischen  stammen  (vergl.  morphol. 
unters.  I  159.  226.  II  120.)  aufgegeben  werden,  wozu  man  sich  doch 
schwer  entschliesst.  Die  wähl  des  -äv  =  -au  vor  vocal  des  nächstfol- 
genden Wortes,  die  sich  z.  b.  ganz  deutlich  in  dem  liede  rgv.  VI  74.  zeigt, 
wo  auf  dreimaliges  sömärudrä  vor  consonanten  in  den  ersten  drei  versen« 
zuletzt  sömärudräv  ihä  im  vierten  verse  folgt,  erklärt  sich  leicht  aus 
der  zweckmässigen  Verteilung  der  ursprünglich  nach  anderem  princip 
geschaifenen  doppelformen;'  in  jenem  hymnus  könnte  Havet  keine  be- 
stätigung  seiner  theorie  finden,  denn  ebenso  gut  läge  eine  bestätigung 
der  unsrigen  darin,  welche  das  dualische  indog.  -öu  der  letzten  stelle 
in  der  aufzählung  zuweist.  Ist,  beiläufig,  von  der  art  des  ved.  trir  u 
rgv.  I  34,  2.  6.  das  althochdeutsche  Zahladverb  zrvir-o  'zweimal,  zwier', 
also  gleich  einem  sanskr.  dvir  m,  indog.  duis  u,  wenn  auch  wegen 
Verners  lautverschiebungsregel  nicht  ganz  unmittelbar?  zwir-o  enthielte 
dann  auch  denselben  Schlussbestandteil,  unsere  partikel  w,  wie  das  car- 
dinale  got.  ahta-u. 


I 


-       ~     261     — 

ud-(ira-  oder  ud-ard-  m.  "^ bauch ^;  avest.  uz^  us  adv.  praef. 
^heraus,  nach  oben^,  us-tema-  superl.,  ud-ard-  *^bauch^  in  uda- 
rö-thräsa-  oder  udarö-thrusKta-  "^auf  dem  bauche  kriechend'; 
altir.  iid-^  od-  praef.  'heraus'  (Windisch  Curtius'  grundz.^  228.) ; 
abulg.  vuz-  vüs-  verbalpraef.  *^auf,  hinter,  für,  anstatt',  vüzü 
praep.  *^für,  anstatt';  lit.  uz-  iisz-  verbalpraef.,  iiz  praepos. 
'hinter,  für,  anstatt',  lett.  uf  verbalpraef.  'darauf,  auf',  prae- 
pos. 'auf';  (got.  usj)  ahd.  mhd.  ur-  praepos.  mit  dat.  'aus, 
aus  —  heraus,  aus  —  hervor,  von  —  her,  von  —  weg',  (got. 
uz-  uz-y)  anord.  er-  {or-  nur  in  ör-/ö/ n. ' Urlaub',  vielleicht 
lehnwort),  ags.  ör-,  alts.  or-  ur-,  ahd.  mhd.  ur-  untrennbare 
Vorsetzpartikel  in  nominaler  composition.  Griech.  vo-iEQo-g^ 
vo-Taxo-g  sind  zweideutig  bezüglich  der  Quantität  ihres  v. 
Ebenso  got.  ut^  uta^  utanuy  wo  nur  der  übrigen  germanischen 
dialekte  wegen  u  das  wahrscheinlichere  ist,  sowie  anderer- 
seits für  got.  US  wjj-  das  anord.  oj'-,  ags.  or-^  ahd.  mhd.  ur- 
die  kürze  zwar  nicht  sichert,  aber  doch  vermuten  lässt. 
Sollten  wir  das  indo  -  iranische  wort  für  'bauch',  sanskr. 
üd-ara-  und  ud-ara-,  avest.  ud-ara-,  vielleicht  mit  unrecht 
als  die  dem  anord.  üt-ar-r^  ahd.  üz-ar  genau  entsprechende 
comparativbildung  ansehen  und  richtiger  Pott  etymol.  forsch. 
P  630.  und  Justi  handb.  d.  zendspr.  62  a.  darin  ein  compo- 
situm aus  ud-  und  würz,  ür-  'sich  erheben,  aufgehen'  (griech. 
oq-vv-i-ii)  finden,  so  bleibt  doch  auch  so  der  Zusammenhang 
mit  dem  adverb  (praepos.)  ud  gesichert,  was  für  uns  hier 
genügt.  Gegenüber  Fick  wörterb.  IIP  33.  raten  wir  „beachte 
anord.  utan^  utar  ohne  brechung  des  u  zu  ö",  wodurch 
eben  kürze  des  u  wie  in  sanskr.  ud  ausgeschlossen  ist;  der 
fehler  rührt  von  Egilsson  lex.  poet.  838.  her,  richtig  utan^  utar 
bei  Cleasby-Vigfusson  diction.  669  b.  670  a.  Die  avestische 
form,  US-  vor  tonlosen,  uz-  vor  tönenden,  beruht  auf  Verall- 
gemeinerung der  vor  dentalen,  wie  in  us-tema-,  us-tdna-  'aus- 


—     262     —        ' 

gestreckt',  nsnäiti-  Vaschung'  in  uz-daeza-  '^anhäufung',  uz- 
-daqyu-  "^auswärtig',  uz-däna-  ^erhöhung',  lautgesetzlich  ent- 
wickelten gestalt;  nur  udara-  'bauch'  blieb  als  „isolierte 
form"  von  der  nivellierung  verschont.  Entsprechend  urteile 
ich  über  den  auslaut  von  abulg.  vüz-  vüs-,  vüzüj  lit.  tiz- 
usz-  üz  j  lett.  üfy  uf.  Dass  der  gebrauch  im  wesentlichen 
der  von  sanskr.  üd  ist,  zeigen  etwa  abulg.  vu[s]-stati  'auf- 
stehen', vüz-iti  'ascendere',  vüs-tokü  'oriens',  lit.  usz-iek'ki 
'aufgehen'  (von  gestirnen,  vom  samen),  uz-rikti  'aufschreien' 
neben  sanskr.  üt-[s\lhä-  'aufstehen',  iid-l-  'aufgehen  (von  ge- 
stirnen), heraus-,  hervorgehen,  entstehen',  üd-gä-  'gesang  an- 
stimmen' u.  dergl.  Abulg.  blayodati  vuzü  blagodatt  '^xctQig 
avTi  iaqiTO(i  ist  wörtlicher  ^cl^iq,  ez  laquio^^  gnade  auf 
gnade',  ebenso  lit.  aUjbs  uz  därba  praszyti  eigentlich  'lohn 
auf  seine  arbeit  hin  fordern'.  Im  slavischen  ist  "formal  ganz 
wie  im  zend  vus^  vor  tonlosen  dentalen  (^,  s\  vüz-  vor  tönen- 
den dentalen  (</,  z)  aus  "^vüd-  entwickelt  und  dann  weiter 
verbreitet;  vüz-u  praep.  hat  nur  graphisch  auslautenden 
vocal.  Im  litauischen  wird  vor  s  us-  gesprochen,  regulär  für 
*Mfl?-,  z.  b.  in  u{s)-6'töä,  u(s)'si-d'etiy  vergl.  Kurschat  litt, 
gramm.  §  144.;  das  wi-"  hat  sich  von  fällen  wie  uz-zelti 
'aufsprossen',  das  usz-  von  solchen  wie  usz-szdlti  'zufrieren' 
ans  verbreitet,  welche  zunächst  auf  solche  wie  *uz-d'eti  'auf- 
legen', *  w.v-^eA:e^/ 'aufgehen'  gewirkt  haben  werden.  Im  let- 
tischen kann  üf^  uf,  vor  tonlosen  graphisch  statt  üs,  m  (nach 
Bielenstein  lett.  spr.  §§  101.  106.),  wiederum  dieselbe  brei- 
tere quelle  für  seinen  Ursprung  wie  im  zend  und  slavischen 
gehabt  haben.  Auf  alles  dies  gestützt  wage  ich  es  endlich 
auch,  got.  US  US-  uz-,  anord.  er-,  ags.  or-,  alts.  or-  ur-,  ahd. 
mhd.  ur-  auf  ähnlichen  umwegen  ^u  dem  germanischen  re- 
praesentanten  des  indog.  üd,  dessen  bedeutungen  es  doch 
in  jeder  beziehung  hat,  also  mit  germ.  üt  'aus'  identisch 


» 


—     263     — 

werden  zu  lassen.  Gemeingermanisch,  so  nehme  ich  an,  ward 
die  form  uz-  von  den  fällen  wie  vorhistor.  got.  ^uz-daiuls^ 
'^uz-dreiban^  "^ uz-driusany  *uz-dj^stSj  *uz-dails  (=  ahd.  mhd. 
ur-teil  f.)  aus  verallgemeinert.  Das  uz-  hielt  sich  im  gotischen 
lautgesetzlich,  wie  es  scheint,  bei  sonantischem  anlaut  des 
damit  nächstverbundenen  Wortes,  in  uz-eta  m.  ^krippe^,  uz-ön 
perf.  'l'^ejcvevoe  ^Marc.  XV  37.  39.)*  uz-uh  {uz-uh-iddja  'e^rjl- 
^ov'  Joh.  XVI  28.).  Sonst  verhärtete  sich  germ.  uz-  gotisch 
zu  us-j  was  mit  anderen  diesem  dialekt  eigentümlichen  ver- 
wandelungen  der  lenis  in  die  fortis,  wie  der  regelmässig  im 
auslaut  erfolgenden  ersetzung  von  -z,  -8,  -t  durch  -Sj  -/,  -/, 
dem  eintreten  des  got.  -s-  für  germ.  -z-  im  inlaut  in  hausjan^ 
vasjarij  basja  (plur.  zu  basi  n.  ^beere"*),  im  zusammenhange 
steht  und  worüber  Paul  in  seinen  beitr.  VI  548.  zu  vergleichen 
ist*).  Wegen  der  mit  der  verschiedenen  accentuierung  des 
verbalen  und  nominalen  compositums  zusammenhängenden 
weiteren  lautspaltungen,  die  germ.  uz-  im  westgermanischen 


1)  Pauls  fassung  des  betreffenden  gotischen  lautgesetzes :  „die  Ver- 
wandlung der  lenis  in  die  fortis  ist  wol  nicht  nur  im  wortauslaut,  son- 
dern überhaupt  im  silbenauslaut  eingetreten"  lässt«noch  Schwierigkeiten 
zurück,  wie  auch  ihr  urheber  selbst  nicht  verkennt.  Freilich  bei  unserem 
praefix  könnte  man  für  us-agjan^  us-agljan^  ns-aivjan,  us-ulpan  die  aus- 
gleichung  verantwortlich  machen,  welche  uz-eta,  uz-ön,  uz-uh  aus  irgend 
welchen  gründen  nicht  betraf.  Und  so  scheint  mir  der  negative  teil  der 
Panischen  regel,  dass  das  hinüberziehen  des  consonanten  zur  folgenden 
Silbe  die  Verhärtung  hinderte,  sicherer  zu  sein,  als  der  positive,  welcher 
für  azgö,  huzd,  mizdö  keinen  rat  schafft.  Allerdings  bereitet  azgö  auch 
sonst  noch  formale  Schwierigkeiten  in  seinem  Verhältnisse  zu  den  ent- 
sprechenden aussergotischen  formen ;  vergl.  verf.  Kuhns  zeitschr.  XXIII 88. 
Für  huzd  könnte  man  nach  Pauls  regel  ausgleichung  einer  früheren 
flexion:  nom.-acc.-sing.  huzd,  gen.  "^husdis  voraussetzen;  in  der  ein- 
silbigen form  huzd  stünde  ja  z  nicht  im  silbenauslaut.  Da  aber  für 
mizdö  sich  nichts  von  dergleichen  auskunftsmitteln  bietet,  so  musß  eine 
genügendere  fassung  des  gotischen  Verhärtungsgesetzes  als  die  Paulsche 
abgewartet  werden. 


—     264     — 

erfuhr  (ags.  alts.  a-  neben  or-,  ahd.  ar-  a-  neben  z/r-,  nhd. 
er-lauben^  er-teüen  neben  ur-laub,  w^-teü)^  vergl.  Paul  in 
seinen  beitr.  VI  552  f.  princip.  d.  sprachgesch.  152.  Es  bleibt 
zuletzt  noch  über  das  apers.  ud  in  ud-apatatä  imperf.  med. 
*^ erhob  sich,  en\pörte  sich',  us-fashanäm  acc.  sing,  "auf bau, 
hochbau"*  (so  ist  doch  wol  auf  der  Inschrift  des  Artaxerxes 
Ochus  P.  29.  zu  lesen  anstatt  mit  Spiegel  altpers.  keilinschr. 
66.  155.  164.  190  f  usa-tashanäm),  uzmayä  loc.  dual.  *^am 
kreuz,  am  galgen"*  aus  *  ud-zmayä  (Spiegel  altpers.  keilinschr. 
89.,  verf  morphol.  unters.  II  98  f.)  ein  wort  zu  sagen  übrig. 
Zu  rückschltissen  auf  die  quantität  ist  wegen  der  Stellung 
des  u  im  wortanlaute  von  diesen  keilinschriftlichen  formen 
kein  gebrauch  zu  machen,  vergl.  das  oben  s.  185.  gelegent- 
lich des  apers.  isu-  *^pfeil'  bemerkte.  Was  aber  die  lautliche 
differenzierung  des  dentalen  auslau ts  von  indog.  nd  anbe- 
trifft, so  scheint  der  altpersische  dialekt,  so  weit  wenigstens 
die  paar  überlieferten  beispiele  einen  schluss  gestatten,  daraus 
noch  keine  veranlassung  zu  ausgleichungen  genommen  zu 
haben,  wie  das  avestische  und  die  sprachen  der  nordeuro- 
päischen gruppe. 

Abulg.  vi/so-kü' adj,  'hoch\  vj/so-ta  f.  'höhe\  vf/se  adv. 
compar.  '^avwreqov^  vipi\  vom  stamme  *vijso-  aus  *t^f/p-so-j 
indog.  üp-so-\  ahd.  mhd.  iif  adv.  praepos.  'auf,  hinauf', 
ahd.  nfe,  vfen^  bei  Notker  circumflectiert  (vergl.  Graff  ahd. 
sprachsch.  I  169  f.),  mhd.  iife  adv.  praepos.  'auf,  mhd.  na 
ilfen  praepos.  'auf  ==  sanskr.  üpa  adv.  'herzu,  hinzu,  her- 
bei', praepos.  'auf,  hinauf  zu,  her  zu,  bei',  upäri  adv.  'oben, 
darauf,  nach  oben',  praep.  'über,  oberhalb',  üpara-  adj.  'der 
untere,  hintere,  spätere',  upamä-  adj.  'der  oberste,  höchste'; 
avest.  upa  adv.  verbalpraef.  praepos.,  upairi  adv.  praep., 
upara-  adj.  'der  obere',  upama-  adj.  'oberster,  höchster'; 
griech.  vjco  praepos.  verbalpraef.,  v/ceq  v7C€Iq  praepos.  ver- 


■-^''-FA-f'^V^t' 


—     265     — 

alpraef.,  vn-a^o-c,  adj.  höchster  ,  v^i  adv.  hoch  ,  vxpoo, 
n.  ^höhe^;  lat.  s-uh  praepos.  verbalpraef. ,  *-?^/^6v  praepos. 
verbalpraef.,  s-uperu-s  adj.  cpmpar.  'oberer';  anord.  of  praep. 
*^um,  wegen,  über',  ahd.  oba  opa^  mhd.  obe  ob,  mitteld.  op 
adv.  *^oben\  praepos.  'über,  oberhalb,  auf\  anord.  ofan^  alts. 
otana  otan^  ahd.  obana  opana,  mhd.  obeiie  oben  adv.  'von 
oben  her,  oben',  anord.  upp,  mitteld.  altniederd.  iip,  ahd.  uf 
bei  Notker  nicht  circumflectiert  (Graff  a.  a.  o.),  mhd.  iif  adv. 
praep.  *^auf,  hinauf,  aufwärts',  anord.  uppi^  mhd.  itffe  adv. 
'auf,  oben',  anord.  opinn^  ags.  open,  alts.  opan^  ahd.  offau 
adj.  'aufgetan,  offen',  anord.  ö/ar  adv.  'weiter  oben',  -ags. 
o/er,  alts.  obar^  mitteld.  ober  over  praepos.  'über',  anord. 
yfir^  ahd.  ubir^  mhd.  über  über,  nhd.  über  praepos.,  (got. 
uf-tüj)  anord.  op-t,  ags.  of-l,  engl.  o/-t  of-ten,  alts.  of-to, 
of-t,  mhd.  ö/-^e  adv.  'oft,  saepe'  „vom  aufhäufen  herge- 
nommen" (Pott  etymol.  forsch.  P  1,  452.).  Got.  uf-,  ub-uh, 
uf-ar,  uf-ar-assiis ,  yf-jö,  uf-ta  bleiben  unbestimmbar  hin- 
sichtlich der  quantität.  Apers.  upä  praepos.  'bei',  upa-stäni 
acc.  sing,  'hilfe,  beistand'  sind  wegen  des  u  im  anlaute  keine 
sicheren  Zeugnisse  für  die  kürze  desselben,  vergl.  über  hu- 
s.  185.,  über  lul-  s.  264.  Im  latein  ist  die  vor  tönenden  con- 
sonanten,  wie  in  sub  ctivö,  sub-dücö  entstandene  lautform  bei 
sub  sub-ter  verallgemeinert,  vergl.  p  in  super,  suprä^  superus, 
superior^).  Ist  etwa  das  prothetische  lat.  s-  für  *A'6-  die 
schwächste  form  der  praeposition  ew-,  also  derselbe  rest  durch 
die  proklisis  bereits  frühzeitig  (indogermanisch)  entstanden, 
zu  welchem  ex-  im  italienischen  in  s-aygio  =  lat.  ex-agium, 


1)  Ebenso  ja  auch  bei  lat.  ah  =  griech.  «tto,  sanskr.  äpa\  in  ap-erio 
als  erstarrter  zusatfnmensetzung  steckt  das  alte  p.  Ebenso  bei  lat.  oh 
=  lat.  op-  in  op-erio,  osk.  i'ip  op,  lit.  api-  ap-  und,  abgesehen  von 
der  vocalstufe  der  Wurzelsilbe  (vergl.  verf.  morphol.  unters.  II  33.  oben 
s.  225  0'.  228.),  griech.  k'Tti,  sanskr.  dpi,  avest.  aipi. 


—     266     — 

in  s-chiudere ,  s-porre  u.  s.  w.  später  wieder  regulär  herab- 
schmolz? Dann  würde  lat.  s-uper  zunächst  zu  griech.  l'%- 
-vTteQd-e  (Sophocl.  Philoct.  29.)  gehören*).  Will  man  auch 
ahd.  uf  nicht  als  gesichert  betrachten ,  so  sind  doch  die  im 
mittelhochdeutschen  sehr  häufigen  Schreibungen  wie  uffe  = 
ü/e  gewis  als  beweis  für  die  kürze  zu  nehmen;  so  urteilt 
auch  Paul  nach  brieflicher  mitteilung.     Mit   mittelstufigem 


1)  Vergl.  bereits  s.  156.  anm.  Ich  möchte  noch  einen  fall  aus  dem 
lateinischen  unter  denselben  gesichtspunkt  bringen.  Man  trennt  nich£ 
gern  lat.  scrüta  neutr.  plur.  gerümpel,  trödelwaare',  wovon  scrTUäri 
'durchstöbern,  durchwühlen,  durchsuchen'  denominativ,  von  dem  gleich- 
bedeutenden griech.  yQvrtj  f.  und  kann  beide  doch  auch  nach  meiner 
Überzeugung  nicht  in  der  bisherigen  weise,  „Wegfall  des  Sibilanten  in 
Verbindung  mit  erweichung"  voraussetzend  (Curtius  grundz.^  703.,  Fick 
vergleich,  wörterb.  P  818.  1P272.,  Joh.  Schmidt  indog.  vocal.  II  291.), 
in  einklang  bringen,  um  so  weniger,  da  sich  oben  s.  124.  für  y^v-rrj, 
yQv-fie-ä  anderweitige  lateinische  und  germanische  verwantschaft  fand, 
die  auch  nur  auf  den  einfachen  indogermanischen  anlaut  g-  (</*-'?)  hin- 
weist. Vielleicht  stellt  nun  lat.  s-crfita  ein  indog.  ks-grU-lä  aus 
eics-grii-tä  'ausgekrautes'  dar;  die  Verhärtung  des  g  zur  tenuis  lat.  c 
war  die  folge  der  assimilation  an  das  tonlose  s-.  Anord.  skrü^  n. 
'schmuck'  scheint  mir  seiner  bedeutung  nach  von  scrüta,  y^rrj  abzu- 
liegen; gehört  es  aber  dazu,  wie  Fick  meint,  so  hat  das  altnordische 
wort  dasselbe  praefixtrumm  indog.  {e)ks-.  Elbenso  ahd.  scrod  *scru- 
tatio',  scrodön  'scrutari',  die,  wenn  sie  nicht  lateinische  lehnwörter  sind 
nach  Joh.  Schmidt  a.  a.  o.,  die  indogermanische  zYrillingsform  mit  ü  zu 
der  -/o-bildung  des  griechischen  und  lateinischen  mit  ü  darbieten.  — 
Sollte,'  was  den  für  das  lateinische  wie  für  die  nordeuropäischen  sprachen 
(s.  156.)  in  anspruch  genommenen  lautwandel  von  indog.  ks-  in  s-  an- 
betriift,  vielleicht  noch  ein  lateinisches  beispiel  der  art  si-ti-s  f.  'durst' 
sein,  eigentlich  'auszehrung,  erschöpfung,  das  hinschwinden,  hinwelken' 
=  sanskr.  kshi-ti-s  f.,  griech.  (f&i-at-s  f.  ?  Man  vergleiche  griech.  Xi-fi6-i 
'hunger'  als  'versehrenden'  und  verwant  mit  Xoi-fio-s  'pest,  seuche' 
(s.  123 f.  127.);  ferner,  dass  berührung  der  begriffe  'trockenheit ,  dürre' 
und  'hinschwinden,  vergehen,  untergehen'  sich  auch  bei  der  sippschaft 
von  lit.  dzü-stu  'trockne  ein,  verdorre',  diäu-ju  'lasse  trocknen'  mit  lit. 
dzü-ti-s  f.  'schwindsucht',  griech.  8v-(o,  Sv-vai,  dv-a-is  (s.  18.  ISTf.  98  f.) 
zeigt. 


—     267     —  

vocalismus  steht  im  germanischen  neben  üp ,  np  das  adverb 
got.  2Mjo  ^aufwärts'.  Es  hat  nun  die  schwächste  germanische 
form  np  jedesfalls  nicht  den  vocal  indog.  -o  im  auslaut  ge- 
habt, vielleicht  gar  keinen  vocal  wie  sanskr.  iid\  weisen  ja 
doch  auf  solche  kürzeste  form  up  auch  die  den  stamm  mit  -s- 
erweiternden  slav.  ^lyyp-s-o-^  griech.  vxp-ij  vip-og^  vifj-o-^iy 
vifj-o-S-ev  j  vip-ov  und  griech.  vit-rw-gj  deutsch  of-l  hin. 
Wenn  das  von  Möller  Paul -Braunes  beitr.  VII  474  ff.  ent- 
wickelte gesetz  über  die  synkope  eines  „urgerm.  a  [o]  in 
der  zweiten  von  zwei  unbetonten  kurzen  silben"  richtig  ist 
(Sievers  Paul-Braunes  beitr.  VIII 93.  erkennt  es  an),  so  könnte 
auch  nach  diesem  aus  einem  indog.  üpo  in  der  proklise  „vor 
folgender  hochbetonter  silbe,  die  mit  einfachem  verschluss- 
oder  reibelaut  anlautet ",  sich  germ.  np  mit  Verlust  des  später 
brechung  bewirkenden  vocals  gebildet  haben,  während  unter 
anderen  bedingungen  der  satzstellung  aus  demselben  upo 
normal  die  gebrochene  nebenform  ahd.  oba,  anord.  of  her- 
vorging. Allein  die  erstere  annähme  ist  vorzuziehen,  weil 
sie  auch  zu  einer  befriedigenden  erklärung  des  consonan- 
tischen  auslauts  in  up,  üp,  got.  iup  führt:  ihres  p  wegen 
stellen  diese  die  in  der  zeit  vor  der  ersten  lautverschiebung 
proklitisch  vor  medien  entstandene,  hernach  normalisierte 
lautgestalt  dar,  von  welcher  dann  got.  lupa^  anord.  uppi\ 
germ.  up-ono-  'offen'  als  speciell  germanische  Wortbildungen 
entsprangen.  Über  griech.  v\\)iy  v\\)6-d-Ev ^  abulg.  vf/so-kn 
anders  Fick  Bezzenbergers  beitr.  II  188. 

Griech.  homer.  ep.  avTi-y.Qv  adv.  *^grad  entgegen,  grade, 
grad  aus,  gradeswegs,  gradezu,  grade  hindurch,  durch  und 
durch,  durchaus^  homer.  ep.  '/.ar-avTi~-/.()v  adv.  *^grad  herab' 
Od.  X  559.  /  64.  Apollon.  Rhod.  II  624.  =  griech.  homer. 
avTL-KQv  adv.  IL  E  130.,  nachhomer.  ep.  att.  avri-KQv-g  oder 
richtiger  avtc-xQv-g  'grad,  gradeswegs,  schnurstracks,  grade- 


_    268     — 

zu'  Quint.  Smyrn.  IV  376.  VIII  323.  XIII  97.  Vielfach  schwan- 
kend sind  die  angaben  der  alten,  wie  über  betonungs-  und 
bedeutungsunterschiede,  so  auch  über  die  quantität  der  schluss- 
silbe  in  avn-yiQv  und  am-KQu-g  {avTL-xgv-g)]  doch  erkann- 
ten einige  auch  ausdrücklich  die  doppelzeitigkeit  des  v  an. 
Vergl.  Draco  p.  25, 1  sqq.,  etymol.  magn.  114,  29  sqq.,  Apollon. 
de  adverb.  614,  7.,  schol.  Ven.  zu  II.  E  100.,  Eustath.  zu 
IL  E  100.,  Herodian  I  507,  2  sq.  513,  9  sq.  536,  32  sq.  II  19, 
30  sq.  48,17sq.  19sq.  831,  15  sqq.  846,  23  sqq.  ed.  Lentz, 
Bekker  anecd.  Gr.  1328.,  G.  Hermann  Orph.  p.  706.,  Spitzner 
griech.  pros.  s.  40.,  Buttmann  ausführl.  griech.  sprachl.  §  117. 
IV  s.  366.,  Passow  handwörterb.^  unt.  avnzQv.  Während  die 
ansieht  einiger  alten,  dass  avTi-xQv  aus  *avTt^y.aQv  mit  -/.dgä 
'köpf'  zusammenhänge,  unbedingt  verwerflich  ist,  klingt  da- 
gegen die  Vermutung  Passows  a.  a.  o.,  dass  nahe  etymo- 
logische verwantschaft  mit  avTi-xQoveiv  '^gegenstossen ,  ent- 
gegensein, widerstreben',  avTLXQOvec  (.loL  n  *^es  kommt  mir 
etwas  in  die  quere'  (Thucyd.  VI  46,  2. ,  Demosth.  de  Corona 
198.)  bestehe,  durchaus  glaublich. 

Sanskr.  ved.  tu,  auffordernde,  hervorhebende,  adversa- 
tive Partikel  *^doch,  nun;  aber,  sondern,  Vielmehr;  doch,  be- 
sonders'; avest.  tü^  tii-m  Mu'  pronom.  2.  pers.  sing.,  tu  auf- 
fordernde Partikel;  griech.  homer.  dor.  tu-v-ti  'du';  lat.  tu 
'du';  altir.  tu  'du';  abulg.  russ.  ty  'du';  anord.  pü^  altschwed. 
/>M,  mengl.  pou  (Stratmann  diction.  of  the  old  engl,  langu.^ 
594 f.),  neuengl.  thou^  neuniederd.  westfäl.  (grafsch.  Mark, 
Ravensberg)  diu  (H.  Jellinghaus  westfäl.  gramm.  §  63.  s.  30.), 
mhd.  dü^  mhd.  oberd.  (bair.)  duo  'du'  ==  sanskr.  tii  partikel; 
avest.  tu  'du',  von  Justi  handb.  d.  zendspr.  135a.  mit  der 
einen  stelle  vend.  XVIII  54.  belegt;  griech.  dor.  zriJ'.bei  Alc- 
man,  Epicharm,  in  der  Lysistrata  des  Aristophanes  (vergl. 
Ahrens  dial.  II  248.),  ion.-att.  ov  (mit  a-  =  xF-  aus  den 


—     269     — 

obliquen  casus  nach  J.  Wackernagel  Kuhns  zeitschr.  XXIV 
609.);  lit.  tu  'du';  ahd.  thu  dn^  mhd.  du^  nhd.  du  proklitisch 
und  enklitisch,  du  orthotoniert  mit  neuer  längung.  Alle  ge- 
brauchsweisen  der  arischen  partikel  sanskr.  tu  tu,  avest.  tu 
erklären  sich  befriedigend,  wenn  man  darin  das  verblasste 
Personalpronomen  der  2.  pers.  sing,  sieht.  Die  partikel  zeigt 
sich  im  veda  „besonders  bei  imperativen  zweiter  person" 
oder  „bei  auffordernden  conjunctionen ",  „die  aufforderung 
dringender  machend " ;  vergl.  Petersb.  wörterb.  III  350.,  Grass- 
mann wörterb.  z.  rgv.  568.  Ich  meine  nun,  dass  eine  arische 
anwendung  der  partikel  tii  tu  wie  in  rgv.  VIII  13,  14.  vi  tu 
gahij  p^d  tu  drava  'o  komm  doch  her,  o  eile  doch'  oder  in 
rgv.  III  51,  10.  pibä  tv  asyä  *^ trink  doch  davon'  ursprünglich 
nicht  verschiedener  art  war  von  der  germanischen  Setzung 
des  Pronomens  thu  du  beim  imperativ  wie  in  der  grussformel 
ahd.  heil  ivis  thu  bei  Tatian  =  alts.  hei  wis  thu  (Hei.  259.), 
in  ahd.  drof  ni  zuiuolo  thu  thes  bei  Ofrid,  in  ahd.  eba- 
nemo  uuis  du  muate  ""aequo  esto  animo'  der  Keichenauer 
bibelglossen  (vergl.  Graff  ahd.  sprachsch.  V  79.),  in  alts.  ne 
habe  thu  ivekan  hugi^ni  forhti  thu  thinun  ferhe  (Hei.  262 f. 
Monac).  Auch  im  neuhochdeutschen  noch  empfinden  wir, 
wie  man  durch  das  dem  imperativ  beigegebene  du  in  komm 
du,  sei  du  zufrieden,  habe  du  guten  mut  die  aufforderung 
dem  angeredeten  gewissermassen  eindringlicher  ans  herz  legt. 
In  avest.  däos-tü  'mache  du'  ys.  XXVIII  7.  findet  schon 
Justi  handb.  135  b.  mit  recht  das  pronomen;  aber  kaum  ver- 
schieden davon  sind  vedische  stellen  wie  rgv.  I  169,  4.  tväm 
tu  na  indra  tarn  rayim  däh,  wo  man  die  auffordernde  par- 
tikel tu'  annimmt,  wo  es  aber  nach  unserer  ansieht  das  zwei- 
mal in  verschiedener  form  gesetzte  pronomen  ist,  welches 
der  bitte  *^du,  du,  o  Indra,  gib  uns  diesen  reichtum'  ihren 
besonders  dringenden  Charakter  verleiht.    Zur  partikel  konnte 


—     270     — 

das  Sanskrit  und  avestische  tu  tu  darum  verblassen  lassen, 
weil  das  erweiterte  sanskr.  tv-turij  avest.  tü-m  für  den  ge- 
brauch als  pronomen  sich  festsetzte.  Die  einzelnen  schritte 
aber  auf  diesem  wege  der  bedeutungsentwickelung  des  tu  tu 
nehmen  wir  noch  wahr.  Nach  dem  muster  des  tu  tu  bei 
der  2.  sing,  imperat.  oder  conjunct.  stellten  sich  wol  zunächst 
auch  Verbindungen  desselben  mit  der  2.  plur.  oder  dual,  im- 
perat.  ein,  wie  rgv.  1  bj  \.  ä  tv  elä  ni  shidata^  ys.  VIII  8. 
avi  tu  (lim  disyata,  an  welcher  letzteren  stelle  also  die  Parsen- 
tradition  nicht  weit  vom  rechten  ab  war,  wenn  sie  (vergl. 
Justi  handb.  s.  157  a.)  tu  als  plural  gebrauchtes  pronomen 
der  zweiten  person  fasste:  in  'du,  setzt  euch  doch  nieder^ 
'du,  straft  ihn  doch'  wird  gleichsam  an  ein  Individuum  aus 
einer  schar  noch  speciell  die  sie  alle  angehende  aufforde- 
rung  gerichtet.  Dann  ward  nachgerade  das  tu  tu  auch  bei 
dritten  personen  des  Singulars,  duals  oder  plurals  imperat. 
(conjunct.)  als  schlechthin  „auffordernde  partikel"  zulässig, 
wie  wir  es  haben  in  rgv.  IV  1,  10.  sä  tu  no  agnir  nayatu 
'er,  Agni,  führe  für  uns  herbei',  yt.  XIII  145.  upa  tu  no 
idha  yäo  ashaonäm  möshu  isentu  fravashayd  'verlangen  mögen 
nach  uns  alsbald  hieher  die  Fravashis  der  reinen\  Wie 
die  besonders  im  späteren  sanskrit  dem  tu  eigene  bedeu- 
tung  'aber,  sondern,  vielmehr'  aus  'du'  entspringt,  erkennen 
wir,  wenn  wir  z.  b.  rgv.  VI  29,  5.  nä  te  äntah  cävaso  dhäyy 
asyd  vi  tu  bäbadhe  rödasi  mahitvfiy  anstatt  mit  Grassmann 
(im  Wörter  buche  unter  tu)  'nicht  ward  dieser  deiner  kraft 
ein  ziel  gesetzt,  sondern  deine  grosse  stösst  die  beiden 
weiten  aus  einander'  zu  übersetzen,  den  schlusssatz  wieder- 
geben durch  'deine  grosse,  du,  stösst  die  beiden  weiten  aus 
einander':  beim  beginn  der  erwähnung  des  gegensatzes  wird 
der,  an  den  die  rede  gerichtet  ist,  durch  setzung  des  pro- 
nomens  gleichsam  noch  einmal  ausdrücklich  zur  aufmerksam- 


—     271     — 

keit  angehalten.  Es  braucht  denn  auch  nicht  immer  gerade 
etwas  gegensätzliches  zu  sein,  nach  welchem  man  so 
das  tu  setzen  kann;  bei  jedem  emphatischeren  ausspruche 
ist  es  anwendbar.  In  rgv.  III  30,  12.  tat  tv  asya,  rgv.  VII 
86,  1.  dhfrd  tv  usya  mahma  janumshi  findet  Grassmann  für 
tu  seine  bedeutungen  „'^doch,  besonders'  bei  behauptungen " ; 
wir  übersetzen  Mas,  du,  ist  sein  (Indras)  werk',  *" weise,  du, 
sind  durch  seine  (Varunas)  macht  die  Schöpfungen'.  Bevor 
man  in  diesem  lichte  die  arische  partikel  tu  tu  sah,  war  es 
einerseits  befremdlich,  dass  die  durch  alle  übrigen  sprachen 
durchgehende  kürzere  form  des  pronomens  du  dem  sanskrit 
ganz  unbekannt  sein  und  hier  nur  die  erweiterung  tv-am 
(tuv-äm)  existieren  sollte;  und  andererseits,  dass  umgekehrt 
von  der  im  sanskrit  so  häufigen  partikel  tu  in  den  europäi- 
schen sprachen  keine  spur  entdeckt  wurde.  Wie  im  griechi- 
schen ein  anderer  casus  desselben  Personalpronomens  2.  pers., 
der  dativ  (loc.)  sing,  tol  =  indog.  toi  (J-  Wackernagel 
Kuhns  zeitschr.  XXIV  594  ^.) ,  auf  anderen ,  aber  doch  ähn- 
lichen wegen  sich  zur  partikel  ausbildete,  ist  bekannt  als 
ein  resultat  Nägelsbachscher  Untersuchungen.  Man  vergleiche 
darüber  jetzt  Cauer  Curtius'  sud.  VII  140  ff.  und  beachte  be- 
sonders diese  zwei  conincidenzpunkte :  auch  bei  tol  „singu- 
larem  dativi  formam  usurpari  etiam  iis  locis,  quibus  ad  com- 
plures  verba  fiant,  mirari  non  possumus",  sondern  das  wird 
von  Nägelsbach  durch  beispiele  ähnlichen  gebrauches  von 
aye  und  iöe  bei  der  anrede  an  mehrere  illustriert  (Cauer 
a.  a.  0.  143.  anm.);  und  ferner  ist  der  von  Cauer  ebend.  also 
formulierte  allgemeine  grund  .  „  nempe  sententia  aliqua  toL 
particula  addita  affirmatur  ideo,  quod,  quae  eä  continentur, 
audienti  cordi  aut  putat  futura  esse  is,  qui  loquitur, 
aut  esse  cupit"  auch  der  unsrige.  —  Apers.  t'uvm  *^du' 
wird  von   Spiegel   altpers.   keilinschr.   140.   mit   avest.   lim 


•       —     272     — 

identificiert,  aber  die  möglichkeit  der  lesung  fuvam  (=  sanskr. 
tvar/iy  avest.  tvem)  statt  fiivjii  verwehrt  uns  die  benutzung 
der  form  als  eines  Zeugnisses  für  indog.  ^ü.  —  Wenn  wir 
im  germanischen,  um  die  stärkere  form  pü  zu  erweisen,  zum 
teil  auf  moderne  dialekte,  mittel-  und  neuenglisch  und  neu- 
niederdeutsch, herabgreifen  müssen,  so  zwingt  dazu  nur  der 
trübe  Spiegel  der  schriftlichen  Sprachüberlieferung  des  alt- 
germanischen :  got.  ags.  /m,  alts.  thu  können  länge  oder  kürze 
oder  abwechselnd  bald  länge  und  bald  kürze  des  u  gehabt 
haben.  Das  namentlich  in  bairischen  quellen  häufige,  doch 
auch  in  alemannischen  angetroffene  mhd.  duo  (vergl.  Wein- 
hold mittelhochd.  gramm.  §  129.  s.  109  f.  §  455.  s.  450.)  glaube 
ich  mit  0.  Behaghel  literaturbl.  f.  german.  u.  roman.  philol. 
1880.  s.  439.  als  eine  lautgesetzliche  Variante  von  du  be- 
trachten zu  müssen,  wie  suon  als  eine  ebensolche  von  *sü?i 
(oben  s.  1221).  Übrigens  ist  einzuräumen,  dass  überhaupt 
german.  pü  ein  unsicheres  zeugnis  für  indog.  tu  ist:  wie 
im  neuhochdeutschen  schriftsprachliches  du  durch  moderne 
längung  in  hoch  toniger  Stellung  entsprang,  so  könnte  der- 
selbe process  schon  einmal  in  urgermanischer  zeit  an  fi  ü  = 
indog.  tu  sich  vollzogen  haben,  da  wir  es  mit  einer  der  voca- 
lisch  auslautenden  einsilbigen  wortformen  zu  tun  haben,  über 
die  das  bei  Sievers  Paul-Braunes  beitr.  II  122.,  Paul  ebend. 
VI  553.,  Möller  ebend.  VII  476.  anm.  erwähnte  lautgesetz  gilt. 
Noch  im  jetzigen  niederdeutschen  Westfalens,  der  grafschaften 
Mark  und  Eavensberg,  sind  diu  =  germ.  p  ü  und  du  =  germ. 
püj  jenes  als  volltonige,  dieses  als  pro-  und  enklitische  form, 
an  ihrem  alten  platze  im  sprachgebrauche;  vergl.  H.  Jelling- 
haus  a.  a.  o.  —  Dass  indog.  teTi-  die  mittelstufenform  der 
Wurzel  des  Personalpronomens  du  war,  beweist  hinreichend 
das  griechische  mit  dem  possessivum  homer.  T€(ß)-6-g. 

Sanskr.  Jiu  adv.  ^nun,  jetzt,  augenblicklich ^  nü-näm  adv. 


—     273     —  

das».,  nu-tana-y  nu-tna-  adj.  ^jetzig,  jung,  neu';  avest.  w?/, 
..  mi-ram  acc.  sing.  fem.  adv.,  nü-rem  acc.  sing,  neutr.  adv. ; 
griech.  vv-v^  vv-vl  adv. ;  lat.  nü-per  adv. ;  abulg.  ni/-ne  adv. 
^jetzt^;  anord.  7^^/,  nü-na^  altschwed.  nü^  mengl.  7iou  (Strat- 
mann  diction.  of  the  old  engl,  langu.^  420  b.),  neuengl.  now^ 
neuniederd.  westfäl.  niu  (Jellinghaus  a.  a.  o.) ,  ahd.  mhd.  nü 
(Graff  sprachsch.  II  976  ff.),  mhd.  oberd.  (bair.)  nuo  (Wein- 
hold bair.  gramm.  §  114.  s.  110  f.  mittelhochd.  gramm.  §  129. 
s.  109  f.  §  314.  s.  286.)  =  sanskr.  w?/;  avest.  nu-rem -^  ^vi^ok. 
vvj  n^v-Vy  beide  enklitisch  und,  wie  att.  toI-vvv  zeigt,  nicht 
von  jeher  auf  die  dichtersprache  beschränkt;  lat.  nü-dius 
(vergl.  Fleckeisen  in  seinen  jahrbb.  1867.  s.  627.  anm.  2., 
Ritschi' neue  Plautin.  excurse  91.);  altir.  nu,  no  „eine  un- 
übersetzbare verbalpartikel ,  die  namentlich  dem  praesens 
vorzutreten  pflegt"  (Windisch  bei  Curtius  grundz.^  318.  kurz- 
gef.  ir.  gramm.  §  10.  s.  3.);  lit.  lett.  nu  ^nun,  jetzt',  lit.  nu-(ji 
*^nun  denn'  aufforderungspartikel ,  lit.  nu-lij  lett.  nii-le  ''nun, 
jetzt',  lett.  nu-nai  dass.  (Bielenstein  lett.  spr.  §  534.  II  s.  279.); 
anord.  mengl.  nu  (Stratmann  a.  a.  o.),  ahd.  nu^  nOj  besonders 
enklitisch,  z.  b.  in  dem  häufigen  se  nu,  se  no^  se  no  nu,  si  nu^ 
sinOy  sih  no  'ecce'  (Graff  VI  114.),  mhd.  nUj  nu  «,  no-r-Ci 
interj.  *^nun  wolan,  wolan  denn',  nhd.  nü  (vulgär),  im  nü, 
nü-n  mit  neuer  dehnung  durch  orthotonese.  Got.  ags.  alts. 
nu  bleiben  wieder  unbestimmbar.  Verschiedene  die  germa- 
nischen formen  betreffende  fragen  sind  ganz  dieselben  wie 
bei  dem  pronomen  der  2.  sing.  du.  So  die  über  das  Ver- 
hältnis von- mhd.  nuo  zu  nü  und  nu^  vergl.  s.  272.  Ferner 
ist,  wie  urgerm.  pfi^  so  aus  denselben  gründen  germ.  nü 
als  ein  zweifelhafter  zeuge  für  indogermanisches  ü  anzuer- 
kennen; vergl.  ebend.  Dieselben  volksdialekte  Westfalens 
scheiden  niu  und  nü  noch  heute  nach  orthotonese  und  pro- 
oder  enklise,  die  ebenso  diu  und  du  differenziert  halten,  und 

Ostlioü"  u.  Brugman  untersuth.  IV.  1^ 


—     274     — 

stehen  damit  auf  dem  urgermanischen  Standpunkte,  im  gegen- 
satz  zur  hochdeutschen  schritt-  und  Umgangssprache,  die  */?«?/, 
*dau=  germ.  nüj  pü  nicht  mehr  kennt.  Die  mittelstufen- 
form  der  wurzel  des  indog.  nu  zeigt  sich  als  neii-  am  klar- 
sten in  griech.  veF-o-g,  got.  niu-ji-s  '^neu\ 

Sanskr.  ved.  makshu  adv.  ^prompte,  alsbald,  bald,  rasch' 
=  sanskr.  ved.  nachved.  makshü  dass.,  ständige  lesart  des 
padapätha  im  rgveda;  avest.  moshu  adv.  ^alsbald,  bald,  so- 
gleich'; lat.  mox  aus  ^moxü.  Man  darf  das  adverb  als  er- 
starrten loc.  plur.  des  Stammes  ved.  mäh-  adj.  'gross,,  ge- 
waltig, mächtig'  ansehen.  Im  lateinischen  ist  meines  er- 
messens  gleicher  art  vix  'mit  genauer  not,  mit  mühe,  kaum', 
das  als  loc.  plur.  aus  ^vixü  zu  dem  defectiven  lat.  vic-  f., 
plur.  vic- es  'wechselfälle  des  Schicksals,  wechselfälle  des 
kampfes,  kampfgefahren,  kämpfe'  (vergl.  Vergils  vitüvisse 
vices  Banaum)  gehört:  vix  eväsi  hiess  ursprünglich  'ich  bin 
unter  kritischen  umständen,  in  den  wechselfällen  der  gefahr- 
vollen läge  davon  gekommen';  ähnlich  ja  franz.  a  feine^ 
Italien,  a  stento ,  a  fatica.  Schon  Pott  wurzel  -  wörterb.  III 
292 f.  deutete  vix  als  „mit  (schliesslichem,  wennschon  nicht 
leichtem)  siege ",  Zusammenhang  mit  vincere  statuierend,  das 
seinerseits  von  vic-,  vic-es  f.  nicht  zu  trennen  ist  (Möller 
Kuhns  zeitschr.  XXIV  500.),  und  den  „  zischer "  von  vix  mit 
demjenigen  von  mox  in  Verbindung  bringend.  Das  stamm- 
haftwerden  des  locativsuffixes  -su  in  ved.  makshü'-hhis,  padap. 
makshü-bhis  instrum.  plur.  (rgv.  VIII  26,  6.)  und  ved.  mak- 
shu-tama-  adj.  superl.* 'promptissimus',  ved.  mak^hü-yü-  adj. 
'eilig,  schnell'  (rgv.  VII  74,  4.)  erklärt  sich  wie  in  ved. 
prtsü-shu  (verf.  verb.  in  d.  nominalcomp.  190.,  Brugman  mor- 
phol.  unters.  III  70.)  und  etwa  durch  die  hilfe  misverstan- 
dener  unechter  Zusammensetzungen  wie  ved.  makshtc-javas- 
adj.  'rasche   eile   habend,    schnell   herbeieilend'   (rgv.  VI 


—     275     — 

45,  14.)^).  Bei  ved.  maksluim-gamä-  ''schnell  herbeieilend^ 
muss  mit  Böhtlingk -  Roth  Petersb.  wörterb.  V421.  „eine  bil- 
dung  nach  lautanalogie  {oraTn-gama-,  tttram-gama-)  angenom- 
men werden";  ähnlich  erklärt  Brugman  Curtius'  stud.  IX  268. 
in  vasun-dhara-  ^rßichtum  bergend'  von  vasii-  neutr.  das  ein- 
dringen des  nasals  durch  die  muster  wie  viijam-hharä-^  arin- 
-dama-.  Dem  gäthädialekt  des  altiranischen  blieb  es  vor- 
behalten, für  die  stärkere  form  -sü  des  indogermanischen 
loc.-plur.- Suffixes,  die  uns  im  veda  also  mak-shu  darbietet, 
sich  später  mit  Vorliebe  zu  entscheiden,  in  gaethä-lnt^  pou- 
7'U'shü^  maretae-shü,  dregvasü  u.  a.,  was  ich  morphol.  unters. 
II  2.  noch- fälschlich  als  „hysterogene  vocaldehnung "  bezeich- 
nete ;  vergl.  oben  s.  225  f. 

Sanskr.  ved.  nachved.  yü-yäm  personalpron.  2.  plur. 
nom.  *^ihr';  avest.  yü-sky  yü-^hem  nom.,  yü-shma-ibyä  (gäthä- 
dial.),  yü-shma-oyd  dat.,  yü-shmat  abl.,  yü-shmäkem  gen.,  //m- 
-shmuka-  adj.  *^euer,  eurig',  yü-shmäkem  acc.  sing.,  yü-shmäkäi 
dat.  sing.,  yü-skmdka-hyä  gen.  sing.,  yü-shma-vant-  adj.  *^der 
eurige',  yfi-shma-vat-äm  gen.  plur.;  Mi.  jus,  lett.  jus  per- 

1)  Ein  griechisches  analogen  zu  der  entstehungsweise  der  ved. 
prtsü-s/m  und  makshu-hhis,  mnkshu-tama-,  makshü-yü-  sehe  ich  in  dem 
adjectiv  'itpi-o-s  kräftig,  stark'  der  homerischen  ~L(pia  ftrjXa.  Man  braucht 
wegen  ifi-o-s  nemlich  nicht  die  ansieht  aufzugeben,  dass  das  adverb 
l-fi  'mit  macht,  mit  gewalt'  erstarrter  instrumental  von  f-s  =  lat.  vis 
sei.  Zahlreiche  casuelle  composita  mit  t-^i,  vornehmlich  alte  personen- 
namen,  ^Itpi-avaaaa^  ^Ifpi-y^vEia^  ^[(pi-Safiäs^  ^I<pi-xXh]S  "Ifi'xXo-s,  ^Ifi-xQnrf]S^ 
^I^i-fieSeia ,  ^Itpi-voo-e  u.  a. ,  konnten  auch  hier  das  abstrahieren  eines 
quasi-nominalstammes  l(pi-  befördern  helfen.  Dass,  wie  I.  Bekker  homer. 
blätt.  I  160.  glaubte,  in  dem  verse  des  Aratus  phaenom.  588.  ^Cfpek  ye 
fiev  l(pi  ne'Koid'coz  das  l-tpi  gar  noch  als  lebendige  instrumentalform  zu 
verstehen  sei,  erscheint  mir  zweifelhaft,  da  man  bei  der  nicht  unerhörten, 
wenngleich  selteneren  construction  von  Tteid'ead'ai  mit  dem  genitiv  (vergl. 
verf.  Paul-Braunes  beitr.  VIII  145.)  doch  auch  mit  Köchly  (in  den  poetae 
bucol.  et  didact.  Paris.  1851.)  „ense  quidem  fortiter  fisus"  an  jener  stelle 
übersetzen  kann. 

18* 


•    —     276     — 

sonalpron.  nom.  plur.  *^ihr\  lit.  jü-sü^  lett.  jü-su  geD.,  lit. 
jü-syjh  loc.  =  sanskr.  ved.  Dachved.  yu-shmän  personalpron. 
acc.  plur.  *^euch',  yed.yu-shmas  acc.  plur.  fem.  väjasaneyi-samh. 
XI  47.  (Petersb.  wörterb.  VI  137.),  ved.  nacbved.  yu-shma-^ 
hhis  instr. ,  yU'shmä-bkyam  dat. ,  yu-shmdt.  abl. ,  yu-shmakam 
gen.,  yu-shma-su,  yu-shme  loc,  ved.  yu-shmäka-  adj.  *^euer', 
yu-shmakena  instr.  sing.  masc.  rgv.  I  166,  14.,  yu-skmdkd-bhis 
instr.  plur.  fem.  rgv.  I  39,  8. ,  ved.  yu-shma-vant-  adj.  ^euch 
gehörig',  yu-shma-vatsu  loc.  plur.  rgv.  II  29,  4.;  griech.  lesb. 
homer.  v-(.i(.ieg  personalpron.  nom.,  plur.  'ihr'  aus  ^j-v-o/negy 
v-^fie  acc.,  v-fi(xh  v-fifxt  dat.,  lesb.  v-fi(.io-g  adj.  *^euer';  lit. 
JUS  acc.  plur.  'euch',  ju-ms^  lett.  ju-ms  dat.,  lit.  jti-mis  instr., 
ju-du  masc,  ju-dvi  fem.  nom.- acc.  dual.,  jü-dvejü  gen.,  //>- 
'dvem  dat. -instr.,  jii-dvese  loc.  Von  den  griechischen  for- 
men der  anderen  dialekte  haben  wir  abzusehen,  da  v-/Li€lgj 
v-fulv  v-(xiVy  v-f.iag  v-y,ag  u.  s.  w.  der  ^-verschleifung  wegen 
weder  für  indog.  w,  noch  für  n  beweisen,  während  die  lesbi- 
schen formen  durch  ihren  accent  für  letzteres  zeugen.  Auch 
aus  dem  germanischen  ergibt  sich  nichts,  da  in  got.  jus  nom. 
plur.  u  anceps  ist  und  die  formen  der  anderen  dialekte  durch 
lautgesetze  oder  analogiewirkungen  zu  sehr  entstellt  sind. 
Viel  gewicht  ist  auch  auf  das  zeugnis  des  litauischen  para- 
digmas  nicht  zu  legen,  da  offenbar  auf  dasselbe  der  plural 
der  nominalen  -ew-stämme  (j«*,  jus^  jü-ms^  ju-mis  wie  sünüSj 
sünusj  sünü-msy  sUnu-mh)  eingewirkt  hat,  eine  ein  Wirkung, 
die  freilich  ebenso  wol  in  der  Verteilung  der  alten  doppel- 
formen mit'il  und  u  (vergl.  oben  s.  218  f.  über  griech.  fivg) 
als  in  anderem  bestehen  mochte;  vielleicht  ist  nur  der  nom. 
plur.  7*7/*  alte  erbform  =  avest.  ?/?M',  got,  jus  (Leskien  declin. 
im  slav.-lit.  u.  german.  151.).  ou  in  preuss.  jou-s  nom.  plur.^ 
jou-son  gen.,  jou-mans  dat.  ist  doch  wol  diphthongierung 
aus  ü. 


277 


2. 

Das  nebeneinander  von  indog.  ^,  ü  und  ^,  n  erfordert 
eine  erklärung  aus  einem  gusse:  durch  ein  gemein- indo- 
germanisches lautgesetz.  Die  ganze  Sachlage  weist 
darauf  hin.  Bald  hat  dieselbe  spräche  *,  w,  die  in  einem 
anderen  ganz  entsprechenden  falle  i,  ü  darbietet;  bald  er- 
scheint länge  und  kürze  in  derselben  spräche,  ohne  dass 
man  mit  den  speciellen  lautgesetzen  dieser  die  eine  der 
doppelformen  aus  der  anderen  zu  erklären  vermöchte.  Ich 
verweise  der  kürze  halber  auf  folg-ende  meist  auch  schon  im 
vorhergehenden  zerstreut  berücksichtigte  neuere  litteratur,  wo 
der  leser  das  mehr  oder  weniger  verfehlte  isolierter  erklä- 
rungen  oder  beurteilungen  einzelner  fälle,  in  denen  indog.  7,  ü 
neben  oder  für  ^,  ü  erscheinen,  selber  sehen  möge:  Job. 
Schmidt  indog.  vocal.  I  123.  131.  134.  140  ff.  II  216.  242. 
269.  344.  358.  Kuhns  zeitschr.  XXIII  283.,  Curtius  grundz.^ 
477.  verb.  P  216  f.  221.  230  ff.  249  f.,  Bartholomae  altiran. 
verb.  s.  45.  95.  110.,  Brugman  Curtius'  stud.  IV  170.  178.  182. 
185.  Kuhns  zeitschr.  XXIV  261  ff.,  G.  Meyer  Bezzenbergers 
beitr.  I  81  ff.  griech.  gramm.  §  31.  s.  33.  §  32.  s.  33  f.  §  02. 
s.  66;  §  90.  s.  94.  §  113.  s.  111  ff.  §  146.  s.  139.  §  156.  s.  149. 
§  184.  s.  169.  §  293.  s.  251  f.  §  298.  s.  254  f.  §  317.  s.  272, 
§  319.  s.  273  f.  §  345.  s.  294.  §  482.  s.  371.  §  489.  s.  377  f. 
§  494.  s.  380 f.  §  496,  4.  7.  anm.  2.  s.  382.  §  499.  s.  385.  §  511.  , 
s.  391.  §  516.  s.  393.  §  523.  s.  398.  §  555.  s.  421.  §  591. a.b. 
s.  440  f.,  Osthoff  morphol.  unters.  II  114.  anm.,  Misteli  zeit- 
schr. f.  völkerpsych.  u.  sprachwiss.  XI  463.,  Möller  Kuhns 
zeitschr.  XXIV  504.  Paul-Braunes  beitr.  VII 514.  520.  524.  547. 
nachtr.  zu  s.  514.,  J.  Wackernagel  Kuhns  zeitschr.  XXV  273. 

Dass  in  wenigen  fällen  die  einzelsprachlichen  lautgesetze 
eine  isolierte  erklärung  ermöglichen,  wie  bei  homer.  tivw^ 


—     278     — 

cp^ivcü  (s.  49 ff.),  bei  german./w,  7iü  (s.  272.  273.)  und  etwa 
auch  german.  bJ  in  seinem  Verhältnis  zu  bi  (vergl.  s.  228. 
229.),  ist  ohne  belang  für  die  gesamte  Sachlage.  Ein  solcher 
einzelfall  ist  von  keiner  beweiskraft  für  die  von  uns  aufzu- 
stellende theorie,  doch  dürfte  im  allgemeinen  auch  ihn  aus 
dem  rahmen  des  gesamtbildes  herauszunehmen  nicht  ge- 
raten sein. 

Noch  andere  abzüge  an  unserem  beweismaterial  können 
dadurch  entstehen,  dass  man  in  einer  anzahl  von  fällen  die 
glaubwürdigkeit  der  von  uns  benutzten  quellen  für  die  eine 
oder  die  andere  quantität  der  einzelsprachlichen  z,  u  in  zweifei 
zieht.  So  ist  es  gewis  an  und  für  sich  wenig  oder  gar  nichts 
beweisend,  wenn  Gregor  von  Nazianz  Tttalveiv  oder  Maximus 
Planudes  cp^i^wg  mit  kürze  der  ersten  silbe  gebraucht  (vergl. 
s.  171.  173.):  diese  späten  griechischen  versifexe  haben  wol 
schon  nur  nach  dem  accente  gesprochen  und  also  naturlänge 
der  nicht  accentuierten  silben  wie  das  neugriechische  ver- 
nachlässigt. Wenn  ich  trotzdem  solche  zweifelhaften  bei- 
spiele  auch  aufgenommen  habe,  so  geschah  es,  weil  die 
grenze  schwer  zu  ziehen  war,  weil  bei  dem  in  weitem  um- 
fange sichtbaren  schwanken  der  quantität  von  t  und  v  in  der 
alten  gräcität  die  möglichkeit  doch  nicht  in  abrede  zu 
stellen  ist,  dass  die  spätere  und  späteste  griechische  poesie 
bei  ihrem  abweichenden  usus  in  quanlitätsfragen,  die  l  und  v 
•  betreffen,  auf  uns  verlorene  ältere  muster  sich  gestützt  habe. 
Dann  ist,  da  ich  einmal  von  abzügen  rede,  die  ich  mir 
werde  gefallen  lassen  müssen,  auch  noch  der  neuen  von  mir 
auf  grund  der  gleichung  i,  ü  =  ^,  ü  aufgestellten  etymologien 
zu  gedenken.  Wie  viele  derselben  der  leser  auch  beanstan- 
den zu  müssen  glaube,  es  bleiben  unter  allen  umständen 
genug  höchst  sichere  und  allgemein  geglaubte  wortverglei- 
chungen  übrig,  welche  an  der  tatsache  der  wechselnden  ent- 


—     279     — 

sprechung  i,  ü  und  ^'/w  zwischen  den  einzelsprachen  nicht 
zweifeln  lassen  und  darum  für  sich  jene  auf  hellung  durch 
ein  gemein-indogermanisches  lautgesetz  notwendig  erheischen. 
Auch  den  ersten  versuch  einer  umfassenden  systema- 
tischen erklärung  der  i,  ü  vom  Standpunkte  der  neueren 
vocalismustheorie,  denjenigen  von  de  Saussure  syst,  primit. 
239  ff.,  muss  ich  als  mislungen  bezeichnen,,  obgleich  er  den 
beifall  Joh.  Schmidts  anzeig.  f.  deutsch,  altert.  VI  119.  und 
H.  Möllers  Paul-Braunes  beitr.  VII  492  ff.  gefunden  hat.  Um 
nur  eins  hervorzuheben:  nach  de  Saussure  soll  nur  den  im 
Sanskrit  sogenannten  „  udätta- wurzeln "  das  «,  ü  zukommen. 
kUeu-  ^hören^  ist  keine  udätta- Wurzel,  da  es  sanskr.  crö-tu-m 
im  Infinitiv,  nicht  ^ C7^avi-tu-m  bildet  (vergl.  de  Saussure 
s.  248  f.),.  und  doch  treffen  wir  das  -^ö-particip  mit  ü  an, 
wenn  auch  zufällig  nicht  im  sanskrit  und  griechischen  (s.  83.), 
doch  hat  auch  das  griechische  /.Iv-d^t,  ytkv-re  (s.  54.),  und 
das  sanskrit  das  passiv  crü-ija-te  (s.  15.),  den  precativ  ved. 
i'.rü-yas  neben  cru-yä's  des  padapätha  (s.  54.),  den  opt. 
perf.  ved.  gu-grü-yas  ^  cu-grü-ya-tam  neben  padap.  cu-gru- 
ya-Sj  {m-cru-ya-tam  (s.  65.),  das  desiderativ  cü-gi^ü-sh-a-te^ 
mit  dem  sich  abulg.  sly-sati  zunächst  berührt.  Das  misliche 
seiner  ganzen  theorie  tritt  bei  de  Saussure  besonders  s.  260  f. 
hervor,  wo  er,  auf  eine  anzahl  unserer  fälle  mit  ?,  u  zu 
sprechen  kommend,  sich  nur  so  zu  helfen  weiss,  dass  er 
mehrere  wurzeln  für  „udättäs"  und  „anudättäs"  zugleich, 
erklärt.  Ich  fürchte  nur,  dass  diese  so  ausnahmsweise  zu- 
gelassenen zwitterwurzeln  schliesslich  nicht  eine  winzige  min- 
derheit,  sondern  bei  weitem  die  grosse  mehrheit  aller  sein 
werden.  Mit  dem  doch  noch  sehr  problematischen  „pho- 
neme  ^1",  woraus  bei  Möller  bereits  ein  „consonant  A*" 
neben  einem  „consonanten  E""  geworden  ist  (vergl.  Köl- 
bings  engl.  stud.  III 150  f.  Paul-Braunes  beitr.  VII 492  ff.  anm.), 


—     280     — 

werden  wir  nach  meiner  Überzeugung  *den  indogermanischen 
langen  /,  ü  nicht  beikommen. 

Den  einzig  brauchbaren  gedanken  über  den  Ursprung 
der  ^,  n  und  ihr  .Verhältnis  zu  eij  eu  und  t^  ü  finde  ich  bei 
Kögel  Paul -Braunes  beitr.  VIII  108.,  wenn  dieser  meint, 
dass  „ höchstwahrscheinlich  der  Übergang  [von  ez*,  eu  zu  deren 
reductionen  ^,  ü]  durch  die  mittelstufe  i  ü  erfolgt  ist  (ur- 
sprachliches i  ü  kommt  meist  in  unbetonten  silben  vor,  vgl. 
Job.  Schmidt  a.  a.  o.  s.  119.)".  Ich  constatiere  um  so  lieber 
das  zusammentreffen  dieses  Urteils  mit  der  von  mir  im  nach- 
stehenden entworfenen  theorie,  je  weniger  ich  sonst  aus 
Kögels  abhandlung  „gegen  nasalis  sonans"  mir  habe  an- 
eignen können.  Auch  jene  richtige  bemerkung  über  7,  n  er- 
scheint bei  Kögel  sogleich  mit  verkehrten  Schlussfolgerungen 
in  bezug  auf  die  sonantischen  liquiden  und  nasale  verquickt. 
Die  analogie  der  tiefstufig  zu  /,  u  werdenden  e?,  eu  darf  nach 
wie  vor  herangezogen  werden  zur  erkl'ärung  von  nasalis  und 
liquida  sonans,  auch  wenn  dort  „der  Übergang  durch  die 
mittelstufe  *,  n  erfolgt  ist";  denn  in  richtiger  consequenz  hat 
man  nur  zu  schliessen,  dass  hier,  bei  em^  en,  er,  el  nemlich, 
der  durchgang  zu  /^,  w,  r,  /  analog  durch  die  mittelstufen 
¥»  V'j  Tt  l  geschah.  Diese  consequenz  vom  Standpunkte 
der  tatsachen  der  lautgeschichte  zu  rechtfertigen,  bleibt  dem 
schluss  dieser  abhandlung  in  morphol.  unters.  V.  vorbehalten. 

Meinen  eigenen  erklärungsversuch  gebe  ich  nun  hier  in 
einer  reihe  von  Sätzen,  deren  richtigkeit  ich  bald  kürzer, 
bald,  wo  es  nötig  scheint,  eingehender  zu  begründen  suche. 
Diese  erklärung  basiert  auf  den  von  Paul  in  seinen  beitr. 
VI  130 ff.  ausführlich  dargelegten  theorien  über  dreistufige 
(exspiratorische)  accentuation.  Was  Paul  dort  über  die 
verschiedenen  möglichkeiten  der  combination  von  hau.pt- 
ton,  nebenton  und  tonlosigkeit  theoretisch  ermittelt 


—     281     — 

und  praktisch  fürs  germanische  verwertet,  wird  hier  als  be- 
kannt vorausgesetzt.  In  betreff  der  terminologie  halte  ich 
es  für  unverfänglich,  die  bezeichnungen  „hauptton",  „neben- 
ton", „tonlos"  auch  für  die  abstufungen  des  nicht  musi- 
kalischen accents  in  anwendung  zu  bringen.  Bei  Paul  sind 
gleichbedeutend  damit  seine  Unterscheidungen  einer  star- 
ken, mittleren  und  schwachen  stufe.  Dass  die  be- 
tonung  der  indogermanischen  grundsprache  keine  andere  als 
die  musikalische  (nach  Verners  bezeichnung  „  chromatische ") 
war,  kann  ich  durch  Möller  Paul -Braunes  beitr.  VII  493  ff*, 
nicht  für  erwiesen  halten.  Doch  will  ich  hier  darob  in  der 
theorie  nicht  rechten.  Sollten  unsere  nachfolgenden  erörte- 
rungen  nur  einigermassen  das  richtige  treffen,  so  werden 
diejenigen  einen  harten  stand  haben,  welche  den  exspiratori- 
schen  accent  für  die  grundsprache  ganz  abweisen  zu  dürfen 
glaubten.  Bei  verschiedener  accents tärke  ist  der  ausfall 
oder  nichtausfall  eines  kurzen  a- lautes,  um  nur  diese  eine 
wichtige  erscheinung  des  indogermanischen  vocalismus  her- 
auszuheben, wol  jedem  sofort  physiologisch  begreiflich;  wie 
verschiedene  tonhöhe  denselben  hätte  bewirken  können,  hat 
uns  Möller  mit  keinem  worte  verraten.  Auch  an  die  mög- 
lichkeit  einer  combination  von  chromatischer  und  exspira- 
torischer  betonung  innerhalb  gewisser  grenzen  muss  gedacht 
werden.  Es  lässt  sich  füglich  die  frage  aufwerfcD,  ob  nicht 
überhaupt  die  rein  musikalische  accentuation  einer  spracl^ 
mit  abwesenheit  jedes  exspiratorischen  Clements  für  ein  non- 
sens  zu  halten  sei. 

3. 

I.  Indog.  <,  ü  entsprangen  aus  ei  oi  «/,  eu  ou  au, 
sowie  aus  ie  io  Uiy  tie  no  ua  vor  consonanten  in 
nicht   haupttoniger   silbe,    indem   sich   hier   das 


—     282     — 

fl-element  jener  Verbindungen  an  den  begleiten- 
den Sonorlaut  assimilierte.  So  wurden  zunächst  neld- 
-tö-s  zu  u'iid-tö-Sj  k^leu-tö-s  zu  k^luu-tö-s\  so  auch 
aidh-rö-s  zu  ii^dh-r6-s.  Andererseits  ergab  so  uegh^-S 
ein  uugh^-6.  Dann  führte  contraction  zu  utd-tö-s^  kUü- 
-t6-s\  tdh-rö-s'^  ügk^-ö  (=  sanskr.  '^üh-a-mi^  wofür  durch 
accentverschiebung  uh-ä-mi). 

n.  Indog.  2,  w  blieben  als  längen,  wenn  der  sie 
enthaltenden  silbe  der  nebenton  gewahrt  blieb; 
sie  verkürzten  sich  zu  *,  w,  wenn  durch  irgend 
welißhe  umstände,  die  die  Stellung  im  satze,  der  vor- 
tritt eines  compositionsgliedes,  die  praefigierung  oder  suffigie- 
rung einer  wortbildungssilbe  u.  dergl.  mit  sich  brachte,  der 
nebenton  der  silbe  zur  tonlosigkeit  herabsank. 

So  ist  lautgesetzlich  sowol  kHutös  als  kHutös  (mit  ' 
bezeichne  ich  die  nebentonigkeit,  mit  ''  die  tonlosigkeit). 
Ersteres  gebührte  dem  anfang  des  satzes  oder  Satzgliedes; 
dem  inneren  des  satzes  aber  dann,  wenn'  unmittelbar  vorher 
eine  tonlose  silbe  ging;  ursprüngliches  uelk^etai^)  kleu- 


1)  Ich  stelle  also  hier  im  vorbeigehen  die  „glottogonische"  theorie 
auf,  dass  die  activen  personalendungen  -m/,  -si,  -ti,  -nti  aus  den 
medialen  -mal,  -sai,  -tai,  -ntai  durch  „tonentziehung"  entstanden 
sind,  ebenso  aber  auch,  dass  in  der  secundärreihe  -m,  -s,  -t,  -nt  die 
tiefstuf enformen  von  *-mo,  -so,  -to,  -nto  sind.  ^d.\i%^v.  dvesh-ti  und 
dvish-te  beruhen  auf  einer  und  derselben  ur-indogermanischen  grundform 
dua^istal,  die  durch  den  accent  differenziert  wurde,  je  nachdem  man 
'hasst  für  sich'  oder  'hasst  für  sich'  ausdrücken  wollte.  Es  besagt 
hiergegen  nichts,  dass  man  sonach  die  mf-conjugation,  wo  allein  die 
endungen  -mai,  -salj  -tal,  -ntai;  und  '*'-mo,  -so,  -to,  -nto  hoch- 
betont sind,  zum  träger  und  erhalter  derselben  wird  machen  und  in 
petetal  (=  griech.  Tterexai),  ntk^etai  (=  sanskr.  vigäte,  avest.  visaite) 
folgerichtig  sehr  frühzeitige  neubildungen  nach  duistäi,  k^^irlutäi 
U.S.W,  wird  sehen  müssen.  Ein  vor  dem  wirken  unserer  accentabstu- 
fungsgesetze  vorhandenes  petontai  ist  unmöglich  das  griech.  TteTovrar^ 


—     283     — 

tös  ward  zu  uik^ett  kHutös\  aber  so  k^leutös  je  nach 
den  umständen  entweder  zu  so  kHutbs  oder  zu  so  kHu- 
iösj  jedesfalls  a'ber  zu  kUütos  mit  kürze.  So  ergab  auch 
der  vortritt  mehrsilbiger  sowol  wie  einsilbiger  praefixe,  wo- 
fern sie  nur  den  hauptton  für  sich  in  anspruch  nahmen,  kürze : 
eji-kHutös  (==  lat.  in-clütus).  Aber  auch  pert-k^lutbs: 
da  'tosj  vorher  haupttonig,  in  der  composition  darum  wenig- 
stens den  oder  einen  nebenton  für  sich  heischte,  konnte  für 
die  •  unmittelbar  vorhergehende  silbe  nur  tonlosigkeit  übrig 
bleiben,  nach  dem  grundgesetz  „es  können  nicht  zwei  auf 
einander  folgende  silben-  ganz  gleiche  tonhöhe  oder  gleiches 
tongewicht  haben"  (Paul  a.  a.  o.  131.).     Wegen  perl-  in 

jenes  hätte  lautgesetzlich  zu  petnt\  oder  zu  petnti  (über  n  vergl. 
weiter  unten)  werden  müssen.  Die  typen  wf/r^öw^/,  nfk^önt  (alle  ein- 
fachen aoriste)  retteten  das  .-ön-,  die  m^-conjugation  das  -täi-,  und  so 
sind  die  historischen  Ttsrovrac,  Tteropro  schon  auf  ziemlich  vielen  Vor- 
aussetzungen beruhende  grundsprachliche  analogiegebilde.  Für  offenbar 
unter  sich  verwante  casussuffixe  in  der  declination  nehme  ich  ähnliche 
difierenzierung  6iner  grundform  an.  Wie  bei  uns  ins  haüs  und  ins 
haus  bei  gleichen  lautüchen  elementen  doch  verschiedenen  sinn  haben, 
so  konnte  ein  und  dasselbe  \xv-m^og.  uodenai  je  nachdem  ud^'näl 
=  sanskr.  dat.  sing,  udne  (genauer  sanskr.  *tidne,  vergl.  s.  196  f.)  oder 
ude'nt  =  sanskr.  loc.  sing.  udd7ii  ergeben.  Ein  locativ  sanskr.  udni  muss 
schon  auf  Verschiebung  beruhen,  ebenso  anderseits  auch  schon  die  dativ- 
infinitive  wie  ved.  vidmdne,  griech.  cSfievai.  Sehen  wir  uns  aber  unter 
noch  älterem  erstarrtem  sprachgut  um,  so  bieten  uns  etwa  praepo- 
sitionen  das  alte  richtige  Verhältnis  dar:  der  loc.  per- i  (=  sanskr. 
pdr-i,  griech.  Tts^-i)  neben  dem  dat.  prr-dl  (=  griech.  naQ-ai,  avest. 
par-c)  oder  j9'V-«j  (=  Id^i.  pr-ae)  entspricht  unseren  anforderungen  an 
die  Schicksale  einer  urgrundform  per ai.  Überhaupt  ist  die  declination 
dieses  alten  wurzelnomens  per-  'Überschreitung,  vorübergang'  lehrreich: 
prr-6s  {=  sanskr.  pur-äs,  avest.  par-o  ^  griech.  na^-os)  ist  der  alte 
ablatio,  prr-d  {=  griech.  Tia^-a)  der  alte  instrumental.  Gust.  Meyer 
z.  b.  kann  es  diesem  alten  paradigma  \oiiper-  vielleicht  glauben,  was 
er  eigentlich  schon  den  Infinitiven  i'Sfierai,  Soßevai  hätte  glauben  sollen 
(vergl.  dessen  griech.  gramm.  §  345.  s.  294.  anm.),  dass  da^  suftix  des 
dat.  sing,  indog.  -a^  war,  nichts  anderes. 


—     284    — 

peri-kHutbs  vergl.  s.  245.;  es  hat  nach  s.  282  f.  a'nm.  aus 
ai  entstandenes  i  in  der  nebentonigen  silbe. 

Vielleicht  wird  man  die  angeführten  beispiele  des  nom. 
sing.  u1dtd-Sj  kHutö-Sj  idhrö-s  wenig  passend  finden: 
gerade  der  nominativ  sing,  war  wol  auch  in  der  ö-decli- 
nation  nach  dem  gesetz  des  accent-  und  Stammwechsels  (vergl. 
s.  93  ff.  120.  127  ff.  163  f.  170.)  nicht  von  anfang  an  oxy- 
tonon.  Dann  mag  man  aber  zur  veranschaulichung  des  Ur- 
sprunges der  doppelheit  kUutö-  und  kHuto-  zu  anderen 
casusformen  greifen,  die  ursprünglich  die  stammbildende  silbe 
betonten.  War  kUeutos  älteste  form  des  nom.  sing.,  so  ge- 
staltete sich  nach  denselben  regeln  des  durchgängigen  accent- 
stufenwechsels  bei  zusammenftigung  mit  einem  haupttonigen 
praefix  die  declination  des  compositums  etwa  folgendermas- 
sen:  nom.  sing.  peri-kHÜtos  neben  pert-kHiltd-  {pert- 
-kUute-)  als  Stammform  obliquer  casus,  etwa  gen.  sing. 
pert-kHuthsjo.  Auf  die  genaue  ansetzung  der  endsilben 
und  deren  verhalten  in  bezug  auf  die  accentstufe  kommt  es 
uns  hier  noch  nicht  an. 

Aus  anderen  declinationsstämmclassen  seien  beispiele: 
titk^os  Mes  Stammes',  inüsos  Mer  maus'  hiess  es  als  abl.- 
gen.  sing,  im  satzanlaute  und  im  satzinnern  nach,  tonloser 
sowie  haupttoniger  silbe;  ebenso  Är^iZ^ö/«*^ der  haut',  sünous 
"^des  Sohnes'.  Aber  ibd  uik^os,  tbd  jnusösy  wenn  das 
heutrum  sing,  des  demonstrativums  seinerseits  nebentonig  war. 
Ähnlich  dpb  k^utois^Sih  cute',  dpo  sunous'sih  filio'  gegen- 
über töd  estt  k^Ütöis  'istud  est  cutis',  töd  esti  sunous 
*^istud  est  filii'. 

Auf  verbalem  gebiet  bestand  nach  unseren  regeln  im 
aoristpraesens  sowol  sntgk^ett  als  snigh^etiy  glübhesi 
als  glubhesi]  aber  im  aorist  mit  dem  augment  nur 
e-sjiigh^htj   e-glubhes.    In  der  fünften  indischen  classe 


—     285     —  ^ 

^entwickelte  der  singular  praes.  act.  die  doppelformen  k^t- 
ncumi  und  k'^ineumi  (=  sanskr.  cinomi).  Die  1.  plur.  act. 
und  3.  sing.  med.  wechselten  ab  zwischen  k^tnumös  k^\- 
nutäi  (=  griech.  TivvraC)  und  k^inumos  k^\nütäi]  letz- 
teres waren  die  nach  nebenton  auf  der  Schlusssilbe  des  un- 
mittelbar vorhergehenden  Wortes  hergebrachten  formen.  Die 
historischen  sanskr.  cinumds  cinute^  griech.  tivvrat  mit  ihrer 
unmittelbaren  aufeinanderfolge  der  beiden  gleichstufigen  silben 
er-  TL-  und  -nu-  -vv-  sind  bereits  jüngere  mischproducte. 
Was  -nü-  in  k^mumus  k'^lnütdi  angeht,  so  ist  es  nicht 
ein  blosses  postulat  unserer  theorie,  sondern  das  avestische 
wahrt  reichliche,  das  griechische  wenigstens  einige  sichere 
spuren  dieser  gestaltung  des  stammsuffixes  in  den  oxytonier- 
ten  verbalformen  der  -weM-classö.  Ich  komme  später  darauf 
zurück. 

Bei  zwei  den  a-vocal  in  der  wurzel  begleitenden  so- 
noren geschah  die  assimilation  desselben  an  den  zweiten. 
Daher  5w«(/-,  *M?rf- 'schwitzen^;  nicht  ^süid-^  ^snid-^  wie 
ngh^-j  ugh^-  "^schieben,  rücken\  Dies  hängt  zusammen  mit 
einem  constitutiven  lautgesetz  der  grundsprache ,  das  ich 
glaube  annehmen  zu  müssen:  gerieten  bei  der  silben- 
bildung  zwei  Sonorlaute  als  bestandteile  dersel- 
ben Silbe  neben  einander,  so  übernahm  ursprüng- 
lich stets  der  erste  derselben  die  rolle  des  con- 
sonanten,  der  zweite  wurde  sonant.  Nach  diesem 
gesetze  gibt  es  kein  indog.  iu ,  ui  in  einer  silbe,  sondern  nur 
iiiy  iuy  nur  ein  sanskr.  äyü-bhis^  nicht  *div-bhis]  hingegen 
wol  di-vdsj  griech.  JL-ßog.  Darum  heisst  auch  das  particip 
von  var-  sanskr.  vrtä-s  und  ist  für  got.  vaurd  die  grundform 
nrdhö-m.  Darum  auch  die  3.  plur.  indog.  i^nti  *^sie  gehen' 
=  sanskr. ydnti.  Ebenso  indog.  k^unsü^  k^unbkis  =  sanskr. 
^vd'SUj   cvd-bhis  von  k^urn-  *^hund^;   k^un-bhis:  kUi-n6s 


—    286     — 

==  sanskr.  dyiUhhis:  di-väs.  Brugman  hatte,  wie  mir  scheint, 
gar  nicht  nötig,  morphol.  unters.  III  121  f.  anm.  gegen  Joh. 
Schmidts  forderung  eines  *  cun-bhü^  das  eine  form  wäre  wie 
jenes  *dw-bhis^  das  historische  gm-bhis  als  spätere  analogie- 
bildung  zu  rechtfertigen.  Denn  wem  „  die  differenz  von  evd- 
bhis  und  (^ünas  die  annähme  einer  nasalis  sonans  unmöglich 
macht"  (Joh.  Schmidt  Kuhns  zeitschr.  XXV  44.),  müsste  dem 
nicht  ebenso  durch  die  differenz  von  sanskr.  dyübhis  und 
dims  die  annähme  eines  indog.  u  unmöglich  werden?') 

Unserer  regel  gemäss  ist  auch  die  homerische  und  neu- 
ionische, sowie  bei  den  attischen  dramatikern  vorkommende 
Optativendung  -oLaro  in  yevoLaro^  oKoiaio^  Ttvd-oLaTo  ^  Ttev- 
S^olaroj  Xa^olaTOj  alod^ctvoiaTO  u.  a.  (Curtius  verb.  d.  griech. 
spr.  P  97.  99  f.)  älter  als  ätt.  -olvtOj  das  Homer  noch  ganz 
abgeht  nach  Hoffmanns  emendation  von  i^ayjoivro  !Ax(xLoi 
IL  A  344. 'in  iia%eoia%  läyaioL  Es  bieten  ferner  homer. 
-/.exvvrai,  XeXvvTai^  elqvvTOj  qrjyvvvTOj  yJvvvtOj  att.  y.s'/.Xivr(xi 
ezexlLVTOj  -aelvTai  ev.etvTo  in  folge  von  neubildung  -vtcii, 
-vTo  dar  anstatt  des  nach  i,  ?;  d.  i.  </,  vf  wie  sonst  nach 
consonanten  (in  rerayaraLj  Iretayato)  früher  allein  berech- 
tigten -aiai^  -aro  in  homer.  eiqvaraL  eiQuaro,  /.exXlaTai, 
-/.^atai  -/.eato  (Curtius  verb.  I^  97  f.);  vergl.  auch  homer.  öe-- 
öläGij  Ttecpväoi.  Und  sanskrit  und  zend  haben  sich  der  neu- 
schöpfung  der  unindogermanischen  endungen  -unti,  -untai 
statt  -?/w^z,  -untdi  immer  enthalten:  nirgends  für  vpivdnti 
avest.  verenvaintiy  ved.  vrnvaie  ein  ^vrmmti  ^verenuintt, 
*vrnuntej  wie  doch  neben  tevyvväoi  ion.  CevyvvGi  (für  "^Kevy- 


1)  Übrigens  hatte  sich  in  de  Saussure  syst,  primit.  43  f.  bereits  vor 
Brugman  derjenige  „anhänger  der  indogermanischen  nasalis  sonaüs"  ge- 
funden, der  von  Joh.  Schmidts  einwurf  in  der  Jenaer  literaturz.  1877. 
art.  691.  „notiz  genommen"  und  auf  erscheinungen  wie  sanskr.  vrtä-s  in 
einem  dem  unseren  ähnlichen  sinne  hingewiesen  hatte. 


—     287     — 

vvoi  aus  *L8vyvvvTi)  und  gemeiDgriech.  tevyvvvTai.  Bereits 
Brugman  Curtius'  stud.  IX  296.  fasste  richtig  die  griechischen 
Verbalstämme  auf  v  und  t  hinsichtlich  der  ihnen  zukommen- 
den formen  der  personalendungen  3.  plur.  mit  den  auf  con- 
sonanten  ausgehenden  zusammen.  Im  Irrtum  aber  zeigt  sich 
Brugman  morphol.  unters.  III  66.  über  das  chronologische  Ver- 
hältnis von  -oLaTo  und  -olvto  in  der  3.  plur.  med.  des  Opta- 
tivs. Irrtümer  begeht  auch  G.  Meyer,  wenn  er  griech.  gramm. 
§19.  s.  22.  yhoi-v%o  ebenso  wie  Brugman  für  älter  als  y^- 
voi-axo  erklärt,  dazu  §  468.  s.  363.  in  '/,u-vxai  die  „regel- 
mässige bildung "  und  in  homer.  xearai  -/.mro  {xelaTat  xelaTo)^ 
xexllaTaiy  elgyarat  eiQvaro  die  neuschöpfung  sieht,  endlich 
§550.  s.  418.  für  öeöLäöiy  das  Brugman  Curtius'  stud.  IX  297. 
nur  zum  nachfolger  eines  früheren  *Ö8ÖlaOL  machen  wollte, 
als  ältere  form,  ein  *  de-öFi-vxt  postuliert  und  §  554.  s.  420. 
2i\{(i\i  Ttecpväöi  „mit  secundär  eingetretener  endung"  gebildet 
sein  lässt.  Homer.  Kiazai  wird  auch  durch  das  damit  iden- 
tische kret.  xLarai  oder  xtaraL  (Gust.  Meyer  griech.  gramm. 
§  468.  s.  363.)  in  seinem  anspruche  auf  altertümlichkeit  ge- 
stützt. Es  sind  Aearat  xmro,  xeKllataCy  eiqvataL  elQvaxo 
mit  unter  den  mustern  gewesen,  nach  welchen  sich  homer. 
ßeßh'i^arai  ßeßlrj-aTOj  bei  Herodot  Ti^e-araij  ly-öiöo-araif 
STtiGTs-aTaLy  dvve-arai  bildeten,  so  gut  wie  homer.  JiaraL 
rjaro  statt  der  jüngeren  formen  att.  rjvrai  tjvto  dabei  mit- 
wirkend waren.  Es  müsste  *  gerade  "^  ös-öFi-vri,  wenn  es 
existierte,  für  die  neubildung  angesehen  werden.  Von  der 
art  eines  solchen  *  öeößivTt  ist  allerdings  lat.  int :  TtoQevovTat 
gloss.  Philox.  bei  Loewe  prodrom.  421.  Wäre  dies  aus  "^ient 
lautgesetzlich  zu  deuten,  wie  Kögel  meint  Paul-Braunes  beitr. 
VIII  106.  anm.,  so  hätte  diese  grundform  *i-ent  dasselbe  -en- 
=  griech.  -av-  wie  umbr.  s-ent  =  griech.  "^t-avTi  e-äoiy 
d.  i.  die  regelrechte  italische  form  der  hochbetonten  nasalis 


—     288    — 

sonans  nach  verf.  Kuhns  zeitschr.  XXIV  423.  morphol.  unters. 
I  98.  Da  jedoch  Kögels  lautgesetz  über  anlautendes  lat.  je- 
nicht  erwiesen  ist  —  direct  dagegen  zeugen  jecur^  jentUre 
jentd,cuhim^  und  i  "^gehe'  imper.,  tra  ^orn  lassen  andere  er- 
klärungen  zu  als  die  ihnen  von  Kögel  gegebenen  — ,  so  ist 
es  sicherer,  jenes  i-nt  als  neubildung  zu  betrachten:  zu  Trrms 
Uis  wurde  es  nachgeschaffen  nach  massgabe  der  formen- 
verhältnisse  in  optativ-  und  conjunctivsy steinen,  also  etwa 
sint  neben  sJmus  sitis  j  velint  neben  velimus  vetitis  nndi  ferant 
neben  ferümus  feräiis.  Vielleicht  ist  geradezu  da,  als  altlat. 
si-ent  =  griech.  *€l-av  durch  das  jüngere  sint  ersetzt  zu 
werden  anfing  (vergl.  s.  291  ff.),  auch  *i-ent  =  griech. 
*'l-avTL  t-äüi,  sanskr.  y-anti  gegenüber  einem  jüngeren  int 
ins  wanken  gekommen.  Wer  mit  Brugman  Bezzenbergers 
beitr.  II  246.  bei  Theognis  716.  das  von  Brunck  und  G.  Her- 
mann conjicierte  Igl  recipieren  will,  würde  seine  grundform 
*  %-vTL  ebenso  als  neuschöpfung  statt  *  Xavxi  =  taGt  zu  recht- 
fertigen und  auf  cpego-vri  :  cpeQO-f-ieVj  xid^e-vn  :  rid^e-f.iev 
als  die  muster  für  H-vn :  %-fxev  zu  verweisen  haben.  Das 
uGi  der  Überlieferung  —  so  hat  der  massgebende  codex 
Mutinensis  —  kann  man  mit  einer  untergeordneten  hand- 
schrift  ÜGL  accentuieren ;  dann  wäre  wol  dies  vereinzelte 
üGi  *^sie  gehen'  zu  erklären  als  nachbildung  zu  eiGi  *^sie  sind' 
nach  dem  Schema  der  1.  sing,  elf^u  :  ei(.iL.  Aber  auch  ein- 
fach eIgL  'sie  sind'  kann  Theognis,  wie  mir  scheint,  gemeint 
haben :  in  acpaq  eiGi  jtoSeg  wäre  das  adverb  mit  dem  verbum 
substantivum  nicht  kühner  als  in  entsprechendem  lateinischem 
praestö  sunt  pedeSy  oder  in  griech.  eyyvg  rjGaVy  Kalcjg  Igti, 
lat.  bene  est  (vergl.  Curtius  griech.  schulgramm."  §  361,  7. 
anm.  s.  206.,  Koch  griech.  schulgramm.^  §  69,  1.  anm.  3. 
s.  151.).  Welche  gebrechliche  stütze  Theognidisches  elGt  *^sie 
gehen'  für  etwelche  die  indogermanische  lautlehre  und  mor- 


—     289     — 

pbologie  betreffende  theorieen  (Job.  Scbmidt  anzeig.  f.  deutscb. 
altert.  VI  118.  Kubns  zeitscbr.  XXV591.,  Kögel  Paul-Braunes 
beitr.  VIII  106.)  ist,  ergibt  sich  biernacb  von  selbst;  nur  XäOL 
ist  sieber  beglaubigt  für  die  3.  plur.  von  elfiiy  daneben  nichts 
anderes. 

In  Ordnung  zeigt  sich  unsere  constitutive  lautregel  auch 
bei  B-OTal-aro  Hesiod.  scut.  Herc.  288.,  e-cp^ag-aTat  Thu- 
cyd.  III  13,  8.,  da  deren  ausgänge  -l-aroy  -Q-arai  normal 
=  indog.  -l-?itöj  -r-nidi  sind. 

Bei  den  Attikern  ist,  wie  sich  yeroi-vro  (und  in  dessen 
gefolge  auch  öe^aivro  statt  des  älteren  öe^aLaTo)  nach  l-ye- 
ro-vTO,  ferner  xe-xA^-j/ra^,  /,e-xv-vrai  nach  eOTa-vrai,  elvTai 
(aus  "^ e-Gs-vTai) y  öi-öo-vTat  neu  bildeten,  wie  auch  "^Zev- 
yvv-aTaij  ^etevyvv-axo  ihre  endungen  nach  cpego-vraiy  l-cpe- 
Qo-vTo  änderten,  so  dagegen  activisches  ^evyvv-äoi  nebst  X-äoc 
analogiewirkend  gewesen  bei  dem  Ursprünge  von  *loTd-äac 
loTccöif  TL&e-äöiy  ÖLÖo-äoL,  Aufgelöst  wurde  die  gleichung 
Qevyvv-f^ev  tevyvv-Te  :  tevyvv-ccöi  =  Ti^-e-f.iev  tl^€-t€  :  x. 
D2iloT;aoi  somit,  auch  nach  Curtius  verb.  P  72.,  aus  contra- 
hiertem  ^löra-äöi  erklärt  werden  kann,  so  hat  dies  dann 
wol  die  accentverschiebung  in  xid^elOL^  lelaiy  öiöomty  Uv- 
yvvoi  statt  *Tl^€LOty  ^ulöl  u.  s.  w.  bewirkt.  Die  gewagte 
annähme  Gust.  Meyers  griech.  gramm.  §  456.  s.  358. ,  dass 
gegen  die  ausdrückliche  Überlieferung  bei  Herodian  I  459. 
ed.  Lentz  correctur  des  accentes  in  diesen  3.  plur.  auf  -«a<, 
-elöLj  -VGL  vorzunehmen  sei,  ist  also  unnütz.  Wahrscheinlich 
sind  loTccGL  und  laoi,  die  frühesten  dieser  proportionalen  neu- 
schöpfungen,  vor  dem  wirken  der  contractionsgesetze  ent- 
sprungen, att.  laai  aus  *'ieäGi  wie  vyiä  aus  * vyua  (gegen- 
über Gacprj  aus  ^Gaipea).  Nachher  bildeten  sich,  darum  der 
contraction  entgehend,  in  derselben  weise  U-äGi  (Herodian 
I  459,  19.  ed.  Lentz),  Tid^i-äGtj  ÖLÖo-äGi.    Die  bei  späteren 

Osthoff  u.  Brugman  untersuch.  IV.  \  9 


—     290     — 

sich  findenden  „nd^e-ainevj  ÖLÖo-caSy  ttvyvv-ajiiev  j  welche 
die  grammatiker  als  barbarismen  anführen"  (Buttmann  aus- 
führl.  griech.  sprachl.  P  §  107.  s.  505f.**)  sind  erst  wieder 
folgerungen  aus  der  3.  plur.  nach  dem  schema  7tE7toid^-a^ev^ 
-axe  :  TteTtoLd-äöL.  Auch  für  die  perfectformen  att.  eoTccoi, 
ßeßccGij  Tsd-väüL  haben  wir  wol  weniger  mit  Gust.  Meyer 
griech.  gramm.  §  457.  s.  358.  §  554.  s.  420.  an  der  tiber- 
lieferten betonung  zu  ändern,  als  vielmehr  auf  die  grund- 
formen  ^höra-äoiy  homer.  ßeßa-äoLj.^TE&va-äoi  zurückzu- 
greifen, die  nebst  homer.  yeya-äGi,  inefia-äotj  boeot.  aito- 
öeöo-avd'i  in  der  endung  neubildungen  sind  nach  solchen  wie 
TtecpQrÄ-äoij  yeyqacp-ciGL,  TtSTtoid^-äoi  (Brugman  Curtius'  stud. 
IX  296.  297.,  Gust.  Meyer  griech.  gramm.  §  551.  s.  419.  §  554. 
s.  420.),  aber  auch  nach  homer.  deöi-äöt^  Ttecpv-äoi. 

Joh.  Schmidt,  indem  er  anzeig.  f.  deutsch,  altert.  VI  118. 
Kuhns  zeitschr.  XXV  591.  griech.  ev^  nicht  avy  für  die  ge- 
stalt-  der  „  betonten  nasalis  sonans "  ausgibt ,  hat  mich  nicht 
im  mindesten  Überzeugt,  wie  auch  Brugman  morphol.  unters. 
III  65.  anm.  nicht.  Was  soll  zunächst  ein  so  problema- 
tischer fall  wie  die  form  der  secundären  personalendung 
der  1.  plur.  griech.  -i^uv  lehren,  als  deren  ursprüngliche  ge- 
stalt  Schmidt  -mam  oder  -man  nachgewiesen  zu  haben 
meint?  Selbst  wenn  man  sich  im  übrigen  auf  Schmidts 
Standpunkt  stellen  und  an  eine  zwiefache  indogermanische 
abstufung  dieser  personalendung,  je  nachdem  sie  hochbetont 
war  oder  nicht,  glauben  will:  ist  nicht  auch  -vien  : -mn 
(oder  in  Schmidtschen  zeichen  -man  :  -man)  eine  solche 
wol  zulässige  abstufung,  so  dass  man  hier  die  „hochbetonte 
nasalis  sonans"  gar  nicht  braucht?  Ferner  meine  ansieht 
Kuhns  zeitschr.  XXIV  421  f.  über  das  e-  statt  *«-  in  dor. 
hti  att.  eioL  3.  plur.,  dor.  evreg  partic,  die  Gust.  Meyer 
griech.  gramm.  §  10.  s.  9.  §  19.  s.  22.  anm.  2.  acceptiert,  hat 


—     291     — 

sich  Schmidt  nicht  zu  widerlegen  benötigt  gefunden,  sowie 
auch  Kögel  Paul-Braunes  beitr.  VIII  105.  darauf  keine  rück- 
sicht  nimmt.  Mit  dem  einfiuss  von  *eGf^il,  hrlj  conj.  eco 
auf  €vtIj  svTegj  boeot.  h^io  wird  ja  auch  Schmidt  wenigstens 
den  Spiritus  lenis  statt  des  asper  für  ursprüngliches  s-  in  den 
letzteren  formen  zu  rechtfertigen  haben.  Im  hinblick  auf 
den  gleichklang  von  eo)  conj.,  eXr^v  opt.  mit  Tid^eto^  Tid-etriv 
möchte  ich  aber  jetzt  mit  Brugman  Curtius'  stud.  IX  305  f. 
337.  in  IvtL]  evreg  „blosse  anlehnungen  an  Tid-evri  und  tl- 
^evreg"  sehen').  Des  Theognis  elot  ""sie  gehen"*,  nach  Schmidt 
aus  *i-ev'TL  hervorgegangen,  ist  bereits  vorhin  (s.  288 f.)  er- 
ledigt. So  bleibt  für  Schmidts  ansieht  nur  die  endung  der 
3.  plur.  opt.  act.  ehv  übrig,  welche  form  einem  „urspr. 
'^sunt'^  gleich  kommen  soll.  Wie  man  diese  optativendung 
anders  auffassen  kann,  zeigt  im  anschlusse  an  Curtius  Brug- 
man morphol.  unters.  III  65.:  „Q€1€v(t)  verhält  sich  zu  ^elrjv 
ebenso  wie  hpavev{T)  zu  ecpavrjVy-  aeiOL  d.  i.  *aevrt  zu  arif.ii.'^ 
Das  interpretiere  ich  mir  so,  dass  S-aUv  für  eine  lautgesetz- 
liche kürzung  aus  ^^e-irj-vT  zu  halten  sei;  die  fassung  und 
begründung  dieses  schon  morphol.  unters.  II  58.  von  mir  an- 
gedeuteten kürzungsgesetzes  behalte  ich  einer  später  folgen- 
den stelle  vor.  Aber  Brugman  a.  a.  o.  irrte  darin,  dass  er 
-ie-vii^)  für  „die  älteste  form  der  3.  pl.  aller  mit  -7?^-,  -T- 
gebildeten  optative"  erklärte.  Ich  urteile  mit  Gust.  Meyer 
griech.  gramm.  §  584.  s.  437.,  dass  in  elischem  ow-eav  C.  1. 1 1. 
=  Gvv-elav  und  in  der  sogenannten  aeolischen  flexion  des 

1)  Schmidts  erklärung  der  enduug  -aaai  der  herakleischen  plural- 
dative  von  participien,  die  mir  richtig  zu  sein  scheint,  wird  von  obiger 
polemik  keineswegs  berührt.  Man  braucht  ja  nicht  herakl.  äWaoaiv 
selbst  direct  aus  der  alten  flexion  £VT-es :  *äaai  zu  gewinnen,  sondern 
evr-aoai,  ist  von  dem  stamme  ivr-  entsprungen  nach  dem  muster  von 
TiQaGGovr-aaai  und  nachdem  sich  letzteres  auf  die  von  Schmidt  darge- 
legte weise  aus  7t^aaaovx-ss :  *n^a<jaaaai  entwickelt  hatte. 

19* 


292 


Optativs  vom  sigmatischen  aorist  wie  Tioeiav  der  personalaus- 
gang  in  seiner  ältesten  griechischen  gestalt,  -av  =  ursprtingl. 
-71 1^  vorliege*).    Indog.  s~{i)i-nt  lautete  die  3.  plur.  opt.  der 


1)  Gust.  Meyer  fügt  aus  der  inschrift  bei  Keil  syll.  inscr.  Boeot. 
p.  14,  3.  4.  noch  boeot.  naQ-slav  bei,  das  auch  Curtius  verb.  d.  griech. 
spr.  IP  98.  für  eine  optativform  hält.  Es  ist  aber  TtaQ-sXav  die  indi- 
cativform  des  imperfects,  wie  denn  ja  auch  Keil  a.  a.  o.  p.  15.  bemerkt, 
dass  er  es  zu  naQBi{a]av  habe  ergänzen  wollen.  Boeot.  elav  würde  ge- 
meingriech.  *rjav  sein  und  ist  die  älteste  form  der  3.  plur.  imperf.  der 
Wurzel  ia-  auf  griechischem  boden ,  lautgesetzlicher  dem  sanskr.  äsan 
entsprechend  als  das  vulgäre  rjaav.  Mit  boeot.  elav  steht  „  abgesehen 
von  der  Verschiedenheit  der  wurzelstufe,  das  rjv  für  die  3.  plur.  bei 
Doriern  und  Hesiod  theog.  321.  825.,  aus  *e-av  =  indog.  e-s-iU  (Gust. 
Meyer  griech.  gramm.  §  483.  s.  374.),  auf  gleicher  stufe.  In  rja-av^  homer. 
sG-av  zog  das  -a-  wieder  ein  von  rja-rov,  ria-rrjv,  ija-rs  her.  Nun  war 
lautgesetzlich  sigmalos  in  demselben  imperfectparadigma  die  1.  plur. 
rjfxsv  geworden,  aus  *rj<x-fiev,  wie  T]ju,ai,  rifirjv,  rjfisd'a  aus  *7]a-fiai  u.  s.  w. 
Das  verkennt  Gust.  Meyer  griech.  gramm.  §  483.  s.  374.  §  484.  s.  374., 
obgleich  er  doch  §  268.  s.  233.  r]fiai  im  zusammenhange  ipit  «//eis,  t;//£t» 
und  anderen  des  ursprünglichen  -s-  vor  -fi-  verlustigen  wortformen  richtig 
beurteilte  und  §483.  s.  373.  betreffs  des  att.  ia-fiev,  dor.  ia-fids  richtig 
bemerkte,  dass  es  neben  dem  lautgesetzlich  entwickelten  homer.  neuion. 
elfxdv  die  neubildung  nach  ia-ri  sein  müsse,  woran  als  eine  möglichkeit 
ja  sogar  auch  Curtius  grundz.^  433.  denkt.  Wie  ia-fxev,  so  kam  auch 
das  Cram.  anecd.  gr.  IV  22,  2.  bezeugte  dor.  rja-fiai  zu  seinem  -Ofi-  durch 
analogiebildung,  unter  dem  einfluss  von  rjo-rai,  rja-ro.  Da  im  imperfect 
von  ia-  rj-ftev  'wir  waren'  durch  seine  analogiewirkung  zu  den.neben- 
formen  des  duals  7]-rov,  rj-rrjv  und  der  2.  plur.  vre,  der  1.  sing,  rj-v 
(für  älteres  ^-a)  führte,  wie  analog  rj-fiai,  7]-/u,t]v,  rj-fisd'a  zu  xä&-T]-r ac, 
xa^-^-To,  ri'vrai,  rj-vro  r—  80  statuierte  schon  Brugman  Curtius'  stud. 
IX  310.  Kuhns  zeitschr.  XXIV  261.,  das  wahre  wesen  der  3.  plur.  rjaav 
allerdings  gleichzeitig  noch  verkennend  — ,  so  ist  auf  diese  weise  wol 
Tj-aav  neben  rj-v,  rj-rov,  rj-TTjv,  rj-fiev,  ij-rs  das  muster  geworden  für  i-fii- 
yrj-aav,  i-Xv&rj-ffav,  für  opt.  arairj-ffav,  für  s-arrj-ffav,  e-d'e-aav,  e-8o-aav 
und  lara-aaVj  atpa-aav^  e-rid's-aav ^  i-SiSo-aav ,  für  -s-aav  oder  -si-aav 
im  plusquamperfect,  endlich  für  noch  manches  weitere  in  mittlerer  und 
jüngster  gräcität.  Nicht  also  vom  sigmatischen  aorist  aus,  wo  der  Zisch- 
laut gar  kein  specielles  charakteristicum  der  3.  plur.  war,  ist  die  weite 
Verbreitung  der  ganzen  endung  -aav  fürderhin  noch  zu  datieren  mit  verf. 


—     293     — 

Wurzel  <?*-,  mit  -i-  nicht  minder  als  sanskr.  s-y-ür  bei  anderer 
aber  auch  sonantisch  beginnender  personalendung.  Von  da 
aus  löst'  sich  alles  in  befriedigender  weise.  Im  vedischen 
Sanskrit  betrachte  ich  mit  Bugge  Kuhns  zeitschr.  XXII  394. 
duh-ii/-än  rgv.  I  120,  9.  als  die  in  hinsieht  auf  die  personal- 
endung älteste  form  der  3.  plur.  opt.  zweiter  hauptconju- 
gation;  in  duh-ty-än,  für  lautgesetzliches  *duh-iy-än  (oder 
"^duh-y-än)  ist  nur,  wie  auch  in  die  1.  sing,  med.  duh-iy-ä 
für  "^  duh-iy-ä  {*duh-y-ä)y  das  -i-  von  den  formen  mit  conso- 
nantisch  anlautender  personalendung  wie  2.  3.  sing.  med. 
duhi-thas^  duhi-ta  (rgv.  11  18,  8.)  übertragen  worden;  ähnlich 
nach  Brugman  Bezzenbergers  beitr.  II  246.  anm.  3.  zu  adhite 
d.  i.  '^adhi-i-te  *^er  liest'  die  1.  sing,  adhtye  und  3.  plur.  adhi- 
yate  statt  ^adhi-y-e^  "^  adhi-y-ate.  Später  ist  ved.  dyhiy-dn^ 
nach  ausbreitung  der  endung  -ur  im  optativ  misverstanden, 
die  veranlassung  für  die  „unecht-conjunctivisch"  ausstehende 
neuschöpfung  der  3.  sing,  duhiyät  rgv.  II  11,  21.  IV  41,  5. 
X  101,  9.  geworden,  mit  welcher  form  Delbrück  altind.  verb. 
§71.  s.  57.  nur  durch  aufstellung  eines  unerweisbaren  de- 

verb.  in  der  nomiualcomp.  337  f.,  Gust.  Meyer  griech.  graram.  §  460. 
s.  360.;  das  einzige  ^aar,  selbst  schon  eine  neubildung  statt  *^«>/,  war 
das  Vorbild.  Das  für  uns  wertvolle  boeot.  {7ta^-)elav  ist  selbst  seiner- 
seits massgebend  gewesen  zur  Schöpfung  von  boeot.  aved'i-av  und  ave- 
d'si-av  (Ahrens  dial.  I  211.  II  525.,  Curtius  verb.  d.  griech.  spr.  P  74. 
II 2  431.),  aus  '^ av-e-d'e-av  und  * dv'6-d'T]-av,  wornach  also  letzteres  nicht 
„die  offenbar  ältere  form"  nach  Curtius,  sondern  die  jüngere  mit  einge- 
drungenem starkem  wurzelvocalismus  ist  nach  Gust.  Meyer  griech.  gramni. 
§  523.  8.  396.f.  (boeot.  *i-&ei'V,  ^e-d^ei  =»  griech.  *e'd'r}-v,  griech.  kypr. 
{aar-)k'-d'r}).  Wenn  aber  die  erst  auf  jüngeren  boeotischen  Inschriften 
bezeugten  eXaßo-ffav,  aTirjXd'o-aav ,  evix(o-aav ,  inid'co-aav  (vergl.  Gust. 
Meyer  griech.  gramm.  §  400.  s.  360.)  einheimische  prbducte  dieser  mund- 
art  sind,  nicht  (was  wahrscheinlicher  ist)  aus  der  xoivrj  stammen,  so 
muss  vorausgesetzt  werden,  dass  die  alten  Boeotier  ausser  elav  auch  die 
neubildung  *  sl-aav  =»=  ri-aav  entwickelt  und  darauf  das  musterverhältnis 
*sl-aav :  *s2-fiev  {=  rj-fiev)  auch  ihrerseits  hatten  fruchtbar  werden  lassen. 


—     294     — 

nominativs  '^duhiyäli  fertig  werden  zu  können  meinte.  Im 
avesta  repraesentiert  q-y-en  ys.  L  4.  die  indogermanische 
grundform  s-l-iit-^  ^h-y-cm  d.  i.  ^h-iy-an  würde  gleich  einem 
indog.  s-ii-nt  sein,  aber  dafür  ist  mit  ä  avest.  hyän  yt. 
VIII  55.  eingetreten  zu  folge  der  ausgleichung  mit  sing.  h-yä~ty 
welchen  einfluss  ja  auch  sanskr.  s-ya-ma^  s-ya-ta,  avest. 
q-yä-mäy  q-yä-tä  zeigen;  hyäre  endlich  vend.  XVII  28.  hat 
ebendaher  sein  «,  als  älteres  *  h-y-are  ist  es  die  neubildung 
derselben  art  wie  sanskr.  s-y-us  d.  i.  richtiger  s-y-iir  nach 
J.  Darmesteter  mem.  de  la  soc.  de  linguist.  III  96  ff.  Altlat. 
Stent  ist  in  s-i-entj  aus  ^s-ii-enl  oder  ^^s-i^ent^),  zu  zerlegen 
und  hat  ital.  en  =  indog.  riy  wie  die  indicativform  umbr. 
s-ent ;  also  dem  el.  eav  ist  sient  congruent,  nicht  dem  schein- 
bar ähnlicheren  elev.  An  die  stelle  von  *€l-avT  schob  sich 
vorhistor.  griech.  *€'/i;)^2:  =  histor.  eiev  nach  dem-muster  der 
singularformen:  das  -av  stand  ganz  vereinzelt  da -in  dem 
paradigma;  bei  dem  versuch  der  ausgleichung  aber  boten 
sich,  da  man  in  elav  nicht  volles  -av,  nur  -v  als  zeichen  der 
3.  plur.  fühlte  (gemäss  e-cpeqo-Vj  s-liTto-v  ebenso  ja  auch  in 
s-rvipa-Vj  woher  die  themaabstraction  rxiipa-  für  den  sigma- 
aorist),  dri^v^  cfrj-gj  d}]{-T)  dar  als  ebenfalls  einen  zwischen- 
vocal  vor  der  personalendung  zeigend.  Mithin  erweist  sich 
shv  aus  *drjVTB\8  die  neubildung  gleicher  art,  wie.  es  in 
der  avestasprache  hi/ä7i  für  älteres  "^h-y-an  ist  (s.  o.).  Ist 
die  Schöpfung  des  elev  nicht  so  alt  als  das  wirken  des  (ge- 
meingriechischen) kürzungsgesetzes,  das  *£-cpavr]-vT  zu  e-(pa- 
v€-v(t)  machte,  so  darf  man  auch  annehmen,  dass  direct  nach 
dem  Vorbild  von  £-(pavi]-Vj  -r]-g,  -iq  :  e-cpavev  das  optativ- 
paradigma  von  elri-v  ^  eiiq-g  ^  eXrj   die  neue  form  eUv  acqui- 

1)  Über  die  gesetzlichen  bedingungen ,  wornach  bereits  indogerma- 
nisch der  Wechsel  von  -n-  und  -?-  in  s-ii-nt  und  s-i-nt  sich  regelte, 
handeln  wir  an  späterer  stelle  dieser  Untersuchung. 


—     295     — 

rierte.  So  ist  also  für  -ev  statt  -av  in  der  3.  plur.  opt.  indi- 
viduelle veranlassung  da  gewesen.  Wo  das  aber  nicht  der 
fall  war,  sucht  auch  Joh.  Schmidt  vergebens  nach  stützen 
für  seine  gleichung  griech.  €v  =  indog.  w,  z.  b.  *im  indicativ 
des  sigmatischen  aorists :  wo  ist  auch  nur  die  geringste  spur 
einer  3.  plur.  indic.  aor.  wie  "^e^Tvip-ev  statt  e-rvifj-av? 

Anders  lag  die  sache  in  dem  „aeolischen"  optativ  des 
sigmatischen  aorists.  Hier  hatte  das  -«i^  der  3.  plur.  opt.  • 
eine  stütze  an  dem  gleichen  ausgange  der  entsprechenden 
indicativformen,  rvipeiav  an  ervipavy  und  ist  darum  von  tv- 
ipeiav  aus  die  flexion  Tvxjjeia,  rvipeiag,  Tvipece  entsprungen; 
vergl.  Brugman  morphol.  unters.  III  64  f.,  Gust.  Meyer  griech. 
gramm.  §590.  s.  439.  Erst  bei  anerkennung  von  -eiav  als 
ältester  form  in  der  3.  plur.  —  nach  Brugman  ist  es  nur 
die  älteste  der  analogiebildungen  —  ist  berührung  mit  der 
indicativflexion  an  einem  punkte  da  und  gewinnen  die  con- 
structionen,  welche  ein  ursprüngliches  paradigma  '^Tvipelriv, 
^Tvxpeirigj  ^Tvipeltjj  TvipeifACv,  *Tvip€iT€j  rvipeiav  zu  gründe 
legen,  festeren  boden.  Mehr  oder  weniger  gehen  ja,  bei  noch 
so  differierendem  urteil  über  den  Ursprung  jenes  „aeolischen" 
aoristoptativs ,  die  verschiedenen  neueren  erklärungstheorien 
wenigstens  in  der  wähl  solches  ausgangspunktes  zusammen ; 
nemlich  mit  Brugman  und  Gust.  Meyer  auch  Misteli  zeitschr. 
f.  völkerpsychol.  u.  sprach wiss.  XI  418  f.  XII  26  f.  Letzterer- 
entscheidet  sich  ebenfalls  für  -av  als  ältesten  ausgang  der 
3.  plur.  opt.,  seine  meinung  aber,  dass  die  endung  „sich  im 
vocale  an  -(.lev,  -re  assimiliert"  habe  und  also  ausserhalb 
des  aoristischen  -crfi-optativs  -ev  in  ehvy  ^elevj  rid^elev  auf- 
gekommen sei,  klingt  sehr  unwahrscheinlich. 

In  der  o-conjugation  müssen  ursprünglich  *cp€QOLa(Ty 
"^UTtoiair)  als  3.  plur.  opt.  act.  und  reflexe  von  indog.  bhe- 
rointy  lik^olnt  bestanden  haben:  griech.  -«(t)  aus  nicht 


—     296     — 

hochtonigem  indog.  -  ^2  ^.  Dafür  trat  leicht  cpegoLav  ein  durch 
anheftung  des  -v  als  gewohnten  exponenten  der  3.  plur. ;  ge- 
wahrt ist  der  typus  in  elischem  aTto-rlvoiaVy  für  das  man 
noch  nicht  notwendig  mit  Gust.  Meyer  griech.  gramm.  §  586. 
s.  438.  gerade  ow-eav  oder  dieses  allein  das  Vorbild  sein 
lassen  muss,  sondern  die  sämtlichen  formen  der  3.  plur.  act. 
auf  -V,  auch  die  indicativischen.  Ähnlich  bildete  sich  im 
zend  barayen:  für  lautgesetzliches  ^baray-at^  das  in  der  folge 
nicht  pluralisch  genug  aussah,  substituierte  man  ^baray-ant, 
die  grundform  der  historischen  form;  entsprechend  im  grie- 
chischen sigmaaorist  die  3.  plur.  indic.  med.  hvxpavro  statt 
^hvip-aTo  {-aTo  aus  -ntö)  zu  ervip-av  nach  eXlTto-vro  neben 
eXiTco-v.  So  ist  auch  im  avestischen  opt.  med.  thematischer 
conjugation  -ay-anta  von  yaz-ay-anta^  maez-ay-anta ,  ishay- 
-anta  neubildung  statt  *-ay-ata  =  griech.  -ot-aro  in  yevoL-aro. 
Jenes  griechische  cpegoi-av  hatte  nun  weitere  Schicksale.  Ent- 
weder es  blieb  im  gefolge  von  elav^  conservierte  sich  mit 
diesem  gemeinsam  wie  im  elischen,  rückte  aber  sonst  zu 
(peqoi-ev  weiter  wie  elav  zu  el£v\  die  gleich  formierten  und 
bildungsgleich  empfundenen  dual-  und  pluralformen,  (peqoL- 
'TOVj  cpeqoi-rävy  cp€QOL-jnevy  (peQOi-reVfiQ  ei-rovj  fi'-räv  u.  s.  w., 
entschieden  auch  über  die  3.  plur.  mit.  Oder  ^egoi-av  wich 
einem  cpegoL-Vj  dem  werte  für  ^  in  der  proportion  ecpego- 
'(Aev  :  Ecpeqo-v  (3.  plur.)  ==  cpeQOi-f.iev  :  x.  Mit  Sicherheit  ist 
nur  der  delphischen  mundart  diese  bildung  zuzuerkennen 
nach  dem  Ttaq-ey^oiVy  ^ekoiVy  Ttoieoiv  auf  Inschriften ;  vergl. 
Curtius  verb.  d.  griech.  spr.  IP  104 f.,  Brugman  morphol. 
unters.  III 65.  anm.,  Gust.  Meyer  griech.  gramm.  §  586.  s.  438. 
Localdialektisch  also  gewann  man  auch  das  activische  pen- 
dant  zu  der  weiter  verbreiteten  medialen  neuschöpfung  3.  plur. 
-oiVTo  für  älteres  -oiaxo.  Und  neubildungen  derselben  art 
sind  meines  erachtens  auch :  im  lateinischen  fere-nt  aus  ^fe- 


■—     297     — 

re-nt  nach  fere-mus,  fere-tis ;  im  germanischen  got.  bairat'n-aj 
auf  "^ bairai-n{d)  beruhend,  nach  bairai-ma,  bairai-p.  Ja  in 
diesen  sprachen  ist  auch  die  3.  plur.  optat.  von  Systemen  der 
y;2z-conjugation  der  nemlichen  Umbildung  verfallen.  Sicher 
im  lateinischen,  wo  s-i-nt^  velintj  fecerinf,  aus  *  8-1-711  u.  s.  w. 
verkürzt,  durch  die  1.  und  2.  plur.  auf  -i-musj  -i-tis  hervor- 
gerufen wurden ;  sient  ist  ja  wol  allgemein  anerkannt  als  die 
sprachhistorisch  ältere  form.  Im  germanischen  ist  in  ags. 
alts.  ahd.  sin  und  got.  vilein-a,  berein-a  das  -*-  wahrschein- 
lich nur  ebenso  durch  formübertragung  zu  erklären;,  wofern 
ich  Kuhns  zeitschr.  XXIV  423.  morphol.  unters.  I  98  f.  doch 
recht  gehabt  haben  sollte  mit  meiner  auffassung  des  in  der 
3.  plur.  indic.  sind  (dagegen  Paul  in  seinen  beitr.  VI  238.), 
könnte  allesfalls  auch  an  eine  lautgesetzliche  deutung  der 
optativform  3.  pjur.  westgerm.  sin  aus  urgerm.  siiinp  ge- 
dacht werden.  Diejenigen  forscher,  welche  wie  Brugman 
und  Gust.  Meyer  die  auf  -oint  mit  n  .consonans  beruhenden 
formen  des  delphischen  griechisch,  des  italischen  und  germa- 
nischen für  die  einzig  lautgesetzlichen  fortsetzer  der  3.  plur. 
opt.  der  verba  auf  -ö  halten,  dürften  mühe  haben  sich  mit 
folgendem  einwürfe  genügend  abzufinden:  war  einst  cpeQoiv 
gemeingriechisch,  nicht  rein  localdialektisch ,  so  hätte  die 
spräche  kaum  veranlassung  gehabt,  von  jenem  regelmässige- 
ren  gebilde  (in  derselben  weise  „  regelmässiger ",  wie  es  etwa 
griech.  Tey.T;6v-ioy  gegenüber  sanskr.  täkshn-äm  ist)  zu  den 
sonderbareren  cpeqoiav  und  cpegoiev  abzuirren.  Noch  schwerer 
wäre  solche  abänderung  der  reihe  cpeQOi-v,  -oi-Qy  -ol{-t)j 
-ot-ToVj  -ol-TÖcVj  -oi-(.ievj  -OL-rSj  -ol-v  zu  motivieren,  als  im 
lateinischen  der  Ursprung  des  sientj  vorausgesetzt  einmal  dies 
sei  die  jüngere  form  gewesen,  denn  sient  hätte  sich  statt  sint 
doch  wenigstens  nach  dem  singular  altlat.  sie/Uj  siesj  stet  ein- 
finden können. 


—    298     — 

Wo  im  imperfect  der  mi-conjugsition  oder  unthematiscben 
aorist  das  sanskrit  den  indogermanischen  personalausgang 
der  3.  plur.  act.  gewahrt  (nicht  durch  -ur  ersetzt)  hat,  zeigt 
derselbe  sich  constant  als  -an  =  indog.  -?jt  auch  hinter 
Wurzel-  oder  verbalstammschliessenden  ?,  m,  die  dann  ihrer- 
seits consonantisch  als  -y-,  -v-  (-/?/-,  -uv-)  fungieren:  ved. 
a-v7j-an  ''sie  strebten^  (zu  1.  vt-)-^  ay-an  'sie  gingen',  aug- 
mentlos ved.  y-an  rgv.  III  4,  9.  (vergl.  Delbrück  altind. 
verb.  §  136.  s.  100.,  Brugman  Bezzenbergers  beitr.  II  245.); 
(i-briiv-an  ""sie  sprachen^;,  ä-paknuv-an  'sie  konnten';  d-r?ny-an 
'sie  lehnten';  u-bhüv-an  'sie  wurden,  waren'  u.  s.  w.  Das 
sind  nicht  analogiebildungen  nach  solchen  wie  as-an  'sie 
waren',  ä-dvish-an  'sie  hassten',  ä-bhind-an  'sie  spalteten'; 
wären  sie  es,  so  würde  wol  bei  der  reichhaltigkeit  seines 
verbalen  formenbestandes  besonders  das  yedische  sanskrit 
irgend  welche  reste  der  zu  erwartenden  lautgesetzlichen  aus- 
gänge  *-i-Ti{t)y  ^-u-n(t)  blicken'  lassen.  In  solchem  betracht 
wird  man  also  nicht  umhin  können,  auch  avest.  bu-n  und 
griech.  e-cpv-v  (vergl.  bereits  oben  s.  54  f.),  sowie  e-dv-v  für 
jünger  in  der  endung  zu  halten  als  sanskr.  ä-bhiiv-an-^  jene 
sind  die  proportionalen  neubildungen  nach  der  weise  der 
„thematischen"  verba  oder  der  „unthematischen"  mit  wurzel- 
schliessenden  a-lauten :  griech.  e-cpv-v  aus  *  e-cpv-vir) :  e-cpv- 
-(.lev  =  €-(p€Qo-v  ;  e-(peQo-f.LEv  oder  =  homer.  Ttgo-nd-e-v, 
arkad.  e-do-v  (Curtius  verb.  d.  griech.  spr.  P  74  f.)  ;  e-rid^e- 
-(.lev^  £-do-(.i€v.  Auch  ved.  a-gm-an  gm-an  und  a-kr-an, 
a-vr-an  vr-än  (Delbrück  altind.  verb.  §  89.  s.  63.)  stimmen 
zu  unserer  bildungsregel,  da  ihre  ausgänge  auf  indog.  -m-nt, 
-r-7Jtj  nicht  ^-m-nt^  ^-r-nt,  zurückweisen,  sowie  die 
medialen  ved.  ä-gm-ata^  ä-tn-ata^  ä-kr-ata  auf  indog.  -m-iitd, 
-?i-7itöj  -r-?i-tö  und  im  praesens  ved.  ghn-änti  auf  indog. 
-n-ntiy  bi-bhi'-ati  auf  -r-nti.    Daher  folgt  für  homer.  e-y.rav 


—    299    — 

plur.  von  Wurzel  kt€v-j  dass  es  neubildung  für  *€-zTv-av 
Xoder  *£-xr«r-av)  sein  muss,  neubildung  zu  e-xza-inevj 
€-ATa-TOj  Y.ia-^evcttj  y.ra-f.ievo-g  (Brugman  Kuhns  zeitschr. 
XXIV  263  f.  Bezzenbergers  beitr.  II  ^49.),  die  mit  e-(pa-iiev, 
€-cpa-TOf  ipä-(.ievy  cpa-fAevo-g,  woneben  3.  plur.  homer.  e-cpa-Vj 
mit  "^e-OTa-fiievj  woneben  homer.  e-ora-v,  associiert  worden 
waren.  Auch  das  particip  y.Tag  aus  *ycTavT-g  steht  für  älteres 
*xTv-avT-g  oder  ^xTav-avr-g  nach  der  analogie  voij  cpagy 
OTag,  vergl.  yed.  ghn-d?it-  'tödtend'  von  han-,  gm-dn(-  *^ kom- 
mend^ von  (jafn-y  kr-dni-  ''machend'  von  kar-.  So  schon  Brug- 
man Kuhns  zeitschr.  XIV  265.  anm.  über  e^ravy  /.xag.  Dass 
auch  homer.  e-ßa-Vy  ßag  nur  als  neuschöpfungen  gleicher 
art  wie  e-xravy  -/.rag  aufzufassen  sind,  kann  erst  an  späterer 
stelle  gezeigt  werden. 

Im  activparticip  mit  -?it-  müssen  alle  griechischen  bil- 
dungen  auf  -v-vt-  als  neuschöpfungen  betrachtet  werden,  also 
Cevyvv-vT-  und  cpv-vr-y  öv-vt-  nach  (peqo-vt-  und  loTa-vT' 
Ti-d^e-vT-  öiöo-vT-y  ord-vT-  S^e-vr-  öo-vt-.  Das  lautgesetz- 
liche wären  *^evyvv-avT-y  *fpv-avT-  neben  *'(^€vyvv-aT''y 
*cpv-aT  für  die  schwächsten  casus.  Von  solchem  Standpunkte 
ist  das  indo  -  iranische  wiederum  noch  nirgends  abgewichen, 
nirgends  ein  sanskr.  *ta?m-nt-  *^dehnend',  *caknu-?it-  'kön- 
nend' und  *hu-nt-  *^rufend',  sondern  tanv-dnt-  tanv-at-y  ^ak- 
nuv-dnt-  ^aknuv-at-y  huv-yint-  Jmv-at-y  wie  auch  stets  y-dnt- 
?/-a^ 'gehend',  vy-dnt-  i;y-rt/- '^strebend'  (zu  1.  vi-)  statt  ganz 
unerhörter  *i'?it-j  "^vi-nt-. 

Ich  betrachte  hiernach  die  fälle,  wo  das  zusammentreffen 
von  Sonorlaut  und  Sonorlaut  nach  den  indogermanischen  bil- 
dungsgesetzen  im  grundsprachlichen  wortauslaute  zu 
erfolgen  hatte,  und  halte  mich  zunächst  noch  auf  dem  ge- 
biete der  personalendungen. 

Es  entspricht  unserem  constitutiven  lautgesetze,  wenn  im 


—     300     — 

griechischen  von  den  wurzeln  indog.  ez-  \ind.gk^eu-j  k'^ieii-^ 
käu-  die  1 .  sing.  act.  des  unthematischen  aorists  (imperfects) 
nach  Brugman  Bezzenbergers  beitr.  II  245* ff.  auf  -a  ausgeht: 
att.  f^-a]  att.  £-/«-«,  homer.  *e-x€-a  *e-xev-a,  /«i;-«;  homer. 
f-öoev-a^  Gev-a;  homer.  e-y-iq-a.  Unerhört  sind  namentlich 
wieder  im  sanskrit  in  dem  gleichen  falle  die  ausgänge  *  -e-m^ 
*-o-m  oder  auch  bei  Übertragung  tiefstufiger  wurzel  in  den 
Singular  *  -^-m ,  *  -u-m.  Kein  *  ai-m  trotz  ai-s  ai-t ,  kein 
^ä-cro-m  trotz  ved.  ä-cro-t  oder  ^d-bhü-m  trotz  d-bhü-s  d-bhü-t. 
Die  historischen  1.  sing,  ay-a-m^  ved.  d-crav-a-m^  d-bhuv-a-m 
(vergl.  s.  14  f.  anm.)  beruhen  auf  w -losen  formen,  die  ebenso 
wie  äs-a-m,  d-naish-a-m  das  -m  von  d-bhara-m  annahmen, 
wie  der  acc.  sing,  'pad-a-m  dasjenige  ^q\i  dcva-m  (morphol. 
unters.  I  105  f.  anm.).  Ebenso  wie  das  sanskrit  scheint  sich 
das  zend  zu  verhalten,  denn  didhaem  ""ich  sah',  mraom  ''ich 
sprach'  sind  Umwandlungen  nach  bekanntem  lautgesetze  aus 
"^ di-dhay-am j  "^mrav-am^  wie  die  „thematisch"  gebildeten 
ni-zhbaem^  baom  (Bartholomae  altiran.  verb.  §  2.  s.  23.)  aus 
^ni'zhbaya-m^  *bava-m,  Griech.  att.  fj-a  (über  homer.  neu- 
ion.  Tita  vergl.  jetzt  Brugman  morphol.  unters.  III  24  f.  und 
Jak.  Wackernagel  Kuhns  zeitschr.  XXV  265  f.)  ist  nur  in 
einem  belang  nicht  ursprünglich,  es  mtisste  ohne  jota  sub- 
scriptum  *^a  aus  *^/a  =  sanskr.  äy-a-m  heissen;  das  jota 
beruht  auf  Übertragung  von  den  dual-  und  pluralformen  att. 
i^-Tovy  f]-i:t]Vj  fri-iev,  fj-T€,  die  ihrerseits  frühzeitig  nach  dem 
muster  der  verlorenen  2.  und  3.  sing.  *fj-9,  ^j]  sich  gebildet 
hatten,  wie  ebenso  auch  im  sanskrit  dual,  ai-tam^  ai-tam^ 
plur.  ai-ma^  ai-ta  mit  starker  Stammform  nach  dem  Sin- 
gular ai-s^  ai-t  (Brugman  Bezzenbergers  beitr.  II  245.).  Brug- 
mans  erklärung  der  attischen  flexion  feiv,  fjeig  ,jJ€ioS^aj  fja 
u.  s.  w.  morphol.  unters.  III  24.  bedarf  auch  dieser  ergän- 
zung,  dass  jj-  in  fjeiv  statt  *r]-  aus  derselben  quelle  ab- 


—     301     — 

zuleiten  ist.  In  homer.  xav-a^  e-ooev-a  möchte  ich  ev  für 
erwartetes  e{ß)  —  lautgesetzlich  in  dieser  beziehung  bei 
Homer  e-xe-av  IL  3  347.  Q  799.  —  am  liebsten  formiiber- 
tragung  von  den  verschollenen  "^e-x^v-g  '^B-xev{-T)^  *e-GGev-g 
*€-OGev(-T)  in  der  2.  und  3.  sing,  sein  lassen;  doch  vergl. 
auch  Wackeraagel  Kuhns  zeitschr.  XXV  268  ff.  274  ff.  Die 
auf  nasal  und  liquida  schliessenden  wurzeln  zeigen  im  indi- 
schen wieder  einklang  der  bildungsweise  der  1.  sing,  praeter, 
der  7722-conjugation,  indem  auch  der  ausgang  von  ved.  d-ha- 
n-a-m  mit  abzug  des  -m  auf  indog.  -n-m  und  derjenige  von 
ved.  d-gam-a-j7ij  d-kar-a-rriy  wenn  dies  nicht  der  ö-conju- 
gation  zugehörige  formen  sind  (vergl.  Delbrück  altind.  verb. 
§  2.  s.  25.),  ebenso  auf  -m-m^  -r-rp,  basiert.  Darnach  po- 
stuliert Brugman  Kuhns  zeitschr.  XXIV  265.  Bezzenbergers 
beitr.  II  249.  mit  recht  als  urgriechische  1.  sing.  aor.  ein 
*£'-T€)^-a  =  sanskr.  ^d-tan-a-m  (vergl.  ved.  d-tan  2.  und 
3.  sing.)  und  *€-xT6v-aj  letzteres  für  die  neubildung  homer. 
'AaT-€-y.Tav  IL  z/  319. 

Jüngerer  ersatz  für  "^e-cpv-äj  *€-öv-a  müssten  folglich 
auch  griech.  e-cpv-Vy  e-Sv-v  sein.  Allein  man  hat  ferner  zu 
berücksichtigen:  vor  sonantischem  anlaut  des  nächstfol- 
genden Wortes  hatte  der  nasal,  da  er  in  der  gesprochenen 
spräche  dann  hinübergezogen  wird  und  nicht  mehr  zu  6iner 
Silbe  mit  dem  ihm  vorhergehenden  Sonorlaut  gehört,  trotz- 
dem als  consonant  zu  fungieren.  Schon  de  Saussure  syst. 
primit.  40  f.  war  betreffs  der  auslautenden  nasalis  sonans  auf 
dem  richtigen  wege,  grundsprachliche  formale  distinctionen 
je  nach  dem  verschiedenen  anlaute  des  nächsten  Wortes  zu 
statuieren;  mit  seinen  Vermutungen  berühren  sich  die  nach- 
folgenden aufstellungen.   . 

Es  können  also  griech.  e-cpv-v  und  das  zu  ved.  d-bkuv-a-m 
erweiterte  sanskr.   ^d-bhiv-a   auf  einem  indogermanischen 


•  —     302     — 

„  doublet  syntactique "  beruhen.  Erst  von  diesem  Standpunkte 
aus  gewinnen  wir,  scheint  mir,  eine  genügende,  weil  einheit- 
liche erklärung  der  bildung  der  1.  sing.  act.  des  Optativs 
der  ö - conjugation.  Grundsprachlich  waren  bhei^oirn  und 
hheroiin  vorhanden,  je  nach  dem  verschiedenen  anlaut  des 
nächsten  wortes  differenziert;  bhepohn  toil  und  bheroiin 
in  der  pausa,  aber  bheroim  id.  Das  griechische  verall- 
gemeinerte mit  TQkpoiVy  ai^KXQTOiv  (Curtius  verb.  d.  griech.  spr. 
P  46.  IV  92.,  Gust.  Meyer  griech.  gramm.  §  442,  3.  s.  350.) 
den  antesonantischen  typus;  an  dem  -oiv  als-  ältester  grie- 
chischer formation  braucht  man  also  nicht  mit  Misteli  zeitschr. 
f.  völkerpsychol.  XI  41 9  f.  XII  25  ff.  anstoss  zu  nehmen.  Will 
man  zwar  lieber  zQecpoi-v  als  eine  griechische  neubildung  zu 
tQ€cpot-g  TQkpoi  nehmen,  die  nach  dem  muster  von  l-xid-iq-v 
neben  l-Tld-iq-g  e-Tid-rj  aufkam,  so  steht  ernstliches  auch 
dieser  auffassung  nicht  im  wege.  Den  anteconsonantischen 
und  pausatypus  bherohn  repraesentiert ,  obwol  ebenfalls 
verallgemeinert,  am  klarsten  das  altgermanische:  got.  bairau 
aus  urgerm.  beroiu{n)^  wie  ich  mit  Paul  deute  (vergl.  oben 
s.  256  f.  anm.),  des  -/-ausfalles  wegen  auf  das  von  Paul  in 
seinen  beitr.  VI  161.  formulierte  lautgesetz  verweisend.  Das 
perfectische  got.  berjau,  wofür  "^berje  aus  *ber-je-m  zu  er- 
warten wäre,  und  sijau^  viljau  haben  sich  in  der  endung 
an  bairau  angeglichen.  Die  mit  (peQoiv  übereinstimmende 
bildung  hätte  im  germanischen  eine  mit  der  3.  sing.  got. 
bairai  zusammenfallende  form  ergeben,  welche  darum  viel- 
leicht, der  leicht  entstehenden  misverständnisse  halber,  der 
spräche  weniger  genehm  war.  Wir  erkennen  nun  auch,  dass 
in  der  3.  plur.  got.  *bairaun-a  es  war,  welches  durch  bai- 
rain-a  verdrängt  wurde.  Im  sanskrit  hat  bhärey-a-m^  von 
dem  zunächst  wieder  das  -m  als  junger  zusatz  zu  subtra- 
hieren ist,  auch  den  typus  mit  sonantischem  nasal,  bheroiip,^ 


—     303     —      . 

• 
zur  grundlage.    Das  e  in  bhärey-am^  hhärey-ur  erklärt  Brug- 

man  Bezzenbergers  beitr.  II  246.  anm.  3.')    So  hat  also  Jak. 

Wackernagel  Kuhns  zeitschr.  XXV  268.   mit  seiner  bemer- 

kung:   „das  äquivalent  von  skr.  bhareyam  könnte  z.  b.  im 

attischen  nicht  anders  als  (peoLo  lauten",  nicht  unrecht;  *TQ€(pco 

aus  *TQ€(pojia  ist  nur  der  aufgegebene  alte  doppelgänger  von 

TQ€(poLv.    Zu  bemerken  ist  nemlich,  dass  in  hinsieht  auf  das 

„  verbliebene "  intervocalische  i  auch  yevolaroj  el.  a^co-Tivoiav, 

obwol  sie  die  relativ  ursprünglichere   bildung  gegenüber 

yevoiVTo j  delph.  TCciq-^%oiv  darstellen,  nur  neuschöpfungen 

sind.    Über  die  „Schonung",  deren  das  moduszeichen  in  ye- 

voiaxo ^  cpeqoievj  sowie  in  dolr]Vj  aralrjv,  ^elrjv  „bedurfte", 


1)  Allerdings  nicht  *  bhdray-a??i ,  *hhäray-ur,  sondern  *  bhäräy-am, 
*  hhäräy-ur  sollte  Brugman  nach  seiner  lehre  über  arisches  ä  =  indog.  o 
als  die  älteren  verdrängten  formen  voraussetzen.  Doch  heisst  es  auch 
im  avesta  nur  -äy-en  und  -äy-aTita  in  der  3.  plur.  act.  und  med.  opt.; 
eine  1.  sing.  act.  ist  von  praesentien  der  ö-conjugation  im  iranischen 
nicht  überliefert.  Avest.  harayen  und  yazayaüla  wären  eins  der  besseren 
argumente  in  den  bänden 'derjenigen  gewesen,  die  an  die  gleichung  indo- 
iran.  ä  ==  indog.  o  in  offener  silbe  nicht  glauben.  Ich  könnte  mir,  wie 
schon  s.  220.  anm.  angedeutet,  als  eine  denkbare  beschränkung  dieses 
viel  staub  aufwirbelnden  lautgesetzes  vielleicht  gefallen  lassen:  nur  für 
hochbetontes  indog.  6  gilt  die  regel,  dass  es  sich  arisch  vor  einfacher 
consonanz  .zu  ä  entwickelt.  Dann  wären  di.YeBt.' *  ishäyen ,  ishäyafita 
analogiebildungen  nach  härayen^  *bürayaflta;  andererseits  -ä-  in  sanskr. 
tud-a-mas,  («-)  lud-a-ma  wären  lautgesetzlich,  -ä-  in  hhär-ä-mas,  ä-hhar^ 
-ä-ma  darnach  gerichtet.  Doch  kann  ich  auf  die  anderen  dabei  noch 
anzunehmenden  ausgleichungen  hier  nicht  näher  eingehen,  viele  der- 
selben liegen  überdies  für  den  kundigen  leser  am  tage.  Auch  das  über 
den  Wechsel  von  -ä  und  -a  im  wortauslaute  oben  s.  226.  anm.  ausge- 
führte bedürfte  teilweise  anderer  fassung,  indem  z.  b.  die  mediale  per- 
sonalendung  indog.  -to  =  griech.  -xo  ihre  Spaltung  in  sanskr.  avest.  -tu 
und  ved.  avest.  (gäthädial.)  apers.  -tä  eher  der  verschiedenen  betonung 
im  imperfect  und  optativ  der  ersten  und  zweiten  hauptconjugation  (ur- 
sprünglich sanskr.  {a-)bhdrata,  bhäreta  neben  *{a-)dvish-(ä',  *dvishitä') 
verdanken  dürfte. 


.     —     304     — 

• 
spricht  sich  als  einen   „erfolg  der  Wirkung  der  analögie" 

richtig  Delbrück  einleit.  in  d.  sprachstud.  104.  105.  gegen 

Curtius  aus.   Demselben  Vorgang  der  wiederherstellenden  aus- 

gleichung  verdanken  ja  auch  homer.  xelaraij  'Aelaro  u.  dergl. 

ihr  intervocalisches  -l-  nach  s.  37,  anm.  1. 

Im  alten  latein  bestand,  bevor  in  dem  optativparadigma 
des  futurum  simplex  der  dritten  conjugation  sich  für  die 
1.  sing,  dauernd  die  conjunctivform  auf  -am  einbürgerte,  der 
gebrauch  einer  form  auf  -em  (-<?),  die  besonders  bei  Cato 
nach  den  Zeugnissen  der  grammatiker  reichlich  vertreten, 
auch  bei  Plautus  in  guter  handschriftlicher  Überlieferung  nicht 
selten  ist;  z.  b.  fadem  facie^  accipiem,  dice.  Vergl.  Neue 
formenl.  d.  lat.  spr.  IP447.,  Bücheier  rhein.  mus.  f.  philol. 
n.  f.  XXXVI,243.  Das  sind  die  mit  rgecpoiv,  afidgroLv  über- 
einstimmenden bildungen  und  ebenso  wie  diese,  wie  im  latei- 
nischen selbst  dJcererrij  essem^  ferner  amem  entweder  fort- 
setzungen  des  grundsprachlichen  antesonantischen  typus  oder 
neuschöpfungen  nach  den  übrigen  personen ;  amem,  ames,  bei- 
läufig, auf  vorhistor.  *ajnawim  *amaiois,  *amaoim  *amäois 
beruhend.  Hätte  sich  die  lateinische  spräche  für  den  typus 
hheroim,  wie  germanisch  und  sanskrit,  entschieden,  so 
würde  er  wol  historisch  lat.  ^ferom  {^feruin)  lauten,  aus 
^ferom,  weiterhin  aus  "^feroi-em.  Denn  intervocalisches  i 
hatte  auch  hier  auszufallen,  und  nach  amäs,  amat,  amäle  aus 
*  ama-ie-s{i)y  *  ama-ie-t(i)y  ^  ama-w-te,  sowie  nach  hostes  nom. 
plur.  aus  *kostei-es  kann  man  wol  nur  ö  als  contractions- 
summe  aus  o{i)e  erwarten. 

Das  sanskr.  -a,  griech.  -a  der  1.  sing.  perf.  act.  habe 
ich  morphol.  unters.  I  227  ff.  anm.  im  anschluss  an  Brugman 
als  spross  alter  nasalis  sonans  gefasst.  Von  den  darüber 
geäusserten  „  Vermutungen  über  Vermutungen "  habe  ich  durch 
neuere  polemik  keinen  grund  etwas  wesentliches  zurückzu- 


—     305     — 

nehmen;  vergl.  auch  Paul  in  seinen  beitr.  VI  126.  und  be- 
sonders Brugman  morphol.  unters.  III  120  ff.  Nur  stellen  sich 
die  von  mir  angenommenen  ausgleichungen  jetzt  etwas  anders 
bei  veränderter  formulierung  des  lautgesetzes.  Nach  sonor- 
lauten  fungierte  wortschliessendes  -m  abwechselnd  als  con- 
sonans  und  als  sonans,  je  nach  der  satzstellung.  Ved.  cakära 
und  jagäma  brauchen  jetzt  nicht  mehr  die  ausgleichungspro- 
dücte  aus  den  factoren  ^cakäPy  *jagäm  einer-  und  ^sasada 
anderseits  zu  sein,  sondern  werden  einfacher  als  die  com- 
promissbildungen  aus  den  alten  formenpaaren  ^cakär  und 
"^  cakära  j  *jagdm  und  *  jagäma  aufgefasst;  die  neuen  cakära^ 
jagäma  wurden  dann  massgebend  zur  Veränderung  der  quan- 
tität  in  ^sasä'düj  '^papata^  ^tatapa,  vor  denen  jene  den  Vor- 
zug der  formalen  differenz  von  der  3.  sing,  hätten.  Ent- 
sprechend im  germanischen.  Got.  bar,  hal,  gam,  for  aus 
'^'harm,  *halm  u.  s.  w.  sind  die  Verallgemeinerung  des  ante- 
sonantischen  typus,  wie  es  griech.  TQecpoiv  im  optativ  ist. 
Es  scheinen  nun  zwar  für  diese  annähme  die  Verhältnisse 
doch  recht  ungünstig  zu  liegen :  einerseits  got.  bar  und  *  baj^u, 
qam  und  ^qamu,  anderseits  nur  '^satu,  *vasUj  *baugUj  *gröbu 
u.  s.  w.,  und  doch  sieg  der  formation  bar,  qam?\  Aber  die 
endung  der  1.  dual,  perf.,  got.  -u  in  vit-Vj  set-u,  sanskr.  -va 
in  vid-väy  sed-i-vä  ist  in  ihrer  grundsprachlichen  gestalt,  ob 
indog.  -]t^äj  -iißj  oder  -uä  oder  noch  anders,  noch  ganz  un- 
aufgeklärt, und  so  darf  man  wol  vorläufig  annehmen,  dass 
diese  personalform  bereits  in  urgermanischer  zeit  denselben 
ausgang  hatte  wie  im  gotischen.  Wenn  z.  b.  -uni  das  be- 
treffende personalsuffix  war,  das  von  nicht  die  endsilbe  be- 
tonenden verbalformen  wie  indog.  e-bhero-uqi  bhero-utii 
imperf.  =  sanskr.  ä-bharä-va  bhärä-vUj  indog.  bkeroi-ii/^i, 
tudöi-urii  opt.  =  sanskr.  bhäre-va,  tude-va  früh  auch  ins 
perfect  übernommen  war  (vergl.  oben  s.  290.  über  das  secun- 

Ostlioff  u.  Brujjiuan  untersuch.  IV.  20 


—     306     — 

därsuffix  der  1.  plur.)^  so  hatte  allerdings  aus  einem  indog. 
uid-nm  wol  nur  germ.  wit-vnin^  ferner  wit-wu^  in  letzter 
Instanz  wit-u  wie  got.  vit-u  zu  resultieren,  da  inlautendes  w 
nach  consonant  vor  dem  homorganen  u  wol  sehr  frühzeitiger 
absorption  unterlag  (vergl.  Paul  in  seinen  beitr.  VIII  162  ff., 
Sievers  ebend.  VIII  86  f.).  In  solchem  falle  konnte  dann 
aber  der  typus  bar  in  der  1.  sing,  vor  '^baru  einen  wesent- 
lichen vorsprung  wegen  des  beru^  vesu  im  dual  erhalten; 
noch  entschiedener  /ör ,  öl  vor  */örM ,  *  ölu  bei  dem  bereits 
urgermanisch  gleichgewordenen  wurzelablaute  des  Singulars 
und  dual-plurals.  In  haihald-u  und  seinesgleichen  fiel  auch 
die  dualform  mit  der  einzig  entwickelten  1.  sing,  auf  -u  zu- 
sammen. Vermischung  mit  der  3.  sing,  war  bei  der  nor- 
malisierung  von  bar,  för  und  der  nachbildung  von  haihald 
nicht  zu  befürchten,  weil  die  3.  sing,  damals  wol  noch  nicht 
ihre  endung  -e  synkopiert  hatte;  denn  um  den  preis  einer 
Vermischung  der  1.  mit  der  3.  sing,  wäre  die  spräche  wol 
nicht  einer  solchen  mit  der  so  viel  seltener  gebrauchten 
1.  dual,  aus  dem  wege  gegangen. 

Nach  wurzelauslautendem  2,  u  durfte  auch  die  personal- 
endung  der  1.  sing.  perf.  act.  indogermanisch  als  -m  und 
als  -m  erscheinen.  Ein  Vertreter  des  anteconsonantischen  und 
pausatypus,  wie  er  im  griechischen  bei  allen  liquidisch  und 
nasalisch  schliessenden  wurzeln  {e-cp^og-ay  €-y,Tov-a)  einzig 
üblich  ist,  ist  bei  einer  ei-wmzoi  in  derselben  spräche  öelöw 
aus  *öe-dßoi-a  (Mahlow  Kuhns  zeitschr.  XXIV  294.)  =  indog. 
de-du6i'7ii\  dslöco  als  „isolierte  form"  zugleich  ein  zeugnis 
gegen  de  Saussures  Vermutung  syst,  primit.  72  f. ,  dass  der 
1.  sing.  perf.  act.  ursprünglich  nicht  o,  sondern  e  als  wurzel- 
vocal  zugekommen  sei,  womit  sonst  ja  die  im  indo-iranischen 
bestehenden  wurzelvocalischen  Schwierigkeiten  am  leichtesten 
gelöst  sein  würden.    Dass  im  sanskrit  und  zend  die  formen 


—     307     — 

wie  ved.  hi-bhäy-a^  m-cräv-a^  avest.  di-dhay-a  nur  für  *Z>2- 
-bhe-771^  ^  m-cr6-m^  *  di-dhae-m  (histor.  didhaem  yt.  XXIV  43. 
fasst  man  als  imperfect  dritter  praesensciasse  oder  als  „  prae- 
teritum  vom  perfectstamm "  aus  ^  didhayam^  vergl.  Justi  handb. 
d.  zendspr.  156  b.,  Bartholomae  altiran.  verb.  §  122.  s.  88.) 
die  nachfolger  sind,  kann  ich  nun  nicht  mehr  behaupten, 
wie  noch  morphol.  unters.  I  229.  anm.;  ^hi-bhay-a^  ^cu-crav-a^ 
"^di-dhäy-a  von  der  art  wie  griech.  "^  öe-ößoi^-a  dürfen  auch 
vorausgesetzt  werden  und  liegen  den  sie  umgestaltenden 
mustern  ca-kä7'-a^  ja-gdm-a  formal  näher. 

Für  denjenigen,  der  nach  wie  vor  an  -m  als  perfectische 
personalendung  nicht  glauben  mag,  war  diese  auseinander- 
setzung  über  die  1.  sing.  perf.  act.  zur  rechtfertigung  unseres 
constitutiven  lautgesetzes  überhaupt  nicht  notwendig. 

Auf  nominalem  gebiete  kommt  vor  allem  der  acc.  sing, 
in  betracht.  Griech.  7taT^q-a^  öcoroQ-aj  al-a  und  zexrov-a 
stellen  den  anteconsonantischen  und  pausatypus  dar.  Ebenso 
lat.  patr-em  (für  älteres  '^pater-em\  dator-em  (für  ^dator-em 
nach  dem  nom.  sing.  ^ datör\  sal-em^  homin-em^).    Da  altir. 

1)  Aus  *hömdn-em  lautgesetzlich  herleitbar,  wie  feri-mus  aus  *fero- 
-mos ,  i-licö  aus  ^in-locö  u.  dergl.  (vergl.  s.  125  f.),  jedoch  auch  aus 
*hümen-em,  was  wie  griech.  noi^iv-a  neubildung  aus  der  Stammform 
des  alten  loc.  sing,  sein  würde.  Altlat.  homön-em  verstehe  ich,  wie  ser- 
mö?i-em,  mit  Brugman  nach  wie  vor  als  bildung  aus  dem  „nominativ- 
paradigma",  trotz  neuerer  mir  nicht  fasslicher  ablautsconstructionen, 
nach  denen  auch  nöS-a  jüngeres  Substitut  für  ein  *7tü}8-a  sein  soll. 
Über  die  quantität  des  stammsuffixvocals  in  umbr.  homon-us  dat.  plur., 
osk.  humun-s  nom.  plur.  wissen  wir  zwar  nichts  directes;  aber  länge 
ist  mit  nichten  notwendig  anzunehmen.  Bei  dem  umbrischen  werte  sogar, 
mit  einiger  Sicherheit  nicht,  da  langes  ö  in  dieser  spräche  meistens  zu 
u  (w)  verdumpft  erscheint:  bei  neuumbr.  -or  neben  -ur  im  nom.  plur. 
der  ö- stamme  {totcor  neben  lovinur),  -o  neben  -ii  im  abl.  sing,  {pihaclo, 
lertio  neben  pihacluy  vergl.  Bücheier  Jen.  literaturz.  1876.  art.  339.)  und 
-0  aus  *-öm  in  den  gen.  plur.  Ätiersio,  peracrio  (verf.  morphol.  unters. 
I  224 f.)  kann  in  der  auslautenden  silbe  das  o  auch  eine  rückeut- 

20* 


—  ao8  — 

athii^  w-,  air-mitin  n-  für  vorhistorische  "^pater-in^  '^ment'm-in 
stehen  nach  Windisch  Paul -Braunes  beitr.  IV  223.,  so  ver- 
hält sich  also  auch  das  keltische  in  diesem  punkte  wie  das 
griechische  und  lateinische ;  über  altir.  in  aus  nasalis  sonans 
vergl.  morphol.  unters.  I  106  ff.  Ferner  schliesst  sich  das 
slavische  mit  abulg.  maier-e^  kamen-e  an,  deren  -e  aus  *  -ein 
auslautend  die  nasalis  sonans  vertritt').  Im  sanskrit,  womit 
das  avestische  stimmt,  findet  die  „tatsache  von  dätar-am'' 
und  püdr-arnj  ukshän-am  nun  die  erklärung,  dass  der  regu- 


■wickelung  aus  u  nach  dessen  Verkürzung  (vergl.  den  acc.  sing,  manom 
der  M  -  declination)  sein.  Ich  weise  also  mit  Joh.  Schmidt  Kuhns  zeit- 
schr.  XXV  14.  den  umbr.  du-purs-us,  petur-purs-us  wegen  des  n  pöd- 
als  Stammform  zu,  erkläre  aber  das  wie  bei  got.  fotu-s,  anord.  föt-r^ 
ahd.  fuoz  verallgemeinerte  ö  aus  der  nominativlänge  von  dor.  neos  = 
sanskr.  pät,  Hören  somit  umbr.  -pUrs-us  und  ars-fertUr-o  auf,  stützen 
für  Schmidts  ablautstheorien  zu  sein,  so  erwächst  anderseits  in  umbr. 
liomon-us  ein  weiteres  directes  argument  dagegen,  dessen  beweiskraft 
nur  auf  dieselbe  künstliche  weise  wie  diejenige  von  got.  guman  acc.  sing., 
guman-s  nom.  plur.  aus  der  weit  geschafft  werden  könnte.  Vergl.  Brug- 
man  morphol.  unters.  III  124 ff.,  wo  nur  die  beurteilung  des  Verhält- 
nisses von  TTcJs  und  ttos  im  griechischen  nom.  sing,  zu  berichtigen  ist; 
cTßJs,  *7rfi^-os,  *ne8-i^  7i68-a  halte  ich  für  die  älteste  griechische  flexion, 
nos  für  neubildung  nach  dem  acc.  sing,  und  nom.  plur.  wie  jtodos, 
TtoS'i.  Dass  wir  den  Ursprung  der  nominativischen  vocallänge  noch  nicht 
kennen,  hindert  nicht,  uns  dieses  factors  bei  der  reconstruction  der 
grundsprachlichen  üexionsparadigmen  zu  bedienen. 

1)  Nur  natura  oder  positipne  langes  e}i^  d.  i.  urslav.  cm,  em  oder 
en  -f-  conson. ,  em  -)-  conson.  ergibt  histor.  e.  Also  in  deve-fi  '9',  de- 
se-tX  '10'  und  3.  plur.  praes.  jad-eti,  dad-eH,  ved-eti,  aor.  sigmat.  bys-e 
aus  *  bys-e t  zwar  e  =  griech.  a  oder  av,  indog.  n  oder  n ;  aber  -e  aus 
*-mimacc.  sing.  Daraus  folgt  schon,  dass  *mater-em  "^kamen-em  aus 
den  Stellungen  vor  consonant  losgelöst  worden  sein  mussten,  in  welchen 
verbleibend  sie  auch  auslautend  -e  hätten  entwickeln  müssen.  Als  pausa- 
formen  entsprangen  mater-e,  kamen-e  regelrecht.  In  ime  =  ovofia,  sanskr. 
nä'ma,  lat.  nömen  ist  entweder  die  nicht-pausaform,  die  vor  consonanten 
galt  (z.  b.  in  ime  to  ==  sanskr.  nä'ma  lät  lautgesetzlich)  normalisiert, 
oder  das  -e  ist  hier  anders  als  aus  grundsprachlichem  -n  zu  erklären. 


—     309     — 

läre  antecoDsonantische  und  pausatypus  um  das  -m  von  äpca-m 
erweitert  wurde,  wie  es  ja  auch  für  pad-a-m  anzunehmen 
ist.  Eine  Verallgemeinerung  des  entgegengesetzten,  ante- 
sonantischen  typus  dagegen  treffen  wir  auf  germanischem 
boden  an.  Got.  hanan^  anord.  hana  beruhen  mit  ihrer  schluss- 
silbe  auf  dem  indogermanischen  einsilbigen  ausgange  -onm] 
anderesfalls  hiesse  es  got.  '^hanan-u^  anord.  ^honun.  Bei  ags. 
hanan,  alts.  ahd.  hanun  (-o?i)  haben  wir  wenigstens  keinen 
grund  etwas  anderes  anzunehmen,  obgleich  ja  diese  west- 
germanischen formen  an  sich  germ.  -u  apokopiert  haben 
könnten.  Nicht  ganz  so  verhält  es  sich  mit  dem  accusativ 
der  -e/'-stämme.  Zwar  got.  fada?^  ist  wie  ka?ian  beschaffen, 
auf  einsilbiges  grundsprachliches  -term  hinweisend.  Aber 
wegen  anord. /o9?/r  muss,  wenn  für  dieses  die  erklärung  aus 
'-^'fiibar-u  (Sievers  Paul- Braunes  beitr.  V  160.)  die  einzig  mög- 
liche ist,  entweder  bis  ins  urgermanische  hineinreichendes  fort- 
bestehen der  mit  griech.  jcmeq-a  harmonierenden  formation 
neben  der  anderen  angenommen  werden,  oder  "^fw^ar-u  ist 
im  speciellen  skandinavischen  sprachleben  um  das  endungs-?/ 
consonantischer  stamme  auf  geräuschlaut,  in  ^föt-u  acc.  sing. 
==  histor.  anord.  föt ,  got.  föt-u  ^)  erweitert  worden  nach 
meiner  schon  morphol.  unters.  I  228.  anm.  aufgestellten  er- 
klärung. Wegen  der  gestaltung  der  Stammform  in  got  fada/'j 
anord.  ßpur  ist  Paul  in  seinen  beitr.  VI  253.  zu  vergleichen. 
Indifferent  sind  wiederum  die  formen  der  westgermanischen 
dialekte ,  ags.  Jader ,  alts.  fader ,  ahd.  Jäter ,   die  übrigens 


1)  Was  neuerdings  Kögel  Paul-Braunes  beitr.  VIII  IM  gegen  diese 
auffassung  des  acc.  sing.  got.  fötu,  iunJjUj  anord.  föt,  tonn  u.  s.  w.  vor- 
bringt, ist  weit  davon  entfernt,  für  mich  überzeugend  zu  sein.  Zu  einer 
antikritik,  um  die  Kögeische  polemik  gegen  meine  aufstellungen  zu  be- 
leuchten, wird  mir  binnen  kurzem  an  anderer  stelle  gelegenheit  geboten 
werden. 


—     310     — 

ebenso  gut  den 'alten  nom.  sing,  auf  -er  (ahd.  ^fatef)  ersetzt 
haben  können  wie  nach  Behaghel  Jenaer  literaturz.  1879. 
s.  278.  (vergl.  oben  s.  62  f.  anm.)  der  vocativ. 

Sehr  entschieden  neigte  sich  aber  schon  die  indogerma- 
nische grundsprache  in  der  i-  und  ?/ -  declination  der  nor- 
malisierung  der  ursprünglich  nur  vor  sonanten  geltenden  acc- 
sing.-ausgänge  -i-m^  -u-m  zu,  neben  denen  wir  trotzdem 
-/-?/?,  -u-W'  ^Is  di®  sliQVL  doppelgänger  voraussetzen  müssen. 
Das  hat  aber  seinen  leicht  ersichtlichen  grund.  In  der  o  -  de- 
clination  bestand  nur  -  0 -?/? ,  vor  consonant  sowol  wie  sonant 
des  nächsten  Wortes;  ebenso  in  der  ö-declination  -ä-m.  Das 
gab  den  ausschlag  bei  der  auswahl  zwischen  den  doppel- 
formen der  i-  und  ?/- stamme;  der  parallelismus  von  -o-s 
neben  -i-Sj  -u-s  im  nom.  sing,  drückte  zu  stark  auf  das  durch 
den  pleonasmus  der  /-,  w- stamme  bewirkte  ungleiche  Ver- 
hältnis im  accusativ.  Die  griechischen  erst  bei  späteren 
dichtem  vorkommenden  iyßv-a^  offQu-ctj  vr]6v-aj  ßorgv-a 
(Gust.  Meyer  griech.  gramm.  §  329.  s.  282.)  brauchen  für 
unsere  frage  nicht  in  betracht  zu  kommen.  Ebenso  ist  homer. 
€VQ6-a  schon  der  von  evQv-v  differenten  ablautsstufe  des 
Stammsuffixes  wegen  eine  unbezweifelbare  neubildung.  Aber 
in  einem  falle  wie:  sanskr.  näv-am  aus  *7iäv-a^  griech.  homer. 
vij-cx,  lat.  näv-em  gegenüber  griech.  att.  vav-v  dürfte  es  sich 
doch  fragen,  ob  nicht  das  griechische  noch  beide  indoger- 
manischen erbformen  aufweist  und  erst  in  den  dialekten  die 
ausmerzung  je  einer  vorgenommen  hat;  wo  nicht,  so  kann 
man  wol  nur  att.  vav-v  für  die  einzelsprachliche  neubildung 
halten  und  hat  dann  einen  weiteren  beleg  für  unser  constitu- 
tives  lautgesetz.  Wie  weit  für  letzteres  auch  zeugt,  dass  bei 
den  griechischen  masculinen  auf  -ev-g  formen  wie  '^ßaoilev-v 
gegenüber  homer.  ßaodrj-aj  att.  ßaadeä  (-««  aus  -tjcc  wie 
€w  aus  Tjo)   nirgends   überliefert  sind   (vergl.  Gust.  Meyer 


—     311     — 

griech.  gramm.   §  330.  s.  282  f.) ,   lasse   ich    hier   ununter- 
sucht. 

Wichtige  bestätigungen  unserer  doppelformen  voraus- 
setzenden theorie  könnten  diese  in  letzterer  zeit  öfter  be- 
sprochenen accusativformen  werden:  sanskr.  pänthdmy  avest. 
pantä??i;  sanskr.  mahäm\  avest.  zam\  avest.  zyäm\  sanskr. 
(jam^  griech.  homer.  dor.  ßtov^  alts.  kö^  ahd.  chuo  (aus  germ. 
kom  ko7i)\  sanskr.  dyam^  griech.  homer.  Ziyi^.  Vergl.  Brug- 
man  Curtius'  stud.  IX  307  ff.  Kuhns  zeitschr.  XXIV  25.  anm., 
de  Saussure  syst,  primit.  41.,  Havet  mem.  de  la  soc.  de  lin- 
guist.  IV  274.,  Kögel  Paul -Braunes  beitr.  VIII  114  f.  Das 
grundsprachliche  lautgesetz,  nach  welchem  hier  der  sonor- 
laut  vor  dem  nasal  ausgedrängt  ward  0,  ist  zwar  noch  keines- 
wegs genau  ermittelt;  Havets  fassung  desselben  kann  ich 
aus  mehreren  gründen  nicht  billigen.  Dass  jedoch  nur  -m 
consonans  in  jenen  accusativformen  von  je  her  vorgelegen 
habe,  ist  klar,  und  so  könnten  sie  wol  mittels  grundsprach- 
licher Satzphonetik  mit  sanskr.  pänthän-am^  avest  pantän-em 
(aus  indo-iran.  *pa?ithä?i-a  erweitert),   griech.  yß^ov-a   (für 


1)  Die  ähnlichen  accusative  von  5- stammen,  wie  sanskr.  ved.  ushä'm, 
medhäm,  jarä'm,  avest.  ushmn,  mazdcim^  dürfen,  glaube  ich,  trotz  ihrer 
ähulichkeit  nicht  in  die  für  sanskr.  gam  ==  griech.  ßu>v^  ahd.  chuo 
u.  s.  w.  zu  suchende  erklärung  mit  einbegriifen  werden.  Jene  sind  nur 
im  indo  -  iranischen  nachweisbar.  Ferner  ist  -s-  bei  jenen  geräuschlaut 
gegenüber  den  stammschliessenden  Sonorlauten  -w-,  -in-^  -u-  bei  diesen. 
Ich  sehe  keine  Schwierigkeit,  in  indo-iranischer  zeit  ushä'm  durch  solche 
neuschöpfung  entstanden  sein  zu  lassen,  wie  im  griechischen  anerkannter- 
massen  2!(OKoaTi]v  nach  ^AXxißtaSriv  gebildet  ist.  Nach  massgabe .  aller 
nom.  sing,  auf  -s  mit  vorhergehendem  vocale  konnte  indo-iran.  ushä's 
misverständlich  in  ushä's  zerlegt  werden.  Diese  erklärung  nähert  sich 
der  von  Brugman  Kuhns  zeitschr.  XXIV  27.  bekämpften  Benfeyschen, 
ohne  wie  diese  zu  dem  einwürfe  veranlassung  zu  geben,  es  „müsste  schon 
in  der  arischen  grundsprache  ushä's  in  *ushä'  übergegangen  sein",  damit 
ushä'm  eine  analogiebildung  nach  dem  nominativ  sein  könne. 


—     312     — 

*X^O|t<-«),  griech.  xi6v-a  (für  *7fo^t-a),  lat.  hiem-em^  griöch. 
ßö-a  (bei  Pherekydes  nach  Herodian  II  705,  31  sq.  ed.  Lentz, 
vergl.  Gust.  Meyer  griech.  gramm.  §  330.  s.  282.)  lat.  bov-em^ 
lat.  lov-em  sich  vereinigen.  Griech.  ßovv  wäre  dann  eine 
nicht  anzuzweifelnde  neubildung  nach  dem  nominativ  ßovg 
aus  ^ßojvg  =  sanskr.  ijaiis^  wodurch  ferner  auch  att.  vavv 
als  Vertreter  einer  erbform  —  diese  hätte  *  väv^  att.  *  vrjv  zu 
lauten  —  unhaltbar  würde. 

Das  cardinalzahlwort  für  '9',  indog.  7ieu/n  (oder  neun 
nach  Jak.  Wackernagel  Kuhns  zeitschr.  XXV  281.  284.)  ist 
auch  noch  als  zeugnis  für  unsere  constitutive  lautregel  zu 
nennen;  die  antesonantische  form  indog.  neiim  (jieii?i)  mit 
nasalis  consonans  zeigt  sich  nirgends,  da  got.  ahd.  niun  nach 
germanischem  lautgesetz  für  ^nivun  steht  (vergl.  s.  306.). 

Es  erübrigt  endlich  noch  ein  wort  über  den  pluralaccu- 
sativ  auf  Sonorlaut  ausgehender  nominalthemen.  Die  aus- 
gänge  -insj  -uns  von  indog.  (jh^^osti-ns^  sünu-ns  können 
nach  unserer  theorie  nicht  in  eine  sehr  hohe  zeit  der  grund- 
sprache  zurückreichen.  Es  liegt  hier  ein  weiterer  fall  yon 
bereits  indogermanischer  „  proportionaler  analogiebildung "  vor, 
wie  ich  dies  vom  nom.-acc.-voc.  dual,  derselben  stammclassen 
morphol.  unters.  II  132  ff.  gezeigt  zu  haben  glaube.  Da  -im, 
-um  des  acc.  sing.,  wie  wir  gesehen,  nicht  auf  gänzlicher 
neuschöpfung,  nur  auf  begünstigung  durch  die  proportionale 
analogie  der  ö  -  declination  beruhen,  so  konnte  das  -i?iSj -uns 
im  plural  ein  facit  der  auflösung  dieser  dreigliedrigen  Pro- 
portionen sein :  -o-s  :  -o-m  :  -o-ns  ^=  -i-s  :  -i-m  :  x  =  -u-s  : 
-u-m:x.  Mit  homer.  dor.  TtoU-ag,  homer.  vey,v-ag  (Gust. 
Meyer  griech.  gramm.  §§  358.  359.  s.  301.)  wurden  griechische 
neubildungen  geschaffen,  die  sich  den  allerursprünglichsten 
formationen  des  urindogermanischen  so  im  charakter  an- 
nähern, wie  im  dual  griech.  Jtöle-By  Tcrjxe-e  nach  morphol. 


—     313     — 

unters.  II  134  ff.  Ob  aber  nicht  einige  der  so  beschaffenen 
griechischen  pluralaccusative  doch  altes  erbteil  seien,  etwa 
homer.  ocpgv-ag  =  sanskr.  bhruv-as  u.  a.,  bedürfte  weiterer 
erwägung.  Denn  dass  wenigstens  att.  vavg  und  att.  homer. 
ßovg  den  preis  der  grösseren  altertümlichkeit  vor  sanskr. 
näv-dsj  dor.  vä-agj  homer.  ep.  v^-ag  und  vor  homer.  ßo-ag 
nicht  beanspruchen  können,  dürfte  ausgemacht  sein ;  ebenso, 
dass  sanskr.  gä's^  dor.  /icJ^-  bei  Theocrit  VIII  47.  nur  die  wei- 
teren folgerungen  der  entsprechenden  singularaccusative  gamy 
ßcüv  sein  können.  Irrig  also  beurteilt  Gust.  Meyer  griech. 
gramm.  §  360.  s.  301.  das  Verhältnis  dieser  verschiedenen 
griechischen  acc.-plur.-bildungen.  Bei  den  nasal-  und  liquida- 
stämmen  ist  im  acc.  plur.  unser  gesetz  nirgends,  so  viel  ich 
sehe,  erheblicher  gestört.  Sanskr.  tdkshii-asj  ukshn-äs  sowol 
wie  griech.  reKrov-agj  icoif-ih-agy  agv-ag  sind,  in  Ordnung, 
sowie  got.  auhsn-uns  Corinth.  I,  9,  9.,  wenn  so  Kögel  Paul- 
Braunes  beitr.  VIII  115.  richtig  das  auhsunns  der  handschrift 
corrigiert.  Die  vulgäre  bildung  im  germanischen,  got.  hanan-Sy 
alts.  ahd.  hamm  (hano/i)  wird  man  für  die  übertragene  nomi- 
nativform des  plurals  halten  müssen.  Auch  avest.  fedhr-öy 
griech.  7caT£Q-ag,  ak-ag  geben  uns  nichts  zu  monieren.  In 
got.  bropr-uns  muss  man  den  ausgang  -/nms  auf  ein  indog. 
-r-ns,  nicht  auf -f-w*,  zurückbringen,  so  dass  die  bildung 
derjenigen  von  SLYest.  fedhr-ö  j  griech.  avöga-g^  homer.  d^v- 
yarQ-ag  gleich  wird.  Dass  im  sanskrit  piifh  moderne  nach- 
ahm ung  des  acc.  plur.  der  i-  und  m  -  declination  sei,  braucht 
kaum  angemerkt  zu  werden;  pitfn  :  pitf-shuj  pitf-bhis  = 
sünun  :  sünü-shUy  sünü-bhis. 

Eine  leicht  zu  beseitigende  ausnähme  unserer  regel  ist 
noch,  wenn  im  indo- iranischen  die  lautfolgen  inv ^  uiiv ^  rnv 
in  der  conjugation  der  praesensbildungen  fünfter  classe  be- 
gegnen, was  in  der  3.  plur.  indic.  act.  und  med.  praes.  und 


—     314     — 

imperf.,  1.  sing.  med.  praes.  und  imperf.,  2.  3.  dual,  und 
3.  plur.  med.  imper.,  in  den  formen  des  schwaclien  optativ- 
stammes  mit  -i-,  im  participium  act.  und  med.  geschieht. 
Z.  b.  sanskr.  cinvantij  ci'nvate,  a-cinvan^  a-cinvata,  cmve, 
a-cinvij  cifiväthäm,  cinvätäm^  cinvatämj  cinvtya,  cinvant-,  cin- 
väna-\  sanskr.  sunvänti  u.  s.  w.;  sanskr.  ved.  krnvdnti,  avest. 
kerenvainti  u.  s.  w.  Diese  formen  sind  immerhin  bei  weitem 
in  der  minderheit  gegenüber  denen  des  gleichen  Systems,  die 
-no-  avest.  -nao-^  -nu-  regulär  vor  nachfolgendem  consonanten 
haben,  also  dass  eine  beeinflussung  seitens  dieser  letzteren 
gruppe  anzunehmen  gestattet  sein  wird,  durch  welche  in  der 
3.  plur.  praes.  act.  die  lautgesetzlich  zu  fordernden  sanskr. 
^ cyanvanli^  "^svanvanti,  "^kranvänti  =  indog.  k'^hiiniti,  snn- 
untt\  ki^nnnti  (über  an  =  n  vor  i,  u  vergl.  Brugman 
morphol.  unt.ers.  II  210  ff.)  ausgemerzt  wurden. 

Hauptsächlich  würde  unserer  regel  endlich  die  wurzel- 
gestalt  der  schwachen  formen  in  der  siebenten  sanskriti- 
schen praesensclasse ,  mit  dem  was  genetisch  dazu  gehört, 
widersprechen:  indog.  bhind-j  li?ik^-y  bhung^-^  bhundh-^ 
jung^-,  k'^^nt'  in  sanskr.  bhind-mds  \sit  ßnd-öj  sanskr.  riüc- 
-mäs  griech.  Xt/.i7t-dvco  lat.  linqu-Oy  avest.  bunj-ainti  griech. 
q)vyy-ava)j  griech.  TtvvS-avoinac  lit.  bund-iij  sanskr.  yuhj-mds 
lat.  jung-öj  sanskr.  krnt-dti  avest.  kerent-aiti  u.  ähnl.  Doch 
wird  hier  vermutlich  erst  später,  nachdem  jenes  die  aufein- 
anderfolge von  Sonorlaut  und  Sonorlaut  derselben  silbe  ur- 
sprünglich regelnde  gesetz  bereits  gewirkt  hatte,  der  nasal 
durch  einen  noch  unerkannten  lautgesetzlichen  act  aus  dem 
Suffix  in  die  wurzel  hinüber  gedrungen  sein.  Brugmans  er- 
klärung  dieser  nasalinfigierenden  praesensbildung  morphol. 
unters.  III  148  ff.  ist  mir  nicht  einleuchtend. 

Zum  Schlüsse  erwähne  ich  noch,  dass,  wenn  die  obigen 
ausführungen  das  richtige  treffen,   auch  Brugman  jetzt  kein 


—     315     — 

mehr  hat,  wie  noch  morphol.  unters.  I  4.  anm.,  das 
particip  sanskr.  yatd-s  von  yam-  als  argument  für  den  an- 
laut  j-  dieser  wurzel  mit  zu  benutzen.  Auch  von  einer  Wur- 
zel lam-  konnte,  trotz  ishtd-s  von  iay^-j  das  particip  nicht 
*imtä-s  *intd-s  lauten. 

Durch  diesen  excurs  ist  es,  wie  ich  hoffe,  genügend  klar 
gestellt,  in  welchem  allgelneinen  zusammenhange  es  steht, 
wenn  vor  consonanten  wurzeln  mit  zwei  Sonorlauten  auf  der 
accentstufe  der  nebentonigkeit  die  assimilation  des  a-vocals 
so  vornehmen,  dass  für  den  letzten  Sonorlaut  sein  ent- 
sprechender sonant  in  der  quantität  als  länge  erscheint ;  z.  b. 
indog.  diü-tö-  ^geschnellt',  siu-tö-  *^genäht',  spiü-tö- 
^gespieen'  von  dleu-^  6'ia^u-j  spia'^Ti-  nach  s.  281  ff.  285. 
Das  Verhältnis  der  wurzelformen  diu-,  siii-j  sptit-  zu  diu-y 
siu-y  spii-  tritt  nun  von  selbst  in  das  erwünschte  licht.  Jenes 
sind  die  vor  nachfolgendem  sonanten  ebenso  regulär  ent- 
springenden tiefstufenformen.  Indem  z.  b.  in  einem  gen.-abl. 
sing,  ur- indog.  di^eii-ös  das  -u-  aussprachlich  zur  zweiten 
silbe  gehörte,  konnte  und  musste  der  zusammenfluss  des 
wurzelhaften  e  mit  dem  allein  zu  derselben  silbe  gehörigen 
sonoren  erfolgen,  also  mit  dem  vorhergehenden  /;  das  er- 
gab zunächst  di-Jiös,  welches  seinerseits  sich  dann  nach 
demselben  gesetze  in  die  satzdoublette  dtnös  und  diuös 
(=  sanskr.  div-äs,  griech.  Jiß-og)  spaltete,  nach  welchem 
im  particip  diü-tö-  sich  in  diütö-  und  driitö-  differen- 
zierte. 

Betrachten  wir  hiernach  die  formalen  Verhältnisse  der 
conjugation  der  wurzel  spia^'u-  *^speien'  etwas  näher.  Sie 
bildete  in  der  grundsprache  ein  jod-praesens  spru-i^ö^  woraus 
frühzeitig  nach  dem  s.  19 ff.  ausgeführten  spu-ij  hervor- 
ging ;  ferner  ein  aoristpraesens  spiu-ö.    Das  letztere  liegt  am 


—     316    — 

klarsten  im  germanischen  vor  als  got.  speiva^  dessen  ablauts- 
reihe  historisch  derjenigen  von  beita  bau  gleich  geworden 
ist,  ursprünglich  aber  praes.  speiva,  perf.  ^spjau  =  anord. 
spjö  (aus  urgerm.  spjäw-e  3.  sing.),  ^spjum  1.  plur.,  spivun 
'3.  plur.  (=  indog.  spinnt) ^  partic.  spivans  war.  Da  das 
altnordische  im  praesens  die  jod-bildung  spy-ja  hegte,  so 
war  hier  keine  veranlassung,  wegen  eines  praesensablauts 
mit  germ.  ~t  das  alte  perfect  spjö  aufzugeben.  Aber  mit  dem 
gotischen  geht  im  wesentlichen  das  westgermanische:  infin. 
ags.  spiva?if  ahd.  spiwan^  perf.  sing.  ags.  späv^  ahd.  spe  speo, 
Ahd.  spinn  3.  plur.  perf.  (bei  Otfrid)  ist  lautgesetzlicher  noch 
als  got.  spivun  j  alts.  spiwun^  da  letztere  form  das  w  durch 
systemzwang  wiederhergestellt  hat,  das  wie  in  got.  ahd.  niun 
urgermanisch  vor  u  ausfiel  (vergl.  s.  306.  312.).  Für  das 
Sanskrit  ist  entsprechend,  wenn  wir  der  perfectreduplications- 
silbe  dabei  sogleich  ihre  speciellen  altindischen  gestaltungen 
zuweisen,  auszugehen  von  einem  a  verbo:  praes.  "^  spiv-ä'-mi^ 
perf.  sing,  '^ta-shthijav-a^  plur.  1.  pers.  ^  tu-shthyu-md,  2.  pers. 
pi-shpiv-dj  3.  pers.  *  pi-shpiv-ür^  partic.  perf.  act.  ^tu-shthyu- 
varns-  in  starker,  * pi-shpiv-üsh-  in  schwacher  Stammform, 
-/ö- partic.  shthyü-ld'S.  Wir  sind  nur  für  indog.  spi-  den 
lautwandel  in  sanskr.  shthy-  vorauszusetzen  berechtigt,  durch 
ausgleichung  aber  konnte  sich  die  cerebrale  lautgruppe  über 
das  ganze  verbum  verbreiten.  Daher  hinfort  das  praesens 
shthiv-ä-mi  (über  den  accent  wie  in  ukämi^  (jü'hämi  näheres 
in  morphol.  unters.  V.)  und  die  3.  plur.  perf.  ti-shthiv-ur; 
woneben  ein  neuer  singular  perf.  in  der  form  li-shthev-a^  von 
ganz  ähnlicher  art  also  wie  got.  spaiv  ^  nicht  lange  auf  sich 
warten  liess.  ti-shthev-a  mit  cerebral  auch  in  der  reduplica- 
tionssilbe  ist  wol  noch  modernere  nebenform,  vergl.  Petersb. 
wörterb.  VII  449. ;  der  parallelismus  von  ta-sthaü  :  sthä-y  ta- 
-stdmbh-a  :  stambh-  erforderte  schliesslich  ein  solches  verhält- 


—     317     — 

nis  H-shthev-a  :  shthiv- ;  neben  tu-shtäv-a  lag  dahingegen  ja 
als  nicht  redupliciert  die  nicht  cerebrale  gestalt  stu-.  Die  nur 
aus  dem  dhätupätha  zu  belegende  praesensform  sanskr.  shthiv- 
-yä-mi  glaube  ich  als  eine  contamination  aus  shthiv-ä-mi  und 
der  sonst  verschollenen  jod-bildung  "^spu-yä-mi  (=  lat.  spu-ö^ 
griech.  tctv-coj  vergl.  s.  33.)  betrachten  zu  dürfen.  Letzteres, 
*spu-yä-mij  war  wol  auch  zunächst  zu  * sthu-yä^/ni  durch 
ausgleichung  umgestaltet  worden;  wenn  aber  zu  *shthyu- 
-yä-mi  nach  shthyü-tä-s  j  so  brauchte  in  solchem  ^shthyu- 
-yä-mi  nur  rollentausch  der  beiden  wurzelhaften  sonoren  nach 
der  analogie  des  nebenliegenden  aoristpraesens  sthtv-ä-mi  ein- 
zutreten. Regelrechte  tiefstufen bildungen  mit  indogermani- 
schem ablaut  In-  sind  noch  im  sanskrit  shthiv-a-'s  nom*.  ag. 
in  hiraiiya- shthiv -a-s  m.  nom.  propr.  eines  berges  Cgold 
speiend^),  ni-shthiv-a-s  m.  "^das  ausspucken^  ni-shthw-ita-m 
n.  *^das  ausspucken,  auswurf*,  shthiv-ana-m y  ni-shthiv-ana-m 
n.  'das  spucken,  ausspucken,  auswurf,  ausgeworfener  speichel', 
shthiv-i-s  adj.  ^spuckend',  shthiv-iii-  adj.  dass.,  shthiv-i  f.  ^das 
spucken'  (rakla-shthiv-i  ''blutspeien').  Aber  der  einzelsprach- 
liche ablautsreihenwechsel  wie  in  dem  perfect  ti-shthev-a  tritt 
noch  hervor  in  sanskr.  ni-shthev-a-  m.  n.  ^das  ausspucken^, 
shthev-ana-m j  ni-shthev-ana-m  n.  "^das  spucken,  ausspucken'. 
Auf  slavischem  gebiet  ist  als  eine  ausgleichung,  die  die  ante- 
sonan tische  tiefstufenform,  und  zwar  die  tonlose  indog.  spiu-^ 
betroffen  hat,  anzumerken,  dass  abulg.  plw-ati  'spuere'  von 
plju-chü  aor. ,  plju-tu  supin.  u.  dergl. '  das  eingeschobene  / 
bekommen,  vermutlich  auch  nach  denselben  Vorbildern  an- 
lautendes s-  abgeworfen  hat,  denn  in  der  anlautsgruppe  "^splj- 
==  indog.  spi-  dürfte  sich  die  einbusse  des  Zischlautes  eher 
motivieren  lassen  (vergl.  auch  griech.  jctv-  aus  *  ojch-  s.  19  f. 
33.);  der  ursprüngliche  zustand  wäre  also  durch  abulg.  "^spw- 
-ali  neben  plju-cha  repraesentiert. 


—     318    — 

Nach  gleichem  princip  sind  bei  den  übrigen  wurzeln, 
die  den  Wechsel  zwischen  iu  und  In  zeigen,  die  historischen 
formenverhältnisse  der  einzelsprachen  zurecht  zu  legen.  Wir 
fassen  kurz  die  übrigen  hauptsächlich  in  betracht  kommen- 
den beispiele  ins  äuge. 

*/a^w-*^nähen\  Antesonantische  tiefstufenform: 
nebentonig  in  sanskr.  siv-aka-s  m.  ^näher^,  siv-ikä  f. 
'^näherin'*,  sw-ana-m  n.  ^das  nähen',  stv-ani  f.  *^frenulum  prae- 
putii';  tonlos  in  den  (nicht  belegten)  sanskritischen  per- 
fectformen  dual,  si-shiv-athus^  si-shiv-atusy  plur.  si-shiv-ay  si- 
shiv-ur,  med.  si-shiv-e.  Neubildung  von  s^iu-  aus  durch 
tibertritt  in  die  analogie  von  e/^r-wurzeln:  sanskr. 
si-sAev-a  perf.  sing,  act.,  a-sev-it  aor.  sigmat.  Contami- 
nation  des  aoristpraesens  und  jodpraesens  (s.  19f. 
32.);  sanskr.  sw-yä-mi^  aus  *  sm-a-mi  (vergl.  shthiv-ä-mi) 
und  *su-yä-mr^  vielleicht  war  aus  letzterem  vorher  nach 
syü-tä-Sy  syu-man-  u.  s.  w.  wieder  neugebildetes  *  syu-yä-mi 
(vergl.  s.  19  f.)  geworden,  das  der  Umformung  nach  *slv-ä'mi 
näher  lag. 

dien-  *^schnellen\  Antesonantische  tiefstufen- 
form: nebentonig  in  sanskr.  ved.  div-e  dat.,  div-i  loc. 
sing,  von  div-  f.  'würfelspier,  sanskr.  ved.  prati-div-an-  m. 
"^gegner  im  spleiß  nachved.  Mie  sonne',  div-ana-m  n.  *^das 
spielen  mit  würfeln';  tonlos  in  sanskr.  de-div-itl  intens., 
sanskr.  div-äs,  div-i,  div-a,  div-e,  div-am  von  div-  m.  f. 
*^himmel,  tag,  helle',*  griech.  JXF-og,  z/r/-/,  JtF-a,  sanskr. 
div-asa-  m.  n.  "^himmel,  tag',  -prati-div-an-  m.  *^sonne'  u.  a. 
Neubildungen  nach  der  ej^-reihe:  sanskr.  di-dev-a, 
di-dev-itha  perf.  sing,  act.,  a-dev-it  aor.  sigmat.,  dev-ishyali 
fut.  sigmat.,  dev-itä  fut.  periphrast.,  dev-itvä  gerund.,  di-dev- 
-ishati  desider.  (vergl.  Petersb.  wörterb.  III  616.),  dev-a-te 
praes.  med.  'schleudert,  wirft,  würfelt'   (Petersb.  wörterb. 


—     319    — 

III  735  f.  unt.  dev-)j  dev-ana-m  n.  *^das  strahlen,  würfeln, 
spiel,  scherz^,  dev-ds  adj.  *^ himmlisch,  göttlich^  m.  *^gott^ 
=  avest.  daev-öy  altlat.  deiv-o-s^  lit.  dev-a-s]  der  ablauts- 
wechsel  konnte,  wie  das  letztere  beispiel  zeigt,  bereits  grund- 
sprachlich erfolgen.  Contamination  des  aoristprae- 
sens  und  jod-praesens  (s.  17 ff.):  sanskr.  div-yä-mi.  Das 
beispiel  der  doppelform  prati-div-an-  =  prati-dw-ari'  reiht 
sich  der  kategorie  AA  in  unserer  materialsammlung  (oben 
s.  194  ff.)  an.  Ved.  prati-div-n-e  dat.  sing.  rgv.  X  34,  6., 
nachved.  pi^ati-dw-n-as  abl.-gen.  sing,  (vergl.  Böhtlingk-Roth 

IV  955.  unt.  pratidivan-)  y  statt  zu  erwartender  * 'dyü-n-e^ 
*  -dyü-n-asy  sind  durch  analogie  der  starken  und  „  mittleren " 
casus  zu  erklären,  in  denen  dw-  vor  a,  a  bestand;  -dw-n-e 
trat  zu  -dw-än-aniy  'dw-a-bhis  nach  raj-h-e  neben  räj-än-am^ 
raj-a-bhis.  Ebenso  muss  abulg.  dm-  m.  'tag'  entstanden 
sein,  wenn  es  Leskien  archiv  f.  slav.  philol.  III  108  f.  richtig 
aus  *  dw-n-  erklärt.  Auch  sanskr.  ved.  dw-yd-s  adj. 'himm- 
lisch' vertritt  *dyu-yd-s  infolge  des  einflusses  der  meisten 
casus  des  stammnomens  mit  div-  vor  vocalen.  Im  sanskriti- 
schen desiderativ  steht  noch  neben  di-dev-ishatl  älteres  du- 
-dyü-shatij  vergl.  Petersb.  wörterb.  III  616.  Und  es  hat  im 
partic.  perf.  act.  das  nebeneinander  von  sanskr.  dudyüväms- 
und  didiväms-  (Böhtlingk-Roth  ebend.)  seinen  grund  in  der 
älteren  flexion:  stark  du-dyu-vdms'^  schwach  di-cRv-üsh-. 

ifia^'u-  'kauen';  vergl.  s.  21.  Antesonantische 
tief  stufenform:  nebentonig  in  lat.  ijin-ißv-a  f.  'zahn- 
fleisch';  tonlos  in  ahd.  chiw-a  ch'ew-a,  amhd.  chiw-Cy  mhd. 
k'ew-e  f.  'kiefer,  kinnbacken,  rächen,  halfter  am  maule  der 
tiere'  (==  got.  *kw-öj  indog.  (fiu-ä). 

7/2 /e 7^- 'schieben';  vergl.  s.  21  f.  Antesonantische 
tiefstufenform:  nebentonig  in  sanskr.  mtv-a-ti  aorist- 
praes.,  a-w2/ü-a-/2 'schiebt,  drängt,  drückt  auf,  öffnet',  ved. 


—     320     — 

ni-miv-a-ti  "^drängt  zu,  drückt  nieder',  jrra-mw-a-li  ""schiebt 
hin  ZU;  drängt,  bewegt';  'präü-mw-a-ii  ""schiebt  zurück,  drängt 
zurück,  drückt  zu,  schliesst  zu',  ved.  ä-mw-at-kä-s  adj.  "^an- 
dringend, drängend',  miv-ä  f.  "^einge  weide  wurm,  wind'  (als 
drängender'). 

w.ia''u-  ^anfetten,  anfeuchten,  besudeln';  vergl.  s.  22 f., 
Fick  Kuhns  zeitschr.  XX  366.  Antesonantische  tief- 
stufe nform:  nebentonig  in  sanskr.  mw-a-ti  ""ist  feist, 
ist  fett'  aoristpraes.,  unbelegt  (Petersb.  wörterb.  V  796.  unt. 
2.  mw-^^  mw-a-rä-s  adj.  "^leid  zufügend';  tonlos  in  griech. 
fu-a-Qo-g  adj.  ^befleckt,  besudelt,  verunreinigt,  unrein,  ver- 
rucht, frevelhaft',  ^l-aivto  "^beflecke,  besudele,  beschmutze, 
verunreinige,  entweihe',  aus  *u7ß-n-Q6-gj  * fuß-T^i-uo  ^  griech. 
* fxtF-ä  f.  ^besudelung',  loc,  sing.  * f,uF-ai  in  jniat-cpovo-g 
adj.  'in  besudelung  tödtend,  unter  befleckung  hinraordend', 
f,uaL-yafxla  f.  "^blutschande'  (bei  Suidas)  d.  i.  ableitung  aus 
*  liiLal-ya(.io-g  adj.  'ehe  in  befleckung  habend'  (vergl.  /iuaL- 
-cpovla  von  ^iai-cpovo-gY).    Vielleicht  steht  auch  in  griech. 


1)  In  beziehung  auf  den  formalen  Charakter  des  ersten  gliedes 
stellen  sich  also  die  composita  fiiai-^ovo-s,  fiiai-ya/iia  zu  %afiai-6vvri<i 
X,afxai-yevr]S^  Orjßai-yevrjS,  JJvXai'fitvrjs  nvXai-fiäxo-S  U.  a.  (Gust,  Meyer 
Curtius'  stud.  VI  384.  griech.  gramm.  §  349.  s.  297.).  Den  locativ  fand 
in  ftiai'  bereits  richtig  Rödiger  de  prior,  membror.  in  nomin.  Graec. 
compos.  conformat.  fin.  80  ff.,  nur  freilich  die  wahre  bedeutung  von 
/niai-fovo-s  preisgebend  denjenigen  des  zahlworts  fiia  'una'.  Die  son- 
stigen bisherigen  beurteilungen  des  /u.iac-y6vo~s ,  besonders  die  auf  ver- 
bale deutung  des  anfangsgliedes  ausgehenden  (Buttmann  griech.  sprachl. 
IP  463.,  Döderlein  homer.  gloss.  163 f.,  Clemm  de  compos.  Graec.  14. 
not.  38.  Curtius'  stud.  VII  50.,  Curtius  in  seinen  stud.  III  192.,  Gust. 
Meyer  ebend.  V  31.  VI  385.  VII  180 f.,  Fritsch  ebend.  VI  135.),  haben, 
von  allen  sonstigen  formalen  sqhwierigkeiten  .abgesehen,  schon  allein  an 
dem  „auffallenden  accent"  in  /uiai-fovo-s  ein  unüberwindliches  hindernis. 
Ist  -(povo-s  nomen  agentis  in  dem  tatpurusha  und  nicht  das  nomen 
actionis  (povo-s  'mord',  so  vergleichen  sich  in  accentuation  und  sonstiger 
bildungsweise  mit  fjLi,ai-(p6vo-s  am  besten  einerseits  nvlai-fiaxo-s  'am  tore 


—     321     — 

f^u-a-Qo-g  das  -a-  nicht  für  sonantischen  nasal,  sondern  die 
bildung  mit  secundärem  -rö-suffix  hat  gleichfalls  ihr  primi- 
kämpfend', anderseits  avS^o-cpovos  'männermordend'.  Sind  wir  bei  fitat- 
nicht  so  glücklich,  das  feminine  stammnomen  *  fiiß-a  'besudelung'  in  selb- 
ständigem gebrauche  irgendwo  aufzufinden,  so  sind  wir  dagegen  in  dieser 
günstigeren  läge  bei  raXai-  in  raXai-7i(OQ0-s ,  raXal-tp^iov ,  raXat-Tcad'rjSj 
raXai'-fiox^o-g,  TaXai'fis'vrjS:  raXai-  ist  locativ  YOn  *raX-a  f.  'standhaftes 
tragen,  dulden'  =  mhd.  dol-e  f.  'leiden',  ahd.  *dol-a  f.  'passio'  in  dola-lih 
adj.  'passibilis'  (Graff  althochd.  sprachsch.  V  135.),  sanskr.  tul-ä  f.  'wage' 
(als  'hebende,  tragende').  Jene  composita  mit  xaXai-,  bahuvrihis  der 
gattung  nach,  brauchen  nun  nicht  alle  das  enge  tor  der  strict  locati- 
vischen  auflösung  des  ersten  gliedes  zu  passieren;  ein  teil  derselben, 
ja  die  meisten  können  nachbildungen  nach  wenigen  alten  mustern  mit 
der  erstarrten  casusform  sein,  so  dass  z.  b.  nach  homer.  TaXai-fievrjs 
(IL  B  865.),  eigentlich  'im  dulden  mut  habend'  aber  als  'standhaften 
mutes  seiend'  aufgefasst,  raXaC-cpQOJv  'duldesinn'  gebildet  sein  mag.  Im 
gegensatz  zu  dem  casuellen  raXat-  halte  ich  für  den  reinen  (schwach- 
formigen)  stamm  desselben  feminins  *raXä  das  ra)M-  in  raXa-e^yo-s, 
jaXa-xd^Sio-s,  raXa-Tiad'rjS,  raXa-nei^io-s,  raXa-Ttsv&rjs,  xaXa-vQivoSy  raXa- 
-^Qcov,  die  ebenfalls  als  bahuvrihis  zu  deuten  sind  {raXa-e^yo-s  z.  b,  'ar- 
beiten zum  dulden  habend'),  wegen  des  altertümlichen  Charakters  des 
„compositionsvocales"  aber  mit  homer.  '^Xxo^-S'oo-s  u.  dergl.  (verf.  mor- 
phol.  unters.  I  270.  anm.)  zusammengehören;  raXa-6-s  adj.  'duldsam'  Ari- 
stoph.  av.  687.  ist  eine  ableitung  mit  -j^o-,  raXa-qo-s  m.  'tragkorb',  eigent- 
lich adj.  'mit  einer  trage  (Vorrichtung  zum  tragen)  versehen',  eine  solche 
mit  secundärem  -qo-  (vergl.  s.  154.)  aus  demselben  ^raX-ä  f.  Erst  dor. 
rXä-d'v/uo-Sj  homer,  TXrj-noXsfiu-e  =  dor.  T/m-tioXsjuo-s,  rX'q-nad'rjs  können 
für  verbale  Schöpfungen  von  e-rXä-v  aus  gehalten  werden.  rXai-nad'rjS 
bei  Hesych  ist  entweder  eine  mischbildung  aus  raXai-nad'ijs  und  rXrj- 
-Ttad-i^e,  oder  wir  haben,  was  mir  wahrscheinlicher  ist,  in  der  doppel- 
form des  locativs  raX-ai-  und  rX-ai-  das  alte  Verhältnis  von  raX-äg  und 
!l^-TA-äs  noXv-rX-ag,  ßaX-rjvai  und  ßX-rjvat,  boeot.  ßav-a  und  griech.  *fiv-ä 
in  fivä-ofiai  und  dergleichen  mehr  (morphol.  unters.  II  14  ff.  anm.  oben 
s.  210  f.).  Indem  ferner  neben  (iiat-fovo-s  und  ^ fiiai-yaiio-g  (so  betont, 
wenn  bahuvrihicompositum  'ehe  in  beüeckung  habend',  sonst  *  ^uai-ya- 
fio-g)  das  denominative  verbum  fiiaivai  bestand,  lag  hier  der  Ursprung 
der  verbalen  composita  l^Xd'ai-juevTjs  von  dX&aivcjj  /ua^ai-novg  von  fta- 
^alvco,  %aXaL-novg  (Nicander  ther.  458.),  xaXai-Qvito-i  oder  %aXai-^no-v 
von  xaXaivco  (Hesiod.  scut.  Herc.  308.).  Denn  diese  allgemeine  bemer- 
kung  Clemms  Curtius'  stud.  VII  50.  kann  man  wol  unterschreiben:  „Bei 

Ostlioff  u.  Brugman  untersuch.  IV.  21 


—     322     — 

tives  nomen  in  dem  feminin  *  (nTß-a  'besudelung\  Bei  der 
Voraussetzung  eines  indog.  ml u-n-rö-  müsste  auch  sanskr. 
mw-a-rä-s  ==  griech.  fM-a-Qo-g  in  die  kategorie  AA.  unserer 
materialsammlung  (oben  s.  194  ff.)  eingereiht  werden. 

liei-  V^lblich  sein,  blassgelb  sein\  Antesonan- 
tische  tiefstufenform:  nebentonig  in  griech.  XTß- 
'^löwe'*,  lat.  liv-or  m.y  iTv-e-re,  hv-escere,  llv-i'du-sj  tonlos  in 
griech.  I7ß-  ""löwe',  abulg.  l^v-ü  *'löwe\  Vergl.  s.  221  f.  Lit. 
Im-ta-s  ''löwe'  zeigt  die  nebentonige  anteconsonantische  tief- 
stufenform. In  lat.  lü-tu-m  n.  ^färbekraut,  gilbkraut,  gelbe 
farbe^,  lü-t-eu-s  adj.  *^gelblich,  goldgelb',  lü-r-or  m.  Pfahle 
färbe,  leichenblässe',  lü-r-idu-s  adj.  ^ blassgelb,  mattgelb, 
fahr  wird  das  /-  aus  //-  lautgesetzlich  reduciert  sein,  wo- 
fern nicht  ein  verlorenes  jod- praesens  auch  hier  für  den 
ausfall  des  i  aus  der  ursprünglich  anlautenden  consonanten- 
gruppe  verantwortlich  zu  machen  sein  dürfte. 

Die  gestaltung  der  tiefstufenform  bei  dieser  art  wurzeln 
ist  aber  mit  dem  gesagten  noch  nicht  völlig  aufgeklärt.  In 
diesen  formen  z.  b.  zeigt  sich  doch  auch  -iuu-  vor  folgen- 
den sonanten  statt  -«?{-:  lit.  siuv-oüj  lett.  schuw-u  aor.  *^ich 
nähte"*  (über  das  praesens  lit.  siuv-ü  als  eine  neuerung  für 
*.nu-jü  =  lett.  schit-ju  sieh  weiter  unten),  lett.  schüw-eja  f. 
'^näherin^   abulg.  siv-enü  partic.  *^genäht\  sw-ü  m.  ^sutura', 

allen  diesen  bildungen  ist  festzuhalten,  dass  die  spräche,  nachdem 
einmal  die  prototype  verbaler  Zusammensetzung  geschaffen 
waren  [das  wie  ?  eben  hat  Clemm  nicht  gezeigt]  und  als  solche  lebendig 
gefühlt  wurden,  nun  noch  weiter  ging  und  selbst  von  abgeleiteten  verbis 
den  vermeintlichen  stamm,  d.h.  das  für  äuge  und  ohr  in  der  prae- 
sensbildung  bleibende  (also  hier  taXai-  [?],  y^aXai-  u.  s.  w.)  zur  compo- 
sition  verwandte".  Aber  die  verba  ^fiiaico,  ^raXaCco,  *aXd-aico,  *fiaQaio) 
sind  lauter  haltlose  fictionen,  mit  denen  Curtius  in  seinen  stud.  III  192. 
verb.  d.  griech.  spr.  I^  340.  und  Clemm  a.  a.  o.  operieren,  und  selbst  für 
xaXaico^  das  „ja  wirklich  vorliegen",  „sich  neben  xaläoi  und  '/^a'kat.io 
linden"  soll,  hätten  sie  uns  doch  ihre  quelle  nennen  mögen. 


—     323     — 

sw-ict  m.  *^sutor^  aus  *  sjiiv-enu  w..  s.w.;  sanskr.  ved.  dyuv-e 
dat.  sing.,  dyüv-am  acc.  sing,  atharvav.  VII  50,  9.  109,  5. 
von  div'  f.  Vürfelspier  (Petersb.  wörterb.  III  661.);  abulg. 
;5U'-a  aoristpraes.  *^ich  kaue'  aus  "^ zjUv-a^,  ags.  ceov-an,  abd. 
khiw-an  chmw-an  ^  mbd.  kmw-en  aoristpraes.  'käuen"*  (das 
praesentisebe  iu  bat  den  ablaut  ags.  ceav  ^  cuvon^  abd.  hou 
choUj  chuun^  ge-cuwan  naeb  sieb  gezogen  statt  eines  laut- 
gesetzlicben  got.  *kjnu  perf.  sing.,  * ki{v)-un  3.  plur.,  *kw- 
-an-s  partic);  abulg.  riv-a,  cecb.  rv-u  aoristpraes. 'icb  brülle' 
aus  urslav.  *rjuv-a^  (neben  dem  s.  21.  genannten  „imperfect- 
praesens"  abulg.  rev-a,  neubulg.  rev-üy  serb.  rev-em^  slov. 
rjov-em^  cecb.  rev-u  für  urslav.  *rjev-a  aus  *rjov-aJ.  Vergl. 
Job.  Scbmidt  Kubns  zeitscbr.  XXIII  348  f.  Es  existierte  ein 
bereits  grundspracblicbes  lautgesetz,  nacb  welcbem  unter  be- 
stimmten bedingungen  innerbalb  des  Satzgefüges  neben  den 
doppelformen  siu-dno-s  und  siu-öno-s  für  das  -ono- 
(-ewö-)particip  sieb  ein  siuij-öno-Sj  neben  stu-6  und  s^u-ö, 
g^iu-o  und  g^tJi-o  für  das  aoristpraesens  sieb  ein  siuu-ü, 
gHuu-Oy  neben  dtii-äi  und  dtu-äi  für  den  dativ  sing,  sieb 
ein  diu u- dl  entwickelt  batte ;  und  zwar  diese  simi-öjio-s, 
sluu-Oy  g^iuii'6^  diuii-äi  als  die  jüngsten  der  drillings- 
formen  und  eine  der  beiden  scbwesterbildungen  zur  gene- 
tiscben  Voraussetzung  babend.  Docb  kann  bierauf  erst  an 
späterer  stelle  (in  morpbol.  unters.  V.)  näber  eingegangen 
werden,  wo  sieb  dann  aucb  zeigen  wird,  dass  Job.  Scbmidts 
erklärung  des  abulg.  ptiv-ati  'spuere'  aus  *pljüv-ati  (a.  a.  o.) 
vor  der  vorbin  s.  317.  gegebenen  zurtickzusteben  hat.  Einst- 
weilen bat  sich  unsere  Untersuchung  wieder  anderen  zielen 
zuzuwenden. 

Unter  unserem  beweismaterial  s.  1-^276.  findet  der  dar- 
nach suchende  leser  auch  genügend  viele  beispiele,  welche 

21* 


—     324     — 

dartun,  dass  indog.  0/  demselben  process  des  herabsinkens 
zu  tiefstufigem  i  und  i  unterliegt  wie  mittelstufiges  indog.  eL 
Ich  habe  die  fälle,  die  ich  keineswegs  alle  als  gleich  sicher 
ausgeben  will,  immer  als  solche  zu  markieren  gesucht.  Doch 
sei  es  mir  wegen  der  Wichtigkeit  der  frage  gestattet,  auf 
mehrere  derselben  hier  zurückzukommen  und  im  zusammen- 
hange damit  anderes  gleichgeartetes  vorzubringen. 

Vor  vielen  anderen  lehrreich  ist  die  wurzel  aidk-  "^flam- 
men, flammend  hell  sein\  von  der  das  griechische  praesens 
at^-w.  Wir  lernten  s.  149.  von  ihr  mit  dem  dualismus  des 
%  und  t  die  adjectivische  -rö-(-lö-)hMuiig  ~idh-r6- iidh-lö-) 
kennen,  s.  193  f.  mit  indog.  t  das  -ew-adjectiv  tdk-en-^ 
worauf  lat.  td-üs  beruht.  Die  schwächste  oder  tonlose  tief- 
stufe mit  i  bieten  viele  sanskritformen  dar,  wie  z.  b.  ved. 
idh-änä-  partic.  med.  ^angezündet,  entflammt^,  idh-yä-te  praes. 
pass.  *^wird  angezündet,  flammt',  idh-mä-  m.  n.  "^brennholz^ 
iddhä-s  partic.  adj.  "^entzündet,  rein,  lauter\  Von  letzterem 
particip  haben  wir  die  femininform  auch  im  germanischen 
als  ahd.  essa  f.  ^esse'  =  indog.  idh-th\  vergl.  Schleicher 
Kuhns  zeitschr.  XI  52.,  Pott  wurzel- wörterb.  IV  764.,  Kögel 
Paul -Braunes  beitr.  VII  176.  Wenn  auf  das  einmalige  ahd. 
eissa  'sufflatorium'  bei  Graff  althochd.  sprachsch.  I  481.  aus 
einem  codex  des  11 — 12.  Jahrhunderts  gewicht  zu  legen  ist, 
so  repraesentiert  es  die  wurzelstarke  paradigmenform  des 
nomens,  die  nur  das  ss  statt  st  durch  ausgleichung  bekom- 
men hat;  urgerm.  aissU  aus  *äistJl  :  issä-j  wie  ähnlich 
Zlaiso-  ""bernstein'  aus  *^läisto-  :  *^lisö-.  Vergl. 
s.  93  ff.  145. 

Auch  für  abulg.  cis-tüj  lit.  skys-ta-s  =  lat.  scissu-Sy  ahd. 
scessOj  griech.  oxio-ro-g  vermute  ich  herkunft  von  einer  ai- 
wurzel  indog.  sk'^aU--^  vergl.  oben  s.  81  f.  95.  Das  von 
Kluge  german.  conjug.   75.  77  f.  und  Kögel  üb.  d.   keron. 


—     325     — 

gloss.  114.  nachgewiesene  urgerm.  skaipan  hindert  nicht 
die  alte  vergleichung  mit  sanskr.  chid-,  chinäd-mi  'spalte', 
chid-rd-  adj.  "durchlöchert",  n.  'spalt,  loch',  avest.  scid-^ 
scind-ayeüi  ""spaltet,  sprengt,  zerbricht',  lat.  scid-^  scind-ere^ 
griech.  oxtd-,  oxl^coy  oxLö-eg,  lit.  sk'ed-,  sk'edziu  *" verdünne', 
sked-a  f/holzspan',  sked-j^ä  f/span',  lett.  skdid-a  f/holzspan', 
skaid-r-s  adj.  'hell,  klar,  deutlich,  durchsichtig,  undicht,  rein, 
redlich,  nüchtern'.  Es  muss  lautgesetzlich  mit  der  nasalen 
praesensstammbildung  zusammenhängen,  dass  wir  häufiger 
bei  der  existenz  einer  solchen  indogermanisches  schwan- 
ken des  Wurzelauslauts  zwischen  tenuis  und  media  wahr- 
nehmen. Den  bereits  von  Zimmer  nominalsuff.  a  und  ä  288  f. 
namhaft  gemachten  fällen  füge  ich  hier  eine  anzahl  weiterer 
hinzu.  Sanskr.  nid-  nind-a-ti  'verspottet,  schmäht,  ver- 
achtet, schilt,  tadelt,  schimpft  auf',  ved.  nid-  f.  'spott, 
Schmähung,  Verachtung',  griech.  o-vetö-og  n.  'schmähung, 
schimpf',  6-v€td-lUü  'schmähe',  lett.  nid-u  aor.  'hasste,  nei- 
dete', nid-et  infin.,  ndid-Sj  i-ndid-s  m.  'hass,  feindschaft', 
naid-ig-s  adj.  ^feindselig',  got.  ga-nait-jan  ahd.  neizen  'schmä- 
hen, lästern',  got.  nait-ein-s  f.  'lästerung',  schwed.  nit  n. 
'z61e,  ferveur,  ardeur,  affection'  neben  gael.  naith-eas  'härm, 
injury,  mischief ',  got.  neip  n.  ^(pd-ovog^  anord.  n{6  n.  'contu- 
mely',  ags.  wzö,  alts.  nith  nidh^  ahd.  nith  nid  m.  'anstrengung, 
eifer,  feindseliger  eifer,  hass,  groll,  neid',  anord.  nilS-a  'ver- 
höhnen', ahd.  nid-any  mhd.  nid-en  'hassen,  neiden,  eifersüch- 
tig sein';  vergl.  Pott  wurzel-wörterb.  IV  853  f.  Griech.  ^^/-, 
l^ily-vv-fzcj  e-f^ly-rjVj  (xiy-ci{ö-)gy  f^ly-a  neben  sanskr.  mip- 
-rd-Sj  ved.  ni-mi^-la-Sj  sdm-mic-la-Sy  lit.  su-misz-tü,  su-misz-aüj 
su-misz'ti  'sich  schnell  durch  einander  mengen,  verwirren', 
lat.  mic-üre  'sich  zuckend  und  zitternd  hin  und  her  bewegen, 
zucken,  zittern,  zappeln,  (die  finger  u.  dergl.)  schnellen  {digitis 
micüre)j   funkeln,   strahlen,   schimmern,   blinken,   blitzen', 


—     326     — 

di-mic-Ure  ""herumfecliteii,  sich  herumschlagen,  kämpfen,  rin- 
gen'*). Sanskr. /?2wy- ^pingere"*  (unbelegt,  dhätupätha),  pin- 
j-dya-ti  "^ tritt  zu  nahe',  pifij-ä  f.  *^das  wehetun,  verletzen', 
lat.  piny-ö  *^sticke'  und  pig-et  *^es  sticht,  widert  an'  neben 
sanskr.  pif-j  pimg-d-ti  ^schneidet  aus,  schmückt,  gestaltet, 
bildet',  pe(^-as  n.  ^gestalt,  gebilde,  schmuck',  pic-una-s  adj. 
^böse  gesinnt,  verräterisch',  griech.  7cr/,-Q6-g  ""scharf,  bitter', 
7toiY,-LXo-g  *^bunt',  got.  filu-faih-s  " 7toXvTCoUiXo(i  ^  ahd.  feh 
Variegatus' ,  abulg.  pts-ati  "^schreiben' .  Sanskr.  hhuj-d-ti  'biegt' , 
nir-bhuj-ya-te  *" drückt  sich  bei  seite,  entwischt',  bhüj-a-s  m. 
*^arm',  ^ÄMy-a- *^krümmung,  biegung',  bhog-d-s  m.Vindung,  ring 
(einer  schlänge)',  ^Awy-yz/-A' adj. 'biegsam,  geschmeidig',  avest. 
bunj-a-i7iti  ''sie  verscheuchen',  büj-a-t  aor.  'tat  weg,  legte 
ab',  büj-ö  m. 'das  wegtun,  ablegen,  reinigung',  griech.  f/)€?;/-w, 
B-q)vy-o-Vj  (pvyy-ävio  (Aeschyl.  Prom.  513.,  Sophocl.  El. 
132.),  lesb.  7C€-cpvyy-a)Vj  (pvy-r],  cpv^a^  Isit  fug-idj  fug-a^ 
anord.  bük-r^  ags.  büc,  aniederd.  mitteld.  bük^  ahd.  mhd. 
bück  m.  'bauch',  lit.  büg-au  'ich  wurde  scheu,  erschrak', 
baug-u-s  adj.  'furchtsam,  furchtbar'  neben  griech.  cpvz-og  n., 
(pvK-Lo-v  n.  'meertang,  seegras'  (als  'biegsames,  zurückwei- 
chendes gewächs'),    ags.  bü^-an  'se  flectere',  got.  biug-an 


1)  Die  wurzelverwantschaft  des  lat.  mic-äre  mit  miscere  (aus  *mic- 
-scere)  steht  mir  durch  folgende  erwägungen  fest.  Die  einzelnen  auf- 
einanderfolgenden phasen  der  schnellen  oder  schnellenden  bewegung  ver- 
mischen sich,  gehen  für  den  beobachter  ununterscheidbar  in  einander 
über.  Ähnliche  bedeutungsentwickelung  zeigt  dieselbe  wurzel  meik^- 
'mischen^  in  lit.  su-misz-ti  'sich  schnell  durch  einander  mengen',  sumiszai 
llkti  'verworren  fliegen',  sumiszusios  eiles  'verworrene  reihen';  vergl. 
Kurschat  deutsch.- litt,  wörterb.  II  316b.  unt.  verwirren.  Lat.  dimicäre 
proeliö  ist  eigentlich  'im  kämpf  sich  zermischen,  auseinanderwirren';  es 
rückt  also  seinen  synonymen  proelia  miscere  (Vergilius),  certämina  mi- 
scere (Livius),  manüs  miscere  (Propertius),  sowie  im  griechischen  Homers 
fiiyrifiBvai,  ev  Sat  ^vy^fj  (II.  N  286.) ,  fityrjvai  ev  daC  XevyaXe'rj  (II.  ^  386.), 
fiiyrjfievai  iv  7taM/u,r}<Tiv  (IL  0  469.)  auch  etymologisch  sehr  nahe. 


—     327     — 

^•Accf^TtreLv^j  m-baug-jan  "^auskehren ,  ausfegen^  anord.  bog-i^ 
ags.  bo^-üj  alts.  ahd.  bog-o^  mhd.  bog-e  m.  "^  bogen,  biegung^ 
sämtlich  mit  germ.  z  =  indog.  k^  nach  Verners  gesetz  (in 
got.  biugtty  ahd.  biogaUj  mhd.  nhd.  biegeji  durch  formtiber- 
tragung,  indem  german.  büga?i  wie  lükan  in  mehreren  dia- 
lekten  den  ablaut  ü  :  au  :  ü  in  den  häufigeren  eu  :  au  :  u  än- 
derte); vergl.  s.  10  f.  177  f.  Sanskr.  miij-^  möj-a-ii  und 
münj-a-ti  'gibt  einen  bestimmten  ton  von  sich'  (unbelegt), 
griech.  i^iv'Qio  ""stosse  einen  laut  aus,  stöhne,,  seufze',  lat. 
müg-iö  "^brülle,  krache,  ertöne',  lat.  mung-öy  e-mung-ö 
*^schneuze  aus',  mug-il  "^schneuzfisch'  neben  sanskr.  muc-, 
munc-d-ti  'lässt  los,  gibt  von  sich',  griech.  (.wx-aoinaty 
fX€-(xvA-a'hriXlWf  e-fiVÄ-o-v  aor.,  ccTto-fwooto  *^schneuze  aus', 
fiv'/,-o-g  m.  "^schleim,  rotz',  lat.  müc-u-s  m.  *^rotz',  lett.  mük-u 
'^streife  mich  ab,  fliehe'  wahrscheinlich  aus  "^munk-u  (Bielen- 
stein  lett.  spr.  §  260.  I.  s.  354.) ;  vergl.  Bechtel  bezeichn.  d. 
sinnl.  wahrnehm.  80 f.,  oben  s.  68 f.  Fröhde  Bezzenbergers 
beitr.  I  251  f.  wird  sich  also  irren,  wenn  er  des  wurzelaus- 
lautes  wegen  got.  biug-an  von  sanskr.  bhvj-ä-ti  trennen  und 
mit  griech.  /cTvy-  f.  "^ falte',  TtTvooco  '^ich  falte'  combinieren 
zu  müssen  glaubt ;  bei  der  annähme,  dass  das  germanische  ^ 
von  indogermanischer  tenuis  herstamme,  ist  die  vergleichung 
des  deutschen  biegen  mit  sanskr.  bhujätij  griech.  cpevyaj  u.  s.  w. 
unanstössig,  weil  sich  dieser  fall,  wie  wir  sehen,  in  einen 
grösseren  kreis  gleichartiger  erscheinungen  einreiht. 

Derartig  ist  nun,  meine  ich,  auch  unser  indog.  sk^'td- 
*^scheiden'  neben  sk^it-.  Die  nasalierte  praesensbildung 
haben  wir  germanisch  in  ahd.  scindan  scintan  "^schinden,  spal- 
ten', das  vom  praesens  aus  dem  ablaut  der  ew^- wurzeln 
(got.  bindan  :  band)  folgte.  Die  d-form  aber  lebt  meiner  an- 
sieht nach  auch  im  germanischen :  in  anord.  s^kita^  ags.  scitan, 
ahd.  setz  an  'scheissen',  das  nach  Miklosich  lex.  Palaeoslov. 


—     328     — 

1107  a.  und  Job.  Schmidt  indog.  vocal.  II  472.  zu  abulg.  cediti 
'^seihen''  gehörig  eigentlich  ''abspalten,  absonderung  {exci'e- 
mentum)  machen'  ausdrückt.  Das  gleichzeitige  Vorhanden- 
sein der  auf  media  und  der  auf  die  tenuis  ausgehenden  wurzel- 
form hat  im  germanischen  selbst  seine  analoga  an  got.  taik-n-s 
neben  teihan ,  ags.  fdc  alts.  fac  ahd.  fah  neben  got.  fähan 
u.  a.  bei  Zimmer  a.  a.  o.,  an  deutschem  bauch  neben  biegen. 
Ebenso  kennt  das  litauische  neben  häufigerer  d-ioxm  in  sked-^ 
sk'edziu  u.  s.  w.  das  skaü-  in  skait-yti  *^zählen\  skalt-liu-s 
m.  *^zahr*). 

Von  unserer  wurzel  braucht  man  ferner  auch  das  schon 
immer  von  Leo  Meyer,  Schweizer-Sidler,  Corssen,  Pott,  Cur- 


1)  Zimmers  erklärung  a.  a.  o.,  „dass  schon  vor  dem  eintritt  der 
ersten  lautverschiebung  der  nasal  facultativ  auf  den  begleitenden  ton- 
losen explosivlaut  gewirkt  hatte,  d.  h.  ihn  in  einen  tönenden  assimilierte**, 
wird  in  ihrem  kerne  richtig  sein.  "Wir  haben  aber  die  erweichung  der 
verschlussfortis  zur  verschlusslenis  durch  den  nasal  für  einen  bereits 
indogermanischen  lautvorgang  zu  halten,  und  das  „facultative"  entfernen 
wir  durch  die  annähme,  dass  frühzeitige  ausgleichungen  in  verschiedener 
richtung  zwischen  der  gestalt  der  wurzel  im  praesensstamme  und  ausser- 
halb desselben  stattgefunden  haben ,  so  dass  also  griech.  fiiy-vv-fii : 
*s-fiix-T]v,  Ttrjy-vv-fii :  *i-7cax~r]v  als  der  ältere  zustand  vorausgesetzt  wer- 
den könnte,  bei  der  wurzel  deik^-  aber  *8iy'vv-fii  (vergl.  Sely-/ua,  Se- 
-8siy-/iai,  lat.  dig-nu-s  oben  s.  207.) .'  Six-rj.  Sodann. dürfte  eine  schranke 
für  das  grundsprachliche  lautgesetz  die  gewesen  sein,  dass  der  nasal  nur 
bei  vorhergehender  unbetonter  (nicht  haupttoniger)  silbe  die  fortis  er- 
weichen konnte.  Daher  entgingen  fälle  wie  indog.  suep-no-s  'schlaf 
=  sanskr.  sväpna-s  anord.  svefn  der  erweichung  des  wurzelauslautes 
und  griech.  vn-vo-s  als  repraesentant  einer  suffixbetonten  Stammform 
(verf.  morphol.  unters.  II  1 1  f.)  müsste,  wie  den  accent  auf  vn-,  so  das  n 
von  der  wurzelbetonten  seitenform  im  paradigma  empfangen  haben;  indog. 
sue'p-no-  :  sub-nö-  (=  griech.  '^v/u.-vo-)  war  das  ursprüngliche  Ver- 
hältnis. Sicherer  jedoch  wird  sich  über  die  in  rede  stehende  lauterschei- 
nung  erst  dann  urteilen  lassen,  wenn  das  gesetz  über  das  vielfache  hin- 
überdringen des  nasals  aus  dem  praesenssuffix  in  die  Wurzelsilbe  (vergl. 
oben  s.  314.)  ermittelt  sein  wird. 


.—     329     — 

tius,  Fick  u.  a.  (vergl.  Curtius  grundz.^  247.)  dazu  gehaltene 
lat.  caed-ere  *^ hauen,  aushauen,  aushöhlen,  ausschneiden,  aus- 
brechen^ nicht  zu  trennen.  Hoffentlich  kommen  wir  bald 
dem  indogermanischen  anlautsgesetz  oder  gesetz  des  „  äusse- 
ren sandhi "  (denn  derartiges  muss  es  wol  sein)  auf  den  grund, 
nach  welchem  in  der  grundsprache  gelegentlich  s-  vor  fol- 
gendem explosivlaute  verstummte,  so  dass  die  doppelwurzeln 
wie  sk^er-  und  k^er-  "^scheren,  schneiden'',  sk^a^'u-  und 
k^a^'u-  ^bedecken^  (in  indog.  k^ü-t ei-  ^haut^),  spek^-  und 
/?eA:*- *^spähen^,  steg^-  und  teg^-  *^decken^,  staud-  und 
taud-  *^stossen^,  unser  sk^ait-  sk^aid^  und  (k'^ait-) 
k^aid-  "^scheiden,  spalten^  u.  a.  mehr  in  die  einzelsprachen 
übergingen  *). 


1)  Bei  rayos  reyr]  neben  areyos  Greyrj  ars'yco^  xiSvatai  neben  axiS- 
vaxai  u.  dergl.  denkt  Gust.  Meyer  griech.  gramm.  §  252.  s.  223.  an  ab- 
fall  des  o-  „auf  griechischem  boden",  Delbrück  einleit  in  d.  sprachstud. 
115.  anm.  gar  an  „entlehnung",  während  Curtius  grundz.^  429.  hier  die 
„besonders  klaren"  fälle  seiner  willkürlichen  und  gesetzlosen  lautwande- 
lung  vor  sich  zu  haben  glaubte.  Fasst  man  die  gesamtheit  aller  der- 
artiger beispiele  aus  den  indogermanischen  sprachen  ins  äuge,  so  wird 
man  sich  der  einsieht  nicht  verschliessen  können:  damit  man  nicht  so 
und  so  oft  der  mislichen  läge  ausgesetzt  sei,  nach  nicht  weiter  zu  er- 
weisenden seltsamen  Vorgängen  in  der  einzelsprache  auszuschauen,  wie 
z.  b.  bei  sanskr.  ved.  spä(^-  m.  "späher',  spash-ta-s  partic.  (==  lat.  spec- 
-iu-s),  a-spash-ta  aor.  med.,  pa-spa(}-e  perf.  med.  neben  päg-ya-ti  praes., 
sind  indogermanische  doppelformen  mit  und  ohne  s-  unbedingt,  an- 
zuerkennen. Nun  machte  mich  vor  kurzem  Sievers  mit  rücksicht  auf 
das,  was  ich  Paul-Braunes  beitr.  VIII  150.  über  das  ordinale  ahd.  sehsto 
bemerkte,  brieflich  darauf  aufmerksam,  „dass  die  germ.  form  *sehtd  ist, 
altn.  sc'itij  ahd.  selten  (meist  von  den  herausgebern  corrigiert)  sehto 
==  gr.  ^xTos";  vergl.  sehta  aus  Tatian,  sehtin,  sehtun  aus  Keros  inter- 
linearversion  der  Benedictinerregel  bei  Graff  althochd.  sprachsch.  VI  153., 
über  mhd.  alem.  sehte  Weinhold  alemann,  gramm.  §  326.  s.  309.  mittel- 
hochd.  gramm.  §  321.  s.  297.  Da  sich  die  ausdrängung  des  s  aus  der 
lautgruppe  hst  durch  kein  germanisches  lautgesetz  erklärt  —  besonders 
so  durch  alle  dialekte  hindurchgehende  Wörter  wie  got.  maihstus^  isländ. 


—     330     — . 

Auf  grund  des  lat.  caed-öj  got.  skaid-a  nun,  einer  prae- 
sensbildung  wie  aXd-o)  (vergl.  s.  95.),  glaube  ich  allen  den- 
jenigen formen  dieser  wurzel  mit  i,  deren  i  sich  nicht  wie 
in  den  lateinischen  compositen  con-^  ex-^  in-,  oc-,  re-ciderc 
u.  a.,  parri-,  mMri-,  lapi-cida  durch  ein  einzelsprach- 
liches lautgesetz  als  umwandelung  von  ai  oder  sonstwie 
erklären  lässt,  indog.  i  zuschreiben  zu  müssen.  Ausser  abulg. 
cis-tüy  lit.  skys-ta-s  sind  das  besonders  germanische  Wörter: 
anord.  ski^,  ahd.  seit,  mhd.  schit  n.  *^ holzstück,  scheit'; 
mhd.  mitteld.  schiten  ''spalten',  starkes  und  schwaches  verb; 
mhd.  sckiden  ''scheiden,  trennen',  starkes  verb;  mhd.  ge- 
-schide  adj.  '^gescheit,  schlau',  ge-scMde  f.  *^gescheitheit,  ge- 
wandtheit';  endlich  von  der  ^-form  das  schon  genannte  anord. 
skita,  ags.  scitarij  ahd.  scizan  nebst  dem  nomen  anord.  skit-r  m., 
mhd.  schize  f.  ''sordes  ventris,  durchfall'.  Schwächste  tief- 
stufenform  mit  t  haben,  ausser  den  schon  Paul  in  seinen 


mistrj  ags.  mist  meox  mix,  ahd.  mhd.  neuniederl.  neuniederd.  mist  be- 
weisen das  — ,  so  scheint  schon  für  die  grundsprache  der  aus  dem  sanskrit 
und  griechischen  bekannte  lautwandel,  dass  s  zwischen  explosivlauten 
verklang,  in  anspruch  genommen  werden  zu  müssen.  Dann  muss  lat. 
sextus  statt  *secius  eine  neubildung  von  dem  cardinale  aus  sein  wie 
got.  saihsta,  &ga.  sixta,  ^fries^  sexta,  alts.  ahd.  sehsto;  in  sanskr.  shash- 
thds,  shathtis,  avest.  ksUtvö,  kshvasHtim,  abulg.  sesfi,  sestyj,  lit.  szesz- 
tas,  lett.  sests  dagegen  ist  der  innere  Zischlaut  normaler  Vertreter  des 
palatals  ä:^  vergl.  Joh.  Schmidt  Kuhns  zeitschr.  XXV  121.  anm.  Hierauf 
gestützt  möchte  ich  die  Vermutung  wagen,  jene  anlautsgruppen  sk^-,  sk^-, 
st-,  sp-  seien  ihres  s-  beraubt  worden  in  der  satzstellung  nach  unmittel- 
bar vorhergehendem  explosivlaute.  Also  indogermanisch  bereits  würde 
sich  ud  pek^iö  (phonetisch  genauer  wol  ut  pek^iö)  =  sanskr.  ut- 
-pagyämi  'ich  schaue  empor'  aus  *ud  spek^iö  neben  pert  spek^iö 
==  avest.  parri  spasyämi  lat.  per-spiciö  entwickelt  haben  und  sanskr. 
pari-pa(^yämi  wäre  neuschöpfung  nach  ut-pa^yämi,  tat  pagyämi  u.  dergl. 
Die  herausbildung  des  asigmatischen  nominativs  neben  und  aus  dem  sig- 
matischen,  'vn^og.nepöt  k^e  zur  seite  von  nepöts  esti  (vergl.  s.  171  f. 
anm.),  fiele  ja  eigentlich  unter  dieselbe  alte  lautregel. 


—     331     — 

beitr.  VI  123.  richtig  verstandenen  ahd.  scidon^  scidunga,  noch 
mhd.  schitj  gen.  schides  m.  "^Scheidung,  Unterscheidung',  mhd. 
schilere  adj.  *^dünn,  lückenhaft,  nicht  dicht\ 

Hiernach  kann  germ.  skiiö  *^scheisse'  nur  als  aorist- 
praesens  =  indog.  sk^ido  verstanden  werden.  War  auch 
mhd.  sohlte j  schUe  ein  solches  =  indog.  sk^ltS,  so  muss 
die  erstere  form  sohlten  im  praesens  die  ursprünglichere  sein, 
das  d  der  anderen  aus  dem  perf.  sing,  stammen.  Doch 
können  in  sohlten  und  schiden  auch  von  hause  aus  denomi- 
native,  erst  später  stark  flectierte  verba  enthalten  sein ;  vergl. 
0.  Schade  altd.  wörterb.^  791b.  799  a.  Es  ist  drittens  auch 
noch  die  auffassung  möglich:  in  sohiden^  sohlten  kann  ein 
jod-praesens  urgerm.  skipiiö  stecken,  das  zu  griech.  "^oxi- 
öuo  Gxl^cü  sich  verhalten  würde  wie  griech.  töIco  zu  sanskr. 
svidi/ämi,  ahd.  swizzu  (s.  o.  s.  33.);  dann  wäre  wiederum  die 
form  sohiden  im  praesens  die  ältere  wegen  der  vielleicht 
schon  alten  Wurzelbetonung  der  jod-classe  (vergl.  /  in  got. 
haf-ja  und  Kluge  german.  conjug.  128.),  t  in  sohlten  aus  dem 
perf.  plur.  und  particip.  praet.  übertragen ;  ausserdem  begriffe 
sich  gut  die  von  Schade  aa.  aa.  oo.  hervorgehobene  früh- 
zeitige schwache  conjugation  dieser  verba. 

Das  i  aller  dieser  Wörter  unterstützt  also  in  keiner  weise 
einen  so  gekünstelten  etymologischen  und  morphologischen 
versuch  mit  germ.  skaipan,  wie  ihn  Möller  Kölbings  engl, 
stud.  III 156  f.  Paul-Braunes  beitr.  VII  532.  anm.  macht.  Es  ist 
meiner  Überzeugung  nach  (vergl.  auch  Brugman  Bezzenbergers 
beitr.  II  253.  liter.  centralbl.  1879.  s.  773.)  ein  radicaler  Irr- 
tum, dass,  wie  de  Saussure  und  Möller  meinen,  alle  indoger- 
manischen wurzeln  im  gründe  e- wurzeln  sein  müssten,  und 
ebenso  falsch,  in  der  weise  dieser  gelehrten  und  Kluges,  so- 
wie Noreens  Paul-Braunes  beitr.  VII  431.  anm.  5.,  die  Unmög- 
lichkeit einer  tiefstufenform  ?,  u  von  indog.  a/,  an  zu  lehren. 


—     332     — 

Die  leugner  der  a- reihe  und  der  tiefstufenform  /,  u  von 
ai^  au  müssen  vielfach  die  einfachsten  erklärungen  mühsam 
umgehen.  Über  den  namen  der  morgenröte  heisst  es  bei 
Möller  Kuhns  zeitschr.  XXIV  496.  anm. :  „Indogerm.  ausäs 
ausas-  ward  indoiran.  ushä's-,  ushäs-  durch  die  von  der  ana- 
logie  geforderte  wiederholte  Wirkung  des  ablautgesetzes ;  in 
den  sprachen,  denen  dies  gesetz  am  lebendigsten  im  bewusst- 
sein  haftete,  im  indischen  und  germanischen,  ist  die  nach- 
trägliche Wirkung  desselben  überhaupt  nichts  seltenes. "  Dass 
anfänglich  bestehendes  sanskr.  *  öshas- :  *  oskäs-  sich  zuerst 
nach  dem  muster  anderer  paradigmen  mit  o  :  u  ==  indog. 
eu  :  u  zu  *  öshas- :  ushäs-  multiformiert,  hernach  dieses  wieder 
zu  ushas-  :  ushäs-  sich  uniformiert  habe,  ist  schon  eine  etwas 
starke  Zumutung  an  unseren  glauben;  doch  Hesse  man  sie 
sich  noch  gefallen,  wenn  es  nur  diesen  oder  überhaupt  nur 
indo- iranische  fälle  der  art  gäbe.  Aber  woher  soll  im  grie- 
chischen aXd-to  :  ^aid-aQo-g  den  anstoss  zur  herstellung  des 
analogischen  ablauts  ai^-w  :  i^-ago-g  empfangen  haben? 
Wie  entsprang  im  germanischen  das  isolierte  particip  issäj 
ahd.  essüj  durch  analogischen  ablaut? 

Alle  die  Schwankungen  des  verbalablauts  zwischen  a/.27-, 
au£C'  und  eir-j  e?/^- reihe  im  germanischen,  die  Kluge  ger- 
man.  conjug.  83  ff.  160  f.  behandelt,  erklären  sich  meines  er- 
messens  einfach,  sobald  man  anerkennt,  dass  in  den  schwa- 
chen perfectformen  und  im  partic.  praet.  ursprünglich  der 
wurzelvocalismus  beider  reihen  der  gleiche,  /,  w,  war.  Dann 
ist  das  perf.  sing,  anord.  sveip  die  nachbildung  zu  svipurn, 
svipinn^  während  es  zu  einer  entsprechenden  nachbildung  des 
praesens  germ.  *swipan  anstatt  swaipan  =  anord.  sveipa, 
ags.  sväpan  "^fegen,  wegscheuchen,  vertreiben"*  nicht  kam. 
Dass  auch  got.  midja-sveipains  und  das  schwache  anord.  svipa 
nicht  eine  ej-wurzel  beweisen,  sondern  indog.  i  enthalten 


—     333     — 

können,  wird  jetzt  Kluge  selber  zugeben.  Zuweilen  kam  es 
aber  auch  zu  einer  neuschöpfung  des  praesens  nach  der  e/^*-, 
ew^- reihe.  So  bei  diesen:  anord.  brjöta  gegenüber  älterem 
ags.  breatan  *^brechen^;  got.  ahd.  hiufan^  alts.  hiöban  '^weh- 
klagen^ gegenüber  ags.  ^heafan  in  heof  redupl.  perf.;  got. 
hniupan  'brechen^  gegenüber  ags.  "^hiieapan  in  hneop  redupl. 
perf.;  vielleicht  auch  bei  gemein-germ.  swifan  =  anord. 
svifttj  ags.  svffan,  mhd.  simfen  gegenüber  ahd.  sweifan^  mhd. 
sweifen.  In  einem  falle  wie  dem  letzteren  aber  darf  man, 
da  auch  anord.  svifa  für  ^svifja  stehen  kann,  selbst  an  ein 
altüberliefertes  jod-praesens  des  typus  'idiix)  denken:  urgerm. 
swifiiö  =  indog.  suipiiö  hatte  mit  urgerm.  swäifö  = 
indog.  sTidipö  die  ausserpraesentischen  formen  gemeinsam, 
so  dass  sogar  die  möglichkeit  einer  germanischen  neubildung 
des  vereinzelt  dastehenden  ahd.  sweifan^  mhd.  sweifen  zu  dem 
reduplicierten  perfect  swief  =  germ.  sweswaif  nicht  aus- 
geschlossen ist.  Ein  aoristpraesens  indog.  suipi  ist  des  / 
in  swifan  wegen  nicht  ratsam  anzunehmen*). 


1)  Die  obigen  ausführungen  erleiden  vielleicht  in  der  folge  doch 
eine  modification  und  berichtigung.  Ich  werde  an  späterer  stelle  (vergl. 
das  „Vorwort")  zu  zeigen  haben,  wie  das  bewahren  oder  abwerfen  der 
perfectreduplicationssilbe  auf  grundsprachlicher  satzphonetik  beruht,  wie 
indog.  s  es  öde,  g^eg'^öme,  k'^ek^löpe  =  sanskr.  sasä'da,  jagama, 
griech.  xe'xXofe  und  indog.  so  de,  g'^örne,  k^löpe  (aus  *ssöde, 
*g'^g^öme,  *k'^k-löpe)  =  got.  sat,  qam,  hlaf  uralte  satzdoubletten 
sind,  gleichwie  indog.  pedös  und  pdös  'des  fusses',  indog.  e sin 6s 
und  smus  'wir  sind',  esnti  und  snti  'sie  sind',  esfem  und  siern  'ich 
sei',  indog.  k^etuöres  und  k'^tuores  'vier'  u.  a.  Dann  wird  sich  also 
die  möglichkeit  zeigen,  jene  germanischen  reduplicierten  perfecta  ags. 
heof,  hneop,  ahd.  srvief  als  die  Überreste  der  perfecta  mit  reduplication 
von  ei-,  <??^ -wurzeln  im  germanischen  zu  betrachten,  so  iiass  sie,  die 
doppelformen  der  reduplicationslosen  got.  *hau/'  ahd.  *  hou f&lts.  *hd/', 
got.  "^knaup,  anord.  sveif  si.gs.  sväf  mhd.  smeif,  nach  älterer  ablauts- 
regelung  gar  nicht  abnorm  zu  den  praesentien  got.  hiufa  ahd.  hiufu  alts. 
hi\it)u,  got.  hniupa,  anord.  svlf  ags.  svife  mhd.  swife  (»=  indog.  sueipö) 


—     334     — 

Am  handgreiflichsten  liegen  uns  für  hl  an  p  an  die  spuren 
des  älteren  ablauts  hlaiipa.,  hlaihlatip ,  {hlai)hlupum^ 
hlupans  weit  verbreitet  vor.  Den  bei  Kluge  a.a.O.  84 f. 
ervrähnten  perf.  plur.  anord.  hlupum^  ags.  hlupon^  mittelengl. 
lupeuj  dem  opt.  perf.  anord.  hJj/pa  hlepa  und  dem  partieip 
mittelengl.  /ö/7e;2  reihen  sich  auf  hochdeutschem  gebiet  anhd. 
Ivffe  o*pt.  perf.,  mhd.  anhd.  ge-loffen  partic.  (J.  Grimm  deutsche 
gramm.  P  852.  901.  991.  des  neuen  abdrucks)  an.  Ich  kann 
in  diesen,  weil  sie  aus  dem  System  herausfallen,  nur  alte 
formen  sehen.  Neuere  volksmundarten ,  wie  das  südfrän- 
kische, halten  an  dem  partieip  ge-loffen  bis  auf  den  heutigen 
tag  fest.  Es  ist  mir  unerfindlich,  wonach  es  eine  jüngere 
analogiebildung  sein  könnte.  An  gesoffen  als  muster  ist 
nicht  zu  denken,  da  dieselben  mundarten  nicht  wie  die 
Schriftsprache  die  praesentia  laufen  und  saufen  im  vocal  zu- 
sammenfallen lassen ;  im  Heidelberger  dialekt  heisst  es  saufe^ 
gesoffe^  aber  läfe^  ß^^^ffe.  Wenn  das  althochdeutsche  von 
diesen  dem  mittel-  und  älteren  neuhochdeutschen  bekannten 
antiquitäten  nichts  aufweist,  so  halte  ich  das  für  zufall  der 
mangelhaften  Sprachüberlieferung.  Auch  dass  Wimmer  alt- 
nord.  gramm.  §  132.  s.  111.  die  formen  mit  j'ö  im  plur.  perf. 
(hljöpum)  die  älte&ten  nennt,  scheint  nicht  günstig  für  unsere 
annähme ;  doch  bedarf  die  sache  jetzt  einer  genaueren  Unter- 
suchung, die  vielleicht  den  auf  angelsächsischem  boden  we- 
nigstens frühzeitig  genug  überlieferten  formationen  auch  im 
altnordischen  ein  nicht  allzu  geringes  litterarhistorisches  an- 
sehn geben  wird. 

sich  stellen  würden.  Dass  der  besitz  oder  nichtbesitz  der  perfectischen 
reduplication  nicht  von  allem  anfang  an,  wie  zur  zeit  des  streng  geord- 
neten germanischen  verbalablauts,  ein  unterscheidendes  charakteristicum 
der  nicht -<?/-,-^M- wurzeln  und  der  -^|-,^w- wurzeln  war,  dürfte  ja  jetzt 
wol  ein  schon  länger  allgemein  zugestandener  satz  sein;  vergl.  verf.  mor- 
phol.  unters.  I  238  f.  anm.,  Paul  in  seinen  beitr.  VII  155  f. 


—     335     — 

Stavtan  bekommt  seinen  ursprünglichen  schwachen  per- 
fect-  und  participablaut  zugewiesen  durch  ahd.  pr-stuzzen^ 
unter-süizzen  *^sustentare,  fulcire',  sluzzelingün  adv.  ^temere, 
temerarie^  mhd.  nhd.  stützen^  mhd.  nhd.  sttitz  m. ,  nhd. 
stutzen  *^mit  den  hörnern  stossen  (wie  ziegen ,  schafe) ,  be- 
schneiden, plötzlich  still  stehen^;  vergl.  Paul  in  seinen  beitr. 
VI  123.  Ziehen  wir  die  alte  nebenform  der  würze!  mit  be- 
reits grundsprachlich  apokopiertem  s-  (vergl.  oben  s.  329.) 
hinzu,  so  erscheinen  auch  Vertreter  nebentoniger  tiefstufe 
mit  ü:  griech.  Tvd-ev-g  ''Schläger,  Stösser,  Martell'  (Curtius 
grundz.^  226f.);  lat.  iüsu-s  nebst  compp.  con-,  oh-^  re-,  sub- 
-iüsu-s  aus  indog.  tüd-to-s  (daneben  als  neubildung  nach 
dem  praesens  tnnsu-Sj  vergl.  Neue  formenl.  IP  568  f.);  ags. 
püt-an  *^töne  ausstossen^  (oben  s.  10.).  Andererseits  mit  ton- 
loser tiefstufe  u:  sanskr.  tud-ö.-ti,  tu-tud-imd^  tun-nä-s  partic, 
-tud-a-s  adj.  in  compp.  '^stossend' ;  lat.  tu-tud-mu-s^  tud- 
-c{t)-s  f.  ^^hammer',  tnd-itüre'^  anord.  Jmt-iim^  pot-inn^  ags. 
Jnit-on^  pot-ofi^  ahd.  duz-un^  doz-en  plur.  perf.  und  partic. 
praet.,  anord.  pyt-r  m.  'brausen,  geheur,  pot  n.  'luftzug,  un- 
gestüm', mhd.  duz  m!  geräusch,  schall,  rauschender  ström, 
schwair.  Got.  put-haurn  ist  zweideutig.  Wenn  altlat.  tu- 
-tnd-ij  con-tüd-it  (vergl.  Neue  formenl.  IP  476.,  Corssen  aus- 
spr.  voc.  I^  555  f.)  mit  recht  als  reste  starker  perf.-sing.- 
formen  betrachtet  werden  (Windisch  Kuhns  zeitschr.  XXIII 
252.,  Brugman  Curtius'  stud.  IX  372.),  so  zeugen  sie  doch 
keineswegs  für  indog.  ow,  also  ew- reihe,  sondern  sind  wegen 
got.  staut-arij  stai-staul  für  lautgesetzliche  umwandelungen  von 
urlat.  *fü'täud-iy  "^ cön-täud-it  zu  halten,  wie  fe-felli^  con- 
-clüdö  solche  von  "^fe-fall-ly  ^con-cläud-ö  sind.  Doch  ist 
auch  gestattet,  das  n  in  tu-tüd-t,  con-tüd-it  für  indog.  ü  und 
die  formen  somit  für  analogiebildungen  nach  den  schwachen 
des  plurals  von  nebentoniger  tiefstufe  zu  halten.   Vergl.  über  l 


—     336     — 

« 

und  ü  im  schwachen  perfectstamme  oben  s.  60 — 71.;  über 
die  möglichkeit,  so  auch  das  lat.  z  in  re-tiqu-Jj  vid-i  aufzu- 
fassen, s.  129.  anm.  Endlich  bei  dem  praesens  anord.  pjötOj 
ags.  peotan,  ahd.  diozan^  welches  das  klarste  zeugnis  für 
die  ew- Wurzel  abgeben  zu  können  scheint,  verfliegt  dieser 
schein  ebenso  bald:  es  ist  jüngere  bildung  der  germanischen 
einzelsprachen  für  das  aoristpraesens  ags.  pütan  (oben  s.  10.) 
und  hat  eben  in  seinem  wurzelvocalismus  bei  der  verwant- 
schaft  mit  st  au  tan  das  kriterium  solches  späteren  Ursprunges, 
wie  es  got.  biugan  ahd.  biogan  mhd.  nhd.  biegen^  anord. 
smjüga  mhd.  smiegen  nhd.  schmiegen^  got.  skiuban  ahd.  sciu- 
ban  mhd.  nhd.  schieben  in  ihrem  consonantismus,  wegen  des 
Z,b  =  indog.  A:^,  /?,  haben  gegenüber  den  älteren  aoristprae- 
sentien  ags.  bü^an^  ags.  smü^an,  ags.  scufan  neuniederd. 
(westfäl.  grafschaft  Mark)  schiuwen,  vergl.  s.  10  f.  11.  160  f. 
326  f. 

Zu  anord.  bauta^  ags.  beatan,  ahd.  pözan,  mhd.  bözen 
*^stossen,  schlagen'  stellt  sich  nach  Paul  in  seinen  beitr.  VI 
123.  mhd.  blitze  m.  "^abgestumpftes,  klumpenartiges  stück, 
klumpen,  schreckbild,  Poltergeist,  butzemann';  ausserdem  neu- 
niederd. btitt  adj.  'stumpf,  plump,  grob,  ungeschliffen\  Tief- 
stufenformen mit  ü  sind:  Island,  büt-r  m.  'holzklotz',  mhd. 
büz  m.  'schlag,  schmiss,  stoss',  mhd.  biizen  schw.  v.  'bauzen, 
gackern  wie  die  hühner'  (vergl.  mhd.  wörterb.  I  190  b.),  mhd. 
biuz  m.  'schlag,  stoss'  mit  z-umlaut  des  ü.  Ein  verbum 
mhd.  biezen  kann  allein  wegen  ge-bozzen  Lassbergs  lieders. 
III 423.  nicht  aufgestellt  werden  mit  dem  mhd.  wörterb.  1 190. ; 
gebozzen  im  reime  auf  grozzen  ist  natürlich  ==  gebozen, 
und  die  praesensform  biuzet  ist  Rabenschi.  921.  nur  conjectur 
flir  überliefertes  pauzzet.  Das  richtige  sah  schon  Grimm 
deutsch,  wörterb.  II  268  f.  Vollends  ganz  unmittelhochdeutsch 
als  starkes  ablautendes  verb  wäre  das  von  Kluge  german. 


—     337     — 

conjug.    160.    aus   Lexer   band  Wörter  b.  I  291.    entnommene 
biuzen. 

Für  got.  aukan^  anord.  miküj  lit.  dugu^  dukti^  lat.  augeö, 
griech.  av^Wj  av^avio  zeugt  sanskr.  vg-rd-^  avest.  ugh-ra- 
adj.  'stark,  gewaltig',  vielleicht  auch  griech.  vß-gt-g  nach 
Bezzenberger  in  seinen  beitr.  II  155.  Somit  ist  auch  anord. 
yküy  eka  opt.  perf.  (Wimmer  altnord.  gramm.  §  132.  s.  111.) 
als  alt  der  wurzelvocalstufe  nach  zu  betrachten.  Der  plur. 
perf.  anovd.  jukum  enthält  in  demj-  die  reduplication  r-y-wA^-w^/i 
entspricht  einem  got.  ^ai-uk-um^  während  j-ok-um  wie  got. 
ai-aiik-um  ist ;  auch  im  optativ  liegt  redupliciertes  j-yk-i  vor 
neben  j/k-i^  yk-a.  Dürfte  es  gestattet  sein,  in  den  redupli- 
cationslosen  yka^  yki  vielmehr  den  optativ  des  „unthema- 
tischen" aorists  zu  sehen?  Die  stärkere  tiefstufenform  üg-- 
von  aug^-  vertreten  litauische  Wörter:  üg-i-s  m.  'wuchs, 
sehössling  eines  Jahres',  üg-li-s  m.  'junger  zweig,  schoss', 
von  denen  jenes  mit  griech.  "^vy-t-g  in  vyl-eig  die  indoger- 
manische doublette  eines  -e/- Stammes  bildet  nach  vS.  180  ff. 
Mit  der  wurzel  ctug^-  sollte  man  nicht  länger  zum  schaden 
der  klaren  erkenntnis  der  vocalverhältnisse  (vergl.  de  Saus- 
sure syst,  primit.  280  f.  281.  anm.  2.)  das  zwar  synonyme, 
aber  auch  im  consonantismus  wesentlich  abweichende,  weil 
palatal  auslautende  uag^-  'rege  sein,  kräftig  sein',  trans. 
'stärken,  kräftigen'  confundieren,  das  in  sanskr.  vdkshati  'er 
erstarkt,  wächst',  väja-  m.  'rüstige  kraft,  regsamkeit',  avest. 
fra-vüziionte  conj.  med.  'sie  stärken  sich',  vuzyant-  partic. 
adj.  'behende,  schnell',  väza-  m.  'kraft',  got.  vakan  'wachen', 
vahsjan  'wachsen',  vökr-s  m.  ' Wucher'  zu  gründe  liegt.  Zu 
diesem  uag^-  gehören  auch  lat.  vigeo^  vigescö^  vigil^  aber 
für  lautgesetzliche  *  vaged  u.  s.  w.  stehend  zufolge  des  ein- 
flusses  der  composita  wie  per-vigeöy  re-vigescöy  per-vigil 
(mehr  beispiele  derartiger  ausgleichung  sieh  oben  s.  2.),  wäh- 

Osthoff  u.  Brugman  untersuch.  IV.  22 


—     338     — 

rend  vegeö  ""bin  lebhaft,  munter^  trans.  *" errege,  setze  in  be- 
wegung",  vegeiu-s  adj.  'rüstig,  lebhaft,  munter'  für  "^vageo 
etc.  sich  wol  volksetymologisch  nach  vehor  "^bewege  mich, 
fahre  einher "*,  vehemens  'heftig,  hitzig,  stark,  gewaltig''  ge- 
richtet haben.  Griech.  «/«Iw,  das  am  meisten  jene  con- 
fusion  befördert  hat  (vergl.  de  Saussure  syst,  primit'.  276., 
Gust.  Meyer  griech.  gramm.  §  99.  s.  101.'§  105.  s.  104.),  bleibt 
selbstverständlich  bei  av^to]  dass  und  wie  jenes  sich  mit 
einer  einsilbigen  wurzel  aug"^-  wol  verträgt,  zeigt  sich  uns 
gelegentlich  an  späterer  stelle. 

Woher  die  besonderen  anlasse  zu  der  uniformierung  der 
ablautsreihen  got.  skaida^  skaiskaid^  skaiskaidiim  ^  skaidans 
und  stautttj  staistaut^  staistautum^  staiitans  der  altgermanischen 
spräche  kommen  konnten,  werden  wir  im  fortgang  der  Unter- 
suchung erfahren. 

Kluges  und  Möllers  theorie,  die  alle  diese  verba,  wenn 
sie  irgend  tiefstufe  mit  z,  u  zeigen,  auf  die  e- reihe  zurück- 
bringen will,  findet  auch  den  beifall  Joh.  Schmidts  nicht; 
vergl.  anzeig.  f.  deutsch,  altert.  VI  128.  Und  in  der  tat  sind 
die  Voraussetzungen:  l)  dass  die  dritte  sanskritische  prae- 
sensclasse  den  wurzelvocalismus  des  perf.  sing.  act.  (indog.  o) 
gehabt  habe,  2)  dass  die  reduplicationssilbe  mit  z-vocal  im 
germanischen  spurlos  ha"be  wegfallen  können,  3)  dass  bei 
so  vielen  ursprünglichen  ^wz-verben  alle  spuren  der  alten 
Twz-conjugation  des  praesens  und  ihrer  Stammabstufung  im 
altgermanischen  hätten  verwischt  werden  können  —  doch  zu 
gewaltsam,  um  glaublich  zu  erscheinen.  Das  einzige  bis  jetzt 
nachgewiesene  praesens  dritter  indischer  classe  im  germa- 
nischen, das  aber  Kluge  und  Möller  entgangen  ist,  ahd.  bi- 
-b^-n  'bebe"*  =  sanskr.  bi-bhe-mi  'fürchte  mich'  hält  seine 
reduplicationssilbe  fest').  Damit  aber  bi-b^-n  wegen  seines  e 
1)  Brieflicher  mitteilung  dr.  Kluges  zufolge  ist  er  selbst  auch  nach- 


—     339     — 

(anord.  bifa^  ags.  beofian  bifiaiij  alts.  bibdn  sind  anerkannt 
nur  spätere  Substitute  für  biben)  nicht  wenigstens  dazu  be- 
nutzt werde,  um  hochstufenvocalismus,  indog..o2,  der  dritten 
praesensclasse  zu  vindicieren,  bemerke  ich:  die  wurzel  war 
keine  e- wurzel,  da  aus  einer  solchen  die  andere  praesens- 
bildung  erster  classe  abulg.  boj-a  se  'fürchte  mich'  sich  nicht 
unmittelbar  erklären  würde;  boj-a  se  ist  von  der  1.  sing,  und 
von  der  3.  plur.  boj(Hj  lautgesetzlich  flir  urslav.  *^öy-ö-w^«^^), 
sowie  vom  partic.  praes.  act.  boje  aus  in  die  schwache  con- 
jugation  übergetreten  {boisi  se,  boitX  se  statt  *bojesij  "^bojeii) 
wie  auch  andere,  intransitiva  vornemlich,  z.  b.  leza,  lezati 
=  germ.  HzLö^  ahd.  liggu  (verf.  Paul -Braunes  beitr.  VIII 
141.).  Dem  slavischen  gemäss  stehen  ved.  bhdy-a-te,  avest. 
bay-a-inti  für  indog.  bkdi-e-talj  bhdi-o-7itij  nicht  für 
bhei-e-tai,  bhei-o-nti.  Und  ich  möchte  auch  für  diese 
ö2- Wurzel  hier  auf  ihre  stärkeren  und  schwächeren  tiefstufen- 


träglich  auf  das  seiner  theorie  ungünstige  ahd.  bi-bi-n  aufmerksam  ge- 
worden. Vergl.  jetzt  Kuhns  zeitschr.  XXVI  85 f.,  wo  aber  Kluge  von 
der  gleichung  ahd.  bi-be-n  =  sanskr.  bi-bhe'-mi  als  von  einer  schon  der 
älteren  Sprachwissenschaft  nicht  fremden  erkenntnis  hätte  reden  dürfen. 
Benfey  ist,  so  viel  ich  weiss,  der  urheber  derselben  in  seinem  griech. 
wurzellex.  II  104 f.;  vergl.  auch  Curtius  grundz.^  298.,  Brugman  Curtius' 
stud.  VII  208  f. 

1)  Der  vulgäre  slavische  ausgang  der  3.  plur.  indic.  praes.  der  primi- 
tiven jodverba,  -jat^  in  abulg.  dejafl,  luzqft^  beruht  seinerseits  auf  neu- 
bildung  nach  der  form  der  nicht  jotierten  wie  vezaü.  Umgekehrt  ahmen 
die  letzteren  die  jod-praesentia  nach  in  den  ersten  personen  des  duals 
undplurals:  vezeve,  vezemü  für  lautgesetzliche  *vezove,  *vezomü  nach 
dejeve,  dejemu.  Diese  erklärung  ziehe  ich  wenigstens  der  annähme  ein- 
facher Übertragung  des  -e-  von  den  zweiten  personen  dual,  und  plur. 
vezeta,  vezete  (Job.  Schmidt  Kuhns  zeitschr.  XXIII  359.  XXV  99.,  Brug- 
man morphol.  unters.  III  120.)  vor,  weil  sich  so  leichter  die  ausnahme- 
stellung  des  einfachen  aorists  mit  vezove,  vezomu  begreift :  aoriststämme 
mit  jod  gab  es  nicht,  daher  hier  auch  keine  einwirkung  der  personal- 
ausgänge  solcher. 

22* 


—     340     — 

« 
formen  mit  ^  und  /aufmerksam  machen:  ^  in  sanskr.  bi-bki- 

-tas  dual,  praes.,  ved.  bi-bhi-yä'-t  opt.  praes.,  bi-bhi-ma  perf. 
plur.,  ved.  bi-hhi-vak  partic.  perf.  act.,  bhi-ya-te  praes.  pass., 
bki-tä-s  partic.,  bhi-ti-s  f.  *^ furcht^,  bhi-md-s  adj.  ^furchtbar, 
schrecklich  V  bhi-rü-s  adj.  'furchtsam,  schüchtern,  feig',  bhi- 
f.  ^furcht,  schrecken',  lett.  bi-stü-s  praes.,  bi-tl-s  infin.  'sich 
fürchten';  /  in  sanskr.  bi-bhi-tas  dual,  praes.,  bi-bhi-yä-t  opt. 
praes.,  ved.  vi  bi-bhi-sha-thäs  aor.  causat.  2.  sing,  med.,  avest. 
bi'Wi-väo  partic.  perf  act.     Vergl.  s.  59.  60.  128.  166. 

Nicht  am  unwirksamsten  wird  man  vielleicht  die  theorie 
von  dem  nicht  ausfallenden  „  ^ "  widerlegen  durch  nach  weis 
seines  ausfalles  da,  wo  es  nicht  von  einem  Sonorlaut  be- 
gleitet steht. 

Die  übliche  erklärung  des  praefixes  po-  in  lat.  po-situ-s 
(vergl.  Corssen  ausspr.  vocal.  P419f,  Schweizer- Sidler  Kuhns 
zeitschr.  XIX  302.,  Curtius  grundz.^  285.)  kann  ich  nicht 
billigen;  Sius  ^port-situ-s  wäxe  *possüu-s  oder  allenfalls  *pö- 
situ-s  entstanden.  Richtig  beurteilte  zuerst  Grassmann  Kuhns 
zeitschr.  XXIII  569.  die  bildung  von  po-situ-s:  *pö-smOj  so- 
wie po-li-ö,  das  Curtius  grundz.^  366.  treffend  mit  li-nö  zu- 
sammenhält ,  sind  Zusammensetzungen  mit  der  schwachen 
Zwillingsform  der  indogermanischen  praeposition  dp  o  = 
sanskr.  ö/?a,  avest.  apa^  griech.  «tto,  lat.  ab^  got.  af.  Die 
eigentliche  bedeutung  von  pönere  ist  'ab-legen,  von  sich  weg- 
stellen',- die  von  po-lire  'weg -streichen,  ab -glätten'.  Das 
formale  Verhältnis  von  p6  und  äpo  ist  dasselbe  wie  das- 
jenige von  indog.  pi  und  epi^  bhi  und  eÄÄz,  ni  und  6ni 
u.  a.  (verf  morphol.  unters.  11 32  f.  oben  s.  222  ff.  225  ff.  227  ff.). 
Ein  weiterer  zeuge  für  p6  ist  ahd. /o-?iö,  das  von  Pott  ety- 
mol.  forsch.  P  39.  445.  451.  und  Curtius  grundz^  263.  doch 
wol  richtig  zu  «Wo,  got.  a/,  ahd.  aba  gestellt  wird  und  dessen 
verbliebener  o  -  laut  sich  aus  der  nebentonigkeit  der  ihn  ent- 


—     341     — 

haltenden  silbe  nach  Paul  in  seinen  beitr.  VI  186  ff.  erklären 
wird.  Lit.  /?a-,  abulg.  po  weichen  in  den  bedeutungen,  die 
Fick  wörterb.  IP  597.  aufzählt  (vergl.  auch  Bielenstein  d. 
lett.  spr.  §§  549.  550.  551.  II  s.  296  ff.),  ab;  aber  Grassmann 
a.  a.  0,  identificiert  sie  doch  mit  lat.  po-  in  po-situ-s^  und 
„bei  der  ausserordentlichen  beweglichkeit  der  bedeutungen 
der  praepositionalstämme "  (Bielenstein  a.  a.  o.)  hat  er  viel- 
leicht nicht  unrecht  darin.  Die  perfective  bedeutung,  die 
lit.  pa-  den  damit  zusammengesetzten  verben  gibt,  ist  wol 
auch  in  lat.  po-lire^  ponere  gegenüber  linere^  sinere  wieder- 
zufinden ;  vergl.  nhd.  ab-tun^  ah-machen^  ab-reisen^  ab-brechen 
u.  a. ,  griech.  aTt-eqycitof.icxtj  a7t-€Q€lda)j  aTto-ßXsTtco  y  ccjto- 
-ßQL^Wj  lat.  ab'solvere^  alle  perfectiv,  wie  schon  Pott  etypaol. 
forsch.  I^  441.  erkennt.  Sodann  haben  wir  nach  Pott  ebend. 
indog.  p  6  auch  als  osset.  fa-  „  praep.  insep.  häufig  vor  verben, 
um  die  gänzliche  Vollendung  von  handlungen  oder  zu- 
ständen auszudrücken  oder  ihnen  in  anderer  beziehung  eine 
grössere  bestimmtheit  mitzuteilen";  z.  b.  osset.  fa-kjanyn 
"^(fertig)  machen,  vollenden"*,  fa-oje-kjanun  *^  aus  verkaufen'. 
Und  sicher  endlich  ist,  wie  mir  scheint,  dass  die  auf  der 
basis  pos-  entsprungene  Wortsippe,  sanskr.  pac-cä\  pag-cädj 
avest.  pas-cüj  pas-kät^  apers.  pasä^  pasne^  lat.  pos-^  pos-t, 
pö?iej  lit.  päs,  päs-kuiy  pas-küi  mit  äpo  zusammengehört, 
woran  ebenfalls  schon  Pott  etymol.  forsch.  I^  462  f.  und  neuer- 
dings wieder  Joh.  Schmidt  Kuhns  zeitschr.  XXV  97.  anm.  3. 
gedacht  hat;  mit  sanskr.  äpa-ra-  *^der  hintere'  ist  ja  pa^^'^a- 
ganz  gleichbedeutend.. 

Yed.j'mdn-  'bahn',  einfach  in  dem  loc.  sing.  j-?ndn  (rgv. 
VII  21,  6.  60,2.),  sonst  in  den  compositis  päri-Jman-j  tiru- 
-jman-y  prthu-jman-y  dvibarha-jman-  und  in  jma-ya-  Mie  bahn 
entlang  gehend',  halte  ich  für  dasselbe  wie  ved.  äj-mah-  n. 
'bahn'  =  lat.  ag-men^  mit  differenter  wurzelstufe,  leite   es 


—     342     — 

also  von  aj-  ""agere'  ab.  Sanskr.  j-mdn-  :■  dj-maii-^  lat.  ag-men 
=  griech.  ;(?T-^a  :  %ev-^aj  sanskr.  hö-man-  ==  griech.  qv-^a  : 
QBv-fxa  u.  a.  (oben  s.  139  ff.).  Die  bisherige  etymologie,  nach 
welcher  jman-  zu  gam-  *^gehen^  gehören  soll^  scheitert  doch 
wol  an  dem  palatal  des  wertes  und  scheint  mir  nach  Joh. 
Schmidts  rettungsversuche  Kuhns  zeitschr.  XXV  86.  um  nichts 
-annehmbarer.  Das  sanskrit  hat  bei  gam-  '^gehen'*  in  folge 
von  ausgleichung  nur  noch  g^  nicht  mehr  j\  ist  es  also  irgend 
wahrscheinlich ,  dass  jmdn-  den  ihm  lautgesetzlich  nicht  zu- 
kommenden, durch  Übertragung  von  den  untergegangenen 
verbalformen  mit 7-  hineingekommenen  palatal  darbiete?  Das 
ved.  prthu-gmä'n-am  rgv.  X  99,  1.,  worin  Schmidt  „den  vor  m 
regelrechten  guttural  erhalten"  sieht,  wird  man  demnach 
besser  als  ein  volksetymologisches  Substitut  für  jyrthu-jman-am 
ansehen;  diese  form,  für  eine  spätere  generation  in  ihrem 
Ursprünge  verdunkelt,  wurde  an  die  wurzel  gam-  angelehnt. 
Ich  weiss  nicht,  wie  diejenigen,  denen  das  „  phon^me  A " 
als  „  consonant  wie  2,  u "  (nach  Möllers  fassung)  nicht  ausfallen 
kann,  diese  sich  ihrer  theorie  entgegenstellenden  Schwierig- 
keiten beseitigen  werden.  Für  mich  genügen  erscheinungen 
wie  die  genannten,  um  die  notwendigkeit,  praesens bildungen 
wie  sanskr.  äj-a-ti,  avest.  az-a-iti,  griech.  ay-Wy  lat.  ag-Oj 
anord.  ak-a  unter  die  kategorie  der  „  aoristpraesentia "  zu 
rechnen,  durch  die  bisher  dafür  angeführten  gründe  —  viel- 
leicht finden  sich  andere  entscheidendere  —  nicht  erwiesen 
zu  sehen.  Auch  sehe  ich  nicht  ein,  warum  durchaus  nur 
eine  vocalreihe  (die  e- reihe)  dagewesen  sein  soll.  Geben 
wir  uns  etwa  auch  beim  consonantismus  mühe,  die  verschie- 
denen reihen  der  gutturalen,  dentalen  und  labialen  auf  eine 
einheit  zurückzubringen?  Wie  es  vorläufig  richtiger  ist,  das 
gebiet  der  beiden  A-- reihen  so  scharf  und  klar  als  möglich 
zu  scheiden,  als  schon  jetzt  sich  nach  den  möglichkeiten  um- 


—     343     — 

zusehen,  wie  die  velaren  und  die  palatalen  im  letzten  gründe 
zu  vereinigen  seien :  so  ist  auch  im  vocalismus  vor  der  hand 
das  lautlich  nicht  identische  möglichst  auseinander  zu  halten. 
Bekommen  wir  zwei,  vier,  ja  sechs  grundsprachliche  ablauts- 
reihen  heraus,  so  darf  uns  das  nicht  kümmern.  Wenn  wir 
nur  die  regelmässigkeit  der  bewegung  in  jeder 
einzelnen  reihe  klarlegen  und  die  gleichen  gründe  der 
sich  entsprechenden  einzelnen  vocalablautungen  durchschauen 
werden,  so  ist  unser  erstrebtes  ziel  eines  glatten  vocalsystems 
erreicht.  Am  verderblichsten  aber  erscheint  mir  das  allzu 
frühe  hereinziehen  des  semitischen  in  die  häuslichen  fragen 
des  indogermanischen  vocalismus.  Das  trübt  die  Unbefangen- 
heit des  blickes,  und  auch  Möller  wird  sich  doch  sagen 
müssen,  dass  es  nicht  das  letzte  ziel  indogermanischer  Sprach- 
forschung ist,  einheit  unseres  Sprachstammes  mit  dem  semiti- 
schen, insbesondere  einheit  des  vocalsystetns  beider  zu  er- 
weisen. Zeigt  sich  nach  eingehender  objectiver  erforschung 
unseres  vocalismus  keine  aussieht,  die  verwantschaft  beider 
Sprachstämme  auf  grund  des  gleichen  Organismus  der  wurzel- 
und  woftformen  zu  behaupten,  nun,  so  ist  das  resultat  kein 
bedauerlicheres,  als  wenn  es  umgekehrt  wäre. 

Ja,  „  die  statuierer  des  zweiten  a "  (Möller  Kölbings  engl, 
stud.  III  150.)  müssen,  wofern  ich  mich  nicht  sehr  täusche, 
noch  ÖLaLQ6Ti'MüT;€Q0L  werden  und  neben  der  ^-  und  a- reihe 
auch  eine  Ö -reihe  als  zulässig  erachten.  Das  griechische  vor 
allem,  dem  wir  ja  jetzt  die  führerschaft  in  fragen  des  voca- 
lismus zugestehen,  weist  darauf  hin.  Denn  die  praesentia 
od-o-^aLy  av{a)-oly-(x)j  oXx-o-f.iaCj  oup-w  und  kqov-Wj  dürfte 
man  sie  nicht  am  einfachsten  als  „normalstufige"  in  der 
ö- reihe,  wie  7teT-o-f.iaLj  kelTt-iOj  cpavy-co  in  der  e-,  aXd'-w^ 
av-o)  in  der  ß.- reihe,  ansehen?  An  Übertragung  der  vocal- 
stufe   des   perfect  sing,  ist  bei  jenen  doch   schwerlich  zu 


—     344     — 

denken,  da  sonst  dergleichen  nicht  vorkommt.  Höchstens 
gäbe  o%x-o-(.iai  seiner  bedeutung  wegen  veranlassung,  es  für 
„perfectisch  und  durch  den  perfectdiphthong  charakterisiert" 
zu  halten  (Curtius  grundz.^  507.  verb.  IP  238.).  Aber  erstens 
ist  Sonnes  und  Curtius'  vergleichung  mit  got.  vaik  'cessi' 
schon  der  abnormen  lautverschiebung  (x  =  germ.  k)  wegen 
hinfällig.  Zweitens  würden,  wäre  oi%o^Lai  von  derselben  art 
wie  homer.  avtöyu^  syrakus.  ohölio  (Curtius  verb.  IP  199  ff., 
Gust.  Meyer  griech.  gramm.  §  560.  s.  425.),  wol  irgend  welche 
spuren  der  älteren  echten  perfectflexion ,  wie  eben  «Vw;/«, 
okwlnj  vorliegen.  Drittens  könnte  oixo/xai  als  medium 
doch  auf  keinen  fall  direct  aus  einem  perfect  hergeleitet 
werden,  da  ja  dem  medium  perf.  kein  oi,  sondern  tiefstufen- 
vocalismus  zukam;  es  wäre  aber  gewagt,  zur  erklärung  der 
isolierten  form  gar  erst  einen  singular  act.  perf.  *olx-cc  zu 
construieren.  So' müssen  wir  wol  den  ursprünglich  praesen- 
tischen  bildungscharakter  des  or/-o-f^iaL  gelten  lassen,  aus 
dem  vielmehr  Herodots  or/r]jiiaL  sowie  att.  oH^toza  (Curtius 
verb.  I'^  389.  398.)  als  die  der  perfectischen  bedeutung  zu 
liebe  nachgeschaffenen  jüngeren  formationen  hervorgingen. 
Ich  stelle  zu  oXx-o-f.iaij  das  nirgends  spuren  digammatischen 
anlauts  zeigt,  die  avestische  wurzel  iz-  'fortgehen'  bei  Justi 
handb.  d.  zendspr.  55  b.  mit  der  jod-praesensbildung  iz-ye-nti 
3.  plur.  praes.:  ys.  XXIII  5.  haca  ahmät  nmänät  izf/e?iti  \we\che) 
aus  diesem  hause  fortgehen'.  Was  diy-o)^  oXy-vv-iu  angeht, 
so  ist  betreffs  der  etymologie  und  der  besserung  von  un- 
formen  in  unserem  Homertext  {ßs'iyvvvTo^  wL^e)  J.  Wacker- 
nagel Bezzenbergers  beitr.  IV  303  ff.  zu  vergleichen,  nur  dass 
Wackernagel  über  das  formale  Verhältnis  der  beiden  prae- 
sentia  oXy-o)  und  oXy-vv-^n  nicht  die  richtigen  aufschlüsse 
gibt:  oXy-vv-(xi  kann  nur  von  o%y-o)  oder  dem  futur  o'/^w, 
aor.  homer.  rj-oc^e  seinen  diphthong  haben,   denn  ebenso 


—     345     — 

haben  ösU-vv-ilil  und  tevy-vv-^i  ihre  „gunierung"  von  öeL^u 
e-öu^a^  tev^to  e-Kev^a,  vergl.  Brugman  Kuhns  zeitschr.  XXIV 
260  f.  Dass  oXcp-co  zu  sanskr.  yäbh-ämi^  abulg.  jeb-a^  *futuo' 
(Fick  wörterb.  P  1S2.  IP  730  f.)  nicht  gehören  kann,  bemerkt 
schon  Pott  Wurzel- wörterb.  V  197.;  die  Zusammenstellung  mit 
avest.  vaep-ämi  *^futuo'  würde  am  vocalismus  kein  hinder- 
nis  finden;  anord.  vif^  ags.  vif,  alts.  wif  (gen.  lofb-es)^  ahd. 
wib  ivip  n.  Veib"*  müsste,  wenn  Pott  a.  a.  o.  es  richtig  zu 
oX(p-to  zieht,  nicht  mit  indog.  ei^  sondern  mit  i  einer  tief- 
stuf enform  uibh-ö-m  (uif-d-TTi)  entstammen.  Von  -^qovu)^ 
zu  dem  als  tiefstufenbildung  avTL-'HQv  gehört  (vergl.  s.  268.), 
muss  zugegeben  werden,  dass  es  auch  auf  einer  «-wurzel 
ki^au-  beruhen  kann,  wie  lov-co,  lat.  lav-ö  auf  lau-  (oben 
s.  89.  92.);  das  ov  vor  vocal  haben  wol  y,Qov-oj,  Xov-o) 
—  lautgesetzlich  sind  *x^o(/)-w,  k6{ß)-cü  (vergl.  ko^  Od. 
X  361.)  —  nach  dem  futur  KQov-owy  Xov-gco^  aor.  e-xQov-oay 
e-kov-Ga  und  ähnlichen  formen  hergestellt. 

Mittelstufenvocalismus  der  wurzel  hatte  anerkanntermas- 
sen  von  anfang  an  auch  das  sigmatische  futurum.  Sollte 
nach  Brugman  morphol.  unters.  III  58  ff.  das  griechische  futur 
auf  -oiü  auch  zu  einem  conjunctiv  aoristi  werden,  so  würde 
das  an  der  frg-ge  der  ablautsstufe  der  wurzel  nichts  ändern. 
Nun  ist  griech.  oHgcoj  da  es  im  verbalsysteme  einer  ganz 
anderen  wurzel  (f/)€^-)  steht,  eine  „isolierte  form";  als  solche 
weiss  ich  es  samt  dem  entsprechenden  sanskr.  vek-shyä-mi 
für  ^vesh-shya-mi  *^ich  werde  ausrichten,  zu  stände  bringen' 
(Petersb.  wörterb.  VI  1241.  unt.  1.  vish-)  nur  aus  einer  wurzel 
uoU-  zu  gewinnen.  Von  der  Wortsippe  oI(5-/<a,  olö-oo,  n., 
oid-akso-Qj  oiö-äwj  oiö-iwj  olS-dvojy  oiö-alvco  machen  die 
beiden  nomina  oiö-f.ia  und  olö-og  den  eindruck,  als  sei  der 
vocal  der  übrigen  Wörter  nur  durch  sie  bestimmt  worden, 
nicht  umgekehrt.   Da  neutra  auf  -og  und  -ina  (vergl.  s.  139  ff.) 


—     346     — 

bei  nicht  reducierter  wurzel  mittelstufigkeit  derselben  haben, 
so  dürfte  also  auch  hier  eine  o- wurzel  oid-  sich  darbieten, 
deren  stärkere  tiefstufenform  id-  in  hd-iq  f.  'waldgebirg,  saltus' 
(Fick  wörterb.  I^  507.  IP  33.)  vorliegen  würdet- 

Einiges  bringt  auch  das  lateinische  herbei.  Das  prae- 
sens altlat.  ol-ö  'ich  rieche',  älter  als  ol-eö^  wird  doch  wol 
/  für  ursprüngliches  d  haben,  wenngleich  das  gesetz  dieses 
lautüberganges  noch  nicht  erwiesen  ist.  In  wiefern  die  jod- 
praesentia  griech.  oCw,  lat.  fod-iö  und  das  particip  lat.  fossa 
mittelstufigen  wurzelformen  orf-,  hhod-  nicht  widersprechen, 
kann  ich  erst  in  morphol.  unters.  V.  eingehender  zeigen. 
Wenn  man  eine  wurzelform  lok'^-  'laut  tönen,  schreien,  lär- 
men, schwätzen,  sprechen'  aufstellt,  ist  lat.  loqu-or  eine  prae- 
sensbildung  wie  sequ-or  in  anderer  vocalreihe;  tiefstufiges 
^A^2_  __  griech.  la/.-  normal  in  läoyM  aus  */«x-(yxw,  aor. 
e-Xay-o-v  ^  Xe-Xcm-o-vTOj  perf.  Xe-lay-vla^  in  Xav-ego-g  u.  a. 
Die  formen  mit  « ,  wie  dor.  läy.-eo)  (Theocrit  II  24.) ,  perf. 
homer.  le-lrjy-wg  (II.  X141.),  sind  wir  berechtigt,  für  grie- 
chische neuschöpfungen  auf  grund  der  die  ablautsreihe  wech- 
selnden wurzelform  lav-  zu  halten.  Die  beliebte  combina- 
tion  des  abulg.  rek-a^  mit  lat.  loqu-or^  griech.  e-lav-ov  ist 
schon  des  slav.  r  wegen,  das  zu  griech.  lat.  /  nicht  stimmt, 
aufzugeben.  Lateinische  neutra  auf  -os  wie  griech.  olö-og 
könnten  on-us^  op-us  sein. 

Wenn  de  Saussure  syst,  primit.  161  ff.  auch  griech.  od- 
-ofxai^  lat.  ö/-ö,  loqu-or  zu  aoristpraesentien  machen  will,  so 
lässt  sich  dem  eben  die  existenz  jener  griechischen  praesentia 


1)  Lat.  aemidus  'tumidus,  Tre^vaTjfievos,  inflatus',  das  Fick  a.  a.  o. 
und  Curtius  grundz.^  245.  noch  zu  oW-fia,  olS-os  stellen,  scheint  mir 
wegen  seines  abweichenden  diphthonges  jetzt  besser  von  Froehde  Bezzen- 
bergers  beitr.  V  273.  aus  *ais-mtdo-s  gedeutet  und  an  andere  yerwant- 
schaft  angeschlossen  zu  werden. 


—     347     •— 

mit  0  im  diphthoDge,  o%y-to^  oXcp-o),  oXx-of.iaiy  entgegenhalten: 
diese  können  nicht  tiefstufig  in  der  wurzel  sein,  folglich  liegt 
auch  kein  grund  vor,  in  od^-o^aL^  ol-ö,  loqu-or  reducierte 
wurzelform  anzunehmen.  oS-o-juaL  :  TtsT-o-fxai  =  o%y-o) : 
leiTt-o).  Für  das  germanische  und  die  nordeuropäischen 
sprachen  überhaupt  ist  allerdings  die  aufstellung  einer  ö-reihe 
an  sich  von  keinem  weiteren  belange.  Praesentia  mit  o 
mussten  hier  mit  den  praesentien  der  «-reihe  zusammen- 
gerinnen. Nur  durch  Isit.fod-idj  fossa  wissen  wir  es,  dass 
abulg.  bod-a^  auch  eine  bildung  wie  o^-o-fnai  ist.  Mit  lat. 
loqu-or  scheint  mir  alts.  ahd.  Lah-an,  ags.  lean  'schelten, 
schmähen,  tadeln,  vorwürfe  machen^  wovon  die  nomina 
anord.  lost-?'  m.  'fehler,  laster^  und  ags.  leah-tor^  alts.  ahd. 
lastai'  n.  'tadel,  Schmähung,  schimpf'  (Kögel  Paul -Braunes 
beitr.  VII  193.,  von  Bahder  d.  verbalabstr.  in  d.  german.  spr. 
96.  148.),  identisch  zu  sein;  denn  wie  der  begriff  des  lauten 
Schreiens  oder  lärmenden  Sprechens  sich  zu  dem  des  an- 
schreiens,  beschreiens,  schimpfens  verengen  könne,  zeigt  sich 
an  derselben  wurzel  im  griechischen:  Eurip.  Androm.  671. 
Toiavra  kaGxELg  tovg  cpilovg  'so  sprichst  du  von  den  freun- 
den, so  schmähst  du  sie'  nach  Passows  Übersetzung  hand- 
wörterb.^  unt.  Aacrxw.  Was  Kluge  Kuhns  zeitschr.  XXVI  89. 
mit  griech.  lao^rj  'spott,  schmach'  für  ahd.  lah-an,  laster 
beweisen  will,  nemlich  wurzelauslaut  mit  tenuis  aspirata 
indog.  -M-,  erledigt  sich  schon  durch  das  von  Job.  Schmidt 
in  der  beigegebenen  redactionsnote  hervorgehobene  lautge- 
setzliche bedenken.  Aber  für  *Aaax-^iy  scheint  läö&r]  stehen 
zu  können  und  dürfte  dann  an  das  praesens  laov.io  zunächst 
anzuknüpfen  sein. 

Im  allgemeinen  spricht  für  mich  noch  gegen  die  theorien 
de  Saussures*  und  Möllers,  nach  denen  „  A "  gleich  dem  /,  u^  r^ 
/,  m,  n  ein  „  coefficient  sonantique "  sein  soll,  was  de  Saussure 


—     348     — 

selbst  syst,  primit.  181  ff.  gewissenhaft  hervorhebt:  es  exi- 
stieren wurzeln  auf  „  A  +  sonante ",  und  diese  dürften  nicht 
vorkommen,  sowie  ja  indogermanische  wurzeln  auf  in  im  ir 
il^  un  um  ur  ul  oder  rz  ru  rn  rm^  li^  lu  In  Im  oder  ni  nu 
nr  nl,  m{  mu  7m^  ml  unerhört  sind.  Trotzdem  nicht  das 
„phoneme  ^4"  zu  dem  indog*  e  (a,)  und  o  (a,)  hin  zu  ver- 
weisen, heisst  doch  wol,  sich  durch  die  auch  anderwärts  auf- 
stossenden  „besoins  du  Systeme"  (vergl.  de  Saussure  s.  163.) 
nicht  allzu  sehr  schrecken  lassen. 

Mit  diesen  bemerkungen  glaube  ich  es  nun  genügend 
gerechtfertigt  zu  haben,  dass  ich-  noch  andere  vocalreihen 
neben  der  e- reihe  annehme  und  die  gesetze  über  die  assimi- 
lation  zu  ^,  ü  auf  nebentoniger  und  die  demnächstige  kürzung 
zu  «,  ü  auf  tonloser  tiefstufe  auch  auf  die  „diphthonge"  aiaUj 
oi  ou  ausdehne.  Sollte  unsere  auffassung  der  indog.  7,  ü 
die  früherhin  über  diese  vocale  vorgebrachten  ansichten  zu 
verdrängen  geeignet  erscheinen ,  so  hätten  dieselben  /,  ü  in 
dei'  geschichte  der  theorien  vom  indogermanischen  vocalismus 
eine  stark  wechselnde  rolle  zu  spielen  gehabt.  Wurden  die 
„  dehnungen "  oder  „  einlautigen  vocalsteigerungen "  früher  ein- 
mal dazu  benutzt,  den  Ursprung  des  „  guna "  aus  den  „  grund- 
vocalen"  /,  u  zu  demonstrieren  (Job.  Schmidt  indog.  vocal. 
I  140  ff.),  so  weisen  sie  uns  jetzt  den  umgekehrten  weg  von 
den  „ diphthongen "  ei  eu,  a{  au ^  oi  ou  zw.  /,  u  hin. 

Durch  unsere  fixierung  der  Stellung  der  *  und  ü  dürfte 
nun  auch  die  neuere  „absteigende"  vocalismustheorie  mit  der 
devise  „le  gouna  est  mort"  (Havet)  von  einem  einwände 
befreit  werden,  der  ihr  von  einigen  selten  nicht  ohne  eine 
gewisse  berechtigung  gemacht  worden  ist.  Die  lautphysio- 
logischen bedenken  müssen  verstummen,  welche  Misteli  zeit- 
schr.  f.  völkerpsychol.  XI  240  ff.  und  Curtius  verb.  d.  griech. 


349     — 


spr.  ir  38 f.  vorbringen,  dass  das  „ausspringen"  eines  a  oder  e 
um  nichts  begreiflicher  sei  als  das  von  der  alten  gunatheorie 
behauptete  „  einspringen "  eines  a  in  den  wortkörper,  dass  die 
^  reduction  der  diphthonge  et  und  ev  zu  i  und  v :  leiTteiv  li- 
7t€lVj  y.evd-eiv  v.vd-elv''  mehr  „rein  arithmetisch  betrachtet" 
der  „ausstossung  des  wurzelhaften  e"  in  y.e-yl-e-ro  parallel 
erscheine  als  vom  Standpunkte  der  physiologischen  einsieht, 
dass  „die  Schwächung  von  dadarcüs  gagamüs  zu  dadrcüs 
gagmtis  ungleich  verständlicher  sei  als  diejenige  von  bibhai- 
düs  bubhmigüs  zu  blbhidüs  bubhugüs^.  Die  annähme,  dass 
indog.  lik^-  aus  leik^-  entstanden  sei,  hört  auf  zu  den  von 
dem  „jüngeren  geschlecht  der  Sprachforscher"  perhorrescier- 
ten  constructionen  zu  gehören,  „  die  sich  nur  auf  dem  papier 
gut  ausnehmen",  sobald  Itk^-  als  die  Übergangsstufe  nach- 
gewiesen (vergl.  lit.  hjk-iu-s  m.  ^rest')  und  gezeigt  worden 
ist,  dass  man  durch  zwei  auf  einander  folgende  grundsprach- 
liche lautwandelungen  von  leik"^-  zu  lik"^-  abwärts  gelangt. 
Für  die  assimilatorische  Umsetzung  der  alten  indogermani- 
schen /-  und  ?/- diphthonge  in  i,  w,  wie  wir  sie  behaupten, 
kann  als  ein  analogon  aus  jüngeren  Sprachperioden  angeführt 
werden:  der  nicht  angezweifelte  lateinische  tibergang  von 
a/,  au  in  T,  ü  im  schlussgliede  von  compositen,  in-mdöy  cön- 
-clüdd  neben  "^cdidö  caedö,  cläudöy  der  doch  wol  wie  die 
Schwächung  von  *per-factos  zu  per-fecius  und  alles  der- 
gleichen in  einer  Verlegung  des  haupt  -  worttones  auf  das 
praefix  (erste  compositionsglied)  in  der  zeit  älterer,  vorhisto- 
rischer betonung  der  lateinischen  spräche- seinen  grund  haben 
wird.  Vergl.  s.  2.  125  f.  330.  335.  Wenn  wir  ferner  dann 
indog.  ij  ü  bei  noch  weiterer  Verminderung  der  tonstärke  der 
betreffenden  silbe,  eintritt  der  tonlosigkeit  für  nebentonigkeit, 
zu  tj  ü  herabsinken  lassen,  so  wird  dafür,  glaube  ich,  kaum 
im  ernst  ein  Zweifler  nachweise  der  physiologischen  möglich- 


—     350     — 

keit  durch  beibringung  modernsprachlicher  analogien  ver- 
langen. Ich  erinnere  zum  tiberfluss  an  solche  abschwächun- 
gen,  wie  die  der  componierten  alten  -rieh  und  -lieh  zu  -rich^ 
-Uch  im  hochdeutschen,  in  Diet-rich^  wüte-rich^  amhd.  swe- 
-lich  swe-lechy  md.  wi-lich  swi-lich  u.  a. ;  vergl.  Weinhold 
mittelhochd.  gramm.  §40.  s.  41.,  Paul  mittelhochd.  gramm. 
§  13.  anm.  1.  s.  9.  Da  aber  Curtius  „aus  jenem  viel  empfoh- 
lenen gesundbrunnen  der  lebenden  sprachen"  auch  beispiele 
des  Vorganges,  dass  ein  diphthong  ai  zu  ^  wird,  wünscht,  so 
kann  ihm  vielleicht  mit  folgendem  einen  auch  in  dieser  be- 
ziehung  gedient  werden.  Neuengl.  my  ^  gesprochen  mai^  ist 
wie  das  entsprechende  nhd.  mein  =  ahd.  mhd.  min  die  haupt- 
tonige,  darum  diphthongierte  satzform,  die  nur  in  der  folge 
auch  in  nebentoniger  Stellung  (in  my  fäther^  my  sistej^)  mit 
verwandt  worden  ist.  Daneben  aber  besteht  für  my  ^  wenn 
es  ohne  allen  nachdruck  gebraucht  wird,  namentlich  in  der 
familiären  rede  die  ausspräche  als  mi\  mi  fäther]  allgemein 
herrschend  in  my-lord  =  mi-lörd.  Dieses  mi  ist  die  eigent- 
liche form  der  proklise  gewesen  und  als  solche  aus  jenem 
mal  durch  die  tonlosigkeit  entstanden.  Schwerlich  dürfte  die 
abschwächung  mX  aus  mai  in  so  alte  zeit  zurückreichen,  wo 
für  letzteres  noch  dessen  nicht  diphthongierte  grundform 
mengl.  mi  bestand,  so  dass  dann  aus  dieser  direct  das  heu- 
tige mi  herzuleiten  wäre;  eher  möchte  ich  glauben,  dass 
noch  ein  modernes  mi  irgendwo  aufzuweisen  sein  werde,  als 
die  zu  postulierende  zwischenform  zwischen  med  und  mi^). 


1)  Das  neuengUsche  hat  überhaupt,  worauf  mich  Paul  aufmerksam 
macht,  in  seiner  volkstümlichen  heutigen  ausspräche  mancherlei  erschei- 
nungen,  die  als  parallelen  dessen  dienen  können,  was  die  neuere  vocal- 
theorie  als  lautvorgänge  der  ältesten  indogermanischen  vorzeit  annehmen 
zu  müssen  glaubt.  So  die  entwickelung  von  sonantischen  nasalen  und 
liquiden  auch  in  den  Vorsilben  der  Wörter,  wenn  z.  b.  en'öf  {enough)  zu 


—     351     — 

Ich  constatiere  jedoch  zum  schluss:  unsere  theorie  gibt  das 
unmittelbare  „ausspringen"  des  e,  «,  o  aus  den  diphthong- 
verbind ungen  indog.  ei  ai  oif  eii  aii  ou  auf,  also  ist  von 
uns  füglich  der  beweis  gar  nicht  zu  verlangen,  wie  jener  ver- 
meintliche von  Misteli  und  Curtius  nicht  mit  unrecht  rätsel- 
haft gefundene  lautvorgang  durch  analogien  aus  neueren  spra- 
chen und  lautphysiologische  begrtindung  gerechtfertigt  wer- 
den könne. 

Man  kann  endlich  fragen:  gibt  es  nicht  noch  spuren  in 
den  einzelsprachen,  die  darauf  hindeuten,  dass  der  gebrauch 
jener  von  uns  statuierten  grundsprachlichen  doppelformen  mit 
I,  ü  und  V,  u  einst  wirklich  nach  einem  solchen. accentabstu- 
fungsgesetz,  wie  wir  es  aufstellten,  sich  regelte?  Wir  sind 
in  der  tat  auch  nach  dieser  Seite  hin  nicht  gänzlich  von  allen 
anhaltspunkten.  entblösst. 

Schon  s.  272.  273  f.  erwähnte  ich,  dass  in  niederdeutschen 
dialekten  Westfalens  noch  heutiges  tages  eine  Scheidung  im 
gebrauche  zwischen  den  formen  diu^  niu  und  du^  nu  je  nach 
dem  verschiedenen  tongewicht,  das  ihnen  im  satze  zukommt, 
herrscht.  Ahnlicher  art  ist  doch  auch,  wenn  die  alten  Grie- 
chen ihr  vv  und  vvv  (z.  b.  in  roL-vvv)  enklitisch  gebrauchten, 
aber  daneben  nicht- enklitisches  vvv  hatten;  nur  dieses  vvvy 
kann  man  sagen ,  hat  im  griechischen  seine  ursprüngliche 
gebrauchssphäre  tiberschritten ,  in  sofern'  es  von  der  neben- 
tonigen Satzstellung  auch  zu  haupttoniger  gelangt  ist,  für 
welche  letztere  ganz  ursprünglich  eine  form  mit  „diphthong" 
eu  bestanden  haben  muss.  Dazu  halte  man  nun,  was  im 
vedischen  sanskrit  über  nu  und  nü  gilt,  dass  im  rgvedä  „  zu 

nnof  und  nof  wird.  Wie  indog.  es-  'sein'  zu  s-  bei  nachfolgendem 
hauptaccente  sank,  so  ist  engl,  öpon  (upon)  volksaussprachlich  häufig 
als  p'on  anzutreffen.  Engl, pon :  rrä-lörd  =  indog.  s-the"si\.nBkr.  s-thd: 
t-the  sanskr.  ^-thä. 


—     352     — 

anfang  eines  Stollens "  stets  nur  die  erstere  „  gedehnte "  form, 
niemals  nü  steht;  vergl.  Grassmann  wörterb.  z.  rgv.  '745., 
Benfey  ^die  quantitätsverschiedenheiten  in  den  samhitä-  und 
pada- texten  der  veden'  Göttingen  1879.  IV  2,  27.  und  das 
von  beiden  gelehrten  citierte  rgv.-prätig.  465.  ed.  M.  Müller. 
Im  anfange  des  satzes,  wo  die  stimme  keinen  grund  hat, 
sogleich  zur  tonlosigkeit  herabzusinken,  ist  darum  gemäss 
unserer  s.  282  f.  entwickelten  regel  die  nebentonige  tiefstufen- 
form  nu  nach  bereits  indogermanischem  sprachgebrauche  ge- 
rechtfertigt. Die  Vermutung,  welche  Benfey  a.  a.  o.  29  ff. 
äussert,  dass  in  solchem  falle  jenes  im  anfang  eines  Stollens 
befindliche  nii  aus  nii  u  bestehend  noch  die  partikel  u  berge, 
ist  also  liberflüssig  und  scheint  auch  von  ihrem  Urheber  selbst 
hinterdrein  in  richtiger  erwägung  des  griechischen  nebenein- 
auders  von  vvv  und  vv^  vCv  und  des  dadurch  wahrscheinlichen 
höheren  alters  einer  form  n  n  fallen  gelassen  zu  werden.  Von 
der  Partikel  u  führt  Benfey  quantitätsverschiedenh.  IV  1 ,  1 8  ff. 
mit  anknüpfung  an  das  rgv.-prätig.  449.  488.  aus,  dass  sie 
regelmässig  „  gedehnt "  als  ü  vor  nu  und  su  (shü  in  der  sam- 
hitä) erscheine.  Unsere  abstufungsregeln  erfordern  einen  ähn- 
lichen zustand  als  den  ursprünglichen :  war  von  den  zwei  zu- 
sammentretenden enklitischen  partikeln  die  eine  tonlos,  so 
musste  die  andere  nebentonig  sein,  so  dass  von  hause  aus  die 
combinationen  sanskr.  ü  shu  und  u  shü  existierten,  aber  nicht 
ü  shü  und  u  shu.  Das  wichtigste  zeugnjs  aber  ist  wol  fol- 
gendes. Die  indischen  grammatiker,  PäniDi  VII  4,  23.  24., 
Vopadeva  XXIII 16.,  kannten  die  regeln,  dass  hinter  prae- 
fixen  bei  der  wurzel  i-  *^gehen'  im  precativ  keine  Ver- 
längerung des  i-  und  bei  üh-  ^schieben'  (vergl.  s.  9.)  im 
precativ,  passiv  und  gerundium  eine  Verkürzung  des  ü- 
stattfinde.  Vergl.  Benfey  sämav.-gloss.  s.  33.  vollständ.  san- 
skritgramm.  §  866, 1.  s.  399.  §  874,  8.  s.  405.  §  915,  II.  ausn. 


—     353     — 

u.  bemm.  6.  s.  430.,  Böhtlingk-Roth  Petersb.  wörterb.  I  753. 
1032.,  Stenzler  elementarb.  d.  sanskritspr.'  '•  §  183,  2.  s.  36., 
oben  s.  52.  Ob  nach  der  vedischen  und  bekanntlich  indo- 
germanischen betonung  des  verbum  finitum  sdm  iyät  und 
sdm  nhyutj  sdm  uhyate  im  unabhängigen  hauptsatze  stehen 
mochte  oder  sam  iyä't  und  sam  uhyät^  sam  uhyate  im  ab- 
hängigen nebensatze:  auf  jeden  fall  hatte  die  Wurzelsilbe,  dort 
bei  dem  accentschema  dlia^  hier  bei  dem  von  «'«  (für  die 
drei  ersten  silben),  die  schwächste  tonge wichtstufe  inne  und 
schloss  daher  das  /-,  ü-  der  simplicia  iyä't  und  üliyat^  uhyate, 
aus.  Erst  durch  ausgleichung  mit  den  letzteren  konnten  auch 
sam -iyät  abhy-ud-iyät^  '^  sam-uhyät  "^sam-ühyate  zu  stände 
kommen.  Eine  Verschiebung  der  alten  Stufenverhältnisse 
zeigt  eigentlich  auch  schon  das  in  der  wurzel  normale  ge- 
bilde  ud-iyät  an :  es  musste  als  form  des  nebensatzes  mit 
dem  Schema  äad  ursprünglich  "^üd-iyat  lauten,  aber  das  ^üd 
ist,  wie  fast  durchweg  im  sanskrit,  ausgemerzt  zu  gunsten 
der  nebenform  ud  (vergl.  s.  259  ff.) ;  in  dem  singular  act.  des 
indic.  praes.  wechselten,  nach  massgabe  der  accentstufe  der 
im  nebensatze  unmittelbar  vorhergehenden  silbe,  einst  sanskr. 
*üd-eti  und  ud-eti  uni  einand-er  ab. 

Es  dürfte  zur  beurteilung  meiner  theorie  für  den  leser 
vielleicht  von  Interesse  sein,  zu  erfahren,  dass  ich  auf  diese 
historisch- einzelsprachlichen  reminiscenzen  an  das  alte  gesetz 
des  wechseis  von  7,  ü  und  t,  ü  erst  hinterdrein  aufmerksam 
geworden,  nicht  zum  entwerfen  meiner  constructionen  von 
ihnen  ausgegangen  bin. 

4. 

III.  Den  7,  w  vor  consonanten  stehen  //,  u?/  vor 
sonanten  gleich,  durch  dieselbe  assimilation  des 
r/-elements  wie  jene  entstanden,  nur  von  der  con- 

OsthoflF  u.  Brugman  untersuch.  lY.  23 


■      —     354     — 

traction  verschont  bleibend,  weil  consonantische 
funetion  des  zweiten  elements  erforderlich  blieb. 

IV.  Den  ^,  ü  vor  consonantep  aber  entsprechen 
vor  soiianten  iy  u,  dies.e  ebenso  aus  ii,  uu  mittels 
einbusse  einer  mora  (hier  der  sonantischen)  re- 
duciert  wie  «,  ü  aus  *,  ü. 

Das  war  schon  bekannt,  dass  in  der  sanskritischen  decli- 
nation  von  dhi'-s  dhiy-as  und  bhu-s  bhuv-as  dem  dhi-y  blm- 
vor  consonanten  das  dhiy-y  bhuv-  mit  sogenannter  „Spaltung" 
vor  sonantisch.  anlautenden  Suffixen  parallel  sei.  Nicht  so, 
dass  anstatt  jener  Paradigmen  oder  neben  denselben  das  alt- 
indische auch  diejenigen  von  "^dhi-s  "^dhy-asy  "^  hhü-s  "^ bhv-ds 
als  erbtum  aus  dem  indogermanischen  besitzen  könnte. 

Es  verhält  sich  also  z.  b.  g'^iia  'gewalt'  (würz,  fi^el- 
*^oben  auf  sein,  bezwingen^,  sanskr.  je-,  jäy-a-ti)  =  päli 
jiyä  (E.  Kuhn  beitr.  z.  päligramm.  47.,  vergl.  auch  ved. 
jiyayas-  "^mächtiger ^,  jiyeshtha-  "^mächtigster^  bei  Grassmann 
wörterb.  z.  rgv.  502.  503.),  griech.  ßi{l)\  zu  cj^\a  ==  sanskr. 
pälij)/«  (E.  Kuhn  ebend.)  so  wie  ik^a  *^ deichser  =  sanskr. 
ica  zu  ik^ü  ==«avest.  isa  (oben  s.  172.)  oder  wie  lug^ti 
"^bruch,  loch'  =  anord.  luka\  neuniederd.  Inke,  linke  zu 
luQ^a  =  sanßkr.  ruja  (s.  179.).  Desgleichen  griech.  ßw-o, 
''bogen'  für  '^ßi{i)a  (vergl.  s.  188.),  lit.  gijh  ''faden':  sanskr. 
jya  f.  *^bogensehne';  avest.  y^a  f.  kann  =  *y^y«  und  = 
*y?/a  sein. 

Eine  indogermanische  ^satzdoublette  ist  wol  auch  reflec- 
tiert  durch  griech.  öia  und  'Ca  aus  *(5«a;  vergl.  Ahrens  dial. 
I  46.,  Curtius  grundz.'^  617 f.,  veif.  morphol.  unters.  II  16. 
anm.,  Gust.  Meyer  griech.  gramm.  §  261.  s.  230.  Wenn  auch 
die  Lesbiermundart  das  Za  bevorzugte,  so  war  es  doch  be- 
kanntlich weder  ganz  auf  diese  beschränkt,  noch  lässt  sich 
behaupten,  dass  C-  aus  gemeingriech.  di-  vor  sonanten  ein 


_     355     — 

specieller  lesbisch  er  lautwandel  war,  trotz  des  Zovvvoog  einer 
lesbischen  schrift,  das  eben  selbst  nur  eine  ehemals  gemein- 
griechische zwillingsschwesterform  von  Jtovvoog  gewesen 
sein  kann. 

Nach  griechischen  lautgesetzen  vereinigen  sich  auch 
nicht  övco-dsy.a  bei  Homer  und  anderen  epikern,  Pindar  und 
Herodot  und  homer.  nachhomer.  öw-dexa  aus  "^dßco-öeza. 
Wir  haben  das  indogermanische  formenpaar  diiuö  und  du  6 
"^zwei^  aufzustellen.  Die  nebentonige  tiefstufenform  reprae- 
sentieren  ved.  duva  duvaü  masc,  d?ive  fem.,  duva-daga  {dvä- 
-da^a  viersilbig  rgv.  I  25,  8.  164,  11.  48.  IV  33,  7.),  avest. 
duva  yt.  V  131.  XIX  26.  (vergl.  Geldner  metrik  des  jüngeren- 
avesta  §  39  f.),  griech.  öv{ß)o  öv{ß)a)y  öv{ß)cü-S€xay  lat. 
duOj  abulg.  düva^  lett.  dialekt.  duwa  (Bielenstein  lett.  spr. 
§  131.  I  s.  189.);  die  tonlose  sanskr.  ved.  dva  dvaü  masc!, 
dve  fem.  neutr. ,  dva-da(^a^  dvayä-Sj  griech.  d{F)co-ö-exa, 
S(F)oi6-g^  altir.  da  masc,  di  fem.  (aus  "^dvä,  *dvai  nach 
Windisch  Curtius'  grundz.'^  239.),  abulg.  dva^  d.voj\  lit.  dv^jü 
gen.,  dvem  dat.,  dvem  instr,,  dvi  fem.,  dveji  ^je  zwei^,  dvejö- 
pa-s  *^zweierlei\  got.  tvai  tvös  tva^  anord.  tveir  tvcer  tvau^ 
ags.  tve^en  tvä  tvi^^  ahd.  swene  zwä  zwei.  Einsilbiges  dva 
dvauy  dve  steht  neben  zweisilbig  zu  lesendem  im  veda  voll- 
kommen fest  (vergl.  Grassmann  wörterb.  z.  rgv.  649  f.) ;  drei- 
silbiges dvu-da^a  =  öoj-dexa  wenigstens  durch  dvCidacäsya 
rgv.  VII  103,  9.  und  dvu'dacükrtim  rgv.  I  164,  12.,  während 
das  bei  trishtubhmetrum  dreisibige  dva-daca  und  viersilbige 
ä-dvd-da^dm  rgv.  X  114,  5.  6.  wegen  der  metrischen  Schwie- 
rigkeiten des  betreffenden  liedes  (vergl.  Grassmann  wörterb. 
650.  unt.  dvu-daqnn)  als  unsicher  bei  Seite  bleiben  mögen. 
Das  Zahladverb 'zweimal'  hat  .nur  im  vedischen  sanskrit  den 
Vertreter  der  stärkeren  form  mit  uu  :  ved.  f/i'/'*  zweisilbig, 
also  duvis  rgv.  I  53,  9.  VI  66,  2.  X  120,  3.  (vergl.  Grassmann 

23* 


—     356    — 

wörterb.  z.  rgv.  653.);  daneben  indog.  dms  ==  sanskr.  ved. 
dvis  ^  avest.  hüli^  griech.  ^(/)/g,  lat.  bis^  got.  tvis  (in  tvis- 
-standan,  tvis-stnss\  ahd.  sivir^  zwir-o  (oben  s.  260.  anm.). 

Die  indogermaniscbe  doppelheit  k^uuo{n)  und  k^utin) 
'hund',  die  man  derjenigen  von  ahd.  hüfo  und  lat.  in-cubo 
(oben  s.  202  f.)  parallel  zu  setzen  hat,  ist  vertreten  durch 
ved.  cuvä\  griech.  %v(ß)a)v  einer-  und  sanskr.  ved.  nach  ved. 
fvuj  avest.  späj  lit.  szu  aus  *szvu  anderseits.  Die  belege 
aus  dem  rgveda  für  „aufgelöstes"  pwa,  mvan-au  neben 
„nicht  aufgelösten"  pvuj  gvan-am^  pvän-ä  sieh  bei  Grassmann 
wörterb.  z.  rgv.  1433.  Es  differieren  auch  cuv-ä\  xv-cov  von 
gv'ä\  sp-ä,  ^szv-u  in  demselben  grade  wie  avest.  sü-n-ö  gen. 
sing.,  sü-n-e  dat.  sing.,  m-n-äm  gen.  plur.,  sü-n-i-sK  m.  f. 
*^^hund'  von  sanskr.  (pi-n-as  gu-n-e  cü-n-i  cü-n-äm^  cu-n-i  f. 
^hündin',  griech.  xv-v-ög  xv-v-l  -/.v-v-wvy  lit.  ssu-n-s  gen. 
sing. ,  lit.  dial.  szu-n-i-s  nom.  sing.  (Kurschat  gramm.  d.  litt, 
spr.  §  731.  s.  207.).  Nur  das  nachvedische  sanskrit  und  das 
litauische  haben  in  der  Wurzel  gleichstufige  themenformen  im 
paradigma  bei  einander  gehalten;  das  griechische  lässt  mit 
der  nebentonigen  äntesonantischen  die  tonlose  anteconsonan- 
tische,  umgekehrt  das  avestische  mit  der  tonlosen  äntesonan- 
tischen die  nebentonige  anteconsonantische  alternieren.  Die 
Stammform  k^un-  ist  nicht  durch  „ samprasärana "  aus  k^u-on- 
entstanden,  sondern  durch  Verkürzung  aus  dgn  im  zend  ge- 
wahrten k^ün-,  das  seinerseits  aus  k^uu-n-  (dieses  weiter- 
hin aus  kuu-on-.  welches  endlich  aus  k^ a'^u-onA  sich 
gebildet  hatte,  wie  k^lü-tö-s  aus  kHuu-tö-s  (oben  s.  282.). 

Mit  der  form  sü-  ""sau'  vor  consonanten  (s.  219.)  ist 
gleichstufig  suu-  in  griech.  v{F)-6g  Gv(ß)-6gj  v(ß)-l  Gv(ß)-lj 
v{ß)-cüv  Gv{ß)-wvj  v-aiva  Gv-atva  f.,  v-eio-g  adj.,  v-rjvla  f., 
v-L-no-g  adj.,  v-o-ftovGlä  f.,  Gv-aygo-g  m,,  Gv-o-ßavßalo-g 
adj.,  Gv-o-xTaGiä  f.,  Gv-o-TiTovo-g  adj.,  Gv-o-xTovlä  f.,  Gv-o- 


M^' 


—     357     — 

-(povri-g  f.  adj.;  in  lat.  su-is^  su-ij  su-umj  lat.su-mu-s  adj., 
su-iUu-s  adj.,  su-lle  n.;  lett.  suw-en-s  *^ ferker  (BieleDstein  lett. 
spr.  §  131.  I  s.  189.).  Aber  das  tonlos  -  tiefstufige  und  dem 
sü-  vor  consonanten  (vergl.  s.  220.)  parallele  su-  zeigt  sich 
in  -abulg.  sv-inü  adj.  "^suillus"*,  sv-imja  f.  ''sus^;  in  got.  sv-ein, 
anord.  sv-m^  ags.  sv-tUy  alts.  alid.  sw-in  n.  '^schwein\  End- 
lich in  zwei  griechischen  Wörtern :  o-lxa '  vg  ^d^iwvsg  Hesych. 
(Curtius  grundz.^  382.),  o-Lalo-Q  m.  *^fettes  schwein,  mast- 
schwein,  fett',  aus  "^aF-ma^  * oß-l-alo-g.  Lat.  su-inu-s  adj. 
iind  anderseits  abulg.  sv-inü  adj.,  deutsches  sw-in  n.  sind 
grundsprachliche  zwillingswörter  ^).     Seinen  zweifei  an  der 


1)  Got.  sv-ein  n.  :  abulg.  sv-inü,  lat.  su-mu-s  adj.  =  got.  gait-ein  n.  : 
lat.  haed-inu-s  adj.  Das  suffix  -Iwö-,  von  hause  aus  in  einem  stamm- 
abstufungsverhältnisse  mit  einem  -a^ino-  =  avest.  -a^na-  stehend,  bil- 
dete ursprünglich  adjectiva  der  herkunft,  vornemlich  auch  stoffadjectiva. 
Man  vergleiöhe  beispiele  aus  dem  avestischeh  und  mehreren  europäischen 
sprachen  bei  Fick  Kuhns  zeitschr.  XVIII  453  f.,  Bugge  Kuhns  zeitschr. 
XX  42.;  für  den  Wechsel  von  -%no-  mit  -^no-  ist  besonders  bemerkens- 
wert griech.  v8ar-tro-s  (oben  s.  196.).  Von  einem  substantivierton  stoff- 
adjectiv,  dessen  stammnomen  ein  lebendes  wesen  bezeichnet,  zu  dem  de- 
minutivum  oder  hypokoristikon ,  von  'das  schweinerne',  'das  böckerne' 
zu  'schweinchen',  'böckchen'  ist  nur  ein  klefiier  schritt.  So  entsprang 
also  das  germanische  deminutivsuffix  -hi  in  mhd.  maged-ln,  vinger-m, 
vogel-hi,  andere  hypokoristische  ableitungselemente  mit  indog.  -k^-,  -l-  er- 
weiternd in  den  combinationen  mhd.  -ch-in,  -hm  (Weinhold  mittelhochd. 
gramm.  §  261.  s.  233  f.  §  2(34.  s.  236  f.).  Zu  den  germanischen  deminu- 
tiven auf  -ino-m  aus  tiernamen  kommen  einige  dem  etymon  nach  ver- 
stecktere hinzu.  Einmal  ags.  hec-en  n.  'junge  ziege'  =  got.  *hak-ehi, 
als  zu  dem  primitivum  abulg.  koza  f.  'ziege'  gehörig.  Sodann  macht 
mich  dr.  Kluge  darauf  aufmerksam,  dass  auf  zwei  urgermanischen  for- 
men, kcuk-ino-m  und  kük-ino-m,  diese  bezeichnungen  des  jungen 
huhns  zurückgehen:  ags.  cic-en,  ueuengl.  chick-en,  mittel-  und  neu- 
niederländ.  kiek-en  n.  =  got.  *kmk-ei?t\  neuniederl.  kuik-en,  mittel-  und 
neuniederd.  kük-en,  neuniederd.  westfäl.  (grafsch.  Mark)  kuik-en  (/-Um- 
laut ui  von  iu  ==  germ.  ü  wie  in  huiser,  micise,  luise  plur.  zu  hius 
'haus',  mius  'maus',  lius  'laus'  in  demselben  dialekt),  mitteld.  küch-ln  vt. 
=  got.  *kük-ein.    Das  Stammwort  ist,  wofür  sich  auch  Hildebrand  im 


—    358     — 

verwantschaft  von  olaXo-g  mit  ov-g  wird  Joh.  Schmidt  (vergl. 
Kuhüs  zeitschr.  XXV  142.  anm.)  wol  fahren  lassen,  wenn  man 
jenes  nicht  mehr  aus  *ov-ako-s  mit  Übergang  von  v  vor 
vocal  in  t  entstehen  lässt;  die  Stammbildungsbestandteile 
sind  suff.  -to — h  suff.  -alo- ;  den  deminutivischen  Charakter 
darf  o-l-alo-g  haben,  auch  wenn  es '  homerisch  als  epitheton 
von  ov-g  erscheint.  Die  grundform  '^oFLalog  fand  übrigens 
schon  Savelsberg  Kuhns  zeitschr.  XXI 123  f.  (vergl.  auch  Gust. 
Meyer  griech.  gramm.  §  222.  s.  197.),  wenn  er  gleich  das  i 
darin  mis verstand ').  Lakon.  G-V/,-a  sieht  aus  wie  ein  acc. 
sing.  fem.  in  der  art  der  lat.  jün-lc-em^  com-lc-em^  victr-lc-em ; 
das  interpretamentum  im  nominativ  vg  hindert  wol  nicht  es 
so  aufzufassen  "(vergl.  in  umgekehrter  discrepanz  die  lako- 
nische glosse  7caQöovXa'/.LQ'  tov  TQißiova  orav  yevr^taL  cog 
^vlay.og),  anderes  falles  liegt  die  emendation  tv  nahe  zur 
band.  Von  hier  aus  haben  wir  auch  hoffnung,  endlich  mit 
dem  den  strengen  lautgesetzlern  in  den  weg  geworfenen  stein 


deutsch,  wörterb.  unt.  küken  entscheidet,  anord.  kokk-r  m. ,  neuengl. 
cock  'hahn'  =  got.  *kukk-s.\  demgemäss  wol  eine  urgermanisch  ablau- 
tende declination  dieses  »letzteren  anzunehmen,  wobei  keuko-z  mit 
kükö-  und  kukkö-  in  den  nicht- wurzelbetonten  casusformen  abwech- 
selte ;  die  Vereinfachung  des  doppelconsonanten  kk  nach  langem  vocale 
oder  diphthongen  scheint  regel  gewesen  zu  sein  wie  diejenige  des  ss  in 
rvisö-  'weise',  hüsü-  'haus'  u.  a.  (oben  s.  77.  91  f.  104.).  Mit  got. *kuk-ein 
=  neuniederländ.  kuik-en,  neuniederd.  küken,  westfäl.  kuik-en  ist  lat. 
su-lnu-s  aus  suu-ino-s  gleichstufig  in  der  wurzel,  während  dem  got. 
sv-ein,  abulg.  sv-iitü  ein  got.  *kukk-ein  von  der  auch  in  dem  Stammwort 
anord.  kokk-r,  neuengl,  cock  verallgemeinerten  wurzelstufe  parallel  sein 
würde. 

'  1)  Ebenso  entstand  viieQ-fpiaXo-s  aus  *v7iEQ-(pß-ialo-s.  Dürfte  dieser 
bildung  als  einer  mit  secundärem  suffixe  -lo-  vielleicht  ein  abstractum 
* v7isQ-cp-iä  =  lat.  super-h-ia  zu  grundie  liegen,  da  auch  letzteres  für 
* super-bv-ia  wol  stehen  kann?  Vergl.  oben  s.  148.  Joh.  Schmidts  her- 
leitnng  des  vns^cpiaXos  2ms*v7csQ-(psj^-alo-g  hat  an  dialektischen  er- 
scheinungen  wie  boeot.  xXios,  qiovtos  keine  stütze. 


I 


I 


I 


—     359     — 

des  anstosses,  dem  rätselhaften  a-  in  ov(i  (Curtius  grundz.^ 
431.),  fertig  zu  werden.  Anlautendes  oF-  verflüchtigte  sich 
nicht  unter  allen  umständen  zum  Spiritus  asper,  sondern  blieb 
in  bestimmten  fällen  als  a-  erhalten;  vergl.  Curtius  grundz.'^ 
429  f.  und  die  (indes  nicht  alle  etymologisch  sicheren,  zum 
teil  unrichtigen)  beispiele  bei  Gust.  Meyer  griech.  gramm. 
§222.  s.  196  f.^).    Machte  nun  das  urgriechische  einst  auch 


1)  Intervocalisches  aß  fiel  niclit  aus  im  griechischen;  vergl.  oben 
s.  187  f.  anm.  Folglich  conjugierte  man  einst  praes.  rid'oj  neben  imperf. 
e-ffrjd-ov;  dann  erfolgte  ausgleichung  nach  beiden  richtungen  bei  dieser 
Wurzel  Gßrjd"'  'sieben'.  Bei  anderen  wurzeln  in  der  conjugation  aber  nur 
in  einer  richtung.  So  bei  biqco  'knüpfe'  =  lat.  ^^rö,  würz.  suer-\  bei 
allofiai  =  lat.  saUo,  wurzel  syLcl-  'ansteigen,  in  die  höhe  gehen',  ahd. 
stveUan.  Andererseits  bei  aaC^co  =  lat.  säriö,  würz.  suär-\  bei  aivo/xai, 
=  ahd.  5/ymw;  aaivco^yfuxz.  sua'^n-\  aamo^yfMvz.  snak-\x.2i..  Nomina 
wahrten  das  aß-  als  -aa-  -a-  zunächst  in  der  composition,  so  in  den  homer. 
ev-aoe^fio-s,  xovi-aaaXo-s  (xovi-aaXo-s).  Doch  ging  im  festeren  gefüge  mit 
proklitischen ,  vocalisch  oder  consonantisch  auslautenden  Wörtern  das 
anlautende  a-  =  aß-  ebenfalls  nicht  verloren.  Läutgesetzlich  waren  im 
satzanlaute  oder  isolierten  gebrauche  überhaupt  *£Xfia,  *«7os  (vergl. 
alXofiai),  *elqd,  *  €^is  (vergl.  si^co),  ^eXrjri],  wie  qcvoos,  r^Svs  u.  a.  Aber 
ebenso  lautgesetzlich  rb  aeXfia  und  ana^  nara  aeXfxaros^  ai  aslCSss,  6 
aaXos  und  ix  aäXov,  rj  aeiQd  und  ix  aeiQcis,  y  ae^is,  7)  und  a  aeXrivrj^  SOWie 
beim  verbum  auch  ano-,  Sia-arjd'io,  ano-,  dTti-j  xara-,  na^a-aaricOj  vno- 
aaivfo,  vTto-aai^co,  avu-oalevoi  u.  dergl.  So  kamen  auch  die  griechischen 
Springpriester  oder  Salier  zu  ihrer  doppelten  namensform;  'Ekloi  und 
^elloi  (Curtius  grundz.^  548.),  letzteres  aus  den  Verbindungen  oi  ZeXloi^ 
ü>  Selloi  entwickelt.  Die  von  Delbrück  neuerdings  einleit.  in  d.  sprach- 
stud.  115.  anm.  aufgestellte,  auf  der  distinction  zweier  ß  beruhende  er- 
klärung  unserer  fälle :  „a  mit  consonantischem  ß  wird  aa  (a),  während  a 
vor  halbvocalischem  ß  abfällt"  Hesse  sich  nur  dann  hören,  wenn  es  keine 
doppelentwickelung  an  denselben  wurzeln  gäbe,  wie  in  r^^'(o  und  ar]d'(o^ 
EiQ(o  und  aeiQä  asQis,  aXlo/xat  'EXXol  und  aaXo'S  aaXevco  JSeXkoi.  Bei- 
läufig: „wenn  eingeräumt  wird,  dass  aß  bald  a,  bald  ß  übrig 'lässt,  so 
begreift  ref  nicht,  weshalb  der  gleichartigen  gruppe  aj  solche  doppelte 
Umwandlung  verweigert  wird",  meint  der  „(?)"recensent  von  Gust.  Meyers 
griechischer  grammatik  im  liter.  centralbl.  1880.  uro.  43.  sp.  1421.  Es 
wird  dem  referenten  nicht  unbekannt  sein,  was  noch  neuerdings  J.  Wacker- 


—     360     — 

von  casusformen  mit  tonloser  tiefstufe,  *  oF-6g  *  GG-6gy  *  oß-l 
*Go-lj  *Gß-cüv  *GG-iüVy  gebrauch,  so  konnte  von  diesen,  so- 
wie auch  von  den  Weiterbildungen  G-l/-a,  G-lalo-g,  das  v-g 
anlautendes  g-  wieder  empfangen.  Die  endgiltige  wähl  der 
formen  von  nebentoniger  tiefstufe,  v-6g,  v-ly  v-tov  {Gv-6g, 
Gv-lj  Gv-wv)j  war  bedingt  durch  die  grössere  etymologische 
durchsichtigkeit  dieser. 

Von  den  vermutlich  nicht  e- wurzeln  seienden  indog. 
bhai'  ^sich  fürchten'  (vergl.  s.  339.),  gh'aii-  'rufen'  (vergl. 
s.  59.  ebend.  anm.)  stelle  ich  hier  noch  Wortbildungen,  be- 
sonders nicht  verbale,  mit  beiden  graden  der  antesonan- 
tischen  tiefstufe  im  wertanlaute  zusammen.  Indog.  bhil-  in 
sanskr.  bhiy-ä  instr.,  bhiy-e  dat.  sing.,  bhiy-äs  abl.-gen.  von 
bhi-^  f.  *^ furcht',  ved.  bhiy-änd-s  partic.  med.  (s.  368.), -ved. 
bhiy-ds-am  acc,  bhiy-äs-ä  instr.  sing.,  bhiy-äs-e  dat.-infin.  von 
bhiy-ds-  m.  "^furcht'  (gleichstufig  in  der  wurzel  mit  ved.  bhi- 
-.SÄ-«  instr. ,  vergK  s.  182.  anm.),  lit.  bij-aü-s  b/j'-öti-s  'sich 
fürchten';  indog.  bki-  in  sanskr.  ved.  bhy-ns-ate  *^ fürchtet 
sich,  bebt',  ved.  sva-bhy-asd-s  adj.  Von  selbst  erschrocken' 
(atharvav.  XI  9,  17.).  Indog.  (jh^uu-  in  sanskr,  ved.  hun- 
-anyati  denom.  "^ruft,  schreit'  (rgv.  I  119,9.),  abulg.  zUv-ü 
m.  *^ruf',  zuv-ati  infin. 'rufen';  indog.  gh^u-  in  sanskr.  hv-äj 
ä-hv-ä  f.  'name,  benennung',  ved.  nachved,  hv-d-ya-ti  hv-d- 
-ya-te  'ruft,  ruft  an'  denom.,  hv-ä-tar-  m.  'rufer',  hv-äna-m^ 
ä-hv-äna-rn  n.  'das  herbeirufen',  avest.  zb-a-ye-iti  'ruft'  de- 
nom., hu-zb-ä-ta-  partic.  'wol  angerufen',  zb-d-tar-  m.  'lob- 
redner', abulg.  zv-ati  infin.  'rufen',  zv-a-taji  m.,  zv-a-teii  m. 


nagel  Kuhns  zeitschr.  XXV  267  ff.  ausführlich  zeigt,  dass  von  allen  drei 
Spiranten  a,j,  ß  der  letztere  am  spätesten,  nemlich  allein  nicht  pan- 
hellenisch, wegfiel.  Also  gab  es  auch  eine  zeit,  wo  aß  eine  „gleichartige 
gruppe  cy'"  gar  nicht  zur  seite  hatte. 


—     361     -- 

'^rufer',  zv-onu  m.  ^ton,  glockenton,  glocke'  (s.  unt.).  Im 
avestischen  des  gäthädialekts  sind  aber  nach  Bartholomaes 
beobachtungen  d.  gäthäs  u.  heil,  gebete  36.  52.  60.  94.  164. 
formen  des  verbum  zb-ayeiti  noch  häufiger  „  nach  metrischem 
bedürfnis"  mit  „silbebildendem?;"  zu  lesen,  n^mWoh  ziiv-ayä 
ys.  XXXIU  5.  XLV  14.  L  10.,  zuv-mjente  ys.  XLVHI  12., 
obgleich  die  schritt  überall  die  ausgleichung  zu  gunsten  der 
anderen  formenreihe  mit  zb-  =  indog.  gh^u-  vollzogen  hat. 
Mit  der  doublette  avest.  zuv-a-ye-üi  neben  sanskr.  hv-ä-ya-ti^ 
avest.  zb-a-yc-iti  dürften  wir,  da  ich  dies  indo  -  iranische 
verbum  nur  für  ein  denominativ  des  nomens  sanskr.  hv-ä 
(ti-hv-a)  f.  ""benennung,  name^  halte,  als  eine  entsprechende 
griechische  parallelisieren :  ein  "^  ßav-d-o-i.iat  'ich  freie'  (von 
boeot.  ßav-a  =  indog.  q^^nn-a)  neben  f^iv-a-o-f^iai  (vergl. 
s.  211.  321.  anm.).  Nach  primitivis  freilich  wie  ndy-a-ti  'ev 
führt'  muss  wol  das  denominative  sanskr.  hva-ya-ti  seinen 
accent  geändert  haben. 

Wir  betrachten  nun  die  abstufung  von  indog.  /?,  u  u 
und  l,  u  bei  bestimmten  wortbildungskategorien  des  verbal- 
und  nommalbaues  und  beginnen,  wie  bei  7,  ü  ^  t,  ü  s.  1  fif., 
mit  dem  praesens  sechster  indischer  classe. 

Sanskr.  kshiy-ä-ti  und  suv-ä-ti  sind  aoristpraesentia  wie 
avest.  vts-a-itij  griech.  Fx-w  und  sanskr.  guk-a-tiy  germ.  luka?i ; 
vergl.  s.  1  if.  Aber  sanskr.  kshy-ä-ti  und  sv-ä-tij  die  sich  in 
den  brähmanas  und  im  atharvaveda  finden  (Whitney  ind. 
gramm.  §  755.  s.  263.),  entsprechen  den  sanskr.  vic-ä-ti^ 
ruj'ä'ti.  In  beiden  stufen  liegt  auch  bei  sanskr.  hü-  'rufen, 
anrufen'  aoristpraesens  und  thematischer  aorist  im  veda  vor: 
nebentonig- tiefstufig  ved.  huv-a-t  huv-e  huv-ä-mahe,  huv-e-ma 
huv-ey-a^  ä-huv-e  ä-kuv-a-nta,  wozu  mit  „aufgelöstem"  hv- 
d.  i.  huv-  kommen  dreisilbig  zu  sprechendes  ved.  d-hv-a-t 
rgv.  I  24,  12.  13.,  a-hv-e  rgv.  III  56,  4.,  viersilbiges  d-hv-ä-ma 


—     362     — 

rgv.  VI  50,  V)y  a-hv-a-nta  rgv.  IV  6,  9.  V  29,  8.  X  122,  8.; 
anderseits  tonlos  -  tiefstufig  zweisilbiges  ved.  d-hv-a-tj  d-kv-e. 
Vergl.  Grassmann  wörterb.  z.  rgv.  1673  f.  Das  griechische  hat 
an  "^Kä-ELv  Kt-€lv  nicht  einen  aorist  wie  liic-elVy  ^r/-€lVj 
id-elVj  7c7^-€lVj  sondern  einen  solchen  wie  o^uly-elv  Hesiod. 
op.  et  di.  727.  (vergl.  oben  s.  12.)  und  wie  lit.  df/g-au  (s.  3.), 
büg-au  (s.  10.),  lüz-aü  (s.  11.).  Hiernach  nun  rechtfertigt 
sich  diö  oben  s.  15.  gemachte  bemerkung,  dass  dem  Wechsel 
zwischen  einem  indog. /?J-/ö-  und  pi-^o-  im  praesensstamm 
im  thematischen  aorist  ein  solcher  von  pii-o-  und  p^-o- 
parallel  gehen  musste.  Auch  die  litauischen  aoriste  gij-aü 
*^ich  lebte  auf,  genas,  wurde  gesund',  rij-aü  'ich  schluckte', 
lij-o  'es  regnete',  puv-aü  'ich  faulte',  zuv-aü  'ich  kam  um' 
teilen  nicht  die  schwächste  stufe  von  lik-aüj  lip-aü,  bud-aüj 
sondern  die  nebentonige  tiefstufe  jener  dyg-au^  büg-au^  lüz-au 
und  anderseits  der  jod-  und  nasalpraesentia  derselben  wur- 
zeln gy-jii  gy-nu^  ^"y-ju  ry-nu^  ^IJ-j^  ly-nu,  pü-nu  (=  anord. 
fü-na  infin.),  zü-nw^  vergl.  s.  38.  45.  166  f.  und  weiter  unten. 
Vielleicht  ist  das  unbelegte  sanskr.  riy-d-ii  (dhätupätha)  als 
das  gleichstufige  aoristpraesens  «u  lit.  rij-aü  aor.  zu  fassen. 
Die  zu  griech.  €-xt{l)-o-v  erforderliche  zwillingsform  ist  in 
der  form  ^e-oG-o-v  aus  *6-x?}-o-v  (vergl.  morphol.  unters. 
II  15.  anm.)  zu  postulieren.  Mit  zi(i)-elv  stellen  sich  zu 
of,ä%-elv  weiterhin  auch  die  aoriste  griech.  jcraq-elv^  ßak-elv, 
TafLi-eiVj  d-av-elv  aus  *7CTrQ-€iVj  "^ßll-elv^  *T7n/,i-€lVj  ^^nv-elVy 
während  *^r^-€rr,  *ßl-elv^  ^r^-elv,  *d'v-elv  die  mit  Xijc-elVy 
cpvy-tlv  gleichstufigen  Seitenformen  sein  würden. 


1)  Für  Brugman,  der  morphol.  unters.  I  10.  in  sanskr.  hv-ä-  von 
hv-ä-tar-^  hv-ä-na-  =  avest.  zb-ä-  von  zb-ä-ta-,  zb-ä-tar-  sein  verbales 
„«-Suffix"  findet,  beweist  ved.  ä-hv-ä-ma  rgv.  VI  50,  4.  doch  wol  nichts, 
da  in  dieser  aoristform  das  -ä-  doch  kaum  etwas  anderes  ist  als  der 
„thematische  vocal"  =  indog.  -o-. 


I 


—     363     ~ 

Griech.  '^%-avTi  I-ccöl  =  indog.  ii-nli  deckt  sich  in 
der  vocalstufe  auch  nicht  genau  mit  sanskr.  y-änti^  avest. 
y-einti  und  correspondiert  auch  nicht  völlig  mit  l-ixev^  %-T;e\ 
das  diesen  letzteren  gleichstufige  *  am  *  äot  =^  sanskr.  y-driti 
war  für  den  Griechen  augenscheinlich  unbrauchbarer.  Gleich- 
stufig mit  %-äoL  aber  ist  der  dativ  -  Infinitiv  homer.  J-fi€vaL 
(oben  s.  130.);  'i-aoL  aus  *ii-avrc :  sanskr.  y-änti  =^^i-(j,ev(xL  : 
^1-f.ievai  =  sanskr.  i-yä-m  :  i-yä-m  opt.  (s.  52.).  Wie  sich 
also  griech.  i-äot  von  ^t-(A.evj  ^-tb  abhebt,  so  im  sanskrit  der 
imper.  (injunct.  mit  -u)  aor.  ved.  vi  ciy-äntu  ""sie  sollen  schich- 
ten, sollen  bahnen"*  rgv.  I  90,  4.  von  ved.  vi  ci-tana]  ciy-äntu 
ist  dagegen  gleichstufig  mit  dem  optat.  (precat.)  sanskr.  ci-yä-t 
(oben  s.  53.).  Aus  ciy-äntu  erhellt  also  auch  die  möglichkeit 
eines  sanskr.  ^iy-äntu  ""sie  sollen  gehen^  statt  y-äntu  und 
mithin  eines  sanskr.  ^iy-änti  ^==  griech.  X-äoi.  Dass  sich 
auch  griech.  e-äoi  'sie  sind"  aus  ^eo-avTt  zu  sanskr..  s-äiiti 
verhalte  wie  X-äöt  zu  sanskr.  y-änti^  das  au  zeigen  ist  aufgäbe 
der  fortsetzung  difeser  Untersuchung  in  morphol.  unters.  V.; 
vergl.  vorläufig  oben  s.  333.  anm.  und  das  „vorwort". 

Nicht  mit  dem  homer;  /ce-cpv-cog  aus  *  7C€-cpv-ßc6g  ge- 
sellt sich  die  3.  plur.  perf.  homer.  jce-cpv-äoL  (II.  ^  484.  Q  84. 
hymn.  in  Mercur.  125.)  aus  *7C€-(pvß-äoL  zusammen,  sondern 
als  bildung  von  nebentoniger  tiefstufe  mit  den  sanskr.  ved. 
ha-bkü-vähj  ba-bhü-yä-Sj  ba-bhü-ya-tj  worüber  s.  68.  zu  ver- 
gleichen ist.  Die  ursprünglichkeit  der  personalendung  in 
jce-(pv-äoL  ward  s.  285  ff.  festgestellt.  Das  avestische  besitzt, 
abgesehen  von  dem  verschiedenen  personalsuffixe,  in  bä- 
-bv-are  yt.  XIII  1 50.  die  schwächere  zwillingsform  zu  griech. 
7ce-(pv{F)-äoi,  wofern  nicht  jenes  bä-bv-are  nur  graphisch 
für  bä-buv-a?'e  steht.  Wie  das  griech.  in  uTteg-cp-lako-g  aus 
"^  v/c6Q-(pß-lalo-g  (s.  358.  anm.),  so  hielt  das  sanskrit  in  ved. 
ä-bkv-a-  adj.  '^nicht  seiend,  ungeheuer',  und  vi-bhv-an-  adj. 


—     364     — 

"^ durchdringend,  weitreichend^,  vi-bhv-än-  adj.  *" tüchtig,  ge- 
schickt', mätari-bhv-ari  adj.  fem.  'in  der  mutter  befindlich'* 
(rgv.  X  120,  9.)  die  schwächste  stufe  dieser  wurzel  fest,  im 
gegensatz  zu  der  sonst  meist  verallgemeinerten  zweitschwäch- 
sten sanskr.  bhuv-  vor  sonanten,  bhü-  vor  consonanten. 

Zu  griech.  7ce-(pv{F)-äoi  stellen  sich  aus  dem  sanskrit 
als  gleichstufig  ju-huv-ur  ""sie  haben  gerufen'  und  mediales 
ju-huv-e  von  derselben  wurzel  im  gatapathabrähmana  (Petersb. 
wörterb.  VII  1680.),  aber  auch  dreisilbig  zu  lesendes  ved. 
ju-hv-e  (rgv.  X  149,5.)  d.  i.  ju-huv-e  \  desgleichen  ved.  yz2- 
juv-ur  (rgv.  VII 21, 5.),  ved.  su-shuv-e  im  atharvaveda  (Petersb. 
wörterb.  VII  1021.),  ved.  du-dhuv-i-ta  opt.  perf.  med.  (rgv. 
VIII  59,  11.).  Aber  wie  eventuell  avest.  bä-bv-are^  so  ist 
zweisilbiges  ved.  ju-hv-e  (rgv.  I  32,  6.)  beschaffen;  so  auch 
mn&kv.  ji-gi/-ur j  ji-gi/-e.  Und  wie  die  proportion  gilt:  ved. 
ju-huv-e  :  ju-hv-e  =  ju-hü-re  :  ju-hu-re  (vergl.  s.  65.),  so  er- 
halten wir  vollständigen  parallelismus  der  formen,  wenn  wir 
aMchjü-juv-ur  VLudjü-ju-vä'rns-  partic.  (rgv.* IV 11,  4.  V31,  11.), 
su-shuv-e  und  su-shu-vams-  partic.  (rgv.  VIII  32,  21.)  und 
anderseits  ji-gy-ur  ji-gy-e  und  ved.  ji-gi-väms-  partic.  (vergl. 
s.  69.)  zu  diesen  vorauszusetzenden  doubletten  ergänzen :  jü- 
-juv-urund  "^jü-jv-ür^  ^jü-jü-voims-  \mdjü-ju-vams--^  su-shuv-e 
und  *su-shv-ej  *  su-shü-väms-  und  su-shu-vams- \  *ji-ghj-ür 
*ji-giy-e  und  ji-gy-ur  ji-gy-e^  ji-gi-väms-  und  ^ji-gi-väms-. 

Für  die  richtige  beurteilung  der  griechischen  passiv- 
aoriste  auf  -ri-v  seheint  mir  durch  Brugman  morphol.  unters. 
171  ff.  trotz  des  dissensus  anderer  forscher  der  sichere  weg 
gewiesen  zu  sein.  Nur  hat  wol  Brugman  die  grundsprach- 
liche quelle  dieser  formation  eines  intransitivums  mit  dem 
Verbalsuffixe  -e-  als  etwas  zu  wenig  umfänglich  angenommen. 
Wenn  e-ßX-rj-v  =  sanskr.  a-gl-ä-m  und  e-oß-rj-v,  s-oxl-rj-v 
mit  recht  als  zum  ältesten  bestand  gehörig  bezeichnet  wer- 


I 


—     365     — 

den,  so  sieht  man  nicht  ein,  warum  solchen  dreisilbigen  von 
gleicher  wurzelstufe,  wie  e-U7t-t]-Vj  e-Kvy-rj-Vj  s-TQaTt-ri-Vy 
mit  denen  ja  auch  Brugman  „die  spräche  in  formeller  be- 
ziehung  zunächst  eigentlich  keine  neue  kategorie  schaffen" 
lässt  (morphol.  unters.  I  74.),  der  indogermanische  adelsbrief 
aberkannt  wird.  Sodann  weist  mit  keinem  eigentlich  ent- 
scheidenden gründe  Brugman  einige  lateinische  parallelen  zu 
der  griechischen  passivaoristbildung  von  der  band,  auf  die 
namentlich  Curtius  aufmerksam  gemacht  hatte.  Lat.  fulg-e-re 
entspricht  doch  nur  genauer  den  anforderungen  an  den  ur- 
sprünglichen vocalismus  der  verbalen  -e-bildungen  als  griech. 
cpley-ij-vaiy  so  dass  man  dieses  für  ein  nach  cpley-o)  um- 
geformtes Substitut  eines  älteren  *  cpXay-rj-vai  wird  halten 
dürfen,  wie  auch  TeQGrjvatj  d^eqrjvat  (conj.  d^egeco  Od.  q  23.), 
GTeQijvatj  öia-j  xaTa-leyrjvat  den  vocalismus  von  rsQGOjLiaiy 
S-sQcoj  aTeQOfiiatj  Xfycü  übernommen  •haben  müssen;  wegen 
lat.  fulg-  =  indog.  bhlg"^-  auch  in  dem  neutrum  fulg-iw  sieh 
s.  200.  anm.  Und  je  unstreitiger  Brugman  mit  der  bemer- 
kung:  „es  bleibt  als  unzweifelhaft  genaue  Übereinstimmung 
nur  licere  =  kiTtrjvat  übrig"  (morphol.  unters.  I  78.)Jbeifall 
verdient,  um  so  weniger  überzeugt  er  mit  dem  zusatze :  „  und 
diese  muss  schon  wegen  der  bedeutungsdifferenz  sicherlich 
für  zufällig  gelten. "  Mit  einem  ähnlichen  zweifei  wegen  ge- 
ringfügig divergierender  bedeutungsentwickelung  könnte  man 
auch  Brugmans  gleichung  e-ßl-iq-v  *^ich  erhielt  einen  schuss 
ward  getroffen^  =  sanskr.  a-gl-ä-m  *^ich  fühlte  mich  erschöpft, 
kam  von  kräften'  für  „zufällig"  erklären  und  damit  das 
ganze  fundament  seiner  theorie  des  griechischen  -?y-aorists 
in  frage  stellen.  Auch  dürfte  es  doch  nur  ein  zufälliger 
mangel  auf  selten  des  griechischen  sein,  dass  wir  nicht  mit 
dem  wie  das  jod-praesens  lat.  chi^re  =  sanskr.  crüyatey  avest. 
sruyt^  (s.  15  ff.)  intransitiv  -  passivischen  lat.  chwre  'genannt 


—     366     — 

werden,  heissen'  ein  griech.  ^x/xrjvaL  zusammenstellen  kön- 
nen. Mir  scheint  das  eigentlich  neuernde  betreffs  der  -e-bil- 
dungen  bei  der  griechischen  spräche  nur  darin  zu  liegen, 
dass  man  hier  die  alten  praesentia  zu  den  augmentprae- 
teriten  wie  e-ßl-rj-v  (oder  e-ßccl-iq-v)^  l-liTt-'t]^  ein  griech. 
^ßl-ij-fii  (oder  *ßal-rj-f.it)  ==  ssrnskr.  gl-a-mij  griech.  */J7t- 
-r]-Tt  =  lat.  lic-e-tj  zu  gunsten  der  die  intransitiv-passivische 
function  mit  übernehmenden  medialen  praesensformen  ßak- 
lo(.iaij  lÜTtmai  allmählich  in  Wegfall  kommen  Hess.  Daher 
bin  ich  also  auch  nicht  der  ansieht  von  Curtius  verb.  d.  griech. 
spr.  IP  38.  anm.,  dass  die  formen  des  griechischen  starken 
passivaorists,  da  sie  „  specifisch  griechisch "  seien,  „  bei  fragen 
nach  der  uralten  indogermanischen  vocalisation  besser  bei 
seite  bleiben"^). 

Dass  die  bildung  des  intransitivums  mit  -e-  auch  an 
wurzeln  vorkam,  die  wir  überhaupt  nur  in  der  intransitiven 
bedeutung  kennen,  zeigen  im  griechischen  Qv-ij-vaiy  fiav-rj- 
-vcciy  xctQ-rj-vai  u.  a.  So  ist  auch  von  ez-  *^gehen^  meines 
erachtens  mit  dem  -e-suffix  gebildet  indog.  e-^-e-vi^  e-i-e-s, 
e-i-e^t  =  sanskr.  a-y-d-m,  d-y-a-s^  d-y-a-t^  got.  i-ddj-a^ 
i-ddj-e-Sj  i'ddj-a\  vergl.  Kluge  german.  conjug.  124  ff.,  Möller 
Kuhns  zeitschr.  XXIV  432.  anm.  Kölbings  engl.  stud.  III  158. 
Dies  indog.  e-i-e-m  steht  auf  völlig  gleicher  stufe  der  wurzel 
wie  die  griech.  €-ßl-rj-Vy  e-oß-ii-Vy  e-GxX-r^-v,  wie  bei  der- 
selben Wurzel  ei-  ^gehen'  sanskr.  y-äntiy  y-dntUj  ved.  y-driy 
partic.  y-dnt-.  Wir  dürfen  aber  auch  die  nebentonige  tief- 
stufe mit  -/z-,  -un-  als  begleiterin  der  tonlosen  mit  -|-,  -n-  in 
dem  -e-intransitivum  erwarten,  und  diese  erwartung  realisiert 


1)  Die  hauptsächlichsten  bedenken,  die  Curtius  verb.  d.  griech.  spr, 
II 2  359  f.  anm.  gegen  Brugmans  theorie  über  die  passivaoriste  mit  -r]- 
geltend  macht,  dürften  durch  die  obigen  bemerkuhgen  gleichfalls  aus 
dem  wege  geräumt  sein. 


—     367     — 

sich  durch  griech.  l-cpurj-Vj  l-cpviq-i;,  e-cpxjrj  aus  '^l-cpToF-rj-Vy 
* l:-(pvß-rj-g y  "^l-cpvß-rj-T  neben  abulg.  be  ''du  warst',  he  ""er 
war'  imperf.  aus  ^bv-e-Sj  *bv-^-t.  cpvrjvat  hat  Hippocrates, 
in  der  participform  cpceig  Menander  bei  Stob.  flor.  XXXVI 12., 
sodann  spätere,  während  q)vf]  conj.  bei  Euripides  fragm.  378. 
Dind.,  Plato  rep.  494  B.  und  sonst  nach  Cobet  nov.  lect.  560. 
und  Nauck  m^l.  IV  357.  zweifelhaft  ist;  vergl.  Passow  hand- 
wörterb.^  unt.  cpvcoj  Veitch  greek  verbs  irreg.  and  defect. 
016.,  iCurtius  verb.  d.  griech.  spr.  IP  354.  Das  abulg.  be 
erklärte  aus  ^bv-e,  wie  obetü  "^gelübde,  versprechen'  aus 
*ob-veiüy  öZ>zWum winden'  aus  ^ob-viti,  schon  Leskien  handb. 
d.  abulg.  spr.  §  88.  anm.  2.  s.  67.  (vergl.  auch  §  45.  s.  26. 
und  Brugman  Kuhns  zeitschr.  XXIV  82.).  Indem  be  wie  b?/j 
flvy  da,  fe  u.  a.  als  sigmatisch  -  aoristisch  aufgefasst  wurde 
(in  bxjy  de  u.  s.  w.  sind  sigmatischer  und  primitiver  aorist  der 
77«/-conjugation  zusammengefallen,  da  z.  b.  by  =  *b?/-s-s 
'^by~s-t  und  =  */;?/-a'  */>?/-f  ist),  sind  zu  be  später  als  1.  sing. 
be-cMy  als  plural  be-chomü^  bestey  be-s^j'  als  dual  be-chove, 
bt'Sta  nachgeschaffen  worden.  Vielleicht  ist  mit  griech.  s-(pv7] 
altlat.  fuet  im  saturnier  auf  der  Scipionengrabschrift  (^  I.  L. 
I  32.  (h/c  fuet  a[piid  vos\)  congruent  und  der  ausgang  -et 
im  älteren  latein  von  da  auf  perfectformen  wie  dedet  über- 
tragen worden.  Ein  paar,  wie  es  griech.  {■-cpv{ß)-r]-g  €-cpv{F)-rj 
neben  abulg.  b{v)-e  ist,  besitzt  das  griechische  selbst  an 
seinem  e-ßak-rj-v  aus  "^e-ßll-rj-v  neben  e-ßl-rj-Vy  wonach  man 
weitere  ähnliche  doubletten,  z.  b.  *  e-Gy.aX-i]-v  :  e-GKX~r]-v, 
anderseits  e-ddQ-r]-v  :  "^e-ÖQ-rj-Vj  e-öTtctQ-yj-v  :  *€-a7VQ-r]-Vf 
l-cpd^aQ-iqv  i^^lß-cpS-Q-Tj-Vj  e-xaQ-iq-v  :  "^e-xq-iq-Vj  l-ocpal-iq-v  : 
*e-öcpl-rj-Vy  {--/.lav-rj-v  :  ^e-^iv-rj-v,  8-dd/Li-r]-v  :  ^e-ö/u-Tj-Vj 
wird  vermuten  dürfen.  Über  e-ßdl-rj-v  als  erbform  neben 
e-ßk-rj-v  und  über  den  parallelismus  beider  mit  €-cpv{f)-r]  = 
abulg.  b{vye  bringt  näheres  der  band  V.  dieser  morphol.  unters. 


—     368  •  — 

Die  medialparticipien  wie  ved.  piy-ana-Sy  hhiy-änä-Sy 
viy-änd-s  (Grassmann  wörterb.  z.  rgv.  1314.),  suv-änä-s^  huv- 
-6nd-s  bezog  man  schon  immer  richtig  auf  die  wurzelformen 
pi-j  bki-^  vi-j  sü'j  hü-  und  ging  nur  darin  fehl,  diese  wurzel- 
formen für  etwas  generisch  verschiedenes  von  solchen  mit 
/',  ü  zu  halten.  Jene  wurzeln  selbst  erweisen,  wie  sie  ^,  ü 
vor  consonanten  kennen ,  so  auch  ?/,  v  vor  vocalen ,  z.  b.  in 
ved.  bi-bhy-at-^  d-bi-bhy-at-  partic.  praes.,  bi-bhy-atus  bi- 
-bhy-ur  bi-bhy-üsh-i  perf.,  ved.  d-vy-an  imperf.  u.  a.  Dazu 
kommen  die  schwächeren  zwillingsformen  für  die  medial- 
participia  selbst:  ved.  vy-and-s'^  ved.  sv-änd-Sy  im  rgveda 
„tiberall  *yaw«  zu  sprechen  und  im  SV.  auch  so  geschrieben, 
hingegen  im  RV.  überall  suvdnd  geschrieben"  (Grassmann 
wörterb.  z.  rgv.  1524.).  Als  reduplicierte  bildungen  dieser 
art  sind  zwillingsformen  bei  der  Identität  der  verschiedenen 
sanskritwurzeln  sü-  (vergl.  s.  56 f.):  ved.  su-shuv-äiid-s'^m  der 
weihe  begriffen,  geweiht^  in  der  taittiriya-samhitä  (Petersb. 
wörterb.  VII  1021.  unt.  %.su-)  und  ved.  su-shv-änd-s  ''gepresst 
habend,  gepresst"*  im  rgveda  (Petersb.  wörterb.  VII  1019.  unt. 
1.  su-j  Grassmann  wörterb.  z.  rgv.  1524.).  So  ist  nun  auch 
das  got.  us-kij-ana-ta  Luc.  VIII  6.  nicht  gleichstufig  mit 
bit-an-Sy  stig-an-s^  jedoch  mit  dem  praesens  uS-kei-na^  alts. 
M-nUy  ahd.  cM-nu  =  lit.  gy-nw^  vergl.  s.  38.  Den  ansschlag 
zu  gunsten  des  kij-ana-  werden  ähnliche  rücksichten  auf  das 
Interesse  der  deutlichkeit  gegeben  haben,  wie  im  griechischen 
bei  der  wähl  zwischen  v-6g  {av-6g)  und  *(y-og,  X-äöt  und 
*aöY.  Doch  in  isolierten  formen  lebt  der  typus  got.  ^kj-ana-^ 
ved.  sv-dnd-  im  germanischen,  lateinischen  und  slavischen, 
bei  wurzeln  auf  -r-,  -/-  und  geräuschlaut  im  griechischen. 

Eine  wurzel  indog.  ew-  Mn  mangel  versetzen,  berauben^ 
oder  intransitiv  'mangeln,  ermangeln^  zeigt  sich  in  griech. 
et'-)' ^-g  adj. 'ermangelnd,  beraubt';  die  hochstufe  ou-  enthält 


I 


—     369     — 

• 

das  germanische  adjectiv  got;  au-p-s^  anord.  aii-^-r^  ags.  ea-^e 
e-9<?,  alts.  0-9/ ,  ahd.  ö-di  *^öde,  leer\  Nebentonige  tiefstufe 
haben  sanskr.  z/-wd-,  avest.  u-na-  adj.  Voran  etwas  fehlt, 
mangelhaft,  mangelnd',  eigentlich  particip  mit  -?iö-y  avest. 
7/-?ia  f.  'Verminderung",  sanskr.  ii-nd-i/a-ii  'er  lässt  unerfüllt' 
denom.  Vergl.  s.  119.  121.  Tonlose  stufe  u-  vor  consonant 
herrscht  in  avest.  u-ya-mna-  paitic.  praes.  med.  'mangelnd', 
mi-uyamna'  'nicht  mangelnd'.  Mit  letzterer  correspondiert  u- 
vor  sonant  in  dem  -ö/^ö-particip  got.  v-an-s,  ags.  v-an^  afries. 
w-on^  alts.  ahd.  w-an  adj.  'mangelhaft,  fehlend',  neuniederd. 
w-M  adj.  'verrückt'  nebst  den  compositen  anord.  van-vitr^ 
ahd.  tmana-miize  wan-wizze^  mhd.  wan-icitze^  wan-tvit^fec  'des 
Verstandes  ermangelnd',  mhd.  umn-schaffen  'mangelhaft,  übel 
beschaffen',  nhd.  wakn-ivitZj  wahn-sinn^  ivahn-schaffen  mit 
volksetymologischer  anlehnung  an  mhd.  iväiij  nhd.  loahn  m. 
'opinio'  (Paul  princip.  d.  sprachgesch.  82.  97  f.).  Formal  ver- 
hält sich  got.  v-ana-  :  sanskr.  {i-7iä-  =  got.  bit-ana-  :  sanskr. 
*bhin-?iä-  (wofür  das  schwächststufige  bhin-nä')]  vergl.  auch 
indog.  k^]i-6n-  'hund'  und  k^U-n-  s.  356.  In  got.  v-cin  n. 
'mangel'  ist  das  neutrum  des  particips  substantiviert^  wie 
in  avest.  ii-na  das  feminin.  Die  erhebung  des  suffixvocals 
zum  scheinbaren  wurzelvocal  bewirkte  die  Verschiedenheit 
derselben  endungen  in  heutigem  tv-ahn  und  ge-biss-en^  also 
die  nemliche  Ursache,  welche  die  vocalische  Verschiedenheit 
von  das^  was  und  der  endung  \xi  jen-es,  jed-es,  all-es  her- 
vorrief und  diejenige  des  gleichen  deminutivsuffixes  in  nhd. 
schw-ein  und  kük-eUj  mäd-ck-en  (vergl.  s.  357.  anm.)*). 


1)  Mit  der  ansetzung  einer  wurzel  tie-  oder  auch  uä-  (Fick  wörterb. 
13  202.  758.,  Bugge  Cftrtius'  stud.  IV  328.,  Curtius  gruudz.^  702..anm.) 
kommt  man  niclit  zum  ziele.  Erstens  sind  wurzeln  auf  auslautendes  -e- 
dem  indogermanischen  unbekannt;  vergl.  Brugman  morphol.  unters.  III  97. 
Sodann  begreift  sich  auch  griech.  sv-n-s  nicht  aus  *j's-vc-s,  da  die  als 
Ostiioll'  u.  Brugman  untersuch.  IV.  24 


—     370     — 

Indog.  da^'u-  ''ehren,  verehren,  anerkennen',  insbeson- 
dere 'durch  geschenke  ehren,  begaben,  belohnen,  huldigen' 
bildet  nebentonig  vor  sonant  ved.  düv-as  n. ' Verehrung,  ehre, 
ehrenbezeugung',  duv-as-yä-ti  'er  ehrt,  verehrt,  erkennt  an, 
belohnt',  duv-as-yü-,  duv-o-yü-  adj.  'verehrend,  ehrerbietig', 
ä-duv-as  adj.  nom.  plur.  (rgv.  VII  4,  6.)  'ohne  dienst'  (nach 
Ludwig),  'gabenlos'  (nach  G-rassmann).  Wie  got.  v-an-s  von 
eu-,  ist  particip  dieser  wurzel  da^ti-  lat.  b-onu-s  'gut'  aus 
^dii-ono-s^  eigentlich  'verehrt,  was  in  ehren  steht,  anerken- 
nung  geniesst',  lat.  b-eno-  adj.  dass.  in  beni-gnu-s^  dem  ad- 
verb  bene  und  den  deminuti vischen  Weiterbildungen  bellu-s^ 
bellnlu^.  Sogar  von  der  uralten  suffixtrias  -ono-,  -eno-^  -no-, 
über  welche  morphol.  unters.  II 13.  und  oben  s.  205.  die  rede 
war,  bieten  sich  hier. im  lateinischen  zwei  stufen,  -ono-  und 
-ewö-,  an  einem  worte  dar.  Der  saturnier  in  der  Scipionen- 
grabschrift  C.  I.  L.  I  32.,  der  das  duonoro  enthält,  hilft  nicht 
entscheiden,  ob  diese  altlateinische  form  drei-  oder  viersilbig 
war.  Im  ersteren  falle  allein  ist  sie  die  directe  mutterform 
von  bonorum.  Im  letzteren  falle,  dem  weniger  wahrschein- 
lichen, wäre  anzunehmen,  dass  bis  in  die  zeit  des  alten  lateins 
sich  die  beiden  indogermanischen  doppelformen  duu-ono- 
und  du'ono'  neben  einander  behauptet  hätten  und  dann 
von  der  classischen  latinität  erst  die  stärkere  aufgegeben  wor- 
den sei.  Auch  b-eH-re  'begaben,  beglücken',  b-eü-tu-s  partic. 
adj.  haben  b-  =  du-.  Dass  diese  nemlich  hierher  gehören, 
ist  mir  sicherer,  als  durch  welche  mittelstufen  hindurch  wir 
sie  auf  da^'u-  zurückzuleiten  haben.  Da  *^e«ö  beö  =  du- 
-em-iö  sein  kann,  so  liegt  wol  ein  nominalstamm  du -ein - 
zwischen  der  wurzel  und  dem  lateinischen  denominativum. 


stützen  dienenden  fälle  ev^i-s,  evvrj,  angeblich  aus  *^f^v-s,  "^ßeva  =  ahd. 
rvona  in  rvonaheit  (Fick  Bezzenbergers  beitr.  161.),  ülusorische  sind  und 
anders  beurteüt  werden  müssen. 


—    371     — 

Ein  Suffix  -eiä-  nun  ist  nicht  häufig.  Vielleicht  war  du-eid, 
bereits  secundäre  ableitung  mit  collectivischem  -iä  von  einem 
grundnomen  du-o-^  wie  griech.  diOQ^-ia  ötoqs-a  von  dwQo-^ 
öwqe-  und  t^eta  aus  "^'CeFe-La  von  *Ksßo-y  *Cf/€-  (^ei-  (in 
'Cel-öwQo-g  nach  J.  Wackernagel  Kuhns  zeitschr.  XXIV  278.) 
=  sanskr.  jdva-y  lit.  jdva-j  und  wie  avd-QaK-tä  von  av^Qax- ; 
vergl.  Curtius  grundz.^  577.  609  f.  So  könnte  also,  wenn 
du-o-  ^ehre,  ehrengabe'  hiess,  d7i-e-iß  ^anzahl  von  ehren, 
ehrengabenfülle'  bedeutQt  haben.  Doch  wie  dem  auch  sei, 
jedesfalls  würde  sich  beäre  aus  ^dii-eH-re  nicht  anders  zu 
Wurzel  da'^ii-  verhalten,  als  wie  lat.  cr-eU-re  zu  wurzel  k'^er-, 
sanskr.  kar-  in  lat.  cer-ji-s  (vergl.  Corssen  ausspr.  vocal.  P 
473.,  Curtius  grundz.^  154  f.)  ^).    Lateinische  repraesentanten 


1 )  Lassen  wir  in  lat.  b-ono-  das  b-  von  b-eno-  b-ene  adv.  übertragen 
sein,  so  haben  wir  tatsächlich  den  lateinischen  lautwandel  von  du-  zu  b- 

t-  nur  vor  den  hellen  vocalen  e  und  /,  in  bene,  beäre,  bellum,  bi-,  bis  u.  a. 
bei  Corssen  ausspr.  vocal.  I^  I24f.  So  glaube  ich  auch  im  zend  diesen 
lautwandel  nur  vor  /  annehmen  zu  sollen.  Denn  obwol  Hübschmann 
Kuhns  zeitschr.  XXIV  339.  365.  366.  und  Bartholomae  d.  gäthas  u.  heil, 
gebete  d.  altiran.  volkes  94.  recht  haben,  in  der  verwandelung  zu  {d)b 
das  sichere  kriterium  für  consonantisches  u  der  lautgruppe  dv  zu. 
sehen,  so  irren  sie  doch,  wenn  ihnen  darum  umgekehrt  jedes  überlieferte 
nicht  gewandelte  dv  als  duv  gilt.  Avest.  dvaish-  'peinigen'  müsste  dar- 
nach zweisilbig  ==  duvaesh-  sein;  aber  die  zweisilbigen  wurzeln  wollen 
mir  vorläufig,  wie  gewis  auch  noch  anderen,  nicht  in  den  sinn.  Zu 
unserer  regel  stimmend  zeigen  die  tiefstufenformen  dieser  wurzel  die- 
selbe fast  ausnahmslos  als  ibish-,  gäthadial.  d[ai\bish- ;  vergl.  Justi  handb. 
d.  zendspr.  138.  143  a.  Umgekehrt  haben  wir  mit  dv-  das  perfect  di- 
-dhvaesha  und  die  nomina  dvaesh-anh-,  a-dvaesh-a-,  vi-dvaesh-a,  vi- 
-dvaesU-tva-  von  stärkerer  wurzelform.  Ausgleichung  ist  nur  anzunehmen 
einerseits  für  die  perfectform  di-dvish-ma  ys.  LXVII  2. ,  anderseits  für 
die  causativformen  tbaeshayeiti,  tba^shayäl  und  die  nomina  ßaesh-a-  m., 
tbaesh-anh-  n.  nebst  deren  ableitungen  (Justi  handb.  137.).  Besonders 
bestätigend  sind  die  formen  des  Zahlwortes  'zwei',  bi-,  bisli,  bitiya- 
{d[ai]bitiya-)  und  gäthadial.  daibitä  =  sanskr.  dvitä  (Hübschmann  Kuhns 
zeitschr.  XXIV  365.)  gegenüber  dva,  dva-dasa,  welche  letzteren  nicht 

24* 


—     372     —  . 

der  nebentonigen  tiefstufe  dun-  müssen  wir,  glaube  ich,  in 
dfen  optativformen  altlat.  duim^  dulSj  duiij  duint  sehen,'  die 
wol  dem  lateinischen  sprachbewusstsein  als  sprösslinge  der 
Wurzel  dö-  da-  ^geben"*  gelten  durften,  aber  nicht,  wie  es 
mir  scheint,  der  modernen  sprachwissenschaftlichen  betrach- 
tung.  Die  ursprüngliche  edlere  bedeutung  könnte  man  z.  b. 
noch  in  Plautus  Amphitr.  prol.  72.  palmam  duint  ^sie  mögen 
die  palme  verehren"*  finden  wollen. 

Für  das  slavische  gilt,  dass  die  .wurzeln  auf  -y-  im  par- 
ticip  praet.  pass.  vor  dem  suffix  -enu  ^^spaltung  von  -;/-  zu 

notwendig  überall,  ebenso  wenig  wie  im  veda  dva  dvaü,  dva-da^a,  mit 
-UV-  gelesen  werden  müssen  (vergl.  s.  355.).  dv-  liegt  endlich  auch  regel- 
recht vor  in  dvae-tha  f.  'furcht',  während  in  dem  eigeunämen  daivö- 
-thoisH  gen.  sing.  yt.  XIII  98.,  eigentlich  'die  daevas  erschreckend',  th- 
vo»  den  casus  wie  nom.  sing.  *-tbi-sh',  acc.  sing.  *-tbi-7n  übertragen  sein 
muss.  Ferner  ist  normales  dv-  auch  vorhanden  in  dvafslia-^  dvafshanh-, 
dvar-  'laufen,  stürzen'  u.  a.  —  Lautphysiologisch  wird  sich  die  zwie- 
fache lateinische  und  avestische  behandlung  des  dii-  wol  folgendermassen 
erklären.  Vor  e  und  i  spricht  man  die  dentalen  d  und  t  (übrigens  auch 
die  gutturalen  g,  k)  „mit'  mehr  oder  weniger  gradlinigen  und  parallel 
einander  genäherten  lippenrändern",  während  sie  vor  ö,  u  und  etwas 
weniger  entschieden  auch  vor  a  mehr  mit  „gerundeter  lippenvorstülpung" 
hervorgebracht  werden.  Bei  diie^  dui  nun  hindert  zunächst  das  zwischen- 
liegende u  nicht,  dass  sich  durch  regressive  assimilation  der  dental  doch 
in  seiner  ausspräche  sogleich  nach  dem  e,  i  richtet.  Dadurch  wird  dann 
der  halbvocal  ii  zum  Übergang  in  den  bilabialen  Spiranten  7V  genötigt, 
denn  für  w  und  7v  liegt  ebenfalls  ihr  charakteristischer  articulations- 
unterschied  in  der  „gerundeten  lippenvorstülpung"  dort  und  den  „mehr 
oder  weniger  gradlinigen  und  parallel  einander  genäherten  lippenrändern" 
hier,  nach  Sievers  grundz.  d.  lautphysiol.  §  13,  2,  1.  s.  70.  (=  grundz.  d. 
phonetik  §  15,  1.  s.  99.).  dw-  endlich  kann  in  dh-,  b  übergehen,  wäh- 
rend dii-  dazu  keine  veranlassung  hat.  Wenn  nicht  auch  twe,  trvi  in 
denselben  sprachen  in  pe,  pi  gewandelt  werden,  so  liegt  das  wol  an  der 
härteren  natur  der  tenuis  i,  vermöge  deren  sie  kräftiger  dem  ?v  wider- 
stand leistet.  Übrigens  unterliegt  auch  das  dfv-  dem  übergange  zu  b- 
im  lateinischen  nur  anlautend ;  im  Inlaute  siegt  die  bilabiale  spirans  ganz 
über  den  explosivlaut ,  z.  b.  in  suävis  aus  *snädwi-s,  molli-s  für  *mol- 
wi-s  aus  *t7ioldwi-s  =  sanskr.  mrdü-s. 


—     373     — 

-iiv-^  haben,  z.  b.  abulg.  za-buv-enü  Vergessen'  von  za-by-ti\ 
vergl.  Schleicher  compend.'^  §  85,  4.  s.  126.,  Leskien  handb. 
d.  altbiilg.  spr.  §  81.  anm.  2.  s.  60.  Bildungen  also,  wie  ved. 
sUv-änd-Sj  bhiy-dnä-s^  got.  us-kij-ana-ta  besitzt  in  za-l/üv-enü 
u.  dergl.  die  Slavensprache.  Aber  ein  particip  mit  demselben 
Suffix  ist  auch  abulg.  zv-onii  m.  ^ton,  glocke'  von  der  wurzel 
(jh^au-  ^rufen'  in  abulg.  zov-Oj  zuv-ati  und  zv-ati  (vergl. 
s.  360 f.):  zv-onü  in  seiner  isolierung  zugleich  lehrreich  für  das 
vorkommen  der  sonst  neben  -eiio-  im  slavischen  ausgestor- 
benen Schwestersuffixform  -ono-.  Ob  Fick  vergleich,  wörterb. 
P  84.  mit  recht  zv-onii  und  sanskr.  hv-tma-m  n.  ^das  herbei- 
rufen' (nicht  ""ton,  schrei'  nach  Fick)  identificiert,  bleibe  da- 
hingestellt ;  es  kann  das  sanskritische  nomen  auch  eine  junge 
einzelsprachliche  verbalabstractbildung  aus  hv-ä-  (vergl. 
s.  362.  anm.)  sein  wie  stha-na-m  ""das  stehen'  aus  sthä-. 

Das  got.  ky-an-s  stellt  sich  für  uns  als  ein  particip  von 
gleicher  wurzelstufe  heraus,  wie  es  mit  indog.  I,  n  vor  con- 
sonant  die  s.  205  £P.  behandelten  sanskr.  ic-änä-s  (ip'ä?ia-s)j 
anord.  tig-in-n,  ü-hlif-m-n^  prut-in-n  u.  a.  sind.  .  Es  liegt 
übrigens  noch  ein  weiterer  grund  vor,  als  der  s.  368.  geltend 
gemachte  der  etymologischen  deatlichkeit ,  warum  das  ger- 
manische dem  kij-an-s  den  Vorzug  vor  *k/-aji-s  gab  und  bei 
einem  lebendig  gebliebenen  verbalablaute  der  wurzel  eu- 
'mangeln'  wol  auch  für  ^uv-an-s  statt  v-a?i-s  sich  entschieden 
haben  würde.  Obschon  nemlich  ky-an-s  nicht  gleichstufig 
mit  stig-an-Sy  bit-a n-s  war^  musste  doch  jenes  vom  Sprach- 
gefühl eher  als  *kj-mi-s  mit  diesen  parallelisiert  werden, 
des  gleich  empfundenen  kurzen  t  wegen.  Dieselbe  neben- 
tonige tiefstufe  aber  wie  in  ky-an-s  normalisierte  die  ger- 
manische spräche  constant  in  anderen  ablautsreihen.  Dass 
auch  got.  baur-an-s^  hid-an-s,  qum-an-s  und  gib-^an-s  nur  auf 
der  von  deutlichkeitsrücksichten  gelenkten  aus  wähl  zwischen 


—     374     — 

-zwei  ererbten  zwillingsformen,  baur-an-s'miö.*br-an-Sy  hul-an-s 
und  *hl-a?i-Sj  qum-an-s  und  ^qm-an-s^  gib-an-s  woid^gb-an-Sj 
beruhen,  wird  ebenfalls  in  morphol.  unters.  V  weiter  auszu- 
führen sein.  Man  vergleiche  vor  der  band  Paul  in  seinen 
beitr.  VI  408  ff.,  der  übrigens  die  meinung  jetzt  wol  aufgeben 
wird,  dass  in  wurzelformen  wie  germ.  stig-^  gut-  (und  bund-^ 
trud-\  „  wo  der  Sonorlaut  zwischen  zwei  consonanten  zu  stehen 
kommt",  die  beiden  schwächsten  stufen  ununterscheidbar  zu- 
sammenfallen mussten.  Got.  hul-an-s  :  *hl-an-s  =  griech. 
ßaX-^-vai :  ßl-^-vaij  yergl.  s.  367. ;  und  got.  gib-an-s :  *gb-an-s 
=  indog.  es-ie-My  es-nti^  g'^e-g'^öm-e  (griech.  eiiqv,  eäoi, 
83LnskY.ja-gam-a):mdog.s-ie-mj  s-ntij  (g^-)g^öm-e  (sanskr. 
s-7/a-mj  S'dntij  got.  qam)j  vergl.  s.  333.  anm.  363.  Die  be- 
stätigenden „isolierten  formen",  welche  unseren  postulaten 
^br-an-Sy  *hl-a?i-Sj  *gb-an-s  weiteren  festen  boden  geben, 
sind  ausser  sanskritformen  wie  ved.  kr-änä-s  von  Wurzel  ka?'- 
mehrere  im  griechischen  zu  Substantiven  erstarrte  participien 
mit  -ono-y  die  man  als  solche  seither  noch  nicht  erkannte. 
Ich  meine:  Kq-övo-q  m.  nom.  propr.  des  gottes,  das  Curtius 
grundz.^  155.  an  sanskr.  kar-and-s  ""machend,  kunstfertig'  er- 
innert, mir  direct  =  ved.  ki^-äiiä-s  ^wirkend,  wirksam,  eifrig, 
geschäftig"*,  häufiger  epitheton  von  göttern,  Agni's,  Soma's, 
der  Maruts  (vergl.  Grassmann  wörterb.  z.  rgv.  343.),  zu  sein 
scheint;  S-g-ovo-g  m.  *^sitz,  stuhl'  von  dher-  'halten,  stützen', 
sanskr.  dhar-\  xQ-6vo-g  m.  "^zeit'  als  ""umfassende  zeitgrenze, 
spanne'  von  der  wurzel  indog.  gh^er-  (Curtius  grundz.^  200.); 
vl-ovo-g  m.  *^getreibe,  getümmel'  von  würz,  v.el-  in  yiel-o-juai; 
endlich  cpd^-ovo-g  m.  *"neid,  misgunst'  als  'leidenschaftliches 
begehren'  von  der  in  nod-o-g  m.  "^sehnsüchtiges  verlangen' 
steckenden  wurzel  (vergl.  im  sanskrit  ved.  ven-  ven-a-ti 
1.  ""sich  sehnen,  verlangen',  2.  ""neidisch  sein  auf  etwas'  nach 
dem  Petersb.  wörterb.  VF  1371  f.).    In  Kq-ovo-g^  -d-q-övo-gj 


II 


--     375     — 

kI-ovo-q  constatierte  die  etymologie  und  schwache  wurzelform 
auch  Brugman  morphol.  unters.  I  51.  anm.  1.  II  203.  III  20. 
anm.  2.  Dies  also  sind  bildungen  von  er-,  e/-,  ew-  (a^a^-) 
wurzeln  wie  lat.  ^dii-ono-s  h-onu-s^  got.  v-an-s  von  eii-  (a^'u-) 
wurzeln.  Als  substantivierte  participia  von  der  abstract  ent- 
wickelten bedeutung  eines  nomens  actionis  haben  griech." 
Kl-6vo-g  und  cpd-6vo-g  ihr  analogon  an  got.  vig-an-s  *^ kämpf ' 
(Paul  Paul-Braunes  beitr.  VI  540.),  und  umgekehrt  dieses  an 
jenen,  so  dass  Joh.  Schmidt  anzeig.  f.  deutsch,  altert.  VI  127  f. 
keinen  grund  hatte,  an  der  Vulfilastelle  Luc.  XIV  31.  die  jetzt 
fast  allgemein  recipierte  lesart  Lobes  du  vigana  '^elg  TcöXei.iov^ 
zu  verwerfen  und  zu  meinen:  „die  annähme  eines  nominal- 
stammes  vigana-  hat  keinen  anhält,  weder  im  gotischen  noch 
sonst  wo"*)- 

Gelegenheit,  die  beiden  tiefstuf engrade  der  Wurzelsilbe 
wol  zu  unterscheiden  und  ferner  des  verschiedenen  Verhal- 
tens der  letzteren  beim  antritt  sonantisch  und  consonan tisch 
beginnender  suffixsilben  sich  deutlich  bewusst  zu  werden, 
bietet  besonders  das  particip  perf.  act.  mit  seinem  Wechsel 
zwichen  -uos-  in  den  starken  und  -us-  in  den  schwachen 
casus.  Wie  ved.  pi-pi-väms-am  und  pi-py-üsh-t  (Grassmann 
wörterb.  z.  rgv.  811.)  der  wurzelstufe  nach  genau  zu  einander 
stimmen,  so  disharmonieren  in  demselben  belang  ved.  di-di- 
-van  nnd  di-dii/-tish-as  gen.  sing.  (rgv.  VIII  23,  4.);  so  ander-^ 
seits  auch  ved.  ji-gi-viin  und  ji-gy-ush-e  ji-gy-üsh-as  (Grass- 
.mann  wörterb.  488.),. /'/-/'Äz-z^öw  und  bi-hhy-ush-t  (Grassmann 


1 )  Treffen  die  obigen  nachweise  von  -o«ö-participien  im  lateinischen, 
slavischen  und  griechischen  das  richtige,  so  wird  es  den  gegnern  der 
ansieht,  dass  arisches  -u  in  offener  silbe  normal  dem  indog.  europ.  o 
entspreche  (vergl.  s.  226.  anm.  303.  anm.),  nunmehr  obliegen,  sich  auch 
mit  dieser  neuen  gleichung :  suff.  sanskr!  avest.  -äna-  =  griech.  lat.  slav. 
-ono-,  got.  -ana-  abzufinden. 


—     376     — 

wörterb.  938.).  Letztere,  ji-yij-üsh-e  ji-gy-üsh-as^  bi-bhy- 
-üsh-ij  gehören  stricter  zu  einem  vorauszusetzenden  sanskr. 
*ji-gi-van  (vergl.  s.  69.  364.)  und  zu  der  avestischen  mas- 
culinform  bi-wi-väo  (vergl.  s.  60.),  zu  sanskr.  y/-<7«-i;a/«,  bi- 
bhi-vüh  aber  vice  versa  feminine  "^ji-gvj-üsh-i,  ^  bi-bhiy-üsh-i. 
Ebenso  ist  discrepanz  der  wurzelstufe  zu  statuieren  zwi- 
schen sanskr.  su-shiiv-üsh-as  gen.  sing.  (rgv.  X  94,  14.) 
und  su-shu-va?ps-am  acc.  sing.  (rgv.  VIII  32,  21.),  zwischen 
homer.  Tte-cpv-vla  (11.^^513.  H  288.)  =  *  Tce-cpvß-vla  und 
homer.  ^te-cpv-wg  (Od.  e  477.)  =  "^  jte-cfv-ßiog.  Es  haben 
su-shuv-üsh-as ,  jte-cpv{F)-vla ^  gleich  der  1.  sing.  med.  ved. 
su-shuv-e  und  der  3.  plur.  homer.  7ce-(pv(ß)-c(0i  nach  s.  363  f., 
die  ablautstufe  von  sanskr.  "^su-shü-varij  sanskr.  ba-bhü- 
-vmij  und  ist  also  fce-(pv(F)-vla  ein  indirectes  zeugnis  für 
ein  verlorenes  masculin  griech.  '^7te-(pv-{F)iogj  wie  umge- 
kehrt 7ce-(pv-{F)wg  ein  feminin  *  7ce-fp{ß)-vla  voraussetzen 
lässt.  Brugman  irrt  Kuhns  zeitschr.  XXIV  85.,  wenn  er  von 
ved.  su-shuv-üsh-as  meint,  „dass  dessen  v  erst  nachträglich 
in  die  form  hineingekommen  sein  kann "  0-  D^-ss  sich  flir 
das  Sprachgefühl  der  Inder  und  Griechen  die  paare  su-shuv- 
-üsh-as  und  su-shu-vams-am^  7C€-cpv{f)-vla  und  /t€-cpv-{ß)iüg 
enger  zusammenschlössen  als  unter  der  sprachwissenschaft- 


1)  Brugman  denkt,  dass  „bei  rein  lautlicher  Umgestaltung  aus  *sii- 
-shu-üsh-as  wnii^su-shu-üs  sicher  *sushüshas  und  *siishäs  entsprungen 
wären".  Allerdings.  Aber  bei  der  neuen  vocalismustheorie,  wo  für  das 
Sanskrit  sav-  die  wurzel  ist,  dürfen  wir  die  aufstellung  so  aussehender 
grundformen  gar  nicht  mehr  zulassen.  Die  grundform  in  sanskritischem 
gewande  ist  für  das  -shuv-ür  in  su-shuv-ür  ein  *-shav-ür,  dessen  a  in 
der  nebentonigen  Silbe  sich  an  das  v  assimilierte.  Auch  mit  ücür  'sie 
sprachen*,  das  Brugman  als  aus  *u-uc-ür  entstanden  vergleicht,  hat  es 
eine*  andere  bewantnis ;  als  seine  unmittelbar  voBausliegende  basis  wird 
von  mir  ein  vorhistorisches  sanskr.  *v-iic-ür  im  „vorwort-*  probabel  zu 
machen  gesucht. 


!t 


—     377     —  ■ 

liehen  sonde,  musste  ein  fast  noch  näher  liegender  sprach- 
vorgang  sein,  als  im  germanischen  das  parallelwerden  der 
früher  nicht  parallelen  got.  kij-ari-s  und  bü-an-s,  stig-an-s 
(vergl.  s.  373.).  Mit  derselben  art  von  unansbleiblichkeit  er- 
folgte im  griechischen  das  zusammentreten  der  ungleich- 
stufigen 7ce-(pv-vla  und  Tte-cpv-cog  wie  dasjenige  von  v-og 
v-i  v-iov  mit  v-olj  ^-aoc  mit  i-juev  X-re  (s.  356  ff.  363.). 

Das  litauische  hat  die  „Spaltung"  in  -y-,  -uv-  vor  der 
Suffixform  -US-  in  diesen  femininformen  des  partic.  praet.  act. : 
yij-us-ij  Dj-iis-ij  t'fj-us-ij  buv-us-ij  piw-us-i,  ziiv-iis-iy  damit 
also  die  nebentonig-tiefstufigen  bildungen ;  glj-us-i  =  unserem 
vorausgesetzten  sanskr.  ^ ji-ghj-ush-i  (würz,  g^ei-  ''oben  auf 
sein,  siegen,  leben',  vergl.  s.  72  f.),  buv-iis-i  ==  griech.  jte- 
-cfv{f)-vla.  Da  man  nun  bei  den  nominativen  sing.  masc. 
lit.  bü-vesj  pü-vesj  sii-vesy  wie  bei  dä-ves  u.  dergl.,  und  bei 
abulg.  by-vü  gleicher  weise  wie  da-viij  pi-vüj  bi-vü  doch  wol 
mit  Brugma'n  Kuhns  zeitschr.  XXIV  81  ff.  85.  88  f.  in  dem  -v- 
den  anlaut  der  alten  suffixform  -uos  wird  sehen  müssen,  so 
sind  also  auch  im  litauischen  die  verschiedenstufigen  bii-ves 
und  buv-iiS'i,  wie  im  griechischen  7ce'cpv-{ß)c6g  und  7ce- 
-fpv(/)-vla,  wegen  äusserer  formaler  ähnlichkeit  zu  einem 
paradigma  zusammengeraten.  Und  das  führt  weiter  auf  die 
Vermutung,  dass  die  durch  büv-us-?]  piiv-iis-f)  mv-us-iy  sowie 
auch  durch  die  aoriste  buv-aüj  puv-aüj  zuv-aü  veranlasste 
falsche  analyse  buv-esy  puv-esj  zuv-es  statt  bü-ves  u.  s.  w. 
auch  die  bildung  von  siik-esj  dug-es  neben  siik-us-ij  äug-us-i 
und-  von  gy-^s,  J^y-es  neben  g)j-us-iy  r)j-us-i  veranlasst  habe ; 
denn  vielleicht  ist  die  annähme  lautgesetzlichen  ^'-verlusts 
in  *  sük-vesj  *  äug-ves  doch  nichf  so  unbedenklich,  wie  Brug- 
man  a.  a.  o.  88.  meint,  und  auf  gfj-esj  rij'-es  wenigstens 
dürften  wir  wol  von  den  ursprünglicheren  formen  aus,  die 
*gi/-ves  (=  YQd.  ji-gi-vdn)  oder  *gi-wesj  *ri/-ves  oder  "^ri-ves 


—     378     — 

waren,  gar  nicht  anders  kommen.  Im  altindischen  ist  es 
eine  analoge  erscheinung,  wenn  sich  zu  di-dw-ush-  ein  di- 
-diväms-  neu  bildet  statt  dii-dyü-vams-  oder  ^du-dyu-vdms- 
(vergl.  s.  319.),  denn  dafür  war  das  muster  doch  auch  wol 
die  vom  Sprachgefühl  falsch  empfundene  paarung  solcher 
wie  su-shu-väms-  und  su-shuv-nsh-.  Dass  sich  nach  dem  als 
däv-es  aufgefassten  lit.  dä-ves  partic.  praet.  von  du-ti  ''geben^ 
das  praeteritum  dav-iaü  gebildet  haben  könne,  vermuteten 
schon  Leskien  d.  declin.  im  slav.-lit.  u.  german.  21.  57.  imd 
Brugman  Kuhns  zeitschr.  XXIV  88. 

Im  gegensatz  zu  lit.  bü-v'es  =  griech:  Tce-(pv'{F)i6g  hat 
das  slavische  in  dem  nom:  sing,  abulg.  by-vu  den  reflex  der 
wurzelstärkeren  sanskritform  ba-bliü-van.  Zu  by-vü  das  femi- 
nin und  die  mit  ihm  von  der  gleichen  Stammform  gebildeten 
obliquen  casus  aller  genera  (masc.-neutr.  gen.  sing,  byvusa, 
dat.  sing,  byvüsu  u.  s.  w.)  haben  das  y  des  nöm.  sing,  masc.- 
neutr.  by-vü  angenommen:  abulg.  byvnsij  für  älteres  "^büv-us-i 
=  lit.  buv-us-ij  griech.  7ce-cpv{fyvla.  Anders  bei  wurzeln 
auf  -/-  im  slavischen.  Das  abulg.  zi-vU  *^gelebt  habend'  ist 
=  sanskr.  ved.  ji-gi-van  'gesiegt  habend',  vergl.  s.  72  f.  So 
dürfen  wir  auch  das  abulg.  pi-vu  "^getrunken  habend'  gleich 
einem  sanskr.  ^pi-pi-van  'geschwollen  seiend'  (vergl.  s.  41  ff.) 
zu  setzen  und  zur  zwillingsform.  des  historischen  ved.  pi-pi- 
-vä'n  zu  machen  keinen  anstand  nehmen.  Setzen  wir  nun 
bei  abulg.  ii-vü^  pi-vü  eine  flexion  voraus,  bei  der  sich, 
ganz  wie  bei  ved.  ji-gi-van  und  ji-gy-üsh-e  ji-giy-üsh-as ,  bi- 
-bhi-vän  und  bi-bhy-üsh-i^  nebentonige  anteconsonantische  mit 
tonloser  antesonantischer  tiefstufenform  der  wurzel  gepaart 
hatte,  so  führt  uns  das  auf  ein'  einstiges  paradigma  mit  abulg. 
zi-vüj  pi-vü j  fem.  *^-is-/,  *plj-is-i  aus  *zj-üs-ij  '^pj-üs-i. 
Dass  ein  solches  ehemals  bestanden  habe,  darauf  deutet 
doch  wol  die  flexion  dieser  participia  bei  abgeleiteten  verben 


—     379     — 

auf  -i'ti  wie  chvali-ti  '^loben'  hin,  welche  letzteren  ja  über- 
haupt nur  in  nachahmung  der  wurzelverba  wie  z4-ti^  fi-ti, 
bi-tij  li-ti  zu  dem  besitz  dieser  ganzen  participbildung  ge- 
kommen sind.  Schon  Brugman  Kuhns  zeitschr.  XXIV  86  f. 
beschreibt  ganz  richtig,  wenn  auch  mit  hinterdrein  geäusser- 
ten zweifeln,  dass  die  sache  sich  noch  anders  verhalten 
möchte,  unter  hinweis  eben  auf  sanskr.  bi-bhy-üsh-as ^  bi- 
bhj-nsh-i  den  gang  der  ausgleichenden  neubildungen  von  ur- 
sprünglichem chvali-t)üj  chvalj'is-i  zu  chvali-vü  chvalwüs-i 
einerseits  und  ckvalß  chvalj-u-t  anderseits.  Für  beide  ent- 
wickelungen  war  das  muster  pek-ü  aus  *pek-vu  neben  pek-ns-i\ 
und  nach  diesem  müssen  sich  auch  in  der  ersteren  richtung 
jene  zi-vü  *B-is-ij  pi-vu  ^^plj-is-i  zu  zi-vu  ^sivils-ij  pi-vü 
pivus-i  ausgeglichen  haben;  allenfalls  freilich  auch  zi-vü, 
pi-vü  mit  iem,*zi/-u-i  (==  lit.  g)j-us-i)j  '^pij-is-i  aus  ^zif-is-i, 
"^py-u-i  (über  abulg.  ?y  aus  tj  sieh  s.  14.  und  unten  s.  386.), 
d.  i.  mit  masculin  und  feminin  von  gleichstufiger  (nebentonig- 
tiefstufiger)  wurzelform.  Da  wir,  wie  lit.  gy-es-,  rfj-es  auf 
"^gif-vesj  *rt/-vesj  so  vdlges  (zunächst  "Hus  ^vdlgies)  auf  ^val- 
gy-ves  zurückbringen,  welchen  Standpunkt  das  altpreussische 
mit  klantl-wuns  von  klantl-t  *^fluchen\  att-ski-wiins  von  "^et- 
-skt-t  ""aufstehen"*  {et-skisei  ""du  stehst  auf)  tatsächlich  noch 
inne  hält,  so  dürfen  wir  glauben,  mit  der  gleichen  flexion 
von  lit.  *valgi/-vesj  gen.  sing,  välgi-us-io,  fem.  välgi-us-i  und 
abulg.  chvali-vü  j  gen.  sing.  chvalj-\s-a,  fem.  chvalj-ts-i  auf 
ein  ur-slavobaltisches  paradigma  zu  kommen,  also  auch  den 
tibergang  des  particips  perf.  act.  mit  indog.  -u^s,  -usi  von 
den  Wurzelverben  auf  lit.  -y-ti,  slav.  -i-ti  auf  abgeleitete  mit 
demselben  infinitivausgange  für  eine  gemeinsame  neuerung 
in  slavo-baltischer  zeit  halten.  Und  von  da  weiterhin  -auch 
den  Übergang  an  abgeleitete  verba  überhaupt,  nach  apreuss. 
tayko-imns  von  tayku-t  ""schaffen,  machen',   abulg.  dela-vü. 


—     380     — 

zele-vu  von  dela-ti^  zele-iil  Auch  nahm  das  slavische  hier 
seine  veranlassung,  selbst  bei  wurzelverben  den  „infinitiv- 
stamm wuchern"  zu  lassen,  wie  in  abulg.  plu-vu,  pe-vü  von 
plu-ti  "^schiffen',  pe-ti  *^singen^,  in  dä-vii  von  c/ä-ti  *^geben' 
gegenüber  älter  vocalisiertem  lit.  dd-ves  (Brugman  Kuhns 
zeitschr.  XXIV  87.). 

Im  vedischen  sanskrit  entspricht  er  den  nebentonigen 
tiefstufenformen  tu'  (s.  268  flf.),  nu  (s.  272  ff.  351  f.),  wenn  vor 
vocalen  tv^  nv  als  volle  silbe,  d.  i.  dann  als  tüv,  hüv  gelesen 
werden  müssen.  Ebendarauf  beruht  der  Wechsel  von  ved. 
tuv-dm  und  tv-dm  *^du^,  tuväy  tuvam  und  tväy  iväm  'dich\ 
tuväd  und  ivdd  abl.  ""von  dir^,  den  das  iranische  auch  laut- 
lich vergröbert  darstellt  in  avest.  tvern^  tvärrty  tvat  d.  i.  tuveniy 
tuväm^  tuvafj  apers.  fuvam  (eventuell  aber  fuvm  =  avest. 
tum  nach  s.  271  f.)  neben  avest.  thwdy  thivämy  thivatj  apers. 
thvä7n ;  vergl.*  Hübschmann  Kuhns  zeitschr.  XXIV  365.  366., 
Bartholomae  d.  gäthäs  u.  heil,  gebete  94.  95.  anm.  So  stufen 
sich  auch  die  praefixe  und  partikeln  ved.  hit/  und  Äy,  mi/ 
und  ni/,  viy  und  vy^  iiv  und  v,  siiv  und  sv  in  derselben  weise 
ab  wie  vor  consonanten  ved.  hi ,  avest.  zi,  abulg.  zi  mit 
sanskr.  hi^  avest.  zi^  griech.  -yX  (s.  239  ff.),  sanskr.  avest.  niy 
griech.  vi-  mit  sanskr.  a^est.  apers.  german.  ni  (s.  222  ff.), 
sanskr.  avest.  vi^  lat.  Vi-  mit  sanskr.  avest.  german.  vi{^.  247.), 
wie  ved.  avest.  ü  mit  sanskr.  avest.  ii,  griech.  -v  (s.  252  ff.), 
sanskr.  ved.  nachved.  sü^  avest.  hü  mit  sanskr.  su^  avest.  huy 
altir.  SU-  so-  (vergl.  s.  251.,  wo  noch  aus  dem  Petersb. 
wörterb.  VII  1162..  sü-tta-  Vol  gegeben'  nachzutragen  ist, 
das  grammatiker  für  su-dalta-  kennen,  wie  ni-tta-y  vi-tla-y 
pari-tta-  für  ni-datta-  u.  s.  w.,  und  das  also  die  stärkere  form 
sü-  .auch  für  das  classische  sanskrit  erweist).  Geschrieben 
haben  die  überlieferten  vedatexte  die  dem  sü-  entsprechende 
form  suv-  in  dem  wertvollen  suv-itd-  adj.  'gangbar,  glücklich 


I 


—    381     — 

fahrend',  n.  'guter  fortgang,  glückliclie  fahrt,  wolergehen, 
glück "*,  dem  oppositum  von  dur-itä-  (Benfey  sämav.  gioss. 
198  b.,  Böhtlingk-Roth  Petersb.  wörterb.  VII  1130.,  Grass- 
mann wörterb.  z.  rgv.  1551.);  zu  der  väjas.-samh.  V  5.  be- 
legten zwillingsform  sv-itä-  (Petersb.  wörterb.  VII  1477.)  ver- 
hält sich  suv-itä'j  wie  zu  su-mäya-^  su-yävasa-  ved.  sü-maya-^ 
su-yävasa-.  Bei  der  composition  mit  demselben  praefix  indog. 
SU-  hat  das  avesta  die  form  hü-  vor  consonant  nur  zweimal, 
in  hü-hereta-  Vol  gemacht,  wol  gebahnt'  ys.  XXXIV  13. 
und  hü-sKnathra-  ädj.  ""gut  waschend'  ys.  XXXVIll  9.  (vergl. 
s.  251.),  dazu  einmal  misbräuchlich  vor  sonarit  in  hü-isKti-  f. 
'verlangen,  wünsch';  sonst  stets  vor  consonanten  das  schwächst- 
stufige  hu-.  Aber  constant  setzte  dieselbe  spräche  das  mit  hü- 
correspondierende  huv-  vor  vocalen  in  hv-ahhvi-j  hv-azäna-j 
hv-anta-j  ho-apaiih-j  hv-ascva-y  hv-asta-,  hv-aspa-,  hv-älw- 
yasta-j  hv-äsäta-j  hv-äzä?'a-,  hv-äpa^  hv-äpuo  y  welche  sämt- 
lich anderenfalles  mit  g-  =  indog.  su-  anlauten  würden; 
vergl,  Hübschmann  Kuhns  zeitschr.  XXIV  366.,  Bartholomae 
d.  gäthäs  u.  heil,  gebete  94.  So  verhalF  auch  hier  das  Inter- 
esse der  etymologischen  deutlichkeit  der  form  zur  alleinherr- 
schaft,  welche  die  weniger  von  den  lautgesetzen  entstellte 
und  dem  chiastisch  gegenüberstehenden  (tonlos- tiefstufigen) 
pendant  vor  consonanten  {hu-)  äusserlich  ähnlichere  war. 

Selbstverständlich  will  ich  auch  die  vor  sonanten  ge- 
schriebenen formen  sanskr.  äty^  ädhy^  änty^  äpy^  abhi/,  päry, 
präty^  yädy^  änv^  wo  dieselben  im  veda  zweisilbig  zu  lesen 
sind,  als  dliyj  ddhiy  u.  s.  w.,  d?iuv  aufgefasst  wissen  und  für 
die  pendants  der  anteconsonantischen  formen  mit  -z,  -ü,  mögen 
die  letzteren  im  sanskrit  selbst  belegt  sein  oder  nicht,  aus- 
geben; vergl.  s.  222.  224  f.  225  flf.  227  if.  245  f  248  flf.  Ja 
ich  glaube  diese  betrachtungsweise  auch  auf  das  altgrie- 
chische ausdehnen  oder,  besser  ausgedrückt,  dem  griechi- 


—     382     — 

sehen  reste  dieses  vom  vedischen  sanskrit  so  wol  conser- 
vierten  gebrauches  indogermanischer  satzdoubletten  vindi- 
cieren  zu  sollen.  Das  ist  ja  sicher,  dass  die  homerische 
spräche  in  eiv  und  mtelg  aus  *eviy  *v7ceQl  formen  hat  wie 
jene  sanskritischen  auf  (nicht  silbebildendes  d.  i.  nicht  als 
'ly  zu  lesendes)  -y.  Beide,  elv  und  vTteiQj  kommen  tatsäch- 
lich nur  vor  sonanten  vor:  in  eiv  LiQi(.iOLq  (IL  B  783.),  eiv 
hl  ölfpQO)  (IL  E  160.  609.  ^  103.  127.),  negya/no)  eiv  leqfj 
(IL  £446.),  dv  ayoQjj  (IL  Jf  382.  414.  /  13.  JT387.  :^  274. 
497.  T  88.  Od.  y  127.  epigi\  XIII  4.  XIV  5.  ed.  Baumeister), 
eiv  !dtöao  (IL-X52.389.  ^19.  103.  179.  Od.  ö  %U,  /211. 
0  350.  V  208.  to  204.  264.),  eiv  ^^löog  (IL  Q  593.),  eiv  all 
(Od.  «162.  ri  244.  i  25.  hymn.  ApolL  Del.  38.),  eiv  "id-a-Äj) 
(Od.  ß  256.  V  135.  X  30.  \p  122.),  eiv  vöan  (Od.  l  392.),  eiv 
eleoloiv  (Od.  ^32.);  in  vTtelq  cda  (IL  '^227.  ß  14.  Od.  ö  172. 
L  254.  hy.mn.  ApolL  Pyth.  276.),  vTceiQ-exto  und  seinen  ab- 
leitungen  v7telQ-oxog  'YTceiQ-oxlörjv  (IL  ^  673.),  vTceig-ißalov 
(IL  ^  637.).  mceiQ  also  ==  sanskr.  updry ,  während  *  vTteqi 
=  upäiH  daneben  verloren  ist.  Dann  folgt  aus  TleiQL-d-oog 
nach  Potts,  deutung  etymol.  forsch.  P  485.  (vergl.  auch  Curtius 
grundz.^  274.)  allerdings  indirect  ein  '^7ceLQ  =  sanskr.  pdry. 
Wie  nemlich  das  von  Gust.  Meyer  griech.  gramm.  §  109. 
s.  107.  nicht  richtig  beurteilte  bei  Horher  fünfmalige  eivi  in 
eivl  d-Qovii)  (IL  0  199.  O  150.),  eivl  ^vQrjOL  (Od.  l  417.  x  310. 
l^i  256.)  für  eine  contaminationsbildung  aus  der  anteconso- 
nantischen  form  evl  und  der  antesonantischen  eiv  =  *  evi  zu 
halten  ist,  so  entsprang  auch  7ceiQi-  in  neiQi-d-oog  durch 
die  mischung  von  Jteqi  und  "^ueLQ  =  ^TceqL  Dann  ist  wol 
auch  Ttqog  so  mit  fcgorl,  sanskr.  prdti  zu  vereinigen,  dass 
man  jenes  genau  dem  einsilbigen  sanskr.  präty  gleichsetzt: 
^TtqoTi  vor  sonant  ergab  regulär  "^Jtqooö  (vergl.  auch  TtQoooco 
Ttqoöo)  aus  *7r^oT/w),  woraus  verselbständigt  Ttqogy  das  dann 


f 


—     383     — 

seiner  ursprünglichen  bestimmung  zuwider  auch  vor  conso- 
nanten  in  anwendung  kam*)-  Nach  diesen  indicien  nun, 
meine  ich,  dürfen  wir  weiter  gehen  und  vermuten,  dass  da, 
wo  im  griechischen  bei  engerer  Verbindung  durch  compo- 
sition  sowie  pro-  oder  enklise  ein  -c,  -v  am  auslaut  des 
ersten  gliedes  oder  Wortes  vor  nachfolgendem  vocal  „uneli- 
diert"  vorliegt,  es  sich  eigentlich  um  -^/,  -vß  handelt  und 
um  die  nebentonige,  in  der  Stellung  vor  consonanten  durch 
indog.  -?,  -ü  dargestellte  tiefstufenform.  So  z.  b.  in  homer. 
avrt-dveiQa  mit  avrä-  =  lat.  anti-  in  anü-quo-s  (s.  224.); 
in  STtc-aX/iisvog  (IL  H  15.  Od.  co  320.),  7C€qI-€i^il  (Od.  g  248. 
2:326.),  TCQorL-oooofiai  (IL  X  356.  Od.  «389.  rj  U,  §219. 
i/;  365.).  Wenn  nach  bekannter  regel  griech.  tvsqI  vor  dem 
augment  nie  seinen  endvocal  elidiert,  so  ist  eben  nicht  vier- 
silbiges jceQi-ecpeqov  mit  dreisilbigem  sanskr.  jmry-abharam 
laut  für  laut  identisch,  sondern  beide  differieren  in  dem- 
selben grade  wie  im  sanskrit  pari-ndh-^  pari-kshit-  .von  den 
nebenformen  pari-nah-^  parn-kshit-  u.  dergl.  (s.  245  f.),  wie 
abulg.  proti  von  sanskr.  prdti\  griech.  7cqotT.  Aber  TtQooip)- 
'kpeqov  ist  genau  =^. sanskr.  praty-abhai'am ,  und  so  würde 
auch  nur  ein  "^  jceiQ-e-cpeqov  unmittelbar  dem  parif-abharam 
gleich  stehen.  So  haben  auch  ßtoTi-aveLqa,  ywöi-dveiga  und 
TTolv-aivog  Tcokv-avd^rjg  j  sowie  Höql  IotL,  (.lid^v  IotI  streng 
genommen  nicht  die  stufe  von  Ttaf-i-ßcoTi  voc.  sing,  in  rcaf^i- 
(SwtX  rä  (Sophocl.  Philoct.  391.),  jcol^-öwQog  jcoXv-ßevd-rjgj 
von  XöqT^  t€j  ^tsd^v  T€,  sondern  diejenige  von  homer.  jtöll-g 

1)  Sanskr.  präü  Hess  ich  morphol.  unters.  I  210.  anm.,  um  das  ä 
in  offener  silbe  =  griech.  o  zu  erklären,  unter  dem  einflusse  von  prä 
stehen.  Jetzt  scheint  mir,  da  auch  die  oben  s.  303.  anm.^  zugelassene 
einschränkung  des  gesetzes  über  arisches  ä  und  ä  =  indog.  o  dem  präti 
nicht  hilft,  noch  eher  annehmbar  zu  sein,  dass  das  lautgesetzlich  kurze  a 
der  antesonantischen  seitenform  präty  =  griech.  nqoi  auf  prdti  statt 
"^präti  =  griech.  TtqoxC  übertragen  worden  sei. 


—     384     — 

nom. ,  n:6lL-v,  iurjTl-Vj  ^cq/j^-Vj  oT-v,  ^ovqT-v,  xaQi-v  acc, 
G€tT  voc,  'TtoXv-g^  ve'/ü-gj  ögv-g  (und  nachhomer.  ÖQi-itw-gj 
ÖQv-TOf-io-g  neben  homer.  ÖQv-f.iaj  ÖQv-TÖino-gy  nachhomer. 
ÖQv-xoXccTtTrj-gy  dQv-jteTtrig^  dgv-cpay.ro-g  und  neben  sanskr. 
drii-  m.  n.,  dru-md-Sj  dru-ghand-s^  dim-padd-mj  diui-shdd-^  abulg. 
drü-kolilj  drä-koli)  nom.,  vsy.v-Vj  ßagv-Vy  iS-u-Vj  ßQw-Tv-Vy 
yJÜTv-v  acc.  und  von  anderen  ähnlichen  formen  mit  suffixalem 
-T-j  -V-  statt  -T-,  -V-  bei  und  nach  Homer  (Gust.  Meyer 
griech.  gramm.  §  317.  s.  272.  §  319.  s.  273  f.  §  329.  s.  2S1  f. 
§  336.  s.  286.),  sowie  von  loyv-qö-g,  o'i^-Qo-g  (oben  s.  154.), 
ja  auch  von  den  heteroklitisch  gewordeneu  azTi-g,  'Elevoi-g^ 
eQf.u-gf  qriyiu-gj  oTa/ni-g  nom.  sing,  (vergl.  s.  236.  anm.), 
endlich  ausserhalb  des  griechischen  von  sanskr.  ved.  /;?/;'w', 
u?'Uj  vdsü  neutr.  sing,  und  plur.,  purü-idma-  superl.,  put^ü- 
-rdvas-y  purü-?'iic-,  purü-i'dsu-y  von  avest.  asti-jn^  ähüiri-vi  acc. 
sing,  masc,  dvaidt  neutr.  sing.,  ahü-m^  nasü-my  vohü-in  acc. 
sing,  masc,  vohü  neutr.  sing.,  von  lat.  <yßw?7,  cornü,  ve?'ü 
nom. -acc.  sing,  neutr.  (Neue  formenl.  d.  lat.  spr.  P  345., 
Bücheier -Wind  ekilde  grundr.  d.  lat.  declin.  §  40.  s.  19.).  Für 
schon  indogermanisches  schwanken  desausganges  der  neutra 
auf  -ü  und  -ü  spricht  sich  bereits  auch  Mahlow  d.  lang.  voc. 
AEO  73.  156.  aus*).  Dass  die  Griechen  statt  oder  neben 
f.dd'viF)  IgtL  einst  auch  "^(.ild^F  Ion  gesprochen  haben  wie 
die  Inder  mddhv  asii,  darf  nach  elvj  vTteiQ,  *7t€iQj  jcgog  ge- 
trost vermutet  werden.  Sie  fühlten  natürlich  in  fiid^v  eorij 
TceQi-kpeQov  das  -t»,  -I  ebenso  wenig  verschieden  von  dem 
in  i-ieS-T)  tovtOj  TtEQi-cpeQio^  wie  sie  eine  ahnung  haben  konn- 
ten von  dem  gradunterschiede  der  gleich  lautenden  wurzel- 
vocale  in  v-ög  und  v-oL^  X-äoi  und   "i-f^iev  \-tb^  Tte-cpv-vla 


1)  Doch  nicht  ohne  die  für  die  metrik  interessante  entdeckung 
eines  yXäcpv  in  Hesiod.  op.  et  di.  533.  xat  ^'^«991;  Tcejqrjevl 


I 


I 


—    385     — 

und  7t€-(pv-ojg  (s.  856  ff.  363.  376  f.).  Die  berechtigung  unserer 
auffassung  aber  dürfte  besonders  aus  solchen  erscheinungen 
der  homerischen  spräche  erhellen,  wie  dass  IL  i2  18.  h  ytovt 
€KTavvoagj  Od.  l  191.  €v  'aovl  ay/^i  Ttvgog  die  kürze  -7  vor 
folgendem  sonanten  unbestreitbar  das  aequivalent  einer  länge 
-7  vor  consonant  ist^);  hier  ist  in  einer  den  indischen  sandhi- 
gesetzen  gemässen  weise  eigentlich  ^xovä  eKtarvaag^  ^-/Mvii 
ayii  mit  „Spaltung  von  -«"  zu  sehen ^). 

Die  lautverbindungen  l2-,  nu-  vor  sonanten  haben  ur- 
sprünglich in  indogermanischer  zeit  nur  da  bestanden,  wo 


1)  Freilich  möchte  ich  die  dativbildung  von  xor7,  nbll,,  fiaarJ,  welche 
durch  die  verschiedenen  griechischen  dialekte  genügend  verbreitet  ist, 
um  als  ehemals  panhellenisuh  gelten  zu  können  (vergl.  Gust.  Meyer  griech. 
gramm.  §  346.  s.  294  f.),  nicht  mehr  in  der  hergebrachten  weise  als  locativ- 
bildung  mit  griechischer  contraction  von  -i  -i  gedeutet  wissen.  Ich  sehe 
hier  jetzt  lieber  die  griechischen  repraesentanten  des  alten  Instrumen- 
talis sing,  der '-^/-Stämme  mit  der  endung  indog.  -J.  Vergl.  über  das 
wesen  dieser  formation  und  ihre  im  indo  -  iranischen,  keltischen,  germa- 
nischen nachgewiesene  Vertretung  verf.  morphol.  unters.  II  139  f.  IV  230., 
von  Bahder  verbalabstr.  19 f.  Somit  würde  auch  Windisch'  zweifei,  ob 
man  mit  den  altirischen  singulardativen  fäith,  süil,  muir  für  vorhist. 
*väti,  *snlT,  *?}iori  den  vedischen  instrumental  7iiatT  oder  griechisches 
TioXl  ZU  vergleichen  habe  (Paul-Braunes  beitr.  IV  239  f.),  gegenstandlos 
werden. 

2)  Die  von  Hartel  in  seinen  homer.  stud.  III  (Wiener  Sitzungs- 
berichte d.  königl.-kaiserl.  akad.  d.  wissensch.  philos.-histor.  cl.  jahrg. 
1874.  s.  7  ff.)  sehr  scharfsinnig  begründete  theorie,  wornach  man  xai 
alXoi,  sv^^T^cii  eivai,  fiol  ewens  u.  dergl.  bei  Homer  zu  lesen  hat  (vergl. 
auch  Gust.  Meyer  griech.  gramm.  §  151.  s.  143.),  dürfte  durch  die  obigen 
bemerkungen  eine  weitere  stütze  erhalten.  Ohne  die  annähme  einer  im 
anschluss  an  jene  fälle  wie  xcihi  ixravvaas,  >c6v1i  äyxi,  xc^i  aXXoi  aus- 
gebildeten kunstregel  des  epischen  gesanges  wird  man  freilich  doch  nicht 
wol  auskommen.  Die  letztere  ergänzung  braucht  man,  um  z.  b.  die 
metrische  Verkürzung  des  -ov  des  gen.  sing,  der  ö- stamme  vor  sonanten 
erklären  zu  können,  bei  welchem  seiner  genesis  gemäss  ein  recurs  auf 
die  ausspräche  -ovl  {-oß)  nicht  statthaft  ist. 

Osthoff  u,  Brugman  untersuch.  IV.  ,  25 


—     386    — 

das  letzte  element  derselben,  -/-,  -w-,  der  anlaut  einer  stamm- 
oder  wortbildungssilbe  war,  wie  z.  b.  in  jod-praesentien  mit 
-i-/-  (s.  12  ff.  15.  362.),  in  participien  perf.  act.  auf  -ü-ii6s 
(s.  364.  376  ff.).  Wo  anstatt  der  aus  einer  und  derselben 
„  zelle "  entwickelten  indog.  ? /-,  u  u  -  (um  mich  eines  de  Saus- 
sure'schen  terminus  zu  bedienen)  oder  statt  /-,  ii-  in  einer 
einzelnen  spräche  li-j  üu-  erscheinen,  ist  dies  entweder  laut- 
gesetzliche oder  associative  neubildung  der  einzelsprache. 
Lautgesetzliche  z.  b.,  wenn  im  slavischen  {/-  zu  //'-  (=  u'-) 
wird,  wenn  hier  vor  dem  participialsuffix  -enii  (vergl.  s.  372  f.) 
die  Verbalstämme  auf  -/-  -?j-  haben  statt  der  „  Spaltung  in 
-y-":  abulg.  ^//'-e/iu 'geschlagen^*  von  bi-tf\  wofür  die  älteren 
quellen  noch  häufiger  die  etymologische  Schreibung  b\j-enü 
bieten.  Vergl.  Leskien  handb.  d.  altbulg.  spr.  §  21.  s.  12. 
§  24.  anm.  s.  15  f.  §  81.  anm.  3.  s.  60.  Aber  viel  häufiger 
entstehen  die  gruppen  iz-,  ?7?/-  durch  formübertragungen. 

Ich  hatte  schon  s.  293.  gelegenheit  zu  erwähnen,  dass 
und  woher  die  optativform  ved.  duh-iy-dn  in  folge  von  asso- 
ciativer  neubildung  das  -iy-  statt  -iy-  oder  -y-  habe.  Es 
ist  bemerkenswert,  däss  die  3.  plur.  act.  sanskr.  dvish-y-ury 
die  einzige  activform,  welche  den  schwachen  stamm  des 
Optativs  beibehält,  zugleich  die  lautgesetzlichste  in  bezug  auf 
die  gestaltung  des  optativelementes  vor  sonantisch  anlauten- 
dem personalsuffixe  ist.  Indem  sich  -yä-  vom  Singular  act. 
aus  über  die  dual-  und  pluralformen  des  activs,  deren  per- 
sonalendungen  mit  consonant  beginnen,  ausbreitete  {dvish- 
-yä-va ,  dvish-yä-tam  u.  s.  w.) ,  wurde  dvish-y-ur  von  dieser 
Seite  her  isoliert,  da  vor  dem  -wr  das  -yä-  nicht  wol  auf- 
kommen konnte  wie  vor  consonanten.  Dem  banne  der  medial- 
formen mit  -2-,  dvish-i-thäs  j  dvish-t-ta,  dvish-i-vahij  dvish-i- 
-mahij  dvish-i-dhvam^  dvish-t-ran^  nach  denen  die  auch  me- 
dialen 1.  sing.  *  dvj'sk-y-a  j  2.  dual.  *  dvtsk-y-äthäm  ^   3.  dual. 


I 


I 


I 


—     387     — 

"^dvish-ij-alam  sich  in  (lvishu/-a  u.  s.  w.  umänderten,  war 
aber  ^A'zVÄ-?/-z/r  eben  als  activische  form  entrückt:  durch  eine 
eventuelle  Umwandlung  m  "^dvish-iy-w  nach  dem  medium 
hätte  es  ja  die  allen  activformen  gemeinsame  und  darum 
für  das  activ  nachgerade  charakteristische  wortbasis  dvisJuj- 
aufgegeben.  In  dem  -//-  von  s-y-iir^  dvish-y-iir  liegt  auch, 
da  es  der  correspondent  von  -^,  nicht  von  -~i-  ist,  der  be- 
weis, dass  das  lange  sanskr.  avest.  -i-  im  schwachen  optativ- 
stamme der  /«/-conjugation,  lat.  -f-  von  s-i-mus  s-i-tis^  vel-T- 
-miis  vel-i-tü'j  slav.  -?-  in  abulg.  jad-i-mü  jad-i-te  jad-i-ve 
jad-i-tej  ved-i-mü  u.  s.  w.,  dad-i-mü  u.  s.  w/),  got.  -ei-  von 
vii-ei-ts  vil-ei-ma  vil-ei-p  ^    ber-ei-ina  bet^-el-p  trotz  alledem 

1)  Die  zugehörige  2.  3.  sing,  imper.  abulg.  Jazdt,  vezdX,  dazdX  hat 
auch  Joh.  Schmidt  Kuhns  zeitschr.  XXIV  305.  nicht  aufzuklären  ver- 
mocht; hoffentlich  traf  ich  jüngst  das  richtige  literaturbl.  f.  german.  u. 
roman.  philol.  1881.  nr.  8.  Von  den  ausser /öfz^T ,  vezd'i,  dazd^  nach 
Miklosich  vergl.  gramm.  III  91  f.  im  slavischen  noch  vorhandenen  Opta- 
tiven gleicher  art  dürfte  wol  vizdl,  'sieh'  noch  näher  als  i^czd^  'wisse', 
da  ja  der  vocahsmus  der  Stammsilbe  von  uHr/T,  Jazd^,  dazd^  nicht  laut- 
gesetzlich verjüngt  ist,  an  die  Imperativform  sanskr.  vid-dhi,  griech.  ^la-d-i. 
herankommen,  nemlich  nach  abzug  des  aus  *vizda  opt.  (oder  *vlzde, 
wenn  nicht  abulg.  Ja  =  indog.  ic)  =  avest.  ^v'idi/äo  (vergl.  3.  sing.  vuJyät 
oben  s.  62.)  entnommenen  -zd-  als  deren  alte  bereits  s.  58.  geheischte 
Zwillingsform  slav.  *mr/lf==f  indog.  uid-dhi.  Abulg.  cliosli  'wolle'  und 
'du  willst'  aber  (daneben  häufigeres  chosti  nach  heri,  wie  auch  vizdi 
neben  vizd^)  und  moz^  'du  kannst',  welches  Mahlow  d.  lang.  voc.  AEO 
166.  treffend  mit  der  m/- conjugation  des  got.  mag,  opt,  mag] au,  mageis 
zusammenbringt,  entstanden  wol  so,  dass  die  alten  Potentialen  *chosta, 
*?noza  zur  zeit  des  kampfes  zwischen  *JazcIa  und  dem  neuen  misch- 
gebilde  JazdX  auch  ihrerseits  nach  der  analogie  des  letzteren  ihr  -a  in  -T 
umwandelten.  Ob  hiernach  einige  herren  (vergl.  Collitz  anzeig.  f.  deutsch, 
altert.  V  344 ff. ,  Mahlow  d.  lang.  voc.  AEO  88.)  fortfahren  werden,  aus 
denjazd'^,  vczd^,  dazd1  capital  zu  rückschlüssen  auf  andere  gewalt- 
same auslautsverkürzungen  des  slavischen  zu  machen  und  klares  (z.  b. 
dass  der  gen.  pluc  vlukti,  konji.  nicht  den  ausgang  -am  gehabt  haben 
kann)  in  beliebter  weise  durch  noch  dunkles  zu  verwirren,  mag  uns  die 
zeit  lehren. 

25* 


—    388     — 

auch  nur  auf  einer  zwischen  indogermanischen  doppelformen 
mit  -i-  und  -i-  vpllzogenen  auswahl  beruht.  Dass  die  end- 
giltige  entscheidung  zu  gunsten  der  -7-formen  noch  nicht  in 
grundsprachlicher  zeit  fiel,  dafür  bürgen  einige  tiberlieferte 
avestische  optativformen  mit  -i- :  2.  sing.  med.  äh-i-sHa  von  äh- 
'^sitzen''  ys.  LXVII  28.  yt.  X  32.,  fra-mw-i-sKa  von  fra-mru- 
*^sprechen'  yt.  X  119.  Femer  lit.  -i-  in  plur.  suktum-h-i-me^ 
'b-i-te^  dual,  -b-i-va,  -b-i-ta^  d.  i.  Zusammensetzungen  mit 
dem  opt.  aor.  der  wurzel  bheu-  von  tonlos-tiefstufiger  wurzel- 
form (b-i-me^  b-i-te  aus  "^bv-i-me^  ^bv-i-te).  Ob  in  griech. 
6-l-TOV  e-lL-TTjv  €-l-jii€v  €-l-T€  j  lu  do-1-f.irjv  j  cfa-l-o,  d^e-l-TO 
und  allen  dergleichen  ursprünglich  kurzes  oder  langes  -i- 
contrahiert  sei,  weiss  bekanntlich  niemand  zu  entscheiden; 
warum  sollte  nicht  ein  y.ad^-fro  (Curtius  verb.  d.  griech.  spr. 
IP  107.)  ebenso  gut  einem  avest.  ^äh-i-ta  gleichstehen  wie 
dem  sanskr.  äs-i-ta?- 

Die  3.  plur.  aor.  ved.  ä-bküv-an,  so  ursprünglich  wegen 
ihrer  personalendung  (sieh  s.  54  f.  298.),  ist,  wie  auch  die 
nachvedische  1.  sing.  a-bhüv-aiTij  dies  nicht  in  betreff  der 
wurzelform,  die  ü  durch  ausgleichung  mit  den  anderen  per- 
sonen  des  duals  und  plurals  bekommen  hat;  vergl.  s.  15. 
anm.  54  f.  57.  Ähnliches  gilt  von  dem  -Hv-  des  perfects 
ba-bküv-ttj  wie  ich  oben  s.  68.  69.  schon  andeutete.  Zuerst 
werden  die  formen  des  duals  und  plurals  und  des  particips 
mit  -UV-  vor  sonantisch  anlautenden  Suffixen  (s.  363  f.  376  ff.) 
von  anderen  auch  wurzelschwachen  formen  des  verbs  oder 
des  perfectstammes  selbst,  denen  -ü-  vor  consonanten  eignete, 
die  vocallänge  angenommen  haben,  z.h.^ba-bhuv-ür^  partic. 
fem.  *  ba-bhuv-üsh'i  von  dem  opt.  perf.  ved.  ba-bhü-t/ä-s,  ba- 
'bhü-yä-t,  dem  partic.  masc.  ved.  ba-bhü-van]  doch  auch 
selbst  ä-bhü-tam ,  ä-bhü-tam ,  d-bhü-ma ,  ä-bhü-ta  im  aorist 
konnten  mitwirken  zur  neuschöpfung  der  perfectischen  ba- 


p 


I 


—    389    — 

'bhüv'i/rj  ba-bküv-üsh-i  (rgv.  I  164,  41.)  mit  ü.  Als  bildung 
Dach  dem  masculinen  ba-bhü-van  ist  ba-bhüv-ush-i  ganz  dem 
abulg.  byV'US'i  statt  *bnv-ns-i  nach  bi/-vü  gleich;  vergl. 
s.  378.  Nach  diesem  grassieren  des  -üv-  in  den  schwachen 
formen  des  perfectstammes  kam  dann  auch  der  sing.  act.  in 
der  form  sanskr.  ba-bkuv-a  auf  statt  "^ba-bhäv-a  =  avest. 
ba-näv-a  (vend.  V  73.  yt.  XIII  2.),  altir.  böi  ''fuit'  aus  vor- 
histor.  ''(be-)bov-e  (Windisch  Kuhns  zeitschr.  XXIII  242.  und 
bei  Curtius  grundz.  d.  griech.  etyraol.^  305.).  Avest.  ba-väv-a 
sollte  eigentlich  ^ba-wdv-a  lauten;  vermutlich  erhielt  letz- 
teres den  anlaut  ba-v-  durch  die  association  mit  dem  prae- 
sens bav-aiti  Brugmans  anschauung  von  dem  perfect  dieser 
Wurzel  morphol.  unters.  III  51  f.  ist  eine  au  fond  irrig